Part 7
In ihrer Bildung, in ihrem guten Geschmack, in ihrem künstlerischen Empfinden, in ihren philosophischen Anschauungen war Betty das scharfe Gegenstück des Mr. Collins. Dieser Eigenschaften wegen bewunderte er sie, achtete er sie, kam er sich ihr gegenüber armselig vor, fürchtete sie und vergaß sich nie als Gentleman. Sie dagegen bewunderte ihn seiner geschäftlichen Brutalität wegen, seines robusten Wagens und seiner Sicherheit wegen, mit der er geschäftliche Dinge beurteilte, wirtschaftliche Vorgänge übersah und Ereignisse auf dem Markt voraus verkündete, klarer und bestimmter als die alten Orakel.
Das waren ihre Gegensätze.
Ihre Ähnlichkeiten lagen mehr im Materiellen. Beide liebten Luxus, beide liebten es, aufzufallen und zu strahlen. Er hatte gesagt: „Land, das ich haben will und nicht kriegen kann, das gibt es im ganzen Universum nicht. Wenn ich Land auf dem Jupiter haben will, dann bekomme ich es.“ Er meinte es wörtlich so. Er hatte auch Deutschland nach dem Kriege kaufen wollen, als er aber hörte, daß dort ein Streichholz fünf Milliarden Mark kostete, ließ er seine Kaufabsichten wieder fallen, weil mit solchen geschäftsuntüchtigen Leuten, wie die Deutschen seien, nichts unternommen werden könne.
Ähnlich, nein ebenso, war es mit Betty. Wenn sie etwas wollte, und nachdem sie sich überzeugt hatte, daß das, was sie wollte, auf Erden zu haben sei, dann mußte sie es bekommen. In diesem Wollen war sie unerbittlich und rücksichtslos. Und ähnlich war sie ihm im Temperament. Er war kühler in seinem Temperament, weil er wußte, daß, wenn er sich vom Temperament fortreißen ließe, er Dummheiten machen könnte. In geschäftlichen Manövern aber darf man keine Dummheiten machen. Jedoch das Temperament war vorhanden, und es loderte über im letzten Rennen um einen Erfolg, den er schon so weit zu seinen Gunsten entschieden hatte, daß Dummheiten nun nicht mehr gemacht werden konnten. Er konnte jetzt so weit in seinem Temperament gelangen, daß er seinen Gegner mit der Faust ins Gesicht hieb, um ihn zum Nachgeben zu zwingen.
Diesen Eigensinn, ihren Willen durchzusetzen, und dieses Temperament, die Betty seit ihrer Kindheit gehabt hatte und die sie beim Heranwachsen, in der Schule, als Lehrerin, als Sekretärin, mehr und mehr hatte unterdrücken müssen, waren unter dem Einfluß des Mr. Collins gewachsen, bis sie sich endlich zu ihrer ganzen Pracht entfaltet hatten.
7
Mr. Collins hatte das gewünschte Auto gekauft. Das eleganteste Automobil, das auf dem Markte war. Hinsichtlich der Garage hatte er gesagt, er wolle sehen. Er wiederholte es zu oft, das „Wir werden sehen“. So begann es ihr langweilig zu werden. Und der ebensooft wiederholten Ausrede „Ich habe noch nichts Passendes soweit finden können“ wurde sie so überdrüssig, daß es zu dieser Katastrophe kommen mußte, in das Allerheiligste der Nation mit Gewalt und Donnergetöse einzubrechen.
In sein Privathaus wäre sie nie eingedrungen. Denn seiner Frau ging sie aus dem Wege. Nicht weil sie etwa Angst vor ihr hatte, sondern weil das zu Komplikationen hätte führen können. Vielleicht gar zu einer Scheidung. Das wollte sie vermeiden. Ein frischgeschiedener Mann nach langer Ehe, die zur Gewohnheit wurde, benimmt sich meist recht hilflos. Wie ein Kind, das die Mutter verloren hat. In dieser Hilflosigkeit hätte sie sich gar verleiten lassen, ihn zu heiraten. Das wollte sie auf keinen Fall. Darum war es aus reinen Klugheitsgründen, daß sie sich nie in sein Eheleben mischte. Mit keinem Worte. Sie drängte ihn sogar, sein Eheleben und seine Frau nicht zu sehr zu vernachlässigen. Ob Mrs. Collins von der Existenz der Betty wußte, war nicht sicher. Aber es darf angenommen werden, daß sie unterrichtet war und daß auch sie es vermied, es zu einem Skandal kommen zu lassen. Bei einer Scheidung in ihrem Alter kam nicht viel heraus für sie. Sie konnte eine hohe Rente herausklagen. Gewiß. Aber ihre gesellschaftliche Stellung war höher an der Seite des Mr. Collins als ohne ihn. So tat sie, als ob sie nichts wisse. Und wenn ihr eine Freundin es direkt zu melden wagte, so sagte sie: „Geschwätz, nichts als Geschwätz. Ich kenne ihn besser. Er hat sein Vergnügen und ein wenig Zerstreuung mit ihr, das ist alles. Ich gönne es ihm. Er hat schwer zu arbeiten. Haben Sie die neuen Modelle gesehen bei Boiret & Martin? Ich kaufe morgen vier davon.“
8
Betty stand noch dicht bei der Tür. Sie wartete oder schien zu warten auf das erste schüchterne Zeichen des Erwachens aller Anwesenden, die von ihrem Donnerschlag betäubt worden waren.
Mr. Collins hatte heute nicht den Vorsitz in der Conference. Er hatte den Vorsitz dem zweiten Vizepräsidenten übertragen, um für sich selbst freier zu sein in der Behandlung der zu beratenden Gegenstände. Er stand gerade, hatte ein Blatt in der Hand, von dem er soeben etwas vorgelesen zu haben schien, in dem Augenblick, als der Donnerschlag erfolgte. Die Herren alle standen auf in der Gegenwart der Dame. Sie rückten an ihren Stühlen, sei es, um besser stehen zu können, oder sei es, weil sie willens zu sein schienen, Betty einen Stuhl anzubieten, obgleich genügend leere Stühle im Raum waren.
Die erste Privatsekretärin des Mr. Collins, die der Conference beiwohnte, um Diktate aufzunehmen, sah auf zu Mr. Collins. Er bewegte die Augenlider ein wenig, und die Sekretärin stand auf. Sie stand nicht eigentlich auf, sondern sie schlich wie eine Schlange von ihrem Stuhle herunter und wurmte sich still, unauffällig und völlig geräuschlos aus dem Raume, als hätte sie etwas verbrochen. Ihr Hinausgehen wurde von niemand bemerkt.
Einige der Herren kannten Betty, oder richtiger Miß Betty Cuttens, recht gut. Jene Herren, begleitet von ihren Freundinnen, hatten sich zufällig einmal im gleichen Kabarett mit Mr. Collins getroffen, als er mit Betty dort war, um einen vergnügten Abend zu verbringen. So geschah es, daß jene Herren gemeinschaftlichen Tisch mit Mr. Collins machten; und es ergab sich dann ganz von selbst, daß jeder einzelne jener Herren einmal oder zweimal an jenem Abend mit Betty tanzte, während Mr. Collins, in höflicher Wiedervergeltung, der Reihe nach mit den Freundinnen jener Herren in dem kleinen, aber sehr eleganten Saal herumfegte. Mr. Collins war ein guter Tänzer, wohlgeübt und ausdauernd. Und er machte von seiner Fähigkeit, gut und ausdauernd tanzen zu können, reichlich Gebrauch, weil er meinte – und wohl mit gutem Recht so meinte –, daß Tanzen den Körper geschmeidig und damit jung erhält. Auf dem amerikanischen Kontinent sind die Männer viel weniger als in Europa darum besorgt, daß sie ihre Würde verlieren möchten, wenn sie tanzen, wo immer sich eine Gelegenheit dazu bietet. Hier können die Männer gar nicht so leicht ihre Würde verlieren, wie das in Europa geschehen kann; denn ihre Würde wurzelt nicht in einem Autoritätsglauben jener, die durch die Würde eines Präsidenten einer gigantischen Schiffahrts-Gesellschaft klein und demütig gemacht werden sollen, sondern die Würde wurzelt vielmehr in dem wirklichen, rein praktischen Können des Mannes. Es ist eine Würde, die theoretisch und dem Glauben nach, von jedem beliebigen anderen Manne auch erworben werden kann, falls er die Möglichkeiten, die sich ihm bieten, zu seinen Gunsten ausnutzt. Und weil die Würde, selbst die Würde des Präsidenten der Republik, in demokratischen Gefühlen wurzelt, kann jene Würde nicht verlorengehen dadurch, daß sich ein Mann in seinem Privatleben und in seinen Vergnügungen durchaus demokratisch benimmt. Wenn er Gefallen daran findet, fährt er auf der Rutschbahn in Coney Island genau so würdelos, genau so kreischend und johlend wie der Maurer oder der Kesselschmied, der mit ihm im gleichen Wagen der Rutschbahn sitzt. Daß er Generalpostmeister oder Staatssekretär des Krieges oder Präsident der Missouri Railroad Company ist, kommt für ihn nur dann in Frage, wenn er in seinem Allerheiligsten, in seinem Büro, sitzt. Wenn einer wirklich den Würdefanatiker zu schauspielern versucht, so darf man ganz sicher sein, daß er entweder ein schwaches Herz hat oder chronische Verdauungsbeschwerden oder eine verrostete Leber. Mr. Collins jedenfalls war gesund genug, seine Präsidentschaft in ein Schubfach seines Schreibtisches einzukapseln, wenn er sich demokratisch vergnügen wollte.
Betty wurde von den Freunden und Geschäftsbekannten des Mr. Collins durchaus so respektiert als wäre sie seine Frau. Die Herren wußten stets, ob sie sich mit der Dame, die einer ihrer Freunde bei sich hatte, vertraulich zeigen und sie gelegentlich umarmen oder küssen durften oder nicht. Weder mit Flossy noch mit Betty durften sie sich irgendwelche Vertraulichkeiten herausnehmen, so wenig wie sie es je mit Mrs. Collins gewagt haben würden. Dagegen durfte man wohl in Gegenwart von Betty – oder Flossy – Witze erzählen, die man in Anwesenheit von Mrs. Collins nicht einmal hätte andeuten dürfen. Womit freilich nicht gesagt sein soll, daß nicht Mrs. Collins kräftige Witze ebenso gern hörte wie irgendeine andere Frau, die, um ihre Anständigkeit zu beweisen, die Verpflichtung hat, an der passenden Stelle des Witzes zu erröten; jedoch keine Verpflichtung hat, zu erröten, wenn sie den Witz an ihre Freundinnen weiter gibt.
In Gegenwart von Betty durfte man sich aber, um doch einen Unterschied machen zu können, viel freier, lustiger und vergnügter betragen als in Gegenwart der Ehefrau. Man durfte die Champagnerflaschen, die der Prohibition wegen und um den äußeren Anschein zu wahren, unter dem Tisch zu stehen hatten, unbekümmert hervornehmen und offen zugeben, daß es wirklicher Champagner sei und kein Canadian Ginger Ale, jenes harmlos sein sollende Giftprodukt als Ersatz für die allein wirkliche und echte Ware. Die Champagnerflaschen und die Whiskyflaschen und Benediktinerkrüge standen der Vorsicht wegen unter dem Tisch. Denn wenn ein Raid von den Agenten der Prohibition gemacht werden sollte, so konnte jeder einzelne den Besitz jener Champagnerflaschen abschwören; denn niemand ist verantwortlich für das, was ohne sein Wissen unter den Tischen steht und dort sicher schon stand, ehe er den Saal betrat, und was offenbar frühere Gäste, die ohne Moral, ohne Religion und ohne Achtung vor dem Gesetze waren, dort unter dem Tisch zurückgelassen hatten. Der Champagner wurde in Kristallgläsern serviert, weil ja offiziell angenommen wurde, daß es Canadian Ginger Ale sei. Der Whisky jedoch und der Martini Dry wurden in Mokkatassen serviert, mit Zuckerdose und Creamkännchen, als wäre es wirklich Mokka. Wer in den Saal trat und die Tische übersah, gewann den Eindruck, daß er sich bei dem unschuldigen Tanzvergnügen eines Temperenzler-Stiftungsfestes befände. Sollte wirklich von Agenten der Prohibition geraidet werden, weil sie vom Wirt nicht genügend hoch mit Dollars besänftigt worden waren, oder weil das Department einen neuen eifrigen Chef bekommen hatte, der nach Lorbeer haschte, dessen Preis in Dollars noch nicht entschieden war, oder weil die Agenten doch gelegentlich wieder einmal eine „Nasse Hölle“ ausheben mußten, um dem guten Bürger zu zeigen, wie ernst man die Gesetze der Prohibition behandele und wie nötig es sei, das Budget für die Überwachung der Prohibition zu erhöhen – und damit das Einkommen des Departments-Chefs –, sollte also wirklich ein unerwarteter Raid erfolgen, dann wurden alle Mokkatassen mit einem Ruck leer getrunken und schwarzer Kaffee, der für diesen Zweck auf den Tischen bereit stand, in die Tassen gefüllt, um den Geruch des Whiskys zu vernichten. Kein neugeborenes Lämmchen konnte unschuldiger sein als die Leutchen, die hier versammelt waren, um sich nach der aufreibenden Tagesarbeit harmlos und innerhalb der gesetzlichen Grenzen zu vergnügen. Wer betrunken gefunden wurde, hatte sich irgendwo anders betrunken und war bereits betrunken, ehe er das Haus betrat, und der Wirt hatte sich vergeblich bemüht, wie wohl bezeugt werden konnte, den Mann oder das Paar in Ruhe abzuschieben. Ohne großen Skandal heraufzubeschwören, wäre das aber nicht gelungen, und darum hatte der Wirt endlich dem Manne oder dem Pärchen gestattet, hierzubleiben, falls sie sich anständig benahmen. Man konnte ja nicht den Wirt dafür verantwortlich machen, was jenes Paar in einem andern Lokal getrunken und sonst verübt hatte. Betty war good sport, das will sagen, sie machte alles mit und sie verdarb niemand sein Vergnügen oder seine gute Laune. In ihrem Beisein durften die Herren unbekümmert ihre Freundinnen am Tisch küssen, und sorglos durfte man zugeben, daß man schon ein wenig tipsy-topsy sei, daß man also bereits einen kleinen Spencer weg habe. Jeder einzelne der Herren wußte aber auch, wie weit man in Gegenwart Bettys gehen durfte.
Jedoch, wenn Mr. Collins mit einem der neuaufgenommenen Chormädchen erschien, ging es bei weitem wilder zu. Und es kam oft genug sehr nahe bis zu jenem Punkte, wo man nicht mehr genau unterscheiden konnte, wer die Freundin wessen ist. Es konnte natürlich mit der Zeit recht wohl der Fall eintreten, daß auch eins der Chormädchen respektiert werden mußte, beinahe wie die Frau. Vorläufig aber hatte sich noch keine der beiden Chordamen des Mr. Collins so weit hinaufschwingen können. Sie standen beide noch im Wartesaal, und es war noch nicht zu erraten, welche von den beiden im Luxuszug weiterreisen würde. Vielleicht kam keine der beiden je so weit.
9
Alle Herren des Aufsichtsrates, die hier jetzt im Allerheiligsten versammelt waren, hatten von Betty gehört. Und als sie hereingedonnert kam, wußte jeder, auch wer sie persönlich nicht kannte, daß diese Dame Betty sei. Denn die Frau des Präsidenten würde das nicht gewagt haben, was Betty getan hatte. Die Frau würde draußen in einem besonderen Zimmer gewartet haben, bis ihr Gatte eine Minute Zeit für sie gehabt haben würde. Und alle Herren, ohne Ausnahme, die jetzt zum ersten Male die viel besprochene Fürstin persönlich sahen, waren erschreckt.
Unter einer Fürstin hatten sie sich immer sehr viel vorgestellt. Wenn von der Freundin eines Magnaten gesprochen wurde, daß sie fürstlich aussehe, so hatte man sofort seine bestimmten Ideen. Ideen und Vorstellungen, die durch den Film gebildet wurden. Durch den Film, wo eine ehemalige Verkäuferin in einem Krawattenladen so lange aufgezaubert, aufgepinselt, aufgediademt, aufgeglittert, aufgeglasperlt, aufgeatlast und aufgeseidet wird, bis sie das Fürstinnenbedürfnis der Stenotypistinnen und der Lohnlistenschreiber befriedigt.
Aber was die Herren hier jetzt sahen, war keine Florence-Vidor-Film-Puppe und keine entthronte Schafhirten-Königin aus dem mythischen Balkanstaate Limonia-Silvania nach dem snickernden Stile einer Gloria Swanson. Denn was die Herren hier vor sich sahen, war hundertmal mehr, als sie je gedacht hatten, zu sehen. Sie sahen keine Fürstin; sie sahen eine – ja, was denn nun –, nein, eine Kaiserin war das nicht. Denn auch Kaiserinnen sind altmodisch und bäuerisch. Das war auch keine Filmkönigin im Straßenanzug. Den Filmköniginnen haftete immer unausbleiblich und unverwischbar der Geruch des Büros an oder der Kartonfabrik oder des Warenhauses, aus denen sie hervorgegangen waren. Betty haftete kein Geruch an aus ihrer Versuchszeit als Lehrerin und als Zeitungssekretärin. Vielleicht weil sie niemals wirklich in ihrem Gefühl Lehrerin oder Sekretärin gewesen war.
Betty war zur Fürstin geboren, und sie war nie etwas anderes gewesen als Fürstin. Daß sie jetzt einen Satz in Slang hinausgefeuert hatte, erniedrigte sie nicht, sondern bestätigte sie nur in ihrem Range als Fürstin. So hat eine Fürstin mit ihren Untertanen umzuspringen. Mit den Untertanen, die den Zorn und den Unwillen ihrer Fürstin heraufbeschworen haben. So und nicht anders. Und die Untertanen haben alle stille zu sein und dürfen nicht mucksen, sonst werden sie alle gehenkt.
Das Gefühl, daß sie von dieser Fürstin zum Tode verurteilt werden könnten, hatten alle die Herren, die jetzt Betty zum ersten Male sahen. Und selbst jene Herren, die mit ihr am gleichen Tische gesessen und sogar mit ihr getanzt hatten, fühlten sich merkwürdig klein werden.
Nun darf ja in den Vereinigten Staaten eine Frau immer viel mehr tun und viel mehr wagen, als ein Mann auch nur zu denken sich erlauben dürfte. Die Staaten sind das Paradies der Frau. Die Frau kommandiert. Sie herrscht in der Schule schon, weil es keine männlichen Lehrer gibt. Sie herrscht natürlich erst recht im Haus. Sie herrscht in der Politik. Sie darf sich überall vordrängen, überall mit dem Ellbogen die Männer beiseitestoßen; und wehe dem armen Manne, der sie daran hindern oder zur Rede stellen wollte. Sie ist die freieste der Frauen in der freiesten Republik des Universums. Sie ist die freieste, solange sie gut gekleidet ist, solange sie nicht in einer Arbeiterprozession die rote Fahne trägt, solange sie nicht streikende Textilarbeiterin ist, solange sie nicht keift und geifert, weil ihr Mann als streikender Minenarbeiter von den Maschinengewehren der Miliz erschossen wurde, solange sie nicht pazifistische Propaganda macht. Sobald sie das tut, wird sie mit dem Knüttel des Polizisten genau so gut auf den Schädel geschlagen wie der Mann. So weit kann die Freiheit selbst in der freiesten Republik nicht gehen. Eine Grenze muß doch schließlich auch Freiheit haben, sonst wüßte man ja nicht, wo die Freiheit anfängt und was Freiheit überhaupt ist.
Wäre sie nur eine Arbeiterin gewesen, die hier einmal beim Aufsichtsrat hätte persönlich anfragen wollen, warum sie denn mit einem Wochenlohn von vierzehn Dollar zu leben habe, während die Company Millionen Dollar Überschüsse im Jahre habe, so hätte sie auch nicht so hier hereindonnern dürfen wie Betty. Hätte sie das nur gewagt als Arbeiterin, so würde sie sechzig Tage Arbeitshaus oder Korrektionshaus bekommen haben wegen ungehörigen Benehmens und wegen Trunkenheit, auch wenn sie ebensowenig betrunken war wie Betty, sondern überhaupt nie etwas trank, weil sie keine zehn Dollar für eine Flasche Whisky ausgeben konnte.
Betty durfte aber tun, was sie wollte. Denn sie war eine Frau in der freiesten Republik, wo die Frauen nicht gleich Sklaven behandelt werden, wie das noch in Europa vorkommt und in Asien. Denn Betty war hier im Recht. Sie mußte ihre Garage haben und das dazugehörige Wohnhaus, den dazugehörigen Gärtner, der auch das Automobil zu waschen hatte und alle vorkommenden Handwerkerarbeiten im Hause verrichten mußte. Und wenn das Haus schon zur Garage gehörte und der Gärtner zum Haus und zum eleganten Automobil, so gehörte auch ein chinesisches oder ein französisches Kammermädchen dazu, um Betty in persönlichen Dingen behilflich zu sein, damit sie nicht ihr Bett selbst ordnen, ihr Bad selbst anlassen und ihre seidenen Strümpfe selbst auswaschen muß. Mr. Collins wollte doch auch gelegentlich bei ihr essen, und so gehörte auch eine schwarze oder eine irische oder eine schwedische Köchin zu der gut ausgestatteten Küche, wo nichts fehlen durfte und wo das Geschirr mit elektrisch betriebener Maschine gewaschen wurde und wo nur elektrisch gekocht werden sollte, um Arbeit zu sparen und keinen Staub zu haben.
10
Als die Herren der Conference hörten, um was es sich handelte, verstanden sie Betty durchaus, warum sie hier dröhnend einbrechen mußte. Sie war sicher nicht schuld, daß die heilige Conference mit so profanen Dingen gestört wurde. Der Schuldige war Mr. Collins. Wie durfte er es wagen, der Fürstin Betty etwas zu verweigern. Er bewies damit nur, daß er von sehr weit unten heraufgekommen sein mußte und daß er den Geruch von Corned Beef and Cabbage noch nicht völlig abgebadet hatte.
So war Betty in jeder Hinsicht gerechtfertigt.
Die Herren, die sich inzwischen von dem Donnerschlage so weit erholt hatten, daß sie Betty nicht nur verstanden, ihr wildes Eindringen nicht nur vollkommen entschuldigten, ihr sogar zubilligten, daß es ihre Pflicht war, hier dem Collins mit Fäusten auf die Schultern und auf die Brust zu trommeln, waren von ihren Stühlen mehr und mehr fortgegangen, um Betty aus größter Nähe zu betrachten und sie in Gedanken auszukleiden.
Dabei wuchs Mr. Collins in der Achtung der Mitglieder des Aufsichtsrates mehr und mehr; und in den Augen der Herren, die Betty jetzt zum ersten Male sahen, nahm Mr. Collins eine überirdische Größe an. War er bisher schon sehr mächtig in der Company gewesen, so wurde er jetzt nach diesem Vorgange übermächtig, und seine Stellung wurde unerschütterlich.
4
1
Mr. Chaney Collins war ja nun in keinem Sinne ein Angestellter der Condor Oil Co. So war das nicht. Er war Präsident der Company, aber nicht ein Präsident in der Form eines Beamten. Er war Präsident, weil er die Company gegründet hatte und weil er einer der Hauptaktionäre war. Dennoch konnte er seine Stellung als Präsident verlieren. Wenn er in einen Skandal verwickelt wurde, so sehr, daß er im Mittelpunkt des Skandals stand, dann mußte er zurücktreten, weil ein Skandal ihres Präsidenten das Ansehen einer Company erschüttern kann und ihre Geschäfte leiden. Der Öffentlichkeit gegenüber muß der Präsident makellos dastehen. Er muß ein Muster an Ehrbarkeit und Sittenreinheit sein, sowohl der guten Bürger wegen, die ihr Geld in den Geschäften der Company anlegen sollen, als auch und ganz besonders der Kommunisten und ähnlicher Nörgler und Staatsumstürzler wegen. Die billigen Agitatoren, denen die Fähigkeit fehlt, den Kapitalismus und das kapitalistische System in ihren Grundproblemen zu begreifen und von den Grundproblemen aus anzugreifen, verfallen immer zu leicht in die Torheit, das Privatleben kapitalistischer Giganten zu untersuchen und am Privatleben der Großen des Kapitals zu beweisen, wie verrottet und wie zusammenbrechend das kapitalistische System sei.
Die Proletarier erfreuen sich an Klatsch und an Bettgeschichten anderer ebensosehr wie die Mittelschicht des Volkes, wie die guten Bürger, die, weil sie selbst zu ängstlich und zu knickerig sind, einen guten saftigen Skandal zu inszenieren, ihre Neigung für Sauerei ausleben in der Sauerei anderer, ob die anderen Großkapitalisten, Bischöfe oder Monarchen sind. Und der Agitator ist, wenn er Skandalgeschichten auftischen kann, des Beifallklatschens seiner Zuhörer sicherer, als wenn er von Problemen spricht und Systeme zergliedert.
Um aber den Proletarier nicht zur Genußsucht zu verleiten und ihn dadurch aufzustacheln, immer wieder höhere und noch höhere Löhne zu verlangen und Mitrechte an dem zu fordern, was er produziert, muß der Glaube in der Öffentlichkeit aufrechterhalten werden, daß der Großkapitalist, der sich nach Meinung der Agitatoren vom Schweiße der Proletarier sättigt, ein Muster an Sittenstrenge, an Sparsamkeit und an Achtung vor dem Gesetz ist.
So kann ein peinlicher Skandal einen großen Mann zu Falle bringen, weil die übrigen Großen, um sich zu decken und ihre Macht zu erhalten und zu vermehren, den Mann fallen lassen müssen, um öffentlich kund zu tun, daß sie keine Gemeinschaft mit ihm haben und daß sie nicht sind, wie jener ist.
Wäre Mr. Collins in einen Skandal verwickelt worden, so konnte er nicht mehr Präsident sein. Aber er wäre dennoch ein mächtiger Mann in der Company geblieben, und er hätte, im Hintergrunde arbeitend, vielleicht mehr tun können für die Company als vorher. Aber die Company hätte dennoch gelitten. Denn einen so mächtigen und befähigten Mann wie Mr. Collins als Präsidenten zu verlieren, überwindet eine Company nicht leicht.
Durch seine Persönlichkeit und durch die majestätische Hoheit, die ihm Betty als seine Geliebte verlieh, konnte er Erfolge für die Company erzielen, die für jeden andern Präsidenten unerreichbar waren. Er konnte den Bau von Straßen durchsetzen, die für die Geschäfte der Company nützlich waren, weil sie eine rasche Verbindung zu ihren Ölfeldern schufen, Straßen, die nur der Company dienten und die deshalb die Company hätte bauen lassen müssen, die aber nun der Staat baute. Denn Staatsgouverneure, Kongreßmitglieder, Bürgermeister, Stadtväter mußten tun, was er bestimmte. Taten sie es nicht, so konnten sie nicht mehr sein, was sie augenblicklich waren. Er machte die Politik, ohne daß er sich je um Politik bekümmerte. Die Politiker, die berufsmäßig sich mit Politik beschäftigten, wußten nie, daß sie genau das taten, was Mr. Collins wollte, das sie tun sollten. Die Mehrzahl dieser Politiker bildete sich ein, freie und unabhängige Politiker zu sein, die dem Interesse des Gemeinwohls dienten. Viele von ihnen waren, vor ihrem eigenen Gewissen, durchaus anständige und durchaus ehrenhafte Männer.
Wie man Politik macht, ohne daß die Politiker fühlen, daß sie nicht frei handeln, sondern daß sie von einer irdischen Gottheit in ihrem Willen, ihren Gedanken, ihren Reden und ihren Handlungen geleitet werden, das hatte Mr. Collins frühzeitig in seinem Leben gelernt. Er war der Schöpfer dieser Idee gewesen. Und er war auf die Idee verfallen, als er mit seiner genialen Auffassungsgabe und Beobachtungsfähigkeit die wahre Geschichte eines großen Bauarbeiterstreiks in Chicago erfaßt hatte.
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Mr. Collins stammte aus Harrisburg, Pa. Sein Vater hatte dort einen Grocery Store, einen Laden für Kolonialwaren, Konserven und Delikatessen. Nicht sehr bedeutend. Jahreseinkommen dreitausend Dollar. Mr. Chaney Collins mußte sich durch das College durcharbeiten und durchhungern. Sein Vater gab ihm nur einen Scheck von vierzig Dollar im Monat, und es kam vor, daß der Scheck mehrere Male auf dreißig Dollar herabgesetzt wurde.