Chapter 8 of 19 · 3967 words · ~20 min read

Part 8

Nachdem Mr. Collins das College verlassen hatte, ohne sich ausgezeichnet und ohne ein besonderes Examen gemacht zu haben, bekam er eine Anstellung in einer Bank durch die Vermittlung eines Konservenfabrikanten, der dem alten Collins Waren verkaufte und sich die Freundschaft und damit das Geschäft des alten Collins erhalten wollte. Mr. Collins begann in der Bank mit sechzehn Dollar in der Woche. Nach einem Jahr hatte er es auf achtzehn Dollar gebracht. Er wechselte über zu einer Versicherungsgesellschaft, wo er mit zweiundzwanzig Dollar die Woche begann und nach drei Jahren Arbeit vierzig Dollar erhielt.

Nun gelangte er in ein Inseratengeschäft. Er begann mit vierzig Dollar die Woche und brachte es nach vier Jahren auf hundert Dollar wöchentlich. Ein ganz unerhört hoher Lohn, den er sich erwarb, weil er einige gute Ideen und Vorschläge für die Propaganda einer Zahnbürste, eines Gesichtscreams, eines elektrischen Brotrösters, einer neuen Zigarette, einer Messingputzpomade, eines zusammenlegbaren Tragstuhles für kleine Kinder und einer neu erfundenen Bedachung, die aus einer Mischung von Zement und Teer bestand, ausarbeitete. Seine Firma erzielte aus seinen Ideen einen Reingewinn von vierzigtausend Dollar. Als er das eines Tages aus den Büchern erfuhr, brach endlich der Weisheitszahn bei ihm durch. Er erkannte, daß er bisher ein Esel gewesen sei.

So beschloß er, nun mit dem Weisheitszahn versehen, für sich selbst anzufangen. Als er erklärte, daß er die Firma verlassen wollte, bot man ihm hundertfünfzig Dollar die Woche an, endlich hundertachtzig und zuletzt zweihundert Dollar und fünf Prozent Gewinnanteil von dem Verkauf seiner Pläne, die er in Zukunft haben würde.

Er lehnte das alles ab, weil er sich von nun an nicht mehr um Kleinigkeiten bekümmern wollte.

3

Seine Beschäftigung mit dem Ausarbeiten von Inseratenplänen für die neue Hausbedachung hatte ihn in Verbindung mit dem Hausbau gebracht, und sie brachte ihn in Verkehr mit Hausbauspekulanten.

Er dachte selbst daran, sich mit Grundstücken und Häuserbau zu befassen. Aber da kam der große Bauarbeiterstreik in Chicago. Rein zufällig erfuhr er von einem der Spekulanten, der angetrunken war und prahlte, wie smart er sei und wie er allen Hammeln Ringe durch die Nase gezogen habe, die wahre Geschichte jenes Streikes.

Es waren da zwei Magnaten in Real Estate, in Grundstück- und Häuserspekulation, die beide um die Vorherrschaft kämpften. Denn wer die Vorherrschaft hatte, der machte die Politik in Chicago. Und wer die Politik machte, der ordnete an, wo Straßenbahnen angelegt werden sollten und wo nicht, wo Eisenbahnhöfe erbaut werden dürften und wo es verboten wurde im Interesse der Einwohnerschaft, wo die Stadt ein Hospital zu errichten hatte und wo die Gegend der Genesung von Kranken ungünstig war. Wer die Macht hatte, wußte Jahre hindurch im voraus, wo eine Straßenbahn hinkam. So konnte er Land billig aufkaufen von denen, die nicht wußten, daß eine Straßenbahn beabsichtigt war, und konnte es mit fünftausend Prozent Gewinn verkaufen, sobald die Bahn gelegt wurde. So mit Bahnhöfen, so mit Hospitälern, so mit Schlachthäusern, so mit Schulhäusern, so mit Mietkasernen, so mit allem, das von Bauland abhing.

Beide Magnaten hatten zu gleicher Zeit mehrere Blocks an Häusern, Wohnhäusern, Bürohäusern, Läden, unter Konstruktion. Ein Objekt, das in die vielen Millionen von Dollar ging.

Wer mit seinem Bauprogramm am ersten fertig war, hatte gewonnen. Er konnte alle Mietverträge, die bereits gezeichnet waren, auf den Tag einhalten, während der, der nicht zu dem gesetzten Termin fertig war, an die Hauskäufer und Mieter hohe Konventionalstrafen zu zahlen hatte. Wer zuerst fertig war, bekam alle Mieter, die auf Häuser warteten, und wer zuletzt fertig war, konnte seine Häuser vielleicht monatelang leer stehen haben. Niemand kaufte sie, weil der Bedarf an leeren Wohnungen, Läden und Büros gedeckt war für die nächsten Monate.

So ging der Magnat, der am meisten Geld dafür ausgeben wollte und zuerst die Idee hatte, zur Bauarbeiterunion und kaufte den Sekretär für zehntausend Dollar. Unter dem erlauchten Einfluß des großen unvergeßlichen Arbeiterführers Samuel Gompers, der einst die Ehre hatte, unter den arbeitsamen und anständigen Proletariern des Gettos in Amsterdam geboren zu werden, war das Führen einer Arbeiterunion genau so gut ein Geschäft wie die Massenanfertigung von fertig gelöteten Herrenanzügen oder schlecht abgesäumten Frauenhemden. Ein Unionführer dieser Art, der bei seinem Tode nicht ein Bankguthaben von einigen hunderttausend Dollar seinen verschiedenen weinenden Witwen und Waisen hinterlassen konnte, hatte seinen Beruf nicht verstanden, sondern war ein Dummkopf gewesen, der aus dem Gefängnis nur herauskam, um am nächsten Tage wieder hineinzukommen, weil er glaubte, eine Arbeiterunion habe etwas mit Sozialismus zu tun.

Der gekaufte Sekretär fand nun heraus, daß eine Arbeitszeit von zehn Stunden zu lang und ein Tagelohn von sieben Dollar zu niedrig sei und daß nun, inmitten dieser regen Bautätigkeit, endlich die Stunde gekommen sei, das durchzusetzen, wofür einige Jahre vorher die Anarchisten in Chicago gehenkt worden waren. Um das mit Erfolg durchzusetzen, dürfe man aber nicht, wie der Sekretär den einberufenen Versammlungen von Bauarbeitern erzählte, überall zugleich streiken, sondern man müsse erst den einen Magnaten zu Tode streiken und dann den andern. Dann habe man beide überwunden, und die Bauarbeiter seien dann endlich die Herren von Chicago. Er wußte das alles gut und schön klarzumachen, und die Bauarbeiter glaubten ihm alles, denn er war ja ihr Sekretär.

Der Magnat, der zuerst bestreikt werden sollte, war der Gegner jenes Magnaten, der die zehntausend Dollar an den Sekretär bezahlt hatte. Der Streik brach aus. Er wurde mit aller Wut und allem Haß geführt, der nur aufgebracht werden kann von Arbeitern, die statt ihre sieben Dollar Tagelohn jetzt nur die magere Streikunterstützung bekommen. Es gab viel Schlägereien mit Streikbrechern, es wurden Streikende und Streikbrecher erstochen, es wurde von Polizei in erregte Massen geschossen, und es gab viel Gefängnis.

Endlich war der Magnat, der den Sekretär gekauft hatte, mit seinem Bauprogramm fertig, und der Magnat, der nicht fertig war infolge des Streiks, verlor sein Vermögen und war ausgeschaltet aus dem Wettrennen um die Vorherrschaft im Real Estate in Chicago.

Die Arbeiter redeten sich halb zu Tode in ihren Versammlungen über die Stärke des Unternehmertums und die unüberwindliche Macht des Kapitalismus und rackerten mit vereinten Kräften, ihre Organisation zu stärken und auch den letzten unorganisierten Mann heranzuschaffen, denn nur eine starke Organisation war vonnöten, um den Kapitalismus zu zerschmettern oder wenigstens einen auskömmlichen Tagelohn zu erhalten, wenn man die sozialistische Weltordnung denn doch nicht so bald erblicken sollte.

Die Kenntnis der wahren Geschichte dieses Streiks schuf die Grundlage der Macht des Mr. Collins.

4

Mr. Collins erinnerte sich eines Mitschülers aus seiner Collegezeit, dessen Vater Vizepräsident einer der größten Anthracite Companien in Pennsylvania war. Durch diesen Schulfreund gelang es ihm, eine Unterredung mit dem Vizepräsidenten bewilligt zu erhalten.

Nachdem der Vizepräsident den Plan, den ihm Mr. Collins unterbreitete, erfaßt hatte, wurde Collins eingeladen, einer besonderen Conference des Direktoriums der Company beizuwohnen und dort seinen Plan ausführlich noch einmal vorzubringen.

Der Plan des Mr. Collins war so geschickt, daß Collins, obgleich er nur ein Niemand war, um seine Idee nicht betrogen werden konnte. Denn versuchte die Company, den Plan auszuführen, ohne sich mit Mr. Collins vorher über den Preis verständigt zu haben, so brauchte Mr. Collins nur zu einer Zeitung gehen, und der Plan war vereitelt. Es gab immer eine Zeitung, die, um eine große Sensation für sich allein zu haben, das bevorstehende Manöver der großen Kohlen-Company veröffentlicht und Mr. Collins sogar dafür bezahlt hätte.

Das erkannte das Direktorium sofort, und darum begann man, mit Mr. Collins in ernsthafte Unterhandlungen einzutreten.

Mr. Collins forderte acht Prozent vom Reinertrag des Manövers. Man einigte sich endlich auf fünf Prozent, die zu einem Zehntel in bar und zu neun Zehnteln in Aktien der Company bezahlt werden sollten. Ferner wurde Mr. Collins als Mitglied in den Aufsichtsrat aufgenommen und für die Dauer des Manövers zum Privatsekretär des Präsidenten ernannt mit einem Monatsgehalt von dreitausend Dollar. Praktisch hatte er wenig zu tun; denn für die laufenden Geschäfte blieb die erste Privatsekretärin im Dienst. Er hatte nur immer zur Hand zu sein, um seinen Rat bei allen Truppenverschiebungen, die nötig sein sollten, abzugeben.

Er war damals noch nicht dreißig Jahre alt.

5

Das Manöver begann. Es zeigte sich, daß das Manöver sich genau so abwickelte, wie Mr. Collins geplant und wie er vorausgesehen hatte.

Der Haupttrick bestand darin, daß kein Wort vorzeitig laut wurde.

Die Company ließ in allen ihren Minen mit Überdruck arbeiten. Überstunden und Überstunden. Es gab reichliche Prämien an die Minenarbeiter für Hochleistungen. Tausende von neuen Arbeitern wurden aus Europa herangeschleppt.

Alle Lager wurden mit Anthrazitkohle aufgefüllt bis zur Grenze. Große Plätze wurden gemietet, um die geförderte Kohle aufzunehmen und aufzuspeichern.

Neue Kunden wurden nicht angenommen. Es wurden nur die laufenden Verträge mit den Eisenbahnen und Schiffsgesellschaften und Großkohlenhändlern eingehalten, um keinen Verdacht aufkommen zu lassen. Die Aktion wurde nach den Ratschlägen des Mr. Collins so geschickt geleitet, ging so ruhig und unauffällig vor sich, daß keine andere Company auch nur auf den Gedanken kam, daß hier einer der gewaltigsten Schläge vorbereitet wurde, die in den Staaten je erlebt worden waren. Denn das Manöver vollzog sich in jener ruhigen und satten Periode, die schweren Wirtschaftskrisen voranzugehen pflegt. Jener satten Periode, in der man nicht zu unsinnig wagt, weil der normale Verlauf der Geschäfte genügend Gewinn einträgt und ein zu übermütiges Spekulieren nur zu einer Unsicherheit führt, die einem augenblicklich unwillkommen ist. Man hält sich an die fetten Aufträge, die man selbst hat, und man kümmert sich nicht so viel darum, was andere tun, weil man nun, wo man genug Aufträge hat, auch einmal vornehm tun darf und sich erlauben kann, auch andern etwas zu gönnen.

Und eines Tages, nachdem mehrere Monate lang alles vorbereitet worden war, wurde der große Schlag geführt.

Der Schlag begann nicht als Schlag, sondern er begann ganz ruhig als ein Vortasten, als ein leises Streicheln.

Die Anthracite-Company verkündete allen ihren Arbeitern, daß von Freitag nächster Woche ab alle Kontraktlöhne um fünfundzwanzig Prozent und alle Tagelöhne um fünfzehn Prozent gekürzt würden.

Die Company arbeitete nach einem neuen System. Sie kaufte nicht Unionssekretäre. Das brauchte sie gar nicht. Der Erfolg war viel größer ohne die Mitwirkung von Unionssekretären, die vielleicht das Manöver vermanscht hätten. Außerdem sind die Sekretäre der Minenarbeiter unzuverlässig. Sie halten meist zu den Arbeitern, und sie sind ehrliche Kameraden. Sie stehen auf ihrer Soap Box, ihrer Seifenkiste, und lassen sich nicht eher zum Schweigen bringen, als bis sie von den Agenten der Kohlenmagnaten mit Steinen so blutig geworfen sind, daß sie bewußtlos von ihren Kameraden fortgetragen werden müssen. Die Zehntausende von Arbeitern der Anthracite beriefen sofort Versammlungen ein, aber es kam nichts heraus. Sie glaubten immer noch genug zu verdienen, auch nach dem Abzug, mit dem Prämiensystem und wenn sie noch mehr rackerten und noch mehr Überstunden machten als bisher. Einige Herren des Direktoriums begannen schon unsicher zu werden. Mr. Collins jedoch blieb ganz ruhig. Er zeigte in dieser Lage zum ersten Male seine Begabung als ein Großer unter den Magnaten.

„Wir beginnen ja erst, Gentlemen“, sagte er. „Nur jetzt nicht unruhig werden. Ich gebe Ihnen das Recht, mich zum Tode zu verurteilen, wenn es nicht glückt. Und ich will das Urteil selbst an mir vollstrecken und werde mich erschießen, wenn das Urteil gefällt ist. Aber stehen Sie.“ Man ließ ihn völlig frei handeln.

6

Eine Woche darauf wurde das Prämiensystem aufgehoben.

Die zweite Woche darauf wurden alle Überstunden abgesagt, und die Arbeiter, die auf die Prämien, auf die Überstunden, auf die hohen Löhne inzwischen eingestellt waren, in Abzahlungsverpflichtungen eingegangen waren, kleine Grundstücke gekauft und Hausbauten begonnen hatten, ihre Kinder zum College geschickt hatten und so vieles mehr getan hatten, das sie jetzt zu erwürgen drohte, begannen verwirrt zu werden.

Ein neues scharfes System wurde in den Minen eingeführt. Wer eine Minute zu spät an der Förderstelle eintraf, durfte den ganzen Tag nicht arbeiten, mußte aber im Schacht bleiben, weil für ihn kein Förderkorb da war. Er mußte warten, bis seine Schicht ausfuhr. Außerdem wurde ihm für die Minute, die er zu spät kam, ein halber Tagelohn abgezogen vom nächsten Tage, den er wieder arbeitete.

Es geschah mehr. Die geförderte Kohle wurde schärfer untersucht. Wurden mehr als vier Steine gefunden, mehr als eine halbe Schaufel Staub oder Geriesel und fehlten mehr als fünf Pfund am Gewicht, dann wurde der ganze Wagen geförderter Kohle als Null gebucht. Die Miners bekamen ihn nicht bezahlt, aber die Company nahm ihn dennoch. Nun wurde die Gewerkschaft von den Arbeitern angerufen, um einzugreifen. Sie war schon beim Lohnabzug angerufen worden; aber nach langer Beratung beschlossen die Vertrauensleute, daß man erst einmal abwarten wolle, ob nicht nur ein Manöver der Company vorläge; denn nach den Berichten, die der Sekretär studiert hatte, war das Geschäft in Anthrazit glänzend.

Die Vertreter der Gewerkschaft ersuchten um eine Conference mit dem Direktorium. Das Direktorium erklärte, daß es mit fremden Leuten, die in keiner der Minen der Company arbeiten, nicht verhandeln könne. Drei Tage später, als das System der Vernullung geförderter Kohle immer rücksichtsloser gehandhabt wurde, ersuchten die hierfür gewählten Vertrauensleute, die bei der Company arbeiteten, um eine Conference nach.

Ihnen wurde die Conference bewilligt. Und gleich nach den ersten Worten wurde den Leuten gesagt, daß sie für den Verlust der Zeit, den sie durch die Conference hätten, voll entschädigt werden sollten. Das sei ganz natürlich.

Das stimmte die Leute, die gekommen waren, um zu zeigen, wie erregt sie waren, friedlich, und sie, die sich vorgenommen hatten, sich wie hungrige Tiger in der Conference zu benehmen, wurden durch gute Zigarren, die man ihnen anbot, und durch höfliches Bitten, sich doch in die tiefen weichen Sessel zu setzen, so zahm, daß der Präsident seinen Kopf in die Rachen der Tiger stecken konnte, ohne befürchten zu müssen, daß er einen Zahn fühlen würde.

Es wurde den Leuten klargemacht, es sei so viel Überschuß an Kohle vorhanden, daß man die Absicht habe, die Minen für eine gute Weile stillzulegen, und daß man nur die Pumpen und die Zimmerleute arbeiten lassen wolle. Man ging so weit, daß man den Leuten die Bücher der vorhandenen Lagerbestände vorlegte.

Die Leute verstanden nicht, solche Bücher zu lesen, weil das mit Kredit und Debit, mit Soll und Haben ging und die Leute nicht wußten, auf welcher Seite der Bestand war und auf welcher Seite der Abgang. Aber sie blätterten in den Büchern herum und taten, als ob sie alles verstünden. Sie mußten endlich zugeben, daß Riesenbestände von unverkaufter Kohle vorhanden seien.

Die Leute wurden während der Conference, in der sie selbst wenig redeten, immer mit Gentlemen angesprochen. Ohne daß sie es zugeben wollten, ohne daß sie es zugegeben hätten, würde man sie gefragt haben, so wurden sie dennoch durch diese höfliche Anrede beduselt. Sie hatten ein heimliches Gefühl, daß sie hier gleichfalls Aufsichtsratsmitglieder seien, die mitzubestimmen haben, über das, was nun mit den Minen geschehen soll.

Als sie endlich wieder draußen waren, erkannten sie, daß sie um nichts klüger waren als vorher. Es wurde ihnen verteufelt schwer, am Nachmittag in der Versammlung einen Bericht zu geben, von dem, was sie geleistet hatten und was alles geredet worden war. Diejenigen unter den Zuhörern, die ganz genau das Gleiche geleistet haben würden, hätte man sie für die Conference gewählt, schrien erbost zu den Vertrauensleuten hinauf: „Ihr Hosenschieter, ihr lumpigen, ihr habt euch da wieder einmal gründlich verseifen und verzuckern lassen; da haben wir die richtigen schleichenden Katzenfüßer gewählt. Laßt euch in Teig einbacken und in den Backofen schieben.“ Einer schrie gellend hinauf: „Wieviel hat euch denn der lausige Hund bezahlt? Jetzt kannst du ja deinen Phonographen bezahlen, he, Billy, he?“ Darauf folgte Lachen im Saal.

Am Mittwoch der folgenden Woche gab die Company bekannt, daß alle Angehörigen der Gewerkschaft mit Ende der Woche entlassen seien, daß nur die weiter arbeiten dürften, die ihre Unionsausweise auf dem Büro der Company abgeben würden und daß alle übrigen, die keine Ausweise abgeben, durch Unterschrift erklären sollen, daß sie nicht Mitglieder irgendeiner Gewerkschaft seien. Käme heraus, daß jemand seine Unterschrift gegeben habe und trotzdem Mitglied einer Gewerkschaft geblieben sei, so würde er sofort entlassen, ohne daß ihm sein stehender Lohn ausbezahlt würde und daß er mit seiner Familie innerhalb von achtundvierzig Stunden die Häuser und das Gelände der Company verlassen haben müsse. Wenn nicht, würde er wegen unberechtigten Betretens des Geländes der Company der Polizei übergeben. Samstag morgen brach der Streik aus auf allen Minen der Anthracite-Company. Es brach aus der Streik, den die Company brauchte, um den Gewinn des Manövers einzukassieren. Wie hier, so immer: Arbeiter streiken vielleicht selten, wenn es den Arbeitern günstig ist, sondern sie streiken meist, wenn es dem Kapitalismus günstig ist. Nicht aus Dummheit, sondern ehernen Gesetzen folgend. Was immer auch Arbeiter tun mögen, innerhalb des kapitalistischen Wirtschaftssystems werden sie das tun, was dem Kapitalismus dienlich ist, weil sie ein Teil des Kapitalismus sind, weil sie mit ihm, während der Herrschaft dieses Systems, verbunden sind auf Tod und Verderben, auf Leben und Untergang. Der Aktive leistet, der Inaktive leidet. Innerhalb dieses Systems ist der Kapitalist der Aktive. Er weiß, was er will. Er will Geld verdienen. Der Arbeiter will nur etwas abhaben. Er will es genau so machen wie der Kapitalist, er will mehr haben als sein Mitprolet. Wenn der Bäcker streikt und gewinnt, dann wird für den Schuster das Brot teurer, und dann muß der Bäcker mehr für die Stiefelsohlen bezahlen. Innerhalb dieses Systems dient alles dem Kapitalismus. Nicht weil die einen brutale Ausbeuter, die andern Hungernde und die übrigen Arbeiterverräter sind, sondern weil sie sich alle in derselben Maschine befinden.

Mr. Chaney Collins kannte dieses Gesetz, und er nützte es zu seinen Gunsten. Das war seine ganze Weisheit.

7

Nun begann die Anthracite zu kassieren. Sie war die erste Company, die moderne Ideen von proletarischen Rechten und proletarischer Freiheitsbewegung zu Millionen von Dollar an Gewinn ausmünzte. Es ist seitdem so oft getan worden, daß es inzwischen zur Gewohnheit und zu einem anständigen Geschäftsgebaren geworden ist. Der Staat hat sich dieses Tricks bedient, als er eine Lousitania notzüchtigte, um zu offenbaren, daß seine Ehre zertrampelt worden sei und er nun nicht mehr anders könne, als Wall Street das Nerven-Allheilmittel zu bewilligen. Aber zur Zeit, als Mr. Collins dreißig Jahre alt war, da war dieses Geschäft noch unabgegriffen, und es hatte keine Konkurrenten. Darum hat auch seitdem nie wieder eine einzelne Company so viele Millionen einkassiert für diesen Trick als damals die Anthracite-Company.

Der Streik bei der Anthracite hatte begonnen. Es waren ungefähr zwanzigtausend Minenarbeiter beteiligt. Die großen Zeitungen sandten Spezialreporter zu der Company, um dort alles das über den Streik und seine Geschichte zu erfahren, was die Zeitungsleser hätte interessieren können und was zur Sensation und damit zu fetten Zeitungsüberschriften sich aufzaubern ließ.

Das Direktorium der Anthracite Co. bestimmte Mr. Collins auf seinen eigenen Wunsch, im Namen des Direktoriums den Hunger der Reporter nach aufregenden Geschichten zu befriedigen. Die Zeitungen erfolgreich zu behandeln, ohne daß die Zeitungen fühlten, daß sie für die Pläne der Anthracite gebraucht wurden, gehörte mit zu den Truppenbewegungen, die Mr. Collins sorgfältig, lange vorher, ausgedacht hatte.

Den Reportern wurde erzählt, daß die Company übermäßig overstocked sei, daß also alle ihre Lager überfüllt seien. Der Verkauf von Kohle habe immer mehr und mehr nachgelassen. Die Company wüßte nicht, wohin mit der vielen überschüssigen Kohle, weil der Bedarf weit unter der Produktion stehe. Das wurde an Lagerbüchern und an Verkaufskontrakten, die man den Reportern vorlegte, alles bewiesen.

Mr. Collins sagte, daß ein unerhörter Preissturz für Kohle bevorstünde. Aus diesem Grunde hatte man, als einzigen Ausweg, beschlossen, die Löhne zu kürzen, um den bevorstehenden Preissturz aushalten zu können. Die Arbeiter hätten jedoch die Notwendigkeit dieser Lohnkürzung nicht eingesehen, was man ja auch begreifen könnte, weil Arbeiter eben nicht in der Volkswirtschaft genügend geschult seien. Er erklärte, die Company könne von der Lohnkürzung nicht absehen, weil Beibehaltung der früheren Löhne den Ruin der Company, ja den Ruin der gesamten amerikanischen Kohlenindustrie nach sich ziehen müßte. Soweit die Company in Frage käme, würde nicht nachgegeben, weil man nicht nachgeben könne, ohne wirtschaftlichen Selbstmord zu begehen. Auf die Frage, warum die Company ihren Arbeitern verboten hätte, einer Gewerkschaft anzugehören, erklärte Mr. Collins, daß die Arbeiter gern für die gekürzten Löhne arbeiten wollten, aber daß die Union es ihnen nicht erlaubte. Man könne eine Einmischung von außen in die wirtschaftliche Politik der Company nicht gestatten, ohne damit alle Rechte und Freiheiten, die dem Handel und der Arbeit auf Grund der Konstitution gewährleistet seien, preiszugeben. Die Company würde ihren willigen Arbeitern empfehlen, eine Gewerkschaft zu gründen, der nur Arbeiter, die in den Minen der Company beschäftigt sind, angehören sollen. Diese Gewerkschaft allein wolle man als berechtigte Vertreterin der Arbeiter der Company ansehen. Es scheint aber, fügte Mr. Collins hinzu, daß die Arbeiter nicht willens seien, den durchaus berechtigten und notwendigen Wünschen der Company Rechnung zu tragen. Deshalb könne er mit Sicherheit voraussagen, daß der Streik sehr lange dauern würde, sechs Monate wenigstens, vielleicht auch acht oder gar vierzehn Monate.

Die Reporter bedankten sich für die ausreichende Darlegung der Gründe des Streikes, soweit die Company in Frage kam.

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Reporter dienen nur der Wahrheit; und sie betrachten es als ihre heiligste Pflicht, die Wahrheit zu suchen, selbst wenn die Wahrheit in den Kloaken des Volkes und in den Bettlaken von Individuen gesucht werden muß. Denn nur die Wahrheit und nichts als die Wahrheit ihren Lesern zu berichten, ist die einzige hehre Aufgabe einer amerikanischen Zeitung. Darum ist sie das irdische Instrument Gottes und die Zuchtrute für alle Verlogenen und alle Volksvergifter, Aufwiegler, Juden, Fremde und europäische Emigranten, die mit anarchistischen und ähnlichen sozialistischen Ideen vollgefüllt an den Ufern unserer glorreichen Republik landen, um unser schönes Land zu besudeln und zu zerstören. Darum gingen die Reporter auch zur Union, um die Meinung der andern Partei zu hören. Hier fanden sie jedoch, wie sie später ihren Lesern mitteilten, nicht die Ruhe und Sicherheit in den Zielen, die sie bei dem Direktorium der Company gefunden hatten. Hier fanden sie Unruhe, Nervosität, inhaltlose Reden, anarchistische Schreier, unklare Begriffe und verwirrte Vorstellungen über Profit, gemeinsames Zusammenwirken der ganzen Nation, Rechte der Arbeiter, sich zu organisieren, angebliche Pflichten gegen die eigenen Familien, verrückte Ansichten über Regierung im allgemeinen und Bösartigkeit und Verworfenheit der Kapitalisten im besonderen. Aber als klarer eindeutiger Wille trat hervor die feste unerschütterliche Absicht, nicht eher nachzugeben, als bis die Organisation anerkannt sei und die früheren Löhne, wenn auch mit einigen kleinen Änderungen, wiederhergestellt seien; denn, so sagte man in der Union, die früheren scheinbar so hohen Löhne seien schon niedrig genug gewesen, um den zahlreichen und täglich zahlreicher und höher werdenden Forderungen des täglichen Lebens gerecht werden zu können. Und auch hier wurde den Reportern bestätigt, daß man auf einen langen, auf einen sehr langen Streik vorbereitet sei und einen sehr langen Streik erwarte, weil es nicht mehr nur um Löhne ginge, sondern um Prinzipien, die nun endgültig entschieden werden müßten.

So wurde in fetten Überschriften auf der ersten Seite der Zeitungen erklärt, der Wahrheit gemäß, daß ein Kohlenstreik von unabsehbarer Dauer begonnen habe, der die gesamte amerikanische Industrie, ja das gesamte amerikanische Wirtschaftsleben lahmzulegen drohe.

Hätte Mr. Collins den Bericht selbst geschrieben und hätte er die Zeitungen bezahlt, daß sie seinen eigenen Bericht drucken sollten, der Bericht hätte nicht besser in seine Pläne passen können.

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Die Anthracite hatte – denn auch das gehörte zu dem Plane des Mr. Collins – die übrigen Anthracite- und Kohlen-Companien vor Ausbruch des Streiks davon unterrichtet, daß ihr Verkauf stocke, daß sie ihre Lager überfüllen müsse und daß sie sich genötigt sehe, erhebliche Veränderungen in Löhnen vorzunehmen.

Jene übrigen Companien waren überreich beschäftigt, weil die Anthracite sich vorsichtig aus dem Markte zog. Deshalb verstanden jene Companien nicht, aus welchem Grunde die Anthracite so kurz laufe im Verkauf. Wenn aber eine der größten Companien keinen Verkauf habe, Lager füllen müsse und Lohnkürzungen vornehme, dann geht etwas vor auf dem Markte. Das wurde sofort von allen Companien begriffen.

Sie begannen vorsichtig zu werden und beauftragten ihre Lohningenieure, neue Lohnskalen auszuarbeiten mit gekürzten Löhnen. Aber die neuen Lohnskalen wurden noch nicht in Wirkung gesetzt, weil man vorläufig noch genügend reiche Aufträge hatte und keine Unruhe unter den eigenen Arbeitern hervorrufen durfte.