Part 2
Dennoch: in aller seiner Klugheit und in aller seiner Rechtsgelehrsamkeit dachte der Licenciado Perez nicht daran, daß der Mais aber doch gebaut werden müsse, wenn man ihn haben oder kaufen wolle. Irgendwo mußte der Mais doch gebaut werden. Aber der Licenciado lebte ja in einer andern Welt, wo man Mais und Land trennen konnte, ohne daß man daraus Probleme sich entwickeln sah. In seiner Welt war die Beziehung Mais und Land, Mensch und Land völlig getrennt. In seiner Welt dachte man schon nicht mehr Mais, sondern man dachte nur Produkt. In seiner Welt sagte man: „Was gehen uns die an, die nachkommen? Nach uns der Weltuntergang mit drahtloser Filmvorführung im Schlafzimmer. Land, Land, Land. Was ist Land? Wir brauchen das Land für Öl, damit wir unsere Automobile füttern können. Mais? Land für Mais? Zur Hölle mit diesem verblödeten Indianer! Wenn wir Mais gebrauchen, weil wir alles Land verölt haben, dann machen wir ihn mit der Maschine und kaufen ihn in Konservenbüchsen.“
4
„Hacinto“, sagte nun Senjor Perez, vertraulich. Und er sprach eindringlich wie ein Mann, der auf seinen Bruder, der von Hause fortgelaufen ist, einreden mag, um ihn zur Heimkehr zu überreden, weil sich die Mutter die Augen ausweint. „Hacinto, nun seien Sie doch einmal vernünftig. Ich will Sie ja nicht betrügen.“
„Das glaube ich auch nicht, daß Sie das wollen“, antwortete Hacinto.
„Ich will das Land ehrlich kaufen von Ihnen, für einen guten Preis.“
„Aber Senjor Licenciado, ich kann doch das Land nicht – –“
„Halt, halt“, unterbrach ihn Senjor Perez mit einem Tone, wie man zu einem Kranken redet, den man nicht aufregen darf. „Doch, Hacinto, Sie können verkaufen.“
„Nein, ich kann nicht“, sagte der Indianer eigensinniger als vorher. „Ich habe kein Recht dazu. Das Land gehört nicht mir.“
„Kommen Sie nun nicht abermals mit diesem Unsinn. Ich habe die Register durchgesehen und gefunden, das Land gehört Ihnen. Die Titel sind in der besten Ordnung. Habe nie so gute und reine Rechtstitel gesehen. Das Land gehört Ihnen, und Sie können damit machen, was Sie wollen. Verkaufen oder verschenken oder verpachten.“
„Aber meine Compadres und die, die nachkom–“
Senjor Perez, geübt in den Kniffen des geschickten Anwalts, ließ dem Indianer keine Zeit, sich wieder in den alten hartnäckigen Gedanken festzusetzen. Er wußte nun schon, was wieder folgen würde, und er griff darum gleich an: „Alle die Männer der Familien, die Sie hier auf der Hazienda haben, bekommen Arbeit in den Kamps der Condor Co. Das verspreche ich Ihnen. Ich bringe das mit als Kaufbedingung in den Kontrakt. Die Leute sollen keiner weniger als drei Pesos verdienen, und wenn sie anstellig sind und sich eingearbeitet haben, vier und fünf Pesos.“
„Ja, das glaube ich,“ meinte Hacinto, „soviel verdienen die Peons in den Kamps. Der Muchacho, der Junge vom José hier, arbeitet in einem Kamp und bekommt vier Pesos. Der Junge vom Pedro arbeitet auch in einem Kamp, er will Geld verdienen, weil er heiraten will und der Schwiegervater eine Kuh als Gabe für das Mädchen verlangt. Aber der Marcos, der auch in den Kamps gearbeitet hat, ist wieder hier. Er sagt, er will nie wieder in das Kamp gehen, und wenn man ihm zehn Pesos gibt. Er will lieber hierbleiben auf dem Land. Er sagt, er war immer traurig im Kamp, und hier lacht er immer.“
„Er ist eben ein Dummkopf, der Bursche. Man muß sich gewöhnen können, wenn man Geld verdienen will“, sagte der Licenciado. Und er hatte recht. Wie alle seines Berufs.
Er lenkte nun zur Abwechslung das Gespräch auf eine andere Bahn: „Wenn Sie hier das viele Geld haben, Hacinto, dann können Sie sich ein Automobil kaufen.“
„Ich brauche kein Automobil“, sagte Hacinto gleichgültig.
„Aber, Mann, Hombre, dann können Sie doch in einer halben Stunde in Tuxpam sein.“
„Ich will ja aber gar nicht in einer halben Stunde in Tuxpam sein. Ich will ja mit den Leuten am Wege sprechen und sehen, wie ihr Mais steht und was die Kleinen machen, die ich alle kenne, und ich will sehen, ob die blauen Buschblumen schon heraus sind und ob die großen Schildkröten an der Laguna Eier in den Sand gelegt haben und ob der schwere Mahagonybaum, der vor vier Jahren abbrach und sich quer über den Weg legte, noch immer nicht verfaulen will. Ich habe schon zweimal Feuer untergelegt, damit er durchbrennen soll. Aber er brennt nicht durch, und wir müssen nun immer herumreiten.“
„Estupido, stupid, stupid“, sagte Senjor Perez halblaut, und dann laut: „– aber sehen Sie, in einem Automobil –“
„Wenn ich nach Tuxpam will, um Schweine zu verkaufen oder um einen neuen Hut für Nazario mitzubringen, dann nehme ich den gelben Macho und reite früh um halb vier fort und bin um neun in Tuxpam. Das ist mir dann gerade Zeit genug. Und ich habe alles auf dem Wege gesehen, und ich habe mit Rafael gesprochen, der sich ein neues Palmdach auf den Jacal, auf sein Haus, gelegt hat, weil das andere zu alt war und durchregnete. Dann bin ich immer noch zeitig genug in Tuxpam. Ich brauche kein Automobil. Wirklich nicht, Licenciado.“
Senjor Perez sah sich wieder einmal hoffnungslos, und es kostete ihm ersichtlich große Mühe, eine neue Idee zu finden, um Hacinto den Besitz vielen Geldes verlockend zu machen.
Ehe er aber etwas Neues sich ausdenken konnte, das Hacinto der Welt der Geldmacher vielleicht hätte näherbringen können, hatte der Indianer endlich eine Antwort gefunden auf das Angebot, alle Compadres als Arbeiter in den Ölkamps unterzubringen. Er konnte im Kopf nicht so schnell arbeiten wie ein Licenciado, der darin geübt war. Bei ihm dauerte es länger. Aber obgleich es länger dauerte, so traf er dennoch den Punkt. Und er traf ihn genauer, als Senjor Perez erwartet hatte.
Er sagte: „Das ist ja recht gut, wenn hier die Männer Arbeit in den Kamps bekommen. Es kann ja sein, daß sie dort arbeiten können und Geld verdienen. Aber wenn der Brunnen gebohrt ist, dann ist doch keine Arbeit mehr für die Leute. Dann bekommen sie auch kein Geld mehr.“
„Die Company bohrt nicht nur hier Brunnen, sie hat sehr viel Land. Da werden dann die Leute von hier hingeschickt.“
Hacinto war aber jetzt durchaus auf dem richtigen Wege. Denn er sagte nun: „Dort aber, wo die Leute hingeschickt werden, sind dann doch die Leute von jenem Land, die Arbeit haben wollen. Was tun dann die?“
Senjor Perez fühlte, daß er überrumpelt war. Er fand hier nicht heraus. Ohne viel darüber nachzudenken, platzte er heraus: „Jene Leute müssen dann eben weiter gehen und sehen, wo sie Arbeit finden.“
„Aber man hat ihnen doch das Land weggekauft, wie können sie denn nun leben, wenn die Männer von hier ankommen. Sie haben doch kein Land mehr. Die müssen doch alle sterben, wenn die Männer von hier kommen. Es wird auch nicht ewig gebohrt. Einmal ist es doch alle, das Öl. Dann haben alle Männer vergessen, wie man Mais baut.“
Einfach wie alle Probleme waren, wenn Land genug da war und die Leute verstanden, es zu bebauen, so verwickelt wurden plötzlich die einfachsten Fragen, sobald die Leute aus ihrer Erde herausgerissen wurden. Das sah jetzt selbst Senjor Perez ein. Der Indianer hatte ihn völlig aus seiner sicheren Stellung innerhalb der menschlichen Gesellschaft geworfen. Er hatte ihn selbst aus allen den Weisheiten hinausgeschleudert, die sich Senjor Perez in Schule und Leben erworben hatte. Hätte er einem andern Licenciado, einem andern gebildeten Mann, ja hätte er nur einem Kaufmann aus einer größeren Stadt sich gegenüber gesehen, dann hätte er mit diesen Problemen irgendwie fertig werden können. Mit einem andern Manne, der in der Stadt und in städtischen Erwerbsmöglichkeiten lebte, hätte er diese Fragen besprechen können. Sie wären sicher zu einer Lösung gelangt, die beide befriedigt hätte, weil sie beide die gleiche Sprache redeten. Sie hätten sprechen können von Gesetzen, die dann nötig wurden, von Parlamentsbeschlüssen, von Dekreten des Präsidenten, von besseren Transportmöglichkeiten, von Massenproduktion notwendiger landwirtschaftlicher Erzeugnisse, Massenproduktion infolge weitgehender Anwendung hochkräftiger Maschinen und wissenschaftlicher Lehren. Freilich blieb die Frage immer offen: Wo nehmen wir das Land her? Denn daß man Mais aus den Abfallprodukten des Öls oder aus der Schlacke der Steinkohle machen könnte, das schien ja selbst einem Licenciado ein wenig zu weit gegriffen.
Wie dem auch immer war, gegenüber der verblüffenden Einfachheit, in der Hacinto die Probleme der menschlichen Gesellschaft und des menschlichen Daseins sah, kam sich Senjor Perez sehr hilflos vor. Er konnte den Indianer nicht erreichen. Es war so, als ob der Indianer auf einem andern Planeten stünde, zu dem man von dem Planeten, auf dem der Licenciado stand, niemals und mit keinem Mittel hinüberreisen kann.
Der Indianer fühlte nicht, daß er den Licenciado geschlagen hatte, weil er nicht begriff, daß jemand anders denken könne als er, der Indianer, der in der Erde und mit der Erde lebte. Als ein Erzeugnis der Erde. Gleich einem Baume.
Darum konnte er auch mit der letzten Waffe, die der Licenciado für die stärkste Waffe hielt und bis zuletzt aufbewahrt hatte, nicht besiegt werden.
5
Senjor Perez nahm den weißen Leinensack zur Hand. Er wog ihn eine Weile beträchtlich, und dann schüttete er mit einer raschen Bewegung den ganzen Inhalt aus. Es waren alles goldene Zehn-Pesos-Stücke. Hidalgos. Weil sie das Bild des mexikanischen Befreiungskämpfers Hidalgo aufgeprägt trugen.
Senjor Perez begann das Geld abzuzählen, als ob der Kauf bereits vor sich gegangen sei.
Er häufte das Geld in kleinen Säulchen auf, je fünfzig Hidalgos übereinandergelegt. Es sah sehr hübsch aus.
Er hatte endlich vierhundert solcher Säulchen aufgestellt in Reihe und Glied wie Soldaten.
Wohlgefällig, beinahe andächtig, überblickte er das Regiment und sagte: „Die Company zahlt Ihnen für das Hektar fünfhundert Pesos Oro Nacional. Achthundert Hektar sind vierhunderttausend Pesos in Gold. Das hier sind nur zweihunderttausend. Sie bekommen also noch einmal den gleichen Haufen. Morgen schon, wenn Sie wollen.“
Der Eindruck, den Senjor Perez zu erwecken gehofft hatte, blieb aber völlig aus. Der Indianer hatte durchaus kein Verständnis für diese Menge des Goldes. Hätte man ihm einen Berg Mais hingelegt oder fünfhundert Schweine, das hätte er verstanden. Freilich hätte er auch dafür die Rosa Blanca nicht verkauft. Der Mais war eines Tages aufgegessen, und die Schweine waren eines Tages aufgegessen. Was dann darauf? Hunger für die, die nachkommen. Verläßlich war nur die Erde. Sie erzeugte ewig und ewig, in nimmermüder Freigebigkeit, ewig und ewig sich wiederholend in Jungfräulichkeit, in bebender Liebe, in heißem Empfangen, in jubelndem Gebären, in zufriedenem Dahinwelken und dann wieder das stille und heilige Neuaufkeimen rührender Jungfräulichkeit, bebender Liebe und so an und so fort ewig und ewig wie die Sonne, wie der Mond, wie Tag und Nacht.
Aber das Geld, der Mais, die Schweine, so viel es auch war, das alles war nur einmal und niemals wieder.
Hacinto wußte auch recht gut den Wert eines Hidalgos. Das waren hundert oder hundertfünfzig oder auch nur achtzig Kilo Mais, je nach dem Marktpreis. Es war ein ausgewachsenes Schwein mittelmäßiger Güte. Ein Hidalgo, zehn Pesos, war viel Geld. Sehr viel Geld. Aber dieses Regiment Goldstücke, die hier auf dem Tisch aufmarschiert waren, machten keinen Eindruck auf Hacinto. Deren Wert faßte er nicht. Das war eine Gaukelei. Einen solchen Wert gab es nicht.
„Das sieht sehr schön aus, Senjor Licenciado“, sagte er endlich, um der Spielerei des Licenciado eine höfliche Anerkennung zu widmen.
„Gehört alles dir, Hacinto.“ Senjor Perez duzte ihn plötzlich, um recht brüderlich zu erscheinen. „Das gehört alles dir und noch einmal soviel, denn das ist nur die Hälfte. Für die Rosa Blanca.“
Der Licenciado hätte Hacinto auch ganz gut das Geld anbieten können für das Recht, ihm das Herz aus der lebenden Brust zu schneiden.
So geschah es, daß jenes Regiment Gold für Hacinto kein Leben annahm. Es erweckte keine Träume in ihm. Regte keine Hoffnungen an. Diese Säulchen hatten keine Macht über ihn und konnten keine Macht über ihn gewinnen, weil vor seinen Augen etwas Größeres stand, etwas Höheres, etwas Heiliges.
Was er besaß, das hatte er von seinen Vätern übernommen, nicht um es als Eigentum zu besitzen, sondern um es zu erhalten und es dereinst weiterzugeben an die Nachfolgenden. Was er besaß, war ihm nur geborgt worden, war nur sein, um es für die kommenden Geschlechter zu verwalten. Seine hohe Pflicht war, das geborgte Gut ungeschmälert weiterzugeben, wenn seine Stunde kam. Was hätte er sagen können, wenn er dereinst in den Jagdgründen der Ewigkeit seine Väter antraf und sie ihn fragen würden: „Was tatest du mit unserem Gut? Was tatest du mit dem Gut unserer Enkel und Urenkel?“ Er hätte sich vor Scham verkriechen müssen in die fernsten und dunkelsten Winkel der Gebüsche, wo nie die Sonne hin scheint und nie der Mond sein sanftes Silber dahingleiten läßt. Und was gar, wenn alle die Väter seiner Compadres kamen und ihn fragten: „Was tatest du mit unsern Söhnen und Töchtern?“ Und das würde so fort gehen bis in die urewigen fernsten Zeiten hinein. Alle dreißig oder vierzig oder fünfzig Jahre würden neue Männer heraufkommen in die grünen Jagdgefilde und würden ihn fragen: „Wo ist das Gut, das dir deine Väter anvertrauten für uns?“ Sie würden ihn herauszerren aus seinem dunklen Winkel und dann wieder zurückschleudern, wenn er nicht antworten könnte. So würde das fort gehen ewig und ewig. Und niemals Ruhe. Niemals Ruhe.
Und so, während das Gold vor ihm kein Leben bekam, so bekam die Rosa Blanca in diesem Augenblick, als um sie gekämpft wurde, alles Leben. Sie nahm Gestalt an. Sie sprach zu ihm. Sie lachte ihn an. Sie wurde Person. Er hörte sie singen.
Er konnte es nicht mehr ertragen. Er stand auf und trat in die offene Tür.
6
Dort stand er und überblickte den Hof. Der Hof sah, wie meist immer, auch heute nicht aufgeräumt aus. Jenes hatte er schon hundertmal ändern wollen und dieses. Immer, wenn er es sah, wollte er es ändern, und immer gleich darauf war es vergessen und blieb.
Da in der Ecke, dicht bei dem Zaun, lag ein altes zerbrochenes Karrenrad von einem Maultierkarren, an dessen Existenz sich niemand mehr auf der Hazienda erinnern konnte.
Jenes Karrenrad verfaulte langsam, denn es war aus gutem eisenharten Holz. Jeden Samstag sollte es fortgeräumt werden, und am Sonntagmorgen, wenn er in den Portico trat, lag das Karrenrad noch immer in seiner Ecke.
Er erinnerte sich, daß es schon dagelegen hatte, als er fünf Jahre alt war. Da hatte sein Vater gesagt: „Das alte Karrenrad kann auch verbrannt werden, der Manuel mag es heute abend zerhacken und das Holz zu den Frauen in die Küche bringen.“
Der Auftrag wurde vergessen, und das Rad wurde nicht zerhackt.
Dann hatte der Vater wieder einmal, als er es sah, gesagt: „Das Rad könnte man vielleicht zu etwas gebrauchen, ich werde mit Manuel reden, was er denkt, was man damit machen könnte.“
Hacinto war dann, als er acht Jahre oder so alt war, in den Speichen herumgeklettert mit der Absicht, seinen Körper geschmeidig zu machen gleich einer Schlange.
Eine Zeitlang diente es, einen jungen Coyote, den er mit anderen Jungen gefangen hatte, daran festzubinden. Der Coyote sollte gezähmt werden, um ihn als Hund zu gebrauchen. Aber eines Nachts hatte sich der Coyote von dem Strick losgebissen und war entwischt.
Dann sollte das Rad wieder einmal verbrannt werden. Dann sollte es wieder einmal mit Hilfe Manuels zu etwas anderem gebraucht werden. Dann, als Jüngling, hatte Hacinto des Abends auf dem Rad gesessen und – es war in seiner Liebeszeit – von seinem Mädchen, die jetzt seine Frau war, geträumt. Hatte darauf sitzend süße Rancholieder vor sich hin gesummt. Und hatte manche Nacht darauf gehockt und still vor sich hin geweint, als er glaubte, daß sie ihn nicht mochte.
Hatte dann, ein wenig später, mit ihr des Nachts zusammen darauf gehockt und an zehn oder mehr Stellen Kerben eingeschnitten für die Umarmungen, die sie ihm gab oder was es sonst sein mochte. Er wußte gut, was es war, wofür er die Kerben einschnitt.
Dann starb der Vater.
Aber das alte zerbrochene Karrenrad lag noch immer da. Und noch immer an derselben Stelle.
Dann starb auch der alte Mayordomo, der Manuel, der so oft den Auftrag erhalten hatte, das Rad zu zerhacken oder es zu etwas anderem zu gebrauchen.
Jedoch das Rad ließ sich durch den Tod der beiden Männer nicht stören. Es lag da und lag da.
Und nun seit Jahren, jeden Samstag, wenn der Hof aufgeräumt wurde, gab Hacinto den Befehl, daß das Rad endlich einmal beseitigt würde. Und jeden Sonntagmorgen, wenn er in den Portico trat und nach dem Wetter sah, lag das Karrenrad noch immer da. Bis zum nächsten Sabado. Aber am Sonntag würde sicher etwas auf dem großen Hofe gefehlt haben, hätte das Karrenrad nicht noch immer dagelegen.
Und so lag es auch jetzt da. Friedlich, gemütlich, unverfroren, ausdauernd und selbstbewußt und wartete auf das endliche Verfaulen.
Sein ältester Junge, Domingo, saß jetzt oft, allein und weltverloren, auf dem Rade und schnitt gelegentlich Kerben ein, wie er, der Vater, wohl bemerkt hatte. Er wußte auch, wer das Mädchen war.
Was er jedoch am besten wußte, war, daß jenes Karrenrad immer noch daliegen würde, wenn er eines Tages abgerufen werden wird. Denn das Rad war kein lebloses Stück alten verwitternden Mahagoniholzes. Das Rad war ein Symbol. Ein Symbol der Rasse. Das Karrenrad war zeitlos geworden.
Hacinto blickte zur Seite, und dort hockte Emilio, der Junge der Cocinera, der Köchin. Er hockte da auf dem Erdboden, hatte vor sich einen Schilfkorb stehen und körnte die Maiskörner aus den Kolben mit Hilfe eines schon entkörnten Kolbens. So, genau so, wurde der Mais hier schon entkörnt vor fünftausend Jahren, mehr, vor zwanzigtausend Jahren. Eine Entkörnungs-Maschine, die in fünf Minuten mehr auskörnte als der Junge in zwei Stunden, kostete sechzig Pesos oder gar nur fünfundvierzig. Sie sollte schon gekauft werden, als der Vater noch lebte. Hacinto hatte sie schon hundertmal kaufen wollen. Aber vielleicht geht es noch eine Weile ohne. Es ist ja fünftausend Jahre so gegangen. Warum denn nun mit einem Male so plötzlich? Der Emilio hat ja sonst sowieso auch weiter nichts zu tun und geht doch immer nur Kaninchen jagen. Kann er auch gut Mais auskörnen. Bekommt er kräftige Hände und Finger davon. Kann ihm nur nützlich sein im Leben.
Drüben, in der Nähe des Zaunes, der den weiten Hof umfriedigt, steht Margarito, der Mayordomo der Hazienda, und doktert zwei Mules, die sich infolge ihrer Trägerarbeit den Rücken durchgescheuert haben. Er wäscht die Wunden mit schwarzer Seife und heißem Wasser sorgfältig aus und singt dabei.
Er singt das uralte Rancholied von dem schönen Indianermädchen, das einen Indianerburschen liebte, ach so sehr, so sehr liebte. Aber dann kam der Mexikaner mit großem roten Hut und schweren silbernen Sporen herangesprengt, ach so sehr stolz, so sehr stolz, herangesprengt auf einem weißen Roß, ach so sehr, so sehr weißem Roß herangesprengt. Und der stolze herrische Mexikaner auf weißem Roß und mit großen silbernen Sporen machte viel honigsüße Worte, ach so sehr süße, so sehr süße Palabras. Und er verführte das Indianermägdelein, das ach so sehr, so sehr in Furcht war vor dem stolzen Mexikaner in dem großen roten, ach so sehr großen roten, so sehr großen roten Hut. Und endlich bekam das Indianermägdelein ein kleines Kindlein, ach ein so ganz kleines, so sehr kleines Kindlein; und das Mägdelein, die Mamacita tan morena, starb mit ihrem kleinen Kindlein heimlich im tiefen, ach so sehr tiefen, so sehr tiefen Busch, und eine blaue Blume, ach so sehr blaue, so sehr blaue Blume fiel auf ihr Grab, das die Ameisen, ach so sehr geschäftig, so sehr geschäftig, über das tote Mägdelein gebaut hatten.
Während nun Margarito die hundertzwanzig Strophen, oder wie viele es sein mögen, singt – Hacinto hört in seiner Seele das ganze lange Lied in einer Viertelstunde; denn auch er kennt es und hat es gesungen in seiner Liebeszeit – und während Margarito singt und mit Andacht und Inbrunst die Reime schmelzend wiederholt und wiederholt, unterbricht er sich zuweilen und schreit auf die Mules ein: „Caramba, zum Donnerwetter, du Cabron, du himmelgottverfluchter und verfuckter Hurensohn, steh endlich still oder ich trete dich wahrhaftig, bei der heiligen allerreinsten Himmelsjungfrau, por Santa Purissima, doch noch in den verfluchten Ursch, du stinkiger Sohn einer alten Hure.“
Aber dieses gelegentliche Zurückfallen in die brutale nackte Wirklichkeit des harten arbeitsreichen Lebens tut dem gefühlvollen Gesang des Margarito keinen Abbruch. Er singt nach dieser irdischen Entgleisung ohne erschütternde Dissonanz sofort wieder in rührend schmelzender Weise von dem schönen Indianermädchen, das von einem stolzen Mexikaner in rotem Hut und auf feurigem weißen Roß verführt und entführt wurde. Dissonanzen sind Margarito fremd. Alles reimt sich, und alles ist in Harmonie.
Hacinto ist Compadre des Margarito, er ist Pate zu allen seinen Kindern; und der Vater des Margarito ist Pate zu zwei Kindern, zu den beiden ältesten des Hacinto, zu Domingo, dem Jungen, und zu Juana, dem ältesten Mädchen. Die Vaterschaft des Margarito ist nicht ganz klar. So wird wenigstens getan. Aber auf der ganzen Hazienda weiß man, und jedem, der es wissen will, wird es erzählt, daß der Vater des Hacinto auch Vater des Margarito ist. Margarito selbst hält diese Tatsache für wahrscheinlich. Jedenfalls streitet er sie nie ab. Und seine Mutter, die noch lebt und auf der Hazienda die Hühner versorgt und im Hause mithilft, sagt weder ja noch nein. Sie ist weder stolz darauf, noch beschämt. Wenn ihr Gott die große Gnade erwies, sie mit Kindern zu segnen, so ist es an sich gleichgültig, wer der Vater ist. Der Vater wird von Gott geschickt als Mittel zum Zweck. Alimentationsfragen entstehen nicht, denn es wächst Mais und es wachsen Bohnen auf der Hazienda in Fülle; und jeder, der da lebt, hat ein Anrecht an dem Mais und an den Bohnen und an den Hühnern und an den Schweinen. Ob da zwanzig Kinder mehr essen oder fünfzig, Kinder, die sich auf die Familien verteilen und wo der Vater es als Ehre und Gnade des Himmels betrachtet, wenn er Vater sein darf, auch wenn er es gar nicht ist, das alles sind keine wichtigen Dinge. Der Patron der Hazienda sieht gar nicht hin. Die Kinder, alle Kinder, sind vom Himmel gesandt, und darum haben sie ein Recht zu leben. Wäre da kein Vater, dann ist immer der Patron der Hazienda noch da, der die Kinder ernährt, ernähren muß, nach indianischem Gesetz, und auch freudig ernährt, ob Gesetz oder nicht Gesetz. Gesetze, die nicht im Blut sind, haben ja doch keinen Wert.
Und Hacinto sieht hinüber zu den verstreuten Hütten und schiefen Adobehäusern, wo sie alle wohnen, die Nachkommen sind jener, die mit seinen Vätern hier lebten. Ein kleines Volk, aber ein echtes Volk mit echtem König. Wo der König nicht Herrscher ist, wo der König nicht in Luxus lebt von dem, was sein Volk für ihn errackert, wo der König nichts ist als Verwalter, als Ratgeber, wo seine ganzen Rechte als König darin bestehen, für das Wohlergehen derer verantwortlich zu sein, die ihm von seinen Vätern anvertraut wurden. Anvertraut nicht als Untertanen, sondern als Gleichberechtigte, die sich in Jahrtausenden von Erfahrungen darauf geeinigt haben, daß eine Familie das Land des Volkes verwaltet, um zu vermeiden, daß nach dem Tode des Oberhauptes der Familie die Männer des Stammes in einen blutigen Kampf eintreten, um das Recht zu erkämpfen, wer Verwalter und Führer für die nächste Generation sein soll. Für solche Kämpfe haben die Leute keine Zeit, und sie haben keine Zeit, den Haß zu besänftigen, der nach solchen Kämpfen im Volke zurückbleibt. Die Stiere machen es so in den Viehherden. Aber die Indianer betrachten sich ja nicht dem Vieh gleich. Solche kleinen Völker werden immer nur dann in ihrer Ordnung und in ihrem uns primitiv erscheinenden Aufbau und Zusammenhalt gestört, wenn eine Sippe oder ein Stamm von Städtern, von Städteerbauern auf den Plan tritt. Städte müssen Menschen in Massen aufsaugen, um bestehen und sich entwickeln zu können. Und da diese Massen viel weniger Land bewohnen, als unbedingt nötig ist, sie zu ernähren, brechen sie in die Völker ein, die mit der Erde unmittelbar verwachsen sind, und bauen eine Ordnung auf, in der der Städter zum Tyrannen und der Bauer zum Heloten wird.