Chapter 1 of 24 · 3977 words · ~20 min read

Part 1

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Anmerkungen zur Transkription.

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.

Um die Übersicht zu verbessern, sind vom Bearbeiter Kapitelzahlen eingefügt worden.

Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~

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Geschwister Rosenbrock

Von

Diedrich Speckmann

[Illustration]

Berlin 1921 Verlag von Martin Warneck

Erschienen 1911

Der Gesamtauflage 62.-71. Tausend

Alle Rechte vorbehalten

Gedruckt in Stuttgart bei J. F. Steinkopf

Die Schulkinder von Brunsode lagen, des Schönschreibens beflissen, auf ihren Tischen. Oben knarrte die Feder über holziges Papier, unten rieb der Griffel knirschend in Schiefer. Ein lustiges Torffeuer, das im gußeisernen Kanonenofen bullerte, hatte die über Nacht erblühte Eisblumenherrlichkeit der Fenster schon zerstört und auf den in greller Januarsonne liegenden, von Eis- und Schneekristallen blitzenden Schulhof den Blick frei gemacht.

Diesen begrenzten auf zwei Seiten Doppelreihen schlank aufgeschossener Tannen. Auf der dritten dagegen, dem Schulhause gegenüber, lief ein gut zwei Meter hoher Fahrdamm, der mit schimmernden Birken bestanden und von einem dunklen Schiffgraben begleitet in einer Länge von fast fünf Kilometern sich schnurgerade vor den vierzig »Stellen« der Moorkolonie Brunsode hinzog. Die Schule lag genau in der Mitte des Dorfes und war durch den Damm von der Reihe der Gehöfte getrennt.

Für Herrn Christian Lenz, der seit mehr als drei Jahrzehnten in Brunsode die Kinder lehrte und durch seine Frau Engel, geborene Schnakenberg, sowie durch seine Tochter Käthe, verheiratete Kück, mit dem halben Dorf verschwägert und versippt war, bedeutete das von den Tannenwänden abgeschnittene Stück Damm eine recht angenehme Schaubühne, der er zuzeiten mehr Aufmerksamkeit schenkte, als für den Unterricht gut war.

So saß er denn auch heute, während sein Völkchen schön schrieb, mit übergeschlagenen Beinen auf dem Katheder in seinem bequemen Binsenarmstuhl, spielte mit dem Lineal und ließ den etwas müden Blick seiner umschleierten Augen nach rechts zum Fenster hinauswandern.

Eine winterlich verhüllte Frau ging vorüber, mit einem großen, weidengeflochtenen Henkelkorb am Arm. Hm, Lachmunds Minna macht Einkäufe für die große Gasterei, die sie und ihr Jan heut' abend geben wollen. Christian und Engel Lenz werden dabei nicht fehlen.

Eine schwarzbunte Kuh, die über die Bühne getrieben wurde, streckte den Kopf in die Luft und brüllte, daß die ihr vom Maule fliegende weiße Atemwolke die in der Januarsonne blitzenden Birkenstämme kreuzte. Und schon hatte Herr Lenz ausgerechnet, wann Schwager Augusts beste Milchgeberin das Kalb haben würde, das er sich bereits zur Aufzucht gesichert hatte. Wenn's nur kein Bullenkalb wurde!

In den gefrorenen Gleisen drüben jankte ein gelber zweiräderiger Wagen. Der Doktor? Wo mag der so früh schon gewesen sein? ... Der alte Jan Helmke, Nr. 23, ist auf Besserung ... Ach so, hm, Geschmargret Rosenbrock, Nr. 40 ... ja, ja ...

Herrn Lenzens Blick kehrte in das Schulzimmer zurück und ruhte teilnehmend auf einem kleinen Mädchen mit rosigzarten Bäckchen und seidigem, von einem himmelblauen Band zusammengehaltenen Flachshaar, das vornan auf der untersten Bank saß und, das reizende Köpfchen ein wenig schief haltend, mit Hingebung seine Tafel bemalte. Darauf wanderte sein Auge nach rechts hinüber, zu einem etwa zehnjährigen Jungen, der eben eine Pause im Schreiben gemacht hatte und merkwürdig ernst vor sich hinblickte.

Ein zu steil gehaltener Griffel kreischte ohrenzerreißend. Herr Lenz schloß die Augen und machte ein Märtyrergesicht. Dann aber raffte er sich auf, warf einen energischen Blick in die Klasse und rief: »Köpfe hoch, Finger gerade! Wie oft soll ich das noch sagen! ... Ich muß wohl mal kommen.«

Diese Drohung war jedoch leichter ausgesprochen als ausgeführt. Das linke übergeschlagene Bein des guten Schulmannes hatte nämlich die günstige Gelegenheit benutzt, schnell ein bißchen einzuschlafen, und es dauerte eine Weile, bis es sich richtig wieder auf den Zweck seines Daseins besann.

Als Herr Lenz endlich mit Vorsicht, da er jenem noch immer nicht recht traute, von seinem Katheder heruntertrat, schwenkten die Kleinen, um Beachtung ihres Geschreibsels bittend, ihm die Schiefertafeln entgegen.

Er nahm die jenes kleinen Mädchens, das er vorhin still beobachtet hatte. Zwei große hellbraune Augen schauten aus einem zarten, feinen Gesichtchen ehrfürchtig und erwartungsvoll zu ihm auf und erglänzten freudig, als er wohlgefällig nickte und die Tafel mit den Worten zurückreichte: »Leidchen, du machst das kleine r wirklich schon recht nett.« Darauf legte er die Hand väterlich wohlwollend auf das weiche Haar des Kindes, dessen Wangen unter so viel Anerkennung sanft erröteten.

Nachdem er sodann den Mittelgang abgeschritten, einige Ausstellungen gemacht, ein kleines r als Muster an die Wandtafel geschrieben und drei Torfsoden in die mit dem Rockschlippen geöffnete Ofentür geworfen hatte, stieg er wieder auf das Katheder, wo er sich mit dem angenehmen Gefühl erfüllter Pflicht in seinen Armstuhl und die vorige Beschaulichkeit zurücksinken ließ.

Aber diesmal war die Ruhe nicht von Dauer. Auf dem frostharten Schulhof klirrten Holzschuhe, und Herr Lenz sah vom Damm her ein Mädchen eilig auf das Haus zukommen, das er aber in der winterlichen Vermummung nicht zu erkennen vermochte. Wahrscheinlich eine neue Einladung. Das ganze Dorf wollte die üblichen Gastereien bei dem harten Frost abmachen, und es ging jetzt fast Abend für Abend.

Er begab sich hinaus, um der Sache auf den Grund zu gehen. Hinter ihm steckten die Deerns zu einem kleinen Schwatz die Köpfe zusammen, während ein paar Jungens eine Prügelei vom Zaun brachen.

»Ruhe!« donnerte es plötzlich in den Lärm hinein, und in der Tür stehend, rief Herr Lenz in die jäh wiedergekehrte Stille: »Gerd! Leidchen! Ihr sollt nach Hause kommen. Schnell, schnell!«

Nach wenigen Sekunden stieg ein stillernst dreinblickender Junge von etwa zehn Jahren aus seiner Bank und schob, den Tornister schief auf dem Rücken, durch die Schulstube. Der Schwester, die noch unter dem Tisch packte, gab er im Vorbeigehen einen Stoß mit dem Ellbogen, um sie zu größerer Eile anzuspornen.

Draußen, auf dem Gang, half er ihr in die Winterjacke hinein. Dann liefen die Kinder, so schnell ihre Füße sie trugen, über den Schulhof und halblinks die Dammböschung hinauf, bis sie die Magd eingeholt hatten.

»Was sollen wir?« fragte Gerd keuchend und seinen Lauf hemmend.

»Mutter verlangt nach euch,« sagte das Mädchen, »macht, daß ihr heimkommt!«

»Ich nehm' die Schlittschuh,« rief der Junge.

Er hatte sie zu Weihnachten geschenkt bekommen und benutzte die Schulwege, sich in ihrem Gebrauch zu üben.

Schon war er den Damm hinuntergesprungen und hockte auf dem zwischen diesem und dem Schiffgraben laufenden Leinpfad.

Bald kratzte er, weitausgreifend und mit schlenkernden Armen, die glatte, schwarze Eisbahn dahin, vorbei an den Mündungen der schmäleren Gräben, die zwischen den einzelnen Kolonaten sich ins Hochmoor hinaufzogen, unter den vom Damm zu den Gehöften führenden Holzbrücken hindurch, im Sprung die trotz fortwährenden Wassergerinnsels fest umfrorenen Klappstaue nehmend. Einmal fiel er dabei hin, aber noch im Dahinrutschen kam er wieder auf die Beine. Nach kaum fünf Minuten lief er, die klappernden Schlittschuhe am Arm, über eine Obstwiese auf das hundert Schritt vom Damm zurückliegende lange, niedrige Strohdachhaus mit blaugestrichenem Fachwerk zu.

Beta Rotermund von Nr. 39 leistete dem Nachbarhause in seiner Not treulich Hilfe. Als sie den Jungen über die Diele nach der Krankenstube stürzen sah, rief sie ihm zu, er möchte sich erst wärmen, ehe er hineinginge.

Mit ausgebreiteten Armen über das offene Herdfeuer gebeugt, schüttelte er seine Kleidung, um die darin gefangene Kälte gegen die von den glühenden Torfbrocken aufsteigende Wärme auszutauschen. Dann streifte er den Tornister ab und ging auf Zehen in die Stube zur Linken.

Als er vor der in die Wand gebauten Schlafbutze stand, deren Tür zurückgeschoben war, rief er leise: »Mutter!«

Langsam öffneten sich die Augen in dem schmalen, spitzen Gesicht und sahen ihn groß an. Aber dann irrte ihr Blick suchend an ihm vorbei, und die fahlen Lippen fragten leise: »Wo ist Leidchen?«

Gerd sagte, sie würde gleich nachkommen, er wäre nur auf Schlittschuhen vorangelaufen.

Die Kranke machte eine Bewegung. Gerd, ihren Wunsch erratend, nahm ihre heiße, trockene Hand, jedoch ohne sie von der Bettdecke zu erheben.

»Ich muß von euch ab, Kinder ... du hilfst dir wohl sacht, Gerd ... aber Leidchen ... Ich glaub', du bist ein guter, zuverlässiger Junge ... verlaß deine Schwester nicht ... hab' ein Auge auf sie ... sie hat anders keinen als dich ...«

Mühsam rangen sich ihr die Worte von den Lippen, und Gerd fühlte einen leisen Druck der kraftlosen Hand. Diesen mit Schonung erwidernd, sagte er, indem er einen Ausbruch seines Schmerzes gewaltsam zurückhielt: »Mutter, darauf kannst du dich fest verlassen.«

Die Kranke bekam einen ihrer qualvollen Anfälle. Ihre Hand zurückziehend, wimmerte sie: »Kind, bet' mal!«

Gerd schaute verlegen drein.

Sie wiederholte ihren Wunsch dringender.

Da faltete er die Hände, ließ den Kopf auf die Brust sinken und begann das Gesangbuchslied, das sie in der Schule gerade lernten. Dieselben Worte, die er heut' früh schrill dem Lehrer zugeschrien hatte, sprach er jetzt, wo die Not des Lebens sie ihm abverlangte, langsam, leise und andächtig: »Was Gott tut, das ist wohlgetan.« Mit geschlossenen Augen, die Zähne aufeinander gebissen, wiederholte die schwer Leidende: »... will ich ... ihm ... halten stille ... halten ... stille!«

Unterdessen trat das kleine Mädchen auf Socken in die Stube und näherte sich zögernd der Bettstatt.

»Mein lüttjes süßes Leidchen,« rief die Kranke, den Blick erhebend, mit aufwallender Zärtlichkeit, »was hast du für schöne rote Backen!« und ihre weit offenen fieberdurstigen Augen schienen des Kindes Frische und Lieblichkeit zu trinken.

Gerd nahm das frostrote Händchen der Schwester, rieb und drückte es warm und legte es zugleich mit seiner Rechten in die welke Hand, die auf der rotkarierten Decke lag. Krampfhaft umklammerte die fieberheiße die von warmem jungen Leben durchpulsten Kinderhände, wie um sie nimmer loszulassen. Doch bald erschlaffte sie unter Zuckungen. Die Kinder sahen sich hilflos an und zogen langsam die Hände zurück.

Nach einer Weile trat Beta Rotermund in die Stube. Auf Wunsch der Kranken, deren Schmerzen jetzt wieder erträglicher waren, setzte sie sich dicht vor das Bett, indem die Kinder ihr Platz machten.

Und nun traf Geschmargret Rosenbrock an dem Ohr der zu ihr herabgeneigten Nachbarin ihre letzten Anordnungen. Seit vorhin der Arzt noch einmal bei ihr gewesen, wußte sie ja, wie es um sie stand.

Auf dem Leinenschrank läge ein geliehener Wollkratzer. Dieser müßte der Eigentümerin, Meta Frerks, Nr. 37, noch heute zurückgebracht werden.

Bei ihrem letzten Kirchgang wäre sie dem Kaufmann Nolte in Grünmoor eine Mark und fünfundsechzig Pfennige schuldig geblieben. Frau Rotermund mußte die Summe dem Geldtäschchen unter dem Kopfkissen der Kranken entnehmen und sie bei nächster Gelegenheit zu bezahlen versprechen.

Bis ihr Stiefsohn Jan, der Stellerbe, sich verheiratete, sollte die kürzlich verwitwete Häuslingsfrau Marie Engelken ihm den Haushalt führen. Sie hatte diese schon vor einigen Tagen an ihr Bett bitten lassen und mit ihr darüber gesprochen. Die Nachbarin versprach, die Augen offenzuhalten und vor allem achtzugeben, daß Gerd und Leidchen ihr Recht bekämen.

Das Totenhemd läge in der Eichenlade auf dem Flett zu unterst ... Das rechts vom Herd hängende Stück vorjährigen Rauchfleisches möchte beim Dodenbeer zuerst mit aufgeschnitten werden ... In Leidchens Sonntagskleid wäre eine Naht aufgegangen, die müßte vorher noch genäht werden ...

Frau Rotermund nickte, sobald sie einen dieser Wünsche, welche die Kranke nur mit großer Anstrengung verständlich machen konnte, halbwegs erraten hatte, und versprach zu guter Letzt noch einmal, alles aufs beste zu besorgen.

Als die Uhr in der anderen Stube zwölf schlug, bat die Kranke, die Nachbarin möchte mit den Kindern zum Essen hinübergehen, die Magd würde das Mittagbrot wohl auf dem Tische haben. Wie die Frau noch einen Augenblick zögerte, wollte sie ungeduldig werden. Da gab Beta Rotermund mit den Augen Gerd und Leidchen einen Wink und schob die leise sich sträubenden Kinder vor sich her zur Tür hinaus.

* * * * *

Es war kurz nach Mitternacht, als Frau Rotermund sich in ihr wollenes Umschlagetuch hüllte, die Schultern zusammenzog und, unter der niedrigen Seitentür sich bückend, schuddernd in die sternklare, schneidend kalte Winternacht hinaustrat.

Dem nachbarlichen Verkehr dient in Brunsode weniger der öffentliche, von der Häuserreihe etwas entfernte Fahrdamm als ein Pfad, der durch die Grenz- und Windschutzgehölze laufend und die trennenden Gräben auf schmalen Eichenbohlen überschreitend eine kürzere Verbindung zwischen den Gehöften herstellt.

Diesem folgte die Frau, aber nicht, um beim eigenen Hause abzubiegen, sondern, nachdem sie ihr Gehöft überschritten hatte, machte sie erst vor den Stubenfenstern von Nr. 38 halt. Hier trommelte sie mit dem Knöchel des Mittelfingers gegen die Scheiben, daß es hart und hell durch die nächtliche Stille klang. Es dauerte nicht lange, so wurde von drinnen an den Eisblumen gekratzt. Da rief Beta durch die hohlen Hände gegen das Fenster: »Geschmargret ist eben eingeschlafen. Kommt und helft sie bekleiden!«

Die gleiche Ansage machte sie den beiden nächsten Häusern in der Dorfreihe. Denn die vier »Nachbarn in Not und Tod« sind durch das ungeschriebene Gesetz altererbter Sitte zu solchem Dienst jede Tag- oder Nachtstunde verpflichtet, wenn jemand sich zum letzten Schlaf gestreckt hat.

Als Beta Rotermund von ihrem Gange durch die frostklingende Nacht zurückgekehrt war, nahm sie das Abendmahlskleid der Verblichenen aus dem Schrank, holte ihr Totenhemd aus der Tiefe der Eichenlade herauf und legte ein paar Torfbrocken unter den Wasserkessel, den die Magd auf ihr Geheiß zu Feuer gebracht hatte. Darauf ging sie in die Wohnstube, um sich zu wärmen und die Frauen zu erwarten.

In dem niedrigen, mit dicker warmer Luft angefüllten Raum, den eine Hängelampe vom mittleren Deckbalken her nur schwach erleuchtete, hockte die Familie beieinander. Jan, des verstorbenen Jan Rosenbrock Sohn aus erster Ehe, hatte die Fäuste tief in den Hosentaschen vergraben und machte, mit angezogenen Füßen auf einem gegen die Wand gekippten Binsenstuhl mehr liegend als sitzend, ein etwas verlegenes Gesicht, als ob er nicht recht wüßte, wie er sich in diesem Fall zu benehmen hätte. Das kleine Mädchen lehnte schlafend in einer Ecke der Ofenbank, Gerd saß steif und steil in der anderen, mit trockenen rotgeweinten Augen auf einen Fleck starrend. Trina, die Magd, hatte sich an den Tisch hingelehnt und kämpfte, häufig gähnend, mit der Müdigkeit.

»Kinder, es wäre besser für euch, ihr ginget zu Bett,« mahnte Frau Rotermund mütterlich, indem sie sich einen Stuhl an den Ofen zog und die verklammten Hände an die warmen Gußplatten hielt. Aber niemand machte Miene, dem Rat zu folgen.

Draußen wurden Schritte laut, und gleich darauf trat Meta Frerks von Nr. 37 in die Stube. Die rundliche kleine Frau hatte von Natur ein Paar graue, schalkhafte Augen, aber wenn Zeit und Gelegenheit es verlangten, konnten diese auch leicht und ergiebig weinen. Die blanken Tränen polterten ihr denn auch nur so über die kugeligen roten Backen, wie sie die Hingeschiedene beklagte und rühmte und die landläufigen Tröstungen spendete. Darauf pflanzte sie sich zwischen die beiden Kinder in die reichlich enge Bank, tätschelte mit der Linken dem Jungen die Knie und strich mit der Rechten dem erwachenden Mädchen die Haare aus den Augen, um ihm dann liebkosend über die rosig verschlafenen Bäckchen zu fahren. Das Kind hatte von solcher handgreiflichen Zärtlichkeit schnell genug und hielt zum Schutz beide Arme vor das Gesicht.

Die bald darauf eintretende, bis auf die Nasenspitze vermummte Gestalt enthüllte sich als eine hagere Vierzigerin mit gelblichen, lederartigen Gesichtszügen und kleinen, starren Augen. Anna Wöltjen und ihr Klaus galten als die »dollsten Quäler« im ganzen Dorf, kamen aber doch nicht recht vorwärts. Sie waren Sklaven der Torfkuhle geworden; nicht einmal mehr des Sonntags kam der Torfstaub rein aus den tiefen Furchen ihrer stumpfen, abgearbeiteten Gesichter. Da der Torf all ihr Sinnen erfüllte, verpaßten sie in der Ackerwirtschaft meist die rechte Zeit und das gute Wetter, und manches Stück Vieh hatten sie in die Erde stecken müssen, weil sie es an sorgfältiger Pflege, vor allem auch an der nötigen Sauberkeit fehlen ließen. Anna Wöltjen murmelte ein paar Worte, die zu verstehen sich niemand Mühe gab, und sackte auf dem nächsten Stuhl nieder.

»Daß Malwine Böschen noch gar nicht kommt!« sagte Beta Rotermund nach einer Weile, etwas ungeduldig zur Wanduhr aufblickend, »sie hat doch von uns allen noch die jüngsten Beine.«

»Wenn eine erst jung verheiratet ist ...« entschuldigte die gutmütige Meta Frerks mit verstehendem Lächeln.

»Na, ich sollt' meinen, aus den Honigwochen wären sie heraus,« sagte Anna Wöltjen mit ihrer blechernen Stimme.

Meta Frerks hob horchend den Kopf: »Ich hör ihre Hollschen all, sie geht grad' über den Steg. Was das diese Nacht weit klingen tut!«

Die schmucke, blühende Frau, die bald darauf eintrat, sah trotz des Ganges durch die schneidende Kälte ein wenig verschlafen aus und machte einen etwas verlegenen Eindruck. Erst im letzten Herbst hatte sie in das Dorf hineingeheiratet und sich noch nicht recht in der Nachbarschaft eingelebt.

Nachdem Beta Rotermund das junge Volk noch einmal vermahnt hatte, endlich das nutzlose Herumsitzen aufzugeben, führte sie die Frauen dahin, wo die traurige Pflicht ihrer wartete.

Diese warfen einen halb scheuen, halb neugierigen Blick auf das spitze, wächserne Gesicht im Bettschrank, hielten eine Vaterunserlänge die Köpfe auf die Brust gesenkt und die Hände gefaltet, dann machten sie sich schweigend an die Arbeit, indem sie durch Zeichen und Flüstern sich leicht verständigten.

Als nach Brauch und Herkommen alles besorgt, auch das Zimmer gesäubert und der Fußboden mit weißem Sand bestreut war, betrachteten sie ihr Werk nicht ohne Befriedigung. Man fand, die gute Geschmargret sähe nun aus wie eine sanft und friedlich Schlafende.

»Wenn einer erst so weit wäre ...« seufzte Meta Frerks, die lebenslustigste von allen, und sie fühlte in diesem Augenblick auch so, wie sie sprach. Als aber Beta Rotermund, die während der Aufräumungsarbeiten sich draußen am Herde zu schaffen gemacht hatte, fragte, ob sie jetzt in der andern Stube eine Tasse heißen Kaffee trinken wollten, nickte sie sehr erfreut und war die erste, die schnell und gern der Einladung folgte.

Die Jugend des Hauses hatte sich inzwischen in ihre Butzen und Kammern zurückgezogen, und die Frauen waren froh, daß sie das Reich allein hatten. Nachdem sie einige Torfbrocken im Ofen nachgelegt und den Tisch dicht an diesen herangeschoben hatten, rückten sie so eng als möglich um die dampfende Kaffeekanne zusammen, die ihren duftenden braunen Labetrank in goldig umränderte Tassen ergoß. Es waren die feinsten des Hauses, die Meta Frerks der besonderen Gelegenheit wegen dem Glasschrank entnommen und schnell mit der Schürze ausgewischt hatte. Geschmargret Rosenbrock hatte sie von ihr selbst einst zur Hochzeit geschenkt bekommen. Mitten auf dem Tisch stand ein bunter Teller mit Butterkuchen, den Vater Rotermund der kranken Nachbarin gestern frisch von Worpswede mitgebracht hatte. Die hatte nicht mehr von ihm gekostet, aber jetzt fand das lockere, zuckerbestreute Gebäck seine Liebhaber, und die kundigen Zungen schmeckten schnell heraus, daß es vom Bäcker Soltmann stammte, der am schmackhaftesten zu backen pflegte. Der Kaffee wurde mit behaglichem Schlürfen getrunken. Nach Erfüllung der traurigen Pflicht war ein Stündchen freundnachbarlicher Geselligkeit gutes Recht und seelisches Bedürfnis. Man war ja Nachbar nicht bloß für Not und Tod, sondern gottlob auch für die angenehmeren Seiten des Daseins.

Ach ja, das menschliche Leben ... Wer hätte gedacht, daß die gute Geschmargret so früh dahin mußte. Nach Ostern hatte sie noch im Torf geholfen und bei der zweiten Heuernte noch mit abgeladen. Es wurden mancherlei Erinnerungen wach: was sie bei dieser Gelegenheit gesagt, bei jener getan, wie sie sich in ihre Stellung als zweite Frau und Stiefmutter gefunden hatte, und dergleichen. Die einzelnen Züge ergaben zusammen das Bild einer schlichten, fleißigen, stets freundlich hilfsbereiten, von allen wohlgelittenen Frau.

Endlich sprang die Unterhaltung auf die Kinder des Hauses über.

Jan, der Erbe und jetzige Stellbesitzer ... Hmhm, Kopfschütteln, bedenkliche Mienen. Man konnte sich nicht verhehlen, daß er in den letzten Jahren, seit des Vaters Tode, ein rechter Schleef geworden war. Die Stiefmutter war ihm gegenüber vielleicht doch zu gut und weich gewesen. Hoffentlich bekam er einmal die richtige Frau, die noch einen ordentlichen Menschen aus ihm machte. Ob er schon auf Freiersfüßen ging? Ernstlich wohl noch nicht. Aber jetzt machte er gewiß bald Anstalten. Das half ja auch nichts; eine Frau mußte wieder ins Haus, die Haushälterin konnte nur für kurze Zeit ein Notbehelf sein.

Gerd und Leidchen ... Ach ja, die armen kleinen Dinger ... Und so fixe, brave Kinder ... Gerd, über seine Jahre verständig und ernsthaft, und so ein feines kleines Mädchen wie Leidchen sollte man weit umher suchen. Cord Rosenbrock, der Kinder Vatersbruder und Vormund, wär' ein gar zu gleichgültiger Mensch, ein rechter Liekeväl, und würde sich wohl nicht viel um sie kümmern. Da müßten die Nachbarn fleißig zum Rechten sehen, das verlange die Christenpflicht, und man wäre es der guten Seligen auch schuldig. Ach ja, ja, ja ...

Plötzlich horchten die Frauen erschrocken auf. In der Butze nebenan regte sich etwas, und schon wurde die Tür zurückgeschoben, und das kleine Mädchen kam herausgestiegen. Zitternd stand es da in seinem kurzen Hemdchen, sah die gestörte Kaffeegesellschaft mit den großen braunen Augen an und fragte: »Was macht ihr hier?«

»Wir haben deine Mutter fein angekleidet,« sagte Beta Rotermund, das Kind an sich ziehend. »Nun trinken wir 'ne Tasse Kaffee.«

»Komm mal 'n bißchen auf meinen Schoß, lüttje Deern,« sagte Meta Frerks und hob sie auf ihre Knie. Dann reichte sie ihr einen Streifen Butterkuchen, und das Kind stopfte und kaute, denn Butterkuchen gab's nicht jeden Tag. Darauf knabberten die kleinen Zähne ein Stück Kandiszucker, das Malwine aus der Dose schenkte. »Sososiso,« sagte Meta Frerks, »nun leg' ich unser Herzenskind wieder ins Bett, und es schläft süß die ganze Nacht. Huh, draußen ist's so kalt, und all die kleinen Piepvögel müssen so frieren. Soso, nun mach' ich die Tür zu, du brauchst gar nicht bange zu sein, mein' Deern, die lieben Tanten sollen alle hier bleiben.«

Ein Weilchen ruhte die Unterhaltung. Nur Seufzer und traurige Blicke, von Kopfschütteln begleitet, gingen hin und her.

Als das Gespräch nach und nach wieder in Gang kam, begann es freiere Bahnen zu wandeln. Der betrübende Fall war ja nun nach allen Seiten hin erörtert und erschöpft, da drängte das eigene Leben, mit seinen Sorgen und Leiden, Freuden und Hoffnungen, sich wieder vor. Auch des lieben Nächsten gedachte die mitternächtliche Kaffeegesellschaft, im Guten wie im Bösen. Meta Frerks, die am Tage vorher von einer Gasterei im unteren Dorf einen ganzen Sack voll Neuigkeiten mitgebracht hatte, fand für diese die aufmerksamsten Ohren; zumal, als sie von einer Hochzeit berichtete, die etwas plötzlich in Sicht gekommen war.

So enteilten die Viertel-, halben und ganzen Stunden, bis die Wanduhr auf einmal fünf kurze, klirrende Schläge tat.

»Kinners!« rief Beta Rotermund erschrocken, »wir müssen nun aber bald Feierabend machen!«

Aber niemand traf Anstalten, sich zu erheben. Über den Schlaf war man doch einmal hinweg, es verlohnte sich auch nicht mehr, noch wieder ins Bett zu steigen. Draußen fror es Pickelsteine, um den warmen Ofen dagegen hatte die Behaglichkeit stetig zugenommen. Die Nähe der Toten störte diese durchaus nicht. Die gute Geschmargert war ja von schwerem, unheilbarem Leiden erlöst, man hatte seine Pflicht an ihr getan, und wenn die Gedanken noch einmal zu ihr hinübereilten, freute man sich im stillen, daß einem selber das liebe Leben noch nicht entwichen war. Sogar Anna Wöltjen war ganz menschlich geworden, und die junge Malwine Böschen längst aufgetaut. Diese paar Stunden hatten sie den Nachbarinnen näher gebracht, als die vier Monate, die sie unter ihnen gelebt hatte, und sie verriet ihnen, daß sie sich guter Hoffnung fühlte. Da sahen alle drei sie schwesterlich teilnehmend an, und Beta Rotermund sagte, nachdenklich vor sich hin nickend: »Ja, ja, so geht's zu in der Welt: der eine geht, der andere kommt.«

Als sie endlich daran erinnerte, daß es Zeit würde zum Melken, erhoben sich alle aus dem warmen, gemütlichen Winkel. Man suchte die Umschlagetücher, schnackte auf dem Flett ein Weilchen im Stehen, stattete der still gewordenen Nachbarin noch einen stummen Besuch ab, bei dem sich wieder einige Seufzer lösten, und machte sich endlich auf den Heimweg. An den Leitstangen sich haltend, schurrten die Frauen vorsichtig über die glattgefrorenen schmalen Eichenbohlen der Gräben, und bei jedem Hause schwenkte eine mit kurzem Gutenachtgruß ab. Bei jedem Abschied noch einmal wieder stehenzubleiben, verbot die gar zu grimmige Kälte.

* * * * *

Langsam und feierlich, den hohen Hut auf dem ergrauenden Kopf und das Gesangbuch mit goldenem Kreuz in der schwarzbeschuhten Rechten, kam Herr Lenz von dem Fahrdamm auf das Trauerhaus zugeschritten.