Chapter 8 of 21 · 3985 words · ~20 min read

Part 8

Von neuen Bekanntschaften, die ich in ziemlich großer Zahl machte, will ich nur zwei erwähnen. Einmal den Vorstand der Apotheke am Bürgerhospital Dr. ~Musculus~, ein Freund von ~Mering~. Er war erheblich älter wie wir, ein geborener Elsässer, ein liebenswürdiger Gesellschafter und guter Chemiker. Ihm verdankt man die erste Synthese künstlicher Dextrine aus Traubenzucker, mit denen ich mich 15 Jahre später eingehend beschäftigt habe. Noch viel origineller als Mensch war der Physiker Dr. ~Fuchs~, ein Kneipgenie und nebenher ein Mann von umfassender Bildung. Er hatte ursprünglich Philologie studiert und war dann Mediziner geworden. Nach Abschluß aller dazu nötigen Examinas hatte er kurze Zeit als Nervenarzt praktiziert, war dann aber zur Physiologie übergegangen. Als auch diese Wissenschaft ihm noch nicht exakt genug erschien, wurde er Physiker, und infolge der Unterhaltungen, die er öfters mit mir führte, bekam er Lust, auch noch Chemiker zu werden. Dazu ist es aber nicht mehr gekommen, weil inzwischen sein bescheidenes väterliches Erbe zur Neige ging, und er genötigt war, Geld zu verdienen. Er hat sich später in Bonn habilitiert und ist, wie ich zu meinem großen Vergnügen hörte, zum Schluß als Pseudoleibarzt zu ~Friedrich Krupp~ in Essen gekommen. Ich kann mir denken, daß es diesem Schöpfer des größten deutschen Industrieunternehmens am Schluß eines arbeitsreichen Lebens Vergnügen bereitet hat, mit dem vielseitig gebildeten, witzigen und kindlich-naiven Gelehrten zu verkehren.

Im Frühjahr 1877 hatte ich meinen Zweck in Straßburg erreicht und kehrte schleunigst nach München zurück, um die liegengebliebenen Arbeiten über die Hydrazinverbindungen und das Rosanilin fortzusetzen. Dort war inzwischen der Neubau des Instituts mächtig gefördert worden und man bereitete sich schon darauf vor, im Herbst desselben Jahres den Umzug aus dem alten Hause zu bewerkstelligen.

Der Sommer verlief wie sein Vorgänger für uns als eine zweckmäßige Kombination von fleißiger Arbeit und heiterem Leben. Die Zahl der Studierenden und der älteren Chemiker war gewachsen und auch unser gesellschaftlicher Kreis hatte sich dementsprechend vergrößert. Wir waren alle inzwischen gute Münchener geworden und hatten uns dem Bierleben ganz angepaßt. Besonders unterhaltend waren die Abende auf den sogen. Bierkellern, d. h. den Ausschanken der großen Brauereien in hübschen Gärten, die zum Teil auf der Theresienwiese, zum Teil auf dem rechten Isarufer lagen. Hier herrschte ein gemütliches Treiben, eine aus allen Teilen der Bevölkerung zusammengesetzte Gesellschaft erfreute sich an dem köstlichen Bier. Das Abendessen dazu brachte man sich mit, indem man unterwegs in einem Fleischer- und Bäckerladen die nötigen Einkäufe machte. Ganze Familien, von kleinen Kindern bis zum Greise konnte man hier versammelt sehen. Das Bierleben bot auch sonst manche Merkwürdigkeiten. So gab es in gewissen Stadtlokalen eine Bierbettelei, d. h. einzelne Leute, die behaupteten, kein Geld zum Ankauf von Bier zu besitzen zogen mit einem leeren Krug umher, um ihn von mildtätigen Menschen in kleinen Beiträgen füllen zu lassen. Der sonderbarste Auswuchs von Biergemütlichkeit entwickelte sich aber beim Ausschank des Salvatorbiers, das von einer einzigen Münchener Brauerei hergestellt wurde und gewöhnlich in 5 bis 6 Wochen auf dem Salvatorkeller ausgetrunken wurde. Meinen ersten Besuch machte ich dort gemeinschaftlich mit Professor ~Baeyer~. Es war ein fürchterlicher Betrieb. Trotz der kalten Jahreszeit lagen die Menschen dutzendweise betrunken im Garten und an den Abhängen des Berges. Das Hereinkommen in den ungeheuren geschlossenen Raum bot erhebliche Schwierigkeiten, weil fortwährend Ruhestörer oder Betrunkene hinausgeworfen wurden. Als wir schließlich drin waren, wurden wir durch eine Persönlichkeit, die ~Baeyer~ kannte, aufgefordert, in einem reservierten Zimmer Platz zu nehmen. Dort war eine sonderbare Gesellschaft versammelt, die man für Leute niederen Standes hätte halten können. Auch die Unterhaltung belehrte darüber zunächst nicht. Ich erinnere mich noch, daß einer der Männer einen alten stark riechenden Käse aus der Tasche zog, mit dem dolchartigen Messer, das die Bayern immer tragen, zerlegte und dann seinen Nachbarn zum Konsum anbot. Auf meine Erkundigung nach seiner Person erfuhr ich, daß es ein hoher Offizier sei. Mein Nachbar, den ich nach dem Äußeren auch sehr unterschätzt hatte, war der bekannte, feinfühlige Dichter ~Lingg~. Und so entpuppte sich allmählich die ganze Gesellschaft als hochgeachtete Männer, Künstler, Gelehrte, Offiziere, hohe Staatsbeamte, Großkaufleute usw. Ich bin damals zu der Überzeugung gekommen, daß kein Mittel in der Welt existiert, welches ähnlich dem Bier alle Standes- und sozialen Unterschiede verwischt und die Menschen gleich macht.

Ein großer Vorzug von München ist die Nähe des Gebirges. Man konnte schon damals mit der Eisenbahn in einigen Stunden nach Tegernsee oder in die Nähe des Walchensees gelangen, und wir haben die in Bayern recht häufigen katholischen Feiertage des Sommers vielfach zu kleinen Touren in die Berge benutzt. In den Pfingstferien, die länger dauerten, führte uns der Weg in der Regel nach Tirol, weil dort Küche und Wein erheblicher besser waren. Großer Bergsteiger bin weder ich, noch die anderen Mitglieder unseres Kreises gewesen, aber auf mittlere Höhen, wie auf Herzogenstand, Wendelstein haben wir uns öfters hinaufgetraut. Daß auch hier durch ungünstige Umstände Gefahr entstehen kann, hat mich die Besteigung des Kitzbüchlerhorns während eines Pfingstausfluges gelehrt. Die Spitze des Berges war noch mit ziemlich viel Schnee bedeckt. Unsere Gesellschaft bestand aus etwa 5 Personen. Glücklicherweise hatten wir einen Träger, der gleichzeitig als Führer diente. Als wir oben angekommen waren, erkrankte Dr. ~Boesler~, von dem später noch die Rede sein wird, an Bergkrankheit so stark, daß er sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Wir haben ihn in unsere Mäntel gewickelt und in den Schnee legen müssen und uns dann selbst in dem eisigkalten Wind durch starke Bewegung, Freiübungen usw. warm halten müssen. Da die Sorge entstand, daß der Patient nicht mehr imstande sein würde, den Heimweg anzutreten, so richteten wir an den Führer die Frage, was nun zu tun sei. Er erwiderte kaltblütig, daß er den Herrn in den Rucksack stecken und bergabwärts tragen werde. Vor dieser sicherlich wenig bequemen Beförderungsweise blieb aber glücklicherweise Dr. ~Boesler~ verschont, weil er sich bald wieder so weit erholte, daß er mit unserer Unterstützung den Rückweg machen konnte.

Derartige Ausflüge haben mich im Laufe der 7-jährigen Münchener Periode fast nach allen schönen Punkten von Oberbayern und Südtirol geführt. Manche davon sind mir noch in Erinnerung. Besonders eine Bergfahrt, die ich zusammen mit dem Physiologen Dr. ~Tappeiner~, dem Zoologen Dr. ~Graf~ und einem Professor der Anatomie an der tierärztlichen Hochschule zu München Dr. ~Frank~ unternahm. Sie ging zunächst per Eisenbahn über den Starnberger See bis Pensberg, wo sich das einzige Kohlenbergwerk in Bayern befindet, und von dort zu Fuß nach Kochel. Hier gerieten wir in die Herbstmanöver bayerischer Truppen, welche die Gegend gänzlich ausgegessen hatten. Es gab schon kein Brot mehr, wohl aber noch reichlich Bier. Quartier mußten wir auf dem Heuboden in Gesellschaft von Soldaten nehmen, wobei es mir passierte, daß ich nachts durch das Heuloch sanft in den darunter gelegenen Kuhstall hinabfiel. Am Abend vorher hatte sich im Gasthause vor unseren Augen eine charakteristische Szene aus dem bayerischen Volksleben abgespielt. In unserer Nähe saß ein Mann, wahrscheinlich Holzfäller, der, wie später bekannt wurde, den Versuch gemacht hatte, die Kellnerin zu betrügen. Diesem Mann flog plötzlich, ohne daß ein Wortwechsel stattgefunden hatte, vom Ausschank her ein leerer Maßkrug an den Kopf. Gleichzeitig trat ein starker Mann aus derselben Ecke hervor -- es war der sogen. Zapfbube -- prügelte den Getroffenen mit gewaltigen Schlägen und verschwand dann wieder ganz ruhig in die dunkle Ecke des Ausschankes. Der Geprügelte verließ ebenso ruhig die Gaststube und die Sache war erledigt.

Am nächsten Morgen sind wir, nachdem am Brunnen flüchtig Toilette gemacht war, den Kochelberg hinauf, zum Walchensee und von dort immer per pedes bis nach Partenkirchen. Den Führer der kleinen Gesellschaft machte Professor ~Frank~; denn er hatte vor seiner akademischen Laufbahn lange hier als Tierarzt gewirkt und war deshalb mit Land und Leuten auf das Genaueste vertraut. So kamen wir mit der Bevölkerung in enge Fühlung und ich habe damals einen recht guten Eindruck von dieser frischen, tatkräftigen und sich sehr natürlich und frei gebenden Rasse gehabt. Leider ließ die Küche, namentlich in den Gasthäusern zweiten und dritten Ranges, wohin ~Frank~ uns führte, viel zu wünschen übrig und die Folge davon war, daß ich mir schon am vierten Tage in Partenkirchen den Magen und Darm gründlich verdarb und allein nach München zurückkehren mußte.

Eine andere Fahrt, die für mich besser verlief, habe ich zusammen mit Dr. ~Fluegge~ gemacht, der jetzt Professor der Hygiene an der Universität Berlin ist. Er war vorher praktischer Badearzt gewesen, hatte sich aber dann der frisch aufblühenden Hygiene zugewandt und war nach München gekommen, um bei ~Pettenkofer~ zu arbeiten. Wir haben auf der langen Fußtour, die von Tegernsee über den Achensee nach dem Inntal und von dort über Mittenwald, Partenkirchen, Walchensee und Herzogenstand nach Benedictbeuren ging, uns trefflich unterhalten. Er war ein lustiger Gesellschafter, flotter Fußgänger mit offenen Augen für landschaftliche Schönheiten und Eigentümlichkeiten der Bevölkerung. Auch an wissenschaftlichen Gesprächen hat es nicht gefehlt, und ich habe mich damals bemüht, ~Fluegge~ von der Wichtigkeit der ~Pasteur~'schen Untersuchungen und von der Bedeutung der Stoffwechselprodukte der pathogenen Mikroben bei den Infektionskrankheiten zu überzeugen.

Im September desselben Jahres fand die Versammlung der deutschen Naturforscher und Ärzte in München statt. ~Baeyer~ hatte die Organisation der chemischen Abteilung übernommen und die Folge davon war, daß ich zusammen mit Dr. ~Wilhelm von Miller~ von der technischen Hochschule zum Schriftführer ernannt wurde. Die Geschäftsführung geriet aber in einige Schwierigkeiten, weil Frau ~Baeyer~ während eines Ferienaufenthaltes im bayerischen Gebirge gerade zu jener Zeit den Herrn Gemahl mit einem Söhnchen, dem jetzigen Professor der Physik zu Berlin ~Otto von Baeyer~ beschenkte und infolgedessen der Gatte mit einer kleinen Verspätung bei der Versammlung erschien. Die Tagung war für uns Chemiker recht interessant, weil ungewöhnlich viele Fachgenossen zusammengeströmt waren. Ich wurde hier zuerst bekannt mit: ~Victor Meyer~, ~C. Liebermann~, ~J. Wislicenus~, ~F. Tiemann~, ~C. Scheibler~, ~C. A. Martius~ und ~Peter Gries~. Dieser war unstreitig die originellste Persönlichkeit in unserem Kreise, wie man nach dem allerliebsten Nekrolog, den ~A. W. Hofmann~ ihm später gewidmet hat, gerne glauben wird. Wegen Überfüllung stieß er in München auf allerlei Unbequemlichkeiten, besonders bei den festlichen Veranstaltungen. Er pflegte dann stumm eine Weile in den Wirrwarr hineinzuschauen und hinterher seinem Gefühl im richtigen kurhessischen Dialekt mit den Worten Luft zu machen: »Die Leute verstehen keine Massen zu bewältigen«.

In der chemischen Sektion wurde er mit großer Aufmerksamkeit behandelt und auch zum Vorsitzenden gewählt. Hinterher hat ihm die Münchener Universität noch den Titel eines Dr. phil. h. c. verliehen, denn es war gerade die Blütezeit der Benzolchemie und die von ~Gries~ aufgefundenen Reaktionen wurden in ausgiebigster Weise zur Lösung von Stellungsfragen benutzt. Zudem hatte eben die Industrie der Azofarben einen großen Aufschwung genommen. Endlich waren Leute, die wie ~Gries~ in einem praktischen Berufe stehen und trotzdem in den Mußestunden vortreffliche wissenschaftliche Untersuchungen anstellen, in Deutschland eine große Seltenheit.

Von den Vorträgen der chemischen Sektion ist mir keiner in Erinnerung geblieben, wie denn überhaupt solche Versammlungen für die Publikation von fachwissenschaftlichen Dingen keine große Rolle spielen. Ihre Bedeutung liegt vielmehr in dem persönlichen Verkehr der Teilnehmer, und in dem Austausch von Erfahrungen, die man der öffentlichen Rede oder Abhandlung nicht anvertraut. Dann geben sie auch den jüngeren Gelehrten eine willkommene Gelegenheit, sich den Alten zu präsentieren und ihre Kunst im Vortrag zu zeigen. Ich bin in späteren Jahren häufig auf die Naturforscherversammlungen gegangen hauptsächlich zu dem Zwecke, jüngere Fachgenossen kennen zu lernen. Bei dem zwanglosen Verkehr wird auch der Grund zu mancher Freundschaft gelegt. Von der Münchener Versammlung her datieren z. B. meine freundschaftlichen Beziehungen zu ~Victor Meyer~ und ~F. Tiemann~.

In der ersten allgemeinen Sitzung der Tagung erregte ein Vortrag von ~Haeckel~ großes Aufsehen, weil er aus den Fortschritten der Biologie weitgehende Schlüsse für das ganze geistige und sittliche Leben der Welt zog, und mit scharfen Angriffen auf Kirche und staatliche Unterrichtsanstalten verband. Wenige Tage darauf, in der zweiten allgemeinen Sitzung antwortete ihm ~Virchow~ und führte in interessanter und geschickter Weise die Theorien und Forderungen ~Haeckels~ auf das legitime Maß zurück. Man hatte allgemein den Eindruck, daß nur wenig deutsche Gelehrte in der kurzen Frist von einigen Tagen eine so musterhafte wissenschaftliche Kritik in Form einer populären Rede abfassen könnten.

Natürlich fehlte es bei einer so großen Versammlung in München nicht an mannigfachen Festlichkeiten. Unter anderem hatte der Magistrat der Stadt im alten Rathause eine zwanglose Begrüßung veranstaltet. Dabei wurde auch das politische Gebiet gestreift, was sonst bei diesen Tagungen nicht gerade üblich ist. Ein alter bayerischer Professor hieß nämlich die in ziemlich großer Zahl erschienenen Deutschschweizer herzlich willkommen, knüpfte aber daran die politische Aufforderung, sich von dem Welschtum abzuwenden und dem im neuen Reiche geeinten Deutschtum anzuschließen. Das wurde von den Schweizern höflich, doch recht entschieden abgelehnt mit der zutreffenden Bemerkung, daß die Schweiz nach ihrer politischen und kulturellen Struktur, sowie nach der geschichtlichen Entwicklung es für ihre Pflicht ansehen müsse, mit allen benachbarten Völkern und Staaten in einem freundschaftlichen Verhältnis zu bleiben.

In der chemischen Sektion wurden mein Vetter und ich privatim öfters nach dem Stande unserer Arbeit über das Rosanilin gefragt, mußten aber mit einer gewissen Beschämung gestehen, daß wir darin seit einem Jahre nicht vorwärts gekommen seien. Das mag wohl unsere weiteren Bemühungen in dieser Frage beschleunigt haben; denn im darauffolgenden Wintersemester ist uns tatsächlich ihre Lösung geglückt. Nebenher hatte ich die Untersuchung über die Hydrazinverbindungen zu einem gewissen Ende gebracht, so daß sie als zusammenfassende Abhandlung in Liebigs Annalen erscheinen konnte. Die direkte Veranlassung dazu war meine bevorstehende Habilitation als Privatdozent. Ich wurde dazu von Professor ~Baeyer~ geradezu gedrängt, weil inzwischen das neue Institut fertig geworden und bezogen war und deshalb das Bedürfnis nach Privatdozenten deutlicher zutage trat. Zudem hatte ein anderer Kollege, Dr. ~Aronstein~ seine Absicht kund getan, Privatdozent in München zu werden. Da er aber ein Mann von nur mittleren Fähigkeiten war, so lag Professor ~Baeyer~ viel daran, ihn nicht als ersten Privatdozenten mit dem neuen Institut verbunden zu sehen. Um das zu vermeiden, wurde ich vorgeschoben, obschon ich viel lieber noch eine Weile in meiner unabhängigen Stellung als Privatgelehrter geblieben wäre. Meine Habilitation fand statt am Ende des Wintersemesters im Frühjahr 1878. Da die Universität München den anderwärts erworbenen Doktortitel nicht als vollberechtigt anerkannte, so mußte ich zuvor noch eine Prüfung in Form eines Kolloquiums zur sogen. Nostrifikation des Doktortitels ablegen. Als Examinatoren waren bestellt ~Baeyer~ und ein zweiter aus der ~Liebig~'schen Zeit herstammender Professor der Chemie Dr. ~Vogel~, ein sehr unbedeutender Mann.

Da für ~Baeyer~, der mich seit Jahren kannte, die Prüfung nur eine Formfrage war, so stellte er scheinbar in vollem Ernste an mich die Frage: »Herr Doktor, können Sie mir einiges über Hydrazinverbindungen mitteilen?« Für den Entdecker der Hydrazine war die Antwort nicht schwer. Und dann stellte ~Baeyer~ mit demselben Ernste an den Kollegen ~Vogel~, der offenbar von den Hydrazinen nie etwas gehört und auch meine Habilitationsschrift nicht gelesen hatte, die Frage: »Sind Sie zufrieden?« Das war der Fall. ~Vogel~ ergänzte dieses Geständnis noch durch einige ziemlich törichte Fragen, womit die Prüfung schloß.

Sehr viel schwerer waren die Anforderungen für den Habilitationsakt selbst, denn die Fakultät stellte ein Thema, das nach einer Pause von 3 Tagen in freier etwa ¾stündiger Rede behandelt werden mußte. Mein Thema lautete: »Die heutigen Aufgaben der Chemie«. Da ich bis dahin niemals einen größeren öffentlichen Vortrag gehalten hatte, so kann man sich denken, daß ich in der 3tägigen Frist angestrengt arbeiten mußte, um eine brauchbare Rede zustande zu bringen. Dabei ist mir mein gutes Gedächtnis zustatten gekommen, denn ich konnte den Schriftsatz später in der Aula der Universität fast wörtlich ohne Manuskript vortragen. Außer der Fakultät waren natürlich alle Bekannte aus dem Institut dort versammelt und viele davon haben mich hinterher beglückwünscht, daß ich ohne Stocken den Vortrag zu Ende führen konnte. Diesem folgte noch eine Diskussion über von mir aufgestellte Thesen, an der sich aber nur die Mitglieder der Fakultät beteiligten. Dabei hatte ich einen kleinen Zusammenstoß mit dem Senior der Fakultät, dem Mineralogen ~Kobell~, der aber nach einer kleinen Konzession meinerseits zu einer Einigung führte.

Bei dieser Gelegenheit will ich nicht unterlassen darauf hinzuweisen, daß in München die philosophische Fakultät vernünftigerweise in zwei Sektionen geteilt war, und daß für alle Geschäfte, die uns Naturforscher betrafen, nur die mathematisch-naturwissenschaftliche Sektion in Betracht kam. Ich halte das für einen großen Vorzug gegenüber den preußischen Universitäten, wo die philosophischen Fakultäten nicht geteilt sind und deshalb in toto alle Geschäfte erledigen müssen. Das bringt z. B. in Berlin, wo die Zahl der Ordinarien das halbe Hundert längst überschritten hat, eine recht mühsame Geschäftsführung mit sich, die zahllose, langdauernde Sitzungen nötig macht, und führt von Zeit zu Zeit zu heftigen und sehr überflüssigen Auseinandersetzungen über prinzipielle Fragen zwischen den Vertretern der Natur- und Geisteswissenschaften.

So war ich denn glücklich Privatdozent der Chemie und zwar als Erster der neuen Ära an der Universität München geworden, und im Sommersemester trat die Verpflichtung an mich heran, eine Vorlesung zu halten. Ich wählte als Thema die Teerfarbstoffe und hatte das Glück, eine ziemlich große Anzahl von Zuhörern zu bekommen, weil solche speziellen Vorlesungen damals in München etwas Seltenes waren. Der Vortrag selbst hat mir anfangs rechte Mühe gemacht. Obschon ich an die freie Rede nicht gewöhnt war, habe ich prinzipiell von Anfang an auf die Benutzung eines Manuskripts verzichtet. Das war aber nur möglich, wenn ich vorher den Vortrag vollständig ausarbeitete und ihn dann gut memorierte. Auf diese Weise ist es mir gelungen, schon nach einem Semester eine so große Übung in der freien Rede zu erhalten, daß ich mir später nur noch den Inhalt und die Gedankenverbindung zurecht zu legen brauchte, dagegen die Form in der Vorlesung selbst erfinden konnte. Da man mir häufig gesagt hatte, daß mein Vortrag klar und den Bedürfnissen des Zuhörers angepaßt sei, so glaube ich, das von mir eingeschlagene Verfahren jungen Dozenten empfehlen zu können. Daß man die Materie beherrschen muß, ist ja selbstverständlich, aber das gedankliche Gerippe muß auch dem Redner klar vor Augen stehen. In reiferen Jahren hat es mir auch Freude gemacht, das Mienenspiel der Zuhörer zu beobachten, um herauszufinden, ob der Gegenstand interessiere und ob der Ton richtig gewählt sei. Ferner schien es mir im Eifer der Rede manchmal erlaubt, freie Exkursionen im Nachbargebiete zu unternehmen oder Ideen zu entwickeln, die ich mir selbst von ungelösten Fragen gemacht hatte, und die ich nur als Hypothese darbieten konnte. Wenn der Zuhörer merkt, daß der Redner nicht nur von allgemein anerkannten Dingen, sondern auch von seinen eigenen geistigen Produkten Einiges hergibt, so wird die persönliche Fühlung mit dem Redner enger, die Aufmerksamkeit gespannter und der geistige Gewinn größer.

In der ersten Vorlesung zu München ist mir allerdings der Erfolg dieser Fühlungnahme mit der Zuhörerschaft zunächst nicht beschieden gewesen; denn nach einigen Stunden erschien eine Abordnung bei mir, die in wohlwollendem Ton mir erklärte, daß sie weder den Sinn noch die Worte verstanden hätten wegen allzu starkem Dialekt des Redners. Ich habe über diese Kritik herzlich gelacht und versucht, mich zu bessern, und die Zuhörer haben es mir gelohnt dadurch, daß sie in verhältnismäßig großer Zahl bis zum Ende des Semesters erschienen.

Als zweite Vorlesung habe ich ein viel schwereres Thema gewählt, nämlich ausgewählte Kapitel der theoretischen Chemie. Damals war gerade das bekannte Buch »Moderne Theorien der Chemie« von ~Lothar Meyer~ in neuer Auflage erschienen und als glückliche Ergänzung dazu hatte sein Bruder, der Physiker eine ziemlich populäre Darstellung der kinetischen Gastheorie herausgegeben. Diese Bücher habe ich fleißig studiert und versucht, den Inhalt meinen Zuhörern in gedrängterer und noch etwas populärer Form wieder zu geben. Das schien auch zu gelingen, aber in der Folge habe ich einen großen Fehler begangen, indem ich die vorgetragenen Lehren einer Kritik unterzog, um das Bleibende als gesetzmäßig Erkannte zu trennen von allem hypothetischen Beiwerk. Das Ganze lief auf eine Kritik der Atomtheorie nach den damaligen Kenntnissen hinaus. Für mich selbst war dieser Versuch sicherlich sehr belehrend, aber bei meinen Zuhörern habe ich Unheil angerichtet und einige davon konnten bittere Klagen darüber nicht verschweigen: »Wo soll das hin«, sagten sie zu mir, »wenn man nach den Darlegungen eines Professors sich solche theoretischen Kenntnisse mühsam erwirbt, und hinterher erfahren muß, daß vieles doch noch zweifelhaft ist«. Ich habe daraus die Lehre gezogen, daß man in Vorträgen für Studierende mit der Kritik sehr vorsichtig sein muß und am besten nur Dinge bringt, die als sicherer oder vermeintlich sicherer Besitz der Wissenschaft gelten.

Im Frühjahr 1879 wurde Professor ~Volhard~, der Leiter der analytischen Abteilung, als Ordinarius nach Erlangen berufen und auf Vorschlag von ~Baeyer~ bot das Kultusministerium in München mir eine außerordentliche Professur an der Universität an, wenn ich gewillt sei, die Funktionen von ~Volhard~ im chemischen Institut zu übernehmen. Ich habe mich gerne dazu bereit erklärt und bin am 1. April desselben Jahres zum außerordentlichen Professor in der philosophischen Fakultät mit einem Gehalt von Mk. 3160.-- angestellt worden.

Die Kunde von dieser festen Position und dem ersten Geldverdienst des teuren Sohnes hat in Euskirchen großen Jubel erweckt und mein Vater schrieb sofort einen Glückwunschbrief mit der Bemerkung, daß er mit der Mutter zusammen das Ergebnis mit einer feinen Flasche Wein gefeiert habe. Zugleich erkundigte er sich aber angelegentlich, ob bei der neuen Professur auch auf ein ansehnliches Honorar für Vorlesungen zu rechnen sei, da ihm das Gehalt nicht übermäßig hoch vorkam. Im bayerischen Kultusministerium war man in diesem Punkte allerdings anderer Ansicht; denn der Referent Ministerialdirektor Dr. ~Voelk~ hatte mir gesagt, daß man bei diesem glänzenden Gehalt von mir außerordentliche Anstrengung in bezug auf den Unterricht erwarte. Ich habe das alles lachend versprochen, konnte aber die Bemerkung nicht unterdrücken, daß es für den Chemiker Gelegenheit gäbe, sehr viel mehr Geld zu verdienen, als in der akademischen Laufbahn.

Durch die Übernahme der neuen Stellung, die ich natürlich in erster Linie dem Wohlwollen von ~Baeyer~ verdankte, erfuhr meine Tätigkeit im Institut eine radikale Änderung. Bis dahin war ich freier Forscher gewesen, ohne jede Verpflichtung für den Unterricht. Dadurch war es mir möglich gewesen, alle für meine wissenschaftlichen Arbeiten nötigen Experimente allein auszuführen. Nur bei der Rosanilinarbeit war ich mit dem Vetter ~Otto~ verbunden, und dieses Zusammenarbeiten hatte sich sehr glatt abgespielt. Von nun an konnte ich in dieser Weise nicht mehr wirtschaften, da der größte Teil meiner Zeit durch den praktischen Unterricht in der chemischen Analyse beansprucht war. Die Hilfe von Assistenten auch für die Privatuntersuchungen wurde unentbehrlich. Einen schwachen Versuch dieser Art hatte ich allerdings schon ein Semester vorher gemacht, als ich Dr. ~Erhardt~ einlud, mit mir zusammen die gemischten Azoverbindungen, speziell das Phenyl-Azoäthyl zu bearbeiten. Aber von dieser Hilfe habe ich wenig Freude gehabt, da sie in allen entscheidenden Dingen versagte und ich schließlich das Ganze fast allein machen mußte. Ich bin deshalb mit einem gewissen Zagen an die Wahl neuer Mitarbeiter herangegangen und habe auch das Unglück gehabt, bei der Wahl des ersten Privatassistenten einen Mißgriff zu tun; denn ich ließ mich damals durch Empfehlung bewegen, einen Herrn von auswärts, den ich nicht kannte, Dr. ~Troschke~ aus Berlin als Assistenten anzunehmen, war aber froh, ihn nach etwa einem Jahre wieder los zu werden, denn er hat mich eher gehindert, als gefördert. Von da an ist mir das Glück hold gewesen. Fast ausnahmslos sind meine Privatassistenten tüchtige, fleißige und gewissenhafte Männer gewesen, deren Hilfe ich mit wärmsten Dank anerkennen muß. Ihre Reihe beginnt mit ~Magnus Boesler~ aus Königsberg, einem vortrefflichen Menschen, der mir zunächst bei der Kaffein-Arbeit geholfen und gleichzeitig seine Doktorarbeit über das Anisoin und Cuminoin unter meiner Leitung ausführte. Bald kam dazu Emil ~Besthorn~ aus Frankfurt a. M., ein humoristisch angelegter Herr, den sich deshalb ~Königs~ bald für seinen engeren Kneipkreis ausersah. Erheblich größer war die Zahl der Unterrichtsassistenten, die ihren Platz in den großen Arbeitssälen hatten. An ihrer Spitze stand der leider so früh verstorbene ~Clemens Zimmermann~, ein talentvoller und außerordentlich strebsamer Chemiker, auch für den Unterricht in hohem Maße begabt. Er hatte seine Studien unter ~Volhard~ absolviert und fing eben mit eigenen Untersuchungen an, als ich in die analytische Abteilung eintrat.

Das periodische System der Elemente kam damals in der anorganischen Chemie immer mehr zur Anerkennung, und so war es natürlich, daß ~Zimmermann~ sich Aufgaben zuwandte, die damit im Zusammenhang standen. Dahin gehört die Bestimmung der Dichte des Urantetrachlorids und der spezifischen Wärme des metallischen Urans. Bei besserer Gesundheit hätte er sicherlich die Mineralchemie um viele hübsche Entdeckungen bereichert.