Part 5
Mr. Ayres hatte der Minnie niemals die Ehe versprochen. Das wußte Minnie recht gut, und das wußten auch recht gut die Anwälte, ohne es zu sagen. Auch Mr. Ayres wußte recht gut, daß sowohl Minnie als auch die Anwälte genau wußten, daß er der Minnie nie die Ehe versprochen hatte. Aber Minnie, die Anwälte und Mr. Ayres wußten, daß in Amerika eine Dame, die ihren Fall gut vorzubringen verstand, bei den Geschworenen immer durchsetzt, was sie durchzusetzen wünscht. Darum wurde hin und her telephoniert und hin und her gesprochen, und Minnie ließ sich erweichen, ihren Schaden mit hunderttausend Dollar endgültig wieder gutzumachen. Sie bekam nur sechzigtausend in ihre Tasche, weil die Anwälte vierzig Prozent der eingeklagten Summe beanspruchten. Denn wenn der Prozeß verloren wurde, erhielten sie gar nichts, weil Miß Minnie ja nichts hatte. Die Anwälte übernahmen das Risiko.
Mr. Ayres konnte selbst die hunderttausend Dollar nicht bezahlen, ohne mit Erfolg in eine Bank einzubrechen, denn er hatte eine Familie. Sein Gehalt war hoch, aber nicht so hoch, daß er so leicht hätte hunderttausend Dollar missen können.
So wurde denn die Klage eingereicht. Es wurde nun schon nicht mehr erwartet, daß Mr. Ayres den vollen Betrag zahlen würde, andernfalls hätte er es nicht zur Klage kommen lassen, sondern sich geeinigt. Aber die Klage mußte eingereicht werden, um eine Gelegenheit zu finden, die Sache in die Zeitung zu bringen. Sobald es Gerichtssache war, konnte man die Zeitung zur Mitwirkung heranziehen.
Mr. Ayres gehörte zur oberen Gesellschaft, und seine Stellung als Präsident einer der mächtigen Companien machte ihn zu einer interessanten Person, die in einen Skandal verwickelt zu sehen, das Sensationsbedürfnis und die Klatschsucht der Menschen aufs höchste befriedigte. Die armen Menschen, denen zotige Filme, schlüpfrige Romane, saftige Lustspiele verboten werden oder so zensiert, daß sie zahm und langweilig werden wie die Mittwochabendpredigt in der Methodistenkirche, diese armen Leute finden auf einmal neue erfrischende Reize in dem trockenen Leben, wenn sie eine saft- und spermastrotzende Geschichte auf der ersten Seite der Zeitung lesen können. Hier darf der Zensor nicht eingreifen, denn es ist ja eine Gerichtsangelegenheit. Die Gerichte sind öffentlich, und sie müssen in einer echten Republik öffentlich sein, um Korruptionen und ungerechte Urteile zu verhindern.
Was die Zeitungsreporter aus der einfachen Geschichte machten, das zu lesen war staunenswert. Es machte alles vergessen, was die Zensoren ihren Schutzbefohlenen in den letzten zwölf Monaten zu lesen und zu sehen verboten hatten. Den alten trockenen Betschwestern der hohen und allein heiligen Episcopal Church lief die schleimige Spucke sappernd aus den ausgedörrten Mundwinkeln, als sie lesen durften, wie andere Leute sich benehmen, die darauf verzichteten, sich allein und mit sich selbst zu amüsieren.
In fetten Riesenlettern liefen gleich zwei Zeilen quer über die erste Seite der Morgenblätter.
PRESIDENT OF BIG CORPORATION SEEN WITH DANCER OF THE VANITY THEATRE ONLY WITH STOCKINGS ON
Der Präsident einer der größten Companien wurde mit einer Tänzerin gesehen, die nichts weiter anhatte als ihre Seidenstrümpfe.
Darunter in weniger fetten Lettern
DENIES HAVING PROMISED MARRIAGE BY GIVING ENGAGEMENT RING SAYS RING WAS ONLY GIFT OF FRIENDSHIP WITHOUT MEANING
Is Already Married has Three Children Eldest Collegegirl Dancer to be Mother soon asks Three Quarters of Million Dollars Damage
Er hat ihr die Ehe versprochen dadurch, daß er ihr den Verlobungsring an den Finger steckte. Er leugnet es ab und behauptet, der Ring sei nur ein kleines Freundschaftsgeschenk gewesen, das gar keine Bedeutung habe und auf keinen Fall als ein Eheversprechen gemeint gewesen sei. Er ist bereits verheiratet und hat drei Kinder, von denen die älteste Tochter schon die Universität besucht. Die Tänzerin erwartet bald Mutterfreuden und verlangt als Schadenersatz dreiviertel Millionen Dollar.
In noch kleineren, aber immer noch sehr auffallenden Lettern folgte nun
Names of the Parties Concerned Still Withheld by Court Order will be Published Very Soon
Die Namen der Klägerin und des Klägers werden vorläufig noch zurückgehalten auf besonderen Beschluß des Gerichtshofes, sie werden jedoch sehr bald veröffentlicht werden.
Diese Zurückhaltung der Namen ist ein besonderer Trick der Anwälte, die Mr. Ayres Zeit geben wollen, sich zu einigen und zu bezahlen. Aber die Zeitungen gleichfalls haben ein Interesse daran, die Namen noch nicht zu nennen, weil sich Mr. Ayres ja auch noch mit den Zeitungen einigen kann. Die Zeitungen sind unbestechlich. Besonders in den Staaten. Aber für Inserate sind sie sehr empfänglich; und eine große Company hat immer teure Inserate zu vergeben, auch wenn es nur die Jahresabrechnungen sind, die beliebig oft wiederholt werden können, um fette Inserate zu bringen. Auch die Zeitungsleute sind unbestechlich. Nirgends mehr unbestechlich als in den Staaten. Aber sie hören gern gute Tips, um an der Börse mit Erfolg zu spekulieren.
Der Gerichtshof hat bis jetzt noch gar nichts beschlossen, also auch nicht die Zurückhaltung der Namen. Das Gericht weiß bis jetzt noch gar nichts von der Sache, und der Richter liest die Zeitung in der Straßenbahn mit der gleichen Freude wie die gedörrten Kirchenmitglieder. Aber er liest es doch schon mit mehr menschlichem Verstehen, und er liest es besonders mit Mitleid für den armen Präsidenten; denn er, der Richter, kann morgen schon in derselben Suppe sitzen. Er hat keine Tänzerin von dem Vanity. Das kann er sich nicht leisten. Aber er hat eine Stenotypistin. Und wenn sie eines Tages plötzlich den Rapp bekommt und ihr das Stenotypistendasein zu dumm wird, dann kann auch der Richter seine Untaten und den heruntergerutschten Brusthalter seiner Stenotypistin in fetten Lettern auf der ersten Seite der Morgenblätter ausführlich beschrieben finden. Vorläufig weiß er noch nicht, um was es sich hier handelt. Niemand vom Gericht weiß es bis jetzt. Die Anwälte haben bisher noch nichts weiter getan, als eine Klage auf Schadenersatz Unbekannt gegen Unbekannt Akt Simmons & Simmons Attorneys at law Nr. 916 G zu den Akten des Gerichts zu geben.
Mrs. Ayres, die Frau des Mr. Ayres, liest die saftige Geschichte gleichfalls, und auch sie liest sie mit Andacht und Wollust. Sie weiß ja noch nicht, daß es ihr treuer Gatte ist, der hier von den Reportern der beabsichtigten Bigamie bezichtigt wird, und darum darf sie sich mit glänzenden Augen an der Geschichte, die sie so saftig nicht einmal in den französischen Romanen finden kann, ergötzen.
Am Abend, mit ihrem Manne bei Tische sitzend, wird ja natürlich über diese Sensation gründlich gesprochen, um die irdische Freude, die eine solche Geschichte bietet, bis zur letzten Verhauchung des Seufzers auszukosten und auszuschwelgen. Sie ratet mit ihm hin und her, wer der Präsident und die Tänzerin sein könnten. Er müßte den Präsidenten doch eigentlich kennen, von dem Klub der Rotaries oder der Elks her. Es wäre alles noch wonniger, wenn man ihn und die Tänzerin kennen würde, wenn man ihre Bilder in den Zeitungen sehen könnte. Daß sie nur Seidenstrümpfe und sonst nichts anhatte, als sie mit ihm durch das Fenster, dessen Vorhang nicht ganz geschlossen war, beobachtet wurde, das weiß man ja jetzt. Aber man möchte doch auch wissen, wie sie im Gesicht und überhaupt über den grünen Strumpfbändern aussieht. Vielleicht veröffentlicht die Zeitung bald ein Bild von ihr im Badekostüm oder in dem Kostüm der Chormädchen des Vanity, die ja alle während der Vorstellung keine Strümpfe anhaben, sondern nur Schuhe und ein Bändchen um die Hüften und zwei mit glitzernden Glasperlchen besetzten Säckchen vor den Brüsten.
Mr. Ayres, der natürlich weiß, um wen es sich handelt, weil ihn heute morgen ja die Anwälte sofort bei Telephon gefragt haben, ob er schon die Zeitung gelesen habe, entrüstet sich über die Verruchtheit der Zeitung und beschimpft seine Frau, daß sie so lüstern sei, derartige Sensationsgeschichten in den Blättern zu lesen und daß sie so tief herabsinken wolle, nach den Bildern dieser Leute zu trachten.
Die ganze Stadt und Umgebung kaufen morgen und die nächsten Tage die Zeitungen wie besessen. Alle hoffen, die Namen veröffentlicht zu finden. Alle sind interessiert in der Frage, ob die Tänzerin, die nun bald Mutter werden wird, schon so weit ist, daß sie nicht mehr auftreten kann. Alle hoffen, daß sie noch nicht so weit ist und daß sie wenigstens noch einige Male auftreten kann, damit man sie im Theater leibhaftig vor sich sehen kann. Sobald ihr Name bekannt ist, kaufen die Billetthändler des Theaters sofort das ganze Haus aus, und sie gehen mit den Billetts zweihundert Prozent hinauf.
Da die Zeitungen ja nun in Erwartung, daß die Namen veröffentlicht werden, in Massen verkauft werden, ist es nicht mehr nötig, die Namen zu veröffentlichen. Inzwischen kommt ein neuer Skandal auf, ebenso fett und ebenso saftig wie der des Präsidenten mit der Tänzerin, und Präsident und Tänzerin werden vergessen. Wenn die Namen doch eines Tages dann erscheinen sollten, so liest sie kaum noch jemand. Es hat sich so viel inzwischen an Skandalen, an Korruptionen, an politischen Schwindeleien, an erfolgreichen Ozeanflügen, an nicht erfolgreichen Besteigungen des Himalaja, an Bankeinbrüchen, an Revolver- und Bombenattentaten in Chicago, an Zugüberfällen in Mexiko, an Ermordung amerikanischer Seelenretter in China ereignet, daß man acht Tage später wirklich nicht mehr wissen kann, aus welchem Grunde eigentlich hier der Name eines Präsidenten einer gleichgültigen Kupfer-Company und der Name einer Tänzerin, die man nie auf einem Theaterzettel gedruckt findet, veröffentlicht werden. Man hat augenblicklich viel mehr Interesse daran, wieviel hunderttausend Dollar Ma Fergusson, der weibliche Gouverneur von Texas, an dem Bau einer Staats-Automobil-Straße verdient hat, und was sie mit dem Gelde zu tun gedenkt.
7
Simmons & Simmons Attorneys at law können aber diesen Umschwung in der Meinung der Zeitungsleser nicht abwarten; sie können nicht darauf warten, daß Mr. Ayres etwa gar seiner Frau erzählt, was los ist und von ihr mit verhältnismäßig geringen Kosten absolviert wird; sie können nicht darauf warten, daß Mr. Ayres vielleicht mehrere der Aufsichtsratsmitglieder seiner Company überzeugt, daß hier nur eine schäbige Erpressung vorliegt und daß der gesamte Aufsichtsrat die Zeitungen warnt, die Angelegenheit nicht bis zum äußersten zu treiben. Dann sind die Zeitungen mausetot, denn unter den Aufsichtsratsmitgliedern sind mehrere, die den Zeitungen innerhalb von acht Stunden das Genick abdrehen können so gründlich, daß die Zeitung vergißt, wie sie gestern hieß und wer ihre Hauptredakteure waren.
Auf solche Zwischenfälle dürfen Simmons & Simmons nicht warten. Sie arbeiten rasch wie Teufel, die eine arme Seele, die im Eis eingebrochen und ertrunken ist, zu fischen und aufzuwärmen, damit die Hölle auch ihren Zweck erfüllt.
Die Anwälte nützen die ersten Stunden nach Erscheinen der Zeitung aus. Wenn sie nicht in dieser Zeit gewinnen, kann es eine lange Geschichte werden. Sie gewinnen natürlich, wie lange es auch dauert. Aber das Geld kann ihnen entwischen. Mr. Ayres macht einen kühnen Strich und sichert alles so gut ab, daß nicht viel zu bekommen ist. Er wartet den Skandal in Europa ab, und wenn er zurückkommt, ist die Sache so billig geworden, daß es sich für die Anwälte nicht mehr lohnt. Was aus Miß Minnie wird, ist ihnen gleichgültig, war ihnen immer gleichgültig und wird ihnen ewig gleichgültig bleiben.
An der ganzen Geschichte ist wenig wahr. Sie wird nur so aufgezaubert, um in den Lesern den Hunger nach wollüstigen Geschichten, den sie infolge der Zensur und der Prüderei nirgends sonst stillen können, zu befriedigen. Dabei verdient die Zeitung.
Ob der Präsident seine Stellung verliert, ob seine Frau sich von ihm scheiden läßt, ob sich die Tänzerin ertränkt, das kümmert die Zeitung nicht. Kümmert sie erst wieder, wenn eine dieser Folgen abermals eine Sensationsgeschichte ermöglicht.
Miß Minnie White war sehr oft mit Mr. Ayres zusammen, wenn sie nichts weiter anhatte als ihre seidenen Strümpfe. Meist hatte sie noch weniger an. Aber niemand hat sie je durch einen halbgeschlossenen Vorhang beobachten können. Dazu waren sie viel zu vorsichtig. Nicht aus eingeborener Schamhaftigkeit, sondern aus einfachen Nützlichkeits- und Bequemlichkeitsgründen. Es wirkt störend und lenkt von der Hauptsache ab, wenn man das Gefühl hat, man könnte beobachtet werden. Aber Simmons & Simmons sind immer vorbereitet. Sie halten in Reserve einen Privatdetektiv, der jederzeit beschwören kann und wird, daß er eine Dame, nur mit Seidenstrümpfen an, zusammen mit einem Herrn, der auch nicht viel mehr anhatte, in demselben Zimmer gesehen hat. Miß Minnie hat nur den Ort, also das Haus anzugeben, wo das geschehen sein könnte, was der Privatdetektiv gesehen hat. Alles übrige besorgen der Privatdetektiv und Messrs. Simmons & Simmons Attorneys at law. Dann kommt noch eine Waschfrau oder ein Chauffeur, die beschwören, daß sie Miß Minnie und Mr. Ayres in jenes Haus haben gehen sehen. Gegen die Waschfrau kann niemand ankommen. Sie ist die Ehrlichkeit und Wahrheit in Person. Mr. Ayres, so vortrefflich auf dem glühenden Roste sitzend, muß zugeben, es ist wahr. Er wird sich hüten, das Gegenteil zu schwören; denn er weiß, es haben ihn auch noch andere Personen dort gesehen.
Miß Minnie White erwartet gar keine Mutterfreuden. Das weiß Mr. Ayres ganz genau. Miß Minnie ist viel zu geschickt, um sich einem solchen Unfall auszusetzen. Kinder sind immer eine Belästigung und durchaus kein Segen des Himmels. Sie weiß das aus ihrer Jugendzeit in Minneapolis. Sie hatte fünf Geschwister. Weder ihr Vater, der in einer Kofferfabrik arbeitete, noch ihre Mutter, die in einer Hemdenfabrik arbeitete, haben je von einem Himmelssegen gesprochen, immer nur von den Brats, der Bastardbrut, die so viel essen und so viel zerreißen und ewig und immer schreien, daß sie Hunger hätten.
Auch Messrs. Simmons & Simmons wissen, daß Miß White kein Kind erwartet. Sie würden ihr dreist ins Gesicht hinein sagen, daß sie sie für klüger gehalten hätten, denn sie habe doch sicher ihre Babyschuhe schon lange genug ausgetreten, um Unterschiede machen zu können.
Erst recht die Zeitungen wußten, daß Miß Minnie White sich in solcher Lage nicht befand. Hätte sie wirklich Mutterfreuden zu erwarten gehabt, dann würden es die Zeitungen mit größter Vorsicht vermieden haben, es zu erwähnen. Das hätte zu vielerlei Unannehmlichkeiten für die Zeitungen führen können. Daß die Tänzerin sich Mutter fühle, hatten die Reporter nur geschrieben, damit die Geschichte saftiger würde. Die Anwälte hatten da etwas angedeutet, woraus die Reporter entnehmen mochten, was sie für gut befanden. Eine solche Nachricht diente doch nur dem Ganzen. Namen waren ja noch nicht genannt. Und hätte es dazu kommen müssen, Namen zu nennen, so konnte Miß Minnie durch ihr ferneres Auftreten in dem Vanity beweisen, daß es ein Reporterschwindel war.
Obgleich nun an der ganzen Geschichte sehr wenig dran war, so erreichten die Anwälte doch ihren Zweck. Mr. Ayres wurde in Angst gejagt. Er mußte befürchten, daß hier ein großer Skandal entstehen würde. Er wußte ja nicht, wie weit die Anwälte zu gehen gedachten. Es war gar nicht einmal nötig, daß der Name der Tänzerin veröffentlicht wurde. Es genügte, daß sein Name bekanntgegeben wurde und daß die Zeitung seinen Namen veröffentlichte, um den Lesern zu zeigen, wie unerschrocken sie sei, und wie emsig sie darauf bedacht sei, das amerikanische Volk von der Unzucht und der Verworfenheit, in die es einzelne skrupellose Mitglieder zu verstricken suchten, zu befreien, daß dies eine der Hauptaufgaben der Zeitung sei und daß man keine Rücksicht übe, auch wenn es sich um Angehörige der obersten Klasse handele; viel eher sei man bereit, die arbeitende Klasse und das arme Mädchen, die Tänzerin, die ja auch der arbeitenden Klasse angehöre, zu entschuldigen als diese Magnaten, die glaubten, daß sie in der freien Republik rechtschaffener Bürger tun könnten, was sie wollten, nur weil sie mehr Geld hätten. Das würde die Zeitung natürlich erst gesagt haben, nachdem sie genau wußte, daß der Aufsichtsrat der Company, dessen Präsident Mr. Ayres war, wünschte, daß Mr. Ayres kurz und klein gebrochen werden sollte, weil man ihn aus diesem oder jenem Grunde los sein wollte und man ihn auf eine andere Art nicht abschieben konnte.
Mr. Ayres wußte ja auch nicht immer, wie er zu seinem Aufsichtsrat stand. Ob der ihn hielt oder fallen ließ. Darauf konnte es Mr. Ayres nicht ankommen lassen. Auch wußte er nicht, wie es seine Frau aufnehmen würde. Noch weniger wußte er, wie man es in den Klubs betrachten würde, denen er angehörte. Ein Skandal solcher Art konnte ihn für lange Zeit lahmlegen, und er hätte verteufelt hart arbeiten müssen, um wieder hinaufzukommen.
Alle solche Möglichkeiten überdachte er, und dann ging er zu Messrs. Simmons & Simmons und begann zu handeln. Er zahlte den Herren zehntausend Dollar für die Unkosten, die sie gehabt hatten.
Darauf baten Messrs. Simmons & Simmons Miß Minnie White zu sich ins Büro.
Mr. Henry Simmons empfing Miß White: „Wir haben vor einer halben Stunde eine längere Unterredung mit Mr. Ayres gehabt. Er hat endgültig erklärt, daß er nichts bezahle und daß er es ruhig sowohl auf den Prozeß als auch auf den Skandal ankommen lassen wolle. Er sagt, und ich glaube, er hat hier recht, daß, wenn wir es zum Skandal treiben, er seine Position verliert und er dann überhaupt nichts zu zahlen imstande ist, ganz gleich, wie der Prozeß ausgehen sollte. Er hat uns hier mit Tränen in den Augen eingestanden, daß er Sie aufrichtig liebe, und er hat uns gebeten, ein gutes Wort zu seinen Gunsten zu Ihnen zu sprechen. Er kann ohne Sie nicht leben, und er will Ihnen auch den Stutzwagen kaufen, den Sie sich so lange schon gewünscht hätten. Ich sehe wirklich nicht ein, Madam, warum sich zwei so nette Leute, wie Sie beide sind, nicht verstehen und lieben sollen. Was hat ein solches Streiten für einen Sinn. Sie haben auch ein wenig schuld, Madam. Seien Sie nicht so hart zu ihm. Er hat doch auch seine Sorgen und seine Ärgernisse.“ Miß Minnie bekam Tränen in die Augen. Es waren echte Tränen; denn jetzt hatte es keinen Zweck mehr, Tränen zu machen, um eine Summe herauszuquetschen.
„Er ist ja auch geplagt und gejagt und gehetzt, der arme Mann. Wie wir alle. Auch wie Sie, Miß White.“
Sie tränte ein wenig mehr, weil sie neben dem Mitleid für ihn nun auch Mitleid mit sich selbst bekam, als sie fand, daß auch ein Fremder fühlen konnte, wie sehr sie geplagt und gehetzt sei im Leben und ewig mit Leuten, die Geld von ihr haben wollten, auf ihren Fersen. Alle glaubten, eine Chortänzerin des Vanity könne über Millionen verfügen. Jedes Paar Schuhe, das eine andere Dame für fünfzehn Dollar bekam, mußte sie mit fünfundzwanzig bezahlen. So ging es mit ihren Strümpfen, mit ihrer Wäsche, ihren Hüten, und alle jene, die Trinkgelder bezogen, erwarteten von ihr das Dreifache dessen, was sie von anderen Leuten erhielten. Und wenn sie nicht das Dreifache zahlte, wurde sie verächtlich angesehen und behandelt, als wäre sie ein Mädchen der dunklen Straßenwinkel.
8
Wer ist Herr des Lebens? Der Präsident der Öl-Company? Oder der Rechtsanwalt, der die schäbigsten Ehescheidungsprozesse und Erpressungsmanöver übernimmt? Die Tänzerin eines Revue-Theaters? Rockefeller? Sinclair? Morgan? Der Präsident der Vereinigten Staaten? Keiner von denen, die als die Herren der Welt erscheinen, die Erdteile kaufen und verkaufen können, die Republiken gebären und vernichten können, Könige krönen und absetzen, Revolutionen erwecken und erwürgen können, keiner von allen denen ist Herr des Lebens. Sie alle sind in der Maschine, die da heißt „Das moderne Zeitalter“, „Unser heutiges Leben“. Sie werden darin herumgewirbelt und herumgeworfen wie kleine Körnchen, jetzt oben, nun unten, jetzt in der Mitte, nun in der Ecke, jetzt an der rechten Seite, nun an der linken.
Vielleicht war der Herr des Lebens Hacinto der Indianer, der La Rosa Blanca besaß, ohne sie zu besitzen. Er war vielleicht der Herr des Lebens bis zu jenem Tage, an dem herausgefunden wurde, daß La Rosa Blanca in ihrem Boden Öl trug.
Dann hörte auch Hacinto Yanyez auf, Herr des Lebens zu sein; denn nun wurde auch er ein Körnchen, das in der Maschine hin und her gewirbelt wird.
Vielleicht war Margarito der Herr des Lebens, Margarito, der die Mules dokterte, der die Sprache der Mules verstand, der höllisch fluchen und süße Balladen schmelzend singen konnte im selben Atemzug.
Vielleicht waren die Compadres der Rosa Blanca die Herren des Lebens. So lange, bis sie ihr Heimatland verloren.
Vielleicht war der Herr des Lebens der Löwe im Dschungel. Aber die Flöhe waren stärker als er; denn sie belästigten ihn, und er konnte sich ihrer nicht erwehren; ein Dorn, den er sich in die Tatze trat, war stärker als er, denn der Dorn machte ihn lahm; die Giftschlange, die ihn in die nackte Nase biß, wenn er unvorsichtig war, konnte ihn zu Fall bringen, und sie war darum stärker als er.
Vielleicht war der Herr des Lebens der farbenreiche Schmetterling, der von Blume zu Blume wogte und sich um nichts kümmerte, sein Leben auskostete, bis er sich im Netz einer Spinne verfing, die stärker war als er.
Vielleicht war der Herr des Lebens der klassenstolze Arbeiter, der seinen Vorarbeiter niederboxte und weidlich verprügelte, weil der Vorarbeiter, der sich stärker und mächtiger glaubte, ihn angebrüllt hatte. Aber der fleißige Arbeiter produzierte mehr, als der Markt aufnehmen konnte, und die Fabrik konnte den Mann nicht mehr bezahlen und mußte ihn entlassen; und seine Kinder zerfleischten den Arbeiter, weil sie hungrig waren und sich als Herr der Welt glaubten, dessen Sklave und Knecht ihr eigener Vater zu sein hatte.
9
Von der Office ihrer Anwälte aus telephonierte Miß Minnie White ihrem Freund Mr. Ayres, dem sie alles abbat, was sie ihm zugefügt hatte. Sie sagte, sie sei wahnsinnig gewesen und habe sich von einer Freundin aufhetzen lassen. Ob er nicht wieder gut sein wolle, sie liebe ihn über alles.
Mr. Ayres bat ihr auch alles ab, was er ihr angetan hatte, und erklärte, daß er allein die Schuld habe und daß er überglücklich sei, daß er sie wieder sein nennen dürfe.
Zwei Tage darauf reisten beide in seinem Tourenwagen nach San Diego hinunter. Das stundenlange Fahren auf der romantischen Autostraße entlang der pazifischen Küste führte die beiden inniger zusammen, als sie je vorher gewesen waren.
Das Zerwürfnis war beigelegt und vergessen. Es konnte beigelegt werden, nachdem die Anwälte erreicht – für sich erreicht – hatten, was sie wollten.
Das fernere Leben des Mr. Ayres und der Miß Minnie White hatte vorläufig kein Interesse mehr weder für Messrs. Simmons & Simmons noch für die Zeitungen. Die geschäftliche Seite der Angelegenheit war befriedigt worden, und sich für das Privatleben zweier Menschen, aus dem sich augenblicklich kein Dollar herausmünzen ließ, zu interessieren, ist unfair und schmutzig. Man kann aber keinem Amerikaner nachsagen, daß er unfair oder schmutzig sei. Er ist die Hilfsbereitschaft und die Gastfreundschaft in Person.
3
1
Mr. Collins mußte jetzt häufig an die Affäre des Mr. Ayres denken. Mr. Ayres war sein intimer Freund. Sie hatten beide dasselbe College besucht und gehörten beide denselben Klubs an. Deshalb war Mr. Collins eingeweiht in alle Einzelheiten jener Affäre. Die genaue Kenntnis jener Geschichte war ihm nützlich. Sie half ihm, auf der Hut zu sein.
Aber wie kann man auf seiner Hut sein, wenn die untere Hälfte des Körpers größere Ansprüche stellt als im Alter von zwanzig Jahren. Mit zwanzig Jahren hat man romantische Ideen, in denen manche rein natürlichen Wünsche des Körpers einem als schmutzig erscheinen und man an Keuschheit und an die Reinheit in der Liebe glaubt. Nicht weil der Mensch in jenem Alter edler ist, sondern weil er furchtsamer ist den Mädchen gegenüber und Mysterien wittert, die er nicht lösen zu können glaubt, ohne sich in schwere Gefahr zu begeben.