Part 12
Und es war genau in dieser Minute, daß die Sekretärin wieder an die Tür klopfte und – weil sie eine Vertraute war – sofort in ihrer leisen Art eintrat, ohne das „Come in“ abzuwarten. Es war ihr schon einmal geschehen, daß sie so herein kam, während sich Mr. Collins gerade mit einem – nun sagen wir einem Chormädchen – in einer Weise unterhielt, wie man sich gewöhnlich in seiner Office nicht mit einer Dame zu unterhalten pflegt. Aber Ida hatte Takt. Es wurde nicht einmal bemerkt, daß sie hier gewesen war. Aber Mr. Collins hatte es gefühlt. Und als jene Dame gegangen war, rief Mr. Collins die Sekretärin herein und sagte: „Ida, Sie sind eine der tüchtigsten Sekretärinnen, die ich je hatte. Sie verstehen Ihre Arbeit und Sie haben Takt. Beide Dinge schätze ich. Hier ist die Anweisung zur Kasse, von Montag ab bekommen Sie achtzig die Woche. Ich habe später noch Briefe.“
Ida hatte bis zu jenem Tage nur fünfundfünfzig Dollar die Woche gehabt. Nicht der Lohnerhöhung wegen, sondern wegen der Art, in der Mr. Collins die Angelegenheit erledigte, wegen des Tones in seiner Stimme, wegen der Tatsache, daß er mit keiner Miene, keinem Augenzwinkern etwas andeutete oder Schweigen gebot, verehrte Ida seit jenem Tage Mr. Collins wie einen Halbgott. Er hätte tun dürfen mit ihr oder in ihrer Gegenwart, was immer er wollte, sie hätte jede seiner Handlungen als ein Sakrament betrachtet.
Das war eine der Ursachen der Erfolge des Mr. Collins. Er sah einen Menschen, und er wußte, wie er ihn zu gewinnen hatte. Die einen brüllte er nieder, die andern redete er nieder und wieder andere streichelte er nieder. Und wenn nichts half, schlug er sie zu Boden. Aber stets blieb ihm eine lächelnde Höflichkeit eigen, eine Höflichkeit, die nichts verbergen sollte, sondern die echt war und darum ihrer Wirkung stets gewiß.
Ida sagte: „Die Herren sind da mit dem Report aus Mexiko. Es ist die Sache mit der Rosa Blanca.“
5
Und es war in diesem Augenblick, als Mr. Collins noch unter dem Eindruck der einen und einen halben Million Dollar stand, die gedeckt werden mußten.
Es war in diesem Augenblick, als, in dem Gedanken an Betty, seine Kraft gigantische Größe annahm, fünf Millionen heranzuschaffen, um die eleganteste Jacht für Betty zu kaufen und den König von England zur Bankerotterklärung zu zwingen.
In diesem selben Augenblick war es, daß die Herren des Grundstückdepartments der Condor Co. sich zur Beratung anmelden ließen, um den Report des Licenciados Perez aus Mexiko vorzulegen und mit Mr. Collins durchzusprechen und zu beschließen, was getan werden sollte: ob man von der Rosa Blanca absehen oder ob man einen neuen Versuch unternehmen sollte, die Rosa Blanca zu gewinnen.
Und weil der Report gerade in jenem Augenblick vorgetragen und zur Beratung unterbreitet wurde, darum war es, daß Mr. Collins rief, rief mit dem ganzen Kraftbewußtsein, in das er sich während der letzten vergangenen drei Minuten hineingerast hatte: „Das Land, das ich haben will und nicht kriegen kann, gibt es im ganzen großen Universum nicht. Wäre es selbst auf dem Jupiter, ich hole es herunter. Die Weiße Rose will ich haben. Und kein Gott und kein Präsident von Mexiko und keine Anti-Imperialistische Liga kann mich daran hindern, die Weiße Rose zu brechen. Ich will sie brechen, und ich werde sie brechen. – Danke für heute, Gentlemen. Ich werde nachdenken. Werde Ihnen mitteilen lassen, wann ich die Beschlüsse und Pläne genügend vorbereitet habe, um sie mit Ihnen besprechen zu können. So long. Goodbye.“
6
Nachdem jene Beratung mit den Herren des Grundstückdepartments vorüber war, wurde erneut in allen Registern in Mexiko herumgesucht, ob sich nicht doch noch eine Lücke fände, wo man die Besitztitel des Hacinto Yanyez angreifen könnte. Es gab keine Lücken. Die Titel waren alt und gut; und sie waren stets rechtskräftig erneuert worden, wann die Gesetze es verlangten.
Der Gouverneur in Jalapa wurde erneut bearbeitet, den Verkauf der Rosa Blanca durch ein besonderes Decreto zu verfügen mit der Begründung, daß Staatsgründe über Privatrechten zu stehen hätten und daß aus Staatsgründen der Verkauf der Rosa Blanca angeordnet worden sei. Es wurde dem Gouverneur durch einen Diputado, den die Condor Co. für ihre Interessen gewonnen hatte, auch gleich geschickt zu suggerieren versucht, was die Staatsgründe seien.
Dieser Diputado, der wegen zwei Frauen, die er in Mexiko City außer seiner eigenen Frau unterhielt, immer in Geldnöten war, versuchte dem Gouverneur klarzumachen, daß der Staat die Einnahmen aus den Ausfuhrzöllen für das Öl unbedingt gebrauche, daß jene Ausfuhrzölle eine Lebensbedingung des Staates und der ganzen Nation seien. Aus diesem Grunde müßte die Produktion und die Ausfuhr von Öl mit allen Kräften unterstützt werden. Gemeinwohl ginge über Privatrecht. Die Rosa Blanca enthalte vielleicht das reichste Ölfeld in Mexiko, und ein Gouverneur dürfe gar nicht die Einnahmen aus diesem Öl der Nation vorenthalten aus einer falschen Einstellung heraus und aus Rücksicht auf ein paar Indianerfamilien, die irgendwo anders angesiedelt werden könnten.
Der Diputado hatte sein Verschen schön auswendig gelernt, besser als seine inhaltlosen Reden, die er in der Camera de Diputados, dem mexikanischen Parlament, zu halten pflegte.
Der Gouverneur in Jalapa jedoch ließ sich durch den schmalzigen Diputado nicht in seiner Meinung beirren.
Er erklärte dem Licenciado Perez, der die Condor Oil Co. als ihr Syndikus in Mexiko vertrat und der den Diputado vorgeschickt hatte, um das Feld übersichtlich zu machen: „Ich werde den Fall noch einmal genau untersuchen. Es liegt nicht in meiner Absicht, die Condor Company in irgendeiner Weise zu schädigen oder ihre ernste Arbeit zu erschweren. Im Gegenteil, ich betrachte es als meine Aufgabe, solange ich hier Gouverneur bin, jede Produktion, sei es Öl oder sei es Zucker oder Holz oder Baumwolle oder Früchte oder Landwirtschaft, zu fördern. Und ob es sich um eine fremde Company handelt oder um eine mexikanische, das bleibt hier ohne Einfluß auf mich. Die konstitutionellen Rechte eines jeden in Mexiko, sei er Bürger oder Fremder, achte ich. Ich verspreche Ihnen, Licenciado, daß ich mein Bestes tun werde, der Condor Company zu helfen bei dem Ankauf der Rosa Blanca, wenn ich mich überzeugen kann, daß der Besitz der Rosa Blanca für die Condor Company unbedingt notwendig ist, um die Produktion von Öl zu fördern. Ich werde mit Don Hacinto dann auch sprechen, und ich glaube versichern zu können, daß ich ihn bewegen kann, dem Verkauf seiner Hazienda zuzustimmen. Aber ich vergesse doch nicht einen Augenblick lang, daß auch Don Hacinto Rechte und Meinungen in dieser Sache hat, die ebenso gut begründet sind, vielleicht noch besser als die der Condor Company. Aber ohne das Für und Dagegen genau untersucht zu haben, kann ich nicht urteilen und will ich auch nicht urteilen. Ich verstehe, daß nicht nur Don Hacinto allein in Frage kommt, sondern daß hier auch das Schicksal von sechzig oder siebzig mexikanischen Familien in Erwägung gezogen werden muß.“
„Die können alle Arbeit bei der Condor Company bekommen, oder die können auf Kosten der amerikanischen Company irgendwo anders im Staate angesiedelt werden“, warf Licenciado Perez ein.
„Gewiß kann das getan werden“, sagte der Gouverneur. „Gewiß, como no, warum nicht? Aber so einfach erscheint mir das denn doch nicht. Es steht hier nicht nur das nackte Materielle in Frage. Es tritt auch noch etwas rein Seelisches hinzu. Sehen Sie denn das nicht, Licenciado?“
„Ich weiß nicht, Senjor Gouverneur“, antwortete Senjor Perez, „was Sie meinen. Worauf Sie zielen.“
Der Gouverneur lächelte ironisch. Er ließ seine blendend weißen Zähne sehen, die in dem braunen Gesicht, das bewies, daß er reichlich viel indianisches Blut aufgenommen hatte, wie hochpoliertes Elfenbein glänzten. Er sagte: „Don Hacinto und die indianischen Familien geben doch nicht nur Land auf, das ersetzt werden kann durch Land in anderer Gegend der Republik, sie geben doch auch Land auf, das ihre Heimat ist, das die Heimat ihrer Vorfahren ist, das in seinem Boden die Gebeine ihrer verehrten Väter birgt. Sie geben Land auf, das gedüngt wurde mit dem Blute, mit dem Schweiß, mit den Hoffnungen, mit der Trauer, mit der Freude ihrer Väter und Mütter und ihrer selbst. Sie geben Land auf, das um dieser Dinge wegen ihnen heilig ist, heilig wie mir meine Mutter, mein Vater, meine Frau und meine Kinder sind.“
Nach einer längeren Pause, in der weder von ihm noch von Senjor Perez etwas gesagt worden war, trat der Gouverneur wieder an seinen Schreibtisch und sagte sehr sachlich: „Nun wohl, Licenciado, wie ich gesagt habe: Ich erweise Ihnen gern eine Gefälligkeit, aus alter Schulfreundschaft heraus, und ich bin auch gern bereit, der amerikanischen Company gefällig zu sein, wenn es sich mit dem, was ich für richtig halte, vereinbaren läßt. Aber ich will Ihnen nun doch sagen – und das soll gelten –, daß, wenn die Company nicht sehr gute Gründe hat, daß ich dann in dieser Sache nichts zu verfügen gedenke, daß ich es dann Don Hacinto allein überlasse, was er tun will. Er hat das Recht, zu verkaufen oder nicht zu verkaufen. Kann ich überzeugt werden, der Verkauf der Rosa Blanca ist notwendig im Staatsinteresse, dann werden wir weiter sehen. Kann ich mich von dieser Notwendigkeit jedoch nicht überzeugen, dann schließe ich den Fall, soweit ich oder der Staat Veracruz in Frage kommen. Was macht die Familie, Perez? Ist Maria schon durch mit dem Examen in der Medizin?“
„Ah, noch nicht. Sie hat noch zwei Jahre zu machen. Meine Senjora ist in Guadalajara bei meiner Schwägerin.“
„Meine Grüße, Perez. Adios. Adios.“
Die Herren schüttelten sich sehr freundschaftlich die Hände, und Licenciado Perez verließ das Regierungsgebäude in dem Bewußtsein, daß er gewonnen habe.
Er telegraphierte an das Hauptquartier der Company in San Francisco: Gouverneur in Sachen Rosa Blanca gewonnen, noch etwas gedulden.
7
Nachdem Licenciado Perez gegangen war, machte der Gouverneur einige Notizen auf seinen Erinnerungsblock, dann drückte er auf einen der zahlreichen Knöpfe des Klingelsystems und empfing die übrigen Besucher, die sich zu persönlichen Conferencen angemeldet hatten. Es kamen Direktoren von amerikanischen, mexikanischen, englischen, holländischen Companien, es kamen Arbeiter in Overalls, es kamen Sekretäre und Vertreter von Arbeitersyndikaten, es kamen Indianer aus fernen Winkeln des Staates, es kamen Lehrer, Ingenieure, Architekten, Beamte der Elektrizitätsgesellschaften.
So vergaß der Gouverneur bald wieder die Rosa Blanca.
Am Samstag reiste er zu einer politischen Conference in Mexiko City, einer Conference, die vom Präsidenten der Republik einberufen worden war. In dieser Conference wurde auch gesprochen, daß man nun bald daran zu denken habe, die Paragraphen der Konstitution, die durch die Revolution des Volkes geschaffen wurde, endlich in Kraft zu setzen, insbesondere jene Paragraphen, die sich mit der Tyrannei der katholischen Kirche befassen, und jene, die den Naturreichtum des Landes, insbesondere das Öl, als Volkseigentum erklären.
Da erinnerte sich der Gouverneur wieder an die Rosa Blanca. Er machte eine erneute Notiz in seinem Taschenbuch und unterstrich sie mehrere Male.
Als er am Montag zurückkehrte, ließ er sich sofort alle Akten bringen, die sich auf die Condor Oil Company bezogen. Er rief einen Ingenieur des Arbeitsamtes zur Mithilfe herbei. Mit ihm studierte er alle Pläne der Ländereien, die die Company besaß, zählte ihre Brunnen aus, studierte die statistischen Aufstellungen ihrer Produktion, ihrer produzierenden und ihrer toten Brunnen, studierte alle Parzellen, wo die Company augenblicklich auf Öl bohrte, und alle Parzellen, wo die Company nicht bohrte, berechnete alle Reserven an ölhaltigem Land, das die Company hielt, und alle Reserven an zweifelhaftem Land, das die Company unter ihrer Kontrolle hatte. Er notierte sich alles gut auf, und was er nicht genügend verstand, das ließ er sich von dem Ingenieur, dessen besonderes Arbeitsgebiet bei der Regierung die Überwachung der Ölfelder war, ausführlich erklären.
Am nächsten Freitag nahm er sich drei Tage Urlaub für Inspektionen und reiste mit seinem Burschen zur Hazienda La Rosa Blanca, um Don Hacinto kennenzulernen, seine Meinung zu hören und die Hazienda zu sehen.
Er blieb zwei Nächte und einen halben Tag auf der Hazienda, aß mit Hacinto am gleichen Tisch dasselbe schlichte Essen, das Hacinto aß, schlief in dem Bett, das man ihm anbieten konnte und dessen Matratze nur Bretter waren, über die zwei der üblichen Petates, Schilfmatten, gebreitet waren. Mehr konnte ihm die Rosa Blanca nicht bieten, denn mehr hatte sie nicht, mehr brauchte sie nicht, mehr hatte sie seit mehreren hundert Jahren nicht gehabt, mehr wollte sie nicht haben; denn sie war vollkommen glücklich in dem, was sie hatte.
Der Gouverneur besuchte mit Hacinto und Margarito alle Familien, die auf der Hazienda wohnten, ging in alle Hütten, sprach mit allen Leuten, hätschelte die Kinder, nahm das eine und das andere auf den Arm, gab ihnen Zuckerwaren und kleine Geldmünzen. Wenn er eine Hütte verließ, um zur nächsten zu gehen, folgte ihm die ganze Familie nach. So ging es von einem Hause zum andern, bis er, bei der letzten Hütte angelangt, alle Familien der Hazienda, mit allen Kindern, Hunden, Eselsfüllen und Schweinen hinter sich hatte.
Niemand auf der ganzen Hazienda, auch Hacinto nicht, auch Margarito nicht, ermüdete ihn damit, nach jedem zweiten Worte Senjor Gouverneur zu sagen, niemand sagte ihm ein schmeichelhaftes Wort, niemand haschte nach einer Gunst, niemand strengte sich an, ihn lächeln zu machen.
Aber in jeder Hütte, wo er eintrat, kam ihm der Hausherr entgegen, wenn er nicht schon vor der Tür gestanden hatte, neigte den Kopf und sagte schlicht: „A sus ordenes, Senjor, ich stehe zu Ihren Diensten; das Haus, in dem Sie sich befinden, ist Ihr Haus.“
Die Frau des Hauses, immer ein nacktes Kind auf dem Arm, pflückte sofort Blumen und gab sie einem der größeren Kinder, die nackt und halbnackt herumliefen, damit es die Blumen dem Gouverneur überreiche. Dann ging der Gouverneur, gefolgt von allen in einem Haufen, über die Felder der Rosa Blanca, betrachtete sich den Mais, das Zuckerrohr, die Orangen- und Zitronenpflanzung, die Trapiche, in der das Zuckerrohr ausgepreßt wurde, das Baumwollfeld, die Papayapflanzung, die Bananenpflanzung, die Weide, wo die Kühe waren, die Mules, die Pferde, die Esel. Auch den Papagei, der ein häßliches Schwein zum Freunde hatte und sich mit den andern Schweinen herumzankte, mußte er sehen. Alles, was zu sehen war, sah er sich an. Sah sich alles so an, als ob er in den Ferien wäre und nirgendwo in der Welt ein Amt zurückgelassen habe, das viel Sorgen bereitet, viel Arbeit mit sich trägt, viel Neid hervorruft und wenig Freude bringt.
Der Gouverneur war in einer Großstadt geboren und aufgewachsen. Er hatte immer nur in der Großstadt gelebt. Hatte in Mexiko City studiert. War zuweilen von Freunden eingeladen worden auf die Haziendas der reichen Mexikaner, die gleich Lords auf ihrem Besitztum leben, meist jedoch mehr Großstädter als Landbewohner sind und mehr Wochen im Jahr in Mexiko, in Puebla, in Queretaro oder in San Luis Potosi zubringen als auf ihrer Hazienda, deren Leitung sie ihrem Mayordomo überlassen.
Zum ersten Male in seinem Leben war er nun auf einer Hazienda, deren Besitzer Indianer war, und wo alle Menschen, die dort lebten, Indianer waren.
Es geschah ganz unerwartet, daß in ihm sich plötzlich der Indianer regte, der in seinem Blute war. Denn obgleich er gebildet war wie ein gebildeter Amerikaner, obgleich er gekleidet war wie jeder amerikanische Großstädter, obgleich er lebte, wie jeder zivilisierte Mensch in einer Großstadt lebt, so war seine Hautfarbe, die Farbe und die Schwermut seiner Augen, die Farbe und Strähnigkeit seines Haares doch so durchaus gleich Hacinto, daß sie waren, als hätte beide dieselbe Mutter geboren. Das weiße Blut, das er von einem spanischen Vorfahren in seinen Adern hatte, war nicht stark genug gewesen, auch nur einen Schimmer in ihm zu zeigen. Die Ur-Rasse des Kontinents war so mächtig, daß sie alles fremde europäische Blut, das in ihm war, aufgesogen hatte, wie sie alles fremde Blut nach und nach aufsaugt, das hier geboren wird. Denn das fremde Blut unterliegt ja nicht nur dem Einfluß des indianischen Blutes durch Mischungen bei der Zeugung, sondern es unterliegt auch denselben Einflüssen des Klimas, des Wassers und der Nahrung, die in Jahrtausenden die Eigenheit und Einzigkeit der indianischen Rasse schufen.
Und weil der Indianer in ihm sich regte, sich geltend machte unter dieser Umgebung, darum begann er, mit den Indianern jetzt und hier zu fühlen und zu empfinden. Dinge, die er vorher nicht verstanden hatte, begann er jetzt in seinem Gefühl und in seiner Seele zu verstehen.
Als er zu Licenciado Perez von der Heimat und den Heimatsrechten der Leute auf der Rosa Blanca geredet hatte, da sprach er rein theoretisch von Heimat. Etwa so wie von Heimat in Gesetzesparagraphen geredet wird, durch die Nationalität und Staatsangehörigkeit von Individuen festgelegt werden soll. Heimat war dann ein allgemeiner Begriff, der sich durch Dokumente ausdrücken ließ, durch Auszüge aus dem Geburtsregister bestätigt und begrenzt wurde. Eine rein zufällige Sache, die durch den Wohnungswechsel der Eltern und auch durch absichtliche und unabsichtliche Fehler in den Registern beeinflußt werden konnte.
Hier nun aber sah der Gouverneur den Begriff Heimat von einer Seite aus, die ihm bisher fremd geblieben war. Diese Heimat konnte durch Gesetz, durch Register weder bestimmt noch beeinflußt werden. Diese Heimat war eine Angelegenheit der Seele. Diese Heimat war etwas, das den Menschen schuf. Den Großstädter sowie auch viele Bauern und Farmer kann man in eine andere Großstadt oder auf eine andere Farm versetzen, und sie sind sofort wieder daheim. Aber hier waren die Menschen so eins mit der Erde, daß sie aufhörten Mensch zu sein, wenn sie aus dieser Heimat entwurzelt wurden.
So kam der Gouverneur, aus seinem indianischen Blute heraus, zu der Überzeugung, daß kein Öl auf der Erde, kein Automobil, kein Dieselmotor wertvoll genug sei, dagegen Heimat auszutauschen. Öl und Automobile und Flugmaschinen sind schöne Dinge, die dem Menschen viel Nutzen und viel Erleichterung in seiner Arbeit bringen; aber was bedeuten dem Menschen, insbesondere diesen Menschen hier, Öl und Motoren, wenn sie ihn in seinem Wesen und in seiner Seele viel ärmer machen als er ist mit der Heimat als Lebensbasis, mit der Heimat, die ihm Inbegriff alles dessen ist, was Freude, Glück, Zufriedenheit, Ruhe, Lebenssicherheit, Liebe, Poesie, Kunst, Religion, Gottheit, Paradies sind.
Wir alle, wir Armen, wir freuen uns an der Maschine, am Flugzeug, am Radioapparat, am Fernkino nur darum, weil wir unsere Heimat verloren haben. Der Verlust unserer Heimat ließ uns stumpf und zerrissen zurück. Um uns zu betäuben, um unseres Verlustes, unseres Schmerzes uns nicht bewußt zu werden, darum brauchen wir Gasolin, das uns Schnelligkeit vorzaubert, damit wir rascher fliehen können vor uns selbst und vor unseren Herzensnöten.
Das alles kam hier jetzt dem Gouverneur zum Bewußtsein. Weil er indianisches Blut hatte und in seinem Blute der Heimat noch näher stand als der Weiße, der seine Heimat seit Jahrtausenden verloren hat und seitdem rastlos in der Welt umherflitzt, immer getrieben und gehetzt, niemals Zeit habend, niemals Zeit gewinnend, ob er Eisenbahnen baut und Expreßzüge, oder ob er Flugzeuge baut oder drahtlose Telephone. Er wird immer rastloser, immer gehetzter, hat immer weniger Zeit, je mehr er auch erfindet, um Zeit zu gewinnen. Gejagt von einem Kontinent zum andern, von Asien nach Europa, von Europa nach Amerika, von Amerika wieder nach Asien. Dann Kriegszüge und Weltkriege, um eine neue Heimat zu finden. Und alle seine Wissenschafter suchen und suchen vergebens, zu finden, wo die Heimat des Weißen ist.
Und der Gouverneur sprach mit Hacinto und mit Margarito und mit den übrigen Männern. Sprach mit ihnen, als hätte er sie gekannt seit zehntausend Jahren. Er verstand alles, was sie sagten, und begriff alles. Begann sich mit ihnen allen zu duzen. Trank mit ihnen Tequila und Habanero aus derselben Flasche, die von Mund zu Munde ging.
Er, der Indianer, hatte heimgefunden, hörte zum ersten Male seine Seele zu ihm sprechen, hatte zum ersten Male in seinem Leben das Bewußtsein, daß er zu Hause sei, war zum ersten Male in seinem Leben wahrhaft glücklich, zufrieden und eines unbekümmert freudigen Mutes, der keine Furcht vor Sorgen kennt.
Er zog die eleganten braunen Schuhe von den Füßen und ließ sich von Hacinto ein paar alte Sandalen geben. Zog den Rock aus, knöpfte den Kragen ab, steckte den Kopf durch den Schlitz der Tilma und warf sie sich über. Drehte sich Zigaretten aus Maisblättern. Aß Tortillas und Frijoles. Schälte das Fleisch von den gebackenen Hühnchen mit den Fingern ab und tunkte es mit den Fingern in die rotbraune Mole. Nahm nach Indianerart das Salz prisenweise mit den Fingern auf und schob es so in den Mund. Biß große Stücke von der grünen Chile ab und trank den Kaffee schwarz und gesüßt mit dem braunen rohen Zucker, der auf der Hazienda selbst gemacht wurde.
Der Gouverneur mußte alle Pferde reiten, um zu sagen, welches das beste sei.
War der Gouverneur in der Stadt mit seinen Freunden zusammen und wurde nicht über Politik geredet, dann wußten meist nach einer Weile weder er noch seine Freunde, was man reden sollte. Und weil man keinen Unsinn reden und keinen Klatsch breittreten und ausstänkern wollte, fanden sich der Gouverneur und seine Freunde immer recht hilflos. Dann mußte man sich mit Dominoklötzchen helfen oder mit Schach oder mit Billard oder mit Karten; weil man nicht wußte, was man mit sich und mit seinen Freunden beginnen sollte und man doch auch nicht ganz und gar verdusseln wollte.
Hier, auf der Rosa Blanca, kam dem Gouverneur auch nicht für eine Minute der Wunsch nach Domino oder Karten.
Er saß mit Hacinto und Margarito in Schaukelstühlen in dem Portico. Alle Männer der Hazienda waren da. Einige saßen auf der Holztreppe, die vom Hofe in den Portico führte, andere hockten auf dem Erdboden vor der Treppe, wieder andere hockten im Portico, auf dem Fußboden aus dicken Bohlen, andere saßen auf dem Geländer des Porticos, und wieder andere lehnten sich gegen die Säulen. Sie mischten sich nicht in das Gespräch, das die drei Männer, die in den Schaukelstühlen sich wiegten, führten. Sie hörten nur zu, um zu hören und zu erfahren. Zuweilen flüsterte der eine der zuhörenden Männer zu einem andern. Zuweilen rief Hacinto oder Margarito einen der Männer herbei, um ihn etwas zu fragen, was auf das Gespräch sich bezog, eine Auskunft über die Mules, über das Vieh, über eine Familie und was es so gab im Leben auf der Hazienda.
Die Dinge, die der Gouverneur mit Hacinto und Margarito besprach, waren so ureinfach, wie Dinge überhaupt nur sein können. Sie sprachen über Mais, über Zucker, über Salz, über den Preis für Kühe und Schweine, über Holz und Wald, über gutes und schlechtes Weideland, über den Ertrag anderer Haziendas, über die Zahl der Kinder, die einzelne Familien hatten, über Krankheiten des einen Mannes oder einer Frau, über Kurmittel für Kühe, Pferde und Mules, über die Beschaffenheit der Wege in der Nähe, über die weite Entfernung der Schule für die Kinder, die nur unregelmäßig die Schule besuchten, über die Tatsache, daß Hacinto noch im selben Jahr eine Schule bauen wolle auf der Hazienda und daß er den Lehrer bezahlen werde, über Wetter, über die Menge des Regens, über Trockenheit, über die Tiger, die im Busch herumfauchten und zuweilen ein Kalb oder eine Ziege fortschleppten, über Moskitos, über Henequen, den zu bauen man angefangen habe und von dessen Fasern man jetzt auf der Hazienda alle Leinen und Lassos selbst anfertige und man sogar schon überschüssige Ware verkaufte, und was es so an den Vorgängen und Geschehnissen auf einer großen Hazienda gab.
Mit keinem Worte redeten die Leute von Politik. Ob Don Manuel oder Don Justo Präsident der Republik war, darum kümmerte sich hier kein Mensch; ob die Amerikaner in die Republik einmarschieren wollten oder ob sie in den Häfen von Nicaragua mit Panzerschiffen protzten und dort Kanonen abfeuerten, das war für die Menschen hier ohne jedes Interesse. Ihre Heimat war nicht die mexikanische Republik, ihre Heimat war die Weiße Rose; und Dinge, die sich nicht auf die Rosa Blanca in irgendeiner Weise bezogen, existierten nicht für die Leute.
Dennoch, trotzdem es erschien, als hätten die Männer keine weiten Interessen über ihre enge Heimat hinaus, so waren doch ihre Reden zuweilen so voll von Weisheit und Philosophie, daß der Gouverneur mehr als einmal aufhorchte und im Vergleichen so viele Meinungen, die er anderswo gehört oder gelesen hatte, recht nichtig und unbedeutend fand, nicht wert, über sie nachzudenken.