Part 14
Mr. Abner war ja kein Grünhorn und wußte sofort, was Mr. Collins damit meinte. Abends, in einem Winkel, gab es Senge. Und was für welche! Und wenn die Senge abgeheilt war, so konnte Mr. Abner nach Osten oder nach Westen ziehen, nach Süden, Norden oder Zentral, er war keine zwei Wochen in Stellung und das Haus bekam einen Brief mit dem Inhalt, daß sich Mr. Abner eines unerhörten Vertrauensbruches schuldig gemacht habe, daß er unzuverlässig sei, weil er ein wackliges Maul habe. Selbst wenn das Haus Mr. Abner hätte behalten wollen, weil vielleicht hier ein verwackeltes Zungenwerk keinen Schaden stiften konnte, so wollte es doch kein Haus, sei es klein oder groß, mit dem mächtigen Mr. Collins verderben, und Mr. Abner mußte weiterziehen, und wenn er großes Glück hatte, konnte er als Reporter arbeiten auf Provision. Und das ist ein stachliges Bettchen, Gnade Gott dem Schächer.
Aber Mr. Abner war nicht verwöhnt. Skrupel kannte er nicht. Schlimmere Dinge als in seinem ersten Anwaltsbüro konnten nicht vorkommen. Außerdem, eine Condor Oil Company läßt niemand, der ihren Dreck gefressen hat, im Gefängnis verrosten. Eine Condor Oil Company kennt den Wert einer Arbeit und bezahlt den vollen Wert. So nahm Mr. Abner den Brummerposten an mit allen Bedingungen, die damit verknüpft waren und noch verknüpft werden konnten, ohne daß sie jetzt erwähnt wurden.
4
Dieser Mr. Abner war es, der nun in die Privatoffice des Mr. Collins gerufen wurde.
Nachdem sich Mr. Abner gesetzt hatte, nachdem ihm eine der besten Zigarren angeboten worden war, setzte sich Mr. Collins ihm gegenüber. „Abner, ich habe eine Spezialsache für Sie“, begann Mr. Collins. „Eine Sache, die ich nur Ihnen anvertrauen möchte, weil ich unter allen Herren keinen weiß, der diese Sache geschickter und klüger handeln könnte als Sie.“
So war noch nie in seinem Leben mit Mr. Abner geredet worden. Mr. Collins hätte jetzt von ihm verlangen dürfen, daß er allein nach Tibet reisen, dort die Buddha-Figur aus dem Tempel stehlen und nach Amerika bringen müßte. Mr. Abner hätte es getan oder wenigstens versucht.
„Die Sache liegt so, Abner. Wir haben da unten in Mexiko, im Staate Veracruz, große Ölländereien unter Kontrolle. Mitten drin, und sehr unbequem für uns, ist eine Farm, oder wie man da unten wohl sagt, eine Hazienda. Heißt La Rosa Blanca. Blöder Name für eine Farm. Aber die Leute sind einmal so. Können wir nicht ändern, ehe wir da nicht einmal fest zugreifen.
Na also, die Hazienda müssen wir haben, weil sie uns in unserer Bewegungsfreiheit hindert. Hat schwer Öl. Wir rechnen mit Brunnen von fünfzigtausend und vielleicht von achtzigtausend Barrels in jenem Gelände. Der Besitzer ist ein verlauster Indianer. Halb verblödet, wie diese Indianer alle sind. Weiß nicht, was er will. Ein Faß Branntwein täte es. Und ein paar tausend blanke Dollar dem Bürgermeister der Gemeinde, zu der die Hazienda gehört, in die Hände geschoben. Aber seit der Revolution haben die Leute da unten ja alle den Größenwahn bekommen. Reden sich die Mäuler aus dem Gelenk und denken, sie müßten alles Öl für sich allein haben oder für die Nation, wie sie sagen. Wir haben dem verrückten Nigger, der die Hazienda besitzt, tausend Dollar für den Hektar angeboten, rund vierhundert Dollar für den Acre. Denken Sie, dieser Feuerfresser will dafür verkaufen? Er will nicht. Und der Hektar da unten ist wert zwei Dollar im Durchschnitt. Wir haben unter dem Regime des alten Ruprecht Porfirco Diatsch, oder wie der alte Fuchs geheißen hat, Tausende von Hektar Land für fünfundzwanzig Cent den Hektar gekauft. Natürlich mit einem Tausender für den Bonzen, der da amtlich was zu sagen hat. Aber wie erwähnt, seit der Revolution sind diese Schmierkadetten bockbeinig geworden wie alte Mules. Die Anwälte, die wir da unten haben, sind keine Haselnuß wert. Kosten uns eine Unmasse Geld und tun nichts. Sitzen den ganzen Tag und die ganze Nacht in ihrem Harem. Wissen Sie doch, daß da unten in Mexiko noch die Vielweiberei herrscht?“
„Weiß ich“, bestätigte Mr. Abner. „Hab’s erst gestern wieder gelesen in einer Novelle in der Zeitschrift Action Stories.“
„Ja, na dann kennen Sie ja das Land und die Leute, die da hausen. Wissen Sie, wieviel Generale die da unten haben? Das wissen Sie nicht. Aber ich habe es von Mr. Halburn, der im letzten Sommer unten war. Die haben so viel Generale, daß jeder einzelne Soldat seinen eigenen General hat. Und wenn ein Soldat stirbt, dann duellieren sich zwei Generale, und der General, der überlebt, bekommt dann wieder einen Soldaten, den er kommandieren darf, damit er General bleiben kann. Die Agenten, die wir da unten haben, taugen auch nichts. Telegraphieren nur immerfort um Diäten und Bestechungsgelder, die sie zu zahlen haben, aber wenn wir was haben wollen von ihnen, dann schreiben sie, es sei gegenwärtig nichts zu machen, ehe wir nicht Waffen schicken, um den Banditen und Rebellen zu helfen, die Regierung zu stürzen.
Sie sehen also, Abner, daß man da direkt und auf geradem Wege nichts erreichen kann. Die Leute sehen nicht, wo ihr Glück ist. Ich habe nun die Überzeugung gewonnen, daß weder die Anwälte noch die Agenten ernsthaft etwas getan haben, um den Kauf der Hazienda durchzubringen. Die Leute verstehen nicht die Psychologie des Kaufens. Darum kommen sie auch zu nichts und betteln uns ewig an. Wenn wir direkt mit dem Indianer – er läuft nackt herum, wie mir gesagt wurde – verhandeln könnten, dann könnten wir ihm klarmachen, welche Vorteile es für ihn hat, seine Hazienda für gutes Geld zu verkaufen und sich irgendwo anders in Mexiko oder in Arizona eine größere und schönere Farm dafür zu kaufen, mit allen Maschinen und guten Straßen und einem guten Absatzmarkt für seine Produkte.“
Mr. Abner unterbrach hastig und sagte: „Jetzt verstehe ich, Mr. Collins, was zu tun ist. Wir müssen den Indianer hierherbringen in die Office. Dann können wir ihn unter Feuer nehmen.“
5
Mr. Collins hatte eigentlich nicht daran gedacht, den Indianer Hacinto nach San Francisco zu bringen. Er hatte mehr daran gedacht, daß man versuchen sollte, eine Zusammenkunft mit Hacinto in seinem Lande zu ermöglichen, vielleicht in Mexiko City oder in San Luis Potosi, daß man dann tüchtige Leute mit ihm verhandeln ließe und daß man ihn in der Stadt zerstreue, betrunken mache, mit ihm in die Lichtspiele ginge, daß man ihn mit Geschenken für ihn und seine Frau übertölpele und seine Abreise verzögere mit allen Mitteln, bis er zugestimmt habe. Mehr in dieser Weise hatte sich das Mr. Collins gedacht, als er sagte, daß man direkt mit ihm verhandeln müßte.
Aber der Einwurf des Mr. Abner brachte ihn auf die bessere Idee. Wenn es gelingt, Hacinto nach den Staaten, vielleicht gar nach San Francisco zu locken, dann ist der Ankauf der Rosa Blanca gesichert.
Und nachdem Mr. Abner den Vorschlag selbst gemacht hatte, änderte Mr. Collins sofort seinen Plan und sagte: „Das ist das beste, das einzige, was wir tun müssen. Wir müssen den Mann hierherbekommen, hier nach San Francisco, in unsere Office. Hier können wir mit ihm den endgültigen Preis festsetzen und ihm in Ruhe die Vorteile klarmachen, die er durch den Verkauf erzielen kann. Wir können ihm hier schöne Farmen zeigen und sie ihm zum Tausch anbieten. Die werden ihn schon verlocken. Kann er doch dann selbst sehen, was sich mit Geld alles machen läßt. Er wird gar nicht mehr zurück wollen auf seine alte verluderte und verdreckte Hazienda. Die Leute sind da noch so weit zurück. Sie werden es nicht glauben, Abner, aber es ist wahr, die reiben den Mais noch auf einem Stein wie die Höhlenmenschen.“
Mr. Collins war oft in Mexiko gewesen. Manches Jahr zweimal, um die Felder zu inspizieren und sich Informationen an der Quelle zu holen. Aber wie alle seinesgleichen, wußte er von dem Lande und von den Menschen, die es bewohnen, gar nichts. Wo sollte er es auch herwissen? Er wohnte im Hotel Imperial in Tampico, aß nur in amerikanischen Restaurants und raste im Auto von Ölfeld zu Ölfeld. In den Feldern sah er sich die mexikanischen Arbeiter überhaupt nicht an. Kaum daß er mit den amerikanischen Drillern und Timekeepern einige Worte redete über die Art des Geländes, in dem sie bohrten. Und wenn er mit seinem Auto übers Land sauste, dann flog er an den Hütten der indianischen Landleute vorüber, ohne auch nur einen Blick in das Leben jener Menschen zu tun. Er sah nur die Schilfhütten, die Palmdächer, die Lehmhäuser, die nackten Kinder, die barfüßigen Männer und Frauen, die herumlaufenden Schweine und Hühner, die seinem Automobil immer im Wege waren. Aber vom Lande wußte er nur das, was er in den amerikanischen Zeitungen und in den Romanen und Novellen der Zeitschriften las, die Thriller, den Leser aufregende Sensationsgeschichten, brachten. Wenn er von Mexiko hörte, dann hörte er nur immer von Banditen, von Rebellionen, von Revolutionen, von Revolverschießereien im Parlament, von Dreck, von Unwissenheit, von abergläubischem Katholizismus. Das war das Mexiko, das er kannte.
Es war jedoch ein Gleichgewicht in der Welt vorhanden: Wenn der Mexikaner von Amerika, von den Estados Unidos, hörte, so waren es immer nur Millionäre und Milliardäre, die dort wohnten, denn Amerikaner, die nicht wenigstens Millionäre waren, gab es nicht. Nicht für den Mexikaner. Jeder Amerikaner ist Millionär, und wenn er nicht Millionär ist, so ist er nicht Amerikaner. Nach der Meinung der Mexikaner leben alle Amerikaner nur in Wolkenkratzern, weil es andere Häuser in Amerika nicht gibt. Und es gibt nur einen einzigen Amerikaner, der etwas anderes tut, als Geld zu machen und die armen Mexikaner auszurauben, und das ist Mr. Limber, un hombre muy simpatico, ein sehr sympathischer Mensch, dessen Name sich aber sehr schwer aussprechen läßt, weshalb der Mexikaner statt Mr. Lindbergh einfach Mr. Limber sagt, und jeder weiß, wer gemeint ist.
Diese eingehende Kenntnis eines Volkes gegenüber dem Nachbarvolke ist der Aufklärungsarbeit der Zeitungen zu verdanken. Denn jeder weiß, daß die Zeitung nur eine große Aufgabe zu erfüllen hat, die Menschen aufzuklären und ihnen nichts als die reine Wahrheit zu verkünden.
Und was Mr. Collins nicht aus den Zeitungen und Zeitschriften über Mexiko und über die Mexikaner lernte, das erfuhr er aus den Anekdoten, die man sich im Hotel erzählte, um sich die Langeweile zu vertreiben, Anekdoten, die nicht in Mexiko erfunden waren, sondern die dem Life, dem Judge und anderen amerikanischen Witzblättern entnommen waren.
6
So war es durchaus erklärlich, daß Mr. Collins die Mexikaner, und nun insbesondere den widerspenstigen Indianer Hacinto Yanyez, so einschätzte, daß sie sich geräuschlos einfügten in seine Kenntnis von Mexiko und von den Mexikanern. Daß es auf Erden Menschen geben konnte, die den Wert des Geldes nicht begriffen, die nicht wußten, was für eine wundervolle, was für eine heilige Sache tausend schöne blanke Dollar sind, das war etwas, das Mr. Collins nicht verstehen konnte. Er glaubte es auch nicht, daß es so etwas gäbe. Er glaubte nur, daß die Höhe einer Summe einen Menschen bewegen könnte, etwas zu tun oder etwas nicht zu tun. Daß es aber Menschen geben könnte, denen Geld gleichgültig war und die andere Dinge viel höher schätzten als Geld, das glaubte er nicht. Und wenn jemand behauptete, daß ihm irgendein Ding, ein materielles oder ein seelisches Ding mehr wert sei als money, als selbst die höchste Summe von money, so war das nach seiner Meinung nur ein Trick, um eine höhere Summe herauszuarbeiten.
„So ist Ihnen nun Ihre Aufgabe klar, Mr. Abner“, fuhr Mr. Collins in seiner Rede fort. „Sie haben den Mann, diesen Don Hacinto, hierherzubringen. Ich überlasse es ganz Ihrer Klugheit, in welcher Weise Sie das erzielen. Die Beträge, die für diesen Zweck notwendig sind, stehen zu Ihrer Verfügung. Freilich warne ich vor einem: Kein Verbrechen, Abner. Das decke ich nicht. Vor allen Dingen dürfen Sie den Mann nicht kidnappen, nicht hinterrücks stehlen und entführen und hierherbringen. Etwa gar narkotisiert. Das gibt eine Schweinerei, für die Sie selbst zu bezahlen haben. Das sage ich Ihnen hiermit ausdrücklich. Das würde uns auch nicht helfen. Die mexikanische Regierung könnte den Vertrag dann anfechten, und wir sausen böse ab. Der Mann muß freiwillig kommen. Wie Sie das zuwege bringen, ist nun Ihre Sache. Ich halte Sie für klug und für intelligent genug, das geschickt zu tun. Darum haben wir auch Sie, Mr. Abner, für diese schwierige Aufgabe gewählt. Wenn der Mann hier in San Francisco ist, dann erhalten Sie eine Sonderprämie von zehntausend Dollar. Vorausgesetzt natürlich, wie ich bereits sagte, daß Sie keine Gewalt und kein Verbrechen ausgeübt haben, ihn hierherzuschaffen. Ich habe mich doch klar ausgedrückt, Mr. Abner? Nicht wahr? Gut. Wenn der Mann dann hier ist, wäre Ihre Aufgabe in der Hauptsache erschöpft. Das übrige, was dann zu tun ist, wird die Aufgabe anderer Herren sein, deren Spezialität es ist, Käufe abzuschließen. Sie reisen vielleicht noch in dieser Woche hinunter nach Mexiko, um den Fall an seiner Quelle zu studieren und die richtigen Maßnahmen zu treffen. That’s all. Damit wären wir zu Ende. Sie kennen Ihre Aufgabe. In den Einzelheiten verlasse ich mich ganz auf Ihre Geschicklichkeit.“
7
So notwendig und so dringend wie Mr. Collins seine fünf Millionen Dollar benötigte, so notwendig und dringend benötigte Mr. Abner eine Prämie von zehntausend Dollar und eine besondere Anerkennung der Company für gute Leistung.
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Die wilde Gier des Mr. Collins nach dem Besitz der Rosa Blanca war keineswegs eine reine Profitgier, wenngleich er nicht einen Moment lang seine Absicht aus den Augen verlor, fünf Millionen Dollar außerordentlichen Gewinn heranzuschaffen.
Seine Erklärung für sein brutales Vorgehen war nicht ganz so skrupellos kapitalistisch, wie es dem Fernstehenden erscheinen mag. Er war durchaus kein Unmensch. Als Mensch war er weder Mörder noch Spitzbube. Als Mensch war er liebenswert. Andernfalls hätte Betty ihn nicht einen Tag lang als ihren Freund und Geliebten geduldet. Hätte er die Rosa Blanca besucht, hätte er die Fähigkeit gehabt, das Wesen der Weißen Rose, das ihres Besitzers und ihrer Bewohner zu verstehen und zu begreifen, hätte er sie mit Liebe sehen können, statt mit einem bloßen geschäftlichen Interesse, dann wäre er gewiß der Mensch gewesen, der mit aller seiner Macht die Weiße Rose vor dem Brechen und dem Verwelken geschützt haben würde. Aber, fern von ihr, fern von ihrer Seele, sah er in ihr nur ein Objekt. Er sah in ihr nur eine amerikanische Farm.
Keine einzige amerikanische Farm, die er kannte, war eine Heimat. Keiner von den Farmern, die er kannte, dachte nur eine Minute lang daran, die Farm, auf der er lebte, zu einer Heimat zu machen. Wer eine Farm kaufte, rackerte sich halb zu Tode, um die Farm hochzubringen. Aber nicht hochzubringen mit der Absicht, sie zu einem dauernden Heim zu gestalten, sondern sie hochzubringen mit der Absicht, sie um fünfzig oder hundertfünfzig Prozent teurer zu verkaufen, als er sie gekauft hatte. Die Farm war ein Geschäftsobjekt, wie ein Kaufladen oder wie ein Holzplatz. Keinen Farmer verknüpfte mit seiner Farm irgendein seelisches Band. Die Farm wurde nur angesehen nach ihrem Werte als geldmachendes totes Objekt. So auch das Vieh, das darauf war, und so auch die Fruchtbäume, die dort standen. Wenn ein Farmer neue Bäumchen anpflanzte, so tat er es nicht in dem heiligen Gedanken, daß auch die nachkommenden Geschlechter Apfel, Birnen, Nüsse, Apfelsinen haben wollten und daß wir ihnen diese Früchte hinterlassen müssen, so wie unsere Vorfahren für uns Bäumchen pflanzten. Der Farmer baute die Bäumchen nur darum an, weil er eine Farm mit vielen angepflanzten Fruchtbäumchen teurer verkaufen konnte als ohne Bäume, denn die Farm versprach dem neuen Besitzer einen höheren Gewinn. Wenn ein Farmer eine billige Farm hochgebracht hatte durch seine Arbeit, so beeilte er sich rasch, einen Käufer zu finden, der ihm einen guten Preis zahlte, damit der jetzige Besitzer wieder irgendwo anders eine billige Farm kaufen konnte, mit der Absicht, sie hochzubringen und dann teurer zu verkaufen.
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In solcher Umgebung lebend, nur solche Farmer kennend, wie konnte man erwarten, daß Mr. Collins die Weiße Rose verstand. Er wußte ja nicht einmal, daß Rosa Blanca bedeutete The White Rose, die Weiße Rose. Mr. Collins sah in der Rosa Blanca nur eine Farm, nichts weiter, und in ihrem Besitzer sah er nichts anderes, als einen eigensinnigen Mexikaner, der von den Millionengewinnen gehört hat, die aus den Ölfeldern herausgeholt werden und der nun versucht, den denkbar höchsten Preis aus seiner Farm herauszuquetschen.
Wer nimmt sich das Recht heraus, einen Mr. Collins anzuklagen, einen Mann, der das Produkt seiner Umgebung ist, wie ich ein Produkt meiner Umgebung und meiner Erfahrung bin. Mr. Collins handelt durchaus folgerichtig, entsprechend der Einflüsse, denen er unterliegt. Er kann nicht anders handeln. Und würde er anders handeln, dann wäre er kein Ölmagnat. Und folgen wir den Dingen bis zu ihrer letzten Konsequenz, so kann es in der Tat dahin kommen, daß die Menschheit kein Öl hat, das Öl, das sie so dringend gebraucht in dem Stande der gegenwärtigen Zivilisation. Das Öl, das so wichtig, so unentbehrlich geworden ist, daß der nächste große Krieg in seinem Grundziel nur um den Besitz des Öls und seines kleinen Hilfsknechtes, den Kautschuk, geschlagen werden wird. Jedes Stück Land, das Öl hat, kann schließlich eine Rosa Blanca sein für die, die darauf leben. Und wenn jedes Stück eine Rosa Blanca wäre und sentimental als Rosa Blanca gewertet werden wollte, so wäre eben kein Öl da. Was dann geschehen müßte, um das notwendige Öl zu erhalten, wäre genau dasselbe, vielleicht mit einigen Abänderungen, was jetzt Mr. Collins tut, um die Weiße Rose zu brechen.
3
Für alle seine Handlungen hatte Mr. Collins eine Rechtfertigung, die es ihm in jedem einzelnen Falle erleichterte, sein Gewissen zu beruhigen, wenn ein Vergehen gar zu brüsk erschien und zuweilen gar Konsequenzen hatte, die er weder gewollt noch vorausgesehen hatte. Eine nackte Profitgier kann auf die Dauer selbst den hartgesottensten Geldmacher nicht vor Selbstanklagen und unruhigen Gedanken schützen. Es ruht in allen Menschen eine mehr oder weniger starke Furcht vor Vergeltung für das, was er tut oder bereits getan hat. Diese Vergeltung hat nicht immer etwas mit der Vergeltung nach dem Tode zu tun, an die manche Menschen glauben. Noch hat diese Vergeltung etwas mit einer Vergeltung zu tun, die auf strafrechtlichem Wege erzielt wird, daß also der Mensch mit dem Gesetz in Konflikt kommt und vor einem Richter Rede und Antwort stehen muß für seine Handlungen.
Nein, die Vergeltung, die hier gemeint ist und die alle Menschen in ihrem Instinkt fühlen und fürchten, ist anderer Art. Die Menschen fürchten, daß eine schäbige Tat, die sie begangen haben, sich an ihnen oder an denen rächen könnte, die sie lieben. Manche Leute fürchten, daß alles Gut, was sie auf unrechte und niederträchtige Art gewinnen, wieder verlorengeht. Andere fürchten, daß sie nach einer bösen Tat von Unglück in ihrem ferneren Leben verfolgt werden, daß sie krank werden oder siech, und daß, wenn sie selbst nicht getroffen werden, ihre Kinder oder Frauen oder besten Freunde dafür leiden müssen. Viele gehen so weit in diesem Glauben, daß sie erwarten, daß ganz genau dasselbe, was sie jemand antaten, ihnen selbst eines Tages angetan werden wird.
Das ist einer der psychologischen Gründe, die beinahe alle Menschen eine Grenze ziehen läßt, über die sie nicht hinauszugehen wagen. Jeder Mensch weiß, daß er nicht der Allmächtige, nicht der Allstarke ist. Jeder weiß, daß er irgendwie in die Hände eines Stärkeren fallen kann, der ihn genau so behandelt, wie er andere behandelt hat. Dieser Instinkt ist es, der das soziale Zusammenleben und Zusammenwirken der Menschen allein ermöglicht. Dieser Instinkt ist es, der einen bösartigen Menschen daran hindert, nachts Eisenbahngleise zu zerstören. Einmal kann in dem Zuge jemand sitzen, den der Mann auf keinen Fall vernichten möchte. Zum andern kann eines Tages auch ein anderer das nachmachen und die Schienen zerstören, wenn er selbst im Zuge sitzt und umkommen kann. Aus demselben Grunde foltert und quält auch kein normaler Mensch einen anderen Menschen, der in seiner Macht ist, und auch nur selten ein Tier, aus reiner Freude am Foltern.
Jeder Mensch sucht nach einer Rechtfertigung, um das Niederträchtige und Unsoziale, das er tut, vor sich zu begründen, um es dadurch weniger niederträchtig und weniger unsozial erscheinen zu lassen.
Kein König, kein Präsident, keine Gruppe von Kapitalisten werden einen Krieg anzetteln, ohne den Krieg zu rechtfertigen, daß er dem Gemeinwohl diene, daß er aus diesen oder jenen Gründen nicht vermieden werden könne, daß die Achtung vor anderen Völkern, also die Ehre, den Krieg gebiete. Ohne eine moralische Rechtfertigung wird kein Krieg begonnen. Und eine gute Rechtfertigung zu finden, ist die erste Aufgabe derer, die glauben, einen Krieg zu benötigen. Je besser die Rechtfertigung ist, um so sicherer ist der Erfolg in allen Handlungen, die eine Mitwirkung oder die wohlmeinende Duldung anderer Menschen verlangen. Das verhindert natürlich nicht, daß zahlreiche Handlungen begangen und viele Taten verübt werden, wo nach einer Rechtfertigung gar nicht gesucht wird, weil es zu schwer ist, eine gute Rechtfertigung zu finden und weil die Ausführung der Tat aus irgendwelchen Gründen nicht aufgeschoben werden kann. Dies war der Fall bei dem großen Raubzug des Mr. Collins in der Kohlenverwirrung, die er heraufbeschworen hatte.
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Die Rechtfertigung, die Mr. Collins für seine gegenwärtigen Handlungen hatte, war keine erkünstelte, keine, die er sich in raffinierter Weise ausgedacht und zurechtgelegt hatte, um vor sich und seinen Mitmenschen unbefangen dastehen zu können.
Er sagte sich: Die Menschen brauchen Öl. Sie werden morgen noch viel mehr Öl nötig haben als heute. Und nächsten Monat werden sie noch hundertmal mehr Öl nötig haben. Und im nächsten Jahr werden die Menschen fünftausendmal mehr Öl nötig haben als heute, wenn man erst einmal eine Flugmaschine für fünfhundert Dollar kaufen kann und sie so einfach in ihrer Handhabung ist, daß sie jeder ohne Gefahr für sich oder andere fahren kann. Immer mehr Dieselmotoren verdrängen die Dampfmaschine, immer mehr Eisenbahnen werden mit Öl gefeuert. Immer mehr andere wichtige Produkte werden aus Öl heraus produziert. Also die Menschen brauchen mehr und mehr Öl, wenngleich sie nur dieselben Mengen an Weizen, Baumwolle und Leder gebrauchen.
Die Condor Oil Company ist eine der stärksten Companien der Erde. Die Condor Oil Company hält einen gewaltigen Teil ölhaltiger Ländereien in ihren Händen, in California, in Oklahoma, in Mexiko, in Venezuela, in Columbia. Und weil das so ist, darum hat die Condor Oil Co. die Verantwortung übernommen, den Menschen das erforderliche Öl zu verschaffen. Mit der Verantwortung hat sie gleichzeitig die Verpflichtung übernommen, das Öl heranzuschaffen, damit die Menschheit nicht darbt an Öl. Da ich der Präsident der Condor Oil Co. bin, so habe ich mit allen meinen Fähigkeiten darauf zu sehen, daß immer mehr Öl vorhanden ist, als heute und morgen gebraucht wird. Denn übermorgen wird mehr gebraucht, und wenn ich nicht vorsorge, wenn ich nicht erwäge, daß alle Brunnen nach einer mehr oder weniger langen Frist leer laufen und daß zahlreiche Brunnen, die gebohrt werden, nicht produzieren, so kann es geschehen, daß die Menschen eines Tages nicht genügend Öl zur Verfügung haben, ihre Maschinen nicht laufen, ihre Motoren verhungern, die Eisenbahnen nicht fahren, die Schiffe keine notwendigen Rohmaterialien aus fremden Ländern bringen und Zehntausende, ja Hunderttausende von Arbeitern ohne Verdienst sind. Und wenn so etwas geschehen sollte, dann macht man mir den Vorwurf, mir, dem Präsidenten der mächtigen Condor Oil Company, ich bin dann verantwortlich für alles Unheil, das aus dem Mangel an Öl entsteht. Was kann ich tun dagegen? Ich muß das Öl heranschaffen und bereit halten für die Menschheit, damit sie nicht Not leidet. Wenn ich dabei verdiene, sagen wir, sehr gut dabei verdiene, so ist das nur eine Bezahlung, die die Menschheit mir schuldet für meine Mühe, für meine Vorsorge, für meine schlaflosen Nächte, für meine Geschicklichkeit, mit der ich das Öl herbeizuschaffen verstehe.
Was kann ich denn dafür, wenn Farmer von ihrem Lande vertrieben werden, das ihnen Heimat geworden ist. Ich bin nicht verantwortlich dafür, wenn sie vielleicht gar Selbstmord begehen, weil sie den Verlust ihrer Heimat nicht verwinden können. Es haben sich ja auch ein paar alte Postillione aufgehängt, weil die Leute nicht mehr ihr lustiges Peitschenknallen und ihre Lieder auf dem Posthorn hören wollten, sondern vorzogen, mit der Eisenbahn zu fahren, weil es billiger war, bequemer und rascher.