Chapter 9 of 21 · 4000 words · ~20 min read

Part 9

Zwei andere Unterrichtsassistenten, die unter mir ihre Doktorarbeiten anfertigten, waren die Herren ~Lehnert~ und ~Renouf~. Der erste hat sich später als Angehöriger des Patentamts in Berlin eine einflußreiche Stellung verschafft und der zweite ist Professor an der ~John Hopkins~ Universität in Baltimore geworden. Er war in mancher Beziehung ein Original und durch so große Vergesslichkeit ausgezeichnet, daß ich ihm häufig sagen mußte, welche Präparate in seinen verschiedenen Flaschen und Schalen enthalten seien. Er war einige Jahre älter als ich und mit einer amerikanischen Landsmännin verheiratet, der er alle Sorge um die Behütung der beiden Kinder abnahm, wenn sie Lust bekam, allein einen Ausflug ins Gebirge zu machen. Aber auch er liebte die Berge und hatte einmal das Unglück, bei einer allein unternommenen Besteigung zu stürzen und ein Bein zu brechen. Er blieb 2 Tage dort ohne Hilfe liegen und die Folge war, daß bei der nachträglichen Heilung das Bein eine erhebliche Verkürzung erlitt. Das hat seine Freude am Bergsport aber keineswegs abgekühlt; denn er wurde nun Mitglied des Alpenvereins, schaffte sich Kniehosen an und humpelte eifriger denn je in den Bergen umher.

Zuletzt war auch ~Krüss~, ein Sprosse der bekannten Hamburger Optikerfamilie, in der Abteilung tätig. Er ist ebenso wie ~Zimmermann~ frühzeitig zugrunde gegangen und zwar an einer pernitiösen Anämie, die bei jungen Männern in Deutschland außerordentlich selten vorkommt. Ich vermute deshalb, daß es sich mehr um eine chronische Vergiftung handelte, wahrscheinlich durch Schwefelwasserstoff; denn die Ventilation im Institut ließ zu wünschen übrig und bei der großen Zahl von Praktikanten herrschte in der analytischen Abteilung recht häufig eine schlimme Atmosphäre.

Da an der Universität München nur ein einziges chemisches Institut bestand, so wurde dasselbe nicht allein von Chemikern, sondern noch viel mehr von Apothekern und Medizinern in Anspruch genommen. Das galt namentlich für den anorganischen Teil. Zu meiner Zeit betrug die Zahl der Praktikanten, die allerdings meistens nur halbtägig arbeiteten, in dieser Abteilung etwa 150. Da mir die Aufsicht über das Ganze anvertraut war, so konnte ich dem einzelnen Studierenden immer nur einige Minuten widmen und selbst mit dieser Einschränkung dauerte der Rundgang durch beide Säle etwa zwei Tage. Mein Hauptaugenmerk mußte darauf gerichtet sein, die Assistenten zu einer verständigen Tätigkeit anzuhalten. Außerdem habe ich nicht selten einen größeren Kreis von Studierenden um mich versammelt und ihnen einen kleinen Vortrag gehalten, oder eine Prüfung improvisiert. Besonders die Mediziner waren dafür sehr dankbar. ~Zimmermann~ hat dieses System angenommen und mit großer Geschicklichkeit weiter ausgeführt.

Nur eine kleine Zahl der damaligen Schüler ist mir dauernd im Gedächtnis geblieben. Dazu gehören in erster Linie ~Ludwig Knorr~ und ~Reisenegger~, von denen noch die Rede sein wird, dann ein Herr ~Ehrensberger~, den ich einige Versuche über die Bestimmung von Arsen in Nahrungsmitteln nach der von mir ausgearbeiteten Methode und über die Bestimmung der Salpetersäure als Stickoxyd anstellen ließ. Der junge Mann hatte durch Verstand, Frische und lebhaftes Interesse für wissenschaftliche Dinge auf mich einen besonders guten Eindruck gemacht, und als er die Absicht kund gab, Gymnasiallehrer zu werden, entgegnete ich ihm lachend: Dafür sei er zu schade, er solle bei der Chemie bleiben, und wenn er zu frühzeitigem Verdienst gezwungen sei, so möge er in die Industrie gehen.

Er ist diesem Rate gefolgt und kam durch Vermittlung eines Onkels in den Dienst der Firma ~Friedrich Krupp~. Hier hat er eine rühmliche Laufbahn gemacht; denn er war später ein sehr einflußreiches Mitglied des Direktoriums und hat wesentlich mit dazu beigetragen, die Stahlfabrikation bei ~Krupp~ zur höchsten Leistungsfähigkeit zu bringen. Als ich ihn 30 Jahre nach der Münchener Studienzeit in Essen besuchte, konnte er mir mit aufrichtigem Stolze einen Teil der Fabrikation und vor allen Dingen das imposante wissenschaftliche Laboratorium für chemische und physikalische Untersuchungen zeigen. Ich war ihm schon vorher bei den Vorbereitungen zur Errichtung einer chemischen Reichsanstalt begegnet, wo er nicht allein sein persönliches, sondern auch das Interesse seiner Firma an der Förderung der wissenschaftlichen Chemie stets betonte. Er selbst hat sich jetzt von der industriellen Arbeit zurückgezogen und will auf seinem Landsitz in Traunstein (Oberbayern) die Muße des Alters für astronomische Beobachtungen benutzen. Als Student kam er eines Tages von einer kleinen Reise nach seinem Heimatsorte Berchtesgaden stark zerschunden in München wieder an, und als ich ihn scherzhaft frug, ob er sich an einer Rauferei beteiligt habe, erwiderte er, daß er beim Blumensuchen mit einer jungen Dame einen nicht ganz ungefährlichen Absturz erlitten habe. Als ich bei der Wiedererneuerung unserer Bekanntschaft mich nach dem Schicksal dieser jungen Dame erkundigte, erwiderte er lachend, sie sei seine Frau geworden und habe ihn mit einer großen Anzahl prächtiger Kinder beschenkt.

Ein anderer Lehramtskandidat, ~G. Brandl~, ersuchte mich um ein Thema für eine kleine Arbeit, die er beim Lehrerexamen einreichen wollte. Da ich damals gerade von dem Professor der Mineralogie zu Bonn ~G. vom Rath~ ersucht worden war, einige von ihm gesammelte Fluormineralien zu analysieren, so ließ ich durch ~Brandl~ das alte ~Wöhler~'sche Verfahren für die Bestimmung des Fluors durch Umwandlung in Siliciumfluorid und dessen Absorption in gewogenen Gefäßen vervollkommnen, und wir konnten dann mit gutem Erfolge die gewünschten Analysen durchführen. Das Resultat ist in einer Abhandlung der bayerischen Akademie der Wissenschaften publiziert. Dieser Herr ~Brandl~ hat mir später, ohne daß ich es wußte, einen wertvollen Gegendienst geleistet, indem er mich dem Führer der ultramontanen Landtagsmehrheit in München Dr. ~Daller~ bestens empfahl und dadurch die Bewilligung eines Neubaues für das chemische Institut zu Würzburg stark beeinflußte.

Auch unter den Medizinern, die ich damals unterrichtete, war einer, der durch Begabung und Interesse für chemische Arbeiten meine besondere Aufmerksamkeit erregte. Er hat sein Verständnis für chemische Probleme später durch eine beachtenswerte Untersuchung über die Mucine bewiesen und ist jetzt der berühmte Professor der inneren Medizin an der Universität München, ~Friedrich Müller~. Für die eigenen Untersuchungen stand mir ein sehr schönes Privatlaboratorium mit Nebenräumen zur Verfügung, in der Größe genau entsprechend den Räumen, die ~Baeyer~ benutzte. Hier habe ich alle freie Zeit, die mir der Unterricht ließ, zugebracht, nicht selten auch die Sonntage, wo man im Winter wegen Stillstand der Zentralheizung tüchtig frieren mußte. Dagegen waren die Abende meistens der Erholung gewidmet; denn wer den ganzen Tag über experimentell tätig gewesen ist, pflegt abends zu müde zu sein, um literarische Studien zu treiben.

Die Stadt und die mit ihr eng verknüpfte Behaglichkeit des Lebens lud auch gebieterisch zu Geselligkeit und lustiger Unterhaltung ein. Eine Zeitlang hatten wir sogar im kleinen Kreise die englische Tischzeit angenommen und speisten als Quartett, d. h. Dr. ~Königs~, Dr. ~Tappeiner~, mein Vetter und ich, in dem als vornehm verschrieenen Restaurant ~Schleich~. Die Gesellschaft außer uns bestand aus zwei serbischen Prinzen und dem Präsidenten der bayerischen Reichsratskammer. Wir wurden wegen dieser Gewohnheit als Protzen angesehen. In Wirklichkeit aber war es eine Maßnahme der Zeitersparung; denn wir blieben den ganzen Tag meistens von morgens 8 Uhr bis 5½ Uhr im Institut, und ich half mir über den Hunger mit einem Butterbrot oder durch vermehrten Tabakgenuß hinweg. Auf die Dauer war aber diese Zeiteinteilung doch zu anstrengend, und wir sind zu der in Deutschland üblichen Mittagsstunde zurückgekehrt. Ja, ich habe diese Gewohnheit sogar in Berlin beibehalten; denn wer mit anstrengender Experimentalarbeit, die meist im Stehen verrichtet wird, Morgens zwischen 8 und 9 Uhr beginnt, hat um 1 oder 2 Uhr das Bedürfnis, eine Ruhepause zu machen, die am besten mit der Hauptmahlzeit verbunden wird. Dann kann man von neuem 4 bis 5 Stunden arbeiten, und das ist nach meiner Erfahrung für den Chemiker die beste Ausnutzung des Tages, da man in der Mittagszeit eine Reihe von Operationen gehen lassen kann, die lange dauern und keine besonders sorgfältige Beaufsichtigung verlangen.

Der Wechsel der Tischzeit brachte für mich auch einen Wechsel der Tischgesellschaft mit sich. In dem Verein der Privatdozenten, der sich von Zeit zu Zeit in behaglichen Zusammenkünften betätigte, hatte ich zahlreiche Vertreter anderer Wissenschaften kennen gelernt und so bin ich zu einer neuen Gesellschaft im Künstlerhause gekommen. Zu ihr gehörten der Philosoph ~Jodl~, der später Professor in Wien war und sich einen guten Ruf in seiner Wissenschaft verschafft hat, dann die beiden Historiker ~Stieve~ und ~von Druffel~, beide Westfalen. Auch diese waren wohl unterrichtete und wissenschaftlich verdiente Männer, deren Anschauungen und Ziele mich in mancher Beziehung interessiert haben. Zudem besaß ~Stieve~ ein wunderbares Talent, humoristische Reden (sogen. Bierreden) in beliebiger Länge zu halten. Sein sarkastischer Witz und seine Neigung, den alten Professoren etwas am Zeuge zu flicken, trugen viel zur Belustigung unseres jungen Kreises bei. Wir waren alle unverheiratet, bis ~Stieve~ sich eines Tages mit einer Bonnerin verlobte und uns dann zuweilen einlud. Durch die beiden Historiker bin ich auch mit der Malerfamilie ~Kaulbach~ in Berührung gekommen, wo es höchst lustig zuging. Als ich mich später in Würzburg verheiratet hatte, war der erste, der auf dem Plan erschien, Freund ~Stieve~, um einmal nach dem Rechten zu sehen, wie er sich ausdrückte. Sie sind jetzt alle drei tot.

Zeitweise habe ich auch, um ganz einfache zuträgliche Nahrung zu bekommen, wieder in einem Bierhaus gegessen, dem sogen. Abentum, wo es gut und billig war, und wo Hunderte von jungen Leuten, besonders viele Künstler, verkehrten. An unserem Tisch war eine kunterbunte Gesellschaft versammelt, Künstler, Gelehrte, Techniker, junge Kaufleute, ja es befand sich sogar ein echter deutscher Prinz darunter. Hier bin ich in nähere Berührung mit zwei Kunstgelehrten gekommen. Der eine war der Privatdozent der Archäologie Dr. ~Julius~. Sein Eifer, die Chemiker in kunstverständige Männer zu verwandeln, steigerte sich soweit, daß er für einen kleinen Kreis von uns in der Glyptothek eine Privatvorlesung hielt. Das hatte sogar praktische Folgen. Ein Künstler, der dazu gehörte, entschloß sich, eine berühmte, aber stark beschädigte Nike zu restaurieren, und ich selbst bin indirekt dadurch mit dem Gipsformator der Museen in Berührung gekommen. Er bat mich um ein Mittel, schwarze Flecke, die spontan beim Aufbewahren seiner Gipsfiguren entstanden, zu beseitigen. Ein Mittel dafür fand ich in der Wirkung des Chlorgases, welches die Flecken, die von Pilzen herrührten, zerstörte, ohne die Figuren sonst zu beschädigen. Der Formator hat das Verfahren im großen Maßstabe angewandt, wozu er sich eine kleine Bude für die Operationen mit dem Chlorgas errichten mußte. Wie lange das Verfahren im Gebrauch geblieben ist oder ob es später von einem besseren ersetzt wurde, vermag ich nicht zu sagen.

Der zweite Kunstgelehrte an dem Biertisch war Dr. ~Dehio~, ein Balte aus Reval. Er ist später durch seine großen und prächtig ausgestatteten Werke über die Geschichte der Architektur ein berühmter Mann geworden, war zuletzt Professor in Straßburg, lebt aber seit einigen Jahren im Ruhestand. Es hat mich sehr gefreut, ihn im letzten Herbst 1917 in Baden-Baden nach langer Pause wiederzusehen und zu erfahren, daß seine Gemahlin eine Schwester von ~Paul Friedländer~ sei. Die kriegerischen Ereignisse im Osten hatten ihn so stark bewegt, daß er sich gerade damit beschäftigte, eine öffentliche Propaganda für die Loslösung des Baltenlandes von Rußland und seinen Anschluß an Deutschland ins Werk zu setzen.

Durch den vielfachen Verkehr mit Künstlern und Kunstgelehrten habe ich mehr und mehr Verständnis für die bildende Kunst gewonnen, und mehrfache Reisen nach Italien waren wohl geeignet, diese Einflüsse zu verstärken. Äußerlich gab sich das kund sowohl bei mir, wie auch bei anderen Mitgliedern unseres chemischen Kreises durch fleißigen Besuch der Kunstausstellungen, die im Glaspalast, der direkt neben unserem Institut lag, veranstaltet wurden, und in den letzten Jahren des Münchener Aufenthaltes bin ich auch ziemlich regelmäßig Sonntags nachmittags in den Ausstellungsraum des Künstlervereins unter den Arkaden des Hofgartens gegangen. Man wurde dort recht gewahr, welch' günstige Atmosphäre in München für die Künstler herrschte. Der größte Teil der gebildeten Einwohnerschaft interessierte sich für ihre Werke, nahm teil an ihrer Entwicklung und ihren persönlichen Schicksalen, vermied es aber, sie durch übertriebene Lobhudelei oder durch protzenhafte Heranziehung zu Diners und dergl. zu verderben. Auch das Leben, das die Künstler untereinander führten, bot mannigfache Vorteile. Im allgemeinen hörte man die Lehrer loben, wenn auch die Ansichten der Jungen in bezug auf die Ziele und Mittel der Kunst nicht selten ganz andere waren. Die realistische und in der Freilichtmalerei häufig bis zur Karikatur übertriebene Malweise, die, wenn ich nicht irre, von Frankreich herkam, begann gerade in München Fuß zu fassen, und ich erinnere mich noch des Aufsehens, das ein Bild des jugendlichen ~Max Liebermann~, »Christus im Tempel«, auf einer Ausstellung in München erregte. Bei denjenigen Leuten, die am alten System festhielten, galt es für eine Verirrung, und von kirchlich gesinnten Organen wurde es als eine Blasphemie bezeichnet. Aber eine große Zahl der jungen Künstler und von ihnen wohl nicht unbeeinflußt auch wir jungen Chemiker sahen darin das ernste Bestreben, die Malerei mehr der Wirklichkeit anzupassen und die geistige Durchdringung des Gegenstandes nicht in einer übertriebenen Idealisierung der Figuren zu suchen.

Mit Recht berühmt waren in München die öffentlichen, von der gesamten Künstlerschaft veranstalteten Festlichkeiten. Ich habe zwei davon besucht, ein Feldlager aus der Zeit des 30-jährigen Krieges, das in dem Walde von Großhesselohe sich abspielte und ein köstliches Bild der bewaffneten Macht vor 400 Jahren gab. Das zweite war ein Maskenfest in München, das leider infolge eines Brandunglücks einen tragischen Abschluß erfuhr. Einer der größten Säle Münchens war durch außerordentlich geschickte Ausbauten in eine Art Jahrmarkt verwandelt, wo man alles genießen konnte, was an Sehenswürdigkeiten bei solcher Gelegenheit geboten zu werden pflegt. Da der Zutritt nur Herren gestattet wurde, die natürlich zum großen Teil durch Masken in Frauen jeden Kalibers verwandelt waren, so hatte die künstlerische Phantasie sich ohne jede Einschränkung bis in die wunderlichsten Auswüchse austoben können. Ich habe nicht einmal in Cöln solche tolle karnevalistische Ausgelassenheit gesehen wie bei diesem Feste, an dem die Künstler bis ins höchste Alter hinein ziemlich vollständig versammelt waren. Eine köstliche Maskenidee in vortrefflicher Ausführung ist mir in Erinnerung geblieben. Der bekannte Maler ~Piglheim~ machte einen Prinzen natürlich mit Gefolge und ließ sich von dem Komitee rundführen, selbstverständlich ganz in der Form, wie sie bei solchen prinzlichen Besuchen üblich ist. Kurze Zeit darauf erschien ein wirklicher bayerischer Prinz, der genau ebenso empfangen wurde. Zum großen Spaß der ganzen Versammlung stießen nun die beiden Züge zusammen. Der wirkliche Prinz hatte aber Humor genug, den Pseudokollegen freundlich zu begrüßen und sie setzten zusammen die Besichtigung fort. Leider wurde das Fest in ziemlich später Stunde durch ein furchtbares Unglück gestört. Etwa ein Dutzend Schüler der Akademie der Künste machten eine Eskimogruppe. Sie hatten sich für den Zweck eine besondere Hütte gebaut und Eskimoanzüge angelegt, die ganz aus Werg hergestellt waren. Leichtsinnigerweise hatte man versäumt, diesen Stoff chemisch zu imprägnieren und dadurch unbrennbar zu machen. Auch die Hütte selbst war mit brennbaren Stoffen jeder Art erfüllt. Mit ähnlichem Leichtsinn war übrigens die Mehrzahl der Bauten errichtet und da überall geraucht wurde, so hatten wir Chemiker sofort das Gefühl der höchsten Feuersgefahr, und ich erinnere mich, daß wir uns ziemlich frühzeitig in einen geschützten Bierkeller zurückzogen und nur von Zeit zu Zeit wieder das Treiben im Hauptsaale uns anschauten. Plötzlich hieß es, die Eskimos sind am Brennen, und in der Tat sahen wir diese armen Menschen brennend herumlaufen. Sie wurden zwar außerhalb ihrer Hütte ziemlich rasch gelöscht, und einige davon glaubten sich nach der überstandenen Gefahr durch einen reichlichen Trunk Bier entschädigen zu sollen, aber die Verwundungen waren doch so schwer, daß sie meines Wissens in den nächsten Tagen alle gestorben sind. Glücklicherweise konnte das Feuer in der Eskimohütte gelöscht werden. Hätte es um sich gegriffen und die benachbarten sehr brennbaren Gegenstände erfaßt, so wären viele Hunderte von Menschen umgekommen; denn die Zugänge zum Saal waren sämtlich durch die Ausbauten so beengt, daß die große Menschenzahl unmöglich sich hätte retten können.

Bei allen solchen Festlichkeiten sollten die Aufsichtsbehörden in rigoroser Weise stets verlangen, daß alle zur Bekämpfung einer etwaigen Feuersgefahr nötigen Maßregeln getroffen sind. Das Publikum ist geneigt, in derartigen Anordnungen der Behörde Willkür und kleinliche Belästigung zu erblicken; aber wer einmal ein Brandunglück wie damals auf dem Maskenfest in München erlebt hat, und wer wie wir Chemiker die rasche Entwicklung eines Brandes kennt, der wird meiner Ansicht gerne beipflichten.

Neben der bildenden Kunst spielten in München auch Musik und Theater eine große Rolle, und ich muß gestehen, daß ich viel Genuß von beiden gehabt habe.

Das Klavierspiel hatte ich leider schon in Straßburg vernachlässigt, und in München wagte ich nicht, wieder anzufangen, weil in unserem Hause ein Professor der Musik wohnte, der als Virtuose galt. Dazu kam das Bewußtsein, daß man in großen Mietshäusern durch mittelmäßiges Spiel vielen Leuten zur rechten Plage werden kann. Ich zog es deshalb vor, gute Musik von Zeit zu Zeit anzuhören durch den Besuch der ausgezeichneten Odeonkonzerte oder der königlichen Oper. Diese verfügte damals über vorzügliche Kräfte. Besonders gepflegt wurde die Wagnersche Musik, und obschon die alten klassischen Werke von Mozart, Beethoven, Maria von Weber, Lortzing usw. meinem Verständnis näher lagen, so haben mir doch die großen Opern Wagners z. B. der Ring der Nibelungen in der vortrefflichen Münchener Darstellung gewaltigen Eindruck gemacht. Dieser steigerte sich noch bei einem Besuch in Bayreuth, den ich mit mehreren Freunden später von Erlangen aus unternahm, und wo wir einer Aufführung des Parsival beiwohnten.

In München glänzte damals in den Wagner-Opern das Ehepaar ~Vogel~ am meisten, aber auch den alten ~Kindermann~ mit seinem unverwüstlichen kräftigen Bariton, der mit dem Münchener Publikum wie mit alten Bekannten verkehrte, wird kein Zuhörer vergessen haben.

Noch mehr Genuß als von der Oper habe ich gehabt vom guten Schauspiel, wie es ebenfalls in München gepflegt wurde. Es bestand an der Münchener Bühne die gute Gewohnheit, von Zeit zu Zeit eine Reihe von Dichtungen desselben Meisters zu ermäßigten Preisen aufzuführen. Eine solche Serie, welche die Königsdramen Shakespeares umfaßte, war in ihrer Wirkung so gewaltig für uns junge Leute, daß darüber die Experimentalarbeit im Laboratorium für mehrere Wochen eine ernstere Störung erhielt. Ich wurde von manchen Szenen so ergriffen, daß mir die hellen Tränen über das Gesicht flossen, und daß ich die Umgebung gänzlich vergaß. Diese starke Empfindung für dramatische Reize ist mir bis ins reifere Alter geblieben, und meine spätere Frau hat mir mehr als einmal gesagt, mein Mangel an Selbstbeherrschung im Theater sei für sie direkt unbequem.

Bei den Besuchen von Theater, Konzerten und ähnlichen Lokalen, wo die Menschen dicht zusammen sitzen, kann es dem Chemiker leicht passieren, daß er Anstoß erregt durch die schlechten Gerüche, die sich in seinen Kleidern oder auch in Haar und Haut festgesetzt haben. Auf den billigen Plätzen, die wir als junge Leute besuchten, ist mir das nie verübelt worden, aber einen Parkettplatz in der Münchener Oper habe ich einmal aufgeben müssen, weil die Nachbarschaft zu stark durch die von mir ausströmenden Dünste belästigt wurde. Auch in Privatgesellschaft sollte der Chemiker auf diese Möglichkeit achten und falls er gerade mit starkriechenden Stoffen zu tun hat, auf die Reinigung des Körpers und des Anzugs besondere Sorgfalt verwenden.

Leider kam der Sport bei der Münchener Lebensweise zu kurz. Wir hatten dazu keine Zeit und waren auch abends zu müde. Einen gewissen Ausgleich boten allerdings die Herbstferien, die ich teilweise stets in Euskirchen zubrachte und zusammen mit meinem Vater fleißig für die Feldjagd ausnutzte.

Im geselligen Verkehr, soweit er sich in der Familie abspielte, habe ich niemals viel geleistet, teils aus Bequemlichkeit, teils wegen einer gewissen Ungeschicklichkeit im Verkehr mit Damen. Gelegenheit dazu war übrigens in München genug gegeben; denn Frau ~Baeyer~ führte ein großes Haus, veranstaltete von Zeit zu Zeit hübsche Feste und gab sich die größte Mühe, uns junge Chemiker dazu heranzuziehen. Sie spielte bis zu gewissem Grade überhaupt die Mutter des Laboratoriums und war stets zur Hilfe bereit, wenn jemand von uns durch Krankheit oder andere Ursachen in Not geriet. Im Hause bei ihr habe ich auch eine große Anzahl interessanter Menschen kennen gelernt. Vor allen Dingen lud sie uns immer zu Tisch, wenn auswärtige Chemiker zu Besuch kamen. Nach Art hilfreicher und tatkräftiger Damen hätte Frau ~Baeyer~ uns auch gar zu gerne verheiratet, worauf sie um so mehr glaubte rechnen zu dürfen, als sie einen Kreis von hübschen und liebenswürdigen jungen Damen um sich zu versammeln wußte. Soweit ich unterrichtet bin, ist es ihr aber nicht gelungen, außer der eigenen Tochter eine dieser Fräuleins an einen chemischen Mann zu bringen. Die junge um Frau ~Baeyer~ versammelte Chemie war damals durchgängig unbeweibt, und es sind auch auffallend viele von ihnen in diesem Zustand geblieben, nicht zum Nutzen ihrer eigenen Person oder der Wissenschaft.

Meine Arbeiten über die Hydrazine und das Rosanilin hatten auswärts Anerkennung gefunden. Das zeigte sich zuerst in einem Ruf, den ich im Frühjahr 1880 an das Polytechnikum zu Aachen erhielt. ~Landolt~ war von dort an die Landwirtschaftliche Hochschule in Berlin berufen worden und an seiner Stelle sollten zwei Ordinarien für anorganische und organische Chemie ernannt werden.

Die anorganische Lehrstelle mit der großen Experimentalvorlesung hatte man nach dem Beschlusse des Aachener Lehrerkollegiums dem langjährigen Assistenten des Instituts Professor ~Classen~ zugedacht und die Professur für organische wurde mir vom Kultusministerium in Berlin angeboten. Um mich genau über die Stelle zu unterrichten, reiste ich nach Aachen hin und verhandelte mit den Fachgenossen Professor ~Stahlschmidt~ und Professor ~Classen~, sowie mit dem Direktor des Polytechnikums Herrn ~von Kaven~. Selbstverständlich besuchte ich auch ~Landolt~, der mich im Bett empfing, weil er an starkem Podagra litt. Für das chemische Institut war gerade ein prächtiger Neubau errichtet worden, weil die Aachen-Münchener Feuerversicherungsgesellschaft große Mittel zur Verfügung gestellt hatte. Aber die Betriebsmittel waren verhältnismäßig gering. Man wollte mir in dieser Beziehung in Aachen keine Sicherheit gewähren, und die ganze Atmosphäre an dem Polytechnikum erschien mir so wenig anziehend, daß ich trotz des lebhaften Wunsches meiner Mutter, mich wieder in der Nähe zu haben, den Ruf kurzweg ablehnte. Nun erlebte ich das Höchstsonderbare, daß nach etwa sechs Wochen der Ruf von Berlin aus erneuert wurde und daß der betreffende Referent im Kultusministerium Dr. ~Wehrenpfennig~ mir schrieb, ich habe gewiß die Absicht des Ministeriums nicht richtig verstanden. Wie ich später erfuhr, hatte er inzwischen mit seinem Freunde Dr. ~von Brüning~ aus Frankfurt a. M. über meine Berufung gesprochen und sich beklagt, daß ich den schönen Ruf in so kühler Weise abgelehnt habe. Als dieser ihm aber erwiderte, daß ich größere Ansprüche machen könne, als man mir geboten habe, entschloß man sich zu einem zweiten Versuch, mich zu gewinnen. Ich wurde dann auch in Berlin sowohl von ~Wehrenpfennig~ wie von ~Landolt~, der inzwischen übergesiedelt war, in der liebenswürdigsten Weise empfangen und man versprach, allen meinen Wünschen entgegenzukommen. Aber die Abneigung gegen Aachen war bei mir einmal vorhanden, und da auch ~Baeyer~ mir nicht im geringsten zur Übersiedlung an das Polytechnikum riet, so habe ich zum zweiten Male abgelehnt und diesen Entschluß auch keinen Tag bereut. Statt meiner ist dann Professor ~Michaelis~ dorthin gekommen.

Zwei Jahre später wurde die chemische Professur an der Universität Erlangen wieder frei, weil ~Volhard~ als Nachfolger von ~Heinz~ nach Halle ging. Ich erhielt den Ruf und nahm ihn an. Der Ort hatte zwar wenig Anziehendes, aber es handelte sich doch um ein Ordinariat an einer Universität und das Institut war durch einen Neubau verhältnismäßig gut ausgestattet.

Ich bin bei einem Erkundigungsbesuch in Erlangen auch von den Kollegen sehr freundlich empfangen worden, und ~Volhard~ gab sich alle Mühe, mir die Vorteile der neuen Stellung klar zu machen.

Bevor man mich in München entließ, mußte ich natürlich einige Festlichkeiten über mich ergehen lassen. So veranstaltete die Chemische Gesellschaft, deren Präsident ich war, einen schlichten Abschiedsabend, für den ~Königs~ das früher erwähnte Guanolied dichtete. Aber auch die Studierenden wollten sich nicht die Gelegenheit entgehen lassen, einen Kommers abzuhalten. Nach den Erfahrungen gelegentlich des Rufes nach Aachen, wo ich von betrunkenen Chemikern beinahe Prügel erhalten hatte, war ich nicht sehr geneigt, mich dieser Möglichkeit nochmals auszusetzen und erst die Drohung, daß ich durch Ablehnung die chemische Jugend, mit der ich auf sehr gutem Fuße stand, vor den Kopf stoßen würde, machte mich williger. So fand denn wirklich ein Kommers auf einem Bierkeller statt, der für mich ohne unbequemen Zwischenfall verlief, weil ich mich frühzeitig empfahl. Aber am nächsten Morgen mußte ich doch erfahren, daß man einige junge Leute, die mit mir nach Erlangen gehen wollten, feierlich aus dem Lokal hinausgeworfen hatte.

Ich zog nun anfangs April an die fränkische Hochschule und der Zufall wollte, daß in Nürnberg in dasselbe Abteil des Schnellzuges, wo ich saß, Fräulein ~Agnes Gerlach~, meine spätere Frau, mit ihrem Vater einstieg, und wir also zusammen in Erlangen ankamen.