Chapter 7 of 21 · 3858 words · ~19 min read

Part 7

Die Vorlesungen, die Professor ~Baeyer~ rechtzeitig in München begann, erfreuten sich von Anfang an eines recht guten Besuches. Auch in der kleinen analytischen Abteilung des Instituts, deren Leitung Professor ~Volhard~ übernommen hatte, herrschte ziemlich reges Leben. Bescheiden blieb dagegen im ersten Semester der Besuch der organischen Abteilung. Außer mir gab es vielleicht 6 Praktikanten. An die einzelnen Personen kann ich mich nicht mehr erinnern, aber wenn ich nicht irre, waren ~Paul Friedländer~ und ~Wilhelm Königs~ darunter. Dieser präsentierte sich gleich als eine originelle Persönlichkeit; denn er erschien im Institut mit einem Schuh und einem Pantoffel bekleidet und blieb auch bei dieser Ausrüstung wochenlang, obschon scheinbar kein zwingender Grund dazu vorhanden war. Leute, die sich so wenig um die Verwunderung anderer Menschen kümmern, haben mir von jeher gefallen und so habe ich denn auch die Bekanntschaft von ~Königs~ gerne gesucht, wobei sich noch das erfreuliche Resultat ergab, daß er als Cölner ein Landsmann von mir sei. Die äußere Hülle war bei ihm nicht schön, sie umschloß aber eine um so schönere Seele. Mir sind nicht viele Leute im Leben begegnet, die bei hervorragendem Verstand und ausgesprochener Begabung für Witz eine so vornehme Denkweise und ein so mildes Urteil über die Fehler ihrer Mitmenschen hatten. Dieser Eigenschaft verdankte er auch die allgemeine Beliebtheit und ich selbst habe ihn immer gerne zu meinen Freunden gezählt.

~Theodor Curtius~ hat ihm eine liebenswürdige Biographie gewidmet, aber das kann mich nicht abhalten, auch hier seiner zu gedenken und einige gemeinsame Erlebnisse zu schildern. ~Königs~ besaß einen offenen Kopf, hatte für wissenschaftliche Dinge volles Verständnis und war keineswegs arm an guten experimentellen Ideen. Dagegen fehlte ihm die praktische Gewandtheit. Wie er selbst öfter beklagte, war es ihm nicht möglich, verschiedene Versuche zu gleicher Zeit anzustellen oder auch nur zu beaufsichtigen. Dazu kam eine gewisse Langsamkeit in der praktischen Arbeit, an der zum Teil wohl seine frühere chemische Erziehung schuld war. Er kam nämlich von Bonn, wo er auch promoviert hatte und wo das rasche Arbeiten offenbar nicht sehr gepflegt wurde. So erzählte er bei seiner Ankunft, daß er zu einer Elementaranalyse in Bonn gewöhnlich 2 bis 3 Tage gebraucht habe. Als ich ihm darauf lachend erwiderte, daß ich 5 an einem Tage machen könne, wollte er es nicht glauben, bis ich ihm den tatsächlichen Beweis dafür lieferte. Allerdings ist dafür doppelte Apparatur erforderlich. Ohne die Langsamkeit des Experiments hätte ~Königs~ bei seiner Begabung und seinem Ideenreichtum der Wissenschaft noch viel größere Dienste leisten können.

In der Geselligkeit junger Leute wurde ~Königs~ durch seinen schlagfertigen Witz rasch der Mittelpunkt. Daneben besaß er die Gabe, recht hübsche Gelegenheitsgedichte und kleine Festspiele zu verfassen. Manche davon hätten wohl verdient, im Druck zu erscheinen. Sie würden zweifellos, ähnlich den Werken des Berliner Chemikers ~Jacobsen~ eine wertvolle Bereicherung der humoristischen chemischen Literatur bilden.

Dem Inhalt, leider nicht dem Wortlaut nach ist mir ein Gedicht in Erinnerung geblieben, das er zu einem kleinen Feste der chemischen Gesellschaft in München bei meinem Abschied von dort beisteuerte. Es war dem Guanolied von Scheffel nachgebildet und bezog sich auf die von mir aufgefundene Bereitung des Kaffeins aus dem Xanthin und Guanin. Die Kunde davon war durch ein Heft der Berichte zu den Vögeln an der Guanoküste gedrungen. Um nun der deutschen Konkurrenz die Spitze zu bieten, macht ein alter Vogel zur Beruhigung der jungen Kollegen den Vorschlag, »von nun an in homologen Reihen zu scheißen«, und »wenn dann schließlich gelungen, das homologe Produkt, so wird eine besondere Probe Herrn ~Fischer~ zu Ehren gedruckt«. Diesem Liedchen fügte der Dichter noch einem Spottvers zu: »So sangen 2 muntere Vögel auf Kosten des Herrn Präsident und tranken dazu von dem Weine, den nie vor Anderen er nennt«. Damit hatte es folgende Bewandnis: ~Königs~ und ich wohnten damals bei derselben Wirtin im gleichen Stock und besuchten uns spät abends häufig, um gemeinsam ein Glas Wein zu trinken. Kurz vor dem Feste traf ich ~Königs~ bei meiner Heimkehr auf seinem Zimmer in Gesellschaft eines jungen Chemikers, beide offenbar etwas betroffen durch meinen Eintritt. ~Königs~ hatte nämlich eben das Guanolied verfaßt und sich dazu aus meinem Weinkeller eine der besten Sorten kommen lassen, die bei meiner Ankunft aber rasch durch Kutscherwein ersetzt worden war. Der junge Fachgenosse war der Conkneipant; denn ~Königs~ hatte beim Dichten Wein und Gesellschaft nötig und ließ sich von solchen Assistenten den Versfuß vortreten, um nicht zu entgleisen. Als ich mich dann entfernt hatte, fügte er dem Gedicht noch den oben erwähnten Vers hinzu.

Meine Weinvorräte waren damals nicht ganz gering und es befanden sich darunter einige recht gute Sorten. Beim Umzug nach Erlangen Ostern 1882 hatte ich der Wirtin den Auftrag gegeben, denselben nachzuschicken. Der Wein kam aber nicht und eine Anfrage ergab, daß ~Königs~ ihn mit seinen Freunden getrunken hatte. Statt dessen erschien ein großes Faß Münchener Hofbräu als Ersatz für den verschwundenen Wein. Er wußte genau, daß ich über den Spaß ebenso lachen würde, wie er es im gleichen Fall getan haben würde.

Mit ~Königs~ bin ich auch wiederholt gereist, das letzte Mal 1902 nach Nervi an der Riviera di Levante. Der dritte in unserem Bunde war ~S. Gabriel~, ebenfalls ein richtiger Witzbold. Wenn wir abends zusammen bei einem Glase Bier saßen, so bemühten die beiden Kollegen sich in Witzen zu überbieten. Es ging wie ein Raketenfeuer und ich hatte stundenlang nichts weiter zu tun, als zu lachen. Fast noch komischer als die Witze war das außerordentliche Vergnügen, das die beiden Herren an ihren gegenseitigen Produkten hatten. Es waren heitere Tage, die wir zu prächtigen Fußwanderungen in dieser herrlichen Landschaft benützten. Auch hierbei passierten komische Dinge. Eines Tages kehrten wir auf einem sehr steilen, gepflasterten Fußweg nach der Stadt zurück und begegneten dabei drei italienischen Knaben im Alter von ungefähr 10 bis 12 Jahren, die sofort ihre Bemerkungen über die Forestiere machten, ohne zu ahnen, daß wir etwas von der Sprache verstanden. »Che banda senile« meinte der erste, »gleich wird er hinfallen« meinte der zweite, und dann schlossen sie sofort eine Wette, wen von den dreien dieses Schicksal treffen würde. Es dauerte auch nur noch wenige Sekunden, da saß ~Gabriel~ wirklich auf dem Boden, was der jungen Bande natürlich einen unbändigen Spaß machte. An der Heiterkeit hat sich aber auch die alte Bande gründlich beteiligt.

Eine andere Italienfahrt, die ich mit ~Königs~ von München aus machte, führte bis Neapel. Infolge seines roten Haares und seiner doppelten Brille wurde er von Droschkenkutschern, Bettlern und ähnlichem Volk schon aus weiter Ferne als Fremder erkannt und dementsprechend bestürmt. Das führte auch zuweilen zu komischen Auftritten. Die Droschkenkutscher hatten damals in Neapel die üble Angewohnheit, den Fremden nicht allein zur Benutzung ihres Fahrzeuges einzuladen, sondern auf offener Straße zu folgen und überall in den Weg zu fahren, wo man eine Straße kreuzen wollte. Unserem Freund ~Königs~ schien das eine Gelegenheit, die Zudringlichkeit mit einer Neckerei zu erwidern. Er stieg also ruhig in das Fahrzeug hinein und auf der anderen Seite ebenso rasch wieder hinaus. Wenn der Kutscher dann los fuhr, war der Wagen leer. Kaum aber hatte er dieses Experiment einige Male ausgeführt, als die Kutscher auch schon eine Gegenlist erfanden. Sobald er nämlich seinen Fuß in den Wagen hineinsetzte, war dieser auch schon in Bewegung, dann gab es ein großes Gelächter und ~Königs~ mußte bezahlen.

Über solchen Dummheiten wurde aber doch der Hauptzweck der Reise niemals versäumt, denn ~Königs~ war gebildet genug, um für die ungeheuren Kunstschätze Italiens und für die Fundstätten der antiken Kultur Verständnis zu besitzen. Für gute Bilder konnte er sich sogar begeistern. Dazu mag auch wohl das Beispiel seines einen Bruders beigetragen haben, der in Berlin Bankier war und seine stattlichen Einkünfte für den Ankauf von guten Bildern verwendete. Der größte Teil der wertvollen Sammlung ist nach dem frühzeitigen Tode des Bankiers von den Geschwistern der Nationalgalerie geschenkt worden.

In späteren Jahren hat ~Königs~ mich in Berlin regelmäßig wenigstens einmal im Jahre besucht und dann manchmal mit seinen Geschwistern, besonders mit seiner klugen und fein gebildeten Schwester Fräulein ~Elise Königs~ in Berührung gebracht, die den Berliner Gelehrten als weiblicher Mäcen wohl bekannt ist und von der Akademie der Wissenschaften durch Verleihung der goldenen Leibniz-Medaille geehrt wurde.

Eine ganz andere Natur als ~Königs~ war ~Paul Friedländer~, der Sohn eines Universitätsprofessors in Königsberg, mit dessen Persönlichkeit meine Münchener Erinnerungen auch eng verknüpft sind. Er kam als Student in das ~Baeyer~'sche Laboratorium, wurde aber wegen seiner Begabung auch von uns älteren Chemikern als gleichberechtigt angesehen. Nebenher war er sehr musikalisch und konnte recht schwierige klassische Sachen auf dem Klavier aus dem Gedächtnis vortragen. Durch seine späteren Arbeiten über Thio-Indigo und über den antiken Purpur, den er als Dibromindigo erkannte, hat er sich in der Wissenschaft einen geachteten Namen geschaffen. Auch mit ihm habe ich mehrere Reisen nach Italien gemacht, sogar meine erste, die über Verona, Venedig, Padua, Florenz und Mailand ging und bei der er mir wegen seiner besseren Sprachkenntnisse ein wertvoller Führer war. Er ist 6 Jahre jünger wie ich und noch in voller Rüstigkeit an der technischen Hochschule zu Darmstadt tätig. Ich bin durch die Kriegswirtschaft, woran er sich auf Veranlassung von Professor ~Haber~ beteiligte, wieder öfter mit ihm in Berührung gekommen.

Im Frühjahr 1876 kehrte auch der Vetter ~Otto Fischer~ in ~Baeyers~ Laboratorium zurück, nachdem er das Wintersemester bei ~Liebermann~ über Methylanthracen gearbeitet hatte, und wir haben bald nachher die gemeinsame Untersuchung über Rosanilin begonnen, wovon später ausführlich die Rede sein wird.

Ungefähr um dieselbe Zeit gesellte sich zu unserem Kreise als älterer Student der Chemie ~Hans Andreae~ aus Dresden, dessen Mutter eine geborene ~Dilthey~ aus Rheydt und deshalb meine Kusine war. Der Vater, ein Kunstmaler, stammte aus der rheinischen Familie ~Andreae~, die in Mülheim a. Rh. eine große, sehr bekannte Sammetfabrik hatte. Dieser ~Hans~ war ein frischer, lustiger Geselle, aber stark verbummelt und dem Gambrinus ergeben. Gearbeitet hat er in München kaum, aber sehr viel Bier getrunken, Skat gespielt und Späße gemacht. Bei seiner unvernünftigen Lebensweise waren Unfälle nicht selten. Schon in Leipzig hatte er bei einer Rauferei einen Messerstich in die Lunge bekommen. In München zog er sich eine langwierige Verrenkung des Fußknöchels zu und ein Semester später erkrankte er an einem schweren Typhus. Da er auch nach dieser Krankheit die alte Lebensweise beibehielt, so riet ich seinem Vater, der sich an mich gewandt hatte, ihn wieder ins Elternhaus zurückzunehmen und auf der technischen Hochschule zu Dresden seine Studien fortsetzen zu lassen. Das war seine Rettung; er wurde nun vernünftig, machte seine Examinas und ist dann wohlbestallter Fabrikant in Burgbrohl in der vulkanischen Eifel geworden, wo er eine natürliche Kohlensäurequelle ausnutzt und hauptsächlich zur Bereitung von Alkalibicarbonat verwendet. Sogar zum kirchlichen Würdenträger hat er es gebracht, denn bei seinem letzten Besuche in Berlin erzählte er mir, daß er als Vertreter der niederrheinischen Synode an einer kirchlichen Versammlung teilnehme.

In dem provisorischen Laboratorium zu München haben wir es trotz mancherlei Mängel der Einrichtungen recht behaglich gehabt; denn die Arbeiten waren von Erfolg begleitet, wie ich in einem besonderen Kapitel noch ausführen werde, und Professor ~Baeyer~ tat alles, uns zu fördern und den Aufenthalt angenehm zu machen. Ebenso wie in Straßburg habe ich mich auch hier seiner besonderen Gunst erfreut. Obschon ich nur einfacher Praktikant ohne jede Verpflichtung gegen das Institut war, so räumte er mir doch mancherlei Rechte ein, die sonst nur den Assistenten zustanden. Auch im persönlichen Verkehr sind wir uns näher getreten. Er lud mich öfters zu Gesellschaften in seiner Familie und im Sommer, wo diese frühzeitig auf das Land ging, sind wir auch manchmal zusammen ins Gasthaus gegangen. Aus den hier geführten Gesprächen habe ich manches gelernt, das außerhalb des wissenschaftlichen Ideenkreises lag. Einer Unterhaltung aus dem Sommer 1876 erinnere ich mich noch deutlich, weil ich ~Baeyer~ darin meine Absicht kund gab, bei der wissenschaftlichen Laufbahn zu bleiben. Zu dem Zweck wollte ich im nächsten Winter wieder nach Straßburg gehen, um bei Rose den analytischen Unterricht näher kennen zu lernen. Er hielt das für ganz vernünftig, weil ~Robert Bunsen~ doch wohl schon zu alt sei, knüpfte daran aber lachend die Bemerkung, daß ich mit großer Überlegung auf mein Ziel lossteuere.

Zunächst habe ich aber die Herbstferien 76 zu einer Reise nach Berlin, Kopenhagen und Hamburg benutzt, die sehr genußreich und zum Schluß belehrend für mich ausfiel. Der erste Teil der Reise ging über Dresden und Leipzig. Mein Begleiter war Vetter ~Otto~. Die sächsische Hauptstadt hat uns durch die schöne Lage, die prächtigen Bauten und die wunderbaren Kunstsammlungen sehr imponiert. Wir hörten auch manches über die Bewohner durch die dort ansäßige und früher erwähnte Familie ~Andreae~, ein Ehepaar mit 10 Kindern, das uns Vettern sehr freundlich aufnahm.

Leipzig hat uns nicht allein als Universität, sondern auch als Handelsstadt gut gefallen. In Berlin, wo wir uns 8 Tage aufhielten und mit ~Wilhelm Königs~ zusammentrafen, der sich dann als Reisegefährte anschloß, konnten wir noch viel mehr Interessantes sehen und erleben, da der Bekanntenkreis von ~Königs~ dort groß war und wir durch ihn auch in die nächtlichen Geheimnisse der Großstadt rasch eingeweiht wurden. Trotzdem war der Gesamteindruck, den die Stadt mir hinterließ, nicht besonders freundlich. Infolge der Gründerperiode war sie in einem Umwandlungsprozeß begriffen, der sich durch gewaltiges Wachstum und viele häßliche Bauten auszeichnete. Aber auch von den unschönen Einrichtungen des alten Berlins war manches übrig geblieben, und ich erinnere mich noch jetzt mit Schaudern, nächtlicherweile in einen Rinnstein gefallen zu sein, der wenigstens ⅓ m tief und mit keiner angenehmen Flüssigkeit gefüllt war. Auch der Grundzug der Bevölkerung, ihre schnarrende und schnoddrige Redeweise, mit dem befehlshaberischen, an das Militär erinnernden Ton, waren mir recht ungewohnt.

Die chemischen Institute, die wir ansahen, konnten ebenso wenig unseren Beifall erwecken, und wenn mir jemand damals prophezeiht hätte, daß ich einmal nach Berlin berufen würde, so hätte ich sicherlich in Gedanken ein solches Angebot energisch abgelehnt. Von dort ging die Reise weiter über Stettin, wo wir sofort das Schiff nach Kopenhagen bestiegen. Vetter ~Otto~ trennte sich für diese Zeit von uns und fuhr in der zweiten Kajüte, weil er annahm, daß hier die Gesellschaft besser sei. Es war meine erste Meerfahrt, und sie ist mir dauernd im Gedächtnis geblieben, weil sie recht stürmisch verlief. Schon auf dem Haff wurden viele Personen seekrank, und als wir auf das offene Meer kamen, geriet das kleine Schiff in bedenkliche Schwankungen. ~Königs~ und ich haben uns tapfer gehalten, bis wir am späten Abend, durch die Kälte gezwungen wurden, in die Kajüte zu gehen. Hier haben wir dann ebenfalls Neptun unser Opfer bringen müssen, und als wir am nächsten Morgen in Kopenhagen ankamen, war die ganze Schiffsgesellschaft in ziemlich trostlosem Zustand.

Der Aufenthalt in der prächtig gelegenen und durch die große Kunst Thorwaldsens geweihten dänischen Hauptstadt hat uns für die erlittene Mühsal reichlich entschädigt.

Die Dänen sind ein sehr höfliches Volk und trotz der politischen Abneigung, die sie damals gegen Deutschland hegten, haben sie uns mit großer Zuvorkommenheit behandelt. Nur einmal stießen wir mit ihrem Vorurteil zusammen. In einem Caféhaus, wo wir die einzigen Gäste waren, zog ~Königs~ ein Kartenspiel hervor, das er immer auf Reisen mitführte, und wollte ein kleines unschuldiges Skatspiel beginnen. Dagegen erhob aber der Wirt entschiedenen Widerspruch, weil in den besseren Gasthäusern der Stadt das Kartenspiel Anstoß errege.

Natürlich haben wir auch die schöne Umgebung von Kopenhagen, das Seebad Klampenborg, die kleine Stadt Helsingoer, mit dem alten aus Hamlet bekannten Schlosse, und endlich das im Innern gelegene prächtige Schloß Frederiksborg besucht. Ich bin später nicht mehr nach Dänemark gekommen, habe aber dem schönen Seeland eine dauernde freundliche Erinnerung bewahrt.

Die Überfahrt über Korsoer nach Kiel ging ohne Zwischenfall von statten, da die See ruhig war. Kiel machte damals den Eindruck einer kleinen schmutzigen, ziemlich unbedeutenden Seestadt. Von der großen deutschen Marine mit den gewaltigen Werftanlagen der Neuzeit war noch sehr wenig vorhanden, dagegen hatten wir bei der Einfahrt, die früh morgens erfolgte, das Vergnügen, die prächtige Kieler Bucht zu bewundern.

Ebenso gab uns die Eisenbahnfahrt von Kiel nach Hamburg willkommene Gelegenheit, das hübsche und freundliche Holstein'sche Land mit manchen kleinen Seen und prächtigen Waldungen zu sehen. Hamburg war damals noch nicht die gewaltige Handelsstadt wie heute. Aber als Seeplatz nahm es doch schon den ersten Rang in Deutschland ein, und das Leben im Hafen bot für uns Landratten viele Überraschungen. Auch die Stadt selbst mit den schönen Bauten an der Alster, mit der prächtigen Kunsthalle und den guten Theatern war wohl geeignet, die Aufmerksamkeit des Reisenden zu erwecken. Als junge Leute, die den ganzen Tag auf der Schau sein konnten, haben wir das alles in ein paar Tagen gesehen.

Inzwischen hatte die Tagung der deutschen Naturforscher und Ärzte begonnen, an der wir als Mitglieder teilnahmen. Die chemische Sektion war nicht sehr besucht, aber ich habe doch einige für mich interessante Bekanntschaften gemacht. Zunächst ~A. Ladenburg~, damals Professor der Chemie an der Universität Kiel, dann der außerordentliche Professor ~Michaelis~ von Karlsruhe, der gerade aus England kam und sich ebenso durch einen ungeheuren Bart wie durch einen altersschwachen Cylinderhut auszeichnete. Endlich Dr. ~E. Noelting~, ein Freund und späterer Schwager von ~Witt~. Er interessierte sich besonders für Farbstoffe und interpellierte mich sofort über das Rosanilin, über das ich mit dem Vetter ~Otto~ eine kleine Publikation gemacht hatte. In einer Sitzung der chemischen Abteilung habe ich meinen ersten wissenschaftlichen Vortrag gehalten. Er war ziemlich kurz und handelte von dem asymmetrischen Diphenylhydrazin, das ich kurz vorher gefunden hatte, und dessen Isomerie mit dem Hydrazobenzol interessante Vergleiche gestattete. Der Präsident der Sitzung, Professor ~Ladenburg~, hat mir dazu einige freundliche Worte der Anerkennung gewidmet.

Von den allgemeinen Sitzungen, die wir ebenfalls besuchten, ist mir nur ein Vortrag des Zoologen ~Moebius~ aus Kiel in Erinnerung geblieben, weil er ein chemisches Kuriosum brachte. Es war die Identität des mysteriösen Urschleims (Bathybius Haeckelii) mit amorphem Gyps, der beim Vermischen von Seewasser mit Alkohol ausfällt.

Die Stimmung der Naturforscher, die im Hamburger Volksmund »die forschen Naturen« hießen, war die denkbar beste, gehoben durch das prächtige Herbstwetter, die vielen Vergnügungsgelegenheiten der Seestadt und die flotte Gastfreundschaft der Hamburger Bürgerschaft. Von den Festlichkeiten ist mir in Erinnerung geblieben eine Dampferfahrt nach Blankenese. Bei der Rückkehr hatten wir Gelegenheit, die Ausgelassenheit und Rohheit der Hafenbevölkerung kennen zu lernen. Es war schon halb dunkel und Scharen von halbwüchsigen Burschen vergnügten sich nun damit, unserer Gesellschaft und besonders den Damen kleine, aber doch scharf explodierende Feuerwerkskörper unter die Füße zu werfen. Anderwärts hätte man sich über diesen Unfug entrüstet, die Hamburger aber waren daran gewöhnt und blieben ganz gelassen.

Von Hamburg sind wir drei ohne Unterbrechung an den Rhein gefahren, und ich habe mich dann im Oktober von den beiden anderen für ein Semester getrennt, da ich nach Straßburg ging, um bei meinem früheren Lehrer Professor ~F. Rose~ in der analytischen Chemie und ganz besonders im Unterricht der Anfänger Erfahrungen zu sammeln. Angemeldet hatte ich mich natürlich schon während des Sommers und dabei den Wunsch ausgesprochen, als Volontärassistent von Rose in der analytischen Abteilung des Laboratoriums zu Straßburg mitwirken zu dürfen. Der Direktor des Instituts Professor ~Fittig~ ließ mir aber sagen, er könne meinen Wunsch nur erfüllen, wenn ich die Stelle eines bezahlten Assistenten annehme. Das habe ich auch getan, mußte nun aber nach einigen Monaten die Überraschung erleben, daß mein schon an und für sich recht bescheidenes Gehalt herabgesetzt wurde. Es war eine Maßregel, die aus Verwaltungsgründen vielleicht gerechtfertigt war, aber es hat doch auf die anderen Angestellten des Instituts, besonders die Diener einen merkwürdigen Eindruck gemacht, weil sie es als eine Degradation für mich ansahen. Ich habe natürlich darüber gelacht, aber es passte zu der Persönlichkeit von ~Fittig~, der durch seine Anordnungen, ohne es zu wollen, andere Leute leicht vor den Kopf stieß. Ich hatte vor ~Fittig~ wegen seiner ausgezeichneten Arbeiten die größte Hochachtung, aber bei näherem Verkehr mit ihm merkte ich doch den großen Unterschied im Vergleich zu ~Baeyer~. Trotz seiner scharfen Beobachtungsgabe und seiner Geschicklichkeit im Experimentieren sowie seiner gesunden Kritik, entbehrte er der Genialität und war neuen Ideen, z. B. der Stereochemie und den physikalischen Lehren schwer zugänglich. Obschon ein guter Lehrer für Anfänger, besaß er auch nicht die Fähigkeit, ältere Chemiker an sich zu fesseln und dadurch eine größere wissenschaftliche Schule zu bilden. Von Tübingen her war er gewöhnt, auch den Unterricht in der chemischen Analyse zu erteilen. Das hätte er am liebsten auch in Straßburg getan, wenn nicht die von ~Baeyer~ schon getroffene Organisation, die den Extraordinarius ~Rose~ zum selbständigen Leiter in der Abteilung machte, vorhanden gewesen wäre. Ich war als Assistent nur in dieser Abteilung beschäftigt. Leider blieb mir dabei eine gewisse Enttäuschung auch nicht erspart. Der Unterricht von ~Rose~, dem ich als Student so viel verdankte, erschien mir jetzt mehr wie eine einseitige, allerdings mit den vielen praktischen Erfahrungen des ~Bunsen~'schen Laboratoriums geschmückte Dressur. Neue Methoden, die in der Literatur erschienen, wurden garnicht versucht und die geringste Abweichung von der Schablone galt als Fehler. Trotzdem ist mir das, was ich in bezug auf Unterricht bei ~Rose~ lernte, später sehr zustatten gekommen, als ich selbst die analytische Abteilung des Münchener Laboratoriums übernehmen mußte.

Die Zahl der Studierenden im Straßburger Laboratorium war nicht so groß, daß meine Zeit durch den Unterricht ganz in Anspruch genommen worden wäre. Es blieb mir deshalb die Möglichkeit, nebenher andere Dinge zu treiben. So habe ich mich ziemlich regelmäßig an dem physikalischen Kolloquium bei ~Kundt~ beteiligt, und vor allen Dingen konnte ich einige Studien über die Morphologie und Physiologie der niederen Pilze machen. Wie früher schon erwähnt, erhielt ich die Anregung dazu von Dr. ~A. Fitz~, der mir von früher her flüchtig bekannt war, und dem ich jetzt auch persönlich näher treten durfte. Er war ein wohlhabender Weingutsbesitzer aus der Pfalz, schon in reiferen Jahren, unverheiratet und führte damals interessante Versuche über Spaltpilzgärung aus, durch die er sich in der Geschichte der Gärungschemie einen geachteten Namen gemacht hat. Durch ihn lernte ich einige Schriften von ~Pasteur~, vor allem das Buch »Études sur la bière« kennen. (Welche praktische Folge das für eine Brauerei in Dortmund gehabt hat, ist früher geschildert). Die Pilzchemie hat mich damals so interessiert, daß ich bei längerem Aufenthalt in Straßburg sicherlich eigene Forschungen auf diesem Gebiete angestellt hätte. Zunächst war es aber für mich nötig, morphologische Kenntnisse zu erwerben und Übung in der Handhabung des Mikroskops und der Pilzkulturen zu bekommen. Die Gelegenheit dazu bot das botanische Institut, das unter Leitung von ~de Bary~ stand, der einer der besten Kenner der niederen Pilze in Deutschland war. Mit geringer Mühe habe ich dort eine Reihe von Schimmelpilzen und Hefearten kennen gelernt, die meist auf trockenen Nährböden wie Kartoffeln, Rüben, Möhren gezogen wurden. Es ist mir deshalb immer ein Rätsel geblieben, daß erst Jahre nachher für die Kultur der Spaltpilze ~Robert Koch~ die festen Nährböden in die Mykologie einführen mußte, und seitdem als Erfinder dieser Methode angesehen wird. Tatsächlich hat ~Pasteur~ die Kultur von Mikroben immer nur in Flüssigkeiten, d. h. in seinem bekannten Kolben angestellt und auch seine Nachfolger wie ~Fitz~ usw. waren nicht auf den Gedanken gekommen, den festen Nährboden zu benutzen.

Außerhalb der Laboratorien hat es mir an Unterhaltung und Gesellschaft in Straßburg nicht gefehlt, und als junge Leute durften wir uns auch hier und da kleine Streiche erlauben. So erinnere ich mich eines Spaßes, wobei wir Dr. ~C. Wurster~, der damals in Straßburg sein einjährigfreiwilliges Jahr abdiente, und bei einer nächtlichen Kneiperei den Urlaub überschritten hatte, vor der Festnahme durch eine Patrouille schützen mußten, indem wir ihn auf der Straße rasch in einen Zivilisten verwandelten.