Part 16
Nun war das ja nicht so, daß der Indianer in Wahrheit die Pferde ganz und gar verschenkte. Nach der Sitte der Mexikaner und der indianischen Mexikaner erwartete er natürlich ein Gegengeschenk. Das verlangte die Höflichkeit. Eine Höflichkeit, die zu üben der Fremde in Mexiko gewöhnlich vergißt. Absichtlich oder unabsichtlich, das kann nicht immer leicht entschieden werden. Der Mexikaner, wenn er jemand liebgewonnen hat, verschenkt das Hemd vom Leibe und seine Frau dazu, dem Manne, den er ehren will. Er denkt dabei nie an ein Gegengeschenk. Nie. Aber er hat einen peinlichen Geschmack im Munde, wenn das Gegengeschenk ausbleibt. Nicht des materiellen Wertes wegen, der mit dem Gegengeschenk verknüpft ist, sondern des Gefühls wegen, daß ein Vorgang sich nur zur Hälfte entwickelte. Er empfindet dann, daß er nicht verstanden wurde, weil die Höflichkeit und die Ehre, die er zu erweisen gedachte, nicht mit gleicher Höflichkeit und Ehre erwidert wurde. Die Harmonie ist zerrissen. Die Welt steht nicht mehr im Gleichgewicht. Er hat das Empfinden, daß er selbst nicht in dem gleichen Maße geachtet und geehrt wird, wie er den andern ehrte und achtete. Und ein solches Empfinden ist immer weh, selbst bei Menschen, die ihre Achtung nicht mit Geschenken beteuern, sondern nur mit leeren Worten. Geld als Gegengeschenk anzubieten, wäre eine Beleidigung, die zu tödlicher Feindschaft führen kann, wüßte der Mexikaner nicht, daß der Fremde unter dem Einfluß anderer Sitten steht als er. Mr. Abner erhielt einen zweiten Stoß in die Seite.
Darauf besann er sich seiner Rolle und sagte, beinahe mit Tränen in den Augen: „Senjor Yanyez, die Ehre, die Sie mir erweisen, ist so herzlich, so aufrichtig von Ihnen gemeint, daß ich mich gezwungen sehe, das Geschenk der Pferde von Ihnen anzunehmen. Ich kann Ihnen sagen, daß die Pferde mir mehr wert sein sollen als nur Tiere. Sie sollen mich an die Rosa Blanca erinnern und an Sie, der Sie mir, einem Fremden, eine so große Freundlichkeit zeigten, wie ich nie erwartet hätte, in Mexiko zu finden. Sie als einen Freund hier gefunden zu haben, macht mir Ihr schönes Land Mexiko wert und teuer wie ein Heimatland. Ich danke Ihnen viele viele tausend Male für das so kostbare Geschenk, von dem ich nicht glaube, daß ich es je in irgendeiner Form vergelten kann.“ Hacinto umarmte Mr. Abner und hielt ihn lange so umschlossen, dabei ihm wiederholt auf den Rücken klopfend. Dann schüttelten sie sich die Hände. Und damit war von der Seite des Indianers aus ein Freundschaftspakt geschlossen, der für den Indianer so groß gemeint war, daß er auch noch für die Kinder des Mr. Abner galt.
8
Mr. Abner ging einen Schritt auf und einen ab. Dann blieb er wieder vor Don Hacinto stehen und sagte: „Es fällt mir schwer, irgend etwas zu finden, mit dem ich Ihre generöse Freigebigkeit und Gastfreundschaft vergelten könnte, Senjor. Als die größte Ehre und Freude, die Sie mir bereiten könnten, würde ich es betrachten, wenn Sie auf eine Woche oder besser auf zwei Wochen mein Gast sein würden in meinem Heimatlande. Ich würde Ihnen alles das zeigen, wovon wir hier gesprochen haben, die himmelhohen Häuser, die Eisenbahnen, die unter dem Flusse entlang sausen, wir würden in ihnen fahren, die Kinobilder, die sprechen können, die Radioapparate, mit denen wir die Musik hören, die von den Chinesen in China gemacht wird, und wir würden auch in einem Flugzeug eine kleine Reise machen, so daß Sie sich die Erde einmal von oben aus ansehen könnten. Mit dieser Reise, die ich natürlich hin und zurück bezahle, das müssen Sie mir gestatten, Senjor, möchte ich Ihre so liebe Gastfreundschaft vergelten, die mir in Ihrem Hause geboten wurde. Ich habe auch einen Rancho in California –“
Nun begann Mr. Abner zu lügen.
„– und ich habe auch eine Maultierzucht. Ich züchte aber nicht so kleine Mules, wie Sie hier haben. Nein, ich züchte die großen Mules, diese großen Tiere, die Sie ja auch bei der mexikanischen Artillerie und bei den mexikanischen Maschinengewehr-Regimentern sehen können.“ Diese Mules hatte Hacinto in einer illustrierten Sonntagsbeilage des Universal, der großen Zeitung in Mexiko City, gesehen, die er von einem Krämer in Tuxpam bekommen hatte. Die Bilder mit den Riesenmules des mexikanischen Militärs hatte er ausgeschnitten und an die Wand im Wohnraume angeklebt. Dort hatte Mr. Abner die Bilder gesehen, und er wußte jetzt sehr geschickt die dort abgebildeten großen Mules für seine Zwecke zu gebrauchen.
„Daß es so große und starke Mules gibt“, sagte Don Hacinto, „hätte ich vorher nicht geglaubt, bis ich die Bilder sah. Da hätte ich wohl viele Freude daran, solche Mules hier zu züchten.“
„Das ist gewiß, Don Hacinto“, nickte Mr. Abner, „solche Mules zu züchten, ist eine Freude, schon der reinen Sache wegen, auch wenn man gar nicht an die Preise denkt, die man dafür haben kann. Ich glaube nicht, daß ich das kostbare Geschenk, das Sie mir mit den Pferden hier gemacht haben, besser vergelten kann, als wenn Sie mir die Ehre erweisen würden, von mir drei Stuten und einen Eselhengst als Gegengeschenk anzunehmen, um damit eine neue Muleszucht zu beginnen, die neben der Freude, die Sie daran haben werden, gleichzeitig eine schöne dauernde Erinnerung sein wird an die köstlichen Tage freundschaftlichen Austausches von Gedanken und Erfahrungen, die wir hier auf Ihrem schönen Rancho gemeinsam verlebt haben.“
Mr. Abner konnte reden. Das wird man ihm nach diesem Beispiel wohl zuerkennen müssen. Er konnte besser reden als ein jüdischer Altkleiderhändler der Eastside in New York. Mr. Abner hätte dem Teufel die Hölle abgeschwatzt, wenn er Interesse daran gehabt hätte. Aber an der Hölle hatte Mr. Abner zur Zeit wenig Interesse. Nach den Regeln der christlichen Kirche, an die er als ein guter und treuer amerikanischer Bürger mit dem hundertundein Prozent Bürgerschaftspatent glaubte, war ihm die Hölle ja eines Tages so gewiß, daß er sich jetzt wirklich nicht darum bekümmern konnte. Denn nur wenn die Regeln der Methodisten nicht ganz auf Wahrheit beruhten, hatte er die stille Hoffnung, im Himmel zu landen.
9
Durch den innigen Freundschaftspakt, durch den sich der Indianer mit Mr. Abner verbunden fühlte, verlor der Indianer alle Vorsicht und alles Mißtrauen jenem Fremden gegenüber.
Wir, die wir weder Indianer noch Mexikaner sind, können uns aus einer solchen Einladung, die uns verdächtig erscheint oder die uns unbequem ist, herausziehen dadurch, daß wir sagen: „Danke für die große Ehre, aber ich habe gerade jetzt keine Zeit für eine Reise. Vielleicht später einmal.“ Ein Mexikaner jedoch, und noch viel weniger ein Indianer, kann sich aber nicht so leicht aus der Schlinge, in der man ihn fangen möchte, befreien. Sein Charakter läßt es nicht zu, sich mit leeren Worten herauszureden.
Der Mestize Frigillo kannte seine Leute vortrefflich. Darum war der Tip, den er Mr. Abner gegeben hatte, um die hundert Dollar Fanggeld zu verdienen, so wirksam.
Denn genau so wie Mr. Abner Don Hacinto schwer beleidigt haben würde, hätte er das Geschenk der Pferde abgelehnt, ebenso sehr würde jetzt Don Hacinto den Mr. Abner beleidigt haben, würde er die angebotene Reise, die Gastfreundschaft und die Zuchttiere nicht angenommen haben. Der Indianer würde dem Fremden eine viel größere Beleidigung zugefügt haben, weil ja der Fremde das Geschenk angenommen hatte. Auch der Freundschaftspakt ließe keine Ablehnung zu. Und endlich war auch Don Hacinto nicht so wohl versorgt mit guten Kniffen und wirksamen Ausreden, um eine Ablehnung begründen zu können, ohne den Freund zu beleidigen und zu verletzen. Was war eine Freundschaft wert, wenn sie schon beim ersten Freundschaftsbeweis in die Brüche zu gehen drohte?
Hätte freilich Don Hacinto gewußt, daß die Reise nach San Francisco und zurück ungefähr zweihundertfünfzig Dollar kostete, hätte er gewußt, wie teuer gute Zuchttiere in den Staaten sind, dann wäre er vielleicht vorsichtiger gewesen und hätte sich das alles erst einmal gut überlegt. Aber er war bereits so gut gefangen mit Hilfe des Mestizen, daß, selbst wenn er alle Preise gekannt hätte, er dann geglaubt hätte, daß Mr. Abner eben die Pferde so hoch einschätzte, daß sie ein so hohes Gegengeschenk wert waren. Und diese hohe Einschätzung seiner Pferde hätte Don Hacinto nur noch entscheidender besiegt, weil er auf seine Pferde sehr stolz war und weil die Anerkennung des Wertes, den er in seinen Pferden sah, eine Ehre für ihn bedeutete, der diese Pferde gezüchtet hatte.
So war der Indianer in seinen eigenen Sitten, in seinem eigenen Charakter gefangen. Und kein Mensch auf Erden sitzt fester als der, der in diesen Dingen gefangen ist. Fange einen Menschen in dem, was er seine Ehre nennt, und er gibt dir seinen Gott, seine Weltanschauung und seine elfjährige Tochter als Dreingabe. Ein so gottverdammt blödes Ding wie ein Duell, in dem der erschossen wird, dessen Ehre geschändet wurde von dem, der ihn erschoß, beweist mehr als Psychologen in dicken Büchern vergeblich zu beweisen suchen.
Frigillo kannte die Stelle, an der ein Mexikaner und erst recht ein Don Hacinto verwundbar ist. Nicht nur der Speer eines Hagen, sondern eine Giftfliege, im Misthaufen gezeugt und geboren, kann einen Siegfried töten, wenn sie seine verwundbare Stelle kennt.
10
Nach drei Tagen war Don Hacinto reisefertig.
Mr. Abner war jetzt des Indianers so sicher, daß er Frigillo schon in Tuxpam das Fanggeld auszahlte; und weil alles so gut gegangen war, ihm nicht hundert, sondern zweihundert Dollar auszahlte.
Von Tuxpam fuhren Mr. Abner und Don Hacinto durch die Laguna auf einem Motorlastboot nach Tampico.
Mr. Abner konnte nun mit seinem Opfer über San Luis Potosi nach El Paso reisen. Aber er überlegte und wählte dann den Weg Monterrey–Laredo. Durch diesen Weg hatte er Don Hacinto bereits in einem und einem halben Tage aus Mexiko heraus, während es auf dem andern Wege zwei Tage länger gedauert haben würde.
11
In San Francisco angekommen, mietete Mr. Abner sofort ein möbliertes Haus, dessen Lage und Charakter ihm für seine Zwecke günstig erschienen. Er reportierte in der Privatoffice des Mr. Collins die Ankunft des Indianers.
Es wurde sofort beraten, was man zu tun gedenke.
Don Hacinto wurde endlich von Mr. Abner in das Gebäude der Condor Oil Company gebracht, und es wurde nun mit allen Kräften und Schlichen an dem Manne gearbeitet, einem Verkauf der Rosa Blanca zuzustimmen.
Aber in dieser Angelegenheit wußte Don Hacinto ganz genau, was er wollte. So blieben alle Verhandlungen ergebnislos. Eine Million Dollar, die ihm als letztes Gebot bewilligt wurden, machten keinen besonderen Eindruck auf ihn. Es hätten auch zehn Millionen Dollar sein dürfen. Für ihn war die Rosa Blanca ein Gut, das nicht verkauft werden konnte, so wenig verkauft werden konnte, wie jemand die Notwendigkeit, essen und trinken zu müssen, verkaufen kann.
Als nun alles versucht worden war, als sich endlich ergab, daß auch alle weiteren Versuche und Angebote, Don Hacinto zum Verkauf zu bewegen, fruchtlos sein würden, ersuchte Mr. Collins den Mr. Abner um eine Privatbesprechung. Die Privatbesprechung fand ohne Zeugen statt.
12
Don Hacinto hatte in San Francisco einen Bekannten getroffen. Dieser Mann war in der Nähe von Tuxpam groß geworden, hatte dort geheiratet und war kurz nach seiner Heirat mit seiner Frau nach San Francisco gezogen, wo er einen kleinen Laden aufgemacht hatte. Der Name jenes Mannes war Espinosa. Aus irgendeinem Grunde hatte Don Hacinto seinem Freunde Mr. Abner nichts davon gesagt, daß er jenen Bekannten getroffen hatte. Dieser Mexikaner Espinosa konnte später einiges an Aufklärung beibringen, als er beim mexikanischen Konsul war, und das erzählte, was er wußte. Es war vielleicht ein Glück für ihn, daß Don Hacinto diese Bekanntschaft nie erwähnt hatte. Denn Senjor Espinosa wurde im Verlauf der Geschichte der Condor Oil Company sehr unbequem. Aber als die Condor Oil von dem Manne hörte, war es zu spät, ihm so oder so den Mund zu stopfen. Wäre der Plan nicht gar zu gut vorbereitet und ausgeführt worden, so hätte er an Senjor Espinosa scheitern können. Senjor Espinosa wußte nicht viel, aber das Wenige, was er wußte, bestätigte alles das, was der mexikanische Konsul in San Francisco und die mexikanischen Beamten in ihrem Heimatlande ahnten.
13
Eines Tages wurde Don Hacinto von Mr. Abner eingeladen, mit ihm im Automobil nach seinem Ranch, nach dem Ranch des Mr. Abner zu fahren. Mr. Abner hatte natürlich keinen Ranch.
Und als sie spät am Abend auf der offenen Landstraße waren, wurde das Automobil angehalten von Leuten, die dort irgendwo gewartet hatten. Don Hacinto erhielt mit einem Knüttel einen heftigen Hieb über den Schädel. In dem Summen, das sein Hirn durchsauste, dachte er an die Weiße Rose, an das alte Karrenrad im Hofe, an große Mules, an Pferde, an Margarito, an den Papagei und an Domingo, seinen erwachsenen Sohn. Vielleicht dachte er an andere Dinge. Aber die erwähnten mögen wohl wirklich die gewesen sein, an die er dachte. Er war nicht völlig betäubt. Er richtete sich halb auf, als wollte er etwas zu dem neben ihm sitzenden Mr. Abner sagen. In diesem Augenblick erhielt er einen zweiten kräftigen Hieb, der ihn zusammensinken ließ. Er wurde aus dem Wagen gezerrt, und Mr. Abner fuhr weiter. Hacinto wurde ausgekleidet bis auf die Haut. Ihm wurden zerlumpte Hemden und Kleider auf den Körper gezogen. Dann fuhr ein zweites Auto vor, in dem die angekommen waren, die das Auto des Mr. Abner aufgehalten hatten. Der jetzt ganz zerlumpt aussehende Indianer wurde nun mitten auf die Straße gelegt, das Auto entfernte sich ein Stück und raste dann in voller Geschwindigkeit über den Körper, sorgsam achtgebend, daß die Räder der einen Seite über den Hals Hacintos liefen. Das Auto kehrte um und überfuhr Hacinto ein zweites Mal. Die Männer stiegen aus und beleuchteten Hacinto mit elektrischen Taschenlampen. Sie untersuchten ihn sorgfältig, und als sie sahen, daß er tot war, wirklich tot, stiegen sie wieder ein und rasten zurück zur Stadt. Mr. Abner nahm einen andern Weg, um zur Stadt zurückzugelangen.
14
Der Leichnam des Don Hacinto wurde am nächsten Morgen gefunden. Der Coroner, der amtliche Leichenbeschauer, gab seinen Bericht; und Don Hacinto wurde auf Staatskosten eingegraben.
Der Bericht besagte, daß ein armer, zerlumpter Mann, offenbar ein Mexikaner, den Händen nach zu urteilen ein Landarbeiter, der sich über die Grenze geschmuggelt hatte, um in den Staaten Arbeit zu finden, in der Nacht von mehreren Automobilen überfahren worden sei. Weder der Name des Mannes, noch die Nummern der Automobile konnten festgestellt werden. Um eine spätere Identifikation zu ermöglichen, wurde der Leichnam gemessen, Haar- und Augenfarbe festgestellt, besondere Merkmale des Körpers gesucht und gefunden, und endlich wurden Gesicht und Profil photographiert. Der Identifikationsbericht wurde dem Department für Identifikation der Polizei in Los Angeles übergeben, in deren Bereich der Leichnam gefunden wurde. Dort lagert der Bericht, und dort wird er lagern, bis eines Tages ein Erdbeben die Stadt und alle amtlichen Dokumente zerstören wird.
Denn niemand auf Erden hat ein Interesse an dem Leichnam eines zerlumpten mexikanischen Landarbeiters, der sich nach den Staaten eingeschmuggelt hat.
12
1
Zwei Wochen später wurden bei der Regierung in Jalapa von der Condor Oil Company die Verkaufsakten der Rosa Blanca zur Bestätigung eingereicht. Der Besitzwechsel wurde in die Register eingetragen. Die Aktien bestanden aus einem Verkaufskontrakt in Höhe von vierhunderttausend Dollar, für welchen Betrag die Company die Stempelmarken, die Steuern und die Registrierung bezahlte. Der Kontrakt war unterzeichnet von Hacinto Yanyez, dem ersten Vizepräsidenten der Condor Oil Company, zwei Zeugen und einem Syndikus. Dem Kontrakt lag ein Affidavit, eine eidesstattliche Urkunde, eines amtlich vereideten amerikanischen Notars bei, der den Verkauf und die Zeichnung der Unterschriften bestätigte. Alle Dokumente waren ordnungsmäßig von dem mexikanischen Konsul in San Francisco beglaubigt, gleichfalls waren die Übersetzungen in das Spanische von ihm beglaubigt worden. Er hatte ja nichts weiter zu beglaubigen als die Unterschriften und die amtliche Befugnis jenes Notars.
Streng nach dem Gesetz hätte freilich der Verkauf in der Office des mexikanischen Konsuls und im Beisein von mexikanischen Konsularbeamten stattfinden müssen, um unantastbare Gültigkeit zu haben. Aber das Affidavit des Notars kann wohl unoffiziell bezweifelt werden, kann jedoch amtlich und offiziell nie bestritten oder gar angegriffen werden, ohne zu diplomatischen Auseinandersetzungen zu führen, die man bei einem solchen Objekt gern vermeidet, um so mehr als der Vizepräsident der Company, seine zwei Zeugen, der Syndikus und der Notar in jeder Hinsicht ehrenhafte und achtbare Bürger sind, die in vorzüglichem Rufe stehen und – eine wichtige Sache – politischen Einfluß haben. Ein ganz leiser Zweifel nur an ihrer Rechtschaffenheit kann zu sehr unangenehmen und peinlichen Folgerungen führen.
Also sind die Dokumente gut und werden ohne Bedenken als vollwertige Dokumente registriert.
2
Nach der Registrierung verging ein Monat.
Dann trafen auf der Rosa Blanca die Ingenieure der Company ein, um zu vermessen.
Es kam sofort zu Streitigkeiten auf der Hazienda.
Der älteste Sohn des Hacinto und Senjora Yanyez, die Frau des Hacinto, widersetzten sich dem Herumwühlen der Ingenieure. Die Männer, die auf der Hazienda wohnten, kamen alle herbei, und wären die Ingenieure nicht schnell wieder abgezogen, so wäre es zu bösen Gefechten gekommen.
Die Ingenieure behaupteten, die Company habe die Hazienda gekauft. Das bestritten der Sohn, die Frau, Margarito und alle Männer. Denn jeder wußte, daß Hacinto die Hazienda niemals zu verkaufen gedachte. Die Ingenieure hatten keine Abschriften der Dokumente bei sich, und so konnten sie freilich nichts anderes tun, als wieder abreisen.
3
Die Company telegraphierte an die Regierung nach Jalapa und ersuchte um militärischen Schutz bei der Übernahme der Hazienda.
Jetzt erfuhr der Gouverneur von der Angelegenheit zum ersten Male; denn mit der Registrierung der Dokumente hatte er ja nichts zu tun. „Da ist etwas nicht in Ordnung“, sagte er als erstes Wort zu seinem Sekretär. Er ließ sich sofort die Akten bringen, sah sie aufmerksam durch und sagte dann: „Die Dokumente sind richtig, haben Siegel und Zeichnung unseres Konsuls. Aber ich verstehe nicht den Yanyez. Er dachte gar nicht daran, zu verkaufen. Freilich ist der Betrag nun in vierhunderttausend Dollar bezahlt, während früher Don Hacinto nur vierhunderttausend Peso geboten waren. Das ist immerhin ein so gewaltiger Unterschied im Preise, daß dieser Unterschied wohl für Don Hacinto entscheidend gewesen sein mag. Was kann man wissen, was die Burschen ihm sonst noch versprochen haben.“
Er sandte die Akten wieder zurück in das Registeramt.
Einige andere Dinge kamen dazwischen. Als er damit durch war, stand er auf, zündete sich eine Zigarette an, ging zum Tische des Sekretärs im Nebenraum und redete zu ihm in einer Weise, als wollte er durch das Reden seine Gedanken ordnen und in eine bestimmte Richtung leiten.
„Dennoch verstehe ich nicht“, der Sekretär wußte noch nicht, daß der Gouverneur unausgesetzt an den Fall der Rosa Blanca gedacht hatte, während er andere Dinge erledigte, „dennoch verstehe ich nicht“, wiederholte der Gouverneur, „warum da militärischer Schutz nötig ist. Wenn er die Hazienda verkauft hat und für eine so hohe Summe, warum übergeben die Leute denn die Hazienda nicht? Ist er selbst denn nicht da, noch nicht zurückgekehrt?“
Ihm fegte ein Gedanke so heftig das Hirn, daß er erschrak.
In nervöser Hast kommandierte er dem Sekretär: „Sofort amtliches Telegramm zur Telegraphen- oder Telephonstation nächst zur Rosa Blanca, daß ich ältesten Sohn und wennmöglich Senjora Yanyez ebenfalls sofort mit raschester Gelegenheit hier zu sehen wünsche mit Briefen oder Telegramm versehen, die sie etwa von Don Hacinto empfangen haben sollten, während er in San Francisco war. Don Hacinto soll mitkommen, falls er inzwischen eingetroffen ist. Ich bin überzeugt“, sagte der Gouverneur in einem andern Ton, um anzudeuten, daß dies nicht für das Telegramm bestimmt sei, „Don Hacinto ist nicht auf der Hazienda, sonst könnten da keine Auseinandersetzungen sein. Aber wo ist er denn dann?“
„Vielleicht macht er sich gute Tage in San Francisco mit dem vielen Geld“, sagte der Sekretär lachend.
„Das ist möglich. Aber ich glaube es nicht. Ein paar Tage ja, vielleicht. Man kennt ja einen Menschen nicht wieder, wenn er plötzlich viel Geld in die Hand bekommt.“
Darauf sagte der Sekretär: „Kann sein, daß er sich einen guten Ranch ansieht, um sich dort anzukaufen, in California.“
„Kann auch sein“, gab der Gouverneur zur Antwort. „Aber es scheint, seine Leute hier haben von ihm gar keine Nachricht, nicht einmal eine Nachricht von dem Verkauf. Merkwürdig ist es auf alle Fälle.“
Abermals kamen andere Dinge zur Office, die der Gouverneur zu bearbeiten hatte.
Es schien, daß er den Fall nicht los wurde aus seinen Gedanken. Denn als er um vier Uhr des Nachmittags zurückkam zur Office, sagte er zu seinem Sekretär: „Da ist doch das Affidavit in den Akten. Wozu in aller Welt ist denn da ein Affidavit nötig? Ist doch gar nicht nötig.“
„Das scheint mir aber doch nötig zu sein“, warf der Sekretär ein. „Da der Verkaufskontrakt nicht auf dem mexikanischen Konsulat abgeschlossen wurde, wie es hätte eigentlich geschehen müssen, so haben die Kontrahenten als Ersatz hierfür das Affidavit eines amtlichen Notars eingesetzt. Vielleicht war der Konsul nicht anwesend.“
„Dann ist doch eine Vertretung auf dem Konsulat“, sagte der Gouverneur.
„Schon“, meinte der Sekretär, „aber vielleicht hatte die Vertretung nicht so weitgehende Vollmachten.“
Der Gouverneur schüttelte den Kopf: „Bei Abschließung eines so wichtigen Kontraktes, der sich auf Besitzwechsel in einem fremden Lande bezieht, insbesondere wo ein Besitzwechsel aus den Händen eines Staatsbürgers in die Hände eines Fremden in Frage kommt, kann man auch einige Tage warten, bis der Konsul zurückkommt, oder sie konnten nach Los Angeles reisen, um dort auf dem Konsulat den Verkauf abzuschließen.“
„Aber die Company ist in San Francisco ansässig“, wandte der Sekretär ein. „Für die Company ist das mexikanische Konsulat in San Francisco zuständig.“
„Die Company wollte ganz sicher gehen, darum das Affidavit des Notars“, sagte der Gouverneur. „Aber wenn sie so sicher gehen wollte, war das Sicherste, zu unserm Konsul zu gehen und dort den Kontrakt in seinem Beisein abzuschließen. Warum die Vertragsschließenden das vermieden haben, unsern Konsul aufzusuchen, ist ja eben gerade das, was mir so merkwürdig erscheint.“
„Aber, Senjor Gouverneur“, sagte der Sekretär, „erlauben Sie, bitte, unser Konsul hat die Dokumente bestätigt.“
„Was hat er denn bestätigt? Was denn? Er hat die Richtigkeit der Unterschriften der Personen bestätigt, die ihm persönlich bekannt zu sein scheinen, nach dem, was in seiner Bestätigung gesagt ist. Er hat ferner bestätigt, daß der Notar, der das Affidavit ausgestellt hat, ein Public Notary, ein amtlich vereideter öffentlicher Notar ist, dessen Amt und Befugnis zu Recht bestehen. Weiter nichts. Aber es bleibt mir nichts anderes übrig. Also dann, weiteres Telegramm an die Condor Oil, daß militärischer Schutz vorbereitet werde und, wenn notwendig, in wenigen Tagen zur Verfügung stehe. Solange der Kontrakt nicht bezweifelt werden kann, hat die Company alle Rechte auf ihrer Seite.“
4
Einige Tage später kamen der Sohn und die Frau des Hacinto nach Jalapa. Sie wurden sofort vom Gouverneur gerufen.
Er kannte beide Leute persönlich von seinem Besuch auf der Rosa Blanca her.
Sie sahen beide sehr verhärmt aus. Trugen ihre Sorgen und ihre schlaflosen Nächte offen auf dem Gesicht.
Der Gouverneur war herzlich zu ihnen. Er ließ sie fühlen, daß sie Vertrauen zu ihm haben durften.
Bot dem Sohne Zigaretten an und der Frau Schokolade aus einem Karton, den er aus einem Schubfache seines Schreibtisches zog.
Als er ihr den Karton reichte, damit sie sich einige Stücke herausnehmen sollte, begann er zu lächeln und sagte: „Entschuldigen Sie, Donja Concepcion, Sie rauchen lieber auch Zigaretten. Hier, bitte, versuchen Sie diese.“ Er reichte ihr sein ledernes Zigarettentäschchen, und die Frau nahm eine Zigarette heraus, lächelnd unter Tränen, die ihr dick in den Augen standen.
„Wo ist Don Hacinto?“ fragte der Gouverneur.
„Das wissen wir nicht“, sagte die Frau. „Wir machen uns so viel Sorge, was mit ihm geschehen sein kann. Seit er mit dem Amerikaner fortgereist ist, haben wir nichts mehr von ihm gehört.“
„Er hat die Rosa Blanca an die Company verkauft.“
„Das ist eine Lüge“, schrien beide, die Frau und der junge Mann. „Das hat er nicht getan. Er verkauft die Rosa Blanca nicht für hunderttausend Millionen Peso“, setzte die Frau allein hinzu.
Der Gouverneur nahm die Dokumente zur Hand, die er sich hatte bringen lassen, und reichte sie der Frau: „Hier sind die Verkaufsakten, Donja Concepcion.“
Die Frau überflog den Inhalt, ohne eigentlich zu lesen. Sie kam zu den Unterschriften und schrie: „Das hat Hacinto nicht geschrieben, diesen Namen.“
Der Gouverneur fragte rasch: „Warum glauben Sie, Don Hacinto hätte das nicht geschrieben?“
„Einfach, einfach“, schrie die Frau erregt, „er kann ja gar nicht schreiben. Nicht einen einzigen Buchstaben kann er schreiben.“