Chapter 20 of 21 · 3815 words · ~19 min read

Part 20

Als besondere Gäste des Privatlaboratoriums sind zu verzeichnen Dr. ~Robert Pschorr~ und Fräulein ~Hertha von Siemens~. Der erste hatte sich schon im Jahre 1892 bei mir in Würzburg als Student angemeldet, änderte aber seinen Entschluß, als er hörte, daß ich im Oktober nach Berlin übersiedle, weil München und Berlin diejenigen Städte seien, die er während der Studienzeit vermeiden müsse. Statt dessen ging er zu ~Knorr~ nach Jena und promovierte auch dort. Im Herbst 1895 kam er aber zu mir nach Berlin, und ich konnte ihm einen gerade frei gewordenen Platz im Privatlaboratorium überlassen. Er hat hier nach eigenen Plänen über Synthese von Phenanthrenderivaten gearbeitet, aber von mir doch manchen guten Rat empfangen. Nach 1½jähriger eifriger und erfolgreicher Arbeit kündigte er mir an, daß er jetzt zusammen mit dem jungen Dr. ~Meister~ eine Weltreise unternehmen wolle. Ich riet davon ab mit der Begründung, daß man solche langen Reisen wohl zu ernsten Zwecken, aber nicht nur zur Unterhaltung als sogen. Globetrotter unternehmen solle. Da aber alle Vorbereitungen schon getroffen waren, so ließ er sich nicht abhalten und kehrte auch glücklicherweise unbeschädigt an Körper, Geist und Arbeitslust nach etwa ⅔ Jahren zurück, um seine chemischen Untersuchungen zunächst wieder im Privatlaboratorium fortzusetzen. Bald nachher heiratete er ein Fräulein aus Frankfurt a. M. Durch den täglichen und vertrauten Verkehr im Laboratorium habe ich ihn rasch lieb gewonnen; denn er ist ein feiner, gut gebildeter Mann, musikalisch, auch zu hübschen Gelegenheitsgedichten in bayerischer Mundart befähigt und sehr bereit, anderen Leuten Hilfe zu gewähren oder eine Freude zu machen. Bei der Übersiedlung ins neue Institut konnte ich ihm eine Assistentenstelle anbieten, und als ~Harries~ nach Kiel berufen wurde, übernahm er die Stelle eines Abteilungsvorstehers, bis er im Frühjahr 1914 als Nachfolger von ~Liebermann~ an die technische Hochschule zu Charlottenburg kam. Seit Ausbruch des Krieges steht er im Felde, z. Zt. als Major im bayerischen Heere, und bei der Jubiläumsfeier der chemischen Gesellschaft erhielt er als früherer Redakteur der Berichte auf meinen Antrag den Titel Geheimer Regierungsrat.

Fräulein ~von Siemens~ war die erste Frau, die als Praktikantin in das chemische Institut aufgenommen wurde. Sie war mir von ~Anton Dohrn~, dem Schöpfer der zoologischen Station zu Neapel, mit dem sie befreundet war, warm empfohlen. Sie hatte schon verschiedene naturwissenschaftliche Fächer studiert und wollte sich nun in Chemie, besonders dem organischen Teil, unterrichten, um später in Neapel biologische Studien anstellen zu können. Sie war damals schon 29 Jahre alt, und da sie wohl keine Zeit gehabt hatte, die Chemie von Grund aus zu betreiben, so nahm ich sie für ein Wintersemester ins Privatlaboratorium, wo sie organische Präparate und einige Analysen ausführte und der speziellen Fürsorge von Dr. ~Hübner~ anvertraut war. Sie nahm die Sache recht ernst, aber natürlich war es auch ihr nicht möglich, im Fluge eine so schwierige Wissenschaft wie die Chemie zu bewältigen, zumal ich sie wegen Platzmangel nicht länger wie ein Semester im Privatlaboratorium behalten konnte. Ihren Dank für den genossenen Unterricht brachte sie dadurch zum Ausdruck, daß sie mehrere jüngere, unverheiratete Assistenten wiederholt in die von ihr und ihrer Mutter bewohnte prächtige Villa zu Charlottenburg einlud. Auf diese Weise machte sie auch die Bekanntschaft von Dr. ~Harries~, der sie im Herbst 1899 heiratete. So ist sie der Chemie dauernd treu geblieben und hat ihr Interesse an unserer Wissenschaft später durch reichliche Gaben insbesondere auch zugunsten des Kaiser Wilhelm-Instituts für Chemie bekundet. Sie ist eine vornehme Frau, die vielleicht Gutes geleistet hätte, wenn sie früher in die Wissenschaft gekommen und dauernd dabei geblieben wäre.

Seitdem sind viele Frauen in unser Institut gekommen und während des Krieges haben sie sogar die Mehrheit unter den Praktikanten erreicht. Genau so wie bei den jungen Männern sind ihre Leistungen außerordentlich verschieden. Es gibt darunter oberflächliche, auch leichtfertige Elemente, die sich mehr zur Schau oder zur Unterhaltung in die Hörsäle und Institute drängen. Aber die Mehrzahl, besonders von den deutschen Frauen denken doch ernster, und unter den Mädchen, die in den letzten Jahren das Institut besuchten, habe ich 2 oder 3 kennen gelernt, die guten Chemikern an Leistungen ganz gleich zu stellen waren. Trotzdem habe ich mich von der Zweckmäßigkeit des Frauenstudiums in der Chemie nicht überzeugen können, weil die Erfahrung lehrt, daß die Mehrzahl der studierten Frauen und gerade die besten später heiraten und dann gewöhnlich nicht mehr imstande sind, ihren Beruf auszuüben. Sobald das eintritt, sind Geld und Arbeit, die für das Studium aufgewandt wurden, verloren, und dasselbe gilt für die große Mühe, welche die Dozenten der Chemie in den Laboratorien für den Unterricht aufwenden müssen. Für die Zeit des Krieges und vielleicht auch noch für einige Jahre des Friedens mag ja wohl die Hilfe der Frau in der Chemie unentbehrlich sein, weil die Männer fehlen. Auch die Gefahr der Verheiratung ist augenblicklich geringer geworden, aber sobald wieder normale Verhältnisse eintreten, wird voraussichtlich meine obige Ansicht von neuem zu Recht kommen. Ich hoffe deshalb, daß in Zukunft das Studium der Frau sich mehr auf die Fächer beschränkt, wo weibliche Gelehrte ein wirkliches Bedürfnis decken können. Das ist der Fall in gewissen Zweigen der Medizin und vor allen Dingen in dem Lehrberuf; denn ich erwarte, daß auch bei uns die Zeit kommen wird, wo man den Unterricht in der Volksschule und Mittelschule, auch für die Knaben bis etwa zum Alter von 11-12 Jahren, vorzugsweise der Frau anvertraut, ohne dabei Gefahr zu laufen, eine zu feminine männliche Jugend heranzuziehen.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts traten zwei Männer in die Reihe der Assistenten ein, die sich zu meiner Freude der anorganischen Chemie widmen wollten, und die auch später auf diesem Gebiete die schönsten Erfolge erzielt haben. Sie waren beide in unserem Institut herangebildet. Der eine war der Schwabe ~Otto Ruff~, absolvierter Apotheker, aber im Besitz des Abituriums und bei uns vollständig als Chemiker ausgebildet. Seine Dissertation führte er als Organiker unter ~Piloty~ aus, fand dann selbständig einen Abbau der Zucker, der einfacher als das ältere ~Wohl~sche Verfahren ist. Etwas später habe ich mit ihm noch eine kleine Arbeit über die Konfiguration der Xylose und den synthetischen Übergang von der Mannit- zur Dulcitreihe publiziert. Dann hat er sich fast ausschließlich mit anorganischen Aufgaben beschäftigt, wozu ich ihn auch gewissermaßen verpflichtet hatte, als er im Oktober 1897 eine Unterrichtsstelle in der analytischen Abteilung übernahm. Er ist hier 1900 Oberassistent und im Frühjahr 1903 Abteilungsvorsteher geworden. 1½ Jahre später wurde er ordentlicher Professor der anorganischen Chemie an der neugegründeten Hochschule zu Danzig und ist jetzt in gleicher Eigenschaft an der technischen Hochschule zu Breslau tätig. ~Ruff~ ist ein begabter, sehr fleißiger und energischer Chemiker, der keine Mühe scheut, schwierige experimentelle Arbeiten zu unternehmen und durchzuführen. Auch als Lehrer genießt er guten Ruf. Von seiner Neigung, für seine Überzeugung zu kämpfen, habe ich einmal im Interesse des Instituts Nutzen gezogen. Bei dem Neubau war nämlich bei Bestellung von kleinen Rollwagen zum Transport von Chemikalien innerhalb des Instituts versäumt worden, einen Kostenanschlag einzufordern. Infolgedessen lieferte die betreffende Firma zwei für uns unbrauchbare Wagen und stellte dafür eine übertrieben hohe Rechnung aus. Dadurch entstand ein Prozeß, den ~Ruff~ mit Vergnügen und komischer Tatkraft für das Institut führte und auch glänzend gewann. Seine Freude am Disput hat ihn auch hier und da in Streit mit den Altersgenossen gebracht. Ich selbst habe in ihm aber stets einen verständnisvollen und zu jeder nützlichen Tätigkeit bereiten Mitarbeiter gefunden. In Anerkennung seiner eifrigen experimentellen Forschung hat es mir Freude gemacht, ihm wiederholt Geldunterstützungen für seine Arbeiten von Seiten der Akademie der Wissenschaften oder aus anderen Quellen zu verschaffen.

Der zweite Anorganiker war ~Alfred Stock~, der im Oktober 1898 zunächst Vorlesungsassistent wurde. Auch er hat als Organiker promoviert, was seiner experimentellen Ausbildung nicht schädlich gewesen ist. ~Stock~ ist ein Berliner Kind und hatte sich schon im Friedrich Werderschen Gymnasium sehr ausgezeichnet, so daß ihm von dort ein dreijähriges Stipendium für die Studienzeit gewährt wurde. Er war auch als Vorlesungsassistent sehr brauchbar und darauf bedacht, neue Experimente zu finden oder die alten zu verbessern, bezw. zu verschönern. Als seine Neigung zur anorganischen Chemie sicher war, riet ich ihm im Herbst 99, zu ~Moissan~ nach Paris zu gehen und verschaffte ihm für diesen Zweck vom Kultusministerium ein Reisestipendium. Er hat auch ~Moissan~ so gut gefallen, daß er mich im Frühjahr 1900 ersuchte, ~Stock~ ein weiteres halbes Jahr bei ihm zu lassen. Im Spätsommer 1900 kam dann ~Stock~ von Paris zurück, dankerfüllt gegen ~Moissan~, der ihn so freundlich aufgenommen und belehrt hatte, auch als Kenner von einzelnen Methoden und Apparaten, die in Frankreich üblich und in Deutschland kaum bekannt waren. Z. B. sind wir so in den Besitz der so bequemen Quecksilberwanne gekommen, die von ~Berthelot~, ~Moissan~ und anderen französischen Gelehrten benutzt wurde und wegen ihrer Größe ein recht bequemes Arbeiten mit Gasen gestattet. Leider verlangt sie auch eine ziemlich kostspielige Quecksilberfüllung.

Nach seiner Rückkehr hat sich ~Stock~ ausschließlich der anorganischen Chemie gewidmet, durchlief die übliche Stufenleiter im Institut als Unterrichtsassistent und Abteilungsvorsteher und wurde 1909 als ordentlicher Professor der anorganischen Chemie an die technische Hochschule zu Breslau versetzt. Einige Jahre später erhielt er die Ernennung zum ordentlichen Professor und Direktor des chemischen Instituts an der Universität zu Münster. Damit wurde nach langen Jahren zum ersten Mal wieder eine ordentliche Professur der Chemie einem Anorganiker anvertraut und zwar ohne die Verpflichtung, die Elementarvorlesung über organische Chemie mitzulesen. Bevor aber ~Stock~ das neue Amt antrat, gab ~Willstätter~ seine Stellung am Kaiser Wilhelm-Institut für Chemie auf, um als Nachfolger von ~Baeyer~ nach München zu gehen. ~Stock~ bewarb sich nun um diese Stelle und wurde von dem Verwaltungsrat unter denselben Bedingungen wie ~Willstätter~ ernannt. Inzwischen war der Krieg ausgebrochen und ~Stock~, der noch im wehrpflichtigen Alter stand, übernahm alsbald kriegswissenschaftliche Arbeiten. Auch die Räume im Kaiser Wilhelm-Institut mußte er abtreten, da sie für den Gaskampf in Anspruch genommen wurden, und so kehrte er denn für die Dauer des Krieges in unser Institut zurück. ~Stock~ ist ein sehr geschickter Experimentator und im Bau von wissenschaftlichen Apparaten dürfte er die erste Stelle unter den jüngeren Chemikern Deutschlands einnehmen. Den Beweis dafür liefert die glänzende Untersuchung über die Verbindungen des Wasserstoffes mit Silizium und Bor. Zudem ist er ein ausgezeichneter Redner und ich glaube nicht, das irgend ein anderer deutscher Chemiker ihm in der Gestaltung der anorganischen Experimentalvorlesung gleichkommt. Es ist mir deshalb eine große Beruhigung, daß er mich jetzt in dieser Vorlesung vertritt und dadurch den chemischen Unterricht in Berlin vor weiterem Niedergang schützt. Wenn ~Stock~ im zukünftigen Frieden so weiter arbeitet wie bisher, so wird er vermutlich einer der hervorragendsten Vertreter der anorganischen Chemie in der Welt werden.

Im Wintersemester 1899/1900, dem letzten im alten Institut, erhielt noch ~Otto Diels~ eine Assistentenstelle. Er hatte zuvor seine Doktorarbeit unter meiner Leitung ausgeführt und wurde Nachfolger von ~Stock~, zunächst als Vorlesungsassistent. Von ihm stammt die neue Fassung des Vorlesungsbuches, die er als gewandter Zeichner mit vielen hübschen Illustrationen geschmückt hat. Er ist der Sohn des klassischen Philologen und jetzigen Sekretärs der Akademie der Wissenschaften, und war ebenso wie seine Brüder von vornherein entschlossen, wenn irgend möglich, die akademische Laufbahn einzuschlagen. Er ist später Unterrichtsassistent in der organischen Abteilung und nach dem Weggang von ~Pschorr~ dessen Nachfolger als Abteilungsvorsteher geworden. Inzwischen hat er sich in der Wissenschaft einen geschätzten Namen durch die Entdeckung und systematische Untersuchung des Kohlensuboxyds gemacht. Während des Krieges wurde er Nachfolger von ~Harries~ in Kiel, nachdem ~W. Traube~ den zuvor an ihn ergangenen Ruf abgelehnt hatte. ~Diels~ ist ein guter Experimentator und auch als Lehrer recht beliebt. Er hat mehrere Jahre für mich die Vorlesung über anorganische Chemie gehalten und auch einen in Berlin viel gebrauchten Grundriß der organischen Chemie geschrieben. Mir war er alle Zeit ein lieber Schüler und Kollege.

Mit der Eröffnung des neuen Instituts in der Hessischen Straße, das ungefähr dreimal so viel Arbeitsplätze hatte, wie das alte Haus und in technischer Beziehung viel vollkommener ausgestattet ist, wuchs natürlich die Zahl der Assistenten und gleichzeitig wurden drei Abteilungsvorsteherstellen geschaffen. Zwei davon fielen den beiden Leitern der analytischen Abteilung zu und die dritte wurde für die organische Chemie bestimmt. Das entsprach der räumlichen Einteilung des Instituts in vier gleich große Unterrichtssäle, von denen einer gleichsam als Abteilung von mir selbst besorgt worden ist.

Die ersten Abteilungsvorsteher waren ~Gabriel~ und ~Harries~. Die dritte Stelle wurde provisorisch von ~Ruff~ verwaltet, der zu dem Zweck die Stelle eines Oberassistenten erhielt und 1903 zum Abteilungsvorsteher aufstieg. Unter den neuen Assistenten befanden sich auch der früher schon erwähnte ~R. Pschorr~, ferner Dr. ~Lehmann~, der sich namentlich um den Neubau Verdienste erwarb und später in die Farbenfabriken vorm. F. Bayer & Co. zu Elberfeld eintrat, endlich Dr. ~A. Wolfes~ und Dr. ~Poppenberg~. ~Wolfes~ hat als mein Privatassistent bei den Arbeiten über Aminosäuren und Polypeptide vortreffliche Dienste geleistet. Er nahm auch teil an den Versuchen über Veronal, und das war wohl der Grund, weshalb er im Jahre 1903 von der Firma E. Merck in Darmstadt für das wissenschaftliche Laboratorium angeworben wurde, nachdem er zuvor sein militärisches Dienstjahr abgeleistet hatte. In dieser Stellung hat er sich sehr bewährt und wird von der Firma als treuer und tüchtiger Mitarbeiter ebenso sehr geschätzt, wie das von mir geschehen.

Während des Krieges ist er Leutnant in einem Infanterieregiment geworden und trotz seines anscheinend nicht starken Körpers hat er die großen Strapazen des Feldzuges an der Westfront gut vertragen.

~Poppenberg~ war Unterrichtsassistent in der analytischen Abteilung. Er ist später Lehrer und Professor an der Artillerieschule zu Charlottenburg geworden, hat sich auch wissenschaftlich mit Erfolg auf artilleristischem Gebiet betätigt und während des Krieges mehrere in sein Fach einschlagende Erfindungen gemacht. Leider verlor er in der jetzigen Stellung bei der Ausführung einer Stickstoffanalyse durch einen Tropfen Kalilauge ein Auge.

Im Winter 1900/01 trat auch Dr. ~Rohmer~ in die Reihe der Assistenten ein und blieb einige Jahre in der analytischen Abteilung, wo er verschiedene kleine Erfindungen, z. B. Verbesserung der Arsenbestimmung durch Destillation als Arsen-Trichlorid machte. Er ist dann in den Dienst der Höchster Farbwerke getreten und hat hier als technischer Erfinder schöne Erfolge gehabt.

Zur selben Zeit war Dr. ~Franz~, Sohn des Wirten vom Siechenbierhause, mein Vorlesungsassistent.

Ein Mann von besonderem Typ war Dr. ~Wolf von Loeben~, Sprosse einer adeligen Offiziersfamilie in Sachsen. Er hatte sein Doktorexamen bei ~Behrend~ in Hannover über die γ-Methylharnsäure ausgeführt und war dann kurze Zeit Mitarbeiter bei den thermochemischen Untersuchungen von ~Stohmann~ in Leipzig gewesen. Er hat bei mir zunächst eine kleine Arbeit in der Harnsäuregruppe ausgeführt und wurde dann zunächst Hilfsassistent in der thermochemischen Abteilung, die ich im neuen Institut eingerichtet hatte. Es war mir sehr bequem, daß er hierfür die Erfahrungen aus dem ~Stohmann~'schen Laboratorium mitbrachte. Die Resultate unserer gemeinsamen Versuche sind in einigen Abhandlungen in den Sitzungsberichten der Berliner Akademie niedergelegt. ~Loeben~ war ein behaglicher Sachse, der sich persönlich allgemeiner Beliebtheit erfreute, aber übermäßige Arbeit nicht liebte und deshalb auch vor der chemischen Industrie zurückscheute. Statt dessen bekam er die Stelle eines Assistenten in einer wissenschaftlichen Versuchsanstalt des Reichsschatzamtes, die unter Leitung des Professors ~K. von Buchka~ stand. Hier ist er kurz vor dem Kriege infolge einer Pyämie an einer kleinen Wunde gestorben. Trotz seiner persönlichen Gutmütigkeit war er politisch ein ausgesprochener Chauvinist und stellte sich als solcher an die Spitze einer Opposition in der chemischen Gesellschaft, welche die Wahl von ~Sabatier~ zum Ehrenmitglied aus politischen Gründen bekämpfte. Ich mußte ihm damals ziemlich scharf entgegentreten, was aber ohne Einfluß auf unser freundschaftliches persönliches Verhältnis geblieben ist.

Neben den ordentlichen Assistenten haben im neuen Hause immer einige Hilfsassistenten, teils besoldet, teils unbesoldet an meinen Arbeiten im Privatlaboratorium teilgenommen. Dahin gehören die Herren Dr. ~Bethmann~ und Dr. ~Hagenbach~, ein Sohn des bekannten Professors der Physik an der Universität Basel. Sie sind beide später in die Höchster Farbwerke eingetreten und Dr. ~Hagenbach~ hat sich hier durch gute Leistungen eine recht geachtete Stellung geschaffen.

In derselben Eigenschaft war Dr. ~E. Frankland Armstrong~, Sohn des Professors ~Henry Armstrong~ in London, mehrere Jahre bei mir tätig, nachdem er zuvor eine Untersuchung in der Puringruppe ausgeführt hatte, und daraufhin von der Berliner Fakultät zum Dr. phil. promoviert worden war. Er ist ein spekulativer und auch experimentell gut veranlagter Chemiker, der bei mir ziemlich schwere Versuche über die Synthese von Disacchariden und die Bereitung von Acetohalogen-Glucose durchgeführt hat. Leider ist die Existenz der isomeren als α- und β-Verbindung bezeichneten Acetochlor-Glucosen durch meine späteren Beobachtungen sehr zweifelhaft geworden und bei der Überführung unserer ursprünglichen Präparate in α-Methylglucosid, die als Beweis für die Struktur des vermeintlichen α-Halogenkörpers gedient hatte, muß entweder ein Irrtum passiert oder eine zufällige Änderung der Konfiguration eingetreten sein.

~Armstrong~ hat später ein hübsches Büchlein über die einfachen Kohlenhydrate geschrieben, das von Dr. ~Eugen Unna~ ins Deutsche übersetzt wurde. Er hat ferner in London interessante Versuche über die Spaltung der α- und β-Glucoside mit Enzymen angestellt, mußte aber, weil er früh heiratete, wahrscheinlich aus materiellen Gründen eine Stellung in der Industrie annehmen, was seinen rein wissenschaftlichen Arbeiten natürlich Abbruch tat.

Von den neuen Assistenten des Wintersemesters 1901/02 sind Dr. ~Georg Röder~ und Dr. ~Alfred Dilthey~ besonders zu nennen. Ersterer hat bei mir die Synthese des Uracils, Thymins und ähnlicher Verbindungen nach neuen Methoden ausgeführt. Er ist ein begabter und auch theoretisch gut unterrichteter Chemiker, der sicherlich sehr hübsche Sachen hätte machen können, wenn er die nötige Ausdauer besessen hätte. Er hat es aber vorgezogen, nach einigen Semestern das Laboratorium zu verlassen und auf Reisen zu gehen. Von Zeit zu Zeit tauchte er wieder in Berlin auf und wußte dann Interessantes über seine Erlebnisse zu berichten. Wenn ich nicht irre, hat er mehrere fremde Kontinente kennen gelernt und zuletzt war er im Laboratorium von ~Piutty~ in Neapel als Unterrichtsassistent tätig. Hier wurde er durch den Krieg verscheucht, kehrte nach Berlin zurück und wurde dann bald Soldat. Wie ich höre, hat er durch Vermittlung seiner chemischen Freunde bald bei einem A. O. K. eine Anstellung gefunden, wo er trotz seines niedrigen militärischen Ranges seine vielfachen chemischen und technischen Kenntnisse glücklich verwerten konnte.

~Alfred Dilthey~ war der jüngste Sohn meiner verstorbenen Schwester ~Mathilde~, schon als Knabe bildhübsch und aufgeweckt. Nachdem er ein Semester in Genf studiert hatte, kam er im Herbst 1895 nach Berlin und blieb hier mehrere Jahre. Da er nur das Abiturium von einer Oberrealschule hatte und die Berliner Fakultät in solchen Fällen geneigt war, Schwierigkeiten zu machen, so ging er auf meinen Rat zur Promotion zu ~Hantzsch~ nach Würzburg. Dann diente er als Einjährig-Freiwilliger in Düsseldorf in einem Ulanenregiment und kehrte 1901 nach Berlin zurück. Hier nahm er im Privatlaboratorium teil an meinen Arbeiten über die Amidbildung bei alkylierten Malonestern und an den Synthesen von alkylierten Barbitursäuren, von denen das Veronal ein bekanntes Schlafmittel geworden ist. Da er zur wissenschaftlichen Laufbahn keine Lust hatte, so machte er 1902 eine Reise nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika und kehrte von dort ¾ Jahre später, leider ziemlich heftig an Malaria erkrankt, zurück.

Er hat lange gebraucht, um sich zu erholen und ließ sich später in Berlin nieder, um ein eigenes Geschäft zu gründen. Meinen Rat, in eine der bestehenden chemischen Fabriken einzutreten oder sich an der blühenden Baumwollspinnerei seines Vaters und Bruders in Rheydt zu beteiligen, lehnte er ab, und bei den eigenen Geschäftsunternehmungen blieb er ohne Erfolg. So ist es gekommen, daß dem talentvollen, klugen und auch fleißigen jungen Mann eine richtige Lebensstellung, die seinen Fähigkeiten und seinen materiellen Mitteln entsprochen hätte, unerreichbar blieb. Er ist in dieser Beziehung, wenn man will, ein Opfer seiner Vorliebe für die Großstadt geworden. Beim Ausbruch des Krieges zog er ins Feld. Hier ist er als Offizierstellvertreter mit seiner Kolonne im Sommer 1915 von Kosaken überfallen und niedergemacht worden. Er ruht in polnischer Erde.

Solange er in Berlin weilte, war er regelmäßig an Sonn- und Festtagen mein Gast und bemühte sich, die jüngeren Vettern, meine Söhne, in allen Künsten männlicher Jugend, wie Kartenspiel, Weintrinken, Sportgeschichten, studentische Angelegenheiten, Tanzfragen, Verkehr mit Damen und dergl. heranzubilden. Die Jungen lauschten, besonders solange sie noch auf der Schule waren, mit Staunen und Hochachtung seinen Lehren und die vier jungen Leute bildeten ein durch Lustigkeit und Eintracht ausgezeichnetes Quartett. Es kam mir manchmal so vor, als wenn ~Alfred Dilthey~ mit zu meinen Söhnen gehörte. Von diesen vier prächtigen Menschen ist infolge des unseligen Krieges nur einer übrig geblieben.

Gleichzeitig mit ~Dilthey~ waren im Privatlaboratorium drei Herren, die trotz der Verschiedenheit ihres Wesens gute Freundschaft miteinander hielten und auch zu ausgelassenen Streichen sich öfters vereinten. Der unternehmendste davon war Dr. ~Theodor Dörpinghaus~ aus Elberfeld, ein schöner, durch körperliche Kraft ausgezeichneter Mann, in mancherlei Sport geübt und zu abenteuerlichem Leben geneigt. In der Chemie zeichnete er sich weniger durch Feinheit der Beobachtung, als durch schnelles, energisches Anfassen der experimentellen Aufgaben aus. Er hat die erste ziemlich mühsame Hydrolyse von Horn und ähnlichen Proteinen durchgeführt. Später ist er auf Reisen gegangen und hat sich nicht allein in Amerika und Asien, sondern auch ziemlich lange in Zentral-Afrika und Marokko aufgehalten. Die Frucht der letzten Reisen war eine Anklageschrift gegen die Verwaltung des belgischen Kongostaates, die einiges Aufsehen erregte. Seit Ausbruch des Krieges habe ich nichts mehr von ihm gehört, vermute aber, daß er tätigen Anteil genommen hat und ohne Schaden davon gekommen ist; denn in Überwindung von Gefahren hat er immer Geschick gezeigt und Glück gehabt. In der letzten Zeit seines Berliner Aufenthaltes war er zusammen mit seinen Freunden Dr. ~Ernst Königs~ und ~Eduard Andreae~ Besitzer eines alten Segelbootes, auf dem er alle freien Tage des Sommers zubrachte und uns auch zuweilen auf dem Wannsee seine Wasserkünste vorführte.

Dr. ~Peter Bergell~, der Sohn eines mecklenburgischen Landwirten, ist Mediziner. Bevor er zu mir kam, war er Assistent an der Klinik der inneren Medizin zu Breslau. Infolge guter Vorstudien fand er sich rasch in unsere Arbeitsweise und hat bei mir die Isolierung der Aminosäuren als Derivate der β-Naphtalinsulfosäure bearbeitet. Mit Hilfe dieses Reagens gelang uns zum ersten Mal schon 1902 der Nachweis, daß bei gemäßigter Hydrolyse des Seidenfibroins ein Dipeptid, das Glycylalanin, entsteht. Nach dem Verlassen unseres Instituts wurde ~Bergell~ zuerst der medizinische Berater einer Fabrik für pharmazeutisch-chemische Präparate in Berlin. Später ist er zur reinen Medizin zurückgekehrt und hat augenblicklich eine umfangreiche Praxis als Spezialist für Stoffwechselkrankheiten. Seine Freunde rühmten ihm große Gewandtheit in geschäftlichen Dingen nach.

Neuerdings ist er unter die Schriftsteller gegangen und hat ein viel gelesenes Buch »Die linke Landgräfin« herausgegeben, in dem er das Problem der Bigamie behandelt.

Ganz anders geartet war Dr. ~Hermann Leuchs~, eine stille Gelehrtennatur, ausgezeichnet durch Schweigsamkeit, Ruhe und Ernst. Er stammt aus einer Fabrikantenfamilie zu Nürnberg, kam anfangs des Jahrhunderts nach Berlin und führte unter meiner Leitung eine Doktorarbeit über die Synthese von Oxyaminosäuren aus. Ihre schönste Frucht war die künstliche Bereitung des Serins und Glucosamins. Die Geschicklichkeit und Sorgfalt, die er dabei bewies, war für mich die Veranlassung, ihn als Privatassistenten bei den schwierigen Arbeiten über Polypeptide zu wählen. Nachdem er hier zwei Jahre lang vortreffliche Dienste geleistet hatte, wurde er Unterrichtsassistent in der organischen Abteilung und schließlich nach dem Weggang von ~Diels~ dessen Nachfolger als Abteilungsvorsteher.

~Leuchs~ ist ein grundgescheiter Chemiker und sehr geschickter Experimentator. Das beweisen seine späteren Untersuchungen besonders über den Abbau der Strychnosalkaloide. Ich hoffe, daß sie ihm in nicht allzu langer Zeit eine selbständige Stellung bringen werden.