Part 13
Hier mußte er immerwährend denken. Eine völlig neue Welt eröffnete sich vor ihm. Eine Welt, von deren Existenz er nichts gewußt hatte, obgleich er glaubte, alles studiert zu haben, was es auf Erden und in Büchern gab. Alles war hier einfach und natürlich. Alles ließ sich sofort verstehen, weil alles in natürlichen Dingen und Vorgängen wurzelte. Nichts erschien kompliziert. Nichts war umkleidet und verkleidet von Paragraphen, Formeln und Entscheidungen in Parlamenten und in Obergerichtshöfen. Hier waren keine Gesetze, keine Katechismen, keine Statuten, keine Parteiprogramme. Und trotzdem lebten die Menschen hier, und trotzdem ging alles seinen Lauf. Nirgends war ein Zusammenstoßen, nirgends ein Verwirren, nirgends eine Unklarheit. Die Frauen bekamen alle viele Kinder. Für alle war Nahrung vorhanden, und alle wuchsen heran, wenn sie die ersten Jahre überstanden hatten. Hier gab es keine Probleme. Hier gab es keine sozialen Fragen. Hier gab es weder Reiche noch Arme, weder Ausbeuter noch Sklaven. Und wenn es wirklich Streit gab, so wurzelte er in so einfachen Ursachen, daß er mit einem Worte Hacintos geschlichtet und so entschieden wurde, daß alle seine Entscheidung als die einzige und als die richtige anerkannten. Es gab hier keine Ungerechtigkeit, weil die Gerechtigkeit natürlich und selbstverständlich war. Denn niemand dachte über Gerechtigkeit nach, weil Begriffe von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit hier völlig fehlten und sich nicht entwickeln konnten.
8
Am Abend, als die Nacht schwarz war, wurde auf einem altarähnlichen Block von Steinen, der in der Mitte des Hofes war, eine großer Haufen Holz angezündet, der den weiten Platz des Hofes der Hazienda erleuchtete. So wurde es getan seit vielen hundert Jahren.
Dann kamen alle Familien zum Tanz.
Einige Männer der Hazienda spielten auf Geigen, Gitarren und Flöten die Tanzmusik. Es wurde zu den Tänzen meist gesungen von denen, die musizierten, und von denen, die nicht tanzten.
Um Mitternacht oder so begannen alle Männer und Frauen zu singen, ohne dabei zu tanzen.
Und dann sangen sie ihre Nationalhymne, das Lied ihrer Heimat, den Gesang des heimatlichen Ranchos, das Lied von der Weißen Rose, die nahe der Barranca so traulich und friedlich blüht seit ewigen Zeiten her:
Wenn ich auch einst verwelken muß, Weiße Rose, du sollst blühen, Und mein letzter Lebenshauch Ist für dich mein Abschiedskuß.
Die Leute standen eine Weile still, vom flackernden Feuer des Altars beleuchtet.
Dann begannen sie aus drängendem Gefühl, den letzten Sang noch einmal zu wiederholen, begleitet von der schlichten Musik der Geigen, Gitarren und Flöten:
Cuándo llame la muerte a mi Pensaré en ti mi Rosa Blanca Y mi ultimo suspiro Lleve dulces besos para ti.
Hacinto und Margarito hatten das Lied mitgesungen. Den letzten Sang, als er wiederholt wurde, sang auch der Gouverneur mit. Und als er sang, dachte er, daß diese Hymne ebenso schön sei wie die Nationalhymne des mexikanischen Volkes. Und er dachte, daß ihr eigenes Lied den Leuten hier mehr sagte als die strahlend schöne Hymne der Republik, die zwar süß ist und feurig zugleich, aber doch nicht den Frieden dieses schlichten Gesanges hier atmet, denn sie beginnt mit einem schmetternden Kriegsschrei, der alle Söhne und Töchter der Republik aufruft, ihr schönes Land gegen den Feind, der es zertreten will, zu verteidigen.
Hätten die Mexikaner als Volk die brüderliche Liebe, die jene Menschen hier auf der Rosa Blanca vereint zu einer einigen Familie, so brauchten sie weder Amerikaner noch Briten zu fürchten; weil sie dann sicherer wären als mit Soldaten und Geschützen. Denn kein fremdes Kriegsheer kann weit in mexikanische Erde kommen, wenn es keine Verbündeten unter den Mexikanern selbst findet. So war es, als Cortes in Mexiko einmarschierte, so war es, als MacMahon in das Land zog, und so war es, als die Amerikaner nach Chapultepec und siebzig Jahre später nach Veracruz kamen. Der Feind des mexikanischen Volkes, sein größter Feind, sitzt im Lande und nicht draußen. Das dachte der Gouverneur, als das Heimatlied endlich verklungen war und die Leute wieder zu tanzen begonnen hatten.
Der Tanz dauerte bis zum ersten Aufleuchten des Morgensternes.
Der Gouverneur tanzte mit den Frauen und Mädchen.
Er vergaß Bälle, Parlamentsreden, Regierungsgeschäfte und Öl-Companien. Alles das hatte aufgehört in der Welt zu existieren.
Es waren nur noch in der Welt: Tanz, Musik, süße Lieder. Es waren nur noch auf Erden, beleuchtet von einem rotgelben flackernden Feuer, weißgekleidete Männer und Frauen in bunten Röcken und weißen Jacken, reichgestickt mit roten, grünen, gelben Blättern und verzierten Ranken. Es gab nur noch lachende, tanzende, schwitzende Frauen mit schweren schwarzen Augen, nacktem braunen Hals und nackten braunen kräftigen Armen. Nur noch Frauen und Mädchen mit glänzenden freudigen Augen und mit leuchtenden Blumen und roten Wollbändern in das tiefschwarze dicke Haar geflochten.
Es war nur noch Singen in der Welt, nur noch Freude, Sorglosigkeit, Zufriedenheit, Sicherheit, ein loderndes Feuer auf einem Steinaltar.
Und Heimat. Und Heimat. Nichts als Heimat.
9
Der Gouverneur war zurückgekommen nach Jalapa.
Er bestellte Licenciado Perez zur Audienz.
Sagte zu ihm: „Ich habe den Fall Condor Oil noch einmal genau vorgenommen. Ingenieur Ramirez vom Industrie- und Arbeitsdepartment ist mir behilflich gewesen. Er kennt alle Akten und Pläne. Wir haben folgendes festgestellt: Die Condor Oil ist die zweitstärkste Company in Mexiko, soweit der Besitz und soweit Leases von Ölland in Frage kommen. Die Company hat bis heute nur ein Vierzigstel ihrer Ländereien unter Produktion und unter Bohrungen. Selbst wenn die Company im gleichen Tempo wie bisher weiter arbeiten sollte, was ich nicht glaube, dann hat die Company noch für fünfzig Jahre genügend Land zur Verfügung und unter ihrer Kontrolle, um so viel Öl zu produzieren, wie sie benötigt. Es liegt also keine Notwendigkeit vor, ihr noch mehr Land – und jetzt zwangsweise – zuzuschieben, um sie arbeitsfähig und produktiv zu erhalten. Sie hat bei weitem noch nicht den zwanzigsten Teil derjenigen ihrer Felder unter Arbeit genommen, die nicht zweifelhafte Felder sind, sondern sichere und tragende Felder. Wir haben festgestellt, daß die Company selbst jene Felder noch nicht angebohrt hat, die anzubohren sie auf Grund der Konzessionen, die ihr gegeben wurden, verpflichtet war. Wir haben das Recht, ihr diese Felder abzunehmen und sie frei zu stellen für andere willige Companien oder für die Nationalproduktion, weil sie die Konzessionsbedingungen nicht erfüllt hat. Wir denken vorläufig nicht daran, sie zur Einhaltung der Konzessionsverpflichtungen zu zwingen, um nicht den Anschein in den Staaten zu erwecken, als ob wir den fremden Companien das Arbeiten erschweren. Die Condor Oil benötigt also die Rosa Blanca nicht. Eine andere Company kommt nicht in Frage, weil die Condor Oil alles Land rund um die Rosa Blanca unter Kontrolle hält mit ihren Leases, soweit es nicht Besitz der Condor Oil ist.
Unter diesen Umständen kann ich nicht, selbst wenn ich Ihnen und der Condor Oil gefällig sein wollte, ein Staatsinteresse vorschieben, um den Verkauf der Rosa Blanca durch Decreto zu verfügen. Das wäre ungerecht und unwahr.
Ferner: Dasselbe Staatsinteresse, das die Condor Oil anzurufen gedenkt, um ihre Produktion zu heben, dasselbe Staatsinteresse zwingt mich, die Rosa Blanca in dem Besitz zu lassen, in dem sie sich heute und seit Hunderten von Jahren befindet. Der Besitzer hat nicht die Absicht, zu verkaufen. Und das Staatsinteresse gebietet uns eher, die Rosa Blanca zu erhalten und mit allen Kräften des Staates zu schützen, als sie für die Produktion von Öl freizugeben. Die Condor Oil Company ist in Mexiko registriert, aber ihre Aktionäre sind bis auf einen, den ich den gesetzlichen mexikanischen Aktionär nennen möchte, keine mexikanischen Bürger. Dahingegen sind alle Leute, die auf der Rosa Blanca leben und von ihr leben, mexikanische Bürger, denen wir aus demselben Staatsinteresse heraus, das die Condor Oil zu ihren Gunsten anruft, die Heimat nicht nehmen können, die Heimat, auf die sie in ihrem Lande ein konstitutionelles Recht haben.
Läge freilich der Fall vor, daß das Öl, das nach Angaben der Geologen die Rosa Blanca in reichem Maße trägt, unbedingt notwendig gebraucht wird und genügend Öl aus den Ländereien, die unter Kontrolle der Oil-Companien stehen, nicht herangeschafft werden kann, dann muß die Rosa Blanca geopfert werden. Ein solcher Fall liegt nicht vor. Nach menschlichem Ermessen wird ein solcher Fall in den nächsten fünfzig Jahren nicht eintreten. Und tritt er nach fünfzig Jahren wirklich ein, das zu entscheiden, was dann zu geschehen hat, ist nicht meine Aufgabe und ist nicht die Aufgabe der Federal-Regierung. Dann wird Zeit genug sein, den Fall zu entscheiden, und ich überlasse die Entscheidung den Männern, die dann leben und regieren werden.
Und damit, lieber Licenciado, ist der Fall La Rosa Blanca für mich und, solange ich im Amte bin, auch für die mexikanische Regierung abgeschlossen. Wenn die Company dennoch den Kauf der Rosa Blanca von Don Hacinto auf privatem Wege erzielt, so ist das eine Sache, die über meine Rechte und Befugnisse hinausgeht. Die Regierung jedenfalls kann hier nichts verfügen und wird hier nichts verfügen.“
„Ja, dann“, sagte Licenciado Perez, „dann muß die Condor Oil wohl eben die Idee aufgeben. Ich habe das meinige getan.“
Der Gouverneur stand auf, ging um den Tisch herum und kam ganz dicht auf Licenciado Perez zu. Er tippte ihn freundschaftlich auf die Brust und sagte: „Das war es, Perez, was ich Ihnen amtlich zu sagen hatte. Und das ist es, was als Schlußdokument in die Akten kommt, den Fall Condor Oil Company und La Rosa Blanca betreffend. Persönlich aber möchte ich Ihnen sagen: Lassen Sie die Finger fort von der Weißen Rose. Es wäre schade um sie, wenn sie gebrochen würde und sich in ein stinkendes, lärmendes Ölfeld verwandelte. Ich war dieser Tage dort. Sie ist ein Juwel. Und es wohnen Menschen dort. Indianer. Prachtmenschen, die Lumpen und Banditen werden, wenn sie die Weiße Rose nicht mehr haben. Wir haben doch genug der Fälle in der Republik. Wer sind denn alle die Banditen und Zugräuber, die wir haben? Alles Leute, denen eine Rosa Blanca verlorenging, und die nun nicht länger wissen, was sie mit sich anfangen sollen, die in den Städten verludern und dann auf den billigsten Ausweg verfallen, sich am Leben zu halten, auf Stehlen und auf Morden. Außerdem noch etwas. Es kann der Tag kommen, daß wir, die Mexikaner, Öl gebrauchen und nicht wissen, wo wir es haben können, weil die Gringos alles in Händen halten. Dann kann uns vielleicht die Weiße Rose zur Rettung werden, kann vielleicht unsere letzte Rettung sein, weil die Männer vor uns, besonders der Coyote Porfirio Diaz, das Land verkauft und verschachert haben. Dann mag die Weiße Rose geopfert werden, dann mag eine kleine Heimat geopfert werden, um eine größere Heimat, die Republik, die Heimat des mexikanischen Volkes, zu erhalten. Ja, das – das wäre dann eigentlich alles, lieber Licenciado. Wenn ich sonst für Sie etwas tun kann, Sie wissen, Sie dürfen immer auf mich zählen.“
10
Perez ging zur Western Union Cable Office und schrieb das Telegramm aus für San Francisco: Rosa Blanca verloren.
Als er das Telegramm dem Beamten überreichen wollte, stand da ein amerikanischer Zeitungsmann, der ein längeres Telegramm für die A. P. – Associated Press, Telegraphendienst der Vereinigten amerikanischen Zeitungen – aufgab und in der Preisverhandlung mit dem Beamten englisch sprach.
Licenciado Perez fühlte sich plötzlich als Mexikaner, was er lange Zeit vergessen zu haben schien, weil ihn die Condor Oil sehr gut bezahlte.
Er zerriß das Formular und schrieb ein neues Telegramm.
Es hieß nun: Rosa Blanca aus.
Damit wollte er sagen, daß die Weiße Rose aus dem Rennen endgültig ausgeschieden sei.
Obgleich er für ihre Erhaltung nichts getan hatte, so fühlte er jetzt dennoch eine stille Freude, daß die Weiße Rose für Mexiko gewonnen war.
11
Sechs Tage später erhielt er einen Brief vom Hauptquartier der Condor Oil, in dem ihm empfohlen wurde, dem Gouverneur auf geschickte Art hunderttausend Dollar beizubringen, wenn nötig, seien auch einhundertfünfzigtausend zur Verfügung. Zwei Schecks lagen dem Briefe bei.
Perez antwortete sofort und riet der Condor Co., keine Bestechungsversuche irgendwelcher Art gegenüber dem Gouverneur zu wagen, sie könne dabei nur verlieren, und er könne ihr die übelsten Geschichten machen, denn er sei nicht von dem Schlage, der in den Staaten in den Filmen und in den billigen Romanen gezeigt wird.
Dann schrieb er einen zweiten Brief, in dem er der Company mitteilte, daß er sein Amt als mexikanischer Syndikus der Condor Oil niederlege, weil er mit anderen Geschäften zu überhäuft sei.
Nachdem er den Brief geschrieben und in den Umschlag gesteckt hatte, überlegte er eine Weile.
Dann sagte er zu sich: „Das wäre eine Dummheit. Wenn ich helfen will und Einfluß haben will, muß ich drinbleiben und darf nicht hinausgehen. Nicht mehr drin, bin ich völlig machtlos. Dann kriegt vielleicht so ein Weiberfeger, der seine Zeit und sein Geld in den Kabaretts verludert, das Amt. Und um mit seinen Weibern und seinen Kognakflaschen fertig zu werden, ist er immer hinter den Dollars her und verkauft seine Seele und die Seele aller anderen und tut alles, was die da drüben kommandieren, ob Ehre oder nicht Ehre.“
Er zerriß den Kündigungsbrief und blieb Syndikus. Schrieb jedoch in den anderen Brief noch hinein, daß er dringend rate, die Rosa Blanca aus dem Spiele zu lassen, weil die Stimmung im Lande gegen die fremden Öl-Companien und gegen ihre Manipulationen zur Zeit nicht gerade sehr gut sei.
Als Mr. Collins den Brief las, sagte er zu dem ersten Vizepräsidenten: „Dieser Licenciado Perez ist einer der besten Anwälte, die wir da unten haben können. Er steht glänzend mit der Regierung und mit den drei Gouverneuren, mit denen wir zu tun haben. Er ist ein kluger Bursche. Diplomat. Aber er ist nicht smart. Für bestimmte Sachen ist er nicht zu gebrauchen. Wir werden besser tun, uns nebenbei einen Curbstone Polisher, einen Eckensteher, zu halten, der den Daumennagel auf die Knöchelsehnen zu drücken versteht. Werde darüber nachdenken.“
9
1
Wer Mr. Chaney Collins nicht näher kannte, der mochte glauben, daß er die Rosa Blanca aufgegeben und vergessen habe. Denn er regte sich nicht auf, als die Telegramme und Briefe von Senjor Perez kamen. Die ganze Erregung, die er der Rosa Blanca je zu widmen gedacht hatte, war zum Ausdruck gekommen an jenem Tage, als der Bescheid von Senjor Perez einlief, daß Don Hacinto nicht verkaufen wolle, selbst nicht für den Phantasiepreis, der ihm angeboten worden war. In jener erregten Stunde, als die eine und eine halbe Million Dollar Verpflichtung auf ihm lasteten, versprach er sich, daß er die Rosa Blanca haben müsse. Mit diesem Versprechen, das er sich selbst gab, war die Angelegenheit für ihn dauernd entschieden. Die Rosa Blanca nun zu bekommen, war nur noch eine Frage der Zeit und der darauf verwendeten Kleinarbeit.
Mr. Collins war gleich einem großzügigen Mörder. Die höchste Erregung äußerte sich nur in jener Stunde, in der ein Mord beschlossen wurde. War der Mord, also die Tat, erst einmal beschlossen, dann wurde er kalt und nüchtern, konnte ruhig und klar darüber nachdenken wie über die Lösung einer mathematischen Aufgabe. Nicht eine Spur von Erregung konnte jetzt mehr seine Pläne beeinflussen. Das war eine andere Ursache seiner Größe und seiner Erfolge, daß er die Erregung des Spielers nur in der Stunde der Entscheidung hatte, in der Stunde, in der ein Plan oder richtiger ein Ziel bestimmt wurde, und daß er, nachdem das Ziel gesetzt war, sich in dieser Sache nie wieder erregte, sondern nüchtern blieb. Seine Gedanken arbeiteten rein mechanisch, wenn es galt, die einzelnen Schachzüge zu tun. Hatte er das Ziel gesetzt, so gab es für die Betroffenen kein Entrinnen mehr. Sie waren wie eingeschlossen in einen großen Raum. Sie glaubten sich noch frei, weil sie Türen sahen; aber sie wußten nicht, daß die Türen geschlossen waren.
Aber die Wände des Raumes schoben sich immer enger und enger zusammen, schlossen den Gefangenen immer dichter ein, bis endlich der Tag kam, an dem die Wände den Gefangenen erdrückt hatten und er herausgenommen wurde, zerbrochen und tot, um auf den Kehrichthaufen der früheren Opfer geworfen zu werden.
2
Mr. Collins hatte die eine und eine halbe Million Dollar auf Kredit von seiner Bank nehmen müssen. Er war die Verpflichtung eingegangen, diesen Kredit innerhalb einer bestimmten Frist abzulösen. Und da er es unternommen hatte, nicht nur jene eine und eine halbe Million zu decken, sondern noch drei und eine halbe Million hinzuzuschaffen, um Betty die eleganteste Jacht der Erde zu kaufen und noch einiges andere mehr, so war er im Grunde vorläufig genau so gut ein Gefangener wie die Opfer, die er sich ausgesucht hatte. Nur war er ein Gefangener, der Willen, Aktivität und Bewegungsfreiheit hatte, Ziel und Wege kannte, um sich aus der Gefangenschaft zu befreien, während seine Opfer in der Verteidigung waren und statt Aktivität nur Passivität besaßen. Sie konnten nicht angreifen, und sie mußten sich verteidigen nach seinem Willen, mit dem er den Angriff leitete. Sie waren auch schon darum im Nachteil, weil sie nicht sahen, wo der Feind war, wer der Feind war, mit welchen Waffen er kämpfte, welche Verbündete er hatte und wo er angriff. So war für sie die Niederlage schon entschieden im selben Augenblick, in dem er den Angriff eröffnete.
Aus den laufenden Geschäften der Company hätte er das Geld, das er herbeischaffen wollte, auch herausholen können; aber es hätte mehr Zeit gekostet, als er darauf verwenden konnte.
Statt gleichzeitig zwanzig neue Brunnen anzubohren, konnte er den Befehl erteilen, daß gleichzeitig fünfzig neue Brunnen gebohrt wurden. Er durfte damit rechnen, daß von fünfzig Brunnen etwa zehn bis fünfzehn Brunnen mit Öl einkamen. Aber nach den Erfahrungen in den Feldern, in denen gebohrt wurde, war kaum zu erwarten, daß die einzelnen Brunnen mehr brachten als zwischen zweitausend und achttausend Hektoliter täglich. Ob ein Brunnen tot wird, also kein Öl zutage fördert, oder ob ein Brunnen tausend Hektoliter Öl täglich produziert oder hunderttausend Hektoliter täglich, das ist gleich, so weit die Bohrungskosten in Frage kommen. Jeder Brunnen zu bohren kostet so ziemlich das gleiche, ob er tot wird oder ob er produziert.
Wenn also Mr. Collins in einer verhältnismäßig kurz beschränkten Zeit fünf Millionen Dollar mehr verdienen wollte als sein übliches Einkommen war, so mußte die Condor Oil Co., die C. O. C., wie sie im Ölgeschäft kurz genannt wurde, um keine Zeit mit langen Worten zu verlieren, innerhalb kurzer Zeit zweihundert Millionen Dollar durch eine besonders hoch getriebene Produktion mehr verdienen als bisher, damit auf die Aktien, die Prämien und die Tantiemen des Mr. Collins jener Betrag extra kommen konnte.
Wird die Produktion durch geglückte Bohrungen und durch geschickte Spekulationen und Manipulationen auf dem Markte derart hoch getrieben, so verdiente nicht nur Mr. Collins in wenigen Wochen mehr als bisher, sondern ebenso auch alle übrigen Aktionäre und Aufsichtsratsmitglieder. Darum hat Mr. Collins alle jene Leute als Verbündete, weil auch sie alle ihre besonderen Mehrausgaben für ihre Betties, Jachten und ähnliche notwendige und unentbehrliche Zerstreuungen haben. Manche von ihnen begrüßen eine erhöhte Dividende aus ihren Aktien mit noch größerer Freude als vielleicht Mr. Collins; denn alle sitzen trotz ihrer Riesenvermögen irgendwo fest, sind irgendwo verwickelt in Spekulationen, müssen Erpresser und Erpresserinnen befriedigen, sind Käufe und Verpflichtungen eingegangen und haben jeder einzelne ein Heer von Faulenzern, die in Luxus leben wollen, an den Rockzipfeln hängen, ein Heer von Verwandten und Nichtverwandten, die sich nicht abschütteln lassen. Da zahlreiche ihrer Geschäfte, wohl die meisten ihrer Geschäfte, immer gerade noch so haardicht an den Maschen des Gesetzes entlanggleiten und zuweilen, in unbedachten Momenten, in die Maschen hineinschlüpfen, so müssen Polizeigewaltige, Richter und politische Athleten bezahlt und immer aufs neue bezahlt werden, Hunderttausende von Dollar müssen an die politische Partei, die am Ruder ist, sagen wir, die Republikanische Partei, bezahlt werden, und ist eine Sache gar zu heiß geworden, dann muß eine Kirche gebaut werden oder ein Hospital oder eine Bibliothek, um sich wieder aus den Maschen zu befreien. Heere von Agenten und Spitzeln sind im ständigen Gehalt. Zeitungen müssen aufgekauft oder gut ausbezahlt werden.
Die Verbündeten also, die Mr. Collins hat, sind die besten Verbündeten, die man haben kann. Sie brauchen eine unerwartet hohe Nebeneinnahme so dringend wie er. Und sie sind auch darum gute und die besten Verbündeten, weil alle ihre Beziehungen haben. Der Schwager des einen ist Polizeipräsident, der Bruder des andern Oberstaatsanwalt, der Vetter eines andern Kongreßmitglied und die Schwester wieder eines andern hat zu ihrem zweiten Bettgenossen ein Mitglied des Kabinetts.
Mit solchen Verbündeten läßt sich natürlich gut und leicht kämpfen.
Der Indianer Hacinto Yanyez hat solche gute Verbündete nicht. Darum ist er auch hier wieder im Nachteil.
Was immer Mr. Collins auch tun mag, um seine Ziele zu erreichen und seine Pläne durchzusetzen, solange jene Pläne den Erfolg haben, den man von ihnen erwartet, also höhere Dividenden herauszuholen, wird es sanktioniert von allen, die an der großen Schüssel sitzen. Und alle tun ihre Bestes dazu, daß die Pläne sich verwirklichen. Denn in den langen und verzweigten Kanälen fließen einige zehn Dollar gelegentlich selbst bis zu jenem Polizisten, der von seinem ordentlichen Gehalt auf keinen Fall seine große Familie ernähren und seine Söhne und Töchter auf das College zum Studieren schicken kann, damit sie nicht wie er Polizisten zu werden brauchen oder Stenotypisten, sondern Bankbeamte, und sie dadurch dem Schüsselrande näher kommen als der Vater war.
3
Die sozialistischen und die kommunistischen Zeitungen haben zuweilen sogenannte Brumm-Redakteure, die alle Strafen, die auf die Zeitung fallen, in irgendeiner Form abzubrummen haben, damit die wertvolleren Arbeitskräfte der Zeitung erhalten bleiben.
Einen solchen Brummer hatte auch die Condor Oil Co. Dieser Brummer war gegenwärtig ein Mr. Abner. Ursprünglich deutscher Herkunft. Sein Vater hatte noch Ebner geheißen. Mr. Abner hatte College und Universität besucht. Hätte er das nicht getan, so wäre er vielleicht ein ehrenwerter Chauffeur oder Mechaniker geworden und hätte sich recht und wacker durchs Leben geschunden, hätte gute amerikanische Bürger gezeugt, wäre endlich eines Tages mit Anstand gestorben und eine Woche lang von seiner zurückgelassenen Witwe und jenen neuerzeugten amerikanischen Bürgern, nach Einkassierung seiner Lebensversicherung, geziemend beweint und sachgemäß betrauert worden.
Aber Mr. Abner wollte im weißen Kragen gehen, auch des Werktags. Und darum kam er nach Beendigung seiner Studien als Junior in ein Anwaltsbüro, wo er alle die kleinen Schundsachen machen mußte, die ein Anwalt mit aufnimmt, um sein Büropersonal beschäftigen zu können, damit es nicht an den Bleistiften saugt und zum Fenster hinaussieht.
Mr. Abner war auch schon in jenem Anwaltsbüro ein Brummer gewesen. Jede dreckige und jede windige Sache, die bei dem Anwalt unterlief, hatte Mr. Abner, der Juniorteilhaber der Firma, zu verantworten. Er war der stinkende Anwalt, während der Senior immer reine Hände behielt und alles Geld einkassierte, ob es aus dem Gestank einer schmierigen Ehescheidung kam oder aus dem Mistpfuhl einer Erpressung oder aus den Schadenersatzklagen eines Gauners, der sich mit einem Stein das Schienbein zerschlug, sich dann vor ein elegantes Automobil warf, von dem er nicht überfahren, sondern nur gestreift wurde, und endlich aus der Versicherung des Autobesitzers dreitausend Dollar herausschindete, von welchem Betrag der Seniorteilhaber des Mr. Abner die Hälfte abbekam. Auf allerlei verzwickten und gewundenen Pfaden und mit Hilfe eines Ladenfräuleins, durch die er Bettschwager eines Aufsichtsratsmitgliedes der Condor Oil wurde, gelang es Mr. Abner endlich, in der Condor Oil Company zu landen. Er erhielt fünfundsiebzig Dollar die Woche, einen jährlichen Weihnachtsbonus von dreihundert Dollar und wurde sechster Syndikus der Condor Oil Company.
Mr. Collins, der ein gutes Auge für die Talente seines großen Personals hatte, erkannte bald die weiten Fähigkeiten des Mr. Abner als Brummer. Um ihn vorteilhafter gebrauchen zu können, machte ihn Mr. Collins zum dritten Junior-Vizepräsidenten mit hundertfünfundzwanzig Dollar die Woche, gab ihm zwei Aktien und Anrecht auf Prämien für Dinge, die Mr. Abner geknobelt hatte. Mr. Collins hatte ihm bei der Rangerhöhung und Lohnerhöhung gesagt, daß er, Mr. Abner, für alle Dinge, die er schiebe, die volle Verantwortung zu übernehmen habe, daß er jetzt ablehnen könne, wenn er wolle, daß er aber, wenn er akzeptiere, gebunden sei.
Mr. Collins war ehrlich. Er hatte gefunden, daß es sich besser arbeiten läßt, wenn man jemand offen sagt, wozu er gut ist und wozu nicht. Und er sagte Mr. Abner auch gleich, daß, falls er annehme und daß, wenn Dinge rauchig werden, er etwa gar das Maul verdrehe, daß man ihn so blasen würde, daß er sich glücklich schätzen würde, wenn er dann noch irgendwo in den Staaten die Stiefel putzen dürfte.