Chapter 11 of 21 · 3683 words · ~18 min read

Part 11

Zuvor hatten wir in Euskirchen auf seinen Vorschlag Duzbrüderschaft geschlossen, und ich muß gestehen, daß er mir dauernd ein lieber Freund geblieben ist. Bei ~Meyer~ war körperliche Anmut mit ungewöhnlicher geistiger Begabung in glücklicher Weise vereinigt. Dazu kam eine natürliche Liebenswürdigkeit des Wesens und eine große Geschicklichkeit, sich der Umgebung anzupassen, so daß ihm die Sympathien der Menschen rasch zuteil wurden.

Sein Bruder ~Richard~ hat ihm eine ausführliche Lebensbeschreibung gewidmet und ein weiteres Denkmal durch die Herausgabe seines Briefwechsels gesetzt. Aber trotzdem erscheint es mir nicht allein gerechtfertigt, sondern wie eine Art von Freundespflicht, auch hier eine kurze Charakteristik von ihm zu geben. Er war ein rascher Denker und verfügte infolge seiner Belesenheit und seines ausgezeichneten Gedächtnisses über ebenso gründliche wie ausgedehnte Kenntnisse. Drum schossen bei ihm die Ideen wie ein frischer und unversiegbarer Sprudel hervor, ohne daß er dabei die gesunde Kritik verloren hätte. So erklären sich auch seine außerordentlichen Erfolge in der Experimentalchemie, wo schöpferische Phantasie mit nüchterner Auswahl der lösbaren Probleme und der einfachsten Versuchsbedingungen verbunden sein muß. Sehr interessant war es, ihn über Fachgenossen reden zu hören, deren Vorzüge er gerne anerkannte und deren Schwächen er mit Freimut, aber ohne jede Bosheit, mehr im humoristischen Sinne beleuchtete.

Nebenher steckte in ihm ein gutes Stück Künstler mit aufrichtiger Freude an Musik, Deklamation, Schauspiel und Dichtkunst im weitesten Sinne. Das alles brach bei ihm spontan und mit natürlicher Anmut von Zeit zu Zeit hervor, so daß es, chemisch gesprochen, wie eine Transmutation vom Naturforscher zum Künstler aussah. Leider war damals sein Nervensystem schon durch übermäßige Arbeit, vielleicht auch durch zu reichlichen Genuß der Lebensfreuden, erschüttert, so daß er 1 Jahr später in Zürich zusammenbrach und Urlaub nehmen mußte. Es war um dieselbe Zeit, als ich aus anderen Gründen die Laboratoriumstätigkeit aufgeben mußte. Glücklicherweise haben wir beide eine Art von Renaissance erlebt, die allerdings bei ~Meyer~ nur etwa 12 Jahre dauerte.

Im Oktober 83 trafen wir für kurze Zeit in München bei ~Baeyer~ zusammen und erfuhren hier die freudige Überraschung, daß uns ~Baeyer~ in einer behaglichen Plauderstunde gleichfalls die Duzbrüderschaft anbot. Wir beide verehrten in ihm den ausgezeichneten und lieben Lehrer und hatten nun das Recht erhalten, ihn in besonders trauter Weise »Freund« nennen zu dürfen. Soviel ich weiß, sind wir die einzigen Chemiker geblieben, die sich dieses Vorrechts rühmen durften.

In unserem Junggesellenkreise zu Erlangen gab es kein interessanteres Ereignis als die Verlobung einzelner Mitglieder. Im Winter 1883/84 erlebten wir das dreimal, bei ~Ludwig Knorr~, ~Leo Gerlach~ und dem schon 40jährigen Mediziner ~Kieselbach~. Sie wurden natürlich feierlich aus unserem Kreise entlassen und dafür haben wir an den Hochzeiten teilgenommen. Die erste von ~Leo Gerlach~ fand in den Osterferien 84 in Nürnberg statt, weil die Braut der dort altangesessenen Familie ~Seitz~ angehörte. Sie wurde mit dem großen, etwas steifen Pomp der alten Kunststadt abgehalten. Die zweite Hochzeit war in den äußeren Verhältnissen, besonders in der Zahl der Teilnehmer, bescheidener, aber mit feinem künstlerischen Geschmack hergerichtet. Sie fand statt in dem Hause des Direktors der Akademie der Künste ~Piloty~ zu München. Bei dem Festmahl war die Braut so gesetzt, daß das prächtige blonde Haar, welches dem Vater als Modell bei der Idealfigur der Thusnelda in dem bekannten Bild »Der Triumphzug des Germanikus« gedient hatte, allein von der Sonne beleuchtet und deshalb von einer Art Glorienschein umgeben war. Meine Nachbarinnen bei dieser Hochzeit waren die durch Schönheit ausgezeichnete Schwester der Braut ~Johanna~, die spätere Frau von ~Hefner-Alteneck~, und die gewandte redefertige Baroneß ~L. von Hornstein~, die spätere zweite Frau von ~Lenbach~.

Wegen meiner freundschaftlichen Beziehungen zu ~Knorr~ mußte ich eine Rede auf das Brautpaar halten und die Glückwünsche der jungen Erlanger Gesellschaft mit einem stattlichen Album von Photographien überbringen. Ich hatte mir die Rede natürlich vorher überlegt und eine Einleitung ausgedacht, die an die Namen ~Knorr~ und ~Piloty~ anknüpfte. Es war ein Schiffsvergleich, und nun wollte es der Zufall, daß gerade vor mir auf der Tafel ein prächtiges, in Silber gehaltenes Segelschiff stand, von dem ich jetzt natürlich ausging. Dadurch bekam die Rede einen ganz improvisierten Zug und am Schluß erklärte mir der Hochzeitsvater, dem seine Rede recht sauer geworden war, daß wir Professoren den Künstlern im Schwätzen doch über seien.

Von diesen beiden Hochzeiten kam ich mit einem Katarrh, der durch das 2jährige Arbeiten mit Chlorphosphor in dem schlecht ventilierten Privatlaboratorium vorbereitet und durch eine akute Erkältung verstärkt war, nach Hause zurück, reiste dann aber bald, ohne mich darum zu kümmern, zum Besuch meines Vaters und Schwagers nach Uerdingen. Hier habe ich mir wahrscheinlich auf der Jagd eine kleine Verletzung des Darms zugezogen, zu deren Beseitigung ich mich an den Chirurgen Professor ~Bardenheuer~ im Cölner Bürgerhospital wandte. Ich wurde dort operiert und mußte 14 Tage zu Bett liegen. Leider stellte sich ziemlich hohes Fieber ein und infolge dieser ungünstigen Umstände entwickelte sich mein Bronchialkatarrh zu einem tüchtigen Husten. Aus dem Spital entlassen, bin ich statt nach dem Süden törichterweise nach Euskirchen gegangen, habe dort an der Jagd teilgenommen und mich neuen Erkältungen ausgesetzt. Jetzt nutzte auch ein 14tägiger Aufenthalt in Wiesbaden, wo abends immer ziemlich stark gekneipt wurde, nichts und so hat der Katarrh allmählich eine chronische Form angenommen. Am meisten beschädigt waren Nase, Hals und Trachea, und über den Nasenkatarrh war ich besonders unglücklich, weil mein sonst so feiner Geruchssinn völlig aufgehoben war und ich fast ½ Jahr kein Geruchsempfinden gehabt habe. Daran mögen zum Teil auch die Riechversuche, auf die ich später zurückkommen werde, schuld gewesen sein. Trotz des Katarrhs habe ich im Sommer Vorlesungen und Praktikum in Erlangen abgehalten, weil ich glaubte, daß in den Herbstferien die Krankheit geheilt werden könnte. Aber ich hatte noch immer nicht die richtige Lebensweise angenommen, denn das Rauchen, dem ich leidenschaftlich ergeben war, konnte ich nicht lassen, und im Weintrinken habe ich auch vielleicht damals mehr geleistet als gut war. Zudem ließ ich mich im August von ~Fleischer~ und ~Penzoldt~ überreden, mit nach Pontresina im Engadin zu gehen. Die Reise dahin fing schon mit einem Wagenunglück an, das recht böse Folgen hätte haben können. ~Fleischer~ und ich hatten nämlich, um die überfüllte Post zu vermeiden, in Chur einen Privatwagen gemietet, ohne über die Eigenschaften der Pferde und des Kutschers uns zu unterrichten. Nach einigen Stunden leidlicher Fahrt begegneten wir einem italienischen Orgeldreher, der seinen Leierkasten mit einer buntgefärbten Decke überzogen hatte. Davor scheute das eine Pferd, der Kutscher verlor die Herrschaft über die Tiere, und wir stürzten, nachdem das schlechte Geländer durchbrochen war, von der Straße etwa 5 m bergab, glücklicherweise auf eine Wiese. Ich hatte das Unglück kommen sehen, war aufgestanden und wollte aus dem Wagen herausspringen. Es war aber zu spät und ich flog in weitem Bogen aus dem Gefährt heraus in die Wiese hinein. Ich bin niemals in meinem Leben vom Boden so rasch wieder aufgesprungen, weil ich fürchtete, daß der Wagen nachkommen würde. Der war aber inzwischen ganz umgeschlagen und stark beschädigt liegen geblieben. Auch ~Fleischer~ war herausgeflogen und hatte sich einen Arm ziemlich stark verstaucht. Merkwürdigerweise blieben die Schuldigen, d. h. der Kutscher und die Pferde, ganz unverletzt. Der Absturz war auf etwa 500 m Entfernung von den Gästen eines kleinen Schwefelbades Alvaneu beobachtet worden, und als wir dort einkehrten, um uns durch ein Mittagsmahl von dem Schrecken zu erholen, wollte die Tischgesellschaft es nicht glauben, daß Männer, die soeben einer wirklichen Lebensgefahr entgangen waren, Lust zum Essen haben könnten. Ich hatte nun die Freude am Wagenfahren verloren. Wir gaben deshalb unsere Koffer auf die Post und machten den Rest des Weges nach Pontresina zu Fuß. Hier bin ich nur einige Wochen geblieben, weil der Aufenthalt in der trockenen und abends kalten Luft, das Unternehmen verschiedener kleiner Gletschertouren und das abendliche stundenlange Verweilen in einer rauchigen Bierkneipe meinem Katarrh nur schädlich waren. Ich zog es deshalb vor, nach dem niedriger gelegenen Kurort Flims in Graubünden zu gehen, wo ich mit Freund ~Königs~ zusammentraf und einige vergnügte Wochen verbrachte. Hier habe ich auf eigentümliche Art den Präsidenten des Schweizer Schulrats ~Kappler~ kennen gelernt. In dem mit dem Hotel verbundenen Bierhause war nämlich allabendlich eine Gesellschaft von älteren Schweizer Herren versammelt, die sich mit dem in der Schweiz üblichen Kartenspiel »Jass« vergnügten. In diesem kleinen Kreise zeichnete sich durch Lebhaftigkeit, originelles Äußere und kräftige Witze ein alter Herr so sehr aus, daß wir uns nach seinem Namen erkundigten. Es war Herr ~Kappler~, den alle jungen Dozenten der Naturwissenschaften in Deutschland dem Ruf nach kannten. Unsere Neugierde war dem alten Herrn verraten worden. Er hat sich dann auch erkundigt, und als wir am nächsten Tage bei Tisch saßen, schickte er den Kellner zu mir mit der Frage, ob ich der ~Otto~ oder der ~Emil~ wäre; denn er war über die jungen Naturforscher in Deutschland ausgezeichnet unterrichtet. Wir sind dann in persönliche Berührung gekommen, und er sprach sofort den Wunsch aus, daß ich die Professur der Chemie am Polytechnikum in Zürich übernehmen möchte, da ~Victor Meyer~ am Ende des nächsten Wintersemesters nach Göttingen übersiedeln werde. Als ich ihm erwiderte, daß ich augenblicklich leidend sei und erst meinen Katarrh kurieren müsse, wollte er mit Rücksicht auf mein gesundes Aussehen nichts davon wissen und wiederholte mehrere Wochen später das Angebot brieflich, nachdem er seinen Kollegen im Schulrat Bericht erstattet hatte. Der Ruf war sehr verlockend, da ein prächtiges neues Institut für Chemie gebaut werden sollte, wozu die Pläne von ~Victor Meyer~ und ~Lunge~ in Verbindung mit einem ausgezeichneten Baumeister schon fertiggestellt waren. Auch hätte es für mich einen Reiz gehabt, der Nachfolger ~Meyers~ zu werden, aber ich war doch zu unsicher, ob ich bei meinem Gesundheitszustand den Anstrengungen der Züricher Professur gewachsen sein würde, denn ~Meyer~ war doch zuletzt auch zusammengebrochen und hatte lebhafte Klage über das aufreibende Leben und Treiben in Zürich geführt. So lehnte ich denn wieder ab.

Auf der Rückreise von Flims drohte mir wieder die Gefahr eines Wagenunglücks, denn als ~Königs~ und ich von dort in einem Zweispänner nach Chur fuhren, stürzten unmittelbar vor dem Hotel auf dem glatten Pflaster beide Pferde zur Erde. Glücklicherweise blieben wir im Wagen unversehrt, aber meine Abneigung gegen Wagenfahrten ist durch den Vorfall noch verstärkt worden.

Den Rest der Ferien verbrachte ich in Südtirol, Brixen und Meran, wo aber infolge der Hitze und des Staubes der Bronchialkatarrh auch nicht völlig ausheilte. Die Folge davon war, daß ich bei einem kurzen Aufenthalt in München mir sofort einen neuen akuten Katarrh zuzog und kränker nach Erlangen zurückkehrte, als ich es im August verlassen hatte. Ich kam deshalb zu der Überzeugung, daß eine längere ernsthafte Kur nötig sei und nahm langen Urlaub, der mir vom Ministerium in München in der freundlichsten Weise gewährt wurde. Damit aber das Institut nicht ganz verwahrlost bleiben sollte, so schlug ich der Fakultät vor, meinen Vetter ~Otto Fischer~, der in München Privatdozent der Chemie war, als provisorischen Vertreter für die Zeit der Krankheit anzunehmen. Das ist auch geschehen, und hat dann zur Folge gehabt, daß er ein Jahr später, als ich nach Würzburg übersiedelte, definitiv mein Nachfolger wurde. Der Vetter hat nicht allein meine Vorlesungen und die Leitung des Laboratoriums, sondern sogar die Wohnung einschließlich der Haushälterin für die Zeit meines Urlaubs übernommen. Ich bin noch bis Ende November in Erlangen geblieben, um ihn in alle Geschäfte einzuführen, und während dieser Zeit hatte ich das besondere Vergnügen, Herrn Kappler aus Zürich nochmals zu sehen. Nach meiner Ablehnung hatte er sich trotz seines hohen Alters und seiner schlechten Augen entschlossen, eine Rundfahrt durch Deutschland zu machen, um die jungen Dozenten der Chemie kennen zu lernen. Begleitet von seiner Tochter erschien er auch in Erlangen, um die Bekanntschaft meines Vetters zu machen und seine Vorlesungen zu besuchen. Ich lud ihn zu Tisch, und als wir vergnüglich getafelt hatten und er mich in guter Laune glaubte, machte er einen letzten Versuch, mich zu gewinnen. Er behauptete dabei, daß ich gar nicht so krank sei, er riskiere es ruhig mit mir und dann setzte er mit erstaunlicher Beredsamkeit die Vorzüge von Zürich auseinander, wobei er besonders die Annehmlichkeiten betonte, welche dort einem Junggesellen durch die Freiheit der Sitten geboten seien. Da er aber bald einsehen mußte, daß er mit mir kein Geschäft machen könne, so beschränkte er sich schließlich darauf, mir eine Reihe von interessanten Begebenheiten aus seinem Leben, vermischt mit köstlichen Schnurren, zu erzählen. Er war ein vortrefflich unterrichteter, sehr kluger Mann, mit allen guten Eigenschaften des Schweizers ausgestattet, der keine Mühe scheute, seinem geliebten Polytechnikum die bestmöglichen Lehrkräfte zuzuführen. Die große Blüte dieser Schule ist damals sicherlich zum erheblichen Teil das Werk von ~Kappler~ gewesen. Als ich ihm 4 Jahre später von Würzburg meine Verlobung anzeigte, schrieb er mir einen ebenso liebenswürdigen wie interessanten Brief. Das einzige, was ihm leid tue, sei, daß die Verlobung nicht in Zürich erfolgte. Dann kam eine lange Auseinandersetzung über die Bemühungen der Schweiz, auf dem weiten Gebiete des Unterrichts verhältnismäßig mehr zu leisten, als die europäischen Großstaaten, wo so viel geistige Kräfte durch die Politik und das Militär in Anspruch genommen seien.

Als er in Erlangen von mir Abschied nahm, sagte er: da ich nicht zu haben sei, so werde er sich jetzt um keinen fremden Rat mehr kümmern und einfach seiner Nase nachlaufen, um einen möglichst guten Nachfolger für ~Meyer~ zu gewinnen. Seine Wahl ist dann auf ~Hantzsch~ gefallen.

Anfangs Dezember verließ ich Erlangen, und da mir der dauernde Aufenthalt in den Kurorten zuwider geworden war, so ging ich zuerst zu meinem Schwager ~Arthur Dilthey~ in Rheydt, der ein behaglich eingerichtetes, mit Zentralheizung versehenes Haus besaß und mich ebenso liebenswürdig wie scherzhaft zur Kur in der Winterfrische zu Rheydt eingeladen hatte. Hier habe ich drei vergnügte Monate zugebracht. Der Tag wurde zu größeren Spaziergängen benutzt, und abends spielte ich, angeblich um die Stimme zu schonen, mit dem Schwager und ~August Fischer~ Skat. Dabei passierten aber so komische Dummheiten, daß wir aus dem Lachen nicht herauskamen, und da auch fleißig Wein getrunken wurde, so war es nicht gerade die Kur, die für die Heilung des Katarrhs nötig gewesen wäre. Aber er wurde auch nicht schlimmer und meine Gemütsverfassung hatte sich in dem lustigen rheinischen Kreise außerordentlich gebessert. Selbstverständlich kam ich auch mit meinen anderen Schwägern und den Schwestern häufig zusammen, und die alte Tante »~Lisettchen~« ließ es sich ebenfalls nicht nehmen, den Neffen von Zeit zu Zeit einzuladen.

In der Weihnachtswoche kam es bei meinem Schwager zu einem kleinen Brand, der recht üble Folgen hätte haben können. Der in der trockenen Luft der Zentralheizung ganz ausgedörrte Christbaum wurde auf Wunsch der Kinder nochmals angezündet. Dabei fingen die harzreichen Nadeln Feuer und in kurzer Zeit war der ganze Baum am Brennen. Mir selbst war das kein ungewohntes Schauspiel, da man im Laboratorium ja öfters solche raschen Brände erlebt. Aber auf die Familie meines Schwagers, besonders auf die Kinder machte es einen ganz lähmenden Eindruck, und die Erzieherin der Kinder war so außer Fassung, daß sie direkt in das Feuer hineinlaufen wollte, um zu löschen. Mir blieb nichts anderes übrig, als sie und die Kinder mit einiger Gewalt vor die Tür zu setzen, und dann das Kommando auszugeben: »Ruhig ausbrennen lassen.« Das war in einer halben Stunde geschehen, einige Vorhänge waren mitverbrannt, einige Bilder und Teppiche beschädigt. Dem Umgreifen des Feuers hatten wir mit ein paar Eimern Wasser gewehrt und die Sache war erledigt. Ich habe seitdem immer davor gewarnt, Christbäume in Häusern mit Zentralheizung nach mehrtägigem Stehen nochmals anzuzünden.

Bei der Weihnachtsbescherung passierte eine schnurrige Geschichte, die bezeichnend ist für den Kunstsinn der Kinder. Mein Schwager hatte als Geschenk einen Gipsabguß der Büste der Venus von Milo bekommen, die von den Kindern wegen der abgeschnittenen Glieder nicht sehr freundlich kritisiert wurde. Plötzlich erhebt die kleine ~Else~ die Frage: »Was hat die da für Buckel auf der Brust?«, worauf der noch jüngere sechsjährige ~Alfred~ ihr antwortete: »Wie dumm, Else, das sind doch Furunkel.«

Im Februar 1885 entschloß ich mich, das Frühjahr am Mittelmeer zu verleben, und mein Freund ~Victor Meyer~, der inzwischen ebenfalls nervös erkrankt war und an heftiger Neuralgie litt, riet mir nach Ajaccio auf Corsica in den Schweizer Hof der Frau Dr. ~Müller~ zu gehen. Niemals ist mir ein besserer Rat bezüglich eines Kurortes erteilt worden. Die Reise ging über Paris und Marseille. Als ich in Paris abends einen kleinen Spaziergang auf dem Boulevard machte, verlor ich meine goldene Uhr und merkte es erst, als ich etwa 20 Schritte weiter gegangen war. Ich kehrte natürlich sofort um und hatte auch das Glück, die Uhr noch auf dem Boden zu finden, obschon eine ganze Reihe von Menschen die Stelle passiert hatten.

In Marseille kam ich mit einem großen Kreditbrief eines Cölner Bankhauses an, der auf eine ziemlich hohe Summe ausgestellt war, weil ich die Absicht hatte, an den Aufenthalt in Corsica eine Seereise nach Brasilien anzuschließen. Als ich mit diesem Brief in dem Geschäftshause, auf das es ausgestellt war, einige 1000 Frcs. abheben wollte, erklärte man mir, die Kasse enthielte so viel nicht. Es gab ein großes Gelächter, und ich mußte warten, bis das Geld von der Bank herbeigeschafft war. Marseille, das ich schon kannte, hat mir wegen seiner prächtigen Lage und der hübschen Hafenbauten immer von neuem sehr gefallen.

Die Seefahrt nach Ajaccio, die etwa 20 Stunden dauerte, ist mir noch in freundlicher Erinnerung. Die Franzosen waren bei der Tafel von ausgezeichneter Höflichkeit. Auf dem Schiff befanden sich auch eine Reihe von Sträflingen, die in Corsica eine längere Gefängnisstrafe abbüßen sollten. Sie unterhielten sich gegenseitig in der lauen, sternenklaren Nacht bei ganz ruhiger See mit Gesang und übermütigen Scherzen. Von dieser Fröhlichkeit wurde die ganze übrige Gesellschaft beeinflußt, und bei mir kam das angenehme Gefühl hinzu, daß die milde feuchte Luft des Mittelmeers für die erkrankten Schleimhäute meiner Atmungswege das richtige Kurmittel sei.

Früh morgens sahen wir schon die Schneeberge Corsicas winken und bei der Einfahrt in Ajaccio bot sich uns ein so prächtiger Anblick, wie ihn nicht viele Orte des Mittelmeeres gewähren.

Im Gasthof wurde man besonders freundlich empfangen, da der Besuch infolge der Choleraepidemie des vergangenen Sommers noch recht schwach war.

Corsica hat in den Monaten März und April so gute klimatische Verhältnisse, wie wenige Orte am Mittelmeer, sehr viel Sonne und mittags die kühle frische Seebrise, abends bei Sonnenuntergang nochmals eine kurze Periode der Abkühlung und dann gleichmäßige Temperatur bis tief in die Nacht hinein. Da man außerhalb der Stadt wohnte, blieb man auch von jedem Staub verschont, der an der Riviera die Menschen so stark belästigt; denn es gab in Corsica wohl Straßen, aber keine Fuhrwerke darauf. Unter diesen günstigen Bedingungen ist mein Bronchialkatarrh in 8 Wochen geheilt. Es blieb aber eine Neigung zu akuten Rückfällen, die mich noch einige Jahre nötigte, Erkältungen und auch die schädlichen Gase des Laboratoriums so weit wie möglich zu vermeiden. Erst nach 33 Jahren bin ich wieder von einem influenzaartigen Bronchialkatarrh überfallen worden, der nicht heilen wollte, und nach sechs Wochen zu einer Lungenentzündung führte. Diese doppelte Erkrankung war dann der Grund, im April und Mai 1918 zur Erholung sechs Wochen in Locarno am Lago Maggiore zuzubringen, und die unfreiwillige Muße habe ich benutzt, um den ersten Teil dieser Erinnerungen niederzuschreiben.

Corsica ist ein wildes Gebirgsland, dessen höchste Spitzen, der Monte d'Oro und Monte Rotondo, ewigen Schnee und sogar kleine Gletscher tragen. Der Hauptgebirgsstock besteht aus Granit, der hier durch den am Mittelmeer überwiegenden Kalk durchbrochen ist. Von der Wildheit der Natur ist etwas auf die Einwohner übergegangen; denn sie sind bekannt als kühne Krieger und rühmen sich gerne als die Landsleute von Napoleone Buonaparte. Seit Jahrhunderten üben sie die Blutrache, und noch zu meiner Zeit gab es ein Dorf in entlegener Gegend, das fast ausschließlich von solchen Mördern bewohnt war, die sich hierher geflüchtet hatten und der französischen Gendarmerie nicht selten bewaffneten Widerstand entgegensetzten. Die barbarischen Sitten des Landes sind in dem bekannten Buche von ~Gregorovius~ genau geschildert, und wer sie in anmutiger Schilderung kennen lernen will, der lese die vortreffliche Novelle von ~Prosper Merimée~ »Colomba«. Die Wahrung der Familienehre erschien den Corsen seit Jahrhunderten als erste Pflicht. Wir haben davon ein treffliches Beispiel miterlebt. In einem benachbarten Hotel hatte ein Rechtsanwalt aus Zürich versucht, ein corsisches Dienstmädchen zu gewinnen. Der Erfolg war negativ. Aber nach kurzer Zeit erschienen zwei Verwandte des Mädchens, Bauern aus der Umgegend, natürlich bis an die Zähne bewaffnet, und ersuchten den Rechtsanwalt um eine Unterredung. Dieser war klug genug, zu erklären, er habe dem Mädchen einen ehrlich gemeinten Heiratsantrag gemacht. Das wirkte beruhigend und die beiden Männer entfernten sich, nachdem sie noch den dringenden Rat erteilt hatten, er möge das Mädchen nicht weiter belästigen. Nach der Aussage von Sachverständigen würden diese Männer den Rechtsanwalt, falls er nicht eine der Familienehre genügende Erklärung abgegeben hätte, im Hotel niedergeschossen haben.

Geschossen wurde überhaupt in Corsica viel zu viel; denn die Jagd war frei und jeder erwachsene Mann hielt sich für verpflichtet, davon Nutzen zu ziehen. Bei weiteren Spaziergängen mußte man in der Tat einige Vorsicht gebrauchen, um nicht von leichtsinnigen Jägern angeschossen zu werden. Für die friedliche Arbeit scheinen die Corsen wenig geschaffen zu sein; denn die Landeskultur war durchweg vernachlässigt, und wo fleißige Arbeiter am Werk waren, konnte man sicher sein, daß es geworbene Italiener vom Festlande waren.

Da mein Katarrh geheilt war und mir die Nachricht zuging, daß durch den Tod von ~Kolbe~ demnächst eine Verschiebung der Professuren der Chemie stattfinden werde, so gab ich die Reise nach Südamerika auf und kehrte über die Schweiz nach Erlangen zurück. Auf der Durchreise habe ich in Genf ~Carl Graebe~ besucht, der mir das neue, mit großem Geldaufwand gebaute Universitätslaboratorium zeigte. Wir sind später noch öfter während der Ferien in der Schweiz oder im Schwarzwald zusammengetroffen, und ich werde noch mehr über diesen vortrefflichen Mann zu sagen haben.

Da mein Urlaub bis zum Herbst lief, so habe ich mich nur einige Wochen in Erlangen aufgehalten, um meinen Vetter ~Otto~ und die anderen Freunde zu begrüßen, und bin dann zum längeren Aufenthalt nach Badenweiler in den Schwarzwald gegangen. Auf der Hinreise machte ich kurze Rast in Frankfurt und besuchte die Höchster Farbwerke, den dort tätigen Freund ~Vongerichten~ und vor allem auch Herrn Dr. ~Lucius~, Mitinhaber der Firma, der mir vorher einen Besuch in Erlangen abgestattet hatte. Ich wurde nicht allein in der Fabrik, sondern auch in der Familie ~Lucius~ auf das Freundlichste aufgenommen und bin mit dem Hausherrn bis in die Berliner Zeit hinein in Verkehr geblieben.