Chapter 4 of 19 · 3976 words · ~20 min read

Part 4

Diese Äußerung des Präsidenten wurde als ein guter Witz betrachtet, weil sie vom Präsidenten kam. Der Witz machte die Runde durch alle Büros der Company, und jeder Angestellte fühlte sich verpflichtet, zu lachen, eben weil es ein Witz des Präsidenten war. Nur der jüngste Officeboy, ein vierzehnjähriger respektloser Lümmel, lachte nicht darüber, sondern sagte zu der jüngsten Officegirl, ebenso rotznasig wie er: „So ein Cabbage, und er nennt sich Präs, wie will er denn rauf auf den Jupiter! Ein guter Witz vom Präs? Da muß mir einer am Bauch kitzeln, und selbst dann fange ich an zu weinen.“ Dann kicherten die beiden zusammen, bis sie der Chef anblökte: „Ruhe da, ihr Kükenfratzen!“ Diese beiden Küken brauchten auch nicht zu lachen über einen Witz des Präsidenten; denn sie hatten keine Familie zu versorgen, und vier Dollars die Woche konnten sie auch anderswo verdienen.

2

Präsident Mr. Collins war smart. Das war sicher. Wenn er etwas wollte, dann gab es nichts, das ihn daran hätte hindern können, es zu erlangen. „Du mußt nur ernstlich etwas wollen, dann erhältst du es mit Gewißheit!“ war einer seiner zahlreichen Wahlsprüche, die er um sich herum angehäuft hatte.

Gleich hinter seinem Tintenfaß mit dem eleganten Halter eingesteckt „Always ready“ – immer fertig zum sofortigen Gebrauch –, da stand auf dem Riesenschreibtisch, eingerahmt in einem echt silbernen Rahmen, ein Blatt japanischen Papiers der teuersten Art, auf dem in roten gotischen Lettern gedruckt war:

SMILE, SMILE, SMILE ALWAYS AND FOREVER SMILE

das ist: Lache, lache, lache, immer und für ewig lache. In einer kleinen Schrift darunter stand in Reimen, daß man auch dann lachen solle, wenn man körperliche Schmerzen erdulde, wenn einem das Liebste entrissen würde, wenn man von allen seinen Freunden verlassen sei und wenn man all sein Hab und Gut verlöre.

Links davon stand ein anderer Spruch in goldenen Lettern:

SMILE WORK AND GIVE THE POOR

das ist: Lache, arbeite und gib den Armen. Rechts davon war wieder ein eingerahmter Spruch:

HONESTY IS THE BEST POLICY

das ist: Ehrenhaftigkeit ist die beste Politik. Hinter ihm, an der Wand, so daß es jeder lesen mußte, der vor ihm saß und mit ihm sprach, war in einem großen Rahmen der Spruch:

YOUR TIME IS OF HIGH VALUE SO IS MINE

Deine Zeit hat großen Wert, meine gleichfalls. „Time is money“ war zu gewöhnlich geworden, um es in der Office eines Präsidenten einer großen Company in Silberrahmen zu hängen.

Auf dem Tische hatte er dann noch stehen ein Bild seiner Frau, schon tüchtig fett. Und ein Bild seiner Tochter, die noch nicht fett war, der man aber selbst auf dem Bilde ansehen konnte, daß ihr in dieser Welt nichts mehr verborgen war. Auch sonst sah sie ganz aus wie eine Filmschauspielerin.

In einem Schubfach zur rechten Hand, unter geschäftlichen Papieren versteckt, hatte er noch ein paar Bilder liegen von Chordamen der Follies. Die Mädchen auf den Bildern sahen frech aus und kostspielig.

Im selben Schubfach war noch ein Bild in einer Mappe. Auf diesem Bilde stand geschrieben: To my beloved Daddy from your Flossy; meinem geliebten Väterchen von Deiner Flossy. Er war gar nicht das Väterchen der Flossy; aber es war nett von ihr, daß sie das so lieb sagte. Sie kostete jeden Monat einen Scheck von tausend Dollar, ohne die Geschenke und ohne die Abende, die er mit ihr in den Klubs oder in den Hotels an den Autostraßen außerhalb der Stadt verbrachte.

Die Choristinnen hatten nichts auf ihre Bilder geschrieben. Er kannte sie noch nicht so lange wie Flossy, dafür aber waren sie auch teurer. Flossy war gleichfalls, in jener Zeit, als sie Mr. Collins kennenlernte, Chordame gewesen; aber sie hatte das vergessen und durfte nicht daran erinnert werden, ohne in Tobsucht zu verfallen, die zu besänftigen immer recht kostspielig für Mr. Collins wurde.

Dann war da noch eine Dame, von der er nur ein ganz kleines Bildchen besaß, das sich aber in einem schön gearbeiteten, schwer goldenen Rähmchen befand. Es lag in dem wichtigeren Schubfach zu seiner linken Hand, in einem Ebenholzkästchen, das immer verschlossen war. Dieses kleine Bildchen stellte er zuweilen vor sich auf den Tisch, wenn er längere Zeit zu arbeiten hatte und außer von seiner ersten Sekretärin nicht gestört wurde. Kam ein ganz unerwarteter Besuch, etwa gar von seiner Frau, dann verschwand das Bildchen rasch in der Hand oder in der Westentasche.

Dieser Dame, in dem eleganten und sehr teuren goldenen Rähmchen, hatte er letzte Woche ein Auto kaufen müssen. Aber keinen Tourenkasten für zwölfhundert Dollar. Nicht für sie, wenn er etwas wollte von ihr. Das Auto war eine hochklassige Angelegenheit mit allem Komfort und mit allen Köstlichkeiten und Verführungen. Wie ein Boudoir. Kostete sechzehntausend Dollar. War zu jener Zeit das eleganteste Auto westlich der Rockies, der Rocky Mountains. Seit sie den Wagen hatte, quälte sie nun jeden Tag viermal bei Telephon, daß sie auch eine Garage haben müßte, wo sie den Wagen hinstellen könnte, und die Garage war nur zu haben mit einem dazugehörigen sehr eleganten Wohnhaus.

Zweimal in der Woche des Abends, eigentlich war es Nacht, krabbelte sie niedlich mit ihm herum; aber des Tages am Telephon nannte sie ihn schäbig, weil er nicht schnell genug mit der Garage war. Er redete sich damit heraus, daß er noch nichts Passendes soweit gefunden habe. Aber das ging nur eine kurze Zeit. Dann mußte er wohl die Garage besorgen und natürlich das Haus dazu, oder er hatte das Auto auf der Verlustseite zu buchen. Denn wenn er zu schäbig war, die Garage heranzuschaffen, so mochte sie wohl einen andern finden, der es als Ehre ansah, ihr die Garage zu geben.

Zwei der Choristinnen, die ihm ein wenig näherstanden, waren gleichfalls verwickelte Angelegenheiten. In geschäftlicher Beziehung und in jeder anderen Beziehung auch. Jede hatte ihre besonderen Wünsche. Und alle Wünsche hatten mit nichts anderem zu tun als mit Ausgaben, die alle aus seiner Kasse gingen.

3

Darum wird man wohl begreifen, daß der Präsident einer großen amerikanischen Oil-Company nicht auf Rosen gebettet ist und daß er seine schwere Not und seine bösen Sorgen hat, um sich durchs Leben zu schlagen und beide Enden zusammenzubringen. Es erfordert die ganze Tüchtigkeit und Weisheit eines Menschen, Präsident einer Oil-Company zu sein, wenn man solche Schwierigkeiten in der Welt vorfindet, die man zu lösen hat und gut zu lösen hat, wenn man Präsident sein und bleiben will. Dem Präsidenten einer Oil-Company darf nicht der Vorwurf gemacht werden, daß er vielleicht ein schwarzer Fleck in dem zarten weißen Körper der menschlichen Gesellschaft sei. Das würde zwar nicht dem Öl schaden, wohl aber den Aktionären. Die Aktionäre dürfen schon eher tun, was sie wollen; denn jeder einzelne ist für sich allein verantwortlich. Aber der Präsident einer Oil-Company hat höhere Pflichten und größere Verantwortlichkeit. Er vertritt eine Idee, ein Prinzip. Er hat die Verantwortung für die Haltbarkeit einer Säule im Bau, in der Struktur des Staates. So kann auch ein gewöhnliches Mitglied einer Kirchengemeinde sich mehr Freiheiten erlauben als der Pastor. Ein Kirchenmitglied mag straucheln. Das schadet der Kirche in ihrer Eigenschaft als einer Säule des Staates nicht. Wenn aber der Pastor aus den Strängen schlägt, so kann die ganze Kirche zu wackeln beginnen, die ganze Idee, auf der die Kirche beruht.

Was sind die ärmlichen dreihunderttausend Dollar, die so ein geplagter und gejagter, bemitleidenswerter Präsident einer Oil-Company als Jahresgehalt empfängt. Das reicht kaum für das Salz zur Suppe, die er ißt. Der Präsident einer Oil-Company hat Verpflichtungen. So ist das nicht. So einfach und schlicht ist das Leben nicht, wie vielleicht ein erbärmlicher, drei Viertel verblödeter Indianer denkt. Das Leben ist bei weitem verwickelter. Mehr, es ist wahrhaftig kompliziert. Wie soll man sich da überhaupt noch durchfinden?

Da ist das große Haus in der Stadt mit achtundzwanzig Räumen. Der Präsident kann nicht in einer Indianerhütte leben. Wofür wäre man sonst Präsident einer Oil-Company? Da ist die Dienerschaft. Die Leute sind keine Knechte und keine Mägde. Sie sind in Amerika. Sie sind hired persons, gemietete Leute, Angestellte, Hausbeamte. Sie müssen gut bezahlt werden.

Das Haus muß die besten Möbel haben und viel Möbel. Das Haus muß einen Garten haben, einen gut gepflegten Garten, würdig des Präsidenten einer Oil-Company.

Ein gutes elegantes Auto für sich selbst. Ein hochelegantes Auto für die Frau Präsident. Sie muß einen Chauffeur haben; denn die Wagen müssen gereinigt werden, und es müssen neue Reifen aufgezogen werden, neue Zündkerzen eingesetzt, die Batterien müssen geladen werden, und es sind noch andere Arbeiten zu tun.

Auch die Tochter muß ihr elegantes Auto haben. Sie will mit ihren Freunden und Freundinnen ausfahren, um eine gute Zeit zu verbringen; denn man ist ja nicht auf der Welt, um immer trübe und traurig in den Winkeln herumzuhocken. Die Tochter hat keinen Chauffeur. Sie fährt den Wagen selbst. Und sie fährt ihn gut. Aber die Strafmandate von zehn, fünfzig und hundert Dollar für rasendes Fahren oder für unbedachtes Stehenlassen des Wagens in der Nähe eines Feuerhydranten regnen nur so auf sie herab. Sie fährt auch gelegentlich einen Hausierer um, der sich absichtlich in den Weg stellte, um überfahren zu werden und eine Schmerzenssumme einzuklagen. Es gibt genug Anwälte, die nichts weiter tun, als die Schmerzenssummen für Überfahrene einzuklagen, weil sie von jeder eingeklagten Summe fünfundzwanzig oder auch vierzig Prozent erheben. Der Kläger, ein armer Teufel, kann keine Gebühren bezahlen, darum geht der Anwalt mit ihm auf Teilung. Darum gewinnt auch immer der Anwalt, weil er für seine Tasche gewinnt. Und wenn der Präsident nicht bezahlt, so bezahlt die Versicherung, die es auch nicht umsonst macht. Aber letzten Endes kommt das Zahlen doch zum Präsidenten.

Die Frau verlangt monatlich einen Scheck für tausend Dollar, für die kleinen Ausgaben, die sie hat, für Nadelgeld, obgleich sie nie eine Nähnadel oder Stecknadel in die Hand nimmt. Aber da sind die Eiscreams, da ist die Masseuse, da ist der Tanzmeister. Sie spielt auch, und sie spielt tüchtig und verliert in einer Bridgepartie mit ihren Freundinnen, den Frauen anderer Präsidenten, in zwei Stunden dreitausend Dollar. Die Rechnungen für ihre Pariser Kleider, ihre Lyoner Unterwäsche, ihre New-Yorker Strümpfe, ihre Wiener Schuhe werden dem Mr. Präsidenten in die Office geschickt. Das ist extra. Und extra sind auch die Hüte, von denen sie jeden nur fünf Tage trägt. Whisky und französischer Likör sind auch teuer. Erst recht seit der Prohibition.

Die Tochter bekommt nur dreihundert Dollar monatlich für kleine Ausgaben. Aber in Wahrheit werden es monatlich immer dreitausend. Die werden nicht gerechnet. Sie kommen auf das Konto für Allgemeines. Das Töchterchen, wenn es wieder einmal knapp ist – und es ist viermal in der Woche knapp –, flitzt schnell mal in die Privatoffice; und Mr. Collins, der glückliche Vater, freut sich, daß er in seiner öden Arbeit unterbrochen wird, daß er eine Entschuldigung findet, Dummheiten und Lächerlichkeiten zu schwätzen mit dem Töchterchen auf seinen Knien. Und er bildet sich ein, daß nun Sonnenschein in dem nüchternen Büro sei, wenn sie ihn im Nacken krault und auf die Nasenspitze küßt und immerfort schnattert: „Du bist das süßeste und liebste Väterchen auf der ganzen Welt.“ So zieht sie ab, heute mit zweihundert Dollar, morgen mit fünfzig, übermorgen mit zwanzig, dann wieder mit hundert und dann wieder: „Süßes Rattenschwänzchen Väterchen, heute geht es dir aber einmal schlecht, ich brauche heute fünfhundert, aber ich will auch ganz brav dafür sein für den ganzen Rest des Monats.“ Drei Tage später ist der Rest des Monats, den sie meinte, schon wieder um, wenngleich der Kalender auf dem Tisch Magenkrämpfe bekommt, weil er sich nicht mehr zurechtfindet und an sich selber nicht mehr glaubt. Aber es kostet dennoch wieder fünfzig Dollar. Sonnenschein in der Office des Präsidenten einer Oil-Company zu haben, kostet eben Geld.

Aber Mr. Collins blickt auf seinen Wahlspruch: „Lache und gib den Armen!“ So lacht er eben und gibt denen, die es benötigen. Denn wer benötigt, ist arm.

Und arm sind die Chordamen der Follies.

Kein Chormädchen zu haben ist eine Schande. Er würde sich im Klub lächerlich machen. Man würde ihn jeden Tag, wenn er sich sehen ließe, mit der mitleidigen Miene, mit der man zu Kranken spricht, anspringen: „He, Greasy, Ölerchen“, sein Neckname im Klub, der sich auf seinen Beruf als Präsident einer Oil-Company bezieht, „he, Greasy, ein Röhrchen mit Phosphor-Arsenik-Pillen gefällig?“ Das würde jeden Tag so gehen, mit jedem, den er träfe im Klub. Denn wenn sie einmal etwas erhascht haben, von dem sie glauben, es sei witzig, dann wird es so lange geknetet und abgetreten, bis man irrsinnig werden kann. Ehe diese Männer, die Millionen mit einer Handbewegung verdienen können und auch verdienen, einen neuen Witz erfinden oder gar einen Witz erfinden und verstehen, der Geist oder Humor in sich trägt, darüber können Generationen hingehen. Das Leben ist wahrhaft kompliziert.

Phosphor-Arsenik gebrauchen zu müssen ist ein Zeichen, daß man alt ist oder sich dem Alter nähert. Aber der Präsident einer Oil-Company darf niemals den Verdacht aufkommen lassen, daß er alt ist. Dann kann er wohl Präsident der Vereinigten Staaten werden, zu welchem Amte man weder Weisheit noch Jugendkraft vonnöten hat, wo diese Dinge sogar hinderlich sind, wie die Mehrzahl der Beispiele beweist, aber er kann nicht mehr Präsident einer Oil-Company sein. Das Amt des Präsidenten einer Oil-Company erfordert Robustheit, Rücksichtslosigkeit, Brutalität, Skrupellosigkeit. Weder ein alternder Mann, noch ein Philosoph, noch ein Dichter eignet sich dazu.

So, um den Verdacht abzulenken, daß man Auffrischungsmittel nötig hat – an die unfehlbare Treue zur eigenen Frau wird nicht geglaubt –, um den andern Verdacht abzulenken, daß man geschminkten Jünglingen nicht abhold sei, treten die Chormädchen in das verantwortungsvolle Leben des Präsidenten ein. Er empfängt sie keineswegs mißmutig. Wenngleich er ein guter Christ ist, der treu zu den Methodisten oder den Baptisten – wenn er sehr hoch stehen will – zur Episcopal Church hält, so ist er als Mensch und als Mann doch der Meinung, daß Mohammed wahrhaftig ein großer Prophet war, der die Seele eines Mannes so vortrefflich verstand, daß er Gesetze schuf, die den zahlreichen Kümmernissen eines Mannes Erleichterung bringen sollten.

4

Mr. Collins ist ein mächtiger Mann in der Ölindustrie. Er kann in wenigen Tagen den Markt so erschüttern, daß hundert andere Industriezweige zu wanken beginnen und mehrere stürzen, daß eine Panik unter den Kleinen und Mittleren in Wallstreet ausbricht, die übergreift auf die Großen, die unruhig zu werden beginnen, schlaflose Nächte verbringen und für Zehntausende von Dollar Cables über die Erdoberfläche kreisen lassen müssen, um den Markt wieder zu stabilisieren und die Ruhe herzustellen, in der allein die Giganten ihre großen Geschäfte mit Sicherheit abwickeln können.

Eine lächerlich unscheinbare Sache kann den Markt in jene Unruhe bringen, daß innerhalb von zwei Stunden fünfhundert Millionen Dollar Werte ihren Besitzer wechseln.

Da war eine Company, die Motoren fabrizierte. Sie war ganz unbekannt. Niemand hatte je einen Motor dieser Company gesehen. Aber die Company produzierte, immer in der Hoffnung, daß sie hochkommen könnte. Sie zahlte keine Dividenden und hatte immer Unterbilanz. Ihre Aktien standen auf sechsundvierzig, und niemand wollte sie dafür haben. Plötzlich gingen die Aktien hinauf. Am ersten Tage gleich auf fünfundsechzig, am zweiten Tage auf zweiundachtzig, am dritten Tage auf hundertzehn. Niemand wußte, warum. Niemand wußte, wer der Aufkäufer war, denn die Brokers, die aufkaufenden Agenten, gaben den Namen ihrer Auftraggeber nicht preis. Selbst die sichersten Motor-Companien, wie die General Motors, begannen zu fallen und fielen weiter. Denn bei einem so unerwarteten Steigen eines unbekannten Papiers können die Gerüchte sich auswirken. Die tollsten Gerüchte werden geglaubt und bringen die Börse in Erregung. Hier lief das Gerücht um, jene Motor-Company habe ein Patent erworben, das eine ganz neue Art von Motor schaffe, einen Motor, der nur ein Zehntel des Gasolins gebrauche, den der übliche Motor verwende, und er erzeuge achtmal mehr Kraft mit jenem Zehntel Gasolin. Damit wurden alle anderen Motoren wertlos. Niemand würde mehr einen Motor des alten Modells kaufen. So, alle Companien, die Motoren bauten, und alle Companien, die Dinge produzierten, die mit Motoren etwas zu tun hatten, begannen zu ratteln. Die Aktien der Oil-Companien wurden unsicher, denn wenn die Motoren nur noch ein Zehntel Gasolin gebrauchten, wo dann hin mit dem vielen Öl? Und alles war nichts anderes als ein kleines Manöver des Mr. Collins, der einige kleinere Oil-Companien, von denen er wußte, daß sie die Panik nicht überleben konnten, aufsaugen wollte. Er bekam sie auch. Und die Papiere jener unscheinbaren Motor-Company fielen zurück in ihr stilles und beschauliches Dasein.

Mr. Collins braucht nur hundert Millionen Hektoliter Öl zurückzuhalten, und der Markt kommt in Erregung, weil die Spieler nicht wissen, was los ist, die Gerüchte sofort einsetzen und ihr Unheil anstiften. Oder Mr. Collins kann hundert Millionen Hektoliter Öl, das er für solche Spekulationszwecke in Reserve hielt, auf den Markt schleudern und ein Preispanik hervorrufen, die alle Werte auf dem Markt mit sich reißt. Denn alle Werte und Produkte sind in diesem System, das der Mensch von heute geschaffen hat, so miteinander verwickelt und verwoben, daß eine Werteveränderung des Öls sofort Werteveränderungen von Produkten nach sich zieht, die gar nichts mit Öl zu tun haben. Ein Preissturz des Öls kann eine gewaltige Preiserhöhung des Weizens oder der Baumwolle oder der Papiere von Eisenbahn- und Dampfschiff-Companien hervorrufen.

Es geht hierbei sehr logisch zu. Viel logischer als beim Roulette. Es geht so sehr logisch zu, daß ein kluger Mann, der genügend Kapital im Rücken hat und die Gesetze, nach denen sich die Bewegungen hier durchaus logisch vollziehen müssen, gut kennt und gut durchstudiert hat, immer gewinnen muß. Nur hat selbst der Größte nicht diese unerschütterliche Ruhe, die notwendig ist, um seinen Plan mit mathematischer Sicherheit zu verfolgen. Auch der Größte läßt sich von der Unruhe mitreißen, weil er Mensch ist und menschlichen Suggestionen unterliegt. Er läßt sich von der Panik mit fortreißen, wie der Ruhigste und Bedächtigste bei einem Theaterbrand von der Panik derer ergriffen wird, die um die Ausgänge kämpfen, obgleich sie alle unversehrt ins Freie gelangen könnten, wenn sie rasch, aber ohne sich zu drängen, durch die nächste Tür gingen und dann draußen, außerhalb des Hauses, keine Knäuel bilden würden aus Neugierde und um zu sehen, ob ihre Angehörigen nachkommen.

5

Mr. Collins war ein mächtiger Mann in der Ölindustrie. Aber gegenüber den vier Frauen war er doch nur ein gewöhnlicher Mann, der sich von den übrigen Männern höchstens dadurch unterschied, daß er mehr bezahlen konnte, ohne dafür mehr zu bekommen, als ein Mann eben von einem Mädchen bekommen kann. Was ein Mann von einer Frau bekommen kann, ist immer dasselbe. Keine Frau kann mehr geben, als sie hat. Und wenn sie gegeben hat, was sie zu geben imstande ist, so kommt der Mann zu der großen Weisheit, daß alle Frauen in dem Punkte, auf den allein es nur ankommt, alle gleich sind. Die Frauen – ganz sicher – denken genau das gleiche von den Männern. Nach vielen Erfahrungen kommt der Mann endlich zu der Erkenntnis, daß von allen Frauen die erste, die er hatte, die beste war. Denn die Erinnerung an sie liegt am weitesten zurück und ist am nächsten der Erinnerung an seine Jugend, die ihm romantisch erscheint, weil sie das Vergangene ist. Auch für die Frau ist der Mann, den sie zuerst liebte, der Mann, den sie für den besten hält und den sie immer lieben wird. Der Grund ist der gleiche wie beim Manne.

Man schätzt das am meisten, was am kostspieligsten ist. Selbst die Freudengöttin liebt nur den Mann aufrichtig, für den sie das Geld verdienen muß, und der sie gelegentlich noch verprügelt.

Unter den vier Beweisstücken, die Mr. Collins hatte, um seinen Freunden zu beweisen, daß er in voller Lebenskraft stand, war Betty das geschätzteste augenblicklich. Denn sie war die kostspieligste.

Flossy, die ihren Scheck von tausend Dollar jeden Monat bekam mit der Regelmäßigkeit, mit der ein Ehemann das Geld für den Haushalt zu zahlen hat, stand in seiner Vorstellung und in seinem Empfinden beinahe schon im gleichen Range wie seine Frau, Mrs. Alice Dawis Collins. Er zankte sich mit ihr, er stritt sich mit ihr, er fühlte sich berufen und berechtigt, sie zu kritisieren, und die Nächte, die er mit ihr in ehelicher Gemeinschaft im Bett verbrachte, waren genau geregelt und bestimmt. Er verließ ihr Haus regelmäßig um vier Uhr morgens, wenn er seine ehelichen Pflichten ihr gegenüber zu erfüllen hatte, weil er nicht später nach Hause kommen wollte, um immer noch sagen zu können, daß er so lange im Klub gewesen sei. Gleich seiner Frau hatte er Flossy zwei Reisen im Jahr zu bewilligen, im Winter eine Reise nach Palm Beach in Florida und im Sommer eine Reise nach Kanada oder nach Europa. Er besuchte sie natürlich pflichtgemäß in Palm Beach, verbrachte einige zehn Tage mit ihr und ging dann über Havanna, wohin er sie mitnahm, nach Tampico, wohin er sie nicht mitnahm. Da er nach Tampico im Auftrage der Company reisen mußte, so wurde die gesamte Reise auf das Konto der Condor Oil Co. geschrieben, wodurch sich die fällige Sommererholungsreise für Flossy beträchtlich verbilligte. Er hätte Flossy ja auch nach Tampico mitnehmen können. Aber es war billiger, sie von Havanna nach Palm Beach zurückzuschicken. Außerdem war es für ihn bequemer. In Tampico fand er immer gleich am ersten Abend, was er brauchte. Und er konnte sich bei einer anderen Haut-, Haar- und Augenfarbe von Flossy angenehm erholen. Er verstand zwar nicht, was die braune Hautfarbe in Tampico zu ihm sprach über Liebe. Aber das war nicht nötig; denn beide wußten, was sie voneinander wollten, und für diese Wünsche ist die Sprache international. Die Hautfarbe in Tampico konnte das Wort Money recht gut in englisch aussprechen, auch die Zahlen, die sie mit dem Worte Dollar verband. Mehr brauchte sie nicht zu wissen. Weder er. Die Erholung von Flossy, nachdem er mit ihr zehn oder vierzehn Tage ständig zusammen gewesen war, tat ihm sehr gut. Denn Flossy begann seiner Frau immer ähnlicher zu werden. In allen Dingen. Im Bett. Im Sprechen. In der Kleidung. Im Nörgeln. Im Predigen. Er war nicht Philosoph genug, um zu wissen, daß zwei Frauen, die längere Zeit unter dem Einfluß desselben Mannes stehen, von dem sie wirtschaftlich abhängig sind, ähnlich werden wie Zwillinge.

Flossy war, wenn Mr. Collins die Endrechnung aufstellte, die billigste seiner Freundinnen. Darum war sie auch die treueste. Und darum konnte er sich mit ihr zuweilen genau so vortrefflich langweilen und veröden wie mit seiner Frau.

Die zwei Chor-Ladies, die noch neueren Datums waren, wurden noch nicht ganz für voll gerechnet, obgleich sie bereits mehr kosteten als Flossy, lediglich für die Annäherungsgeschenke, die er zu machen hatte. Vorläufig schienen beide noch irgendwo andere Verpflichtungen zu haben, von denen sie sich endgültig zu lösen gedachten, sobald sie erst einmal genau wußten, wieviel Mr. Collins wert war. Nicht wieviel er wert war als Mann oder als Liebhaber, sondern wieviel er wert war in seiner Zahlungsmöglichkeit und in seiner Zahlungswilligkeit. Keine der Chor-Ladies natürlich wußte von der andern, daß auch sie sich in der Annäherung zu Mr. Collins befand. Das verstand Mr. Collins zu verhüten; denn sobald die beiden zu kämpfen anfingen darum, wer von ihnen Mr. Collins gewinnen würde, dann wurde es teuer für Mr. Collins. Denn die Lady, die unterlag, begann ihm Schwierigkeiten zu machen, um zu retten, was zu retten war. Und das, was gerettet werden mußte, war immer eine hohe Summe, durch die eine bis dahin unberührte Jungfräulichkeit – angeblich bis dahin unberührte –, die bei dem Kampf um das Objekt verlorengegangen war, wieder in den früheren Zustand zurechtgerückt werden sollte.

Das ging sehr einfach zu. Es wurde immer nach dem gleichen oder ganz ähnlichen Rezept gemacht. Es war nach diesem Rezept gemacht worden mit Mr. Ayres, Präsident der Grannis & Cleveland Refining Company.

6

Mr. Ayres fand eines Morgens in seiner Office einen Brief vor von Simmons & Simmons Attorneys at law. Die Rechtsanwälte schrieben ihm, daß Miß Minnie White, Sängerin und Tänzerin des Vanity-Theaters, eine Klage einzubringen gedenke wegen Bruchs des Eheversprechens, und daß Miß Minnie White ihren Schaden, den sie dadurch erlitten habe, auf eine Summe von siebenhundertfünfzigtausend Dollar beziffert habe, eine Summe, die in Anbetracht der guten Verhältnisse des Mr. Collins als lächerlich geringfügig angesehen werden müßte.