Chapter 3 of 19 · 3862 words · ~19 min read

Part 3

Aus den Hütten qualmte der Rauch der Herde durch die immer offene Tür und durch die Ritzen der Wände. Vor einigen Hütten knieten die Frauen vor dem Metate und rieben den Mais. Die Schweine, die Hühner, die Truthühner, die Esel, die Vögel und Tiere des Busches und des Dschungels, die gezähmt waren und sich an das Haus gewöhnt hatten, kleine Rehe, Waschbären, Hunde und Katzen liefen auf den Höfen herum, drängten sich dicht an die Indianerin, die vor dem Metate hockte. Wenn sie sich ein wenig aufrichtete, um sich den Schweiß aus der Stirn zu wischen, so warf sie vielleicht einen Brocken des Maisteiges zwischen die hungrigen Gäste des Hofes, die einen wilden Kampf darum begannen. Dann lachte die Frau und ging wieder mit frischen Kräften an ihre Arbeit. An die Arbeit, die eine Handmühle in drei Minuten schafft und an der die Indianerin eine Stunde sitzt und alle Kräfte daran wenden muß, die sie in sich hat. Aber die Handmühle kostete fünfzehn Pesos, und was hätte man mit der übrigen Zeit anfangen sollen, wenn man die Maza in drei Minuten fertig hat. Es war aber ein größeres Vergnügen, alle die Tiere um sich zu haben und alle die Kinder dazwischen. In den drei Minuten an der Handmühle konnten die Tiere sich nicht versammeln, konnten die Kinder nicht mit den Tieren herumjagen und herumkreischen, konnte man nicht so viel sehen und nicht so viel erleben. Wenn man sah, wie der Waschbär auf die Katze losging oder der Hund vom Truthahn verdroschen wurde, das war Leben. Die Handmühle war kein Leben, kein Lachen; und man konnte dem Manne, wenn er vom Felde hereinkam, nichts erzählen, daß auch er lachen mußte.

In einem alten aufgehängten Faßreifen bei einer anderen Hütte saß ein Papagei. Er war nicht angebunden und verübte die tollsten Streiche gegen die Kinder, gegen die Katze, gegen den Hund, gegen die Schweine. Wenn er während des Essens dann auf seinem Brett saß und seine zwei Tortillas bekam, so aß er nur wenig von den Tortillas. Er ließ die meisten Stückchen herunterfallen für ein bestimmtes Schwein, das er bevorzugte. Es war ein kleines, wild-graues, häßliches Schwein. Aber Loro, der Papagei, liebte es. Er ließ die Stückchen nur fallen, wenn jenes Schwein unter dem Brett stand. War ein anderes dort oder liefen Hühner herum, um etwas aufzuschnappen, so ließ der Papagei nichts herunterfallen. Das Schwein, das so geliebt wurde von dem Papagei, sah auf zu ihm wie zu einem Gotte, der Welten verschenkt. Die Familie, die in dieser Hütte wohnte, hatte das tausendmal gesehen; aber jeden Tag zu Mittag kamen die Kinder heraus oder auch der Vater oder die Mutter, um es immer wieder zu sehen. Sie konnten es nicht oft genug sehen. Wenn ein anderes Schwein den Brocken erwischte, den der Papagei für seinen Günstling hatte fallen lassen, dann schrie der Papagei wie besessen: „Cochino! Cochino! Schwein! Schwein!“ Es war das einzige, was er neben „Como estas?“ – Wie geht’s? – sprechen konnte. Hacinto, während er auf der Veranda stand, hörte das Kreischen „Cochino, Cochino“. Er kannte es, kannte den Papagei, kannte die Familie, kannte alles, alles. Das kreischende Geschrei des schimpfenden Papageis kam zu ihm nicht als ein einzelner Laut, es kam zu ihm nur als ein Ton, als eine Note, in den hunderttausend Tönen des ewig gleichen, vertrauten und heimatlichen Singens der Rosa Blanca. Alle Geräusche, alles Lärmen, das Quaken der Kühe, das Grunzen der Schweine, das Gackern der Hühner, das Krähen des Hahnes, das glucksende Belfern des Truthahnes, das Juchzen der Kinder, das winselnde Wimmern der Säuglinge, das gelegentliche Bellen der Hunde, das Klatschen von Tortillas in den Hütten, das Summen der Fliegen, das Geschwätze und Geschnatter der Frauen in der Küche seines Hauses, das Fluchen und Sichverschwören des Margarito, der die Mules dokterte, das Quieken des Hintertores, das in diesem Augenblick geöffnet wurde, das Blöken eines Jungen, dem seine Mutter eins hinter die Ohren zu wischen schien, weil er einen Krug zerbrochen hatte, das Rufen eines Indianers draußen in den Feldern, das Geigen der Zikaden und Grillen, das leise Läuten der sonnendurchfluteten blauen Luft über ihm, alles das vermischte sich zu einem einzigen geschlossenen Gesang für ihn. Der urewige Gesang einer mexikanischen Hazienda. Hier der besondere Gesang der Weißen Rose.

Weit hinter den Hütten sah er Indianerfrauen den Hügel heraufkommen mit den Krügen auf dem Kopfe, in denen sie das Wasser vom Flusse zu ihren Heimen trugen. Die Frauen gingen barfuß. Das schwarze Haar lang offen hängend. Sie hatten es am Flusse gewaschen. Sie trugen lange rot und grün gestreifte Röcke um die schlanken Lenden gewickelt und weiße Blusen mit kurzen Ärmeln und roten Stickereien auf der Brust. So ging auch seine Frau gekleidet. Genau so. Nur wenn er sie mit nach Tuxpam nahm zur Plaza, zum Markt, dann trug sie ein Kattunkleid und Schuhe. Aber einen Hut hatte sie nie. Nie gehabt in ihrem Leben. Immer nur den Schal des Landes, den Rebozo.

Von den Feldern kamen die Männer gemächlich schlendernd heim zum Essen. Sie trugen den Machete in der Hand und Hacken über die Schulter. Einige rauchten. Einige pfiffen. Die Jungen, die mit ihren Vätern draußen gewesen waren, haschten sich gegenseitig und grölten. An der kleinen Kapelle war die Tür mit frischem Grün geschmückt für die Fiesta am nächsten Sonntag.

7

Alles das sah Hacinto jetzt so, als sähe er es zum ersten Male in seinem Leben. Nie vorher hatte er das Singen der Weißen Rose so reich gehört wie jetzt. Und nie vorher hatte er so stark gefühlt, daß er der Kern des Ganzen hier ist, daß, wenn er sich hier von seiner Verantwortlichkeit löse, daß dann alles zusammenbreche. Die Familien würden sich zerstreuen, uralte Bande würden zerrissen werden, der Sohn würde seinen Vater nicht mehr erkennen, der Neffe nicht mehr seinen Onkel. Die Rosa Blanca würde nicht mehr die uralte Heimat eines Volkes sein, sie wird in der Erinnerung der Kinder der Rancho sein, wo der Vater einmal gearbeitet hat. Nichts wird die Kinder mehr in ihrer Seele mit der Rosa Blanca verknüpfen. Die Rosa Blanca wird gleich sein der Fabrik, in der der Vater arbeitet in der Stadt. Etwas Notwendiges, aber etwas, zu dem man keine persönliche Beziehung hat. Man wird wechseln von Ort zu Ort, um Arbeit zu finden, um leben zu können. Nichts wird mehr sicher sein. Heute ein guter Lohn, morgen ohne Arbeit. La Rosa Blanca hatte immer Arbeit, immer Nahrung, solange die Sonne aufgeht und untergeht. Aber daß es etwas in der Welt gibt, das einem Menschen die Sicherheit des Lebens und der Nahrung verbürgt, das werden die Kinder vergessen haben. Nahrung allein wird die Fabrik sein, das Ölkamp, die Kupfermine, die Textilfabrik, wo alle Nummern sind und alle Nummern haben, die am Abend beim Verlassen der Fabrik an einer Tafel aufgehängt werden.

Alles das wußte Hacinto nicht. Er wußte nur, daß, wenn seine Compadres, wenn alle hier, die so gut wie seine Kinder waren, nicht mehr eine Rosa Blanca hatten, die ihre Urheimat war, daß dann etwas Höllisches mit ihnen geschehen würde. Es würde mit ihnen etwas geschehen, das gleich war, was einem Fisch geschieht, den man auf den Sand wirft, was einem Baum geschieht, den man ausgräbt und auf einem Steinhaufen in der Sonne liegen läßt.

8

Hacinto hatte weniger als fünf Minuten hier auf der Veranda gestanden, um zu überlegen, ob es einen Ausweg gebe. Ihm waren diese fünf Minuten erschienen wie ein ganzes Leben. Er hatte in diesen fünf Minuten nicht nur mit der Jetztzeit gelebt, sondern auch mit der Vorzeit und mit der Nachzeit. Er hatte gesprochen mit Vorvätern, die er nicht kannte, von denen er aber wußte, daß sie seine Vorväter waren. Er hatte gesprochen mit seinen Nachfahren, von denen er gleichfalls wußte, daß sie seines Blutes, seines Stammes sind, obgleich er sie nicht kannte. Es war schon schwieriger gewesen, die Nachfahren zu finden. Er hatte sie im Geiste weit herum suchen müssen, weit in der großen Republik und bis hinauf in den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Denn sie waren nicht mehr in der Rosa Blanca.

La Rosa Blanca war Lote Nr. 95 bis Lote Nr. 144 der Condor Oil Co. S. A. La Rosa Blanca war ein Terreno, übersät von hohen nüchternen Ölbohrtürmen.

Wo einst die Orangen- und Zitronenbäumchen standen, wo einst sich die Kronen der Papayabäume in der flirrenden Luft wiegten, um ihre reifenden Früchte in der Sonne zu baden, wo einst die grünen Maisfelder waren und wo sich die Stauden im Reifen der goldenen Kolben ihre ewigen Märchen zuwisperten, da stöhnten und ratterten jetzt fauchende Lastautos mit stählernen Raupenbändern mitleidlos über die gequälte Erde, die sich hier aufbäumte in Schmerz, und die sich dort in Zorn knirschend zwischen die stählernen Bänder drängte, um deren brutale Macht zu zerbrechen.

Ein Gewirr von eisernen Rohren überzog die Felder. Und darüber war ein Genetz von Lichtkabeln und Telephondrähten.

Wohin man blickte, war ein Zischen von Dampfwolken, ein Aufblasen von schweren dicken Nebelballen.

Der Boden war schlammig und sumpfig von Öl, das entsetzlich stank und pestete.

Und überall war Schreien und Kommandieren und Schimpfen und Lärmen. Dampfpfeifen heulten. Drahtseile kreischten schrill über keuchende Räder und über quietschende Rollen.

Rohreschleppende Reihen von Indianern marschierten über die Felder wie Sklaven in Ketten, gehetzt von fluchenden Aufsehern.

Und die sonnendurchflutete Luft, die einst so voll war eines jauchzenden Gesanges, war nun angefüllt mit dem Gestöhn und dem Gekeuche, dem Rattern und Knattern, dem Stampfen und Poltern der Maschinen und Pumpen.

Von den Nachfahren des Hacinto war keiner mehr hier, außer einem. Und dieser eine marschierte stolpernd in der Reihe der rohreschleppenden Sklaven, die zwei Pesos fünfzig den Tag bekamen; und wenn sie nicht willig waren oder wenn sie sich den Fuß zerquetscht hatten von einem Rohre, das darauf gefallen war, entlassen wurden.

Diesen einen seiner Nachfahren hatte Hacinto hier im Geiste angetroffen. Er hielt ihn an und sprach zu ihm: „Wie gefällt es dir denn hier, hijito, mein Sohn?“ Hatte der Nachfahr geantwortet: „Gut, Padre. Gracias. Ich bekomme zwei Pesos fünfzig. In Pachuca, in den Silberminen, bekam ich nur einen Peso siebzig. Ich habe acht Kinder. Es ist hart, sie durchzubringen. Der Mais kostet jetzt zweiundzwanzig Centavos das Kilo, und die Hälfte ist hohl vom Wurm. Aber ich darf hier nicht länger stehenbleiben und mit dir sprechen, Padrecito mio, mein liebes Väterchen; denn wenn mich der Foreman hier stehen sieht und schwätzen, dann feuert er mich. Es ist nicht so leicht, andere Arbeit zu finden. Und ich habe acht Kinder.“ Er bückte sich über die Hand des Hacinto und küßte sie. Dann sprang er wieder rasch in die Reihe der marschierenden rohreschleppenden Sklaven.

9

Hacinto hätte wohl nicht zu überlegen brauchen. Er war ja der legitime Besitzer der Rosa Blanca. Aber er hielt es dennoch für gut, eine Weile mit sich zu beraten. Er wußte von anderen Rancheros: Wenn eine amerikanische Petroleum-Company einmal Land haben will, dann ist es schwer, sein Land zu verteidigen. Soviel kann man seinen Anwälten nicht zahlen, was eine Company ihren Anwälten bezahlt. Man hat sich vielleicht sogar gegen seine eigene Regierung zu verteidigen, und das ist ebenso schwer wie gegen eine amerikanische Öl-Company. Die Regierung erzielt hohe Einkünfte aus den Ausfuhrzöllen für das Öl, darum sieht sie darauf, daß recht viel Öl produziert und ausgeführt wird. Die Regierung braucht das Geld, um Schulen und Straßen zu bauen und um den Parlaments-Diputados hohe Tagesdiäten zu zahlen. Die Regierung muß sich die Diputados zu Freunden halten. Diputado zu sein ist ein Geschäft wie Schnapsbrenner oder Seidenhändler oder Zeitungsherausgeber. Der Diputado kann es nicht für einen Centavito tun, wenn er das Wohl des Volkes beraten soll. Wie auch der Pastor in der Kirche nicht umsonst Seelen retten und umsonst die Lehre des wahren Heils verkünden kann. Auf den Gotteslohn, von dem man sagt, daß er so süß sei, warten immer nur die, die nie klug werden. Diputados aber und Pfaffen gehören zu den klugen Leuten. Denn hat nicht schon der Herr gesagt: „Seid klug wie die Schlangen und nehmt, wo ihr es kriegen könnt; denn mühselig sind die Beladenen, und so ihr seid die Obrigkeit, dann müssen euch die andern untertan sein, damit auch das Scherflein der Witwe nicht verachtet werde.“

10

Hacinto wachte auf aus seiner weltentrückten Versonnenheit.

„Oye, Compadre“, rief er hinüber zu Margarito, der die Mules mit schwarzer Seife, heißem Wasser und Rancholiedern behandelte. „Oye, ven aca, komm hier einmal her.“

„Que paso, Compadre?“ fragte Margarito, während er über den Hof schlenderte. „Was ist los?“

Als Margarito vor ihm stand, sagte Hacinto zu ihm: „Da ist ein Caballero drin, in der Sala. Er sucht Arbeiter für die Ölkamps. Willst du nicht annehmen?“

„Ich annehmen, wie meinst du denn das, Compadre?“ fragte Margarito verwundert. „Wer macht denn dann hier den Mayordomo?“

„Damit werden wir schon fertig werden“, sagte der Patron.

Margarito dachte einen Augenblick nach, und dann fragte er: „Wieviel zahlt er denn, der Senjor?“

„Zahlt vier Pesos den Tag.“

„Den Tag?“ fragte Margarito ungläubig.

„Ja, den Tag.“

„Schönes Geld. De veras, schönes Geld.“

„Claro.“

„Wie lange hat er denn Arbeit?“ fragte Margarito.

„So lange du willst. Drei Monate, sechs Monate oder für immer“, gab Hacinto zur Antwort.

„Das ist zu lange. So lange will ich nicht fortbleiben. Drei Monate will ich wohl annehmen. Dann komme ich wieder zurück.“ Sagte Margarito.

„Nein, zurückkommen kannst du dann nicht“, meinte Hacinto.

„Was, Compadre? Nicht mehr zurückkommen. Wie denn? Nicht mehr zurückkommen. Warum?“ Das verstand Margarito nicht, daß er nicht mehr zurückkommen sollte zur Rosa Blanca, nicht mehr zurück in sein Heimatland.

„Der Caballero nimmt die Arbeiter nur an, wenn sie weiter bei der Company arbeiten. Immer. Wenn hier in der Nähe die Arbeit fertig ist, dann werden die Peons weiter geschickt zu andern Kamps“, erklärte Hacinto der Wahrheit gemäß.

„Nicht mehr zurück zur Rosa Blanca? Nie mehr zurück?“ philosophierte Margarito vor sich hin. „Nein, da gehe ich nicht. Vier Pesos den Tag, Caramba! Das ist saftiges Geld. Aber nicht mehr zurück und für immer in den Kamps, wo es so stinkt und wo sich die Leute immer schlagen und streiten. Nein, Compadre, sag ihm, ich will doch lieber nicht gehen. Vier Pesos, muy buen dinero. Aber nein, ich kann nicht gehen. Kannst ihm auch sagen, dem Caballero, er wird hier keine Leute bekommen können, wenn sie nicht wieder zurückgehen dürfen und wenn es für immer ist. In der Stadt kann er ja genug kriegen. Von hier geht keiner.“

„Es sind doch drei Jungen von hier gegangen“, erinnerte Hacinto.

„Ja freilich“, sagte Margarito. „Aber einer, der Marcos, ist doch wieder hier. Er sagt, er geht nie wieder fort in die Kamps. Er sagt, das sei nichts. Immer nur Arbeit und gar kein Spaß. Immer ist der Foreman hinterher und treibt und schimpft, soviel sie auch arbeiten. Der Junge vom Pedro ist doch nur da, um das Heiratsgeld für seine Muchacha schneller beisammen zu haben. Und der Junge vom José darf nicht mehr zurückkommen. Der José läßt ihn nicht mehr ins Haus, er hat sich da mit einem der Salonmädchen eingelassen, die er heiraten will. Das ist die Sache mit ihm. Vier Pesos. Holla. Bueno. Aber ich gehe doch lieber nicht, Compadre. Es ist so sehr viel Gestank da und immer Geschrei und Geschimpfe. Und was sollen die Mulas machen und die Pferde, wenn ich nicht hier bin? Die hören ja nur auf mich. Ich kann auch dann nicht mehr sehen, wenn das Kalb an der Kuh saugt und wie die Stiere sich auskämpfen, wer der Stärkste ist, und die kleinen Schweine und die Küken. Und die Kinder sind auch allein. Wenn ich sie mitnehme zum Kampdorf, da haben sie keinen Platz und wissen nicht, was sie tun sollen den ganzen Tag. Überhaupt, Compadre, wenn ich nicht zurück kann hier zur Rosa Blanca und überhaupt kannst du doch dem Caballero sagen, daß ich nicht will und daß auch sonst kein anderer von hier will. Die wollen auch alle wieder zurück. Wir gehören doch hier her. Und ich muß nun wieder zu den Mules rüber, die sehen böse aus und müssen gut gedoktert werden. Javier hätte besser achtgeben sollen. Er versteht auch gar nichts, wie er die Tiere aufzupacken hat.“

Margarito schlenderte zurück über den Hof, das Lied vom Indianerliebchen pfeifend. Als er näher zu den beiden Mules kam und sah, daß eines der Tiere unruhig war und das andere zu beißen suchte, unterbrach er wieder einmal sein Lied und schrie: „Macho, du himmelgottverfluchter Coyote von einem Mule, ich komme dir gleich hin und trete dich in den –.“ Aber als er nun wirklich hinkam, trat er nicht und stieß er nicht das Tier, sondern zog es nur von dem andern Mule fort, so daß die Beißerei von selbst aufhörte.

11

Was konnte Hacinto tun nach dieser Unterredung mit Margarito? Es war so, wie er wußte, daß es sein wird. Sie gehörten hierher, alle. Alle waren Kinder der Rosa Blanca. Sie und La Rosa Blanca waren eine Einheit, die man nicht trennen konnte. Man kann ein Kind von der Mutter trennen. Beide überleben den Schmerz. Aber man konnte diese Menschen hier nicht von der Rosa Blanca trennen. Wurden sie getrennt, so hörten beide auf zu sein, was sie waren. La Rosa Blanca konnte ein Rancho bleiben oder eine Hazienda; aber sie war nicht mehr Die Rosa Blanca. Sie war eine Hazienda wie viele tausend. Nun gar, wenn sie ein Ölfeld wurde. Und gingen die Menschen fort von ihr, die hier wurzelten seit Jahrhunderten, sie waren nicht mehr dieselben Menschen. Sie waren dann nur noch verwirrte und zerstreute heimatlose Landarbeiter oder Peons in den Kamps oder Strolche in den Straßen der Stadt. Sie waren Entwurzelte, die ihren Lebenszweck verloren hatten und ihren Lebensstrang, weil sie nirgends mehr hingehörten. Sie verloren nicht nur den Lebensstrang, der sie mit der Erde verband, sondern sie verloren mehr. Größeres. Sie verloren ihr Herz und ihre Seele, die eins waren mit der Rosa Blanca, wo ihre Geschichte wurzelte; wo ihre Wiegenlieder, ihre Liebeslieder, ihre Märchen, ihre Spukgeschichten, ihre bösen Kobolde, ihre Erdgeister, ihre Feen und Elfen und Baumnymphen geboren waren und lebten.

Margarito hatte Hacinto nur bestätigt, was Hacinto lange vorher wußte und was sein Vater und sein Großvater und alle die Vorväter gewußt hatten, daß ihm die Rosa Blanca nicht gehörte, daß er nicht der Eigentümer sei, daß er nur der Verwalter dessen war, das Eigentum aller war, die hier lebten und die hier seit ewigen, scheinbar urewigen Zeiten lebten. Jeder wollte zurück, weil er mußte. Er konnte irgendwo anders arbeiten, irgendwo anders Geld verdienen, aber leben konnte er nur hier. Darum hatte Hacinto kein Recht, kein alleiniges Recht an der Rosa Blanca. Und hätte er einen Rat der Männer zusammengerufen, wie es beinahe jeden Monat getan wurde, wenn die Arbeit besprochen wurde, diesmal jedoch, um die Frage vorzulegen: „Sollen wir die Rosa Blanca verkaufen und viel Geld bekommen?“, so würden alle gesagt haben: „Das können wir nicht, da sind doch die Kinder.“

12

Hacinto ging hinein in die Stube. Der Licenciado saß noch immer am Tische und hatte die Säulchen vor sich stehen. Er hatte es nicht gewagt, den Tisch zu verlassen, um auf die Veranda zu kommen. Er fürchtete, es könnte ein Goldstück gestohlen werden, und er müßte alles wieder aufs neue nachzählen. Aber ob da ein Goldstück auf dem Tische gelegen hätte oder zehn oder tausend, er hätte eine Stunde oder einen halben Tag den Tisch allein und unbewacht lassen können, und wenn er zurückkam, hätte er nicht nachzuzählen brauchen. Es hätte nichts gefehlt. Er war aber Licenciado. Darum traute er den Menschen nicht. Noch nicht einmal so weit, wie er sie sah.

„Nun wohl, Hacinto“, sagte Senjor Perez, als er den Indianer eintreten sah, „dann wäre also La Rosa Blanca verkauft. Hier, zählen Sie das Geld nach.“

Hacinto setzte sich nicht. Er sagte ruhig: „La Rosa Blanca ist nicht verkauft. Und La Rosa Blanca wird nicht verkauft werden, auch wenn Sie zehnmal mehr auf den Tisch legen. Dieses Geld da hat für mich gar keinen Wert. Man kann überhaupt kein Land für Geld umtauschen.“

„Alles Land wird doch für Geld vertauscht oder verkauft“, wandte Senjor Perez ein, nur um etwas zu sagen.

Hacinto, noch immer stehend, sagte darauf: „Land ist ewig, Geld ist nicht ewig, darum kann man Land nicht gegen Geld vertauschen.“

„Also dann nicht“, rief der Licenciado nach einer Weile erbost aus. Während er das Geld einsackte, fügte er hinzu: „Du bist ein blöder alter Dickkopf. Das ist es, was du bist. Man sollte dich in das Asyl für die Irren schicken, in die Castaneda. Da ist es, wo du hingehörst. Und wir werden die Rosa Blanca doch noch bekommen. Da kannst du nur ganz sicher sein. Und wir werden sie billig bekommen, das kannst du mir glauben. Viel, viel billiger. Du hast deine Gelegenheit verpaßt, Hermanito, Brüderchen. Das will ich dir nur sagen. Wir werden dich schon kriegen.“

„Ihr alle könnt mich gar nicht kriegen“, rief Hacinto, nun gleichfalls ein wenig erbost werdend. „Ihr könnt mich alle mal am Ursch kratzen, das könnt ihr. Und Furcht könnt ihr mir schon lange nicht einjagen. Ihr nicht. Und keiner. Und du kriegst auch nicht einen Mann von der Rosa Blanca für die Kamps zum Arbeiten. Das kann ich dir nur auch sagen. Willst du noch eine Copita haben, ein Gläschen. Eine guter Habanero von San Juan Bautista.“

Er schenkte die Gläschen ein, der Licenciado sagte: „Salud!“ Hacinto hielt sein Gläschen hoch und antwortete: „Salud! Gesundheit!“, und sie gossen ihre Gläschen hinunter.

Der Licenciado band den Leinensack zu, rief seinen Mozo, die Pferde zu bringen, saß auf, verabschiedete sich mit allen den Höflichkeiten, die ein Mexikaner auch dann nicht vergißt, wenn er enttäuscht oder verärgert ist, und ritt davon.

13

Als Hacinto auf der Veranda stand und den Fortreitenden nachblickte, dachte er nur über eines nach: „Wie kann er mich denn in die Castaneda bringen, ich bin doch gar nicht verrückt. Ich bin doch ganz vernünftig, ganz klar im Kopf.“

Dann schlenderte er hinüber zu Margarito, sah ihm eine Weile beim Doktern der Mules zu und sagte endlich: „Nächste Woche könnten wir das Jungvieh in den Korral treiben und die Brandmarken aufdrücken. Und am Sonntag werden wir beide einmal nach der Concordia reiten. Don Federico hat einen vorzüglichen Eselhengst, den er verkaufen will. Schleppt eine Carga von achtzig Kilo ohne Zucken. Werden wir eine feine Mulezucht anlegen.“

„Das habe ich dir nun schon seit fünf Jahren gesagt, Compadre“, meinte Margarito. „Die Mules sind jetzt sehr schön im Preise, und da läßt sich gut etwas machen mit Muleaufzucht.“

„Laß die beiden kranken Mules hier jetzt zwei Wochen auf der Weide ohne Arbeit, damit sie sich wieder gut aufholen“, sagte Hacinto.

Dann ging er ins Haus. Von der Veranda aus rief er den Frauen in der Küche zu, daß er Kaffee haben wolle, er sei durstig.

2

1

Der Report des Licenciado Perez lief im Hauptquartier der Condor Oil Company in San Francisco ein.

„Was denkt sich denn dieser Chunk von einem dreckigen Indianer, was er ist und mit wem er es hier zu tun hat!“ sagte der Präsident der Company, Mr. Collins. „Das Land, das ich haben will und nicht kriegen kann, gibt es im ganzen Universum nicht. In diesem Universum einmal sicher nicht. Wenn ich Land haben will und es ist auf dem Jupiter, ich bekomme es, sure as death.“