Chapter 9 of 19 · 3980 words · ~20 min read

Part 9

Als der Streik bei der Anthracite Co. ausgebrochen war und die Berichte in den Zeitungen ihre Schuldigkeit taten, antwortete die Börse in New York mit einem Nachlassen der Kohlenaktien, mit einem Unsicherwerden der Aktien der Eisenbahnen und der Schiffahrts-Gesellschaften und mit einem deutlichen Flauwerden von Stahlaktien. Es begann eine Stille in Wall Street einzusetzen. Eine Stille, die nach wenigen Tagen ängstlich wurde und sich jener Stille näherte, die gefürchteten Orkanen in Wall Street vorauszugehen pflegt.

Aber es kam noch nicht zu einer Katastrophe, noch nicht zu jenem wilden Hin- und Herkaufen von Papieren und unsinnigen Verschleudern von Werten, die dem Zyklonzentrum am nächsten lagen. Es schien, als ob man sich gewaltsam zur Ruhe zwänge. Denn niemand wußte, was da vor sich ging. Jeder wollte erst einmal warten, bis er den richtigen Tip von jemand bekomme oder den richtigen Tip vielleicht träumen oder von einem Wahrsager erhalten könnte. Aber das ganze Geschäft an der Börse wurde flau. Zwei Tage darauf antwortete Chicago mit einer Flauheit, die man seit vielen Monaten nicht erlebt hatte.

Als Ganzes jedoch genommen, war der Markt fest, weil die Werte, die wenig mit Kohle zu tun hatten, tätig blieben und sich in der üblichen Weile bewegten mit zwei Punkten herunter, mit fünf Punkten hinauf, und morgen umgekehrt. Elektrizitätswerte begannen sogar auffällig anzuziehen. Aber das stete Anziehen der Elektrizitätswerte schien zu beweisen, daß man der Kohle immer weniger zu trauen anfange. Auf dieses Anziehen der Elektrizität mußte, für jeden Eingeweihten klar, sehr bald ein weiteres Nachlassen der Kohle folgen. Und dann natürlich begann der Sturm zu fegen.

10

Noch in derselben Woche zogen die Elektrizitätswerte, die von Kohle unabhängig waren und ihre Kraft vom Wasser erhielten, plötzlich heftig an und stürmten in einem Tage achtzehn Punkte hinauf.

Das war das erste Heulen des kommenden Orkans.

Die Schiffahrtsgesellschaften, die Eisenbahngesellschaften, die Stahlwerke und die großen Kohlenhändler zeichneten keine neuen Verträge und begannen nur zu kaufen für den Wochenbedarf. Ein Preissturz von Kohle stand bevor, und ehe man nicht den neuen Preis kannte und ehe sich der neue niedrige Preis nicht festgesetzt hatte, konnte man keine neuen Verträge abschließen.

Nun begannen die übrigen Kohlen-Companien den schwer werdenden Markt zu fühlen. Auf große Lager waren sie nicht vorbereitet. Denn große Lagervorräte machen hohe Bankkredite nötig. Diese Bankkredite können nicht über Nacht herangeschafft werden; sie erfordern Beratungen und Verträge und Abberufung anderer Kredite. Die Banken wurden, infolge des mehr und mehr unsicher werdenden Marktes, sehr vorsichtig im Kreditieren von Kohlenvorräten, weil der Wert unsicher war. Wenn sie überhaupt kreditierten, so kreditierten sie kaum mehr als den nackten Förderlohn für die Kohle. So geschah es, daß die übrigen Companien keine erheblichen Lager schaffen konnten.

Sie mußten die Kohle billiger fördern. Und nach dem üblichen System konnte die Kohle nur dann billiger gefördert werden, wenn man die Löhne der Arbeiter erheblich kürzte. Um sicher zu gehen, nahm man gleich die Lohnskala der Anthracite-Company an.

Was blieb den Arbeitern übrig? Sie taten, was Mr. Collins wünschte, und sie traten auch bei den übrigen großen Companien in den Streik, weil sie sich den Lohnabzug nicht gefallen lassen konnten. Denn erstens hatten sie Ehre und zweitens Familien.

Die kleineren Companien, die ja von dem Schwanken der Börse nicht so sehr in Mitleidenschaft gezogen werden, weil sie meist eine kleine, aber sichere Kundschaft haben, wußten nun überhaupt nicht, was zu tun. Die einen kürzten Löhne und verboten die Mitgliedschaft zur Union, während die andern gar kein Risiko übernehmen wollten und einfach die Arbeiter aussperrten und die Minen stillegten, um abzuwarten, was die Großen nun erst einmal tun würden.

Alles das vollzog sich ohne ein geplantes und organisiertes Zusammen- und Ineinanderarbeiten der verschiedenen Companien. Ein Zusammenarbeiten mit den andern Companien hätte den Plan des Mr. Collins gestört. Aber es war so geschickt von Mr. Collins gearbeitet worden, daß keine einzige Company fühlte, daß sie absichtlich aus dem großen Raub ausgeschaltet worden war. Mr. Collins hatte ja allen vorher mitgeteilt, daß die Anthracite gefüllte Lager habe und Löhne kürzen müsse. Dadurch hatte er den Schein bewahrt, daß er in Gemeinschaft mit allen Companien arbeite. Niemand konnte ihm einen Vorwurf machen. Aber mit jener Mitteilung hatte er gleichzeitig seine Pläne vollkommener gemacht und den Schleier über seine Absichten gebreitet, den er nötig hatte, um ungestört arbeiten zu können.

11

Zweihundertvierzigtausend Minenarbeiter standen im Streik. Zweihundertvierzigtausend Männer mit ihren Familien mußten von der mageren Streikunterstützung leben, die ihnen die Unionen zahlten. Eine Unterstützung, die geringer werden mußte mit jeder Woche, die der Streik anhielt. Weil zweihundertvierzigtausend Familien weniger Geld hatten, so konnten sie weniger kaufen. Und das riß Tausende von Geschäftsleuten und kleinen Handwerkern mit sich, die gleichfalls weniger verdienten und darum weniger ausgeben konnten, wodurch weitere Kreise wirtschaftlich in Mitleidenschaft gezogen wurden. Jede Woche kamen mehr tausend Leute zur Bank, um von ihren Sparguthaben abzuheben, weil sie leben mußten und Verpflichtungen zu erfüllen hatten. So wurde das Geld in den Banken knapp. Kredite zu bekommen, wurde immer schwerer mit jeder neuen Woche. Der Zinsfuß wurde erhöht. Alles, was verpfändet werden mußte, bekam weniger und weniger Wert. Die Leute mußten ihre teuer erworbenen Möbelstücke für ein Zwanzigstel ihres Wertes verkaufen, um dafür Geld für notwendige Lebensmittel zu bekommen. Darunter litten Möbelhändler und Möbelfabrikanten sowie alle Leute, die Dinge verkauften oder Dinge anfertigten, die jetzt weit unter ihrem Wert verschleudert wurden.

Die Arbeiter schlugen sich mit Polizisten herum und holten sich blutige Köpfe. Sie stritten sich mit Fäusten in den Versammlungen, was Streikbrecher sei und was unbedingt notwendiger Arbeiter sei, damit die Mine nicht ersöffe. Sie schlugen und hetzten sich herum mit ihren Frauen, die Geld haben wollten. Sie klagten die Sekretäre der Union an, daß sie bestochene Agenten der Kapitalisten seien. Sie zerrissen ihre Mitgliedsausweise der Union und spuckten darauf. Sie winselten bei den Kolonnenführern um die Gnade, sie wieder aufzunehmen und sie nicht zu vergessen, wenn der Streik zu Ende sei. Sie schworen, nie wieder zu streiken, und wenn man die Löhne um sechzig Prozent kürze. Und sie gingen zu den Hallelujasängern der Methodisten, der Baptisten und der Episcopalians und warfen sich vor ihnen in den Staub der Kirchendiele und wimmerten, daß ihre Seele nun geläutert und gerettet sei und daß sie endlich in dieser schweren Prüfung heimgefunden hätten zu unserm Heiland Jesus Christus. Und da waren die ewig Optimisten, die ewig Pessimisten, die ewig Heulenden, die ewig Schimpfenden und endlich die Kraftstrotzenden, die die Zähne aufeinanderbissen und halblaut in sich hineinfraßen: „Zehntausendmal lieber verrecken, als diesen Räubern einen Cent nachgeben!“ Da waren alle, alle, alle vertreten, die man auch in einer Revolution findet. In jeder Revolution. Menschen, die essen wollen und nichts zu essen haben. Menschen, die für ihr geregeltes Essen ihre Seele verkaufen. Menschen, die sich lieber in die Faust beißen, als daß sie „Zu Ihren Diensten, mein Herr!“ sagen. Menschen und Menschen und Menschen. Und unter ihnen die Allgerechten, die Pharisäer der proletarischen Bewegung.

12

Der Orkan war da.

Es rasselte in der Börse von New York, daß man seine strahlende Freude daran haben konnte, wenn man keine Papiere besaß und nur neutraler Zuschauer war.

Das flog nur so wie Fetzen.

Die Fetzen des stolzen und bewunderten Wirtschaftssystems.

Es hagelte und dröhnte. Die Wände des Gebäudes dieses ehernen Systems erzitterten.

Die Telephonzellen der Broker, der Börsenagenten, krachten.

Dreißig Punkte rauf. Schnell verkauft. Aber ehe zugesagt ist, zwanzig runter, und niemand kauft sie für dreißig runter. Vierzig Punkte runter. Vier Punkte rauf. Hoffnung. Einen Punkt rauf. Cable über den Erdglobus. Markt beginnt sich zu festigen. Vierzehn Punkte runter. Markt erneut flattrig.

Drei Schüsse in drei verschiedenen kleinen Zellen in der Wall Street. Jede Zelle kostet viertausend Dollar Miete im Monat. Eine Mönchszelle ist ein Rittersaal dagegen.

Zwölf Punkte rauf. Drei runter. Sieben runter. Vier runter. Zwei rauf. Telephonmädchen bekommen Krämpfe. Telegraphisten werden irrsinnig. In den Büros der Banken und in den winzigen Stübchen der Agenten rasen die schmalen weißen Streifen mit den Todesurteilen und mit den Hoffnungsbelebungen aus den Mäulern der Privattelegraphen heraus mit unerfaßbarer Schnelligkeit.

Vier Mann stehen herum und lesen. Und lesen. Und lesen. Lesen die herausschießenden Ziffern, die unaufhörlich und gespensterhaft sich verändern. Lesen und erfassen mit einem dünnen Nervenfädchen ihres Unterbewußtseins den Sinn und die Bedeutung und den ganzen wirtschaftlichen Zusammenhang jener wenigen Buchstaben, die den Ziffern voranticken und die den Namen der Company, deren Werte hin und her fliegen, denen klar geben, die zu den Eingeweihten gehören. Für den Uneingeweihten sind jene Buchstaben ebenso schwer zu lösen wie alt-ägyptische Hieroglyphen. Und die Männer, die herumstehen um den Ticker, lesen und lesen. Lesen, mit der rechten Hand den weißen Streifen zerrend, um ihn noch schneller herauszuholen aus dem unermüdlich spuckenden Maule, mit der linken Hand den Telephonbecher vor den bebenden Mund gepreßt, um Orders zu geben. Orders zu geben so schnell, wie das splitternde Hirn Ziffern, Situationen und Aktien, die man an der Hand hat, zusammenreimen kann. Hirne, Mäuler, Ohren, Münde, Buchstaben und zerrende Hände sind gejagt von Mächten, die hier nicht gesehen, nicht gefühlt, sondern nur empfunden werden.

Und der unendlich lange weiße schmale Streifen schießt heraus, springt heran und flattert herum.

Der schmale weiße Streifen sprudelt und zischt heran, entscheidet in einer Sekunde die Schicksale von Zehntausenden von fleißigen und willigen Arbeitern, deren menschliche Persönlichkeit, deren Individualität hier ausgelöscht ist und die nur noch den Wert von einigen Punkten rauf oder runter in Aktien haben. Und der Streifen entscheidet die Schicksale von Hunderten von molligen Bürgern, die Studienpläne ihrer Söhne, die Heiratspläne ihrer Töchter, die Behäbigkeit ihres Alters. Und der lange, schmale weiße Streifen rennt und rennt und rennt über die Spulen. Getrieben, gejagt, gehetzt, gezerrt.

Nachdem er seine Sprache geredet hat, ballt er sich auf unter dem kleinen Tischchen, auf dem der Apparat tickt und tickt und tickt. Die tickende Uhr des Weltgerichts für Tausende und Tausende. Der Streifen ballt sich auf in einen immer größer werdenden Knäuel. Papierkorb.

Die erregten Männer stehen in dem Knäuel, der sich mehr und mehr um ihre Füße schlingt, wie eine lange dünne Schlange.

Nachdem Giganten und Pygmäen versucht haben, so rasch zu entscheiden, wie die Ziffern heranstürmen, bäumt sich der Streifen tot und vergessen über den Papierkorb hinweg, zu einem wirren Haufen aufknüllend. Niemand hat auch nur so viel Zeit, den Streifen einmal abzureißen. Er knüllt und bauscht und bäumt sich rastlos weiter auf.

Und endlich sieht der Knäuel aus wie ein Skelett mit tausend verschlungenen und vertwisteten langen dünnen Knöchelchen.

Der Leichnam finanzieller Gedanken.

Erdbeben in der Wall Street. Erdbeben des Wirtschaftssystems.

Jeden Tag Selbstmorde von Männern, die gestern groß, mächtig, unangreifbar, unerschütterlich schienen und waren. Säulen einer Wirtschaft, die so gesund und kraftstrotzend in die Welt blickte, als müßte das Universum sich vor ihr verbeugen.

Niemand mehr vermag die Katastrophe zu beherrschen. Sie wird größer und größer.

Was so mächtig und ehern erschien, dieses so wohlorganisierte, scheinbar so klug durchdachte, so gefestigt sein sollende Wirtschaftssystem kracht in allen seinen Fundamenten, weil ein Zweig unsicher geworden ist: Die Kohle, die Nahrung der Industrie.

Niemand kann das Rad still halten. Es rennt, es rast schneller und schneller und reißt tiefer und tiefer in den Körper der Wirtschaft hinein.

13

Bankstürme beginnen. Die Sparer sind von Panik erfaßt worden. Sie fürchten, nein schlimmer, sie sind sicher, daß ihr Geld, für das sie gespart und gedarbt haben, verloren ist. In unendlich langen Reihen stehen sie schon vor Mitternacht vor den Banken, um die ersten zu sein, wenn die Kassen öffnen. Je früher man da ist, je größer die Möglichkeit, noch etwas zu retten. Das geordnete Leben der Banken wird zerrissen. Alle Kräfte müssen heran, um auszuzahlen. Niemand zahlt etwas ein. Alle Kredite werden aufgekündigt. Banken in andern Ländern werden bittend angekabelt, auszuhelfen mit flüssigem Geld und mit Schecks. Alle Reserven der nationalen Bankvereinigung werden aufgerufen. Aber die Reihen vor den Banken verlängern sich.

Und dann beginnen die Banken zu krachen, weil sie nicht zahlen können. Das Geld ist ausgeliehen; denn wenn die Bank kein Geld ausleihen kann, dann kann sie ihren kleinen Sparern keine Zinsen zahlen. Erst krachen die kleinen Banken. Die großen helfen sich noch damit, daß sie die Kassenstunden auf zwei, endlich auf eine beschränken.

Dann beginnen auch größere zu krachen.

Und hinter all diesem Wirrwarr sitzt kein plötzliches Verschwinden eines Erdteils, sitzt keine gigantische Naturkatastrophe, die unwiederbringliche Werte vernichtete. Hinter all diesem Zusammenbrechen wirtschaftlicher Ordnung und wirtschaftlicher Sicherheit, die ständig bedroht wird von Aufwieglern, sitzt nichts anderes als die gestörte Einbildung derer, die etwas haben, die unsicher gewordene Hoffnung derer, die viel besitzen, und derer, die wenig besitzen. Alles das, was nun in der Wall Street geschieht, beruht in nichts anderem, als daß die Gedanken plötzlich, zu plötzlich, eine andere Richtung eingenommen haben als die gewohnte. Massenhypnose. Massensuggestion. Die Suggestion, die Einbildung: „Ich kann verlieren!“ reißt dieses schöne, von Gott gewollte, von Gott begnadete, von Gott beschützte Wirtschaftssystem in Fetzen. Und dennoch sind alle Werte gleichgeblieben. Die Werte haben sich nicht geändert. Es ist ebensoviel Kohle auf Erden wie vorher. Alles Geld ist noch da, und es ist kein Cent vom Erdball heruntergefallen in das Weltall, aus dem er nicht mehr gefischt werden kann. Alle Häuser stehen noch da. Alle Wälder. Alle Wasserfälle. Alle Ozeane. Die Eisenbahnen und Schiffe sind alle noch unversehrt. Und Hunderttausende gesunder und kräftiger Menschen sind willig, zu arbeiten und zu produzieren und den vorhandenen Reichtum der Erde zu vermehren. Kein Ingenieur hat die Fähigkeit verloren, neue Maschinen zu konstruieren. Kein Kohlenschacht ist von einer Naturgewalt verschüttet worden. Die Sonne steht leuchtend und warm am Himmel wie immer. Es regnet wie immer. Das Getreide steht auf den Feldern und reift wie immer. Die Baumwollfelder stehen in Pracht. Nichts hat sich am vorhandenen Wert irdischen Reichtums geändert. Die Menschen, als Einheit gesehen, sind ebenso reich wie gestern. Und nur darum, und allein nur darum, weil sich der Besitz einzelner zu verändern und zu verschieben droht, darum bricht eine Katastrophe für die gesamte Menschheit herein. Eine Katastrophe gleich den Katastrophen vergangener Zeiten, wenn Hungersnöte in einem Erdstrich ausbrachen und man keinen Ausgleich mit jenen Erdstrichen schaffen konnte, die im Überfluß erstickten, weil Transportmittel und Telegraphen fehlten.

Ein Wirtschaftssystem, eine Wirtschaftsordnung, geschaffen von Menschen, die von sich selbst behaupten, Intelligenz zu besitzen. Menschen jedoch, die trotz aller ihrer so hochentwickelten Technik, die sie schufen, noch immer nicht die Primitivität völlig unzivilisierter Menschen überwunden haben, soweit ein durchdachtes und wohl geregeltes Wirtschaftssystem in Frage kommt.

14

Die Wirtschaftskrise, gefürchtet gleich einem Strafgericht des Himmels, und monatelang vorher, oder eigentlich ständig, in prophetischer Weise mit drohendem Zeigefinger angekündigt von Kommunisten und Sozialisten, die behaupten, so etwas immer voraus zu wissen, begann nun kräftig einzusetzen.

Wirtschaftskrisen haben für neunundneunzig Prozent der Menschen etwas Unheimliches an sich, etwas Mystisches. Denn neunundneunzig Prozent der Menschen, ob religiös oder irreligiös, sehen in einer Wirtschaftskrise die Zuchtrute einer übernatürlichen Gewalt, die mit dem kapitalistischen System unlöslich verbunden erscheint und die sich offenbar von Menschen nicht abwenden oder vermeiden läßt. Neunundneunzig Prozent der Menschen leiden unter einer Krise. Die einen mehr, die andern weniger. Darum wird sie angesehen, wie man in vergangenen Jahrhunderten Pestilenzen, Hungersnöte und Mongolenüberfälle betrachtete.

Dennoch werden diese Wirtschaftskrisen keineswegs durch übernatürliche und mystische Mächte hervorgerufen, sondern immer nur dadurch, daß eine Einzelperson oder eine Gruppe von Einzelpersonen in das geregelte Wirtschaftsleben gewalttätig eingreift, um es zu einem großen privaten Vorteil auszunützen. Geht das Wirtschaftsleben seinen ruhigen Gang weiter, ohne daß Paniken künstlich erzeugt werden, so können wohl Schwankungen innerhalb der Wirtschaft vor sich gehen, aber es kann niemals eine schwere Krise ausbrechen. Denn ganz so chaotisch, wie es häufig erscheint, ist das kapitalistische Wirtschaftssystem ja nun keineswegs. Die Kapitalisten machen zuweilen Dummheiten, aber sie sind keine Narren. Und nur Narren werden sinnlos darauflos produzieren, ohne stets beide Augen auf den Markt und dessen Aufnahmefähigkeit gerichtet zu halten. Selbst Erfindungen und selbst Neukonstruktionen besserer Maschinen können wohl den einen oder den anderen aus dem Sattel werfen, aber selbst sie können keine Krisen hervorrufen. Etwas hat man immerhin auf unserm Kontinent schon gelernt: Je höher die Löhne und je kürzer die Arbeitszeit und je größer die Bildung der Arbeiter ist, desto gesicherter ist der ruhige Ablauf des Wirtschaftslebens, und desto schwieriger ist es selbst für einen Mächtigen, eine schwere Krise heraufzubeschwören.

Wenn Hunderte und aber Hunderte von Millionen Tonnen bester Kohle unauffällig und geschickt ihrer Bestimmung entzogen werden, ohne daß die Menschheit sich darauf vorbereiten konnte, so muß das Resultat genau das gleiche sein, als ob ein Erdbeben oder eine gewaltige Wasserflut die Werte eines großen Teiles der Erde zerstörte. Aber eine Naturkatastrophe kann das Wirtschaftsleben nicht so in Unordnung bringen wie eine große Spekulation. Bei einer Naturkatastrophe weiß man, was geschehen ist, man weiß, wo es fehlt und wo man und wie man anzusetzen hat, um den Schaden wieder zurechtzurücken. Aber bei einer Spekulation weiß niemand, was eigentlich geschehen ist. Niemand weiß, ob Kohle die Ursache ist oder Geld oder Mangel an Eisen oder Erz oder Spekulation in Getreide oder in Baumwolle oder in Öl. Darum kann niemand an die Quelle des Unheils heran, weil die Quelle nur einem einzigen bekannt ist, der seine Wissenschaft nicht verrät, um seine Vorteile in dem Wirrwarr zu finden.

5

1

Es wurde nun recht lebhaft im Lande.

Volkswirtschafter, Großindustrielle, Bankiers schrieben weise Aufsätze in den Zeitungen. Alle kamen zu dem Ergebnis, daß nur die Kohlennot, die jetzt schwer fühlbar wurde, die Ursache dieser so unerwartet rasch gekommenen Krise sei, und wenn man die Kohlennot beheben könnte, so wäre die Krise bald zu Ende. Die Kohlennot war tatsächlich nun vorhanden. Denn wenn alle Minenarbeiter streikten, so mußte in wenigen Wochen jeder Brocken Kohle aufgezehrt sein.

In fetten Überschriften riefen die Zeitungen die Regierung an, den Streik zu schlichten um jeden Preis. Aber diesem Vorschlag widersetzten sich Hunderte großer Companien und Tausende von Großindustriellen, weil ein Eingreifen der Regierung in den Streik die Freiheit von Handel und Arbeit antaste und also gegen die Heilige Konstitution sei.

Die Regierung zeigte auch gar keine Miene, einzugreifen. Sie tat das einzige, dessen eine Regierung heute fähig zu sein scheint: Sie sandte Miliz und Maschinengewehre in die Streikdistrikte. Es kam zu Beschimpfungen und Steinwürfen auf die Soldaten, weil ihre Anwesenheit die Streikenden erregte. So wurde dann tüchtig in die Streikprozessionen hineingepfeffert. Heute hier, morgen dort. Und alle Leute, die das Gespenst der Kohlennot fürchteten – und das waren hundert Prozent der Bevölkerung, nachdem die Streikenden abgerechnet waren –, sagten: „Das ist gut, daß die Regierung da Ordnung schafft und den Anarchisten das Hirn aus dem Schädel bläst; nun werden die Streikenden wohl zur Vernunft kommen.“

Selbst Arbeiter und selbst organisierte Arbeiter waren den streikenden Minenleuten durchaus nicht freundlich gesinnt. Wenn der Kohlenstreik lange anhielt, dann mußten nach und nach auch alle Fabriken schließen, und es gab keine Arbeit mehr. Es wurde zwar Geld an die Miners geschickt, aber man tat es mit saurer Gebärde, und man knabberte an jedem Cent herum, ehe man ihn endgültig leistete.

Der langsam einsetzenden Kohlennot folgte ein Kohlenhunger. Und dieser Kohlenhunger begann schnell in eine Tollwut überzugehen. Es kam zu Angstkäufen. Man kaufte Kohle für Jahre auf, um den Keller voll zu haben und für alle Fälle gerüstet zu sein. Und war der Keller endlich so voll, daß der Besitzer sagen konnte: „Meinetwegen kann der Streik fünf Jahre dauern, ich bin gerüstet!“, dann war der Mann wahrhaft glücklich. Ob sein Nachbar noch ein Kilogramm Kohle erwischen konnte, das war ihm gleichgültig.

Das waren die kleinen Leute, die nur Kohle für das Haus brauchten.

Die Großen, die Eisenbahn- und Schiffsgesellschaften, warteten noch, weil sie noch nicht klar sehen und vorläufig noch von Lager abheben konnten. Aber die Kleinen bauten den Preis auf. Nach wenigen Wochen kostete die Tonne Kohle im Großhandel, was sie bisher im Verkauf von zehn Kilo, also im allerkleinsten Handel, gekostet hatte.

Die Großen begannen Verträge mit englischen, deutschen und französischen Companien abzuschließen, um sich Kohle zu sichern.

2

Nun mußte Mr. Collins, der bisher nur zugesehen hatte, wie sich sein Plan abwickelte, wieder eingreifen, damit der Markt nicht vorzeitig sich beruhige.

Die Reporter waren nur zu willig, Neuigkeiten von Mr. Collins zu erfahren; denn sie hielten ihn bereits für einen ganz Großen, der alles vorausgewußt hatte. Hätte man seine Prophezeiungen damals, als bei ihm der Streik ausbrach, genügend ernst genommen, so wäre es sicher nicht zu dieser Krise gekommen.

Als die Reporter nun wieder bei ihm saßen, um zu hören, ob er etwas Neues wußte und wie er sich den weiteren Verlauf des Streikes denke, da sagte er ganz ruhig: „Die Unionen sind schuld an der ganzen Not, unter der die Nation jetzt leidet. Wir hätten uns leicht mit unsern Leuten verständigen können. Es sind alles fleißige, nüchterne, ehrenhafte Arbeiter, die wir haben. Einige wenige ausgenommen. Aber stets müssen sich die Agitatoren und Aufwiegler der Union hineindrängen. Sie allein verhindern jede Verständigung. Die Absicht der Unionen ist ja durchaus klar. Ich brauche darüber nicht viel zu sprechen. Sie, als erfahrene Zeitungsleute, wissen das viel besser als ich, der ich ja nur ein Geschäftsmann bin. Es ist die Absicht der Unionen, das Wirtschaftsleben der Nation in Verwirrung zu bringen. Und wenn es so verwirrt ist, daß alle Menschen ohne Arbeit und Brot sind, dann wollen jene Leute die politische Macht ergreifen und ihren sozialistischen Zukunftsstaat verwirklichen. Das würde ein Ende unserer freien und wahrhaft demokratischen Republik sein, für die unsere Vorväter so glorreich gekämpft und gelitten haben und ehrenvoll gestorben sind. Denken Sie sich, wenn unser Volk ausgeliefert würde jenen fremden Aufwieglern, die ihrer anarchistischen Ideen wegen aus ihren unfreien Ländern vertrieben wurden und nun eine gastliche Aufnahme bei uns fanden, weil wir niemand seiner Meinung und seiner Ansichten wegen verfolgen und verstoßen. Zum Dank dafür, daß wir ihnen Schutz und Gastfreundschaft gewährten, führen sie unsere Nation zum Ruin.

Wenn wir in unsern Minen die Mitgliedschaft zur Union verbieten, so wissen wir, was wir tun. Wir wollen die United States of America nicht vernichtet und zertrümmert sehen von wahnsinnigen Wirrköpfen, sondern wir wollen sie erhalten und aufbauen zu einem großen schönen Lande, in dem jeder glücklich sein soll und kann, der guten Willens ist. Ich glaube fest, treu und zuversichtlich, wie auch Sie, meine Herren von der Zeitung, an unser gutes und erprobtes, echt amerikanisches Evangelium von den beiden B, Bigger and Better, Größer und Besser, in bezug auf unsere große Nation.

Die Vernichtung der Union ist gleichbedeutend mit der Erhaltung der Nation. Darum können wir nicht nachgeben, weil wir höhere Interessen haben als nur den nackten Geldgewinn. Die Erhaltung des Staates gilt uns mehr. Sobald wir die Union der Minenarbeiter vernichtet haben, wird die Union der Transportarbeiter vorgenommen. Sie ist, nächst der Minenarbeiter-Gewerkschaft, die gefährlichste; denn sie hat das Rad der Volkswirtschaft in ihrer Hand.“

Alles übrige, was Mr. Collins den Reportern erzählte, ist unwichtig. Man kann es in jedem Traktätchen, das gegen das Proletariat geschrieben ist, nachlesen. Mr. Collins legte auch auf das Fehlende nicht so großen Wert. Er redete überhaupt nur noch alles übrige, um den Kernpunkt genügend zu verschleiern. Er besaß diplomatische Fähigkeiten.

3

Die Reporter veröffentlichten die Predigt des Mr. Collins wortgetreu und auf der ersten Seite. So kam die Meinung des Mr. Collins auch richtig hin zu denen, für die sie gemeint war und die nun erreicht wurden, ohne daß es nötig wurde, Unionssekretäre mit einigen tausend Dollar aufzukaufen. Diejenigen, für die die Weisheit des Mr. Collins gemünzt war, waren die Transportarbeiter.

Als sie hörten, daß ihre Union die nächste sei, die folgen würde, sobald die Minenarbeiter zermanscht seien, kamen sie in Wut. Sie taten Mr. Collins den Gefallen. Sie taten alles ganz genau so, wie es Mr. Collins gewünscht hatte. Sie taten es sogar viel besser, als er erwartet hatte. Bediene dich gut erprobter Rezepte, und der Kuchen muß gelingen.

Die Transportarbeiter beriefen Riesenversammlungen ein. Sie sagten, es geht um Leben und um Sterben. Es wurde beraten und gedonnert. Und heraus kam der Beschluß, einmütig gefaßt: „Die Minenarbeiter müssen unterstützt werden, die Minenarbeiter dürfen nicht verlieren. Darum wird kein Kohlenschiff an unseren Küsten ausgeladen, das von England oder Deutschland oder aus irgendeinem fremden Lande kommt. Notwendigenfalls Sympathiestreik im gesamten Transportarbeitergewerbe, einschließlich der Eisenbahnen.“