Part 1
B. TRAVEN
DIE WEISSE ROSE
BÜCHERGILDE GUTENBERG / BERLIN 1929
Satz und Druck der Buchdruckwerkstätte G. m. b. H., Berlin SW / Ausstattung Rudolf Dörwald, Berlin
Nachdruck verboten / Alle Rechte, insbesondere die Rechte der Verfilmung, der Dramatisierung und der Übersetzung vorbehalten / Copyright 1929 by B. Traven, Tamaulipas (Mexiko) / Es propiedad del autor
DIE WEISSE ROSE
(LA ROSA BLANCA)
EIN MEXIKANISCHES RANCHO-LIED
Nah’ am Rande der Barranca, Gebadet tags im Sonnengold, Geliebkost von Frau Luna nachts, Traulich blüht La Rosa Blanca.
Jeden Tag schon in der Frühe Sing’n die Vögel deinen Ruhm; Wie du blühst, seit Gott dich schuf, Ewig, weiße Rose, blühe.
Wenn ich auch einst verwelken muß, Weiße Rose, du sollst blühen, Und mein letzter Lebenshauch Ist für dich mein Abschiedskuß.
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Die Condor Oil Company war unter den großen amerikanischen Oil-Companien, die ihre Unternehmungen auf Mexiko ausgedehnt hatten, durchaus nicht die mächtigste und auch nicht die stärkste.
Aber sie hatte den stärksten Appetit.
Für die Entwicklung eines Individuums wie für die Entwicklung eines ganzen Volkes ist der Appetit bestimmend. Erst recht und ganz besonders ist ein guter Appetit bestimmend für die Entwicklung einer großkapitalistischen Company. Der Appetit entscheidet das Tempo der Machtentfaltung, und der Appetit entscheidet darum auch die Wahl der Mittel, die angewandt werden, um das Ziel zu erreichen: eine einflußreiche und gebietende Macht im internationalen Wirtschaftsleben zu sein. In ihrem Aufbau, in ihrem Wesen, in ihren Zielen und in ihren Arbeitsmethoden, wie auch in ihren Problemen, unterscheidet sich eine moderne großkapitalistische Company wenig von einem Staate. Der einzige sichtbare Unterschied ist wohl nur der, daß eine großkapitalistische Company gewöhnlich besser organisiert ist und vernünftiger und geschickter geleitet wird als ein Staat.
Die Condor Oil Company war die jüngste der Companien, die hier miteinander und gegeneinander im Felde standen, wo um die Vorherrschaft auf dem Markt gekämpft wurde. Da sie die jüngste war, so war sie die gefräßigste. In der Auswahl und in der Anwendung der Mittel, einen einflußreichen Platz im Wettbewerb mit den alten und mächtigen Companien zu gewinnen, kannte sie weder Hemmungen noch Rücksichten. Wenn sie überhaupt einen Grundsatz hatte in bezug auf die Art des Kampfes, so war es der: Der Krieg, der am brutalsten geführt wird, dauert am kürzesten und ist darum der humanste.
Hierin fand sie gleichzeitig eine moralische Entschuldigung ihrer Handlungen, so daß sie, vor sich selbst gerechtfertigt, sagen konnte, sie führe den humansten Kampf, und daß sofort Friede sein werde, sobald sie den Kampf gewonnen habe.
Die Macht einer Öl-Company hängt nicht allein von der Zahl der Öl produzierenden Brunnen ab, die eine Company besitzt. Die Macht hängt vielmehr davon ab, wieviel Land sie besitzt oder unter Kontrolle hält. Und hier sind es drei Arten von Land, die in Frage kommen.
Land, das bestimmt Öl trägt; Land, das nach dem Gutachten der Geologen Öl tragen muß; und Land, das nach dem Instinkt der Ölleute Öl haben sollte. Die dritte Gattung des Landes ist es, die Spekulationen ermöglicht und die Millionen an Dollars verdienen läßt, ohne daß auch nur ein einziges Faß Öl produziert zu werden braucht.
So ging der Kampf der Companien darum, Land und immer mehr Land zu gewinnen. Es wurde mit größerem Eifer und mit größerer Geschicklichkeit daran gearbeitet, alles Land, das Öl haben könnte, zu erobern, dann daran, das Land, das eine Company bereits hatte, mit allen technischen und wissenschaftlichen Mitteln bis auf den letzten Hektar auszubeuten.
Da die Condor Oil Company nicht durch ihr Kapital und nicht durch die Zahl und den Reichtum ihrer produzierenden Brunnen in die vorderste Reihe der gigantischen Öl-Companien treten konnte, so mußte sie den zweiten Weg einschlagen: mehr ölverdächtiges Land zu gewinnen, als irgendeine andere große Company besaß. Im Besitz eines gewaltigen Umfanges an Land, das Öl hatte oder Öl haben konnte und das darum notwendig war, den Ölbedarf des Marktes zu befriedigen, konnte sie Preise bestimmen und sie konnte eine Kontrolle ausüben auf Öl-Companien, die infolge ihrer gewaltigen Kapitalkraft unüberwindlich und unkontrollierbar schienen.
So wird sich wohl leicht erklären lassen, daß es keine Untat gab und kein Verbrechen, das die Agenten, die im Auftrage der Company arbeiteten, das Land heranzuschaffen, nicht verübt hätten, um, wenn es der Company notwendig erschien, das gewünschte Land zu erhalten.
Die Condor Oil Company hatte achtzehn reiche Brunnen laufen. Wo sie Land auch nur roch, das Ölland hätte sein können, oder Land, das vielleicht irgendeine andere Company zu erwerben gedachte, da war sie sofort auf dem Plan.
In den erbarmungslosen Landabtreibungsgeschäften wirkte natürlich nie einer der Direktoren mit; nie einer ihrer obersten Beamten, und nur ganz selten ließ sie einen Amerikaner in diesem Zweige arbeiten. Die Direktoren kamen erst in Sicht, wenn das Land, das die Company haben wollte, bereits in jenen Händen war, die es für die Company bereit zu halten hatten. Die Company war immer nur der zweite Käufer. Die schäbigen Geschäfte wurden von mexikanischen oder spanischen, zuweilen von deutschen Unteragenten abgewickelt.
Die Condor Co. hatte ihr Hauptquartier in San Francisco in Kalifornien. Das mexikanische Hauptquartier war in Tampico, Mexiko. Sie hatte Zweigquartiere in Panuco, in Tuxpam und in Ebano; und sie bereitete sich vor, noch zwei weitere Büros zu errichten, eines am Isthmus, das andere in Campeche.
Sie hatte vortreffliche amerikanische, englische und schwedische Geologen für sich arbeiten, die gut bezahlt wurden. Sie beschäftigte einen großen Stab von Topographen, die das Gelände aufzunehmen und zu vermessen hatten. Die Topographen waren schon weniger gut bezahlt als die Geologen, denn ihre Arbeit wurde weniger hoch bewertet. Darum liefen die Topographen oft genug armselig und zerrissen herum wie Vagabunden. Die Geologen standen den Direktoren schon ein wenig näher, wirtschaftlich und gesellschaftlich; denn sie konnten gute Tips über reiches Ölland in die Ohren flüstern. Die Topographen dahingegen standen dem Proletariat näher, und da sie das freiwillig nicht eingestehen wollten, weil sie doch studiert hatten, mußten sie mehr und härter arbeiten als die Arbeiter, denen es Suppe oder Brühe war, ob man sie als Proletarier betrachtete oder nicht. Die Topographen wurden viel rascher rausgefeuert als kräftige Rigbauer; Topographen gab es reichlich, während die Rigbauer frech waren wie Straßendreck, denn sie schämten sich nicht, auch gelegentlich Tomaten einzukonservieren, wenn sie keine Rigs aufzubauen hatten, oder rausgefeuert worden waren, weil sie den Foreman verprügelt hatten.
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In der Region der Condor Co., beinahe völlig umgrenzt von reich ölhaltenden Ländereien, die alle im Besitz oder in Lease, Vorpacht, der Company waren, lag die Hazienda La Rosa Blanca.
Die Hazienda La Rosa Blanca hatte eine Größe von etwa achthundert Hektar. Sie gehörte dem Indianer Hacinto Yanyez.
Ihre Produkte waren: Mais, Bohnen, Chile, Pferde, Rindvieh, Schweine, ferner Zuckerrohr, und damit auch Zucker, und endlich Orangen, Zitronen, Papayas, Tomaten, Ananas.
Sie lag in der Ölzone im nördlichen Teil des Staates Veracruz.
Die Hazienda machte ihren Besitzer nicht reich, wohl nicht einmal wohlhabend. Denn alles wurde in alter hergebrachter Weise kultiviert und bewirtschaftet. Es ging auf der Hazienda gemächlich und gemütlich zu. Niemand regte sich auf. Es wurde nicht gehetzt, nicht getrieben, und wenn wirklich einmal geschimpft wurde, so geschah das nur der Abwechslung wegen und weil das Leben ja zu eintönig verlaufen würde, wenn nicht gelegentlich einmal die Ventile abblasen können.
Die helfenden Hände auf der Hazienda waren Indianer wie der Besitzer. Sie bekamen keine hohen Löhne. Gewiß nicht. Aber jede Familie hatte ihre Hütte mit einem geräumigen Hof. Die Familie konnte Vieh halten nach Belieben, und auf dem Lande, das ihr entsprechend ihrer Kopfzahl zugewiesen war, anbauen, was ihr für ihren Unterhalt nötig erschien.
Alle jene Familien, die hier wohnten, lebten seit Generationen auf der Hazienda. Sie waren beinahe alle mit dem Besitzer versippt und verschwägert. Einige der Familien verdankten ihre Entstehung der großen Zeugungsfähigkeit eines der Vorfahren des Hacinto. Hacinto war der Pate beinahe aller Kinder, die auf der Hazienda geboren wurden, und Senjora Yanyez war die Patin.
Der Pate, el padrino, und die Patin, la madrina, haben in Mexiko eine bei weitem wichtigere Stellung innerhalb der Familiengemeinschaft, denn in irgendeinem anderen Lande auf Erden. Das rührt von uralten Zeiten her, aus weit zurückliegender Zeit der Indianer. Infolge der ungemein häufigen Ineinanderverheiratung der Spanier mit indianischen Frauen haben sich in den Sitten des mexikanischen Volkes zahlreiche Gewohnheiten und Gebräuche der Indianer erhalten überall da, wo es sich um Küche, Haus und Familienbeziehungen handelt, also in jenen Dingen, wo der Mann gewöhnlich passiv und neutral ist, weil sie das Urgebiet der Frau betreffen.
Der Pate galt im alten indianischen Mexiko – und gilt auch im heutigen Mexiko – ebensoviel für das Kind wie der eigene Vater. In zahlreichen Fällen, wenn der Vater stirbt oder sich, aus vielerlei Gründen, unfähig erweist, Erzieher des Kindes zu sein, tritt der Pate in die vollen Rechte und Pflichten des Vaters ein. Der Pate hat sich um das Wohlergehen des Kindes, zu dem er Pate ist, zu kümmern. Wenn ihn auch das öffentliche Gesetz nicht zwingt, seine Pflicht gegenüber dem Kinde, das der Hilfe bedarf, zu erfüllen, so kann er sich dieser Pflicht doch nicht entziehen; denn er würde dadurch seine Achtung und sein Ansehen in der Gesellschaft, die sich ja aus Familien zusammensetzt, verlieren, genau so gut, als ob er irgendeine sonstige schäbige Handlung begeht, die vielleicht vom Gesetz, nicht aber von dem Gesellschaftskreise, dem er angehört, verziehen wird.
Der Vater des Kindes nennt den Paten des Kindes Compadre, das heißt Mit-Vater, und die Patin nennt er Comadre, das ist Mit-Mutter. Beide, Pate und Vater, reden sich mit Compadre an, und Patin und Mutter nennen sich gegenseitig Comadre. Und wenn der Vater des Kindes die Patin ruft, so sagt er auch nicht Senjora, sondern er ruft sie Comadre.
Aus diesen Gründen betrachten sich der Vater des Kindes und der Pate des Kindes wie Brüder, und das Verhältnis zwischen beiden ist oft herzlicher als das zwischen Blutsverwandten, weil die Wahl eine freiwillige ist und die Wahl von der Sympathie abhängt, die jene zwei Leute füreinander empfinden.
Wenn sich der indianische Farmarbeiter den Patron, den Herrn der Hazienda, zum Paten für sein Kind aussucht, dann kommt der Herr. Er ist nie zu stolz dazu; denn er betrachtet es als eine große Ehre, daß er zum Paten erwählt wurde. Das liegt im indianischen Blute. Und von dem Augenblicke an, wo der Herr Pate des Kindes jenes Farmarbeiters geworden ist, sagt der Farmarbeiter nun nicht mehr „Patron!“ zum Herrn, sondern Compadre. Und der Herr sagt nicht mehr „He, Juan!“ zu dem Arbeiter, sondern er sagt gleichfalls Compadre zu ihm, obgleich sich die rein wirtschaftliche Stellung der beiden zueinander nicht verändert. Sie sind von nun an Brüder und behandeln sich wie Brüder.
Dieses Verhältnis besteht auf allen Haziendas in Mexiko, wo der Besitzer und die Hazienda-Leute indianischen Blutes sind. Ein solches Verhältnis bringt Zustände hervor, die anderswo auf Erden wohl nicht gefunden werden können.
Dem Patron gehört die Hazienda. Sie gehörte seiner Familie schon, ehe Kolumbus geboren wurde. Denn der Vorfahr, der Gründer der Familie, war ein indianischer Fürst, der Häuptling eines Stammes der Huasteken, der in jenem Bereich seinen Sitz hatte. Aber der Patron betrachtet sich nur als Nutznießer der Hazienda. Er fühlt sich verantwortlich für das Wohlergehen aller, die auf der Hazienda leben; denn er ist ja der Compadre aller, und alle sind seine Compadres. Er kleidet sich nicht reicher als die, die auf der Hazienda arbeiten. Er trägt die Tilma wie sie, und wie sie trägt er Sandalen. Er ißt Tortillas und Frijoles wie alle übrigen. Aber dennoch ist das Verhältnis ein ganz anderes als das patriarchalische Verhältnis auf den alten europäischen Bauernhöfen, wo alle Knechte und Mägde am selben Tisch mit dem Bauern und der Bäuerin sitzen.
Hier sind alle selbständig, alle haben ihre eigenen Familien, ihren eigenen Haushalt. Der Patron ist der Richter in allen ihren Angelegenheiten, ihr Ratgeber, ihr Briefschreiber – wenn er schreiben kann –, ihr Arzt, ihr Rechtsanwalt, ihr Verteidiger gegen Behörden, die Unmögliches verlangen, ihr Versorger in schlechten Ernten und der Versorger ihrer Witwen und Waisen. Jedoch er ist niemals „der“ Herr. Er bereichert sich nie an seinen Leuten. Er hat mehr Vieh als die übrigen, hat mehr Mais, mehr Bohnen und hat ein wenig mehr Geld. Ein wenig mehr. Nicht viel. Denn es leben viel zu viele Familien auf der Hazienda. Die Familien vermehren sich. Sie vermehren sich reichlich. Und alle jungen Paare, die eine neue Familie gründen, wollen in ihrer Heimat bleiben, also auf der Hazienda. Und für alle muß Land und Rat geschafft werden. Und wird geschafft. Der Patron muß ja ein wenig mehr haben als die übrigen, denn er hat zwanzigmal mehr Verpflichtungen als alle übrigen.
Wo der Patron ein Mexikaner nichtindianischen Blutes oder wo er gar Spanier oder, schlimmer vielleicht, gar Deutscher ist, liegen die Dinge völlig anders. Da gibt es Herren und Knechte; denn da muß Geld verdient, da muß die Hazienda ertragreich gemacht werden, damit sie mit tausend Prozent Gewinn verkauft werden kann an einen, der abermals tausend Prozent an ihr gewinnen will. Da gibt es auch keine Compadres und keine Comadres.
Hacinto Yanyez jedoch, der Patron der Hazienda La Rosa Blanca, war Indianer. Und weil er Indianer war und alten indianischen Gesetzen folgte, ohne ihren Wortlaut zu kennen, da er sie im Blut hatte, darum mußte ein Zusammenstoß einer amerikanischen Öl-Company mit ihm zu einer Tragödie führen. Denn die Waffen, die er zu führen verstand und die zu führen er gewohnt war, versagten gegenüber einer amerikanischen großkapitalistischen Company, die Milliarden verdienen mußte, um ihren Aktionären den Besitz einer Luxusjacht und Einkäufe in den Boulevards in Paris zu gewährleisten.
3
Die übrigen Haziendas, Farmen und Ranchos der Gegend hatte die Condor Oil Co. in der üblichen Weise gewonnen. Wie man so Land gewinnen kann. Diese Ländereien waren aufgeteilt worden in Lotes, in Lote Nr. 1, in Lote Nr. 2 und so an und fort bis Lote Nr. 78. Lote ist ungefähr dasselbe wie Parzelle oder Terreno.
Aber im Familienschmuck der Condor Co. fehlte eine Perle. Die schönste Perle unter allen, die Hazienda La Rosa Blanca, Die Weiße Rose.
Rund herum war das saftigste Ölland. Die reichsten Brunnen, die das schwarze Gold in dicken Strahlen hervorsprudelten, in Strahlen so mächtig, daß sie beim ersten Einblasen fünfhundert Meter hoch in die Wolken schossen mit dem ohrenbetäubenden Gebrüll eines gigantischen Wasserfalls oder mit dem Geschnaube von fünfzig vereinigten Expreßzug-Lokomotiven, die gleichzeitig ihre Ventile öffneten. Diese reichsten Brunnen lagen an den Grenzen der Hazienda.
Die Condor Co. mußte in den Besitz der Rosa Blanca gelangen, auch wenn sie darum einen Krieg der Staaten mit Mexiko hätte heraufbeschwören müssen. Ihre Direktoren und Aktionäre zogen ja auf keinen Fall mit in den Krieg. Sie waren aus dem Alter heraus, und wären sie nicht aus dem Alter heraus gewesen, so hätten die Ärzte sie herzkrank, zuckerkrank oder lungenschwach geschrieben.
Es wurde dem Senjor Hacinto Yanyez eine Lease, eine Vorpacht, angeboten mit fünf Dollar das Hektar jährlich für zwanzig Jahre und acht Prozent Beteiligung am Gewinn.
Hacinto aber sagte zu den Agenten: „Das kann ich nicht. Ich kann die Hazienda nicht verpachten. Ich habe kein Recht dazu. Mein Vater hat sie auch nicht verpachtet. Auch nicht mein Abuelo, mein Großvater. Auch nicht dessen Vater. Ich muß sie behalten für die, die nach mir kommen werden. Die wollen auch essen. Und die müssen sie behalten für jene, die wieder nach ihnen kommen werden. So war das immer. Ich habe ja die Orangenbäume und die Nußbäume auch von meinem Vater bekommen. Hätte er keine gepflanzt, dann würde ich keine Orangen und keine Zitronen und keine Nüsse haben. Darum muß ich wieder junge Bäume pflanzen, damit auch die, die nach mir leben wollen, Orangen und Zitronen und Nüsse haben. Das ist nun eben so mit der Hazienda. Das können Sie doch verstehen, Senjor Pallares?“
Senjor Pallares, der Agent, der Aufkäufer für die Condor Co., konnte das natürlich nicht verstehen, weil er nie Land besessen und weil sein Vater nie Land gehabt hatte. Er war nur Licenciado, ein Rechtsanwalt, wie sein Vater auch gewesen war.
Er kam zur Company und sagte dort, daß Hacinto verrückt sei.
Darauf sagte der Direktor, wenn Hacinto verrückt sei, dann könnte man ihn ja ins Irrenhaus schicken.
Hacinto wäre nicht der erste gewesen, der ins Irrenhaus geschickt wurde und dort verkam und starb, weil eine Oil-Company seinen Besitz auf keine andere Weise bekommen konnte. Dutzende waren ins Irrenhaus geschickt worden. Denn irre ist jeder, der es ablehnt, einen Kaufpreis für ein Stück Land anzunehmen, der tausendmal höher ist als der Kaufpreis für das Land war, ehe Öl in der Nähe gefunden wurde.
Es kam ein anderer Agent. Wieder ein Mexikaner. Und wieder ein Licenciado. Senjor Perez.
Er kam mit dem großen Geldsack, brachte das blinkende Gold gleich mit. Nicht alles. Aber doch einen großen Teil. Er hoffte, daß der Anblick des schönen gemünzten Goldes Hacinto nachgiebig machen würde.
Licenciado Perez bot keine Lease an. Er wollte die Hazienda kaufen. Das gab mehr Geld und war darum eine größere Versuchung.
„Aber ich kann doch die Hazienda nicht verkaufen, Senjor Licenciado“, sagte Hacinto in seiner ruhigen stoischen Weise. Zeit war für ihn kein bestimmter Begriff, darum ließ er sich auch beim Sprechen nicht zur Eile drängen. „Ich kann die Hazienda wirklich nicht verkaufen. Sie gehört doch gar nicht mir.“
„Wie?“ fragte Senjor Perez. „Gehört nicht Ihnen. Das ist ja neu. Steht doch in den Registern als Ihr Eigentum.“
Hacinto lachte: „Sie gehört mir natürlich, die Rosa Blanca. Wie sie einstmals meinem Vater gehört hat. Aber sie gehört auch meinem Vater nicht mehr. Ich meine, die Hazienda gehört mir nicht so, daß ich damit machen kann, was ich will. Sie gehört doch auch denen, die nach mir leben wollen. Für die bin ich verantwortlich. Ich bin nur der Verwalter für die, die später leben wollen und leben werden. Wie mein Vater nur der Verwalter war und dessen Vater und dessen Vater und so immer weiter zurück und so immer weiter voran.“
„Das ist ja Unsinn, Senjor Yanyez. Lassen Sie nur die andern für sich sorgen. Sie können ja Ihren Kindern das Geld geben oder hinterlassen. Die können Doktor werden in Mexiko oder Licenciado oder sie können sich einen schönen Laden kaufen, wo sie tüchtig verdienen können, und sie können sich Automobile kaufen.“
„Aber sie haben doch kein Land“, sagte Hacinto eigensinnig. „Sie müssen doch essen. Wie wollen sie denn essen, wenn sie keinen Mais bauen.“
„Seien Sie doch nicht so stumpfsinnig“, sagte Senjor Perez. „Ihre Nachkommen können sich doch den Mais für die Tortillas kaufen, sie haben doch dann Geld genug.“
„Aber der Mais muß doch angebaut werden. Es muß doch jemand Mais pflanzen. Dazu braucht man doch Land. Ein Automobil ist ja vielleicht ganz schön, aber es ist doch kein Mais. Und Fleisch ist auch nicht da. Und auch keine Bohnen und kein Chile.“
Senjor Perez gab es auf, in dieser Weise mit dem blöden Indianer weiter zu verhandeln. Er griff von einer neuen Seite an.
„Sie werden doch einmal alt, nicht wahr?“
„Nein“, antwortete Hacinto. „Ich werde nicht alt. Wenn ich alt werde, dann bin ich tot. Dann sterbe ich. Alt werde ich nicht. Mein Vater ist auch nicht alt geworden. Er war gleich tot, als er glaubte, nicht mehr arbeiten zu können. Er war nicht alt. Er hat bis zum letzten Tage gearbeitet. Und ich kann das Land nicht verkaufen, weil die, die nachkommen, auch Land haben müssen.“
Er begann nun, alles das wieder aufzuzählen, was er schon dem Licenciado Pallares gesagt hatte, über die Orangenbäume und Nußbäume und über die späteren Geschlechter, die ihm vorwerfen werden, daß er übel für sie gesorgt hätte und daß sie verhungern müßten, weil er das Land weggegeben habe.
Aber als er sich erinnerte, daß er das alles schon früher einmal zu jemand erzählt hatte, und als er sah, daß seine Worte auch nicht den geringsten Eindruck auf Senjor Perez machten, als er erkannte, daß Senjor Perez, obgleich er ein gelehrter Licenciado war, gar nichts verstand von Land und von Pflichten und von allen den Sachen, die Hacinto so wichtig erschienen, da fiel ihm etwas Neues ein. Bisher hatte er, wenn er von denen sprach, die nach ihm kommen würden und essen wollten, nur an seine eigenen Kinder und Nachfahren gedacht und nur an Nachkommen im allgemeinen.
Jetzt aber, als ob ihm jemand auf dem reinen Wege der Gedankenübertragung daran erinnert hätte, kam ihm zum Bewußtsein, daß er ja noch viel größere Pflichten habe. Höhere Pflichten als die für seine eigenen Nachkommen. Was sollte denn aus seinen Compadres, aus seinen Comadres werden? Was aus den sechzig Familien, die auf seiner Hazienda lebten? Sie wurden alle enterbt, entlandet, entwurzelt, wenn er die Hazienda verkaufte. Sie alle waren ja seine Kinder, seine Schützlinge, seine Mündel, seine Pflegebefohlenen. Wie konnte er sie verlassen und ihnen das Land nehmen? Sie waren sein Blut und seine Seele gleich seinen leiblichen Kindern. Und alle werden doch eines Tages begraben und gefolgt werden von denen, die auch ihnen nachkommen werden und Land benötigen, um in der Welt sein zu können. „Nein, ich kann die Hazienda nicht verkaufen, Licenciado.“ Er sagte es jetzt noch bestimmter als vorher. „Die Hazienda gehört nicht mir, sie gehört ja auch meinen Compadres. Was sollen die denn tun?“
Senjor Perez zündete sich eine Zigarette an, spielte eine Weile mit dem Wachsfädchen, als ob er nach der besten Antwort suche, um Hacinto mit einem Satze dauernd zu schlagen.
Als er das Fädchen ganz zermürbelt hatte, sagte er: „Die Leute? Die können alle in den Kamps arbeiten. Verdienen viel mehr als hier auf der Hazienda. Was haben sie denn hier? Fünfzig Centavos den Tag. Vielleicht achtzig. In den Kamps verdienen sie fünf Pesos, acht Pesos und arbeiten nur acht Stunden. Haben es viel leichter. Können sich Stiefel kaufen und ihren Frauen seidene Kleider und Lackschuhe und parfümierte Seife. Wenn sie sparen und nicht alles vertrinken, können sie sich bald einen Laden kaufen.“
Hacinto verstand das nicht. Er wußte gar nicht, wovon geredet wurde. In seinem Kopfe war immer nur ein Gedanke, ein einziger Gedanke. Aber dieser eine Gedanke war so stark, daß er für ihn die ganze Welt und alle ihre Probleme umfaßte und erklärte. Alle Fragen wurden in diesem einen großen Gedanken für ihn endgültig gelöst. Er konnte diesen Gedanken nicht mit den schönen Worten eines Dichters ausdrücken, auch nicht mit den verschnörkelten Sätzen eines Gelehrten und auch nicht mit dem Zahlengewirr eines Volkswirtschaftlers. Er konnte ihn immer wieder nur in einem kurzen schlichten Satze hersagen: „Aber sie haben doch dann kein Land mehr, und sie können doch keinen Mais anbauen.“
Das Wort Mais war für ihn, den Indianer, derselbe Ideenbegriff wie für den Europäer das Wort „Unser täglich Brot gib uns heute“. Heute, heute, lieber Gott; denn wir können nicht bis morgen warten, wir haben heute Hunger, und wenn wir das Brot nicht heute haben, so sind wir morgen tot.
Für den Licenciado war aber das ewige Wiederholen desselben Satzes, den Hacinto wußte, langweilig. Hacinto wußte in der Tat keinen andern Satz, weil in dem Satze ja alle seine Weisheit verborgen lag, wie die Weisheit aller Menschen von jeher wurzelte in dem Worte „Land ist Brot, und Brot ist Leben“. Was brauchte es mehr!
Aber der Licenciado Perez wußte, daß man Mais überall kaufen könne. Man brauche ja nur das Geld. Und das Geld kann man verdienen. Leicht verdienen. Für das Geld, das ihm die Company versprochen hatte, falls er den Kauf der Rosa Blanca durchsetzte, konnte er sich eine ganze Schiffsladung Mais kaufen. Mais, Mais und noch einmal Mais. An etwas anderes dachten alle diese stupiden Indianer nicht.