Part 17
Der Gouverneur sprang auf, und der Sekretär schrie: „Gouverneur.“
Für einen Augenblick sagte niemand etwas.
Der Gouverneur sah Senjora Yanyez an in einer Weise, als sähe er sie nicht.
Dann sprach die Frau erregt: „Er kann ja gar nicht schreiben, der Hacinto. Hat es nie gelernt. Kann auch nicht lesen. Alles, was zu schreiben ist auf der Hazienda, das schreibe ich. Ich habe es in der Schule gelernt. Bin sieben Jahre in die Escuela Mixta, in die gemischte Schule in Tuxpam gegangen. Jetzt schreibt alles der Domingo hier, den wir auch in die Schule geschickt haben. Aber Hacinto kann nicht schreiben.“
„Also Hacinto kann nicht schreiben“, sagte der Gouverneur und setzte sich wieder.
Die Frau, die noch immer die Dokumente in der Hand hielt, blickte wie verloren noch einmal über die Unterschriften, sah auch die Unterschrift der Quittung, verglich beide Unterschriften und sagte dann: „Außerdem, Senjor Gouverneur, ist der Name falsch geschrieben. Wir schreiben unseren Familiennamen nicht mit einem Y in der Mitte, sondern mit einem N und mit einer Tilde darüber. Nur am Anfang schreiben wir den Namen mit einem Y, in der Mitte nicht.“
Der Gouverneur nahm die Dokumente der Frau aus den Händen, sah gleichfalls auf die Unterschriften und sagte: „Das ist richtig. Ist mir zuerst gar nicht aufgefallen. Die Amerikaner schreiben Yanyez in der Mitte mit einem Y, weil sie kein N mit Tilde haben. Aber Mexikaner schreiben den Namen nie in der Weise. Wunder, daß dies dem Konsul nicht aufgefallen ist.“
„Kein Wunder“, mischte sich der Sekretär ein, „daß es dem Konsul nicht aufgefallen ist. Es kann jedermann seinen Namen schreiben, wie es von seinem Vater übernommen wurde. Auf die Schreibung von Namen finden die Regeln der Orthographie keine Anwendung. Und ob der Name so oder so geschrieben wird, er bleibt in der Aussprache ja immer der gleiche.“
„Hören Sie nun gut zu, Donja Concepcion“, sagte der Gouverneur freundlich zu Senjora Yanyez. „Wir werden sofort eine Untersuchung darüber einleiten, was hier an der Sache richtig und was unrichtig ist. Ich darf Ihnen hier amtlich nicht sagen, was ich denke; denn die Dokumente sind gesetzlich einwandfrei, ganz gleich, was dahinter an Unrichtigkeit verborgen sein mag. Ich bin verpflichtet als Gouverneur, die Dokumente als zu recht bestehend anzuerkennen, und ich bin verpflichtet, dem, der auf Grund dieser Dokumente das Recht hat, sich Besitzer zu nennen, zu seinen Rechten zu verhelfen. Wenn nicht anders, dann mit militärischer Gewalt.“
„Das heißt also“, sagte Senjora Yanyez erschreckt, „daß wir die Hazienda nicht mehr besitzen, daß wir und alle Leute herunter müssen von unserm Land.“
„Das ist richtig, Donja Concepcion. Die Company ist augenblicklich im Vorteil. Da können wir nichts tun. Die Company kann auf Grund der Dokumente hier die amerikanische Regierung anrufen, und die amerikanische Regierung wird dann auf diplomatischem Wege unsere Regierung zwingen, die Hazienda an den neuen Besitzer zu übergeben und ihn in jeder Weise in seinen Rechten zu unterstützen, selbst gegen ihre eigenen Bürger. Wenn Sie, Donja Concepcion, ähnliche Dokumente vorweisen können auf eine Hazienda, die in den Staaten ist, dann müßte Ihnen die amerikanische Regierung dort oben genau so gut helfen wie unsere Regierung den amerikanischen Bürgern hier in Mexiko helfen muß, wenn einwandfreie Dokumente die Besitzrechte klarstellen. Das sind internationale Rechte, die hier walten. Und nur dann, wenn wir in der Lage sind, zu beweisen, daß die Dokumente auf ungesetzliche oder gar verbrecherische Weise erlangt wurden, daß also die Dokumente den wirklichen Tatbestand unrichtig wiedergeben, können wir eingreifen und die Besitzübernahme vertagen, bis eindeutig und unzweifelhaft der wirkliche Besitzer festgestellt ist. In einem solchen Falle würde derjenige im Besitz und in der Nutznießung der Hazienda bleiben, der sie augenblicklich im Besitz hat. Das wären also Sie und Ihr Sohn. Aber wir können Sie nicht in dem Besitz lassen, weil bis jetzt die Dokumente als echt angesehen werden müssen. Klar gesagt, die Dokumente an sich sind echt. Wir, aber nur wir hier, bezweifeln die Echtheit der Unterschrift des Don Hacinto. Daß diese Unterschrift unecht ist, müssen wir erst beweisen.“
„Aber Hacinto kann doch nicht schreiben“, wiederholte die Frau eigensinnig.
„Das weiß ich, Senjora. Aber wir müssen es beweisen. Und das ist schwer.“
„Schwer?“ rief die Frau erstaunt aus. „Schwer, wenn ich alles schreiben mußte, weil er nicht schreiben konnte?“
„Es kann ihm ja jemand die Hand geführt haben, Donja Concepcion. Wir wissen das jetzt noch nicht.“
Daran hatte Senjora Yanyez nicht gedacht. Sie sah alle Hoffnungen, die aufgekeimt waren, schwinden.
„Sie müssen bedenken, Senjora“, sagte der Gouverneur, „daß die Unterschrift und der Verkaufsabschluß von mehreren Zeugen bestätigt worden sind. Alles Leute, die in angesehenen Stellungen sind.“
„Diese Leute sind Betrüger“, schrie Senjora Yanyez.
„Sie dürfen das sagen, ich nicht. Der Kontrakt und die Unterschriften sind außerdem amtlich bestätigt von einem vereideten Notar.“
„Alle Notare und Licenciados sind Betrüger“, sagte die Frau.
„Mag sein“, lachte der Gouverneur. „Aber wenn ich oder unser Konsul in San Francisco sagen, der amerikanische Notar ist ein Schwindler, so kann das sehr wohl zu einem Kriege zwischen unserm Lande und den Staaten führen. So schlicht läßt sich die Angelegenheit nicht zu Ihren Gunsten lösen. Leider nicht. Ich glaube nicht, daß Hacinto die Rosa Blanca verkauft hat. Das ist sicher. Aber was ich glaube, das gilt amtlich nicht. Ich komme also zu dem, was ich Ihnen nun sagen muß, Donja Concepcion. Es tut mir wehe, es Ihnen sagen zu müssen, aber es ist meine Pflicht als Gouverneur. Die Company ist im nominellen Besitz der Hazienda. Sie müssen ihr weichen, und alle Leute müssen hinaus. Da ist nichts dagegen zu tun. Wenn ein Betrug vorliegt und wenn wir den Betrug beweisen können, dann erhalten Sie die Rosa Blanca zurück mit allem Schaden ersetzt, den Sie materiell erlitten haben. Aber augenblicklich sind Sie im Nachteil. Ich werde mich sofort mit der Company in Verbindung setzen, und ich werde versuchen, die Company zu bewegen, daß Sie und so viele Familien wie möglich auf der Hazienda bleiben dürfen, bis sie alle die Ernte herein haben. Die Company beginnt wohl nicht gleich an allen Stellen zur selben Zeit zu bohren, so daß genügend Raum offen bleibt für Sie und für zahlreiche andere Familien.
„Aus allen den Gründen, die ich Ihnen sagte, möchte ich Sie bitten, den Ingenieuren keine Schwierigkeiten dort zu bereiten. Die Ingenieure sind ganz und gar schuldlos. Die sind Arbeiter, die von der Company bezahlt werden und darum tun müssen, was die Company ihnen befiehlt. Wollen Sie mir versprechen, Donja Concepcion, und auch Sie“ – er wandte sich an den Sohn –, „meiner Bitte zu folgen und den Besitzwechsel vorläufig anzuerkennen?“
„Den Besitzwechsel erkennen wir nicht an, nie, niemals“, rief die Frau erregt. „Wir haben auch nicht einmal das Geld. Nur wenn mir Hacinto selbst sagt, daß er die Hazienda verkauft hat, dann will ich es gern glauben, auch wenn man ihm alles Geld gestohlen hat. Aber so lange mir das Hacinto nicht selbst gesagt hat, erkenne ich nichts an und glaube ich nichts und behaupte, das ist ein infamer Betrug der Gringos, die unsere Hazienda haben wollen.“ Sie schwieg.
Der Gouverneur sah sie ruhig an, ohne ein Wort zu sagen.
Und unter dem Blick des Mannes, der so freundlich und so klar zu ihr gesprochen hatte, der ihr Gast gewesen war und dort in ihrem Hause so fröhlich gewesen war, begann sie sich zu beruhigen, als säße sie ihrem Vater gegenüber, der ihr nur Gutes wollte.
Sie schluckte einige Male, als ob sie aufkommende Tränen unterdrücken müßte oder Worte, die sie nicht sagen wollte.
Dann, noch immer unter dem ruhigen Blick des Gouverneurs stille haltend, sagte sie endlich ganz leise: „Gut, Senjor Gobernador, die Ingenieros mögen kommen und arbeiten, so viel sie wollen. Ich werde allen Leuten sagen, daß man sie in Ruhe läßt.“
Der Gouverneur stand auf, ging um seinen Tisch herum, kam zu der Frau, ergriff langsam ihre Hände wie einem Kinde, schüttelte die Hände, und endlich küßte er sie. Dann sagte er ebenso leise, wie die Frau gesprochen hatte: „Ich danke Ihnen, Conchita“ – Conchita ist der Kosename für Concepcion –, „ich danke Ihnen, daß Sie mir mein Amt erleichtern. Vergessen Sie nicht, daß Sie einen Freund in mir haben. Nicht nur als Gouverneur, sondern mehr als Ihr Freund und als der Freund Hacintos, verspreche ich Ihnen, daß ich mit allen Kräften arbeiten werde, die Wahrheit herauszufinden. Und ich verspreche Ihnen, daß, wenn ich die Wahrheit gefunden habe, daß dann die Weiße Rose nicht umsonst gebrochen wurde. Wenn sie auch vielleicht nicht mehr blühen kann in ihrer Schönheit, so soll sie doch nicht verwelken, nimmer verwelken. Sie soll eine Frucht tragen, die reifen wird. Und der Beginn der Reife soll der Anfang sein der Befreiung des Landes und seiner Bürger, damit wir ein Land besitzen, in dem eine jede Rose, ob weiß, oder rot, die Freiheit haben soll, zu blühen so schön sie will und so lange sie mag.“
Die Frau verstand seine Worte nicht. Aber sie fühlte ihren Sinn, und sie trug ihn in ihrem Herzen gleich dem ewigen Glauben der Menschen an eine endliche Erlösung aus aller Pein.
13
1
Der Gouverneur reiste Ende der Woche nach Mexiko City. Er suchte Licenciado Perez auf, fand ihn aber nicht in seiner Office.
Am späten Nachmittag ging der Gouverneur in ein Restaurant, wohin er sich mit einigen Senatoren verabredet hatte, um dort mehrere Sachen politischer Natur mit ihnen zu beraten. Als er den großen Saal des Restaurants betrat, sah er in einer Nische den Licenciado mit seiner Frau sitzen und Tee trinken. Er ging sofort zu ihm und bat ihn um eine kurze Unterredung. Die beiden Herren setzten sich an einen der kleinen Tische.
„Don Hacinto hat die Rosa Blanca verkauft“, sagte der Gouverneur ohne jede Einleitung.
„Ja, das ist richtig“, antwortete Senjor Perez, „ich habe als gesetzlicher Vertreter die Akten zur Registrierung an die Regierung geschickt.“
„Ist Ihnen an den Dokumenten etwas aufgefallen?“ fragte der Gouverneur.
Licenciado Perez blickte scharf auf: „Warum, Senjor Gobernador? Ja. Mir ist daran aufgefallen, daß die Dokumente nicht in der Office unseres Konsuls unterzeichnet wurden. Aber das kann gute Gründe haben. Die Urkunden sind rechtsgültig bestätigt vor einem öffentlichen amerikanischen Notar. Alle Unterschriften und die Übersetzung sind jedoch von unserm Konsul bestätigt, der alle Unterzeichner persönlich kennt.“
„Kannte unser Konsul auch Don Hacinto persönlich, als er die Unterschriften bestätigte?“ fragte der Gouverneur.
„Das kann ich nicht wissen“, antwortete Senjor Perez.
„Haben Sie von uns schon die amtliche Bestätigung erhalten, daß die Dokumente registriert sind?“ fragte der Gouverneur.
„Die amtliche Bestätigung habe ich noch nicht in Händen, aber Senjor Jazmines vom Registeramt hat mir auf meine Anfrage mitgeteilt, daß die Registrierung erfolgt sei“, sagte Senjor Perez.
„Das ist richtig. Die Registrierung ist erfolgt“, bestätigte der Gouverneur. „Ehe Sie der Company mitteilen, daß die Registrierung erfolgt ist, möchte ich Sie noch sprechen. Wenn irgend möglich morgen schon, weil ich übermorgen früh zurückreisen muß.“
„Gut“, antwortete der Licenciado. „Morgen ist zwar Sonntag, aber ich werde um elf Uhr in meiner Office sein, und wir können dort allein und ungestört sprechen.“
„Bueno, also morgen um elf“, sagte der Gouverneur. „Entschuldigen Sie mich jetzt, Licenciado, dort sind die Herren, mit denen ich zu verhandeln habe.“
2
Als der Gouverneur und der Licenciado am nächsten Morgen beisammensaßen, schoß der Gouverneur sofort auf sein Ziel los: „Ist es Ihnen nicht aufgefallen, daß Don Hacinto so rasch verkaufte, sobald er dort in San Francisco war?“
„Nein, das ist mir nicht aufgefallen. Um so weniger, als man ihm nun in Dollars zahlte, was ich ihm nur in Pesos geboten hatte. Einer so hohen Summe konnte er wohl nicht widerstehen.“
„Don Hacinto hat den Kontrakt unterschrieben, im Original und in allen Kopien“, sagte der Gouverneur.
„Ja, das hat er“, bestätigte der Licenciado.
„Wissen Sie, Licenciado“, fragte nun der Gouverneur scheinbar sehr ruhig, „daß Don Hacinto nicht schreiben kann?“
„Was?“ schrie Senjor Perez. „Er kann nicht schreiben?“
„Nein, keinen einzigen Buchstaben.“
Nach einer Weile ruhigen Überlegens sagte Senjor Perez: „Man kann ihm die Hand geführt haben. Das ist gesetzlich zulässig.“
„Richtig. Aber dann muß das in einem so wichtigen Dokument ausdrücklich bestätigt werden von einem Notar, ebenso wenn an Stelle des Namens des Unterzeichners, der des Schreibens unkundig ist, eine Figur oder drei Kreuze gemalt werden.“
„Ja, Sie haben recht, Gouverneur“, sagte der Anwalt, „das hätte bestätigt werden müssen, um Rechtskraft zu bekommen.“
Der Gouverneur dachte eine Weile nach.
Endlich sagte er: „Nun einige andere Fragen, Licenciado. Einige Rechtsfragen.“
„Bitte, fragen Sie.“
„Halten Sie es für möglich, daß die Zeugen, die unterzeichnet haben, der Syndikus, der Notar, der Vizepräsident, Schurken sind?“ fragte der Gouverneur.
Senjor Perez lachte laut heraus: „Aber, Senjor Gobernador, das ist eine Frage! Wie kann ich wissen, ob alle diese Leute Schurken sind. Sie alle sind angesehene Herren, achtbare Männer vor dem Gesetz und vor der großen Öffentlichkeit. Was sie in ihrem wahren Charakter sein mögen, der einer Öffentlichkeit nicht bekannt ist, kann natürlich niemand wissen. Und was weder Gesetz noch Öffentlichkeit wissen, darf uns nicht kümmern, was immer wir auch von jemand denken mögen in unserer privaten Meinung.“
„So ungewöhnlich ist jedoch meine Frage nicht“, rechtfertigte sich der Gouverneur. „Ich will mich klarer aussprechen. Gesetzt den Fall, es liegt hier ein Verbrechen oder, sagen wir milder, eine Ungesetzlichkeit vor, glauben Sie, daß so viele achtbare Männer bei einer so folgenschweren Ungesetzlichkeit Hilfe leisten würden?“
„Nein, das glaube ich nicht“, sagte der Licenciado. „Jeder einzelne dieser Herren mag vielleicht eine schwere Ungesetzlichkeit begehen. Warum nicht? Aber keiner von denen wird je irgend etwas Ungesetzliches tun in Gemeinschaft anderer. Das ist gefährlich. Ein solcher Mann ist immer in Händen dessen, der Zeuge war. Dazu sind solche Männer zu intelligent und zu vorsichtig.“
„Das ist es, das ist es ganz genau, was ich dachte“, erwiderte der Gouverneur. „Wenn also hier eine Ungesetzlichkeit vorgekommen ist, so ist es durchaus möglich, daß keiner der Zeugen weiß, was vorgekommen ist?“
„Ich verstehe nicht ganz, was Sie meinen, Gobernador.“
„Gut. Also ich meine: Waren alle Zeugen gleichzeitig zugegen, als Don Hacinto den Kontrakt und die Kopien unterschrieb?“
„Das kann ich nicht wissen“, sagte der Licenciado der Wahrheit gemäß.
„Freilich nicht, Senjor Perez, freilich können Sie das nicht wissen; denn Sie waren ja selbst nicht zugegen. Wie geht denn das gewöhnlich zu bei einer solchen Vertragsabschließung?“
„Ah, Gobernador, jetzt endlich habe ich begriffen, worauf Sie hinzielen“, sagte Senjor Perez. „Ein Vertrag, besonders ein so wichtiger Vertrag wie dieser hier, wo es sich um ein großes Objekt handelt, soll eigentlich, um allen Bedingungen gerecht zu werden, im Beisein aller Unterzeichner abgeschlossen werden. Soll eigentlich, aber geschieht meist nicht, und die Gesetze sagen wenig Genaues hierüber. In vielen Fällen, ich kann aus meiner eigenen Praxis sagen, in den meisten Fällen, geht das so vor sich: Ein Verantwortlicher der Company, hier also war es der erste Vizepräsident, unterzeichnet den Vertrag, der ihm von dem Syndikus oder einer andern Person vorgelegt wird. Er unterzeichnet ihn in seiner Office gleichzeitig mit hundert andern Kontrakten und Briefen. Sieht meist gar nicht hin, was er unterzeichnet, weil er sich auf sein Personal verläßt. Dann wird der Vertrag dem andern Kontrahenten vorgelegt, hier also dem Senjor Hacinto Yanyez. Auch der unterzeichnet ihn an dem Orte, wo ihm der Vertrag vorgelegt wird, vielleicht in seinem Hotelzimmer. Dann geht der Vertrag zu dem einen Zeugen und dann zu dem andern, zu jedem allein. Alle diese Unterzeichner kennen sich meist persönlich und kennen ihre gegenseitigen Signaturen, die auch meist registriert sind. Der Vertrag geht dann, wenn es erforderlich ist, zu dem Notar, der die Unterschriften bestätigt, weil er ebenfalls alle Unterzeichner persönlich und deren Unterschriften kennt. Irgendwelche Bedenken hat er nicht, weil ihm der Vertrag eingereicht wird von einer angesehenen und bekannten Company, über deren Rechtschaffenheit kein Zweifel besteht. Das wird so gemacht und muß meist so gemacht werden, weil es sehr oft ganz unmöglich ist, alle Unterzeichner an demselben Ort und zu derselben Zeit zusammen zu haben. Der eine wohnt vielleicht in Chicago, der andere in Albany, wieder ein anderer in Phoenix. Kommt nun ein Vertrag mit den Unterschriften so achtbarer und bekannter Herren und mit der Beglaubigung eines Notars versehen zu unserm Konsul oder zu einem andern Konsul, so wird der gar keine Bedenken haben, die amtliche Bestätigung zu geben. Er hat meist gar keine Zeit, den Vertrag genau durchzusehen und lange darüber nachzudenken, daß an den Unterschriften etwas nicht stimmen könnte. Man muß heute sehr viel Vertrauen sich gegenseitig entgegenbringen. Würde man das nicht tun, gäbe es solche Zeitverluste, daß alles Wirtschaftsleben ins Stocken geriete.“
„Es ist also dann möglich“, sagte jetzt der Gouverneur, „daß eine andere Person und nicht Don Hacinto unterzeichnet haben kann.“
„Das ist natürlich möglich. Und bei der ganzen Vertragsabschließung braucht nur eine einzige Person wirklich die Wahrheit zu wissen, während alle übrigen Unterzeichner in der Tat unschuldig sind und man ihnen nach den obwaltenden Umständen nicht einmal vorwerfen kann, daß sie fahrlässig gehandelt hätten, weil der ganze Geschäftsverlauf in der üblichen und gewohnten Weise vor sich gegangen ist.“
„Ganz genau so, wie ich mir gedacht habe, daß es geschehen sein könnte“, sagte der Gouverneur. „Betrachten wir den Fall weiter. Wenn nun einer der wichtigsten Unterzeichner, sagen wir Don Hacinto, aus der Welt verschwindet, dann kann nie der Beweis beigebracht werden, daß er den Vertrag nicht unterzeichnet hat.“
„Doch, Senjor Gobernador“, erwiderte der Anwalt. „Man kann seine Unterschrift, die auf dem Kontrakt und in den Kopien, von Sachverständigen vergleichen lassen mit andern Unterschriften, die Don Hacinto irgendwo und irgendwann gegeben hat und von denen man ganz zweifelsfrei weiß, daß es sich um legitime Unterschriften seiner Person handelt.“
„Ein solcher Beweis ist aber nicht zu erbringen“, wandte der Gouverneur ein, „wenn frühere Unterschriften des Don Hacinto nicht existieren.“
„In einem derartigen Falle dann freilich nicht“, sagte Licenciado Perez.
Der Gouverneur dachte eine Weile nach. Dann: „Wahrscheinlich war der Mann, der an Stelle des Don Hacinto unterzeichnete, ein Mexikaner, der sich vielleicht gar als ein Mann mit dem Namen Yanyez ausweisen konnte. Der Name Yanyez ist ja nicht gerade häufig, aber doch genügend oft vorhanden, um jemand mit diesem Namen vorzuschieben. Sehr möglich, daß der vorgeschobene Mann gar nichts wußte, unterschrieb da etwas, von dessen Inhalt er wenig verstand. Man gab ihm einige Dollar in die Hand, und der arme Teufel tat, was man von ihm verlangte, froh darüber, daß er so leicht zwanzig oder fünfzig Dollar verdienen konnte. Möglich, daß jener Mann nach der Unterzeichnung verschwand. Was gilt dort drüben ein armer mexikanischer Arbeiter. Sie werden zu Dutzenden erschlagen, und niemand erfährt es. Wenn hier in Mexiko ein Amerikaner von Banditen erschlagen wird, dann erfährt es sofort die ganze Welt, und die ganze Welt entrüstet sich über die Unsicherheit in Mexiko.“
Plötzlich, gleich einem Donnerschlag, schlug die Stimme des Gouverneurs auf den Licenciado ein: „Wissen Sie auch, Perez, daß Don Hacinto noch nicht zurückgekehrt ist aus den Staaten?“
Senjor Perez fuhr erschreckt auf: „Was sagen Sie da? Nicht zurück?“
„Nein, er ist nicht zurück“, wiederholte der Gouverneur. „Niemand daheim hat irgendeine Nachricht von ihm erhalten. Niemand weiß, wo er ist, niemand weiß, wo das Geld ist, das er empfangen hat.“
„Das ist doch nicht möglich, Gobernador“, sagte der Licenciado, immer erregter werdend. „Das kann doch gar nicht sein!“
„Es ist aber so“, nickte der Gouverneur. „Und nun will ich Ihnen sagen, was ich denke. Don Hacinto hat den Kontrakt nicht unterschrieben; denn erstens wollte er die Rosa Blanca nicht verkaufen, und zweitens konnte er nicht schreiben. Don Hacinto hat die Hazienda nicht verkauft. Die Unterschrift hat irgendein mexikanischer Arbeiter für ein paar Dollar gezeichnet. Das war schlau, denn wir schreiben ja die Buchstaben ein wenig anders als die Amerikaner. Hätte ein Amerikaner unterschrieben, so würde man sofort gesehen haben, daß der Unterzeichner nicht Mexikaner war. Man hat einen Arbeiter oder einen Schuljungen hergenommen, um die Unterschrift so ungelenk erscheinen zu lassen, wie gewöhnlich die Unterschrift eines wenig schreibgewandten Landmannes aussieht. Nach meiner festen Überzeugung ist Don Hacinto dort oben ermordet worden, als er nicht zu bewegen war, die Hazienda zu verkaufen.“
„Aber das ist ja unerhört, was Sie da sagen, Senjor!“ rief der Licenciado.
„Keineswegs unerhört“, sagte der Gouverneur ernst. „Sie haben mir ja soeben bestätigt, wie solche Verträge unterzeichnet werden, daß also die Unterzeichner nicht alle am gleichen Ort und zu gleicher Zeit bei der Unterzeichnung zugegen zu sein brauchen, weil sich eine Person auf die Rechtschaffenheit der andern verläßt. Ich gebe zu, daß dies eine rechtsgültige Handlung ist, weil – Sie gaben mir ja die Gründe an – es sonst oft nicht möglich sein würde, einen Vertrag abzuschließen, denn man kann die Personen nicht alle immer beisammen haben. Ich unterzeichne auch die meisten Verträge und Briefe, die mir von meinen Leuten hier vorgelegt werden, im Vertrauen auf die Zuverlässigkeit meiner Sekretäre. In dem Falle des Don Hacinto freilich gab das eine Möglichkeit, einen Vertrag zu erschleichen. Ich bin überzeugt, daß Don Hacinto das Geld nicht bekommen hat, und wenn er es bekam, so wurde es ihm wieder abgenommen, sobald er ermordet war.“
„Ich kann das nicht glauben“, sagte Senjor Perez. „Ich kenne den Präsidenten der Company, den Mr. Collins, persönlich. Er macht auf mich nicht den Eindruck, daß er zu einer so grauenhaften Tat seine Zustimmung geben würde.“
„Sie als Anwalt, lieber Perez, sollten doch recht vorsichtig sein, die Menschen lediglich nach ihrem Eindruck, den sie auf andere Menschen machen, zu beurteilen. Es handelt sich ja nicht um einen gemeinen Mord im üblichen Sinne. Einen gemeinen Mord begeht ein solcher Mann natürlich nicht. Aber hier ist der Mord nach der Auffassung des Mannes nötig im Interesse seiner Company. Er, jener Präsident, betrachtet einen solchen Mord mehr als einen politischen Mord. Und bei politischen Morden nimmt das Gewissen gewöhnlich eine andere Stellung ein als bei einem Morde, der rein persönlichen Interessen dient. Vielleicht lag der Mord nicht in den Plänen des Präsidenten. In seinen Plänen lag nur der Besitz der Hazienda. Er gab dann einem Subjekte den Auftrag, den Verkauf der Hazienda durchzusetzen um jeden Preis. Jenes Subjekt, nicht die Intelligenz und Ruhe des Präsidenten besitzend, wählte dann den kürzesten und rohesten Weg, um den Auftrag, der ihm gegeben war, zu erfüllen. Jenes Subjekt mag der Mann gewesen sein, der auf der Hazienda war und der Don Hacinto nach den Staaten gelockt hat. Aber das ist nur eine Vermutung.“
„Sollte nicht vielleicht alles nur Vermutung sein, was Sie mir hier gesagt haben, Gobernador?“ fragte Senjor Perez.
„Gestern war alles nur Vermutung. Heute, nach der Unterredung mit Ihnen, die mir Aufklärung gab über die Art und Weise, wie solche Verträge unterzeichnet und bestätigt werden, bin ich gewiß, daß meine Vermutung richtig ist oder wenigstens, daß sie der Wahrheit sehr nahe kommt. Wir haben jetzt nur noch eine Möglichkeit, die Wahrheit herauszufinden. Bei allen Verbrechen wird immer ein Fehler gemacht. Es wird auch hier ein Fehler gemacht worden sein. Und ich vermute – ich betone diesmal, ich vermute nur –, daß der Vertrag unterzeichnet wurde, nachdem Don Hacinto bereits ermordet war oder nachdem man ihn geschickt – wie das dort oft gemacht wird – in irgendeiner Weise verunglücken ließ, auf der Jagd oder auf der Bahn oder im Auto oder beim Baden oder beim Segeln. Wir müssen versuchen, seinen Leichnam zu finden und festzustellen, wann er starb. Können wir dann vergleichen, daß der Vertrag unterzeichnet wurde, nachdem Don Hacinto tot war, dann haben wir den Betrug erwiesen.“
„So etwas dürfte schwerfallen“, meinte der Licenciado.
„Das weiß ich, Senjor Perez. Es ist nur eine Idee von mir. Aber ich werde dieser Idee folgen. Ich möchte Sie bitten, mir hierbei zu helfen. Sie sind ja nicht nur der Vertreter jener Company, Sie sind ja auch Mexikaner, nicht wahr, Senjor Perez?“