Chapter 11 of 19 · 3913 words · ~20 min read

Part 11

Jetzt verlangte sie mehr. Sie sagte kurz: „Wann kaufst du das Haus?“ Von einem Mieten des Hauses wurde schon gar nicht mehr geredet.

„Ja; also, wann kaufst du das Haus?“ wiederholte sie sachlich: „Montag ist die Party. Dann muß möbliert sein. Alles, bis auf den letzten Ring an den Vorhängen. Und Telephon und Licht. Ich will alles baden in Licht, überfluten und überschwemmen mit Licht. Gentlemen“ – sie wandte sich direkt an die Herren – „Gentlemen, Sie alle werden Mr. Collins und mir gewiß die Ehre erweisen, bei der Party anwesend zu sein. Bringen Sie alles mit, was Sie wünschen, alles Weibliche, was Sie an Freunden haben. Es geht durchaus ungezwungen zu. Paris in Frisco. Verstehen Sie, meine Herren. Ungezwungen. Importierter Prediger ist auch da, um Ehen zu schließen und später, wenn die Paare finden, die Charaktere stimmen nicht zueinander, sie wieder zu lösen. Und wenn Sie dann am Morgen gehen, sind Sie frei wie vorher. Die Kosten für Eheschließung und Ehescheidung müssen Sie selbst tragen. Das sind Privatkosten. Er macht es billig. Imitation ist immer billig, und wenn Sie zwei oder mehr Ehen schließen und scheiden während der Nacht, gibt er Ihnen Rabatt. Ist Schwede. Versteht aber, was Sie wollen. War in Schweden wirklich Prediger. In Stockholm. Sie haben ihm das Fahrgeld nach Amerika gegeben, weil er über Kirchengelder, die fehlten, nicht Auskunft geben konnte, wo sie geblieben waren. Collins, mein Liebling, du erinnerst die Herren, bitte, an die Party.“

Sie ging auf ihn zu, umarmte ihn, küßte ihn und war wieder hinaus.

3

Die Herren waren nicht aus dem Lachen gekommen, während sie im Telegrammstil ihre Party empfahl. Sie alle sagten zu, daß sie kommen würden. Sie sagten es im Ernst und mit Inbrunst. Und sie hatten nur einen unangenehmen Gedanken, daß etwas dazwischenkommen könnte, was sie verhindern möchte, bei der Party anwesend zu sein. Daß sie nicht ihre Frauen mitbringen mußten, sondern ihre Freundinnen, die weniger langweilig waren und auf jeden Scherz sprangen, ihn verstanden, geschickt erweiterten und meist sofort praktisch anwandten, versprach den Eingeladenen alle irdischen Genüsse, die die Großen der Nation nötig haben, um ihre Spannkraft nicht zu verlieren und nicht durch Nervosität, Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit zur Arbeitsunfähigkeit verurteilt zu werden. Wer arbeitet, soll auch genießen. Und wer tüchtig arbeitet, der soll auch nach dem Maßstabe des Wertes und des Gewinnes seiner Arbeit genießen.

Es sei schon jetzt gesagt, daß alle Herren des Aufsichtsrates zur Party kamen; daß alle mit ihren Freundinnen, oder was es sein mochte, kamen, und daß alle am nächsten Morgen, lange nach vier Uhr, heimkehrten mit dem Bewußtsein, daß sie alles genossen hatten, was sie erwartet hatten, zu genießen. Jeder war wenigstens einmal verheiratet und einmal geschieden worden. Und wenn er sich noch kräftig genug in den Lenden fühlte, so war auch ein zweites Mal und ein drittes Mal geheiratet und geschieden worden. Zehn Dollar kostete die Eheschließung und zehn Dollar die Scheidung. Brautgemächer waren auch da. Die Kammermädchen, die für die Bereithaltung der Brautgemächer zu sorgen hatten, bekamen für jede Öffnung eines der Brautgemächer zehn Dollar von dem glücklichen Bräutigam.

So ging am Ende ein jeder reich beschenkt nach Hause.

Es wurde nur darauf gesehen, daß jeder, der nach Hause ging, auch wieder richtig geschieden war; denn es war wiederholt versichert worden, daß der Prediger echt sei und daß die Heirat infolgedessen vor dem Gesetz ihre Gültigkeit habe. Was die jungen Bräute bei der Scheidung von ihren scheidenden und sich lösenden ehemaligen Ehemännern an Ablösegeld empfingen, hatten die Paare unter sich selbst auszumachen, weil man die Kosten für eine gerichtliche Entscheidung vermeiden wollte. Die Bräute sagten auch alle vor der Eheschließung schon, wieviel sie erwarteten, falls die Ehe noch in derselben Nacht, häufig in derselben Stunde, wieder geschieden würde. Darum ging auch alles viel schöner, viel reibungsloser – aber nein, reibungslos will ich nicht sagen –, viel glatter, viel ordentlicher und mit viel weniger Zank und Gestank zu, als das sonst im Leben geschieht, wo man Sachen ernst nimmt, die der Mensch niemals ernst nehmen sollte. Aber nein, es muß immer gleich alles ewig sein. Nun wohl, wenn ihr an ewigen Genuß, an ewige Liebe, an ewige Treue glaubt, dann müßt ihr für euren törichten Glauben eben auch bezahlen, so wie ihr der Kirche bezahlen müßt, wenn ihr daran glaubt.

4

Als Betty gegangen war, wurde die Konferenz wieder aufgenommen. Aber niemand wußte etwas zu sagen. Jeder hatte andere Gedanken. Gedanken an die Fürstin, Gedanken an die eigene Geliebte, Gedanken an das bevorstehende Fest, Gedanken an den Schimmer der Göttlichkeit, der für einige Minuten im Raume geweilt hatte, wo alles ungöttlich war, wenn auch sehr reich. Und es war keiner da, der nicht Mr. Collins in jenen Augenblicken angesehen hätte, als wäre er nicht von dieser Welt. Wie kann einem Manne wie Mr. Collins, einem Geldmanne, wenn auch einem mächtigen Geldmanne, so etwas in den Schoß fallen!

Und diese Herren, die so geübt sind, sich zu jeder Minute auf jede beliebige Sache mit aller ihrer Schärfe konzentrieren zu können, gaben es auf und beschlossen, die Konferenz zu vertagen. Millionen von Dollars blieben infolge dieser Vertagung, die Betty verursacht hatte, für einige Tage länger in den Händen, in denen sie heute waren.

Die Tatsache, daß alle Herren zugesagt hatten, zur Party der Miß Betty zu erscheinen, gab Mr. Collins nur noch vermehrte Macht in der Company. Denn es war ja nicht nur Bettys Party, es war ja auch seine. Er bezahlte ja die ganze Party. Und er bekam alle Herren nahe und zu einer Intimität, die allen seinen Plänen nur günstig war. Um bei einem so übertollen Feste zu einem reinen und vollen Genuß zu kommen, müssen alle Gesetze gebrochen werden, die Bigamie, Nackttänze und Alkoholkonsum unter schwere Strafe stellen und die abgestempelte bürgerliche Ehre und Anständigkeit der Großen des Volkes bedrecken, wenn es bekannt wird. Darum werden Verschwörer und Verbündete eines solchen Festes sich auch immer willig zeigen, Verschwörer und Verbündete zu sein in Geschäften, mit deren Hilfe man die Unkosten für jenes Fest zu bestreiten und die Kosten für ein anderes noch tolleres Fest heranzuschaffen gedenkt.

Mr. Collins konnte bei diesem Fest seine Spießgesellen besser studieren als in den Konferenzen. Hier lernte er ihre schwachen Seiten kennen, wo er sie anpacken und niederzwingen konnte, wenn sie ihm nicht folgen wollten bei der Ausarbeitung eines neuen großen Raubzuges.

So war es wieder Betty gewesen, die ihn zu größerer Macht erhob. Seine Frau hätte das nie vermocht. Ihr fehlte die Gabe, Dinge so zu schieben und zu lenken, daß niemand sah, wie und von wem gelenkt wurde.

5

Es war ein kühner Schachzug von Betty gewesen, daß sie im rechten Augenblick die Herren mit der Einladung überrumpelte. Sie tat es aus zwei Gründen. Und sie tat es keineswegs so spontan wie es schien. Sie hatte in zwei Sekunden die Situation übersehen und sofort zugeschlagen. Sie erfaßte sofort den Kern. Sie wußte, daß, wenn sie die Herren einlud und die Herren zusagten, daß Mr. Collins nun keine Ausrede mehr gebrauchen konnte. Er mußte das schönste und teuerste Haus kaufen, das zu haben war, er mußte das Haus verschwenderisch ausmöblieren, und er mußte das Fest so reich halten, daß einflußreiche Millionäre, die verwöhnt sind, sich nicht langweilten und das Fest etwa als eine „rotten affair full of boredom“, eine ludermäßig langweilige Geschichte bezeichneten.

Das war der eine Grund für ihre Einladung. Der andere Grund war rein sachlich und geschäftlich. Sie verhalf Mr. Collins, ohne daß er es ahnte, zu einer intimen Freundschaft mit jenen mächtigen Männern, was seinem Geschäft nützlich war und dadurch ihrem eigenen Einkommen; denn je mehr er verdiente, um so mehr konnte sie aus ihm herauswirtschaften.

6

Nachdem die Herren eingeladen waren und zugesagt hatten, mußte Mr. Collins in der Tat nach dem teuersten Hause suchen und es kaufen. Es war ein Palast. Reich möbliert. Das frühere Eigentum einer Filmkönigin, die mehr als Tempelhüterin der Venus verdient hatte als im Film, obgleich sie auch im Film dreitausend Dollar wöchentlich machte. Aber das war nur eine schlichte Nebeneinnahme, die gerade für die Unterwäsche reichte. Die Filmkönigin hatte sich kürzlich einen neuen Palast bauen lassen, und so war dieser Palast hier frei geworden.

Der Palast war in spanischem Kolonialstil erbaut. Der Innenhof war überdacht mit Glas, das mosaikartig und reich in Farben gefaßt war. Es war eine Bequemlichkeit besonderer Art, daß das Marmorbad, das bei dem Fest eine so große Rolle spielen sollte, schon da war, im Innenhof, und daß die Monturen des Bades reich versilbert waren. Es konnte geheizt werden, und der ganze Innenhof konnte rasch auf tropisches Klima gebracht werden. Das Bad selbst war an ähnliche Überraschungen, wie die bevorstehenden, gewöhnt und fand sich freudig bereit, alles zu tun, was man von ihm wünschte. Die Plätze für die drei Orchester waren so gut verdeckt, daß man weder die Musiker sah, noch daß die Musiker – was wichtiger war – unter keinen Umständen sehen konnten, was die taten, denen sie aufspielten. Bei jedem Orchester war außerdem eine Vertrauensperson, ein zuverlässiger Neger, der die Verantwortung für das gute Verhalten der Musiker übernahm, um spätere Erpressungen mit Hilfe von geglückten Blitzlichtaufnahmen zu vermeiden. Die Musiker wußten, was geschah. Aber sie kümmerten sich um nichts. Sie hatten alle Familien, wurden sehr gut bezahlt, und sie wußten, daß bei gutem Verhalten sie auch bei ferneren Festen anderer Gastgeber zur Mitwirkung herangezogen werden würden. Was auch immer man dem Luxus und dem Genuß nachsagen mag an bösen Dingen, sie haben meist das Gute an sich: sie lassen andere verdienen. So wird ein Ausgleich geschaffen, der die Achse der sich drehenden Erde in ihrer Ruhe hält.

Betty trank nur drei Glas Champagner. Nur aus Höflichkeit. Sie verheiratete sich nicht ein einziges Mal auf diesem Fest. Nicht einmal mit Mr. Collins. Als er etwas andeutete, holte sie eine der freien Bräute herbei, nahm beide unter den Arm und führte sie dem schwedischen Prediger zu. Mr. Collins ließ sich vermählen, und Betty gratulierte dem jungen Paar und übergab es einem Kammermädchen der Brautgemächer. Betty hatte gelernt, Welt und Männer zu regieren. Die ganze volle Woche nach dem Fest seufzte Mr. Collins in ihrer Gegenwart, wollte sich von seiner Frau scheiden lassen, um Betty zu heiraten, gab ihr in seiner Tollheit schriftliche Gelöbnisse – ein gefährliches Ding in den Staaten – und erwürgte sie beinahe in seinem Hunger nach ihr. Sie zerriß die Gelöbnisse vor seinen Augen und warf ihm die Stücke ins Gesicht.

Von diesem Tage an konnte er für sie morden.

7

Er verfiel in eine Raserei des Machthungers. Er gab sich auf. Das will sagen: Er gab sich auf als einer, der für sich selbst Macht erobern möchte. Er wollte Macht zu keinem andern Zwecke mehr, als vor Betty und in ihren Augen als der Mächtigste, der Klügste und der Kühnste dazustehen. In alten Zeiten wäre er jetzt ausgezogen und hätte Kontinente erobert.

Aber Kontinente werden heute nicht mehr mit Soldaten aus Fleisch und Blut erobert. Und Generale und Generalfeldmarschälle haben ihren Nymbus verloren. Als General Pershing sogenannt siegreich von den Feldern in Frankreich heimkehrte, jubelte man ihm zu. Am Tage des Einzugs. Am nächsten Tage war er vergessen. Die erste Seite der Zeitungen, die gestern voll war von seinem Ruhm, ihn Alexander, Cäsar, Washington und Grant gleichstellte, war heute überdröhnt von dem Fallen der Stahlaktien und von der nahenden Sintflut des Bolschewismus. Niemand dachte auch nur für einen Augenblick daran, ihn auf die Liste der Präsidentschafts-Kandidaten zu setzen. Er war nur gerade ein angestellter Metzgergeselle der Nation gewesen. Wer hat heute Zeit, sich um arbeitslose Metzger zu bekümmern!

Die Armee eines Mr. Collins, die er ausschickt, um Kontinente zu beherrschen – erobern will er sie gar nicht –, ist anderer Art. Seine Armee besteht aus Agenten, die Prämien bekommen. Seine Soldaten sind Schecks. Seine Kriegspläne bauen sich auf aus Renntips, aus den Tips für das Rennen um Öl.

Es beherrscht nicht länger mehr der die Welt und die Menschen, der die größte Armee, die besten Kanonen und die meisten Flugzeuge hat, sondern der beherrscht die Welt, der das Öl beherrscht. Was kann der größte Feldherr heute tun, wenn ihm Mr. Collins das Öl verweigert? Dann schwirrt kein Bomben tragendes, kein Giftgas spritzendes Flugzeug durch die Lüfte. Dann kriecht kein Kriegstank über das Schlachtfeld. Dann schleppen keine Lastautos Armeen von einer Front, wo sie im Augenblick nicht gebraucht werden, zu einer anderen Front, wo sie den Krieg entscheiden sollen. Dann fährt kein Unterseeboot in den Meeren. Dann bewegt sich keines der Riesengeschütze.

Wenn Mr. Collins sagt: „Ich habe kein Öl!“, so muß man es ihm glauben, und niemand kann ihn des Landesverrats anschuldigen, denn niemand kann Beweise bringen. Er hat die Pläne von den Rohrleitungen, von den Zufahrtsstraßen, von den Brunnen, von den Pumpstationen. Mit wenigen Kommandos kann er die Dinge alle so verwirren, daß keine hunderttausend Hektoliter Öl herangeschafft werden können, ohne hunderttausend Hektoliter Öl an Kraft unnötig zu vergeuden.

Man kann es wagen, die Gesetze der Rechte des Privateigentums zu erschüttern dadurch, daß man allen seinen Ölbesitz konfisziert. Aber wenn man nicht seine Kenntnisse, sein so kompliziertes System der Förderung, der Verteilung und des Transportes gleichzeitig mit konfiszieren kann, so ist der, der konfisziert, ebenso hilflos wie der Franzose, der das Transportsystem des Ruhrgebietes in Deutschland konfiszierte. Es bewegt sich. Freilich. Aber es bewegt sich so schwerfällig, daß der Nutzen aufgefressen wird von der Bewegung.

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1

Es war zwei Tage nach dem Feste Bettys.

Mr. Collins kam in seine Office um elf ein halb Uhr morgens. Er fand aufgehäuft auf seinem Tische die Rechnungen für den Palast, den er gekauft hatte, für die Ummöblierung des Hauses, für die Party, für den Champagner. Bei dem Schmuggel von Champagner, Whisky und anderen Sorten Alkohols wird viel abgefangen, Tausende von Dollars an Bestechungsgeldern müssen den Beamten der Prohibitionsüberwachung gezahlt werden, hohe Summen an Strafen müssen aufgebracht werden. Diejenigen, die an Stelle der Größeren die Gefängnisstrafen absitzen, müssen unterstützt werden, damit sie ruhig bleiben und nicht reden und damit man immer wieder andere findet, die neue Gefängnisstrafen übernehmen. Alles das kommt in einer Flasche Champagner im Preise zum Ausdruck. Und so ist es billig, wenn eine Flasche Champagner nur sechzig Dollar kostet. Fünfhundert Flaschen Champagner waren auf dem Feste, die Weine, Liköre und Whiskys nicht gezählt. Bei einem solchen Gelage wird, wie bei allen solchen Gelagen, kaum ein Drittel getrunken, der Rest wird vergeudet und ausgegossen von den Schwelgenden, in Trunkenheit, in Übermut und im Protzen.

Ein roher Überschlag der Rechnungen, der Palast eingeschlossen, ergab die lächerlich kleine Summe von achthundertvierzigtausend Dollar. Die Rechnungen für die Kostüme und Juwelen der Betty standen noch aus, weil die Lieferanten dieser Dinge höflich sind gegenüber denen, wo das Geld sicher ist.

Die beiden Chordamen Mr. Collins’, die jüngsten Datums waren hinsichtlich ihres Eintritts in das Leben des Magnaten, hatten von dem Fest gehört. Sie waren aufs höchste erbost, daß sie nicht eingeladen worden waren. Sie meldeten sich darum in ihrer wütendsten Stunde und lagen fest auf Mr. Collins, ihren Zorn zu besänftigen. Sie drohten mit Skandal, Briefen an die Zeitungen, Briefen an die Kirche, der Mr. Collins angehörte, Briefen an die Agenten der Prohibition. Sie zählten das nicht einzeln auf in ihrem Telephongeschnatter, aber sie sagten: „Dann mache ich Sauce für dich, sweet Daddy, mein süßes Väterchen.“ Die eine wußte noch immer nicht von der anderen. Mr. Collins wußte, was Sauce bedeutete. Sie würden zwar die Sauce nicht machen; denn Mr. Collins war ein zu guter und fetter Kunde, als daß man es voreilig mit ihm verdorben hätte. Ein endgültiger Schlag wurde nur dann geführt, wenn jede Hoffnung, sich ihn warm zu halten, für dauernd aufgegeben werden mußte. Die Besänftigung ihrer Bosheit mit einigen neuen Kostümen, einem Pelz und einem Brillantenarmband als Zugabe, schätzte Mr. Collins auf rund fünfundzwanzigtausend Dollar.

Wenn alles schön beisammen war, was noch fehlte in dem Berg der Rechnungen, die hier lagen und die noch zu erwarten waren, so kamen rund neunhunderttausend Dollar in ruhiger Erhabenheit zusammen.

Mr. Collins sagte halblaut: „Purty in the neighborhood of one Million nice little beautiful bucks, hübsch nahe einer Million guter und schöner Dollar.“

2

Als er das überdachte, schwankte er ein wenig, als ob er fallen wollte. Denn obgleich er an Summen gewöhnt war, so war eine solche Ausgabe, die unmittelbar aus seiner Tasche ging und die genau betrachtet nur einem Zeitvertreib galt, doch so stark in ihrer Wirkung, daß er den Atem unbewußt für einige Sekunden anhielt und dann in einem schweren Seufzer ausstieß.

Diese gewaltige Summe warf seine gesamte Privatfinanz über den Haufen. Es wurde ihm wirr im Hirn. Er wußte für den Augenblick nicht, wie er diese Summe herbeischaffen konnte, ohne ein solches Loch in seinen Finanzen zu reißen, daß kaum eine Aussicht blieb, es zu stopfen. Es war, als ob plötzlich in ein gutes Schiff mitten im Ozean eine Platte durchstoßen war und das Wasser in einem so dicken Strahl hereinschoß, daß alle Pumpen dagegen machtlos schienen.

Denn neben dieser Summe, die plötzlich aus seinem Budget herausgerissen wurde, liefen gerade in der gleichen Zeit viele andere Ausgaben, die nicht aufgehalten werden konnten. Seine Frau wollte nach Paris gehen und dort einige Monate leben, dann nach Deutschland und Italien. Seine Tochter wollte und sollte nach England gehen und nach Dresden, um zwei Jahre in Europa zu studieren. Flossy mußte auch nach Paris, weil sie einen geschickten Arzt benötigte, der eine unvorsichtige Liebesnacht mit Mr. Collins regulieren sollte. In Amerika war das zu gefährlich. Dann brauchte Flossy, wenn es vorüber war, eine Erholung am Mittelmeer. Alle diese Ausgaben konnten nicht vermieden und nicht aufgeschoben werden. Mit der notwendigen Reiseausstattung für Frau, Tochter und Flossy einbegriffen kam das auf etwa dreihunderttausend Dollar.

3

Die Gedanken, die das Hirn eines Menschen, der sich in großer Erregung befindet, innerhalb von zehn Sekunden durcheilen können – etwa, wenn er soeben von einem vorbeirasenden Automobil am Arme gestreift wurde und ihm bewußt wird, daß er buchstäblich nur um die Dicke eines Zündholzes vom Tode entfernt war –, lassen sich kaum in einem dicken Buche alle aufzählen. Die Fähigkeit des Hirns, im Zustande eines plötzlichen Blutandranges rasch und dennoch logisch zu denken, ist ungeheuerlich.

Von den Tausenden von Gedanken, die Mr. Collins in den ersten Sekunden hatte, als ihm die Summe, die er beschaffen mußte, zum Bewußtsein kam, können hier nur einige aufgezählt werden.

Zuerst dachte er daran, sich zu erschießen, um dieser Aufgabe, jenen Forderungen gerecht zu werden, zu entgehen. Aber das verwarf er sofort wieder. Er war viel zu stark in seinem Wesen, als daß er in einer solchen Art von Flucht eine Lösung hätte suchen können.

Dann dachte er daran, die Kaufverträge rückgängig zu machen oder den Palast Agenten zu einem sofortigen Wiederverkauf anzubieten. Auch das raste davon so schnell wie gekommen. Denn was Mr. Collins einmal entschieden hat, das bleibt entschieden. Er ist viel zu stolz zuzugeben, daß er irgendwelche Dinge übereilt getan haben könnte. Wenn er wirklich den Palast verkaufen will, dann verkauft er ihn, wann er will, und nicht, wann er gedrängt wird, weil er Forderungen nicht decken kann. Seine Aufgabe ist, Geld zu machen, um das zu bezahlen, wofür er sich verpflichtet hat.

Dann bekam er eine heftige Wut auf Betty, weil sie ihn derartig überwältigen konnte, sie eine solche Macht über ihn besaß, so daß er Überlegung, Berechnung und Urteil verlor. Aber die Wut verhauchte noch im Entstehen. „Was kann denn sie dafür?“ sagte er in seinen fließenden Gedanken. „Sie kann doch wahrhaftig nichts dafür; denn wenn ich nicht will, brauche ich doch ihren Wünschen nicht nachzugeben. Wenn ich so schlapp bin, daß ich tue, was sie wünscht, so ist sie durchaus im Recht, mich zu nehmen für das, was ich wert bin.“ Gleichzeitig aber redete er sich aus, daß er schlapp sei und ein Weiberknecht. Er war Manns genug, zu wissen, was er wollte, und zu wissen, wem er gab und warum er gab. So schlug die aufkommende Wut in einen Respekt gegen sie um. Er fühlte eine tiefe Hochachtung ihr gegenüber, daß sie so smart sei, ihn so geschickt zu behandeln, daß er tun mußte, was sie wünschte. Er wurde sehr stolz auf sich und fühlte sich allen andern Männern überlegen, daß es ihm geglückt sei, eine so smarte und dabei so elegante und stolze Frau zu gewinnen und zu halten. Aus diesem Stolz heraus wuchs noch in derselben Sekunde ein starkes Selbstbewußtsein. Ein erneutes Kraftgefühl durchströmte sein Blut in dem Gedanken, diese Frau zu haben und für sie Aufregungen durchkosten zu müssen. Seine Gedanken begannen sich jetzt zu ordnen. Er begann, sich zu konzentrieren. Er verfiel in eine rasende Sehnsucht, Betty jetzt im Arm zu halten und zu küssen, um gewiß zu sein, daß er sie besitze. Sie allein war wert, daß er überhaupt lebte. Er begann sie in einer ganz neuen Art zu lieben. Nicht nur mehr als Frau, sondern als den einzigen Lebenszweck. Als einen Genius, der mehr wert war als ein Genius, weil er auch Fleisch war und irdische Genüsse geben konnte. Der Gedanke an sie, die ungemein starke Liebe, die er für sie fühlte, die inniger wurde, weil er ihr abbat, daß er wütend auf sie werden konnte, gab ihm eine unerhörte Schwungkraft. Alles Pessimistische, was er eben gedacht hatte, alles Ängstliche verflog. Er bedauerte plötzlich, daß er nur eine Million dreihunderttausend Dollar zu decken hatte. Er wünschte, daß es zehn Millionen Dollar wären, die er heranzuschaffen hätte. Er fühlte die Welt zu klein und eng werden, um seine Kräfte spielen lassen zu können, um sich so zu entfalten, wie es seinem Kraftgefühl wohl getan hätte. Eine und eine halbe Million Dollar zu machen, das war gar nichts. Es war gar nicht der Rede wert. Das war nur gerade die Arbeit für einen Stümper. Wenn er ansetzte, einmal wirklich und ernsthaft ansetzte, dann wirbelten Milliarden. Dann sollten Milliarden ihren mysteriösen Wertfaktor verlieren und nichts anderes mehr sein als hilflose Objekte, mit denen er spielte.

„Eine und eine halbe Million?“ rief er laut aus. „Eine und eine halbe Million? Nichts weiter? Ein Dreck. Fünf Millionen müssen herangeschafft werden. Betty, du sollst deine Jacht haben. Du sollst die eleganteste Jacht haben, die der amerikanische Kontinent zu bauen vermag. Und wenn du die Jacht des Königs von England außerdem noch haben willst, ich mache ihn bankerott und kaufe alle seine Jachten, Pferde und Schlösser auf der Auktion. Eine und eine halbe Million Dollar. Was für lange überflüssige Reden für ein Trinkgeld!“

Er war so laut geworden, daß seine Privatsekretärin an die Tür klopfte, die Tür vorsichtig öffnete und leise fragte: „Haben Sie mich gerufen, Mr. Collins?“

„Ja. Nein. Augenblick. Kommen Sie in einer Minute wieder, Ida, habe dringende Briefe.“

„Yes, Sir.“ Ida machte die Tür geräuschlos zu.

Mr. Collins nahm das Telephon: „Lucky, wie geht es dir. Abendessen heute. Siberts? Oder. Gut denn, Siberts. Hör, wie ist der Chauffeur? Gut. Halt ihn fest an der Leine. Die Burschen wollen immer kommandieren. Puffe ihn gleich am ersten Tag an seinen richtigen Platz. Wie kommst du durch mit dem großen Haus? Besser, du nimmst noch einen Mann, der zugreifen kann. Vielleicht auch noch ein Mädchen mehr. Also um neun. Wir nehmen deinen Wagen. Das grüne? Nei–, ach nein. Sehe dich lieber im blaßblauen. Nein, nicht doch. Scheitele das Haar. Gefällt mir mehr. Aber, warum denn? Besser, du nimmst nicht die neuen Schuhe. Wollen doch tanzen. Neue Schuhe machen immer rasch müde. Später? Weißt du doch. Bei dir natürlich. Ich schicke meine Sachen und einen Officeanzug heute nachmittag zu dir. Habe eine Überraschung. Hat was mit Perlen zu tun. Nein, sage ich nicht. Also neun. Kuß. Bye, bye. Bin mitten drin in der dicksten Arbeit. Bye, bye.“

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