Part 6
Inzwischen war auch Vetter ~Otto~ mit der Schule fertig geworden, hatte ebenfalls das Studium der Chemie in Berlin begonnen und war dann auch nach Bonn gekommen. Er nahm die Schwierigkeiten keineswegs so tragisch wie ich, trotzdem gefiel auch ihm der Gedanke, die Hochschule zu wechseln, nicht allein der Studien halber, sondern um in der Welt sich umsehen zu können. So kam es, daß wir am Ende des Sommersemesters 1872 Bonn verließen und dann halb durch Zufall nach Straßburg i. E. kamen. Das war für uns beide ein rechtes Glück, denn wir sind so mit ~Adolf Baeyer~ in Berührung gekommen, und ich wüßte nicht, was mir Besseres hätte passieren können, um die chemische Experimentierkunst zu lernen. Den Aufenthalt im Straßburger Laboratorium habe ich versucht in einem kleinen Aufsatz zu schildern, den ~Baeyer~ seiner Selbstbiographie eingefügt hat. Auf diese Art ist er in der Einleitung zu ~Baeyers~ gesammelten Abhandlungen zum Druck gelangt. Ich habe ihm nur wenig zuzufügen, um noch ein Bild von unserer Lebensweise und dem Freundeskreise außerhalb des Laboratoriums zu geben.
Im ersten Semester wohnte ich mit Vetter ~Otto~ zusammen bei zwei sehr alten Frauen in einem ebenso alten Hause, wie denn überhaupt die ganze Stadt damals einen recht alten und verkommenen Eindruck machte. Verschärft wurde dieser durch die starken Verwüstungen, die von der Belagerung herstammten. So lag das sogen. Steinviertel noch größtenteils in Trümmern.
Mein Magenkatarrh war inzwischen geheilt, aber er hatte doch eine Empfindlichkeit des Organs hinterlassen, die mir eine gewisse Vorsicht in der Diät auferlegte. Die gute Straßburger Küche und der noch bessere, in großen Vorräten vorhandene französische Wein kamen mir zugute, und ich habe im Wintersemester im badischen Hof nach Verabredung mit dem sehr verständigen Wirt ein stattliches Faß ausgezeichneten Burgunder konsumiert, war dadurch in einen recht guten Ernährungszustand gekommen, so daß ich von den Professoren unter dem Titel »der dicke Fischer« von dem Vetter unterschieden wurde.
Bei dem nächsten Besuch während der Osterferien erregte mein Aussehen bei der Mutter große Freude, während der erfahrene Vater mich mit den Worten begrüßte: »Du hast einen ziemlich vertrunkenen Kopf gekriegt.« Infolgedessen habe ich das Burgundertrinken aufgegeben und mich dem guten aber viel unschuldigeren Elsasser Landwein zugewandt. Auch die Mehrzahl der Kollegen, die vielfach aus dem Rheinland stammten, besuchten die Weinhäuser. Zwar gab es auch Bier in mannigfaltiger Qualität, sowohl einheimisches, in dem Orte Schiltigheim gebraut, wie auch bayerisches, aber diese Häuser pflegten wir nur im Sommer zu besuchen, der in Straßburg ungewöhnlich heiß ist und deshalb zum Bierverbrauch anregt.
Das studentische Leben, wie es auf anderen deutschen Hochschulen üblich ist, war zu unserer Zeit wenig entwickelt. Es gab zwar einige Corps, aber sie spielten keine große Rolle, weil ihnen der Resonanzboden in der Bevölkerung und der ganzen Tradition der Stadt fehlte. Dagegen war der zwanglose Verkehr der Studenten in den Gasthäusern und auch in den Vorlesungen sehr angenehm. Die vielen fremdländischen Elemente, Russen, Polen und andere Ausländer störten denselben nicht. Die Elsässer hielten sich anfangs zurück, kamen aber doch in den späteren Semestern in die Institute. Es waren darunter manche fein gebildete junge Männer mit sehr angenehmen Umgangsformen. Mit den gebildeten Familien in Straßburg sind wir nicht in Berührung gekommen, wohl aber habe ich das Volk und speziell auf mancherlei Ausflügen in die Vogesen die Landbevölkerung kennen gelernt und einen recht guten Eindruck erhalten. Mit Ausnahme vom Südelsaß, wo die Tuchindustrie sehr entwickelt und in ihren geschäftlichen Interessen auf das übrige Frankreich angewiesen war, verriet sich in der Bevölkerung durchweg die alte deutsche Abstammung. Die Leute sprachen ihr Elsasser Deutsch, vermischt mit französischen Brocken, waren aber zum erheblichen Teil garnicht imstande, französisch zu sprechen. Sie waren zwar nichts weniger als deutsch-freundlich und schimpften gerne auf die »Schwoben«. Aber wenn man die Politik beiseite ließ, so konnte man mit ihnen recht gut auskommen. Es ist mir ein Rätsel, daß die deutsche Verwaltung es nicht fertiggebracht hat, in 40 Jahren bei dieser im Grunde gutmütigen, allerdings demokratisch gesinnten Bevölkerung mehr Sympathie zu erwerben.
In Straßburg selbst waren noch manche Überreste französischer Einrichtungen und Sitten geblieben. In öffentlichen Tanzlokalen belustigte man sich noch am Cancan, und es war drollig anzusehen, wie selbst auf dem Lande beim sonntäglichen Tanz einzelne Bauernburschen die beim Cancan üblichen Sprünge versuchten, aber selten einen durchschlagenden Erfolg erzielten. Auch im sittlichen Verkehr zwischen den beiden Geschlechtern herrschte für deutsche Begriffe eine zu freie Form.
Der Verkehr zwischen Studenten und Professoren, die fast alle noch im jugendlichen Alter standen, war behaglicher und anziehender als auf irgendeiner anderen Hochschule. Besonders profitierten davon die Naturforscher und die Mediziner. Da auch die Institute von der deutschen Regierung reichlich mit Geld ausgestattet wurden und die Zahl der Studierenden in den ersten Jahren gering blieb, so war der praktische Unterricht ausgezeichnet und gab sich auch bald in den wissenschaftlichen Leistungen kund. Dieser Vorzug von Straßburg übte allmählich seine Anziehungskraft aus, und wenn nicht die Stadt als so teuer verschrieen gewesen wäre, so würde auch bald die Studentenzahl derjenigen der altdeutschen Universitäten gleichgekommen sein.
Unsere Schilderungen von dem akademischen Leben an der jungen Universität in der alten Reichsstadt haben auch in der eigenen Familie ihre Werbekraft ausgeübt. Schon nach einigen Semestern kam der Vetter ~Ernst Fischer~ dorthin, nachdem er das medizinische Staatsexamen bestanden und einige Zeit als Assistent in der chirurgischen Abteilung des Cölner Bürgerhospitals tätig gewesen war. Er besuchte in Straßburg nicht allein die chirurgische Klinik, die unter Leitung von Professor ~Luecke~ stand, sondern interessierte sich auch für Studien auf der Anatomie bei ~Waldeyer~ und auf der pathologischen Anatomie bei ~von Recklinghausen~. Bei dieser Gelegenheit hat er eine kleine Erfindung gemacht, mit der sein Name wohl dauernd verbunden bleiben wird, und die ich erwähnen will, weil ich dazu die Anregung geben durfte. Damals war das Färben von anatomischen Präparaten, das von meinem Schwiegervater ~Josef von Gerlach~ mit der Anwendung des Carminrots in die Wissenschaft eingeführt wurde, schon allgemein üblich. Aber die Zahl der benutzten Farbstoffe war gering. Als ich davon durch den Vetter ~Ernst~ hörte, riet ich ihm, das Eosin zu versuchen, das kurz zuvor von ~Baeyer~ und ~Caro~ entdeckt worden war und das ich bei meiner Doktorarbeit über Fluorescein nicht allein als chemisches Präparat, sondern auch an meinen Händen als prächtiges Färbemittel für tierische Gewebe kennen gelernt hatte. Die Versuche vom Vetter fielen dann auch so gut aus, daß er den Farbstoff in die anatomische Praxis einführen konnte, worin er sich bis jetzt erhalten hat.
Nebenher interessierte er sich besonders für die Antisepsis in der chirurgischen Praxis, die durch den ~Lister~'schen Verband schon eine hohe praktische Bedeutung erlangt hatte. Er bemühte sich, diesen zu verbessern und war schon damals der Ansicht, daß der Antisepsis in der Chirurgie die Asepsis folgen würde. Zunächst bemühte er sich aber, anstelle der Carbolsäure unschuldigere Antiseptica zu finden und so kam er auf das Naphtalin, dessen Giftigkeit für Ungeziefer man schon kannte. Er hat für den medizinischen Gebrauch dieses Kohlenwasserstoffes Propaganda gemacht und es auch bei der damals in Frankreich so stark wütenden Phylloxera (Reblaus) empfohlen, ohne aber in der Praxis durchzudringen.
An diese Bemühungen knüpfte sich eine andere Erfindung, deren Zustandekommen wie eine Anekdote anmutet. Infolge der Empfehlung des Naphtalins als Antiseptikum von ~Ernst Fischer~ kamen 2 Assistenten der Klinik für innere Medizin zu Straßburg auf den Gedanken, den Kohlenwasserstoff zur Desinfektion des Darms im krankhaften Zustande zu verwenden. Sie bestellten das Mittel bei einer Straßburger Drogenhandlung mit dem Bemerken, daß es ganz rein sein müsse, und sie erhielten dann auch ein Präparat, vom dem das Geschäft behauptete, es sei so rein, daß es keinen Geruch mehr habe. Als sie nun dieses Mittel bei fiebernden Darmkranken anwendeten, beobachteten sie das rasche Sinken der Temperatur. Glücklicherweise war der eine Mediziner, ein Bruder des Chemikers ~Eduard Hepp~, auch chemisch gut gebildet, und er kam bald zu der Überzeugung, daß das von ihnen angewendete Mittel kein Naphtalin sei. Die chemische Untersuchung durch ~Eduard Hepp~ ergab dann auch, daß es sich um Acetanilid handelte, welches der Drogist offenbar durch Verwechselung der Flaschen als Naphtalin geliefert hatte. So ist das Acetanilid unter dem Namen Antifebrin ein bekanntes und noch jetzt namentlich in Ostasien viel gebrauchtes Fiebermittel geworden. In Europa wurde es verdrängt durch das Phenazetin, das im wesentlichen ein modifiziertes Antifebrin ist, und die gleiche fieberstillende Atomgruppe besitzt.
Es scheint mir nützlich, solche Zusammenhänge zu schildern, nicht allein aus historischen Gründen, sondern auch als neues Beispiel dafür, daß häufig der Zufall bei Erfindungen mitspielt.
Vetter ~Ernst~ hat sich später wieder ausschließlich der Chirurgie zugewandt, ist Privatdozent und außerordentlicher Professor an der Universität geworden und besaß eine chirurgische Privatklinik in der Küfergasse, von der früher schon die Rede war. Er starb während des Krieges an Typhus und Lungenentzündung. Bald nachher ist sein einziger Sohn an der Westfront gefallen. Zwei von seinen Töchtern sind in Frankreich verheiratet. Seiner Frau und seinen Kindern zuliebe ist ~Ernst~ zum Katholizismus übergetreten. Daß dabei religiöse Überzeugung mitgewirkt hat, glaube ich nicht; denn ich habe ihn nur als vollkommenen Freigeist gekannt.
Etwas später kam noch ein zweiter Vetter ~Fritz Fischer~, Sohn des Chirurgen in Cöln als Student der Medizin nach Straßburg. Gleich nach Beginn seiner Studien erkrankte er nicht unbedenklich an Scharlachfieber, wahrscheinlich infolge einer Infektion auf der Anatomie. Wie schon erwähnt, ist er ebenfalls dort geblieben und auch als außerordentlicher Professor der Chirurgie gestorben.
Von den sonstigen studentischen Bekannten muß ich noch erwähnen ~Josef von Mering~, mit dem zusammen ich später mehrere chemisch-medizinische Arbeiten ausgeführt habe. Er war schon damals ein Original, als echter Sohn Cölns ein Freund des Humors, mit ungewöhnlicher Körperkraft ausgestattet und als gefährlicher Säbelfechter gefürchtet.
Die Sommermonate waren in Straßburg ungewöhnlich heiß und brachten infolge der durch Ill und Rhein stark versumpften Umgebung eine recht lästige Mückenplage. In diesem Sumpf gediehen auch die Frösche ausgezeichnet und diese waren zweifellos wieder die Vorbedingung für die Existenz der zahlreichen Störche, die auf den hohen Giebeln der alten Häuser ihre Nester angelegt hatten. Es war ein drolliger Anblick, wenn man von der Plattform des Straßburger Münsters auf die Stadt herabschaute und in das Getriebe von Hunderten von Storchnestern Einblick erhielt. Die warmen Sommer und die Lage der Stadt im Rheintal zwischen Schwarzwald und Vogesen brachten auch ungewöhnlich schwere Gewitter mit sich, und ich habe oft von meiner Wohnung in der Kalbsgasse, die ganz nahe beim Münster lag, das elektrische Wechselspiel zwischen dem Blitzableiter am Münsterturm und den Gewitterwolken bewundert. An solchen heißen Tagen fuhren wir gerne nach Kehl, um dort im Rhein zu baden und später in einem guten Gasthaus badischen Landwein zu trinken. Hier haben wir Chemiker auch im Juli 1875 ein kleines Abschiedsfest für Professor ~Baeyer~ veranstaltet, bei dem ich meine erste Tischrede hielt und glücklich stecken blieb. Das erregte großen Jubel, war aber für mich eine Mahnung, bei späteren Gelegenheiten mich besser vorzubereiten.
Das Baden im Rhein war übrigens keine ungefährliche Sache; denn die Strömung betrug in der Mitte des Stromes 3 m in der Sekunde und das Geschiebe der schweren Kieselsteine am Boden war so stark, daß man es im Wasser leicht belauschen konnte.
Im Sommer verlockte die schöne Umgebung Straßburgs verführerisch zu Ausflügen. Wir haben sie meistens nach dem Badischen ausgeführt. Schwarzwald und Odenwald sind mir auf diese Weise früh bekannt geworden. Zweimal führte mich der Weg auch nach der Schweiz. Die eine Reise, die ich mit Vetter ~Julius~ unternahm, ist früher geschildert. Ein Jahr zuvor hatte ich aber schon zusammen mit Vetter ~Otto Fischer~ und einem Studierenden der Pharmazie aus Bayern eine lustige Tour durch das Berner Oberland gemacht. Den Schluß dieser Rundfahrten in der Süd-Westecke Deutschlands machte ein Besuch der südlichen Vogesen in Gesellschaft von Vetter ~Ernst Fischer~. Wir sind dabei auf dem Kamm des Gebirges, der die Grenze zwischen Deutschland und Frankreich bildet, marschiert und kamen schließlich in die Schlucht beim großen Belchen, wo sich ein sehr gutes Gasthaus gleichen Namens befand. Hier war eine große, rein französische Gesellschaft versammelt, die einen Ausflug über die Grenze gemacht hatte. Bei Tisch blieben wir ziemlich isoliert. Die Unterhaltung mit der Nachbarschaft beschränkte sich auf einige höfliche Phrasen. Aber plötzlich erkrankte eine Dame der Gesellschaft an einer Unterleibsblutung und man verlangte dringend nach einem Arzt. Da kein anderer in der Gesellschaft zugegen war, so bot Vetter ~Ernst~ seine Hilfe an und hatte rasch die Gefahr beseitigt. Von nun an war die Stimmung der Gesellschaft gegen uns wie umgewandelt. Man lud uns ein, an den Spielen teilzunehmen und überbot sich in Liebenswürdigkeiten gegen uns. Aber bald mußten wir uns verabschieden, um unser Ziel, die Stadt Mülhausen, noch am gleichen Tage zu erreichen.
[Illustration: MÜNCHENER ZEIT]
Am nächsten Tage trennte ich mich von Vetter ~Ernst~, der die Krankenhäuser in Mülhausen kennen lernen wollte, und fuhr allein nach Straßburg zurück. Bei der Gelegenheit habe ich auf komische Art die Bekanntschaft von ~Otto N. Witt~ gemacht. Er saß in der Eisenbahn mir gegenüber und richtete nach kurzer Zeit an mich die Frage: »Mein Herr, sie sind gewiß Chemiker?« Ich bejahte das und meinte lachend, er habe das wohl an meinen stark gefärbten Händen gesehen, er selbst scheine aber auch nicht weit vom Handwerk entfernt zu sein. Die Diazokörper, mit denen wir beide vorher gearbeitet hatten, waren die Verräter und brachten uns in kollegiale Verbindung. Wir stellten uns vor und erzählten uns gegenseitig von unseren Arbeiten. Ich war mit dem Phenylhydrazin beschäftigt gewesen und ~Witt~ hatte damals gerade das Chrysoidin entdeckt. Er kam von Zürich und fuhr nach England, um dort seine Entdeckung praktisch zu verwerten. Ich lud ihn ein, in Straßburg Station zu machen, worauf er auch einging und wir haben dann einen sehr vergnügten Tag zusammen verlebt. Als ich viele Jahre später nach Berlin kam, war es mir ein Vergnügen, diese alte Bekanntschaft zu erneuern. Am nächsten bin ich ihm getreten, als wir beide Kurgäste in Kissingen im Sanatorium von ~Dapper~ waren und genug Muße fanden, uns in zwanglosen Gesprächen nicht allein über wissenschaftliche Dinge gegenseitig zu belehren und zu belustigen. ~Witt~ war eine Künstlernatur, sehr gewandt in Schrift und Sprache, humoristisch veranlagt und eine impulsive Natur. Nur mußte man sich sehr in acht nehmen, seine Eigenliebe zu verletzen. Begleitet war er damals von seiner ebenso hübschen wie liebenswürdigen Gattin, einer Engländerin.
Einige Wochen nach der Vogesenfahrt habe ich Straßburg verlassen und mit Vetter ~Ernst~ eine Fahrt durch Süddeutschland gemacht, wobei wir zuerst Tübingen, Stuttgart und dann München kennen lernten, und viele lustige Erlebnisse hatten. In Tübingen herrschten damals noch patriarchalische Zustände. Als wir in ein Weinhaus eingekehrt waren, setzte sich sofort das Wirtstöchterlein zu uns, um uns über die Stadt und das städtische Treiben Auskunft zu geben. Ebenso ging es uns im chemischen Institut, dessen Leiter Professor ~R. Fittig~ schon als Nachfolger von ~Baeyer~ nach Straßburg berufen war. Als wir dort nach einem Assistenten frugen, der uns das Institut zeigen könne, meldete sich eine junge Dame, die im Hause von ~Fittig~ tätig war. Sie wußte so gut Bescheid im Institut wie ein Fachchemiker und machte in liebenswürdigster Weise den Führer.
In Stuttgart gab es natürlich sehr viel mehr an Merkwürdigkeiten zu sehen, und in der bayerischen Hauptstadt trafen wir Professor ~Baeyer~, der schon einige Wochen vorher übergesiedelt war. Es machte ihm besonderen Spaß, uns abends in einige originelle Wirtshäuser zu führen, um namentlich mir die Stadt sympathisch zu machen. Ich erinnere mich noch, daß eine der Kneipen den klassischen Namen »Orlando di Lasso« führte und in der Nähe des Hofbräuhauses gelegen war.
Die Kunstschätze Münchens haben wir natürlich gewissenhaft angeschaut, aber ich muß offen gestehen, daß im Gegensatz zu dem großen Eindruck, den ich von den Bildern der Pinakothek hatte, die bemerkenswerten Skulpturen der Glyptothek mich ziemlich kalt ließen. Auch zum Kunstgenuß müssen die meisten Menschen erzogen werden. Die Bedeutung der Antike für Skulptur und Architektur ist mir erst bei späteren Besuchen Italiens klar geworden. Was mich damals am meisten in München interessierte, waren doch das wissenschaftliche und das materielle Leben; denn es handelte sich um die Frage, ob ich meinem Lehrer folgen und mich für längere Zeit dort binden sollte. Meine Eltern und besonders meine Mutter waren entschieden dagegen, weil München damals in gesundheitlicher Beziehung einen recht schlechten Ruf genoß. Der Typhus war so verbreitet, daß junge Leute aus dem Rheinlande, falls sie nicht durch vorherige Erkrankung immunisiert waren, ziemlich sicher darauf rechnen konnten, in München infiziert zu werden. Und zwei Jahre vorher, im Jahre 1873 hatte dort auch die Cholera sehr stark gehaust. Zudem war das Klima der hochgelegenen Stadt mit rasch wechselnden Temperaturen im Rheinland gefürchtet.
Über alle diese Dinge beruhigte mich aber Professor ~Baeyer~ und versprach mir den hygienischen Schutz der ~Pettenkofer~'schen Schule. Das ist auch später in ausgiebigem Maße der Fall gewesen. Wir lernten durch ~Baeyer~ die Assistenten Pettenkofers kennen, unter ihnen besonders Dr. ~Forster~, einen sehr liebenswürdigen und kenntnisreichen Mann, der später Professor der Hygiene in Amsterdam und zuletzt in Straßburg i. Els. war. Er besaß eine Typhuskarte der Stadt, in der nicht allein die verdächtigen Straßen, sondern die einzelnen Häuser mit Typhuserkrankung bezeichnet waren. Wir haben nach dieser Karte unser Quartier in der gesunden Umgebung des chemischen Instituts gewählt und sind auch sonst immer dem hygienischen Rat von ~Forster~ gefolgt.
Als ich damals von München aus weiter reiste, war ich entschlossen, im Spätherbst dorthin zurückzukehren, um im ~Baeyer~'schen Laboratorium meine Studien über Hydrazinverbindungen fortzusetzen.
Zunächst ging ich allein über Salzburg nach Wien, von dessen Vorzügen die österreichischen Studiengenossen in Straßburg so viel erzählt hatten. Meine Erwartungen sind in der Tat nicht enttäuscht worden. Die prächtige Lage in der Nähe des mächtigen Stroms und am Fuße lieblicher, bewaldeter Berge, die an historischen Erinnerungen reiche Altstadt und die prächtigen Neubauten am Ring, die großen Kunstschätze und die ausgezeichneten Theater, dazu das liebenswürdige naive Wesen des Volkes, die vielen schönen Frauen und die gute Natural-Verpflegung waren wohl geeignet, einen jungen Menschen wie mich zu bestechen, und ich würde vielleicht München gegen Wien ausgetauscht haben, wenn nicht der Besuch des chemischen Instituts mich ernüchtert hätte. Es war zwar ein Neubau kostspieliger Art, machte aber in keiner Beziehung den Eindruck der Zweckmäßigkeit. Viel besser gefielen mir die Menschen, die darin auch in den Ferien beschäftigt waren. Zunächst wandte ich mich an einen alten Bekannten, den Straßburger Studiengenossen Dr. ~O. Zeidler~, der mich dann den anderen Assistenten vorstellte. Unter ihnen ragte hervor Dr. ~Zdenko Skraup~, mit dem ich mich sofort befreundete.
Beim Mittagstisch lernte ich noch Professor ~Weidel~ kennen, der aber 10 bis 15 Jahre älter war als wir, und im Verkehr mit jungen Leuten sich ziemlich zurückhaltend zeigte. Professor ~A. Lieben~, der die eine Abteilung des Instituts leitete, habe ich nur aus der Ferne gesehen. Erst später bin ich mit diesem fein gebildeten und liebenswürdigen Fachgenossen in nähere Berührung gekommen.
~Skraup~ und ~Zeidler~ waren die Führer in denjenigen Teilen des Wiener Lebens, das in die Nachtzeit fällt und nicht in den Reisebüchern beschrieben wird. Wir haben aber auch zwei kleine Ausflüge in die Umgebung Wiens gemacht und mit ~Skraup~ zusammen besuchte ich die große Oper. Er war durch seine materielle Lage zu bescheidener Lebensweise gezwungen, und wir gingen deshalb in das billige Stehparkett, was mir auch sehr sympathisch war.
Vernünftigerweise durften auch die Offiziere dorthin gehen, und sie hatten sogar den Vorzug, nur die Hälfte des Eintrittspreises zu bezahlen. Da ~Skraup~ Reserveoffizier war, so erklärte er sofort aus Sparsamkeitsgründen die Uniform für diesen Theaterbesuch anlegen zu wollen. Dazu mußte er sich aber rasieren. Da die Zeit sehr knapp war, so erklärte ich mich bereit, ihm diesen Liebesdienst zu erweisen. ~Zeidler~ lieh dazu sein Rasiermesser, das, wie er später gestand, von ihm für viel niederere Zwecke benutzt wurde. Als ich nun meine Barbieroperation noch nicht zur Hälfte ausgeführt hatte, erklärte ~Skraup~ schimpfend, er wolle sich lieber einen Zahn ausziehen lassen, als solche Tortur länger zu dulden, sprang auf und lief halb rasiert und noch mit Seife beschmiert zum ziemlich weit entfernten nächsten Rasierladen. Seitdem habe ich nie mehr Leibesoperationen an anderen Menschen vollzogen. Nach etwa achttägigem höchst befriedigendem Aufenthalt kam der Abschied von Wien, wohin ich später noch zweimal zum Besuch von Naturforscherversammlungen zurückgekehrt bin. Die Rückreise ging über Nürnberg, Würzburg, Frankfurt a. M. nach Euskirchen, wo ich noch einige Wochen meinen Vater in der Hühner- und Hasenjagd unterstützen konnte. Gleichzeitig suchte ich meinen Eltern klar zu machen, daß ich mit dem Phenylhydrazin eine hübsche Entdeckung gemacht hätte und daß es mein Wunsch wäre, diese weiter zu verfolgen in dem Münchener Laboratorium als freier Privatgelehrter. Obschon mein Vater behauptete, die Sache nicht zu verstehen, und überhaupt die Nützlichkeit dieser Erfindung, die man nicht praktisch verwerten könne, anzweifelte, so ließ er mir doch vollkommen freie Wahl. Zudem hatte er mich schon selbständig gemacht; denn sobald ich mit Vollendung des 21. Lebensjahres mündig geworden war, übergab er mir dieselbe Summe, die meine Schwestern als Heiratsgut erhalten hatten. Die Zinsen reichten bei meinen nicht übertriebenen Ansprüchen zum Lebensunterhalt vollkommen aus. Das Kapital überließ ich gerne meinem Vater zur Verwaltung, und er hat diese auch noch später weiter geführt, bis ich 40 Jahre alt wurde und nach Berlin übersiedelte. Dann meinte er, ich sei nun alt genug, um solche Dinge selber zu besorgen. Die Bedenken meiner Mutter bezüglich der gesundheitlichen Gefahren ließen sich beschwichtigen und so zog ich Mitte Oktober nach München. Das Laboratorium, in dem ~Baeyer~ sich provisorisch eingerichtet hatte, war nach den Plänen von ~Liebig~ 20 Jahre früher erbaut worden.
Bei seiner Berufung nach München hatte der große Forscher ausdrücklich die Verpflichtung abgelehnt, praktischen Unterricht an Studierende zu erteilen. Er hielt deshalb nur die großen Vorlesungen über Chemie und im Laboratorium widmete er sich ausschließlich seinen eigenen Forschungen. Die Zeit der großen Experimental-Untersuchungen war übrigens bei ihm schon vorüber und die Münchener Zeit hat er mehr literarischen Arbeiten gewidmet. Infolgedessen war das Laboratorium, in dem sich auch die Wohnung ~Liebigs~ befand, recht klein. Mit dem Einzug von ~Baeyer~ wurde die Dienstwohnung geopfert und im alten Gebäude ein provisorisches Laboratorium eingerichtet. Gleichzeitig begannen die Vorarbeiten für den Neubau des Instituts.
Von Straßburg waren die Assistenten Dr. ~E. Hepp~ und Dr. ~C. Schraube~, ferner der Inspektor ~Kamps~ und der Diener ~Gimmig~ mit übergesiedelt. Als einzigen früheren Insassen des Instituts trafen wir den außerordentlichen Professor an der Universität ~Jacob Volhard~. Er hatte seit vielen Jahren seinem Onkel ~Liebig~ sowohl als Vertreter bei den Vorlesungen, als auch bei der Redaktion der Annalen der Chemie Hilfe geleistet. Er war ein kluger, feingebildeter Mann und eine anziehende Persönlichkeit. Durch ungewöhnliche Größe und körperliche Schönheit ausgezeichnet, formgewandt und humoristisch veranlagt, hatte er sich namentlich im Verkehr mit Künstlern einen flotten, von jeder Pedanterie freien Umgangston angeeignet. Seine offene Art, sich auszusprechen, die im allgemeinen Vertrauen erweckte und namentlich uns jungen Leuten sympathisch war, konnte sich aber auch zu heftiger Grobheit steigern. Das geschah, wenn er in Jähzorn geriet, wovon ich selbst eine Probe erfahren sollte. Eines Tages traf er mich nämlich bei der Ausführung einer Elementaranalyse und begann eine gemütliche Plauderei, bis sein Blick auf eine Pipette fiel, die mir von einem Diener als wertloses Stück übergeben und zu niederen Zwecken benutzt worden war. In Wirklichkeit gehörte sie zu einem Satz von Pipetten, die ~Volhard~ sich eigens für analytische Zwecke kalibriert hatte. Und nun erfolgte ein so plötzlicher und furchtbarer Zornesausbruch, daß ich fürchten mußte, es würde zu Tätlichkeiten kommen, und mich deshalb in Verteidigungszustand setzte. Glücklicherweise ging der Anfall bald vorüber. Die Heftigkeit tat ihm dann leid, wir haben uns leicht versöhnt und sind von da an immer gute Freunde geblieben. Ich bin sogar zweimal, in München und auch in Erlangen, sein Nachfolger geworden.