Part 10
Die Magnaten ließen es nicht darauf ankommen. Transportarbeiterstreik, der ja in den Vereinigten Staaten immer mit schwerer und sehr kostspieliger Sabotage der Transportmittel verknüpft ist, konnte man gerade jetzt am allerwenigsten gebrauchen. Das hätte die Lage nur noch mehr verwirrt, und man hätte dann alles aus den Händen verloren und nicht mehr absehen können, wohin das endlich noch führen möchte.
Die Verträge mit den englischen und deutschen Kohlenhäusern wurden nicht gezeichnet, und es kamen keine Kohlenschiffe an.
Ganz genau das war es, was Mr. Collins wollte.
4
Von nun an ging alles wie geölt.
Mr. Collins arbeitete nach dem Rezept in der Bibel, nach jenem Rezept, das Joseph, den Sohn Jakobs, aus einem vergessenen Gefängnisbruder zum reichsten Manne und endlich sogar zum Vizekönig in Ägypten machte. Zum Leidwesen vieler, in damaliger Zeit, wieder ein Fremder und wieder ein Jude. Joseph, wie man wohl recht gut weiß, sammelte alles Getreide zu billigen Preisen in den sogenannten fetten Jahren, als der Preis sehr tief stand, und er verkaufte das Getreide dann in den Hungerjahren zu Wucherpreisen. Die Bibel, wie so oft, erzählt uns das nur nicht richtig. Sie erzählt das ein wenig verbrämt, damit der liebe Gott auch etwas von dem Ruhme abbekommen soll. Man kann ja einem Juden nicht allen Ruhm allein lassen. Und es ist seit jener ägyptischen Periode, daß die Blutsgenossen des Joseph nach und nach den ganzen Getreidehandel übernommen haben, besonders in den Staaten, weil ja die Christen doch nicht richtig mit Getreide umgehen können und weil die Juden die längere und reichere Erfahrung haben.
Mr. Collins war nicht Jude. Er wollte sogar den Juden die Einwanderung in die Staaten verbieten. Aber es muß gesagt werden, daß er größer war als Joseph und größer als der Earl of Beaconsfield, der es, geschickt wie Joseph, verstanden und vermocht hatte, sich aus einem Benjamin D’Israeli zum englischen Vizekönig emporzuarbeiten.
Mr. Collins war größer als Joseph und größer als Beaconsfield; denn es ist ja immer so: Wenn jemand ganz groß und rücksichtslos ist, dann ist er ganz bestimmt kein Jude. Und hierin liegt ein Trost für die, die nicht Juden sind.
Mr. Collins war größer. Und er war moderner. Er bediente sich nicht eines Traumes, den ein anderer hatte, sondern er bediente sich der proletarischen Solidarität. Jener proletarischen Solidarität, von der immer so viel geredet wird und die man so selten sieht, wenn ein Mobilmachungsbefehl an die Mauern geklebt wird und wenn die Soldaten ausmarschieren.
Mr. Collins hatte den Vorteil auf seiner Seite, daß die Menschen, die Geld hatten, eine Todesangst ausstanden, daß die Solidarität des Proletariats zu einer gewaltigen Macht werden könnte, die Welten zu bewegen imstande sei.
5
Mr. Collins war nicht sentimental. Er kassierte. Er kassierte die Sahne der Nation. Ei, was mußte die Nation bluten! Die Tonne Kohle ging auf den doppelten Preis. Auf den dreifachen. Auf den vierfachen Preis. Und nun öffnete Mr. Collins die Scheuern und half der sterbenden Industrie wieder auf die Beine. Er wurde der Retter der Nation. Würde er politischen Ehrgeiz gehabt haben, man hätte ihn zum Präsidenten erwählt. Er wurde ein zweiter Washington.
Die Company kassierte nur und kassierte. Sie hatte keine Ausgaben. Alle Ausgaben hatte nur die Minenarbeiter-Union, deren reiche Kassen bis auf den letzten kupfernen Cent geleert wurden. Ausgaben hatte nur das Proletariat, das sammelte und sammelte, schimpfend und murrend, aber doch sammelte für die hungernden Miners. Die Könige machen Krieg, und das Proletariat blutet und stirbt. Magnaten machen einen großen Fischzug, und das Proletariat opfert seinen letzten Cent und verhungert. Immer das Proletariat! Und immer und nochmals das Proletariat. Verflucht noch mal, Prolet, was bist du doch für ein Esel!
6
Mr. Collins hatte, als die Schlacht geschlagen war und das Wirtschaftsleben und Wall Street sich wieder zu beruhigen begannen, für seine eigene Tasche einen kleinen Reingewinn von zart einer Million vierhunderttausend Dollar gemacht.
Die Arbeiter hatte er nun nicht mehr nötig, sie waren nur Schachfiguren gewesen. Schlimmer als Schachfiguren. Selbst eine hölzerne Schachfigur weiß, daß sie Schachfigur ist. Aber die Arbeiter wußten nicht, und sie haben es bis heute nicht erfahren, daß sie nur Figuren waren, die hin und her geschoben wurden, von Mr. Collins. Die Arbeiter erhoben ein großes Geschrei, daß sie den Streik gewonnen hätten, als sie wieder zurückkehren durften in die Minen, daß ihnen der Lohn nur um zehn Prozent gekürzt wurde, und daß man ihnen wieder ihre Union ließ, damit sie sich daran erfreuen konnten.
Denn was kümmerten sich die Companien ernsthaft um die Unionen. Union oder nicht Union. Der Arbeiter verhungert, wenn er keine Arbeit hat. Und ob er Arbeit hat oder nicht, das bestimmt nicht seine Union, sondern das bestimmt der, der nicht predigt, sondern der handelt und keine Sentimentalität kennt. Prolet, du hast vortreffliche Lehrmeister.
7
Mr. Collins zählte nicht die Gefallenen. Er stellte keine Verlustlisten auf derer, die von der Miliz erschossen waren, derer, die auf Jahre hinaus in Gefängnissen saßen, derer, die ihre Existenzen verloren hatten, derer, die Selbstmord begangen hatten, derer, die ins Irrenhaus gekommen waren, derer, die in Hospitälern lagen.
Es sind schlechte Generale, die sich um die Gefallenen kümmern.
Wir haben mit den Lebenden genug zu tun.
Und während der Prolet seine Gefallenen begräbt, beweint und beredet, gewinnt sein Gegner Zeit, die neue Schlacht zu planen und vorzubereiten.
6
1
Mr. Collins war jetzt oben. War vollberechtigtes Mitglied im Generalstab des Wirtschaftslebens der Nation.
Aber alle die Männer, die bisher mit ihm gearbeitet hatten, also das Direktorium der Anthracite Company, begannen sich vor ihm zu fürchten. Sie alle hatten keine Sentimentalität. Aber sie besaßen noch genug Zimperlichkeit, nicht bis zur letzten Grenze zu gehen.
Was die Anthracite getan hatte, war alles innerhalb der Grenzen des Gesetzes geblieben. In allen ihren Handlungen war die Company vom Gesetz geschützt. Jeder hatte das Recht, Lager aufzuhäufen, wann und wo und wieviel er wollte. Und jeder hatte das Recht, seine Lager zu öffnen, wann es ihm am günstigsten erschien. Die Anthracite hatte niemals in diesem großen Raubzug mit Lügen gearbeitet. Sie hatte offen verkündet, daß sie Lager auffülle. Und sie hatte das ganze Manöver durchgeführt, ohne das Trustgesetz irgendwo zu verletzen. Sie hatte mit keiner anderen Company ein trustähnliches Abkommen getroffen, um den Markt zu beherrschen. Das Geschäft war so sauber, so ehrenhaft, so anständig wie nur immer ein Geschäft innerhalb des kapitalistischen Systems sein kann. Daß die Menschen sich in eine Panik jagen lassen, kann man nicht der Anthracite zum Vorwurf machen. Dafür ist der liebe Gott verantwortlich, der alles geschaffen hat und keine Maus verrecken läßt, wenn es nicht in seinem Willen liegt. Ließen sich Menschen nicht erschrecken, könnte nie jemand Millionen verdienen. Nie könnte jemand Menschen für seine Privatzwecke gebrauchen, wenn die Menschen mehr Selbstvertrauen und mehr Mut hätten und sich nicht fürchteten vor einigen Tagen Hunger und vor dem Alter.
Wenngleich das Geschäft durchaus in gesetzlichen Grenzen geblieben war, so scheuten dennoch die Herren des Direktoriums vor einem neuen ähnlichen Geschäft zurück. Es waren da immer Zeitungen von Sozialisten und anderen Leuten, die aus Neid nörgeln, die irgendwie Weisheit bekommen und ein derartiges Manöver aufdecken können. Und alle die Menschen, die unter diesem Raubzug leiden, werden zu Anklägern. Wo Ankläger sind, da finden sich auch sofort Richter ein. Ein Mensch gilt nur so lange als ehrenhaft, solange man seine Geschäfte nicht zu durchschauen vermag. Keiner der Männer des Direktoriums konnte in das Zuchthaus geschickt werden, aber alle konnten in der Öffentlichkeit beschimpft werden als Zerstörer des Staates und als Förderer sozialistischer Ideen. Ein Kapitalist, der durch gar zu rigorose kapitalistische Manöver der Propaganda der Sozialisten und Anarchisten Material liefert, ist einem Verbrecher gleich, und er ist schlimmer als ein Anarchist.
Das erkannten die Herren des Direktoriums rechtzeitig. So blieben sie auch verschont von den Stürmen, die einige Jahre später den amerikanischen Kapitalismus durchschüttelten und die Sozialisten mit Dynamit versorgten, von jenen Stürmen, die der große Ölskandal, der sogenannte Tea-Pot-Dome-Skandal, verursachte. Stürme, die sogar den Präsidenten der Republik, Mr. Harding, so durcheinanderschüttelten, daß er krank wurde, sich hinlegte und sofort starb. So rechtzeitig starb, daß man ihm – Ehre vor einem Toten, der sich nicht verteidigen kann – nicht mehr genau nachrechnen konnte, wieviel Millionen er mit Mr. Sinclair verdient hatte auf Kosten der Nation, während sein Kronprinz, Mr. Coolidge, darüber die Sprache verlor und seitdem der größte Schweiger unter den Präsidenten der amerikanischen Nation genannt wird.
So kamen die Herren des Direktoriums zu der Überzeugung, es sei das beste, Mr. Collins, diesen Allzumächtigen, aus der Anthracite hinauszukaufen.
Mr. Collins bekam seinen Anteil am Gewinn in Aktien der Anthracite, die jetzt sehr hoch standen, weil der Bedarf an Kohle groß war und wieder tüchtig gefördert wurde. Durch diesen Besitz der Aktien bekam Mr. Collins eine hohe Stimmenzahl in der Company; und er hätte jetzt, lediglich durch seine Stimmenmacht, die Company abermals in ein Manöver verlocken können, was das Direktorium vermeiden wollte. Es hatte genug an dem einen Manöver für lange Zeit; denn das Risiko an Skandal war denn doch zu hoch für jene Herren. Mr. Collins wurde als Abenteurer angesehen, der sich um Skandale nicht kümmerte. Damals noch nicht, weil er noch im Aufstieg war. Später änderte es sich auch bei ihm in dieser Hinsicht. Mit zunehmendem Alter gibt man mehr auf gesellschaftliche Ehre und soziale Stellung als in der Jugend, wo man vorgibt, Bohemien zu sein. Auch wenn man sonst keinerlei Berührung mit Kunst hat.
Die Herren boten Mr. Collins einen sehr guten Preis für seine Aktien. So wurden sie ihn los und dankten Gott und gaben der Kirche.
2
Ein Mann in den States mit einem Bank Account von einer und einer halben Million Dollar, gewesenes einflußreiches Mitglied des Direktoriums der mächtigen Anthracite Company, bekannt bei und gekannt von allen großen Zeitungen als starker und smarter Knabe, ein solcher Mann muß zu einer kapitalistischen Macht werden, auch wenn er gar nicht will. Er wird dazu gezwungen. Er wird hineinverwickelt in alle großen Geschäfte und alle großen Manöver. Das System duldet ihn nicht als Außenstehenden und nicht als Zurücktretenden. Das System benötigt seine ein und eine halbe Million Dollar, und das System benötigt seine Erfahrung, seine Kenntnisse, seine Kraft und seinen Willen. Große Companien schenken ihm Aktien, nur damit er drin ist, nur damit er an der Company interessiert wird, nur damit er mit zu Rate gezogen werden kann. Die Banken lassen ihn nicht in Ruhe. Er muß sich beteiligen hier und dort, weil man ihn nicht für so schäbig hält, daß er sich mit vier Prozent begnügen könnte. Und einem Manne mit dem Rufe, den Mr. Collins nun hat, kommt niemand mit seichten Dingen. Man kommt ihm nur mit sicheren Sachen. Und nur mit solchen Geschäften, wo achtzehn Prozent sicher sind wie der Tod. Nur die kleinen Höker werden zu Dummheiten verlockt. Ein Mr. Collins nie. Wer Kartoffeln fünfkiloweise verkauft und Petersilie für zwei Cent das Sträußchen, der kann zu einem kleinen behäbigen Wohlstand gelangen, aber er wird nie Millionen machen. Genau so wenig wie jemals ein Proletarier, der immer in der Fabrik arbeitet und es nie wagt, sich einmal auf die eigenen Füße zu stellen, fünfzigtausend Dollar für sich zusammenbringen wird. Er würde dazu zehn Leben nötig haben, weil er ja stets nur einen kleinen Teil dessen bekommt, was er produziert. Die wahrhaft großen Vermögen werden nur gemacht von denen, die an den Nervensträngen der Nation, an den Lebensnerven der Menschen zupacken. Und skrupellos zupacken.
3
Die Lebensnerven der zivilisierten Menschen sind: Getreide, Baumwolle, Kohle und Eisen. Wer eines dieser vier Dinge beherrscht, ist allmächtiger als der liebe Gott; denn er kann Kirchen bauen und Kirchen verweigern, kann Pfaffen ernähren und Pfaffen verhungern lassen. Und wenn der liebe Gott keine Pfaffen mehr hat, wird er schnell vergessen. Fleisch, Leder, Häuser und Grundstücke sind auch wichtig. Aber der Mensch kann sich mit Fleisch sehr einschränken, kann seine Schuhe bis zum letzten Fetzen auftragen, kann sich sehr zusammenpferchen, daß er jahrelang ohne neue Häuser auskommt. Aber Brot braucht er, seine Hemden und Kleider aus Baumwolle sind nicht so dauerhaft wie Leder. Kohle braucht er, um nicht zu erfrieren, um Licht zu haben und Hilfskraft für seine Arbeit. Eisen braucht er für Werkzeuge, Maschinen und gelegentlich für seine Schießprügel und Kanonen.
Alles das hatte Mr. Collins rechtzeitig im Leben begriffen. Darum hatte er sich der Kohle bedient, um in den Sattel zu kommen.
Als man ihn aus der Kohle hinausdrängte, weil er zu gefährlich war, mußte er nach einem anderen Lebensnerv der Menschen suchen, um mit Macht spielen zu können. Besaß er Macht, so konnte er sich alle Genüsse verschaffen, die das moderne Leben bietet. Spielte er mit Macht, so konnte er alle Werte auskosten, die einem Menschen das Leben interessant und lebenswert machen. Zu spekulieren und mit Macht zu spielen ist erregender und köstlicher als am Roulett zu sitzen. Auf das Roulett kann man keinen Einfluß ausüben. Am Roulett zu spielen, erfordert keine Intelligenz. Jeder Trottel kann es, darum findet man in der Nähe eines Roulettes auch nichts anderes als Trottel, Spitzbuben und Frauen, die auf den Gewinn der Trottel warten.
Mr. Collins war kein Trottel. Er hatte Intelligenz. Und er war ewig aus seinem Innern heraus gedrängt, seine Intelligenz zu gebrauchen.
4
Es war die Zeit, als das Automobil aus seinen ersten schüchternen Gehversuchen heraus war. Aber nur wenige erkannten die große Zukunft, die das Automobil hatte. Der Glaube an die Unüberwindlichkeit der Eisenbahn war noch unerschüttert. Die ersten Versuche mit Flugmaschinen waren vorüber. Sie hatten vielen Männern das Leben gekostet, aber sie waren geglückt. Man konnte bereits einige Kilometer weit fliegen und eine halbe Stunde über dem Erdboden bleiben, bis man abstürzte und sich das Genick brach, wenn man nicht vorher schon verbrannt war. Die Vorarbeiten für den Dieselmotor waren auch geglückt und zeigten denen, die Intelligenz besaßen und die nicht das Bestehende für die letzte Weisheit menschlicher Fähigkeiten ansahen, bereits den Weg, den die Technik gehen würde. Gehen mußte.
Mr. Collins erkannte mit seinem guten Instinkt, daß die Kohle als Lebensnerv der Menschen zu verkalken begann und daß der Tag kommen würde, an dem die Kohle unwichtig war, vielleicht gar entbehrt werden konnte. Denn schon damals dachte niemand, der nur ein wenig Vernunft besaß, daran, daß man Automobile und Flugmaschinen mit Kohlen heizen und bewegen werde.
So kam es, daß Mr. Collins den jungen, frischen, unverbrauchten neuen Lebensnerv der Menschen packte: das Öl.
Er tippte auch gleich die richtigen Stellen an, die damals noch ganz neu waren. Er kaufte Felder in Kalifornien und in Oklahoma. Er kaufte in Gegenden, wo kein Geologe Öl vermutet hatte. Und er gewann.
Er gründete die Condor Oil Co. Sie war sehr klein. Beinahe die kleinste aller Companien an Kapital.
Aber sobald sie erst einmal geboren war, den ersten Schrei ausgestoßen und den ersten vollen Atemzug getan hatte, da begann sie auch gleich zu fressen. Und sie fraß und fraß. Fraß alle anderen kleinen und mittleren Companien auf und verschlang alle Privatunternehmer. Und sie fraß und fraß, bis sie so dick und voll war, daß sie gewichtig neben den allergrößten Öl- und Petroleum-Companien stand, angesehen und gefürchtet. Mr. Collins war so geschickt, daß er Manöver vermied, die einen Sinclair, den mächtigsten Ölmagnaten, in einen der größten und stinkigsten kapitalistischen Skandale verwickelten, die das amerikanische Volk, das ja so unermeßlich reich ist an kapitalistischen Skandalen, in den letzten Jahren gesehen hat. Ein Skandal, der so sehr an den Fundamenten des kapitalistischen Systems rüttelte, wie das nie eine kommunistische Propaganda fertigbringen wird. Daß ein System einen solchen Skandal überleben kann, daß das Volk darüber sogar lachen und satirische Chansons in den Vaudeville-Theatern anhören kann, ohne das System auch nur anzuklagen, beweist, wie fest gefügt und sicher dieses System noch steht. Beweist, daß dieses System mit den Mitteln, die Sozialisten und Bolschewisten empfehlen, wohl schwerlich, wenn überhaupt, gestürzt werden kann. In den Staaten einmal sicher nicht. Noch nicht. Und jedenfalls nicht mit den angepriesenen Rezepten. Mr. Sinclair wird nicht verflucht, sondern er wird bewundert, wie smart er war, daß es ihm sogar gelang, die militärische Bereitschaft der Nation zu kaufen und in Öl und Dollars zu verwandeln. Und seit Jahren arbeiten sich die Rechtsgelehrten das Hirn in den Köpfen blutig, um herauszufinden, nach welchem Paragraphen des amerikanischen Gesetzbuches Mr. Sinclair und seine Spießgesellen auf Präsidentensesseln und im Kabinett denn nun eigentlich verfolgt werden können. Ein Verbrechen liegt vor. Ein Verbrechen, nach dem jeder Bürger, der nicht Multimillionär ist, wegen schweren Hochverrats und Landesverrats mit dem Tode bestraft werden muß. Es ist zwar kein Feind da, an den das Land verraten werden könnte, denn Mexiko hat seine eigenen Sorgen. Aber es könnte doch ein Feind da sein. Und daß ein Feind da sein könnte, dieser Glaube muß dem Volke erhalten werden, und dieser Glaube muß genährt und gezüchtet werden, damit die Stahlfabrikanten nicht verhungern und die Erbauer von Panzerschiffen genügend Geld verdienen, um es mit ihren Chormädchen der Follies in Paris und Berlin ausgeben zu können. Denn in den Staaten ist die Unsittlichkeit mit Chormädchen und ähnlichen Lebenshungrigen verboten. Darum ist sie so teuer. Und darum ist Mr. Collins trotz seiner Millionengewinne immer in Geldnöten.
7
1
Seine ewige Geldnot wurzelte in seiner Not, die er mit den Frauen hatte. Teils mit den Frauen überhaupt und im allgemeinen, und teils mit den bestimmten Frauen, die um ihn waren.
Wie er eigentlich zu seiner angetrauten Frau gekommen war, das hätte er so genau jetzt nicht mehr sagen können. Er konnte sich jedoch recht wohl erinnern, daß nicht er sie geheiratet hatte, sondern sie ihn. Sie hatte weder Geld mitgebracht, noch hatte sie ihn in eine gesellschaftliche Schicht gehoben, wo er einflußreiche Freunde hätte finden können. Die Heirat hatte sich begeben, als er Clerk in einer Versicherungsgesellschaft war und fünfunddreißig Dollar die Woche verdiente. Mit fünfunddreißig Dollar Wochenlohn kann man ja auch kaum erwarten, eine reiche Heirat zu machen oder in die bessere und darum wertvolle Gesellschaftsschicht durch Heirat zu gelangen.
Der Heirat war nichts, aber auch gar nichts voraufgegangen, was man heiße Liebe oder etwa gar romantische Liebe hätte nennen können. Der ganze Vorgang hatte sich so trocken und nüchtern abgespielt wie ein Abschluß der Einbruchsversicherung eines Möbelhändlers. Beide, Mann und Frau, waren dann eines Tages ziemlich erstaunt gewesen, als eine Tochter plötzlich geboren wurde. Denn beide hatten sich keine besondere Mühe dazu gegeben, und beide hatten nichts besonders Auffallendes empfunden in jenem Drei-Minuten-Funkspruch, der die Möglichkeit einer nicht unwahrscheinlichen Geburt in Aussicht stellte.
Ob er eigentlich glücklich oder unglücklich verheiratet sei, dieser Gedanke kam Mr. Collins nie. Er stand seiner Ehe neutral gegenüber. Er erfüllte seine Pflichten als ewig geldgebender Unterhalter der Familie, und er erfüllte seine übrigen Pflichten so sparsam wie zulässig und begründete diese Sparsamkeit durchaus glaubhaft mit der Entschuldigung, daß er überarbeitet und übernervös sei.
Da seine legitime Ehegesponstin seinen Hunger nach der Frau nicht befriedigen konnte und nie befriedigt hatte und er eines Tages die Augen öffnete und fand, daß es Frauen gibt, die wirklich fähig zu sein scheinen, etwas Ähnliches wie Liebe empfinden zu können, begann er die Frau zu suchen. Er suchte die Frau und fand eine und fand auch eine andere.
Als er dann in die Höhe stieg und genügend Mittel hatte, das Beste zu wählen, was zu haben war, läuterte sich sein Geschmack. Der geläuterte Geschmack wurde natürlich recht teuer. Und er wurde um so teurer, je mehr er sich läuterte; und er läuterte sich um so mehr, je höher Mr. Collins stieg und je mehr Geld er ausgeben konnte. Alles das ergab sich wie von selbst.
Daß sein Geschmack einen hohen Grad von Läuterung erreicht hatte, vielleicht den höchsten Grad, den ein Mann von der Art des Mr. Collins überhaupt je erlangen kann, bewies zur Genüge, daß er es vermocht hatte, Betty zu gewinnen und Betty zu erhalten. Mit Geld allein hätte er Betty nicht halten können; wenngleich natürlich sein Geld eine wichtige Rolle in diesem Unternehmen zu erfüllen hatte. Betty verlangte mehr als nur gerade Geld. Sie verlangte alles das von ihm, was er sich im Laufe der Jahre, in denen er auf der ständigen Suche nach der vollkommenen Frau gewesen war, im Umgang mit zahlreichen Frauen, angefangen bei bescheidenen und weiterentwickelt bei den Künstlerinnen ihres Faches, erworben hatte. Wäre er frisch und unentwickelt von seiner Ehefrau zu Betty gekommen, so hätte er sich keine Hoffnung auf irgendwelchen Erfolg ihr gegenüber machen können, auch wenn er doppelt soviel an Einkommen gehabt hätte, als er zu dieser Zeit hatte. Trotz seines Geldes würde ihn Betty verstoßen haben, auch wenn sie keine heilen Schuhe an den Füßen gehabt hätte. Denn Betty verkaufte ihre Neigung nicht. Sie gab und empfing wie eine Ehefrau.
Das Geld, was Mr. Collins an Betty verwandte, war in keiner Weise verschwendet oder verloren, wie das Geld, das er auf Chormädchen auslieh. Das Geld, das er für Betty ausgab, gleich wieviel, gleich in welcher Weise, war eine seiner besten Kapitalsanlagen. Das wußte er wohl, und das wußte auch Betty recht gut. Dennoch, und das muß hier auch gesagt werden, um Mr. Collins gerecht zu werden, war er doch weit davon entfernt, seine Beziehungen zu Betty als Kapitalsanlage zu betrachten. In Betty und durch Betty hatte er, der reife Mann, wohl zum ersten Male in seinem aufregenden und unromantischen Leben die Erkenntnis und das Verständnis für das gewonnen, was zwei Menschen mit ihren Herzen zueinander führt und zueinander hält.
Diese Erkenntnis hatte Mr. Collins als Mensch hart getroffen. Und wäre er nicht von Natur aus sehr robust und durchaus unsentimental veranlagt gewesen, so hätte ihn eine solche Erkenntnis aus den Angeln werfen können. Aber damit hätte er Betty wieder verloren; denn seine Unsentimentalität, sein völliger Mangel an Romantik machte ihn für Betty erträglich. Sentimentale Säuseleien konnten ihr seelisches und körperliches Erbrechen erzeugen.
Betty war von Hause aus reichlich mit angeborener Sentimentalität versorgt. Das tat gewiß der Schuß schwedischen Blutes, der in ihr war. Den größten Teil ihrer Sentimentalität verlor sie, als, aus rein ökonomischen Gründen, ihre erste große und tiefe Liebe in die acht Winde ging. Das war ein verteufelt harter Hieb gegen ihr Leben gewesen. Aber der Hieb befreite sie von allen Schlacken bürgerlicher Primitivität, die ihr bis zu jener entscheidenden Stunde noch angehaftet hatten.
Sie ging endlich als eine Persönlichkeit, die bewußt im Leben steht, aus jener Katastrophe hervor. Und sie hatte eine große und leidenschaftliche Freundschaft mit dem ersten Manne ihres Herzens gerettet, eine Freundschaft, die haltbarer und größer an wahren Werten war, als je eine noch so heiße Liebe werden kann.
Sentimentalität ist nirgends mehr hinderlich als im Leben. Und Sentimentalität ist am meisten hinderlich in den Staaten, wo sie ein Verbrechen ist und in vielen Fällen auch sehr schwer bestraft wird.
Den letzten schwachen Rest ihrer Sentimentalität verlor Betty dann als Redaktionssekretärin, wo sie es lernte, Backpfeifen an aufdringliche Redakteure und Reporter mit solcher nachdrücklichen Schärfe und mit einer so überraschenden Häufigkeit auszuteilen, daß sie den Nicknamen Beaty bekam, die Dreschende.
2
Betty wuchs unter dem Einfluß des Allerheiligsten, in dem sie sich jetzt befand, über die Fürstin hinaus. Sie wuchs hinan zu einer Göttin. Im gegenwärtigen Augenblick zu einer Göttin der Rache, deren Blick und deren Gebärde den Menschlein, die ihr nicht zu Willen waren, Unheil ohne Gnade ankündigten. So hatte sie Mr. Collins noch nie gesehen.
Aber so hatte er auch noch nie mit ihr zu spielen und zu handeln gewagt, wie er es in den letzten Tagen getan hatte, in denen er sie hinhielt mit dem Versprechen, daß er die Garage und das Haus besorgen würde, und dann gar nicht mehr daran dachte, sobald er sie nicht mehr hörte oder sah.
So konnte er seine Chormädchen behandeln. Aber nicht Betty. Hier hatte ihn seine Weisheit, die er als Führer im Wirtschaftsleben der Nation so sicher offenbarte, völlig im Stich gelassen. Er schwor sich jetzt zu, daß er das nie wieder versuchen würde.
Ohne daß sie ein Wort weiter sagte, wußte er, daß die Geschichte nun sehr teuer werden würde. Zehnmal teurer, als sie gewesen wäre, wenn er gleich am ersten Tage, an dem sie den Wunsch aussprach, Garage und Haus gemietet hätte.