Part 19
An dem 50-jährigen Jubiläum der Gesellschaft, das im Mai d. Js. gefeiert wurde, konnte ich mich nicht beteiligen, weil ich damals zur Erholung von einer Lungenentzündung in der Südschweiz weilte. Ich hatte aber vorher beim Kultusminister einen Antrag gestellt, den wissenschaftlichen Beamten der Gesellschaft, an der Spitze Herrn ~P. Jacobson~, durch Verleihung von Titeln eine öffentliche Anerkennung zu erwirken. Das ist auch geschehen, und zu meiner großen Überraschung wurde auch mir bei der Gelegenheit ein hoher preußischer Orden verliehen. Offen gestanden hätte ich es lieber gesehen, daß das nicht geschehen wäre.
Die von mir angeregte und auch ursprünglich übernommene Gedächtnisrede auf ~A. von Baeyer~ hatte ich leider wegen Krankheit wieder abgeben müssen. Sie ist dann aber von ~R. Willstätter~ in sehr würdiger Weise gehalten worden.
Auch beim 40jährigen Bestehen der Gesellschaft war ein kleines Fest veranstaltet worden, und ich hatte das Vergnügen, bei der Gelegenheit Herrn Professor ~Henry Armstrong~, den Abgesandten der Chemical Society zu London, bei mir zu Gast zu haben. Freundschaftliche Beziehungen zu ihm hatte ich längst, teils durch seinen Sohn, der mehrere Jahre mein Mitarbeiter war, und auch durch meinen eigenen Sohn ~Hermann~, dem er und seine Familie während eines halbjährigen Aufenthaltes in England viele Freundlichkeiten erwiesen hatten.
Das chemische Institut in der Georgenstraße
Mein Einzug in das Institut, die von mir angeregten kleinen baulichen Veränderungen, die Vermehrung der Assistenten und die Verteilung der Arbeit unter die vorhandenen Lehrkräfte sind schon früher geschildert. Alles war von mir nur als Provisorium gedacht, weil ich sicher damit rechnete, daß in wenigen Jahren ein Neubau entstehen werde; denn seine Errichtung war die erste und wichtigste Bedingung, die ich bei der Berufung stellte, und sie war nicht allein von den Räten des Kultusministeriums, sondern auch von dem Minister Dr. ~Bosse~ selbst ausdrücklich bewilligt worden. Das Provisorium hat aber schließlich 7½ Jahre gedauert und bildet so einen ziemlich langen Abschnitt in meiner Berliner Tätigkeit.
Mit Ausnahme der beiden Hörsäle und der beiden von ~Tiemann~ als Privatlaboratorium benutzten Zimmer lagen alle benutzbaren Räume im ersten Stock. Zwei gut erleuchtete Unterrichtssäle, getrennt durch einen kleineren Raum, gingen nach der Georgenstraße. Die übrigen Unterrichtszimmer mit Nebenräumen lagen in den korridorähnlichen Seitenflügeln und dienten gleichzeitig als Durchgang. Recht hübsch und auch ziemlich zweckmäßig eingerichtet war das aus zwei Räumen bestehende Privatlaboratorium, das durch den Korridor und zwei Bibliothekszimmer direkt mit dem Wohnhaus in der Dorotheenstraße in Verbindung stand. Hier habe ich mich, unterstützt von dem aus Würzburg mitgekommenen Privatassistenten Dr. ~Lorenz Ach~ schnell eingerichtet. Drei junge Chemiker, die ihre Doktorarbeit ausführen wollten -- es waren die Herren ~Haenisch~, ~Kopisch~ und der von Würzburg mitgenommene Engländer ~Crossley~ -- wurden als Gäste aufgenommen und schon im ersten Jahr hatte ich das Glück, zwei hübsche Reaktionen, die Bereitung des Amido-Acetaldehyds und ähnlicher Stoffe, ferner die Synthese der Alkoholglucoside aus Zucker und Alkoholen in Gegenwart von Salzsäure zu finden. Gleichzeitig leitete ich mehrere Doktorarbeiten in dem zweiten organischen Unterrichtssaal und überwachte zusammen mit dem hier tätigen Assistenten die präparativen Übungen der organischen Anfänger nach der von mir geschriebenen »Anleitung zur Darstellung organischer Präparate«, die sich schon in Erlangen und Würzburg bewährt hatte. Auch um die analytische Abteilung, in der Dr. ~Piloty~ und Dr. ~Fogh~ tätig waren, habe ich mich damals, so weit es meine Zeit zuließ, gekümmert.
[Illustration: IM LABORATORIUM]
Die großen Experimental-Vorlesungen hielt ich wie ~Hofmann~ im Winter über anorganische und im Sommer über organische Chemie. Aber anstelle des dreimal zweistündigen Vortrages zog ich es vor, 5 Mal je eine Stunde in der Woche zu sprechen, weil dadurch die Vorbereitungen der Experimente viel sorgfältiger werden und deshalb auch recht viel Zeit erspart werden kann. In der Tat zeigte sich denn auch, daß ich in den 5 Wochenstunden ein erheblich größeres Pensum mit einer größeren Anzahl von Experimenten ausführen konnte, als früher in drei Doppelstunden geleistet wurde.
Die Zahl der Zuhörer stieg schon im zweiten und dritten Jahre sehr erheblich und dann wurde der Zugang so groß, daß aller verfügbarer Raum von stehenden Personen erfüllt war und meist die Zugangstüren nicht mehr geschlossen werden konnten. Ganz ungenügend war die Kleiderablage, in der häufig am Schluß der Vorlesung große Unordnung herrschte, und leider auch mancher Diebstahl vorkam.
Unter den Zuhörern befanden sich in den letzten Jahren nicht allein Chemiker, Mediziner, Apotheker und Lehramtskandidaten, sondern auch Angehörige der juristischen und sogar der theologischen Fakultät. Das hing wohl damit zusammen, daß ich mich bemühte, gelegentlich die Bedeutung der Chemie für die gesamte menschliche Kultur in philosophischer und wirtschaftlicher Beziehung darzulegen.
Auch das Laboratorium war bald überfüllt, was bei der geringen Anzahl von Arbeitsplätzen (etwa 80) nicht überraschen konnte. Dieser Zudrang war das beste Agitationsmittel für den Neubau des Instituts, und als ich damit drängte, erhielt ich schon im Frühjahr 1893 den Auftrag, ein Programm dafür auszuarbeiten. In freudiger Stimmung habe ich mich dieser Mühe sofort unterzogen, mußte aber zu meiner Enttäuschung bald erkennen, daß der Auftrag nur zum Schein erfolgt und daß es eines viel gröberen Geschützes bedurfte, um das Kultusministerium in dieser allerdings ziemlich schwierigen Frage zu energischer Handlung zu bringen; denn die Entscheidung über alle derartigen Forderungen der Wissenschaft in Preußen, die Geld kosten, hat in letzter Linie der Finanzminister, und wie schwer dessen Zustimmung zu erlangen war, werde ich erst später schildern.
Zuvor war mir vom Kultusministerium ein recht unbequemes Geschäft aufgehalst worden, das mit der Weltausstellung zu Chicago von 1893 zusammenhing. Das Ministerium hatte es übernommen, hier eine Ausstellung des preußischen Unterrichtswesens und der wissenschaftlichen Forschung in Deutschland zu veranstalten. Dabei sollte die chemische Gesellschaft beteiligt sein, und im Auftrage des Kultusministeriums bemühte ich mich, dafür die Zustimmung des Vorstandes zu gewinnen. Gewünscht wurde vor allen Dingen eine Ausstellung von interessanten, in Deutschland entdeckten Präparaten. Im Vorstand herrschte anfangs keine Neigung, auf die Wünsche des Ministeriums einzugehen. Erst als ich den Herren klar machte, daß die langjährige Benutzung von Institutsräumen für Zwecke der Gesellschaft nur im Einverständnis mit dem Minister möglich gewesen sei und auch in Zukunft davon abhänge, entschloß man sich zur positiven Mitwirkung in Chicago durch Veranstaltung einer Sammlung von interessanten Präparaten und Apparaten und die Vorlage eines Albums mit den Bildern deutscher Chemiker. Ich mußte mich aber verpflichten, die Rundschreiben mit der Aufforderung zur Beteiligung an die Mitglieder der Gesellschaft zu entwerfen und zu versenden, sowie die Präparate in Empfang zu nehmen. Diese Arbeit geschah mit Hilfe des Assistenten Dr. ~Richter~ in den Räumen des Instituts. Sie hat viele Wochen ärgerlicher Mühe und manche Sorge gebracht. Ein hübscher Ausstellungsschrank wurde von der Firma Chemische Fabrik auf Actien vormals E. Schering in Berlin kostenlos zur Verfügung gestellt, und das Ganze hat später in Chicago offenbar gefallen; denn die beteiligten deutschen Laboratorien wurden mit Ehrendiplomen belohnt, und außerdem trat an uns der Wunsch der Amerikaner heran, die Sammlung behalten zu dürfen. Darauf konnte sich die Gesellschaft aber nicht einlassen, da die Präparate Privateigentum der einzelnen Mitglieder geblieben waren und diese fast alle den Wunsch äußerten, sie zurückzuerhalten. Sie sind dann auch nach Schluß der Chicagoer Ausstellung unversehrt nach Berlin zurückgekehrt und von hier aus an die einzelnen Besitzer verteilt worden. Ich hatte aber von dem ganzen Geschäft so viel Unbequemlichkeiten, daß ich spätere Zumutungen ähnlicher Art von Seiten des Kultusministeriums energisch ablehnte. Infolgedessen ist die Organisation und Beteiligung der wissenschaftlichen Chemie an der Ausstellung zu Philadelphia vom Kultusministerium Herrn ~C. Harries~ übertragen worden.
Der erste Winter, den ich in Berlin zubrachte, war ungewöhnlich streng, und da ich damals die Dienstwohnung noch nicht hatte, sondern in der Königin Augustastraße wohnte, so mußte ich den Weg dorthin täglich 4-6 Mal machen, natürlich mit einem Wagen, der aber wegen des hohen Schnees fast ½ Stunde fuhr. Bei der starken Kälte war ich dann am Ende der Fahrt ganz erfroren, bis meine Frau auf den glücklichen Gedanken kam, mir einen großen Pelzsack anzuschaffen, in den ich während der Wagenfahrt bis unter die Arme schlüpfte.
Der Frost hatte auch im Laboratorium sehr unangenehme Folgen; denn die Wasserleitung platzte an verschiedenen Stellen, und es entstand eine große Überschwemmung. Da unglücklicherweise alle Röhren in die Wände gelegt waren und von der Leitung kein Plan mehr existierte, so mußten oft die Bauleute tagelang suchen, bis die verletzten Stellen gefunden waren. Dadurch wurde ich in dem schon früher gefaßten Vorsatz bestärkt, beim Neubau alle Rohrleitungen frei zu legen und leicht zugänglich zu machen. Trotz solcher kleinen und unangenehmen Überraschungen gingen übrigens der Unterricht und die wissenschaftliche Arbeit im Institut ungestört vorwärts.
Nachdem Frau ~von Hofmann~ im Mai 1893 die Dienstwohnung in der Dorotheenstraße verlassen und diese dann einer sehr notwendigen Reparatur unterzogen war, konnte ich sie im September desselben Jahres in Benutzung nehmen und war von nun an auch imstande, nicht allein die Experimentalarbeit intensiver zu betreiben, sondern auch die Gesamtaufsicht über das Institut sorgfältiger einzurichten. Das führte alsbald zur Entdeckung von Diebstählen, die von dem verkommenen Pförtner des Instituts begangen oder versucht wurden. Er hatte aus der Instrumentensammlung der Akademie, die sich in einem Dachraum des Wohnhauses befand, eine Reihe von Kupferplatten weggenommen und verkauft. Ich wurde darauf aufmerksam, als ich die Aufsicht über die Instrumentensammlung mit dem Einzug in die Dienstwohnung übernahm. Außerdem hatte er während der herrenlosen Zeit den vermauerten Kupferkessel aus der Waschküche der Dienstwohnung entfernt, um ihn zu verkaufen, war aber dabei von dem Baubeamten überrascht worden. Infolgedessen kündigte ich ihm die Stelle und dann hatte der Mensch die Unverschämtheit, sich in einer Eingabe an das Kultusministerium über die Behandlung zu beklagen, die ihm von dem neuen Direktor des Institutes zuteil werde. Diese wurde mir vom Minister zur Berichterstattung übersandt, und als ich darauf erwiderte, daß der Grund der Entlassung in dem dringenden Verdacht der Diebstähle gelegen habe, kam die prompte Anfrage, weshalb keine Strafanzeige erfolgt sei. Ich hatte auf diese Maßregel verzichtet, weil mir der Missetäter leid tat; denn er war zu der ungeordneten Lebensweise und sittlichen Verkommenheit durch den Mangel an Aufsicht und auch durch die schlechte, feuchte und dunkle Kellerwohnung gekommen. Sein Nachfolger, ein Kupferschmied ~Prisemuth~, der durch das Tragen einer Brille ein ganz gelehrtes Aussehen angenommen hatte, war nicht viel besser. Zuerst hatte ich mit ihm einen unangenehmen Auftritt wegen seiner Frau, mit der er häufig in Zwist lebte. An einem Sonnabend Nachmittag wurde ich nämlich aus der ärztlichen Vorprüfung, die im physiologischen Institut der Universität stattfand, nachhause gerufen, weil mit der Frau des Pförtners ein Unglück passiert sei. Als ich im Institut in der Georgenstraße erschien, war der Pförtner ganz ruhig damit beschäftigt, die Korridore zu säubern, und auf meine erregte Frage, wie es mit seiner Frau stehe, erhielt ich die Antwort: »Dumme Eifersucht, Herr Professor, sie hat mir schon öfter blamiert«. In Wirklichkeit hatte die Frau einen Versuch des Selbstmords durch Trinken starker Salzsäure gemacht und dadurch eine schlimme Ätzung von Mund, Kehlkopf und Speiseröhre davongetragen. Der Herr Gemahl zeigte dafür nicht das geringste Mitgefühl, und als die Frau einige Monate später aus dem Krankenhause zu ihm zurückkehrte, war er scheinbar ganz befriedigt davon, daß sie die Stimme verloren hatte und nur noch wispern konnte. Das war eine interne Familienangelegenheit, die mich zu keiner amtlichen Maßregel berechtigte. Als ich aber 1½ Jahre später erfuhr, daß der Pförtner trotz strengen Verbots Nachschlüssel vom Haupttor des Instituts an Studenten vermietete, blieb mir nichts anderes übrig, als ihn ebenfalls an die Luft zu setzen, obschon er als Handwerker ganz gewandt war. Von ~Tiemann~ wurde er als Diener für sein Privatlaboratorium noch geschätzt und gehalten, bis verschiedene Missetaten auch hier seine Entlassung nötig machten.
Ein anderer Diener, der älteste im Hause, erwies sich ebenfalls als wenig zuverlässig. Er log in der unverschämtesten Weise, selbst wenn man ihn direkt überführen konnte und stand auch als Verwalter der Glasapparate und Chemikalien in dem Ruf der Unzuverlässigkeit. Ich habe deshalb, als er 65 Jahre alt war, seine Pensionierung beantragt, aber es war recht schwer, ihn los zu werden, obschon die gesetzliche Handhabe durch das Alter gegeben war. Schließlich ist er durch die Verleihung des allgemeinen Ehrenzeichens beruhigt worden, und ich habe an diesem Beispiel gesehen, welche große Macht den Staatsbehörden ganz besonders auch bei den Subaltern-Beamten in der Verleihung von Ehrenzeichen und Orden zur Verfügung steht. Die Minderwertigkeit der alten Diener glaubte ich wenigstens zum Teil in der schlechten Beschaffenheit ihrer im Institut befindlichen Dienstwohnung suchen zu müssen. Ich habe deshalb beim Neubau dafür gesorgt, daß die Wohnungen aller Unterbeamten hygienisch ganz einwandfrei und auch in bezug auf Bequemlichkeit, Beleuchtung, Heizung und dergl. behaglich eingerichtet wurden. Seitdem habe ich so traurige Dinge, wie die eben geschilderten, nicht mehr erlebt, und erst während des Krieges mit seiner demoralisierenden Wirkung sind im Verhalten der Diener wieder einige unbequeme Züge hervorgetreten. Ich stimme deshalb dem Urteil von einsichtigen Volkswirten, daß eine gute Wohnung die Menschen bessere und eine schlechte sie ethisch niederdrücke, gerne zu.
Mit den Assistenten des Instituts, deren Zahl mit den Hilfsassistenten und Privatassistenten allmählich wuchs, bin ich fast ausnahmslos recht gut ausgekommen. Sie waren vom Minister immer nur auf zwei Jahre angestellt, aber diese Anstellung ist bei den Herren, die sich der wissenschaftlichen Laufbahn widmen wollten, auf meinen Antrag beliebig oft erneuert worden. Den Wunsch auf Wiederholung der Anstellung habe ich meines Wissens nur ein einziges Mal direkt abgeschlagen, weil der Betreffende sich ungebührlich gegen den Minister selbst benommen hatte.
An der Spitze der Assistenten stand von Anfang an ~S. Gabriel~, der schon unter ~Hofmann~ dem Institut 20 Jahre lang erst als Studierender und dann als Assistent angehört hatte. Er ist mir immer ein lieber Kollege und Freund gewesen. Ich benutze deshalb gerne diese Gelegenheit, ihm herzlichen Dank zu sagen für die stets in freundlicher Weise gewährte Hilfe, die er mir so oft bei Erkrankungen oder anderen Verhinderungen sowohl in den Vorlesungen, wie auch in der Verwaltung des Instituts gewährt hat. Da ich auch von seiner wissenschaftlichen Tüchtigkeit überzeugt war, so hätte ich ihm gerne zu einer selbständigen Tätigkeit verholfen, aber allen Empfehlungen zum Trotz ist es nicht gelungen, ihm einen Ruf an eine andere Hochschule zu verschaffen. Erst mit der Entstehung des neuen Instituts war es möglich, ihm eine dauernde Anstellung als Abteilungsvorsteher zu geben, und ich habe später auch dafür gesorgt, daß seine Verdienste um das Institut und den Unterricht durch Verleihung von Orden, des Titels Geheimer Regierungsrat und die Ernennung zum ordentlichen Honorarprofessor in der philosophischen Fakultät anerkannt wurden. Er ist zwar ein Jahr älter, aber mit Rücksicht auf seine gute Gesundheit gebe ich gerne der Hoffnung Ausdruck, daß er mindestens ebenso lange wie ich seine Tätigkeit im Institut beibehalten wird.
Die zwei anderen Assistenten, die ich aus der ~Hofmann~'schen Zeit übernahm, Dr. ~Richter~ und Dr. ~Pulvermacher~, sind nach Ablauf von 1-3 Jahren freiwillig aus dieser Stellung geschieden. Vom ersteren habe ich nie mehr etwas gehört. Der zweite war etwa 10 Jahre später Generalsekretär des internationalen Chemikerkongresses zu Berlin. Viel länger ist Dr. ~C. Harries~ geblieben. Er war schon bei ~Hofmann~ provisorisch Vorlesungsassistent. In der gleichen Eigenschaft erhielt er bei meinem Amtsantritt eine ordentliche Assistentenstelle, wurde später Unterrichtsassistent und im Jahre 1900 bei Eröffnung des neuen Instituts Abteilungsvorsteher für organische Chemie. Nach dem Rücktritt von ~Claisen~ folgte er einem Ruf nach Kiel als ordentlicher Professor und Direktor des dortigen Instituts. Vor 1½ Jahren hat er diese Stellung aufgegeben und sich als Privatgelehrter nach Berlin-Grunewald zurückgezogen. ~Harries~ hat seine Doktorarbeit unter ~Tiemann~ angefertigt, aber seine selbständigen Versuche begann er zu meiner Zeit, und bei dem dauernden persönlichen und wissenschaftlichen Verkehr, in dem wir jahrelang standen, hat er sicherlich so viel von mir gelernt, daß er wohl auch zu meinen Schülern gezählt werden darf. In der Tat bezog sich auch eine seiner ersten Arbeiten auf das von mir und ~Besthorn~ entdeckte sogen. Phenyl-Sulfocarbazin, von dem er nachwies, daß es nicht die von uns vermutete Struktur besitze, sondern den Schwefel im Benzolkern enthalte. Aber die endgültige Erkenntnis seiner Struktur ist ihm auch nicht gelungen. ~Harries~ hat im Berliner Institut seine Versuche über die Oxydation von ungesättigten Körpern mit Ozon begonnen, die er später auf den Kautschuk ausdehnte und damit seinen größten wissenschaftlichen Erfolg erzielte.
Die beiden von mir aus Würzburg mitgebrachten Unterrichtsassistenten Dr. ~Piloty~ und Dr. ~Fogh~ haben verschiedene Schicksale erlebt. Von dem Ersten ist früher schon ausführlich die Rede gewesen. Er hat im Berliner Institut die schönen Versuche über Dioxyaceton, über eine neue Synthese des Glycerins und eine besondere Klasse von Nitrosoverbindungen ausgeführt.
Seine Gattin ~Eugenie~, Tochter von ~Baeyer~, war schon von Würzburg her mit meiner Frau befreundet. Ihr erstes Kind, ein Sohn, wurde in Berlin Weihnachten 1892 geboren, und ich hatte die Ehre, als Pate gewählt zu werden. Er ist leider wie der Vater in dem unseligen Krieg im Westen gefallen.
Dr. ~Fogh~, ein Däne, hat in Berlin wenig Erfolg gehabt. Die in Paris bei ~Berthelot~ begonnenen und in Würzburg fortgesetzten thermochemischen Versuche ließ er gänzlich liegen. Nach einigen Semestern wurde er auch noch krank, nahm zuerst Urlaub und da es nicht besser wurde, schied er freiwillig aus seiner Stelle. Er ist nach Kopenhagen zurückgekehrt und außer einer Verlobungsanzeige habe ich keine Nachricht mehr von ihm erhalten.
Viel besseren Erfolg hatte der von Würzburg mitgekommene Privatassistent Dr. ~Lorenz Ach~, der mir bei der Untersuchung über Amidoacetaldehyd und die Alkoholglucoside wertvolle Hilfe leistete. Nach Aufgabe dieser Tätigkeit wurde er Unterrichtsassistent in der organischen Abteilung und ich schlug ihm eine gemeinsame Arbeit über die Verwandlung der 1,3-Dimethylpseudoharnsäure, die ich kurz zuvor von einem Studenten hatte darstellen lassen, in die entsprechende Harnsäure vor. In der Tat gelang die Reaktion zuerst durch Schmelzung mit Oxalsäure, die sich auch für die analoge Synthese der Harnsäure als brauchbar erwies. An diese Versuche hat sich später die erste Synthese des Coffeins angereiht. Zuvor aber war Dr. ~Ach~ in die Technik übergetreten und zwar in das wissenschaftliche Laboratorium der Firma C. F. Böhringer und Söhne zu Mannheim-Waldhof, dessen Leitung seinem Bruder, dem früher erwähnten Dr. ~Fritz Ach~, anvertraut war. Nach dem frühzeitigen Tode des Bruders ist ~Lorenz~ an die Spitze dieses Laboratoriums getreten und hat hier hübsche Erfolge erzielt.
Durch diese persönlichen Beziehungen bin ich auch veranlaßt worden, derselben Firma die technische Ausarbeitung der Coffein-Synthese anzuvertrauen. Die daraus hervorgegangenen Arbeiten werde ich erst später im Zusammenhang mit den allgemeinen Untersuchungen über Purine besprechen.
Nachfolger von Dr. ~Ach~ im Privatlaboratorium wurde Dr. ~Rehländer~, ein ebenfalls sehr tüchtiger, gewissenhafter und fleißiger Chemiker. Er hat nicht allein an der Ausarbeitung der Glucosidsynthese, sondern auch an den umfangreichen Enzymversuchen, welche mit dem charakteristischen Verhalten der α- und β-Glucoside gegen Emulsin begannen, regen Anteil gehabt. Er ist später in die Fabrik von Schering eingetreten. Gleichzeitig mit ihm fungierte Dr. ~Beensch~ als Privatassistent und ging dann wie die Brüder ~Ach~ zu der Firma Böhringer & Söhne. Er wurde im Privatlaboratorium durch ~P. Hunsalz~ abgelöst, der länger als gewöhnlich bei mir blieb und namentlich an den Purinsynthesen in hervorragendem Maße beteiligt gewesen ist. Er war in Memel zuhause, stammte aus bescheidenen Verhältnissen und war körperlich ein unansehnlicher Mann, aber klug und außerordentlich fleißig. Seine Neigung, zu hasten und die Versuche zu überstürzen, habe ich schon bei seiner Doktorarbeit über den Hydrazinoaldehyd energisch und auch erfolgreich bekämpft, denn er war später ein recht geschickter Experimentator, der besonders die Kunst sehr schnellen Arbeitens beherrschte. Er war der erste Privatassistent, dem ich mit Rücksicht auf seine Leistungen einen recht erheblichen Zuschuß zum staatlichen Gehalt gewährte. Schließlich kam er auch in das Laboratorium von Böhringer & Söhne, hat sich aber hier anscheinend wegen des Übergewichts der beiden Brüder ~Ach~ nicht wohl gefühlt und ist deshalb nach einigen Jahren zur Firma Schering in Berlin gegangen. Hinterher ist mir dieser Entschluß pathologisch vorgekommen; denn er war in Mannheim-Waldhof gut gestellt. In der Tat hat sich auch nicht lange nachher eine Geisteskrankheit entwickelt, die mit körperlichem Zerfall Hand in Hand ging und ihn schließlich in einen freiwilligen Tod geführt hat. Sein trauriges Schicksal ist mir sehr nahe gegangen, weil ich ihn gern hatte. Er selbst war aber durch die Krankheit so scheu geworden, daß er mich während seiner Anstellung bei Schering niemals mehr besuchte, sondern im Gegenteil jeder Begegnung auswich. Alles das war offenbar der Vorbote der schweren Krankheit.
Ein ähnliches, wenn auch nicht ganz so schweres Schicksal hatte Dr. ~Giebe~, der mehrere Jahre Assistent in der Vorlesung war und mit dem ich eine ziemlich ausgedehnte Untersuchung über die Bildung der Acetale aus Aldehyd und Alkohol bei Gegenwart von Salzsäure ausgeführt habe. Er war damals schon herzkrank, hätte aber mit dem Leiden sicherlich noch sehr lange leben können. Unglücklicherweise besaß er den Ehrgeiz, Soldat zu werden und trat deshalb gegen den Willen der Ärzte als Freiwilliger in ein Jägerbataillon ein. Infolge des anstrengenden Dienstes mußte er aber schon nach mehreren Monaten entlassen werden, und er ist etwa ½ Jahr später fast gleichzeitig mit seinem Vater gestorben. Er war ein sehr tüchtiger, strebsamer und hoffnungsvoller junger Mann, dessen frühzeitiges Ende mir auch sehr leid getan hat.
Viel besser hat sich der Privatassistent Dr. ~Pinkus~ gehalten, der anfangs Hilfsassistent, aber von 1897/98 ab ordentlicher Assistent im Privatlaboratorium war. Er hat die Versuche über die verschiedenen isomeren Formen des Acetaldehyd-Phenylhydrazons ausgeführt und war mir eine besonders treffliche Hilfe in der Verwaltung des Instituts. Als ich ihm diese anbot, erklärte er mir, daß er nicht die geringste kaufmännische Erfahrung besitze und niemals ein Buch geführt habe. Ich vertraute aber doch seiner Veranlagung und es zeigte sich in der Tat, daß er all diese Dinge, man könnte sagen, instinktiv vernünftig und zweckmäßig besorgte. Er hat das Laboratorium geradezu vor manchen unnützen Ausgaben geschützt. Später ist er zu ~Nölting~ nach Mühlhausen gegangen, um sich in der Farbenchemie umzusehen und dann als Chemiker in die Actiengesellschaft für Anilinfabrikation zu Berlin eingetreten. Er hat diese später wieder verlassen, um sich selbständig zu machen.
Einen sehr tüchtigen Nachfolger für ~Hunsalz~ erhielt ich 1897 in Dr. ~Hübner~, gebürtig aus Kreuznach, ein sehr verständiger, ruhiger und gewissenhafter Chemiker. Er hat bei mir die schwierigen Versuche über das freie Purin und seine Methylderivate durchgeführt und mir auch bei der Abfassung der Biographie von ~A. W. von Hofmann~, von der ich den wissenschaftlichen Teil übernommen hatte, in den Herbstferien 1898 während 3 Wochen stenographische Hilfe geleistet. Er bekleidet jetzt bei den Farbwerken zu Höchst eine angesehene Stellung.
Außer den Assistenten fanden immer einige Studierende, die ihre Doktorarbeit ausführten, im Privatlaboratorium Platz. Ich erwähne davon den späteren Direktor einer Schwefelsäurefabrik zu Duisburg Dr. ~Haenisch~, den späteren technischen Direktor der Zellstoffabrik zu Waldhof Dr. ~Hans Clemm~, den späteren Landwirt Dr. ~Kopisch~, den jetzigen Professor der Pharmazie zu London Dr. ~Crossley~.