Part 18
„Mit ganzem Herzen, Senjor Gobernador, das brauche ich nicht zu versichern“, sagte der Licenciado offen. „Und in einem solchen Falle, angesichts einer so schäbigen Tat, wo es sich um nackten Raub unseres Landes handelt, bin ich Mexikaner erst recht und allen zum Trotz. Trotz seiner Eigensinnigkeit und seiner Schwerfälligkeit habe ich Don Hacinto achten und schätzen gelernt während meiner mehreren Besuche auf seiner Hazienda. Und ich darf Ihnen offen eingestehen, daß, als er, trotz der aufgehäuften Goldstücke auf seinem Tische, endgültig von jedem Verkauf abstand, ich einen tiefen Respekt vor dem Manne bekam. Und obgleich mir eine hohe Provision verlorenging, war ich im Herzen doch froh, daß er dieses schöne Stück Heimat nicht an die Amerikaner verkaufte, daß ein so schönes Stück Erde, das solche Menschen erzeugte, wie er war und wie alle übrigen dort sind, die ich kennenlernte, nicht in ein stinkendes und lärmendes Ölkamp verwandelt wurde. Und das ist meine ehrliche Meinung, Gobernador.“
„Nun gut“, sagte der Gouverneur, „kommen wir zum Handeln. Schreiben Sie der Company, daß Sie die Bestätigung der Registrierung noch nicht erhalten hätten, was ja der Wahrheit entspricht. Sie dürfen ruhig hinzufügen, daß nach privaten Mitteilungen, die Sie erhalten hätten, die Registrierung erfolgt sei. Dann schreiben Sie ferner, daß hier bei der Regierung inzwischen Bedenken aufgetaucht seien. Sagen Sie offen, es habe sich herausgestellt, daß Don Hacinto nicht schreiben konnte. Und sagen Sie endlich, daß die Regierung ein Interesse habe, zu erfahren, wo sich Don Hacinto befinde, um ihn über einige Einzelheiten in dem Vertrage zu vernehmen.“
„Halt!“ unterbrach der Licenciado. „Das werde ich nicht schreiben. Denn gesetzt den Fall, Don Hacinto ist noch am Leben, dann wird man nun versuchen, ihn noch nachträglich zu beseitigen, um einen so unbequemen Zeugen loszuwerden.“
„Das ist wahr. Daran hatte ich nicht gedacht“, sagte der Gouverneur. „Sagen Sie einfach, Don Hacinto sei hier noch nicht wieder zurückgekehrt, und seine Familie habe ein Interesse daran, zu wissen, wo er sei, ob man dort nichts über ihn erfahren könnte.“
14
1
Auf der Hazienda Rosa Blanca arbeiteten die Ingenieure nun mit voller Kraft.
Die Maisfelder, Zuckerstauden, Orangen- und Zitronenbäume wurden niedergemacht, um Platz zu schaffen für die Bohrtürme. Eine Straße wurde geschlagen und geebnet, um auf den schweren Lastautozügen das Material, die Dampfkessel und Maschinen heranzufördern. Jede Familie, die so kurzerhand von ihrem Feld herunter und aus ihrer Hütte heraus mußte, erhielt von den Ingenieuren je zweihundertfünfzig Peso ausbezahlt, um ihren Abzug zu beschleunigen. Das Abstandsgeld, das gleichzeitig als das Abstandsgeld für den Verlust der reifenden Ernten galt, wurde in silbernen Ein-Peso-Stücken ausbezahlt, damit es recht viel aussehen sollte und damit mit diesem Silberhaufen der Schmerz um die sterbende Heimat gelindert und kuriert werden sollte. Es dauerte nur wenige Tage, dann mußte auch die Familie des Don Hacinto die Hazienda verlassen.
Die Ingenieure waren gutmütig. Sie sahen das Weh der Menschen, die von ihren Urwurzeln gerissen wurden. Und um ihnen gefällig zu sein und ihnen zu zeigen, daß sie keine Schuld an diesem Zerbrechen einer Heimat trugen, fuhren sie mit den leer zurückgehenden Autos die Habe der Familien dort hin, wohin die Leute zu wandern gedachten.
Die Compadres brachten ihre Familien in kleine Orte, die nahe ihrer verlorenen Heimat lagen, weil die Männer alle in dem neu aufgelegten Kamp gutbezahlte Arbeit erhielten. Sie bekamen vier Peso und vier Peso fünfzig den Tag.
Der Mestize Frigillo hatte die Kommission für die Anwerbung dieser Leute bekommen. Nie vorher hatte er eine so leichte und angenehme Kommission in seinem Leben gehabt. Er brauchte nicht zu reisen, um Leute zu suchen, brauchte deren Reisegeld nicht zu bezahlen, und er hatte überhaupt keine Mühe. Denn alle Leute waren gleich zur Hand, weil sie ja nicht wußten wohin und weil sie noch froh waren, so schnell ein anderes Einkommen zu finden, nachdem ihnen die Ernten, gegenwärtige und zukünftige, genommen waren.
Die Familie des Don Hacinto siedelte sich in Tuxpam an. Sie hatte für Haus und Ernte eine Abstandssumme von zweitausend Peso bekommen. Die Frau wollte das Geld nicht annehmen. Aus Stolz. Sie wollte kein Geld von Räubern und Mördern in Händen haben, wie sie sagte. Aber der Sohn war vernünftiger. Er wußte, daß die Mutter, die ja nicht mehr jung war, und auch die jüngeren Geschwister das Geld gut gebrauchen konnten. Und so nahm er das Geld in Empfang und gab es seiner Mutter, als sie in Tuxpam eine kleine Tienda, einen kleinen Kramladen, kauften, damit die Mutter eine Beschäftigung und ein kleines sicheres Einkommen haben möge.
Er selbst, der Sohn, arbeitete eine Zeitlang als Kolonnenführer in dem neuen Kamp. Die Ingenieure, immer darauf bedacht, zu lindern und zu heilen, wo sie nur konnten, lernten ihn nach einigen Wochen als Chauffeur an, und Domingo fuhr die Material-Autos von Tuxpam zum Kamp. Er bekam nun zehn Peso den Tag. Da er sehr anstellig und willig war, lernten ihn die Ingenieure zum Tooldresser an, wobei er fünfzehn Peso den Tag verdiente. Er ist später noch höher hinaufgerückt und wurde endlich ein geschickter Driller, als der er fünfhundert Dollar Americano den Monat verdiente und gute Prämien erhielt für jeden einkommenden Brunnen, den er gebohrt hatte.
2
Der Erzähler dieser Geschichte hat nicht die Absicht, falsche Sentimentalitäten zu erzeugen und stimmungsvolle Wirkungen zu erzielen, damit der Zuhörer von einer schönen und rührenden Geschichte sprechen kann, die von dem Knicken eines zarten Rösleins handelt. Darum sei der Wahrheit gemäß mitgeteilt, daß nicht nur die Ingenieure, sondern auch das Direktorium der Condor Oil Company gut halfen, die ehemaligen Bewohner der Hazienda wenigstens in materieller Weise den Verlust ihrer Heimat weniger hart fühlen zu lassen. Und es sei ferner, der Wahrheit folgend, hier gesagt, daß viele der Männer, wenn nicht vielleicht alle, sich nach wenigen Wochen so gut in die neuen Verhältnisse hineinfanden, daß sie wohl bald kaum noch bereit gewesen wären, ihr neues Leben gegen das frühere zu vertauschen. Sie alle trugen jetzt gute Kleider, alle trugen jetzt Schuhe und Stiefel, auch die Frauen, alle Kinder besuchten die Schule, und die Frauen arbeiteten weniger hart als vorher. Und alle Leute ohne Ausnahme, insbesondere die Kinder, lebten jeden Tag mehr und mehr modernen hygienischen Grundsätzen gehorchend.
Materiell betrachtet waren alle Betroffenen jetzt besser für das Leben im allgemeinen gerüstet als vorher. Sie waren nicht mehr nur die Bewohner eines kleinen Fleckchens Erde, wo sie nichts weiter von der Welt und anderen Menschen wußten, als soweit ihr Auge den Horizont sah. Sie wurden mehr und mehr Menschen, die bewußt in einer großen Welt lebten, in einer größeren Heimat, in der mexikanischen Republik. Sie fühlten die Größe der Welt und den Umfang menschlichen Zusammenarbeitens über die ganze Erde hinweg. Ihre Feinde waren früher die Nachbarn auf der zweitnächsten Hazienda gewesen. Aber diese Feindschaft verschwand mit dem Wachsen in eine größere Welt hinein. Sie fühlten ganz leise das erste Keimen jenes Gedankens, daß alle Menschen auf der Erde eine Einheit sind, alle eine große Bruderschaft bilden. Sie sahen in den Filmen, die eifrige geschäftstüchtige Unternehmer in den Kamp-Orten vorführten, was andere Menschen, weit entfernt von hier, taten, wie sie handelten, wie sie dachten, wie sie arbeiteten, wie sie liebten, wie sie ihre Kinder behandelten, wie sie betrogen und schwindelten. So sahen sie, daß andere Menschen nicht so sehr verschieden von ihnen selbst waren. Und das verstärkte das brüderliche Band zu anderen Menschen und anderen Völkern. Sie hörten dem Radio zu, das von den amerikanischen Ingenieuren und Ölleuten in die Kamps gebracht wurde. Sie hörten Musik und Worte aus anderen Ländern, hörten die Reden des Präsidenten der Republik, hörten die Reden von Ärzten, Lehrern, Instruktoren, Künstlern, Gesundheitsinspektoren, die im Auftrage der mexikanischen Regierung die Mission zu erfüllen hatten, Kenntnisse und Wissen und guten Rat in die fernsten Gegenden der Republik zu tragen. Sie trafen mit anderen Arbeitern zusammen, die aus anderen Staaten der Republik kamen, die viel gesehen und viel erlebt hatten. So eröffnete sich vor den körperlichen und vor den geistigen Augen dieser Leute eine ganz neue Welt, von deren Existenz sie nie etwas vorher gewußt hatten. Eine Welt, die ihnen einst fern geschienen hatte wie ein Planet im Weltall. Und jetzt sahen sie jene ferne Welt, lebten in ihr, lebten mit ihr, verstanden sie mehr und mehr und fühlten sich bald als Glieder jener neuen größeren Welt, nicht als geduldete, sondern als berechtigte und notwendige Mitbewohner jener neuen Welt. Denn sobald sie sich erst einmal hier in dieser großen Welt ein wenig mehr zurechtgefunden hatten, lernten sie, daß man sie in jener großen Welt gebrauchte, daß sie notwendig waren, auch wenn sie nur eiserne Rohre heranschleppten und dabei halfen, diese Rohre einzuheben in die Bohrlöcher. Diese Arbeit war wichtig, denn wenn niemand die Rohre ablud und heranschleppte, so konnten die Automobile kein Gasolin bekommen und sie konnten nicht fahren. So fühlten sie auch bald heraus, aus gutem echtem Naturinstinkt, daß sie ebenso wichtig in dieser großen Welt waren wie die Ingenieure und Bohrer. Sie hatten eine schöne Heimat verloren, eine liebe Heimat, von der sie einst glaubten, daß sie ihren Verlust nicht überleben könnten. Aber als sie zu sehen lernten und als sie begannen aufzuwachen aus ihrer Benommenheit, aus ihren kleinen uralten Gewohnheiten, erkannten sie, daß sie an Stelle der kleinen, engen Heimat eine größere gewonnen hatten, die auch ihre Schönheiten hatte. Und während die alte kleine Heimat immer zu bleiben schien, was sie war, so war die neue größere Heimat von anderer Art. Die neue Heimat stand nicht still am Horizont. Sie wuchs und wuchs, wuchs mit jedem Tage neuer Erkenntnis zu einer immer größeren Heimat, die keine Grenze zu haben schien, die alle Menschen, alle Länder, alle Gedanken, die gedacht wurden, umfaßte. An Seele freilich war viel mit dem Untergang der ehemaligen kleinen Heimat verlorengegangen. Vieles sah nun häßlich aus. Vieles fehlte ihnen, was sie einst reich machte in ihren Empfindungen, in ihrer stillen natürlichen Freude.
Früher, in ihrer kleinen Heimat, hatten sie reiche seelische Empfindungen gehabt, aber es fehlte ihnen die Gabe, jene Empfindungen richtig und klar auszudrücken und im Austausch mit anderen Leuten die eigenen schönen Empfindungen zu vertiefen und zu erweitern.
Jetzt waren die seelischen Empfindungen oft weniger reich, aber sie lernten mehr und mehr, diese Empfindungen in Worten anderen Menschen klarzumachen und aus den Worten ihrer Mitmenschen, die wieder über deren eigene Empfindungen und Erfahrungen sprechen konnten, neue Schätze gewinnen, wodurch der Verlust früherer schöner Empfindungen durchaus wettgemacht wurde. Es kam natürlich auch hier, im Verkehr mit anderen Menschen, rohen, empfindungslosen, gedankenfaulen Menschen, oft manches Häßliche und Böse in ihr Leben. Aber wer es abzuschütteln verstand, wer genügend Robustheit aufbrachte, die harten Ellbogenstöße mancher rohen Mitmenschen nicht zu beachten, den traf das Häßliche weniger, und er nahm nur teil an dem, was gut und schön war.
Als Ganzes gesehen und vorurteilslos betrachtet, jede törichte Sentimentalität ausschaltend, darf mit Gewißheit gesagt werden: Die Menschen hatten viel verloren und bei dem Verlust viel gewonnen. Und es kam ein Tag, Monate später oder Jahre später, aber der Tag kam, an dem alle mit Recht sagen konnten: Wir sind reicher geworden als wir waren; wir sind größer geworden als unsere Väter waren, denn wir sind heute Bürger der Erde, und was mehr ist, wir sind heute bewußt Bürger der Erde; wir sind bewußte Bürger der Erde, weil wir die Erde und die übrigen Menschen begreifen und mehr und mehr verstehen. Und weil wir mehr Menschen verstehen, darum ist unsere Liebe größer geworden. Was Größeres kann der Mensch auf Erden gewinnen, als daß seine Liebe größer wird!
15
1
Licenciado Perez hatte sein Schreiben direkt an Mr. Collins gerichtet, um zu vermeiden, daß der Inhalt an untergeordnete Personen bekannt wurde.
Mr. Collins ließ sofort Mr. Abner rufen.
„Was habe ich Ihnen gesagt, Abner?“ Er fuhr ihn verteufelt scharf an. „Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß mir keine Sauerei gemacht wird? Ich habe Ihnen auch gesagt, daß ich für Dummheiten keine Verantwortung übernehme und daß ich Sie glatt und mitleidlos den Behörden ausliefere, wenn Sie Dinge begehen, die ich nicht decken kann. Für Dummheiten kennen wir keine Gnade. Ich lasse Sie fallen bis in die Hände des Henkers, wie Sie es verdient haben, wenn Sie eine Aufgabe nicht klar durchführen können.“
Mr. Abner war bleich geworden.
„Ist etwas herausgekommen?“ sagte er halblaut und furchtsam.
„Ja. Alles.“ Mr. Collins sagte es kalt und erbarmungslos.
„Dann kann ich mir nur noch einen Revolver kaufen“, sagte Mr. Abner hilflos.
„Wenn Sie dazu noch Zeit haben, Abner. Sie werden kaum vierundzwanzig Stunden haben, Mann. Und kaufen Sie einen guten, der nicht fehlt im rechten Augenblick. Der mexikanische Konsul hat die Sache in den Händen.“
Mr. Collins arbeitete, wie nur ein wahrhaft großes Genie zu arbeiten weiß.
Er hatte seine Agenten und seine Detektive auf dem Plane gehabt die ganze Zeit hindurch. Und es waren tüchtige Leute.
2
Auch der mexikanische Konsul hatte gute Detektive. Mexikaner, die in den Staaten geboren waren und die von dem Konsul in der Hauptsache gebraucht wurden, um diejenigen seiner Landsleute zu beobachten, die in den Grenzstaaten der Vereinigten Staaten Revolutionen gegen ihr Heimatland Mexiko anzettelten und Waffen über die Grenze nach Mexiko schmuggelten. Sie nannten sich alle Patrioten. Einzelne waren ehrliche Leute, die ernsthaft glaubten, daß sie ihrem Heimatlande nützten, wenn sie durch Revolutionen und Rebellionen der gegenwärtigen mexikanischen Regierung Unbequemlichkeiten bereiteten.
Diese Leute waren die Porfiristen, die Anhänger des gestürzten Regimes des Diktators Porfirio Diaz. Jene Männer glaubten, ehrliche Leute zu sein. Sie waren der Meinung, daß ihrem Lande nur dadurch gedient werden kann, wenn das alte konservative System des Porfirio Diaz wieder zur Macht gelangt. Sie waren der Meinung, daß Mexiko nur dann gedeihen kann, wenn die Amerikaner, die Engländer, die Deutschen, überhaupt alle Fremden ihr Kapital hereinbrachten, um die Naturschätze Mexikos herauszuholen. Dieses System hatte mehr als dreißig Jahre in Mexiko gewirtschaftet mit dem Erfolg, daß in der Blütezeit jenes Systems, im Jahre 1910, fünfundneunzig Prozent der Mexikaner keine Schuhe an den Füßen und nur Lumpen am Körper trugen, daß das ganze Volk, von einer dünnen Oberschicht abgesehen, versklavt war wie selten ein Volk versklavt gewesen ist, ein System, das so wenig an Bildungsarbeit getan hatte, daß bei Ausbruch der Revolution achtzig Prozent des Volkes weder lesen noch schreiben konnten.
Dann waren da jene ehrlichen mexikanischen Patrioten, die darum Revolutionen anzetteln wollten, weil ihnen einige Personen in den öffentlichen Ämtern der Republik nicht gefielen, sei es, weil sie jene Posten gern selbst gehabt hätten, sei es, weil jene Personen, die in den Ämtern saßen, ihnen nichts zu verdienen gegeben hatten.
Dann waren da jene halbehrlichen mexikanischen Patrioten, die von den amerikanischen und englischen Kapitalisten als Werkzeuge gebraucht wurden, ohne daß sie es wußten.
Und endlich waren da noch jene herrlichen Patrioten, die ganz offen sich von amerikanischen Companien und Magnaten bezahlen ließen, um Rebellionen in Mexiko anzustiften, die den amerikanischen Companien und Bankiers so willkommen sind, um finanzielle Spekulationen erfolgreich durchführen zu können.
Alle diese Patrioten mußte die mexikanische Regierung in den Staaten durch besondere Agenten überwachen lassen, um ihre Bürger und ihr Land vor Schaden zu bewahren, soweit das in den Kräften der mexikanischen Regierung stand.
Ein Fall wie der skandalöse verbrecherische Raub der Weißen Rose konnte sehr wohl zu einer Rebellion in Mexiko oder zu einem bewaffneten Einmarsch amerikanischer Truppen in das mexikanische Land führen, wenn die mexikanische Regierung nicht sehr vorsichtig handelte. Diplomatische Anfragen und Auseinandersetzungen über die Rechtmäßigkeit oder die Unrechtmäßigkeit der Verkaufskontrakte konnten zu peinlichen Verwicklungen führen, wenn man auf der einen Seite die Ruhe verlor, denn die Beziehungen zwischen beiden Mächten waren seit der Revolution gespannt genug, so daß es nur eines Funkens bedurfte, um das Feuer ausbrechen zu lassen.
3
Eines Tages kam ein Mexikaner zum mexikanischen Konsul in San Francisco, um die Geburt eines Sohnes dort registrieren zu lassen, damit der Sohn mexikanischer Bürger bleibe.
Der Konsul betrat den Geschäftsraum gerade in dem Augenblicke, als ein Beamter die Personalien jenes Mannes niederschrieb. Er fragte nach dem Geburtsort des Mannes. Und der Mann antwortete laut: „Tuxpam, Estado Veracruz.“
Darauf blieb der Konsul stehen und redete den Mann an: „Sie sind aus Tuxpam, Senjor?“
„Si, Senjor, a sus ordenes.“
„Kennen Sie dort in der Nähe die Hazienda Rosa Blanca?“
„Kenne ich, Senjor.“
„Kennen Sie Senjor Hacinto Yanyez?“
„Kenne ich, er ist der Besitzer, der Duenjo, der Rosa Blanca.“
„Ja, den meine ich“, sagte der Konsul.
„Don Hacinto ist jetzt hier, in San Francisco, Senjor. Oder er war wenigstens hier vor einiger Zeit.“
„Haben Sie mit ihm gesprochen?“
„Ja, wir waren verschiedene Male beisammen und haben in dem Restaurant des Senjor Palido zweimal zusammen gesessen“, sagte der Mann.
„Hat Don Hacinto zu Ihnen etwas gesagt, daß er die Rosa Blanca verkaufen will?“ fragte der Konsul.
„Er hat mir gesagt, daß er mit einem Amerikaner mit Namen Mr. Abner hierhergekommen sei. Dieser Amerikaner hat ihn eingeladen, mit ihm nach hier zu kommen, um ihm einige Zuchtesel und Zuchtstuten zu schenken als Gegengeschenk für sechs Pferde, die ihm Don Hacinto geschenkt hatte. Mr. Abner hat Don Hacinto überreden wollen, ihm die Rosa Blanca zu verkaufen. Er hat ihm endlich eine halbe Million Dollar für die Hazienda geboten. Ist sie gar nicht wert, die Rosa Blanca, Senjor.“
„Schon gut“, unterbrach ihn der Konsul. „Erzählen Sie weiter, was Sie wissen.“
Der Konsul war von dem Gouverneur in Jalapa über alle Einzelheiten inzwischen unterrichtet worden, so daß er wohl wußte, was und wie zu fragen bei einer Gelegenheit, die sich ihm jetzt so günstig bot.
„Don Hacinto sagte mir“, fuhr der Mann fort, „daß er die Rosa Blanca niemals verkaufen würde, auch nicht, wenn man ihm zwei Millionen Dollar böte. Ich habe ihm gesagt, er müßte wissen, was er täte, und ich würde die Hazienda verkaufen, wenn ich an seiner Stelle wäre. Aber er wollte nichts davon hören und sagte, daß er nie daran dächte, die Rosa Blanca zu verkaufen, er könnte es nicht der vielen Familien wegen, die darauf lebten, und er wollte auch nicht, daß über die Gräber seines Vaters und seiner Mutter die Automobile fahren.“
„Haben Sie den Don Hacinto hier einmal betrunken gesehen?“
„Etwas. Das kam mir dumm vor, weil Don Hacinto wenig trinkt. Er sagte mir, daß Mr. Abner ihm immerfort zu trinken gegeben habe, und daß er nicht ablehnen wollte, zu trinken, um nicht unhöflich zu sein.“
„Hat er etwas zu Ihnen gesagt, daß er auf dem Rancho des Mr. Abner gewesen sei, um sich die Zuchttiere anzusehen?“
„Er sagte mir, daß Mr. Abner immer keine Zeit habe, um zum Rancho zu fahren, und er sagte mir dann auch noch, daß er anfange zu glauben, daß Mr. Abner gar keinen Rancho und gar keine Zuchttiere habe.“
Der Konsul fragte darauf: „Wohnte Don Hacinto bei Ihnen oder in einem Hotel?“
„Er sagte mir, daß er mit Mr. Abner in dessen Hause wohnte. Das muß da irgendwo in der Brenton Street sein.“
„Hat Don Hacinto Ihnen gesagt, daß er viel Geld bekommen habe?“
„Das Gegenteil, Senjor Konsul. Don Hacinto sagte mir am letzten Tage, als ich ihn sah –“
„Halt, wann sahen Sie ihn das letztemal?“
„Mittwoch vor, vor – vier, fünf, sieben, Mittwoch vor elf Wochen.“
„Sie wissen den Tag genau?“
„Ja, Senjor. Denn an dem Tage hatte ich bei der Bank einen Scheck gekauft, den ich nach Mexiko schicken mußte für Sarapes, die ich importieren wollte. Vorher habe ich nie Sarapes hier gehandelt. Aber ich habe gedacht, das könnte vielleicht ein gutes Nebengeschäft sein.“
„Und an dem Tage –“ Der Konsul zögerte.
„Ja, es war genau an dem Tage. Denn ich traf Don Hacinto vor der Bank, und wir sind zusammen hineingegangen, und er hat zugesehen, wie man das macht, wenn man einen Scheck kauft. Viel Geld hatte er nicht, denn er sagte mir, es könne sein, daß er sich von mir Geld borgen müßte für die Rückreise, weil Mr. Abner gar nicht von der Rückreise spreche, die er ihm doch zugesagt hatte.“
„Später haben Sie Don Hacinto nicht mehr gesehen?“
„Nein. Und ich glaubte, er sei nun abgereist. Aber ich war doch sehr verwundert, daß er nicht kam, Adios zu sagen. Wir waren doch gute Freunde auch von früher her. Er kennt meine Frau und kennt alle meine Verwandten, die noch in der Nähe von Tuxpam leben.“
„Das ist gut. Lassen Sie Ihre Adresse hier. Ich brauche Sie vielleicht noch. Ich will Ihnen auch gleich sagen, weshalb. Don Hacinto ist nicht zurückgekehrt nach Mexiko. Er hat die Grenze nirgends rückpassiert. Und wenn es ganz gewiß ist, daß Sie ihn an jenem Mittwoch vor elf Wochen zum letzten Male gesehen haben, dann hat er fünf Tage später den Verkaufskontrakt für die Rosa Blanca unterschrieben.“
„Das glaube ich nicht. Er wollte nicht verkaufen. Ich glaube es auch sonst nicht. Hacinto konnte nicht schreiben, nicht einmal seinen eigenen Namen.“
„Das ist richtig. Hat er Ihnen gesagt, daß er vielleicht seinen Namen auf der Reise mit Mr. Abner oder in dessen Hause schreiben gelernt hat. Vielleicht hat es ihn Mr. Abner gelehrt.“
„Glaube ich nicht, Senjor Konsul. So etwas wäre so wichtig in seinem Leben gewesen, daß er davon gesprochen hätte zu mir.“
„Das denke ich auch“, sagte der Konsul.
„Hacinto ist auch nicht der Mann, der so schnell schreiben lernen könnte, in so kurzer Zeit. Einen Buchstaben vielleicht oder zwei oder drei. Aber nicht den vollen Namen. Hacinto nicht, Senjor.“
„Gut. Ich lasse Sie benachrichtigen, wenn ich Sie noch einmal benötige. Einen Jungen haben Sie? Guter mexikanischer Bürger, eh?“
„Aber kräftig, Senjor.“
„Wie soll er denn heißen, der Muchacho?“
„Emilio, Senjor Konsul, a sus ordenes.“ – „Adios denn.“
Der Konsul ging in seine Office und telephonierte sofort an einen seiner Agenten. Am Nachmittag diktierte er den Report nach Jalapa.
4
Mr. Collins sah Mr. Abner, der sich von seinem Schreck nicht zu erholen schien, an und sagte: „Wissen Sie, daß dieser Mann Yanyez nicht schreiben konnte? Nicht einmal seinen Namen?“
Mr. Abner setzte sich rasch, um nicht zu fallen.
„Verflucht! Daran habe ich nie gedacht“, sagte er schwitzend.
„Das ist es ja, was ich meinte“, sagte Mr. Collins. „Nicht daran gedacht. Wer hat Ihnen denn den Auftrag gegeben, den Namen zu fälschen?“
Mr. Abner bekam einen Ruck von innen. Sein Gesicht, das wegzuschwimmen angefangen hatte, bekam Festigkeit, und er sagte: „Ich habe doch den Mann schreiben gelehrt auf der Reise und in meinem Hause.“
„Sehr klug, Abner. Aber es hilft Ihnen nichts. Sie haben nicht aufgepaßt. Er hat einen Landsmann hier getroffen. Hat viel mit ihm gesprochen. Der Landsmann hat geschwätzt. Beim Konsul. Ist alles schon in den Akten. Licenciado Perez hat es hier schon im Brief. Dieser Mann Yanyez hat hier seinem Landsmann erzählt, daß er nicht schreiben kann.“
Das war nicht richtig, was Mr. Collins hier sagte. Der Landsmann hatte, nach dem Bericht des Senjor Perez, nur gesagt, daß ihm Senjor Yanyez nichts davon erzählt hatte, daß er inzwischen schreiben gelernt hatte.
„Das mit dem Namen allein ist ja nun so wichtig nicht“, sagte Mr. Collins. Er bereitete Größeres vor. Denn daß Senjor Yanyez nicht ausdrücklich erzählt hatte, daß er inzwischen nicht schreiben gelernt habe, war sehr gut. Das bedeutete die Rettung der Unterschrift und damit die Rettung des Vertrages.
„Das mit dem Namen ist so wichtig nicht. Wir werden sofort notariell in Ihrem Beisein und mit Ihrer Eidesversicherung festlegen lassen, daß Sie Senjor Yanyez auf der Reise schreiben gelehrt haben, damit er die Grenze passieren konnte.“
„Ja, das werde ich bestätigen“, sagte Mr. Abner, der glaubte, daß die Schlinge sich zu öffnen beginne.
„Das mit dem Namen allein ist es nicht“, wiederholte Mr. Collins. „Schlimmer ist, daß der Janitor, der Portier des Hauses, das Sie gemietet hatten, Sie mit dem Yanyez hat im Automobil fortfahren sehen. Daß Sie, jedoch nicht Yanyez, von der Fahrt am folgenden Tage zurückgekommen sind, daß Agenten des mexikanischen Konsuls, die, uns selbst unbekannt, in Ihrem Hause und in der Garage gewirtschaftet haben, Blut und ein paar blutverschmierte schwarze indianische Haare in Ihrem Auto gefunden haben. Ist photographiert. Die Haare sind im mexikanischen Konsulat, wie ich von unseren Agenten weiß. So, und nun hören Sie mehr, Abner, Sie blöder Draufschläger, der Sie sind.“
Mr. Abner saß zusammengekauert in seinem Stuhl und schien nicht mehr zuzuhören.