Chapter 3 of 21 · 3967 words · ~20 min read

Part 3

Die erhöhte Einkommensteuer kam bei der in Preußen üblichen Veranlagung auch der Gemeinde zugute und der Prozentsatz, in welchem die Gemeindesteuer bis dahin erhoben wurde, hätte vernünftigerweise ermäßigt werden müssen. Das hatte auch mein Vater angeregt; aber statt dessen wurde nur die Gewerbesteuer herabgesetzt. Als mein Vater das als ungerecht bezeichnete und die Möglichkeit andeutete, daß vermögende Leute, die kein Gewerbe mehr betrieben, bei der nunmehr recht hohen Gemeindesteuer die Stadt verlassen könnten, entgegnete man ihm spöttisch: Ein Mann wie er, der im Alter von 84 Jahren stehe, würde sich nicht mehr zu einem Wechsel des Wohnsitzes entschließen können. Dieser Appell an seine Altersschwäche ärgerte ihn, und um den Leuten das Gegenteil zu beweisen, entschloß er sich sofort, Euskirchen zu verlassen. Ohne einem seiner Kinder ein Wort davon zu sagen, löste er den Haushalt auf und verließ die Stadt und Preußen und zog im Sommer 1892 nach Straßburg i. Els. Kurz vorher machte er bei mir noch einen Besuch in Würzburg, wovon später die Rede sein wird. Es war aber damals schon zu spät, seinen Entschluß zu ändern.

Der endgültige Umzug ist in den einfachsten Formen erfolgt. Ein Verwandter traf den alten Herrn zu Cöln am Bahnhof, im primitivsten Anzug, die Jagdflinte auf dem Rücken, den Hund an der Strippe und in der anderen Hand einen bescheidenen Handkoffer. Auf die Frage: »Nun, Herr ~Fischer~, wo geht's hin?« erfolgte die knappe Antwort: »Domizilveränderung nach Straßburg«. Hier wohnte er zuerst im Gasthaus und später bei meinem Vetter ~Ernst Fischer~, dem außerordentlichen Professor der Chirurgie, der in seinem geräumigen alten Hause in der Küfergasse eine Privatklinik eingerichtet hatte und dessen Frau aus einer elsässischen Bauernfamilie einen einfachen aber guten Haushalt führte.

Mein Vater hat hier rasch einen ihm zusagenden Bekanntenkreis gefunden, besonders unter den Jägern. Nach wenigen Monaten war er an einer Jagd beteiligt und hatte, wie er lachend erzählte, auch schon einen Prozeß, den er richtig gewann. In späteren Zeiten hatte er Fühlung mit den Offizieren der Garnison und wurde zu deren Treibjagden eingeladen. Wegen seines hohen Alters erhielt er dann den Ehrenplatz neben dem Höchstkommandierenden, und es machte ihm großen Spaß, diesem die Hasen fortzuschießen, was die jüngeren Offiziere sich nicht erlauben durften. Den Verkehr mit Offizieren war er übrigens gewohnt, da in der Umgebung von Euskirchen sehr oft im Herbst militärische Übungen stattfanden. Zweimal wurde sogar das Kaisermanöver dort abgehalten und dann waren immer hohe Offiziere in unserem Hause einquartiert. Auch an Hirsch- und Saujagden in den Vogesen hat er sich beteiligt.

Häufige Reisen führten ihn von Straßburg nach dem Niederrhein und auch nach Berlin, um geschäftliche Dinge, besonders die Teilnahme an den Aufsichtsratssitzungen zu erledigen.

Als er 90 Jahre alt wurde, entschloß er sich zur Rückkehr nach Preußen. Aber bezüglich der Steuern hatte er sich inzwischen feste Grundsätze zurechtgelegt, die nicht ganz leicht zu verwirklichen waren. Die Staatssteuer, so hörte man ihn öfters sagen, wolle er gerne bezahlen, weil der Schutz des Staates für jedermann unentbehrlich sei. Dagegen die Gemeinde habe er nicht mehr nötig und er sehe nicht ein, daß er für diese viel bezahlen solle. Er wolle deshalb den Wohnsitz in einer Gemeinde wählen, die durch niedere Steuern ausgezeichnet sei. So kam er zuerst im Sommer 1898 zu mir nach Wannsee bei Berlin, wo damals nur 40% Zuschlag zur Staatssteuer erhoben wurden. Als er aber aus der ersten Steuerrechnung ersah, daß noch 30% Kreissteuer dazukamen, meldete er sofort seinen Wegzug an.

Die nächste Wahl fiel auf einen kleinen Ort im Harz, wo sein ältester Enkel ~Heinrich Mauritz~ als königl. Bergbeamter tätig war.

Der Zuzug des wohlhabenden Mitbürgers erschien nun den anderen Gemeindeangehörigen als eine günstige Gelegenheit, alle möglichen neuen Bedürfnisse der Gemeinde zu befriedigen, und die Steuern gingen im folgenden Jahre erstaunlich in die Höhe. Sofort war der alte Herr wieder verschwunden und jetzt fand er einen Wohnsitz in Griethausen, einem Dorfe in der Nähe von Cleve, wo man auf die Ausbeutung des Zugvogels verzichtete. Er mietete sich ein Zimmer bei dem Gemeindediener und behielt das Domizil bis zu seinem Tode, obschon er kaum 24 Stunden sich dort aufgehalten hatte.

Statt dessen wohnte er abwechselnd bei seinen Kindern oder Schwiegersöhnen oder Enkeln in Rheydt, Uerdingen, Berlin oder Herdt bezw. Dortmund, durfte aber nirgends länger bleiben als 89 Tage, weil er sonst nach dem Gesetz zur Zahlung von Gemeindesteuern verpflichtet gewesen wäre. Den übrigen Teil des Jahres, namentlich die Sommermonate verbrachte er auf Reisen und machte dabei noch alle möglichen Bekanntschaften. So schrieb er mir eines Tages, daß er in einem Gasthaus zu Heidelberg ~Robert Bunsen~ zufällig getroffen und sich ihm als Vater eines Chemikers vorgestellt habe. Dieser sei zwar jünger, aber noch schwerhöriger wie er selbst. Trotzdem habe sich ein langes und interessantes Gespräch zwischen ihnen entwickelt.

Im Winter 1900/01 hat er zum letzten Mal an der Jagd teilgenommen, weil das früher so gute Auge versagte. Das kam von einer leichten Trübung der Linse, während der Sehnerv noch ganz intakt geblieben war. Im übrigen erfreute er sich im Frühjahr 1902 noch voller Gesundheit, wenn man von der Schwerhörigkeit absehen will. Er hat damals noch in Frack und weißer Binde einer Abendgesellschaft in meinem Hause beigewohnt. Als aber die üblichen 89 Tage vorüber waren, zog er mit der gewohnten Pünktlichkeit nach Rheydt zu seinem Schwiegersohn ~Arthur Dilthey~. Hier soll er bei häufigem Verweilen in den Gasthäusern, besonders in jugendlicher Gesellschaft dem Bier- und Weingenuß über das Maß der Zuträglichkeit gehuldigt haben. Dem war das alte Herz nicht mehr gewachsen und das erste Zeichen seiner Insuffizienz gab sich kund in der Schwellung der Beine. Die Mahnung des Arztes, seine Lebensweise zu ändern und den Genuß alkoholischer Getränke zu vermeiden, beantwortete er mit der Frage: »Wieviel Leute in meinem Alter haben Sie schon behandelt?« Er blieb also bei seinen Gewohnheiten. Die Wassersucht wurde im Laufe des Sommers schlimmer, ohne ihn aber stark zu belästigen, und Anfangs Oktober kam er in Begleitung seines Enkels ~Alfred Dilthey~ als schwer kranker Mann zu mir nach Berlin. Ohne besonders zu leiden ist er hier am 16. Oktober 1902, 18 Tage vor seinem 95. Geburtstage sanft verschieden.

Einen Tag vor seinem Tode hat er nochmals das Bett verlassen, und 5 bis 6 Stunden auf die Vervollständigung seines Hauptbuches, das er stets auf Reisen mit sich führte, verwendet. Die spätere Prüfung des Buches ergab nur einen einzigen Fehler, der an diesem letzten Tage begangen war.

An seinem Todestage hat er in einem Gespräch mit mir die Bilanz seines Lebens gezogen und sich sehr befriedigt darüber geäußert. Eine Stunde vor seinem Tode trank er noch ein großes Glas Bier, offenbar mit Genuß; denn seine letzten Worte waren: »Es ist ein Glück, daß der gemeine Mann für billig Geld einen so guten Trank haben kann«. Er starb, wie er gelebt hatte, als vollkommener Atheist, aber in treuer Anhänglichkeit an Frau und Kinder, an die weitere Familie und an zahlreiche Freunde. Politisch war er früher rheinischer Fortschrittsmann, später nationalliberal und immer in scharfer Opposition zur ultramontanen Partei.

Obschon ganz im kapitalistischen Zeitalter groß geworden, hatte er doch Sinn und Verständnis für die soziale Bewegung der Neuzeit. Vom sozialistischen Zukunftsstaat wollte er gar nichts wissen, aber von den Bestrebungen der Arbeiter pflegte er zu sagen: »Die Leutchen haben ganz recht, wenn sie versuchen, ihre Lage zu verbessern«. In der großen Öffentlichkeit ist er weder als Redner noch als Schriftsteller hervorgetreten. Dagegen hat er als langjähriger Stadtverordneter und als Mitglied mancher Kommissionen an der Verwaltung von Gemeinde und Kreis teilgenommen, und wenn es sich darum handelte, allgemein wirtschaftliche Zwecke, wie den Bau von Eisenbahnen in der dortigen Gegend zu fördern, so war er gewöhnlich Mitglied der Abordnungen, die nach Cöln oder Berlin zur Verhandlung mit der königl. Regierung geschickt wurden.

Trotz seiner Tatkraft in allen geschäftlichen Dingen war er von Charakter gutmütig und huldigte dem Grundsatz: »Leben und leben lassen«. Gegen Frau und Kinder war er nicht allein sehr gütig, sondern auch rücksichtsvoll und überließ die strenge Seite der Erziehung ganz der Mutter. Meine Schwestern konnten mit einigen Schmeichelworten fast alles von ihm erreichen. Nur in ernsten Dingen, z. B. in der Wahl des Gatten, mahnte er dauernd zur Vorsicht und Vernunft, und phantastischen Heiratsplänen wäre er sicherlich mit großer Entschiedenheit entgegengetreten. Er hat dann auch wirklich das Glück gehabt, mit allen Schwiegersöhnen sehr zufrieden sein zu können.

Ich selbst erinnere mich nicht, von ihm gestraft worden zu sein. Ja, ich habe kaum ein böses Wort von ihm gehört. Zwar hat er öfters sein Bedauern darüber ausgesprochen, daß ich kein Interesse an kaufmännischen Dingen und dem Erwerb von materiellen Gütern besitze, aber er ließ mich doch ruhig meinen Weg gehen und sprach nur Anderen gegenüber mit Bedauern darüber, daß der Sohn die Kunst des kaufmännischen Rechnens nicht besitze. Leider hat er es nicht mehr erlebt, daß dieser unpraktische Gelehrte den Nobelpreis für Chemie erhielt, und sich später durch einige kleine Erfindungen Jahreseinkünfte verschaffte, wie er selbst sie niemals gehabt hat.

Wesentlich verschieden von dem Vater war trotz der sehr glücklichen Ehe in Charakter, Anschauungen und Neigungen meine Mutter. Sie stammte aus der zweiten Ehe des Eisenfabrikanten ~Johann Abraham Poensgen~ in Schleiden (Eifel) mit ~Wilhelmine Fomm~ und war am 19. Februar 1819 geboren. Wie ich einer recht gut geschriebenen und im Druck erschienenen Geschichte der Familie ~Poensgen~ entnahm, haben meine Vorfahren mütterlicherseits Jahrhunderte lang als Erzeuger von Eisen und Eisenwaren im Schleidener Tal gewirkt und vielleicht habe ich von ihrer Seite die Freude an chemischen und technischen Prozessen geerbt. Es ist ein merkwürdiger Zufall, daß ich jetzt im Alter durch die Kaiser Wilhelm Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften mit der Kohlen- und Eisenindustrie wieder in nähere Berührung gekommen und in jüngster Zeit sogar Kuratoriumsmitglied des großartig geplanten Kaiser Wilhelm Instituts für Eisenforschung geworden bin.

Da meine Großmutter nach dem Tode des ersten Mannes den Arzt Dr. ~Fuß~ zu Gemuend im Schleidener Tal heiratete, so hat meine Mutter dort den größten Teil ihrer Jugend verlebt. Zur Vollendung ihrer Ausbildung kam sie mit etwa 16 Jahren in die Erziehungsanstalt der Herrnhutergemeinde in Neuwied a. Rhein und daher stammte wohl die tiefe religiöse Überzeugung, der sie während ihres ganzen Lebens treu blieb.

Sie war sehr klug und wissensdurstig und von dem vielen Lesen hatte sie schon in der Jugend eine ziemlich starke Myopie erworben, die ich von allen ihren Kindern allein geerbt habe. Sie wäre heutzutage wahrscheinlich eine gelehrte Frau geworden, aber das Frauenstudium war zu ihrer Zeit noch nicht üblich. Da sie schon mit 18 Jahren heiratete und in den nächsten 15 Jahren 8 Kinder zur Welt brachte, so war ihre Zeit durch andere Pflichten ausgefüllt. Sie wurde eine tüchtige Hausfrau und half meinem Vater auch in geschäftlichen Dingen. Sie wußte sich überall in Respekt zu setzen und niemand von den Kindern oder dem Dienstpersonal hätte es gewagt, ihre Anordnungen zu mißachten. Sie war ernster wie mein Vater, konnte aber doch recht herzlich über seine Späße lachen. Nur wo sie rohen oder gemeinen Äußerungen begegnete, gab sie ihrer Entrüstung so deutlichen Ausdruck, daß jedermann in ihrer Gegenwart gezwungen war, sich anständig zu benehmen. Bei alledem war sie eine liebevolle Mutter, voller Fürsorge für ihre Kinder und später auch für deren Familien.

In ihrer tiefen Religiosität ließ sie sich durch den Unglauben meines Vaters und seinen gelegentlichen Spott über Kirche und Pfaffen nicht irre machen.

Ebenso selbständig waren ihre politischen Anschauungen, und als eifrige Protestantin verehrte sie Preußen als die Vormacht des evangelischen Glaubens in Deutschland.

Als unter der Ministerpräsidentenschaft ~Otto von Bismarcks~ der böse Konflikt zwischen der preußischen Regierung und dem Abgeordnetenhause im Jahre 1863/64 tobte, und fast alle Rheinländer, unter ihnen auch mein Vater, zur Oppositionspartei gehörten, war sie ganz auf Seiten Bismarcks: »Jetzt hat Preußen wieder einen Minister, der seiner würdig ist und ihr seid viel zu dumm, diesen Mann zu begreifen«. So sprach sie wohl zu ihren Kindern und auch meinem Vater machte sie in ihren politischen Urteilen so lebhafte Opposition, daß er sie scherzhaft »Frau Bismarck« nannte.

Dabei war sie eine recht hübsche Frau, besonders ausgezeichnet durch das üppige tiefschwarze Haar und durch die großen klugblickenden Augen. Als einziger Sohn habe ich mich besonders ihrer Liebe und Fürsorge erfreut. Sie hat auch stets meine Neigung zu wissenschaftlichen Studien gefördert, nur von der Wahl der Chemie als Berufsstudium war sie enttäuscht, weil ihr das zu sehr nach Apotheke schmeckte. Sie hätte es viel lieber gesehen, daß ich Jurist oder Mediziner geworden wäre.

Im allgemeinen erfreute sie sich einer guten Gesundheit, und noch mit 59 Jahren reiste sie nach Meran, um meiner dort zur Kur weilenden kranken Schwester ~Mathilde~ während des Winters Gesellschaft zu leisten. Von München aus habe ich sie damals während der Weihnachtsfeiertage besucht. Die Fahrt machte ich in Gesellschaft meines Freundes Dr. ~Tappeiner~, dessen Vater in Meran der bekannteste Arzt war.

Als wir von Bozen in einem besonderen Mietwagen abends nach Meran fuhren, war die Kälte so groß, daß wir uns recht unbehaglich fühlten, und bei unserer Ankunft in Meran war die Temperatur unter 12° gesunken. Ich habe damals meine optimistische Ansicht über das warme Klima der südlichen Alpenorte geändert und bei mancher anderen Fahrt nach dem Süden dieses Urteil bestätigt gefunden. In Meran war der Berg hinter der Stadt so mit Eis inkrustiert, daß man mit gewöhnlichen Schuhen kaum auf die Höhe steigen konnte. In dem Gasthause »Erzherzog Johann« fand ich das Wasser in der Waschschüssel am nächsten Morgen gefroren. Für die Kranken wurde allerdings durch fortwährende Ofenheizung besser gesorgt.

Von Meran kehrte meine Mutter Mitte Februar nach Deutschland zurück, um ihren 60. Geburtstag zuhause zu feiern. Sie besuchte mich noch in München und freute sich, einige meiner Freunde als ihre Gäste im Hotel »Bayrischer Hof« kennen zu lernen.

Aber diese lange Reise bei damals noch recht ungenügender Heizung der Eisenbahnen und selbstverständlich ohne Schlafwagen trug ihr einen heftigen Bronchialkatarrh ein. Die dadurch erschwerte Zirkulation in Verbindung mit den seelischen Sorgen um das Schicksal meiner Schwester haben wahrscheinlich bei ihr eine Herzkrankheit ausgelöst, die im Frühjahr 1879 begann und nach 3½jährigem, recht schweren Leiden am 14. September 1882 den Tod herbeiführte. Sie starb in Uerdingen im Hause meines Schwagers ~Mauritz~ unter der sorgfältigen Pflege meiner Schwester ~Bertha~. Sie ist ebenso wie mein Vater beerdigt auf dem kleinen protestantischen Friedhof zu Uerdingen in der Familiengruft ~Mauritz-Fischer~. Der Friedhof lag früher ganz hübsch auf freiem Felde, ist aber jetzt leider infolge der raschen industriellen Entwicklung des Ortes von hohen und unschönen Gebäuden umgeben.

Von meinen Schwestern ist schon vorher wiederholt die Rede gewesen. Die kleine Abneigung, die der Bruder bei der Abwehr ihrer Erziehungskünste früher manchmal empfunden hatte, war im Laufe der Zeit ins gerade Gegenteil umgeschlagen, und ein wirklich freundschaftliches Verhältnis hat mich dann sowohl mit meinen Schwestern, wie auch mit ihren Männern verbunden.

Die älteste Schwester ~Laura~ habe ich als Mädchen wenig gekannt, da sie bereits im Jahre 1858 einen jungen Kaufmann, ~Friedrich Mauritz~ aus Uerdingen a. Rhein heiratete. Infolgedessen wurde mir schon mit 7 Jahren die Würde eines Onkels zuteil, was mir von seiten der Altersgenossen manchen Spott eingetragen hat.

Durch diese Heirat wurde zwischen den Familien ~Fischer~ und ~Mauritz~ eine Verbindung geschaffen, die sich im Laufe der Zeit erweiterte und vertiefte. Mein Schwager war ein prächtiger, frischer Mann, tüchtig in seinem Geschäft, einem Kohlenhandel, und mein Vater ist zu ihm in ein besonders herzliches Verhältnis getreten. Er liebte es, im Alter monatelang im Hause des Schwiegersohnes zu wohnen, hatte mit ihm mancherlei Geschäfte, z. B. die Brauerei in Dortmund begonnen, ging gerne zusammen mit ihm auf Reisen und hat sich oft dahin geäußert, der Fritz sei ihm so lieb wie sein eigener Sohn.

Ich selbst habe bei dem Schwager als Knabe in den Schulferien mich öfters aufgehalten und in der mir neuen Umgebung des mächtigen Stromes, des eigentümlichen Geschäftsbetriebes und der weit verzweigten und kinderreichen Familie ~Mauritz~ viel Unterhaltung und Freude erlebt. Leider starb meine Schwester ~Laura~, eine gesunde und kräftige Frau, bald nach der Geburt des dritten Kindes ~Alfred~, der jetzt als Direktor der Aktienbrauerei, als Stadtverordneter und auch sonst in der Öffentlichkeit vielfach tätiger Mann in Dortmund eine sehr angesehene Stellung hat. Sie scheint das Opfer einer Infektion gewesen zu sein, über deren Natur ich aber keine bestimmte Auskunft erhalten konnte. Fünf Jahre später, mitten im Kriege 1870 heiratete der Witwer meine dritte Schwester ~Bertha~, die dem Gatten auch drei Söhne schenkte. Sie starb leider auch früh an einer Lungenentzündung 1888. Mein Schwager ~Fritz~ ist ihr etwa 10 Jahre später im Tode gefolgt, was für meinen Vater im hohen Alter ein besonders schmerzlicher Verlust war.

Von seinen 6 Kindern sind nur noch 2 übrig geblieben, der eben erwähnte Brauereidirektor und aus der zweiten Ehe der Sohn ~Otto~, der in Nürnberg als Ingenieur in einer großen Maschinenfabrik tätig ist.

Meine zweite Schwester ~Emma~ hat ebenfalls ziemlich früh geheiratet und zwar einen Arzt Dr. ~Albert Winnertz~ in Krefeld, den sie durch meinen Schwager ~Mauritz~ kennen lernte.

Der Doktor war ein sehr kluger und liebenswürdiger Mensch, aber leider krank und starb schon nach 3½jähriger Ehe an Tuberkulose. Die junge Witwe kehrte dann mit 2 Kindern, ~Hedwig~ und ~Clara~, ins Elternhaus nach Euskirchen zurück, und blieb dort fast 10 Jahre. Das ist der Grund, warum ich sie am besten von allen meinen Schwestern kennen gelernt habe und ihr besonders nahe getreten bin. Sie war hübsch, liebenswürdig und sehr gewandt, sodaß mein Vater sie immer Salondame nannte. Sie spielte recht gut Klavier. Ich erinnere mich manchen Abends, wo ich stundenlang ihrem Spiel zuhörte, weil sie meist klassische Sachen auf einem guten Piano vortrug. Ich glaube, daß ihr Spiel mich hauptsächlich bewogen hat, ebenfalls Musik zu treiben. Im Jahre 1872 entschloß sie sich nach langem Zögern, eine zweite Ehe mit meinem Vetter ~Carl Fischer~ einzugehen, der in treuer Geduld um sie geworben hatte. So kam sie nach Rheydt, wo schon zwei andere Schwestern von ihr verheiratet waren. Ich habe sie dort öfter besucht und sie kam wiederholt nach Würzburg und Berlin. Auch sind wir in späteren Jahren häufig zusammen gereist. Sie trieb ihre Freundschaft für den Bruder manchmal so weit, daß ihr Gatte eifersüchtig wurde und sich über Zurücksetzung beklagte. Sie starb im Jahre 1901 am Typhus in Nassau, und mein Schwager ~Carl~ überlebte sie um 14 Jahre. Sie hatte den Schmerz, drei Söhne im jugendlichen Alter zu verlieren. Die vier Töchter, zwei ~Winnertz~ und zwei ~Fischer~, haben sämtlich geheiratet und sind mir liebe Nichten geblieben.

Meine dritte Schwester ~Berta~ war eine recht originelle Person, im Grunde ihres Herzens sehr gutmütig, aber als Mädchen voller Launen, gegen die Männer häufig recht unliebenswürdig, aber sehr tüchtig. Nachdem sie im Alter von 29 Jahren meinen Schwager ~Mauritz~ geheiratet hatte, wurde sie in Uerdingen wegen ihrer ungewöhnlichen Kunst im Kochen und der Erziehung von Dienstboten, sowie wegen der Originalität ihres Wesens eine bekannte Frau. Besonders jungen Leuten, z. B. den Söhnen aus erster Ehe und deren Freunden war sie eine richtige Kameradin, mit denen sie Karten spielte, Wein trank und Ausflüge machte, fast wie ein Student. Ihr leider so früher Tod ist schon erwähnt.

Die vierte Schwester ~Fanny~ war von kräftigem Körperbau, aber wenig schön von Gesicht. Sie zeichnete sich in der Jugend durch Vorliebe für Turnen, Tanzen und sogar Pistolenschießen aus. Sie zog als Gattin des Holzhändlers ~Max Friedrichs~ im Jahre 1865 nach Rheydt, und ist hier im Jahre 1912 im Alter von 70 Jahren gestorben. Sie war klug und als Schülerin ebenso tüchtig, wie später als Hausfrau. Wie schon erwähnt, konnte sie mit den bei Herrn ~Vierkötter~ erworbenen mathematischen Kenntnissen noch im Alter eine Kubikwurzel ausziehen. Auch als Dichterin besaß sie in der Verwandtschaft einen gewissen Ruf. Hübsche Gelegenheitsgedichte und kleine Festspiele, um die sie von manchen Seiten gebeten wurde, konnte sie in unglaublich kurzer Zeit verfassen. Von ihren Kindern leben noch zwei Söhne, ~Ernst~ und ~Max~, die das vom Vater ererbte bedeutende Holzgeschäft weiterführen, und zwei Töchter, ~Helene~ und ~Adele~, die auswärts verheiratet sind. Vom Schwager ~Max Friedrichs~ wird später noch ausführlich die Rede sein.

Die jüngste Schwester ~Mathilde~ war nur 4 Jahre älter wie ich und hat mir deshalb in der frühen Jugend am nächsten gestanden. Sie war ein liebes, sehr gutmütiges, recht hübsches Mädchen, geistig nicht besonders begabt, aber liebenswürdig und deshalb überall gerne gesehen. Ihr Wesen hat ihr manche Huldigung von seiten der Offiziere eingebracht, die während der Manöver oder während des Krieges 70/71 bei uns im Quartier lagen, aber sie zog es doch vor, beim Zivil zu bleiben und heiratete meinen Vetter ~Arthur Dilthey~ in Rheydt. Nach der Geburt des dritten Kindes erkrankte sie und starb im Herbst 1879 in Rheydt nach einer vergeblichen Kur in Meran. Es war nicht allein für meinen Schwager, dem sie zwei Söhne und eine Tochter hinterließ, sondern auch für meine Eltern und ganz besonders für meine Mutter ein schwerer Schlag, der sehr ungünstig auf ihren eigenen Gesundheitszustand zurückwirkte.

Ich habe dieser lieben »~Tilla~« ein dankbares und warmes Gedenken bewahrt. 5 Jahre später ging mein Schwager eine zweite Ehe ein mit ~Frieda Weuste~, und diese hat es verstanden, den drei Kindern eine wirkliche zweite Mutter zu sein. Das Ehepaar ~Arthur Dilthey~ lebt jetzt noch in voller Rüstigkeit in Bonn. Von den drei Kindern ist leider der Jüngste ~Alfred~ als Opfer des unseligen Krieges 1915 in Rußland gefallen. Von meinem Schwager ~Arthur~, mit dem mich dauernde Freundschaft verbunden hat, wird später die Rede sein.

Fast ebenso nahe wie die Schwestern standen mir in früher Jugend die Vettern und die Kusine im Nebenhause. Der Älteste, ~Heinrich Fischer~, 5 Jahre älter wie ich, der als einziger Vertreter der Familie in Euskirchen zurückgeblieben ist, war als Junge geneigt, sich von dem übrigen Kreise etwas abzusondern. Er ist unverheiratet geblieben und hat mehr und mehr die Gewohnheiten eines Originals angenommen.

Er wohnt jetzt in unserem früheren Hause und betreibt mehr zu seinem Vergnügen das alte Spinnereigeschäft, aber in beschränktem Umfange.

Von den Vettern ~Ernst~ und dem Jüngsten ~Otto Fischer~ werde ich später noch Manches zu berichten haben.

Vetter ~Lorenz~ ist früher schon wegen seiner hervorragenden Eigenschaften als Jäger und Krieger erwähnt worden. In der Schule war er weniger tüchtig, und infolge unvernünftiger Lebensführung ist er im Alter von 35 Jahren an Tuberkulose gestorben. Sein jüngerer Bruder ~Hermann~ war ebenfalls für körperliche Leistungen besser veranlagt als für geistige Tätigkeit. Er war ein sehr hübscher Mann, guter Turner und Reiter und übersiedelte bald nach dem Tode seines Vaters nach Cöln. Er wurde der Stammvater einer kriegerischen Familie; denn seine beiden Söhne ~Kurt~ und ~Walter~ sind Berufsoffiziere geworden und seine durch Schönheit ausgezeichneten Töchter sind beide glücklich verheiratet und wohnen in Groß-Berlin.

Auch die drei Söhne meines Onkels in Flamersheim kamen bei der geringen Entfernung von Euskirchen durch häufige wechselseitige Besuche vielfach mit uns in Berührung. Die beiden ältesten ~Karl~ und ~August~ wurden Kaufleute und haben später ein Geschäft in Baumwollgarn in Rheydt geführt. Dort sind sie auch beide gestorben. Wie schon erwähnt, wurde ~Karl~ der zweite Gatte meiner Schwester ~Emma~. Er war trotz ziemlich dürftiger Schulbildung ein kluger und geschäftsgewandter Mann, den man gern in praktischen Dingen um Rat frug und mit dem ich häufig einen Teil der Osterferien in Territet am Genfer See verbrachte.

Der zweite Sohn ~August~ war körperlich ungewöhnlich stark, ein trefflicher Jäger und ein gutmütiger, zur Heiterkeit hinneigender Gesellschafter. In geschäftlichen Dingen folgte er gern der größeren Autorität seines Bruders Karl.

Ganz anders als die Brüder war der jüngste Flamersheimer Vetter ~Julius~, ein sehr gescheidter und kritischer Kopf, der am meisten die geistige Regsamkeit und die Originalität seines Vaters geerbt hatte. Er wurde Jurist, schlug die Richterlaufbahn ein und starb verhältnismäßig früh an vernachläßigtem Diabetes in Cöln, wo er Richter beim Oberlandsgericht war. In seinem früheren Aufenthaltsort Cleve hat er sich verheiratet. Aus der Ehe stammt ein Sohn, der die Tochter eines Großschafzüchters in Australien heiratete und dort eine neue Heimat gefunden hat. Ich hoffe, daß er durch Naturalisation und durch den Schutz des Schwiegervaters den Unbilden entgangen ist, die unsere Landsleute während des Krieges in den englischen Kolonien erdulden müssen. Die einzige Tochter hat einen ~Hans von Eicken~ aus Hamburg geheiratet, den Sohn meiner Kusine ~Helene~ geb. ~Fischer~ aus Köln.