Chapter 4 of 21 · 3698 words · ~18 min read

Part 4

Der Vetter Julius besaß nicht allein Begabung für geistige Arbeit, sondern hatte auch das besondere Talent, Erkundigungen einzuziehen. Schon als Junge wußte er alles, was sich in der näheren und weiteren Umgebung zutrug. Auch geschäftliche Dinge interessierten ihn. Man konnte kaum etwas Komischeres hören, als wie eine Unterhaltung zwischen ihm und seinem Vater, der von den Gaben des Sohnes sehr hoch dachte und im vertraulichen Kreise nicht selten die Äußerung tat, »der »Jul« wird noch Minister«. Im Alter hatte sich der Erwerbs- und Sparsinn des Vaters bis ins Groteske hinein gesteigert, und er würde direkt materiellen Mangel gelitten haben, wenn nicht der Sohn ~Julius~ zusammen mit seinen Brüdern im geheimen die Hauptkosten des Haushaltes getragen hätten. Charakteristisch ist folgende Geschichte. Eines Tages vermißte der Vater auf seinem kleinen Kontor die Hälfte eines Hunderttalerscheines, und er kam auf den Verdacht, daß ein kleiner Hund, der Liebling vom Sohn ~Julius~, diese Hälfte gefressen habe. Er entschloß sich sofort, das Tier aufschneiden zu lassen und hatte schon einen Operateur bestellt, als Julius von der Gefahr für seinen Liebling Kenntnis erhielt. Es gelang ihm auch, den Vater zu beruhigen, indem er ihm den Hund für 100 Taler abkaufte. Das Geschäft konnte glücklicherweise bald nachher rückgängig gemacht werden, da sich die zweite Hälfte des unglücklichen Hunderttalerscheines wieder vorfand.

Ich bin dem Vetter ~Julius~ in meiner Bonner Studienzeit näher getreten. Er war damals Assessor beim Landgericht, und wir haben hier und da im Rheinischen Hof eine gute Flasche Wein zusammen getrunken. Ich mußte immer sein besonderes Talent bewundern, eine Sache, die an und für sich ganz klar schien, von einer anderen Seite zu betrachten, und Möglichkeiten zu entwickeln, an die ein Laienverstand gar nicht denken konnte. Diese Art, die Welt in einem besonderen Spiegel anzusehen, war für mich sehr anziehend, so daß ich nach dem Doktorexamen im Herbst 1874 den Vetter zu einer Reise nach der Schweiz aufforderte. Obschon zum Reisen wenig aufgelegt, ging er darauf ein, und ich habe selten so viel gelacht, wie auf dieser Tour. Schon bei der Abreise ließen ihn die landschaftlichen Schönheiten des Oberrheintals, die lieblichen Bergzüge des Odenwaldes und Schwarzwaldes ziemlich gleichgültig. Dagegen kontrollierte er aufs Genaueste den fahrplanmäßigen Gang des Zuges und registrierte jede Minute Verspätung. Zu dem Zweck hatte er gleich nach Besteigung des Zuges Krawatte, Hemdenkragen und Rock ausgezogen und dafür einen Regenmantel angelegt. Das sei die beste Methode, um sich gegen den Staub und Schmutz zu schützen, den er für ungesund und unästhetisch hielt. In Basel machten wir zuerst Station. Die Stadt und die Bewohner interessierten ihn lebhaft, aber aus den Sehenswürdigkeiten und der Landschaft machte er sich nicht viel. Er proklamierte damals für Reisen gleich den Grundsatz: Die öffentlichen Gebäude von außen, die Berge von unten und die Gasthäuser von innen anzuschauen. Ich habe später auch von anderen Mitreisenden, z. B. meinem Freunde ~Wilhelm Königs~ ähnliche Worte vernommen, aber sie wurden doch niemals so gewissenhaft durchgeführt, wie von Vetter ~Julius~. Gegen die Abendstunde hatte er immer das Bedürfnis, ein Glas Wein zu trinken, und beim Hinschlendern durch die Stadt war sein Augenmerk auf die Entdeckung eines geeigneten Weinhauses gerichtet. Dem Reisehandbuch traute er gar nicht, ebensowenig den Aussagen der Hotelbedientesten, aber plötzlich entdeckte er auf der Straße einen Mann mit einer ungewöhnlichen großen und feuerroten Nase. »Der muß es wissen« sagte er sofort, und die Auskunft, die wir von dem Herrn erhielten, bewies in der Tat, daß wir uns an die richtige Adresse gewandt hatten.

Von Basel ging's nach Luzern, wo wir in einem Gasthause zweiten Ranges, einem echten Schweizer Hause Quartier nahmen. Den Vetter interessierte es besonders, mit der einheimischen Bevölkerung Fühlung zu nehmen, ihre Sitten, Einrichtungen und Anschauungen kennen zu lernen. Es gelang ihm auch rasch, mit einheimischen Stammgästen ins Gespräch zu kommen. Das alles war begleitet von dem Konsum ziemlich ansehnlicher Weinmengen. Der Reiseweg von dort aus war von ihm auf das genaueste festgestellt und ist auch bis in Kleinigkeiten hinein inne gehalten worden. Er ging zunächst über Flüelen, Andermatt und das Wallis zum Genfer See. Als wir morgens das Schiff bestiegen hatten, um über den Vierwaldstätter See in einer Landschaft, die wirklich des Sehens lohnt, nach Flüelen zu fahren, fiel der Vetter, trotz prächtigen Wetters und des sehr schönen Platzes auf dem Deck gleich nach der Abfahrt in tiefen Schlaf und erwachte erst am Ende der Fahrt. Er schaute sich dann ganz befriedigt um und sagte trocken: »Die Leute müssen denken, ich sei oft hier gewesen«. Von Flüelen hatten wir die Wahl, nach Andermatt entweder mit der Post oder auf Schusters Rappen zu kommen. Vetter ~Julius~ entschied sich kurz für letzteres. Es war ein schwüler Tag und die Landstraße von der Mittagsonne recht heiß und staubig. Das Gepäck hatten wir der Post übergeben, die später abfuhr und zogen nun los. Der Vetter meinte, der Mantel trage sich am bequemsten, wenn man ihn anziehe. Das geschah, und trug nicht wenig dazu bei, den üppig genährten und an körperliche Anstrengungen durchaus nicht gewöhnten Vetter in Dampf zu versetzen. Unglücklicherweise machte um dieselbe Zeit eine Schwadron schweizerischer Kavallerie Übungen in der Gegend. Kleine Trupps kamen häufig an uns vorbei und entwickelten eine ungeheure Staubwolke, die der Vetter für sehr schädlich hielt und der er zu entgehen suchte, indem er den Straßendamm hinab ins freie Feld flüchtete. Durch all diese Umstände war er nach 2 Stunden so erschöpft, daß ich Sorge bekam und ihn aufforderte, in das nächste Gasthaus einzutreten und dann den staubigen Teil des Weges mit der Post abzumachen. Er ging darauf ein und hat nun die Post nicht mehr verlassen, bis wir an den Genfer See gelangt waren. Ich selbst habe die schöneren Teile des Weges zu Fuß gemacht, besonders die Strecke von Andermatt über die Furka nach dem Rhonegletscher. Ich befand mich dabei in der Gesellschaft eines jungen Amerikaners, dessen praktische Weise, zu reisen, mir besonders gefiel. Er war von Kalifornien herüber gekommen und hatte kein anderes Gepäck, als ein kleines Täschchen für Geld, Zahnbürste und Seife. Sobald er in eine Stadt kam, kaufte er neue Leibwäsche, und verschenkte die schmutzige. So hatte er sich schon 2 Monate in Europa herumgetrieben, viel gesehen, sich trefflich unterhalten und hoffte den Trip noch einige Wochen zu verlängern. Abends traf ich immer wieder mit dem Vetter ~Julius~ im Gasthause zusammen und er wußte dann zahlreiche Schnurren über abenteuerliche Postreisen im Gebirge und sonderbare Reisegefährten zu erzählen. An der Teufelsbrücke hatte er sogar ein neues physikalisches Phänomen entdeckt, d. h. einen umgekehrten Regenbogen. Ich wollte es anfangs nicht glauben, habe mich aber später überzeugt, daß bei Wasserfällen durch die Zerstäubung des Wassers in kleine Tropfen bei richtigem Stand der Sonne und des Beobachters diese Erscheinung in der Tat eintreten kann.

Von den landschaftlichen Schönheiten der Schweiz war wenig die Rede. Dagegen interessierte ihn Genf als die Stadt Calvins und als der Hauptsitz des schweizerischen Finanzgeschäftes. Auch hier erlebte ich mit ihm eine komische Szene. Er behauptete, das Wasser, das er zuhause niemals trank, sei in der Schweiz besonders heilsam, nur müßte man es direkt aus der Naturquelle entnehmen. So liebte er es denn, bei den vorgefundenen Brunnen direkt vom Wasserstrahl zu trinken. Das machte er auch bei einem Brunnen in Genf, mußte sich aber, um ans Wasser heran zu kommen, auf die gemauerte Brüstung legen und pendelte hier nun hin und her, um den Strahl mit seinem Munde aufzufangen. Das Bild des kleinen, stark genährten Mannes, auf der Brüstung des Brunnens liegend und trinkend, war so überaus komisch, daß sich ein großer Kreis von Zuschauern bildete. Als er fertig war und die versammelte Menge erblickte, sagte er ruhig, da sehe man wieder, daß man mit wenig Mühe den Leuten viel Spaß machen könne. Von Genf sind wir mit dem Omnibus nach Chamonix gefahren und ich habe dort mehrere kleine Bergtouren gemacht. Seinem Grundsatze getreu blieb Vetter ~Julius~ im Hotel; durch fleißige Erkundigungen bei Touristen, Führern und sonstigem Volk war er aber nachher über Bergtouren viel besser unterrichtet als die große Zahl der Reisenden. Selbstverständlich kontrollierte er auch alle Gäste des Hotels und berichtete eines Abends, draußen beim Wetterhäuschen sei ein aufgeregter deutscher Professor, der die Instrumente kritisiere und das Publikum über den bevorstehenden Wechsel des Wetters belehre. Ich erfuhr nachher, daß es ~Rudolf Fittig~ aus Tübingen sei, der mir als trefflicher Chemiker aus der Literatur schon bekannt war. Ich habe damals nicht gewagt, mich ihm vorzustellen, bin aber einige Jahre später zu ihm in ein näheres Verhältnis getreten. Unter den Fußtouren, die ich von Chamonix unternahm, war auch die damals sehr beliebte Überquerung des mer de glace und der Abstieg über den mauvais pas. Für berggeübte Wanderer ist das ein Spaziergang, aber Leute ohne Erfahrung und ohne das richtige Schuhwerk konnten doch recht leicht ausgleiten und verunglücken. Ich habe deshalb beim Übergang über das Eis mit einem gewissen Schrecken mich daran erinnert, daß mein Vater 5 Jahre vorher denselben Weg mit 5 Damen, d. h. meiner Mutter, zwei Schwestern und den beiden Kusinen ~Marie~ und ~Helene Fischer~ aus Cöln unternommen hatte. Er erzählte auch hinterher, daß es die angstvollsten Stunden seines Lebens gewesen seien.

Die Damen schienen sich dieser Gefahr weniger bewußt zu sein, sie haben im Gegenteil auf dieser Schweizer Reise eine ganze Anzahl von merkwürdigen und lustigen Erlebnissen gehabt, von denen noch lange in unserem Hause geredet wurde.

Der Eindruck, den Vetter ~Julius~ von der Schweiz mit nach Hause nahm, war viel nüchterner; denn als wir wieder im Rheintal waren, meinte er, es sei nicht der Mühe wert, nach der Schweiz zu fahren, denn hier gäbe es auch Berge und Wasser und im Winter Schnee und Eis im Überfluß. Er hat meines Wissens nie mehr die Grenzen des deutschen Reiches überschritten. Dagegen bin ich in späteren Jahren oft und gern in die Schweiz und besonders an den Genfer See zurückgekehrt, habe aber das Chamonixtal nicht mehr gesehen.

Gymnasialzeit.

Begleitet von meinem Vater fuhren Vetter ~Ernst~ und ich anfangs Oktober 1865 nach Wetzlar, wo mein Vater uns bei dem Direktor des Gymnasiums anmeldete. ~Ernst~ wurde auf Grund seines Abgangszeugnisses von Duisburg ohne Anstand in die Prima aufgenommen. Ich mußte aber eine Prüfung durchmachen, weil die Schule zu Euskirchen nicht als gleichberechtigt angesehen wurde. Ich habe sie ohne Mühe bestanden und wurde in die Untersekunda, die mit der Obersekunda in einer Klasse vereinigt war, aufgenommen. Noch heute klingt mir das Gelächter in den Ohren, das die Mitschüler erhoben, als ich zum ersten Mal in meiner markanten niederrheinischen Mundart in der Klasse sprechen mußte. Natürlich erschien mir der Wetzlarer Dialekt, der stark an das Frankfurter Deutsch anklingt, ebenso ungewöhnlich und komisch. Ich habe mich aber bald in dem Kreise zurechtgefunden und wurde nach ½ Jahr sogar Primus der Untersekunda.

Die originellste Persönlichkeit unter den Lehrern war der Mathematiker ~Elstermann~. Die stark mit Kreide beschriebene Tafel pflegte er im Eifer mit seinem langen schwarzen Rock zu reinigen, und die dabei beschmutzten Finger steckte er in das lange buschige Haar. Er war ein guter Mensch und ausgezeichneter Lehrer, der die schwierige Aufgabe, mathematisches Denken in so viel jugendliche Köpfe hineinzubringen, geradezu mit Leidenschaft betrieb.

Wenn er beim Abfragen der einzelnen Schüler auf Mangel an Verständnis oder Interesse stieß, so pflegte er zur eigenen Beruhigung einem gerade in Reichweite befindlichen anderen Schüler eine kleine Ohrfeige zu versetzen. Wenn diese mit steigender Erregung heftiger wurden und der Empfänger unwillig den Lehrer anblickte, dann pflegte er zu sagen: »Gib sie später dem, der sie verdient hat, wieder«. Er hat es aber mit seiner Methode erreicht, daß der mathematische Unterricht an dem Wetzlarer Gymnasium ungewöhnlich gute Resultate brachte.

Das gerade Gegenteil von diesem Mann war der Religionslehrer, den wir fürchteten und haßten, weil er boshaft war und in vielen Dingen den Spion machte. Auch unser Ordinarius, ein klassischer Philologe, genoß wenig Sympathie. Ich habe nur seinen Spitznamen »Specht« behalten. Er war mir anfangs gewogen, entzog mir aber schon im zweiten Semester seine Gunst, weil er mit dem Vetter ~Ernst~ in der Prima Differenzen gehabt hatte. Der Zorn meines Vetters auf diesen Lehrer war so groß, daß er sich zu einem dummen Streich hinreißen ließ, der ihm schweren Schaden hätte bringen können. In Verbindung mit einem anderen Primaner warf er nämlich in tiefer Nacht mehrere Fenster in der Wohnung des Lehrers ein. Ich erfuhr von dieser Tat erst, als sie begangen war, und ich bin glücklicherweise der einzige Mitwisser geblieben. Der Streich erregte großen Lärm in der Schule und der Lehrer Specht machte in den Klassen verlockende Versprechungen für einen Verräter, aber das Geheimnis blieb gewahrt.

Wir lebten in Wetzlar, abgesehen von der Schulaufsicht, ähnlich wie Studenten, denn der Hauswirt kümmerte sich um unser Tun und Treiben gar nicht. Der Hausschlüssel lag jede Nacht in einer Rinne im Steinsockel unter der Haustüre, und wenn wir für Schulversäumnis Zeugnisse über Unwohlsein und dergl. nötig hatten, so unterschrieb er alle Schriftstücke, die wir ihm vorlegten. Wir nannten ihn das Kaffeehäubchen, wegen eines runden Käppchens, das er gewöhnlich trug. Sein Bruder trug den Spitznamen »Der Eisbär«.

Vetter ~Ernst~ und ich hatten zusammen ein Wohn- und Schlafzimmer. Außerdem waren noch zwei andere Gymnasiasten und ein Einjährig- Freiwilliger in dem Hause einquartiert. Der Pensionspreis war recht billig. Er betrug für Wohnung, Heizung und völlige Verpflegung mit Ausnahme alkoholischer Getränke im Jahre nur 110 Taler, also pro Tag und Person etwa 1 Mk. Man kann sich denken, daß es dafür keine lukullischen Mahlzeiten gab. Im Gegenteil, die Kohlrübe und Backpflaumen mit Schweinefleisch spielten dabei eine erhebliche Rolle. Ich sehe noch immer den Eisbär in dem Bache, der an unserem Wohnhause vorüber floß, in einer Bütte die Rüben waschen, die für unsere Ernährung bestimmt waren. Ich habe mir damals nicht träumen lassen, daß die Kohlrübe 50 Jahre später ein so viel gebrauchtes und ebenso viel verwünschtes Nahrungsmittel für das deutsche Volk werden würde.

Die Kontrolle unserer Lebensweise von seiten der Schule war nicht allzu streng. Man besuchte sich gegenseitig auf den sogen. »Buden« und unser Haus bildete von je her einen beliebten Versammlungsort. Leider war die Mehrzahl der Mitschüler, mit denen ich verkehren mußte, erheblich älter als ich; denn es befanden sich darunter viele Bauernsöhne, die erst im reiferen Alter zum Studieren bestimmt worden waren. Einer davon, der noch in unserer Klasse saß, zählte schon 21 Jahre. Die Gewohnheiten dieser jungen Männer waren natürlich anders, als sie für einen Knaben von 13 Jahren paßten. Ihre Gesellschaft war deshalb nicht gerade vorteilhaft für mich. Man bemühte sich, mir möglichst bald das Tabakrauchen, Biertrinken und Skatspielen beizubringen und die übliche Unterhaltung war auch in der Regel auf einen rohen und unanständigen Ton abgestimmt. Das alles ist gewiß nicht ohne Einfluß auf meine von Hause aus recht gute Gesundheit gewesen und ich fürchte, daß der Grund zu meiner späteren Magenkrankheit schon damals durch Unmäßigkeit im Rauchen und Trinken gelegt worden ist.

Glücklicherweise bot die Musik ein Gegengewicht gegen die so ungünstigen Einflüsse. Vetter ~Ernst~ war musikalisch ungewöhnlich begabt und hatte eine Zeitlang sogar die Absicht, Musiker von Beruf zu werden. Auf dem Klavier war er für unsere Begriffe schon ein halber Virtuose, aber außerdem spielte er Geige, Violoncell und Flöte. Ich selbst war gegen ihn ein Stümper, hatte es aber durch fleißige Übung auf dem Klavier soweit gebracht, daß ich Sonaten von Haydn, Beethoven und Mozart usw. leidlich spielen konnte. Infolgedessen wurde ich vom Vetter ~Ernst~ auch beim Zusammenspiel zugelassen, und da sich noch einige Andere musikalische Mitschüler fanden, so haben wir häufig Trio und Quartett auf unserem Zimmer gespielt. Unsere Musik war so gut, daß manche Leute in der Nachbarschaft freudigen Anteil daran nahmen. Den Ansprüchen der Schule konnten Vetter ~Ernst~ und ich ohne große Mühe Genüge leisten. Eine für uns ganz erwünschte Unterbrechung erfuhr der Schulbetrieb im Sommer 1866 durch den Krieg Preußens mit Oesterreich und den Süddeutschen Staaten. Der preußische Kreis Wetzlar war damals ganz umgeben von feindlichen Staaten d. h. von Hessen-Darmstadt und Nassau.

Nachdem die preußischen Truppen ausgerückt waren, blieben wir infolge der Unterbrechung des Eisenbahn- und Postdienstes für mehrere Wochen ganz abgeschnitten, und dann kam noch ein viel wichtigeres Ereignis, die Invasion feindlicher Truppen. Es war, wenn ich nicht irre, eine Badische Division, die aus der Umgegend von Gießen in den Kreis einrückte. Sobald wir davon Kenntnis erhielten, trieb uns die Neugier diesen feindlichen Kriegern entgegen, und ich selbst mit einigen Mitschülern genoß das Vergnügen, von einer Feldwache gefangengenommen zu werden. Wir wurden regelrecht verhört und dann wieder weggeschickt. Zu unserer ungewöhnlichen Freude ging es aber dem unbeliebten Religionslehrer des Gymnasiums viel schlechter. Er hatte sich ebenfalls die fremden Soldaten ansehen wollen, die aber gleich in ihm die Spionnatur, die wir Schüler so fürchteten, erkannten und ihn mehrere Tage festhielten. Einige Tage später rückten die Feinde auch in die Stadt Wetzlar ein und belegten die öffentlichen Gebäude, zu unserer Freude auch das Gymnasium. Wir hatten also etwa 8 Tage unerwartete Schulferien und dadurch Muße genug, uns mit den feindlichen Truppen zu beschäftigen.

Die Kriegführung war damals gemütlicher als heute. Die badischen Soldaten ließen sich zwar gut auf Kosten der Stadt verpflegen, betrugen sich aber sehr anständig, und das Verhältnis zwischen ihnen und den Bürgern der Stadt und namentlich uns Gymnasiasten war recht freundlich. Sie zogen wieder ab, weil inzwischen die preußischen Truppen durch kräftige Schläge bei Kissingen und am Main das Hauptheer der süddeutschen Staaten besiegt hatten. Die nächsten Soldaten, die in die Stadt einzogen, waren leider nur Verwundete, meist Preußen und Bayern, denen wir aufrichtige Teilnahme schenkten; dann kam auch alte preußische Landwehr, die in den benachbarten hessischen und nassauischen Dörfern als sogen. Fresskompagnie zur Beruhigung der etwa rebellischen Bevölkerung verteilt wurde. Durch die siegreichen Schlachten in Böhmen ging der Krieg bald zu Ende und der Schulunterricht wurde nun mit verdoppelter Strenge bis zu den Ferien wieder aufgenommen.

Die Herbstferien dieses Jahres wurden mir völlig verdorben durch die Konfirmation, die in Flamersheim stattfand; denn ich mußte in etwa 4 Wochen den ganzen Heidelberger Katechismus und eine Reihe von Kirchenliedern auswendig lernen, da ich vorher an dem Konfirmandenunterricht nicht teilnehmen konnte. Das gelang mir infolge meines guten Gedächtnisses, aber es trug nicht dazu bei, meinen kirchlichen Glauben, der schon vorher durch den Einfluß meiner älteren Mitschüler in Wetzlar, durch das Lesen des Lebens Jesu von ~David Strauß~ größtenteils verloren gegangen war, zu kräftigen. Tatsächlich bin ich als Freigeist, aber doch mit einem gewissen Gefühl der Beschämung an den Tisch des Herrn getreten, und ich habe den positiven Glauben, den ich in der frühen Jugend besaß, niemals wieder gewonnen. Dagegen bin ich in späteren Jahren wieder zu der Überzeugung gekommen, daß die Religion ein wichtiger Teil der menschlichen Kultur ist und daß der christliche Glaube dem einzelnen Menschen großen sittlichen Wert und inneres Glück geben kann. Meine eigene Mutter und manche der katholischen Mitschüler oder Studiengenossen lieferten den Beweis dafür, und ich habe später in Berlin bei meinen eigenen Söhnen bedauert, daß der Einfluß der Großstadt und leider auch die Atmosphäre der Berliner Schulen der Pflege religiösen Gefühls so wenig günstig sind.

Ein zweites Jahr in Wetzlar verlief ohne politische Störung und brachte schließlich dem Vetter ~Ernst~ das Zeugnis der Reife und mir die Versetzung nach Prima. Ich hatte aber inzwischen Wetzlar satt bekommen und verließ deshalb mit dem Vetter die Schule. Als Erinnerungen an den Wetzlarer Aufenthalt sind mir geblieben die landschaftlichen Schönheiten, die altertümliche Bauart der alten, an einem Bergabhang gelegenen Stadt und die zahlreichen, auch von uns mit Ehrfurcht gepflegten Goethe'schen Überlieferungen. Werthers Leiden war selbstverständlich ein viel gelesenes Buch, ohne daß wir aber von der krankhaften Stimmung des Helden beeinflußt worden wären. Mit den Schulkameraden aus dieser Zeit bin ich niemals wieder in Berührung gekommen und auch die Stadt habe ich nicht wieder gesehen.

In den Herbstferien, die ich gewöhnlich zu Hause verbrachte, wurde als Schule für mich zunächst das Friedrich Wilhelm-Gymnasium zu Cöln in Aussicht genommen. Mein Vater machte auch die nötige Meldung bei dem Direktor, einem Professor ~Jäger~, der als Verfasser einer Weltgeschichte bekannt geworden ist, und der als ausgezeichneter Schulmann aus Württemberg nach Cöln berufen worden war. Die Schule war wegen der guten Leitung überfüllt. Trotzdem hatte mich der Direktor für die Prima vorgemerkt, weil er meinem Onkel, dem Chirurgen, für die Errettung seiner Frau aus schwerer Lebensgefahr sich zu besonderem Danke verpflichtet fühlte. Aber in der brieflichen Antwort, die er meinem Vater schickte, war meine Aufnahme nicht klar ausgesprochen und die Überfüllung der Schule so stark betont, daß wir das Gefühl der Ablehnung unseres Gesuches hatten.

30 Jahre später habe ich den Direktor auf der zweiten Schulkonferenz im Kultusministerium zu Berlin kennen gelernt. Dabei wurde das Mißverständnis über die vermeintliche Ablehnung meiner Anmeldung aufgeklärt, und der alte joviale Herr knüpfte daran die scherzende Bemerkung: »Was hätte aus Ihnen werden können, wenn Sie unter meinen Bakul gekommen wären«. Durch die Verhandlungen in Cöln war viel Zeit verloren gegangen. Das Schuljahr hatte schon begonnen und ich mußte nun schleunigst sehen, anderswo unterzukommen. Die Wahl fiel auf das Gymnasium zu Bonn, wo ich auch richtig an meinem 15. Geburtstage Aufnahme fand. Mein Einzug in die Schule vollzog sich unter scheinbar wenig erfreulichen Auspizien. Es war gerade die Stunde der Mathematik und als der alte Lehrer, Professor ~Zirkel~, der Vater des bekannten Leipziger Professors der Mineralogie, mich erblickte, frug er mich zornig nach Namen und Herkunft und erklärte dann, meine späte Ankunft wäre eine Rücksichtslosigkeit; denn jetzt sei er genötigt, seine Liste wieder zu ändern. Bald darauf klopfte es an der Klassentür und der Schüler, der zum Nachsehen hinausgeschickt wurde, kam lachend zurück. Draußen sei der Vater des neuen Primaners und lade seinen Sohn ein, heute Mittag um 1 Uhr zum Essen im Gasthof Stern zu erscheinen. Das brachte den Zorn des Lehrers von neuem in Wallung und er wurde zum Jubel der ganzen Klasse in seinen Vorwürfen so heftig, daß ich im Begriff war, die Schule wieder zu verlassen und jede Antwort auf seine weiteren Fragen verweigerte. Da merkte er, daß er zu weit gegangen war. Er änderte den Ton, und um mich zu versöhnen, frug er nach Euskirchen und dem Flamersheimer Walde, den er wohl kannte. Nun wurde mir erst klar, daß er im Grunde ein gütiger Mann war, und da er bald mein Interesse für Mathematik entdeckte, so sind wir die besten Freunde geworden. Wenn er sich über die anderen Primaner, von denen manche nicht sehr ehrerbietig gegen ihn waren, geärgert hatte, so pflegte er den Rest der Stunde mit mir allein mit Rechnungen an der Tafel zu verbringen.