Part 17
Die Turmuhren verkündeten eine Viertelstunde nach der anderen. Die wilden Tauben flogen zu ihren Schlafplätzen, auf dem Teich, der im Widerschein rosiger Abendwolken glänzte, zogen Schwäne ruhevoll ihre schimmernde Bahn. Die Mehrzahl der Spaziergänger war jetzt stadtwärts gewendet.
Ein junger Mann blieb fade lächelnd vor ihr stehen, drehte seinen Schnurrbart, lobte das hübsche Wetter und die weißen Schwäne und wollte sich vertraulich zu ihr setzen.
Da stand sie auf und befand sich bald in dem bunten Strom, der sich der Stadt zu bewegte.
Vor ihr pilgerten zwei tagenbarne Bürgerfamilien, die sich eben erst getroffen haben mochten und ihre Unterhaltung recht laut führten, wie Leute, die ihrer Gesinnungstüchtigkeit, Steuerkraft und sonstigen Bedeutung für das Gemeinwesen sich voll bewußt sind. Leidchen hörte zuerst nicht hin, bis der dickere der Väter, ein Mann mit rotem Gesicht und gutmütigen Kulpsaugen, bedauernd sagte: »Das arme Ding, es kann einem herzlich leid tun,« und eine blecherne Stimme, die unter einer spitzen weiblichen Nase hervorkreischte, entgegnete: »Sie ist selber schuld daran, sie hat's nicht besser haben wollen.«
Diese Worte brannten sich ihr wie glühendes Eisen in die Seele, es war, als wollten die Füße ihren Dienst versagen.
Hinter der Bahnunterführung teilte sich die Menge hierhin und dorthin.
Jetzt nach Hause? Mit der qualvollen Ungewißheit auf die enge Dachkammer, der langen Nacht entgegen?
Um alles nicht! Sich zusammenraffend schlug sie mit entschlossenen Schritten die Richtung nach dem südöstlichen Stadtviertel ein, wo in einer der Straßen, die rechtwinklig auf den Weserdeich stoßen, Hermanns Hauptmann seine Wohnung hatte. Er selbst hatte sie ihr einmal gezeigt.
Als sie nach längerem Suchen das Haus gefunden hatte, flog ihr Blick zu dem Fenster seines Mansardenstübchens hinauf, das geöffnet war. Dort oben war er heute nachmittag sicher nicht.
Im Kellergeschoß lag die schon erleuchtete Küche, durch einen dünnen Gazevorhang konnte man hineinsehen. Die Köchin stand am Herd und summte eine fremde Weise. Der Späherin schaffte es eine leise Genugtuung, daß die Person dick und häßlich war. Von dieser Seite drohte gewiß keine Gefahr.
Leidchen zweifelte nicht daran, daß Hermann in die Stadt gegangen war, und beschloß zu warten, bis er nach Hause käme. Morgen wurden die alten Mannschaften entlassen, und vorher wollte und mußte sie ihn sprechen, wenn sie auch die ganze Nacht hier warten sollte.
Sie schritt die vornehm ruhige Straße auf und ab, Bedacht nehmend, daß sie sich nicht weiter als drei oder vier Häuser von dem, dessen Tür sie bewachte, entfernte. Wenn einmal ein Schritt durch die Stille klang, blieb sie stehen und spähte in die Richtung, woher er kam. Eine Weile horchte sie, an ein Eisengitter gelehnt, auf das Klavier, das in einem der Nachbarhäuser mit großer Fertigkeit gespielt wurde und ihr leichter über eine halbe Stunde Wartens hinweghalf. Einmal stieg sie den nahen Osterdeich hinan, und der kühle Hauch, der von drüben wehte, der Blick auf den in der Tiefe ziehenden Strom und zum jenseitigen Ufer hinüber, wo auf den Weiden Kühe im Nebel ruhten, taten wohl und belebten ein wenig ihr Hoffen.
Die Uhr der nicht weit entfernten Friedenskirche rief die Stunden aus. Eine Haustür nach der anderen wurde abgeschlossen. Fenster um Fenster verdunkelte sich. Ein Schutzmann ging vorüber und sah der Wartenden prüfend scharf ins Gesicht. Die Straße wurde immer einsamer und stiller.
Vom Stehen und Gehen, von Hunger und Durst, von der stets neu aufflackernden Hoffnung, wenn ein Schritt erschallte, und den darauf folgenden Enttäuschungen wurde sie zuletzt so müde, daß sie sich kaum noch auf den Füßen halten konnte. Durch das fiebernde Hirn jagten sich Erinnerungen und Bilder: Die Bootfahrt durch die lichtgrünen Hallen ... das Hünengrab ... die schwüle Gewitternacht im Bürgerpark ... die gütigen alten Augen vom Holler See ... die blecherne Stimme: sie hat's nicht anders gewollt ... bis endlich eine große Öde und bleierne Müdigkeit über sie kam und sie nach nichts mehr verlangte als nach körperlicher Ruhe. Langsam, auf wehen, schwankenden Füßen, verließ sie ihren Posten.
Aber die nächste Straßenecke hatte sie noch nicht erreicht, als sie zusammenzuckte, stehenblieb und vornübergeneigt horchte. Schwere Schritte klangen laut durch die mitternächtliche Stille. Im Schein einer Laterne blitzen Uniformknöpfe und der Beschlag eines Seitengewehrs.
Sie vertrat dem Ankommenden den Weg.
»Hermann!«
»L..l... leidchen, du hier?«
»Darüber wunderst du dich? Von halb vier an hab' ich auf dich gewartet.«
»Pst, schrei doch nicht so, hier wohnen überall L... leute.«
»Gleich sagst du mir, wo du gewesen bist!«
»Pst, Deern, man sinnig, immer ruhig Blut. Du weißt doch, es ist heut' der letzte Tag, daß ich Soldat bin. Morgen reisen meine Kameraden in alle Welt auseinander. Da haben wir natürlich ein bißchen A... abschied gefeiert.«
»Und du hast so viel getrunken, daß du kaum sprechen kannst.«
»Was? So'n kleines Vergnügen gönnst du einem nicht mal und lauerst mir hier die halbe Nacht auf, um mich auszuschimpfen?«
»Oh, Hermann, wenn du wüßtest, wie ich mich nach dir gesehnt habe!«
»Das ist alles ganz gut und schön, aber jetzt mußt du mich vorbeilassen. Es ist schon über die Zeit, ich fliege sonst zu guter Letzt noch drei Tage in den Kasten.«
Sie gab ihm aber den Weg nicht frei. »Hermann ... ich muß dir ... noch was sagen,« kam es abgerissen und stoßweise über ihre bebenden Lippen.
»Denn raus damit, aber fix!«
Sie näherte ihren Mund seinem Ohr und flüsterte hastig ein paar Worte.
Er lachte heiser auf: »Deern, du glaubst wohl, daß altes Militär sich noch ins Bockshorn jagen läßt?«
Ihre Augen wurden groß und starr: »Es ist so gewiß wahr, als ich hier vor dir stehe.«
Sein nägelbeschlagener Stiefelabsatz schlug auf die Steinfliesen, daß der Schall die Straße hinabsprang und von einer Ecke zurückgeworfen den gleichen Weg noch einmal machte. »Verdammte Bescherung!« knirschte er zwischen den Zähnen und stieß sie unsanft von sich. Sie taumelte, tastete nach dem Eisengitter und brach vor seinen Füßen zusammen.
Entsetzt und plötzlich ernüchtert beugte er sich zu der am Boden Liegenden: »Aber Leidchen ... was machst du für Geschichten ... steh' doch auf ... wenn jemand käme!«
Da sie kein Lebenszeichen von sich gab, ließ er sich zu ihr auf die Steine nieder, hob ihren Kopf auf sein Knie, streichelte ihr Stirn und Schläfen und rief sie beim Namen.
Nach einer Minute erwachte sie aus der Ohnmacht und schlug die Augen auf.
»Aber Leidchen, mein liebes, süßes Leidchen, was hast du mich verjagt! Vergib mir tausendmal, du mußt bedenken, das viele Bier ... die Verführung ist zu groß in der Welt. Aber nun steh' auf ... wenn uns einer hier sähe ... ich helf' dir. So--o ... siehste, es geht schon wieder, stütz dich man fest auf mich, ich steh' jetzt schon wieder ganz fest auf den Füßen und bringe dich nach Hause. Wir gehen über den Osterdeich, da weht immer ein frischer Wind, der wird dir gut tun ... Und was du mir da erst gesagt hast, bleib' ruhig, Kind, das ist ja gar nichts Schlimmes, und ich bin darüber nur so erschrocken, weil es so unverhofft kam, und weil ich ein bißchen zuviel getrunken habe. Dann weiß der Mensch nicht, was er sagt und tut ... Ah! die frische Luft von der Weser her ... nicht wahr, Kind, die tut dir wohl? ... Mir auch, woll'n mal den Brustkasten ordentlich voll nehmen ... Kuck mal, da fährt noch ein kleiner Dampfer, hat zwei Schleppkähne hinter sich, kommen wohl von Minden, oder auch schon von Hameln ... Morgen früh geht's ja nach Hause, das heißt, wenn ich nicht erst noch drei Tage zu Vater Philipp muß, aber werd' man nicht bange, es hat ja noch immer, immer gut gegangen. Was blinkt so freundlich in der Ferne? Es ist das liebe Elternhaus. Sie werden sich erst wohl ein bißchen sperren, aber das kann ihnen nun alles nichts mehr helfen. Weißt du, was so 'n richtiger alter preußischer Militärsoldat ist, der steht auf seinem Stück: Vorwärts mit Gott für König und Vaterland! Anders gibt's da nichts, und wird nicht mit der Wimper gezuckt.«
»Hermann, Hermann, du machst so schrecklich viele Worte.«
»So? Ja, aber du hast mich auch zu schlimm verjagt. Ich hatte dich doch man eben angetippt und pardauz lagst du da. Wenn das einer gesehen hätte!«
»Und wann willst du mit deinen Eltern sprechen?«
»Natürlich gleich morgen abend.«
»Dann mußt du mir aber gleich schreiben.«
»Versteht sich. Oder ich komm' per Rad. Wie's gerade paßt.«
»Oder soll ich lieber übermorgen nachgereist kommen?«
»Nee, Leidchen, lieber nicht, mach' bloß keine Geschichten! Du bist viel zu hitzig, und die Sache mit meinen Alten, weißte, die muß fein eingefädelt werden, das muß einer kennen.«
»Und dann könntest du auch wohl gleich zu meinem Bruder gehen.«
»Ja, ja, wird gemacht.«
»Aber du sagst ihm bloß, daß wir uns verlobt haben und bald Hochzeit halten wollen ... Alles braucht er nicht zu wissen.«
»Das mein' ich auch. Was er nicht weiß, das macht ihn nicht heiß.«
»Und wann soll die Hochzeit sein?«
»Wenn Vater und Mutter nur erst ja gesagt haben, kann die Sache gleich vorwärts gehen. Ich denk', im November, oder sonst im Dezember. Das ist ja wohl noch früh genug. Dann kannst du bei der Trauung auch noch dreist 'n Kranz aufsetzen ...«
»... Was meinst du zu der Aussteuer? Bei uns im Moor sind in diesen Monaten so viel Hochzeiten, und die Handwerksleute kommen nicht dagegen an. Ich glaube, wir kaufen sie am besten fertig, im Kloster oder auf dem Weiher Berg.«
»Wie du schon an alles gedacht hast!«
»Woran hat unsereins denn sonst zu denken? ... Beinahe dreihundert Taler hab' ich von Mutter selig geerbt. Dafür ist schon allerhand zu haben. Und einen Schrank voll Leinen hab' ich auch, von Mutterseite her, und was ich mir selbst dazu gewebt habe.«
»Ja, das ist 'ne ganze Masse.«
»Viel ist's ja nicht für Leute, wie ihr seid, aber du hast ja immer gesagt, ich brächte sonst allerlei mit, was für kein Geld zu kaufen wäre. Sag' deinen Eltern, ich würde ihnen jeden Wunsch an den Augen ablesen. Und du mußt auch immer nett gegen sie sein, Hermann, mußt auch mal nachgeben und nicht immer mit dem Kopf durch die Wand wollen. Es gibt nichts Schrecklicheres, als wenn in einem Hause die Alten und Jungen nicht miteinander auskommen können, und dies Trauerspiel wollen wir nicht aufführen ... Wenn du heut' nachmittag gekommen wärst, hätten wir das alles viel ruhiger und gründlicher durchsprechen können. Jetzt sind wir beide zu aufgeregt, ich von dem schrecklichen Warten, und du? ... ach, es ist ja einerlei ...«
Sie war stehengeblieben und fuhr fort: »So, nun kann ich allein nach Hause gehen.«
»Soll ich dich doch nicht lieber ganz hinbringen?« fragte er unsicher.
»Nein, du kannst gleich umkehren, meinetwegen sollst du nicht in Arrest. Aber komm hier noch eben mit unter diese Laterne ... ich möchte dir gern mal in die Augen sehen ... So ... Ach wenn ich dir doch bloß ins Herz kucken könnte! ... Hermann, wenn du in deinem Herzen beschlossen hast, mich in meiner Not zu verlassen, dann bitt ich dich nur um eins: mach' gleich ganze Arbeit. Hier bei der Großen Weserbrücke haben sie vorige Woche ein armes Mädchen aus dem Wasser gezogen, das hatte auch ein schlechter treuloser Mensch in den Tod getrieben. Hermann, wenn du deine Eidschwüre nicht halten willst ... hier steh' ich und wehr' mich nicht, nimm das Messer, das du da an der Seite hängen hast, und stich mich durchs Herz und wirf mich da hinein!«
»Leidchen, Leidchen,« rief er in fast weinerlichem Tone, »was schnackst du da von Totstechen! Wie kannst du bloß so was von mir denken? So bist du doch sonst nicht gewesen.«
»Nein, ~du~ bist sonst nicht so gewesen ...« sagte sie traurig. »Wir haben uns drei Wochen nicht gesehen, und du hast mich noch nicht mal geküßt.«
»Och Leidchen, das hab' ich ganz vergessen.«
»Ja, das hast du ganz vergessen ...«
»Aber wir können das ja nun zum Abschied nachholen.«
Sie schüttelte den Kopf: »Ach, laß man.«
»Leidchen, kannst du nicht vergeben? Hast du mich gar nicht mehr lieb?«
Da warf sie sich ihm stürmisch an die Brust und küßte ihn leidenschaftlich. Dann sahen sie sich noch einmal mit langem Blick in die Augen, ihre ineinander verschlungenen Hände lösten sich, und jeder ging seinen Weg. Er in der Richtung, aus der sie gekommen waren, sie über die Große Weserbrücke und den glitzernden Strom der Neustadt zu.
16.
Frau Marwede vermied bei ihrem respektabeln Doppelzentnergewicht das Treppensteigen nach Möglichkeit. Als das Fräulein aber gar nicht erscheinen wollte und das Dienstmädchen auf ihr Rufen nicht kam, arbeitete sie sich doch einmal, mit der rechten Hand am Geländer sich emporziehend und mit der linken abwechselnd die Knie verstärkend, in das Dachgeschoß hinauf. Sie wäre wohl mit lautem Morgensegen und großem Hallo in Leidchens Kammer gebrochen, wenn der Atemmangel sie nicht gezwungen hätte, erst mal erschöpft und hachpachend auf den Stuhl vor ihrem Bett zu sacken. Inzwischen verrauchte ihr Zorn, nicht ohne Wohlgefallen betrachtete sie das schöne Kind und besorgte das Wecken durch zärtliches Kneifen in den auf der Decke liegenden Arm.
Leidchen fuhr in die Höhe und fragte erschrocken: »Wieviel ist die Uhr?«
»Gleich acht, du Langschläferin,« gab Frau Marwede zur Antwort. Dann hob sie warnend die dicke Hand mit dem kurzen Zeigefinger: »Mädchen, Mädchen, du bist diese Nacht wieder so spät nach Hause gekommen. Ich hab nach der Uhr gesehen, es war bald eins. Ich gönne dir dein Vergnügen ja von Herzen, aber nimm dich in acht. Du bist jung und unerfahren, und wenn eine denn auch noch so hübsch ist ...«
Leidchen war rot geworden. »Frau Marwede, Sie brauchen nichts Schlechtes von mir zu denken. Ich war mit einem aus meinem Dorf zusammen, wir beiden haben uns schon lange gern.«
»Und wollt euch heiraten?«
»Versteht sich.«
»Mädchen, du hättest man noch warten sollen. Eine wie du hätte mit der Zeit auch wohl einen in der Stadt gefunden.«
Leidchen versetzte eifrig: »Oh, Sie müssen nicht denken, daß mein Bräutigam ein gewöhnlicher ›Jan vom Moor‹ ist, wie man hier in Bremen sagt. Er bekommt mal die große Windmühle in unserm Dorf, er ist dem Müller sein einziger Sohn, und seine Mutter hat viel Geld gehabt.«
Frau Marwede zog die Augenbrauen hoch: »Ach so, das ist was anderes. Dann kannst du wohl lachen, und ich gratuliere dir vielmals. Aber nun rappel dich auf und mach', daß du an deine Arbeit kommst.«
Als die Frau gegangen war, blieb Leidchen noch einige Minuten, die Hände unter dem Kopf, liegen.
Da trafen Pfeifen- und Trommelklänge ihr Ohr. »Muß i denn, muß i denn zum Städtele hinaus,« kam es von den nicht weit entfernten Kasernen herüber. Also jetzt wurden die Reservisten zum Bahnhof geführt. Und Hermann stieg wohl bald auf sein Rad. In zwei bis drei Stunden konnte er zu Hause sein. Und heut' abend wollte er mit seinen Eltern sprechen ... In bangem Atmen hob und senkte sich ihre Brust über dem klopfenden Herzen.
Den Tag über wollten öfters bittere Gedanken gegen Hermann in ihr aufsteigen, die sie jedoch mit Gewalt niederzuhalten suchte. Die Hauptschuld hatten gewiß seine Kameraden. Ein bißchen leichtsinnig mochte freilich er auch wohl sein, das lag am Ende schon vom Vater her in ihm. Um so mehr brauchte er eine Frau, die ihn zu nehmen wußte.
Frau Marwede begegnete heute ihrem Fräulein, als künftiger Mühlenbesitzersfrau, mit einer gewissen Achtung. Auch gab sie Ratschläge für einen jungen Hausstand und nannte Ausstattungsgeschäfte, in denen man nicht nur billig, sondern auch gut kaufe.
Als Leidchen am Nachmittag in der Stadt einiges zu besorgen hatte, beeilte sie sich möglichst, um eine Viertelstunde zu erübrigen, und trat in eins der ihr empfohlenen Geschäfte, wo das Ladenfräulein ihr vieles zeigen mußte. Den Stein ihres Ringes verbarg sie so in der Hand, daß man ihn für einen Verlobungsreif halten konnte, und beim Fortgehen versprach sie, nächstens mit ihrem Verlobten wiederzukommen.
Nach dem Abendbrot lud Frau Marwede sie ein, sich mit ihrer Handarbeit zu ihr zu setzen. Aber sie schützte Kopfweh vor und suchte ihre Kammer auf.
Jetzt eben sprach gewiß Hermann mit seinen Eltern. Der Gedanke verursachte ihr starkes Herzklopfen, und Angstwellen liefen ihr durch den ganzen Körper. Als die Unruhe immer größer wurde, dachte sie auf einmal an den lieben Gott. Sie war ihm bislang mit ihren Liebesangelegenheiten noch nicht gekommen. Zum letztenmal hatte sie am Bett der kleinen Olga ernsthaft seiner gedacht. Aber jetzt bat sie ihn mit gefalteten Händen und geschlossenen Augen, er möchte ihr doch nicht böse sein und alles zum Besten wenden. Da sie merkte, daß sie dabei ruhiger wurde, nahm sie nach einer Weile ihr Gesangbuch aus der Kommode. Das in Leder gebundene und mit Goldschnitt versehene Buch war ein Geschenk ihres Bruders zur Konfirmation, und vorn hatte er hineingeschrieben: Dein Lebelang habe Gott vor Augen und im Herzen, und hüte dich, daß du in keine Sünde willigest, noch tust wider Gottes Gebot. Wie jetzt ihr Blick auf diese Worte fiel, warf sie das Buch ärgerlich hin und schalt den Bruder einen alten Schulmeister.
Aber die innere Unruhe schwoll aufs neue an, und sie nahm es wieder zur Hand, um die »Kreuz- und Trostlieder« aufzuschlagen. Sie las deren einige, die sich ihr durch die Anfangsworte empfahlen: Sei stille, müd' gequältes Herz ... Gib dich zufrieden und sei stille ... Wer nur den lieben Gott läßt walten ... Hei, diesen Gesang spielten daheim die Musikanten immer, wenn im Dämmer der Großen Diele die Brautleute vor dem blumengeschmückten, lichterbeglänzten Trautisch standen! ...
* * * * *
Am nächsten Morgen fing sie an, auf den Briefträger zu warten, obgleich sie sich sagte, daß unmöglich schon Nachricht kommen konnte. Und sie wartete den ganzen Tag. Und so den Mittwoch, und den Donnerstag, mit wachsender Ungeduld und Spannung.
Ob er wegen des Zuspätkommens am Sonntag doch vielleicht noch drei Tage eingesperrt war?
Oder hatte der Höker, der zu Hause die Posthilfsstelle verwaltete, den Brief liegen lassen? Rechter Verlaß war auf den Mann nicht.
Oder sollten die Müllersleute wirklich noch Schwierigkeiten machen?
Wenn die Briefbestellungszeit vorüber war, horchte sie, so oft die Ladentür klingelte, ob unten nicht jemand nach ihr fragte. Er hatte ja gesagt, vielleicht käme er auch selbst herüber.
Am Freitag, als sie gerade vor der Haustür fegte, ging der Postbote nicht wie gewöhnlich vorüber, sondern rief verheißungsvoll: »Fräulein Leidchen Rosenbrock.« Sie riß ihm den Brief aus der Hand und flog klopfenden Herzens damit die Treppe hinauf.
Auf ihrer Dachkammer angekommen, zerriß sie mit zitternden Fingern den Umschlag und las:
Liebe Schwester!
Sie stutzte und sah nach der Unterschrift. Ach so--o, der Brief war nur von ihrem Bruder. Bitter enttäuscht ließ sie sich auf den Stuhl sinken.
Was mochte der ihr denn zu schreiben haben ...
»Eigentlich wollte ich heute nach Bremen und Dich auch besuchen, aber es ist was dazwischen gekommen. Nun muß ich Dir schreiben, was ich Dir bestellen soll. Sei nächsten Sonntag um vier Uhr am Holler See, vornan im Bürgerpark, die Stelle wirst Du wohl wissen, aber pünktlich! Hoffentlich geht alles gut.
Mit Gruß in Eile
Dein Bruder Gerd.«
Ein froher Glanz überstrahlte ihr Gesicht, tief aufatmend ließ sie die Hand mit dem Papier in ihren Schoß fallen.
Also mit Gerd hatte Hermann sogar auch schon gesprochen! Das war sicher ein gutes Zeichen. Und wie ruhig der die Sache nahm!
Warum er wohl nicht selbst geschrieben hatte? Nun, Gerd hatte ihm gewiß gesagt, daß er zur Stadt müßte und die Bestellung mitnehmen könnte.
Den Platz am Holler See hatte er natürlich gewählt, um es wieder gut zu machen, daß er sie am letzten Sonntag dort vergeblich hatte warten lassen.
Sie war überglücklich, schob den Brief in ihren Busen und las die kurzen Zeilen den Tag über wohl zehnmal. --
Der Sonntag kam und mit ihm ein anhaltender Landregen. Wie mit Mollen goß es vom Himmel, und es war ein Wetter, daß man keinen Hund zum Hause hinaus jagen mochte.
Als Leidchen am Nachmittag Frau Marwede fragte, ob sie ein bißchen ausgehen dürfte, sah diese sie mit maßlos erstaunten Augen an.
»Mädchen, bist du nicht recht klug? Bei ~dem~ Wetter?«
»Gerd hat mir geschrieben, ich muß ... Mein Bräutigam ist da.«
»Ach so, das ist was anderes. Aber sag' ihm, daß er ein andermal hierherkommt. Dieses dumme Versteckspielen hat jetzt doch keinen Zweck mehr. Nimm meinem Mann seinen alten Regenschirm mit, er ist größer als deiner und hält eher etwas aus.«
Es traf sich gut, daß sie an der nächsten Straßenecke auf die Elektrische stieß, die sie quer durch die Stadt an ihr Ziel brachte.
Und da stand er auch schon, unter einem Regenschirm, an dem das Wasser in blanken Bächen herunterlief. Sie sprang mit bebenden Füßen von dem noch nicht ganz haltenden Wagen und eilte, unter Marwedes Familienschirm geduckt, auf ihn zu.
Der andere Schirm hob sich. Sie prallte zurück.
»Guten Tag, Fräulein Rosenbrock ...«
»Guten Tag ...«
»Wie geht's Ihnen?«
»Oh ... gut ... Wie kommen Sie bei solchem Regen hierher?«
»Was einer sich vorgenommen hat, muß er auch ausführen ... Ich soll Sie auch vielmals grüßen.«
»Von wem?«
»Von Ihrem Bruder Gerd.«
»Ach so ... Danke.«
»Gehen wir vielleicht ein bißchen im Bürgerpark spazieren?«
»Bei solchem Wetter?«
»Hm, es gibt ja Schutzhütten, und wir könnten auch am Emmasee eine Tasse Kaffee trinken, oder auf der Meierei, wo Sie am liebsten wollen.«
»Herr Timmermann, mir ist ganz wirr im Kopf ... ich begreif' nicht ... Ich muß hierbleiben ... ich warte hier auf jemand.«
»Nicht auf mich?«
»Auf Sie?«
»Ja, hat Gerd Ihnen denn nichts davon geschrieben?«
»Daß Sie hierher kommen wollten? Nein ... Ach, nun geht mir ein Licht auf ... Nichts für ungut, hier liegt ein Mißverständnis vor ... Gerd ist an allem schuld, da hält gerade die Elektrische, ich will lieber gleich mit in die Stadt fahren, es tut mir leid, aber es regnet wirklich schlimm. Adieu!«
Sie hatte den Wagen für sich allein und lief zweimal von einem Ende bis zum anderen, ehe sie sich niederließ.
Sie ballte die Hand zur Faust. Wenn sie den Bruder hier hätte! Was hatte der nun wieder für Unfug angerichtet, mit seiner unglücklichen Sucht, ihr Leben zu bestimmen. Mit den schönen Hoffnungen der letzten beiden Tage war's also mal wieder nichts gewesen. Morgen wurde es eine Woche, daß Hermann zu Hause war, und noch hatte er nicht das geringste Lebenszeichen gegeben. Es mußten sich da doch wohl Schwierigkeiten erhoben haben.
Die Frage des Schaffners: »Umsteigen?« stellte sie vor die Entscheidung, wie sie den Nachmittag zubringen sollte. Da die Elektrische gerade an einem Café vorüberfuhr, das sie früher einige Male mit Meta Stelljes besucht hatte, stieg sie an der nächsten Haltestelle aus, ging die kurze Strecke zurück und trat in das noch ziemlich leere Lokal, wo sie sich in ein Ecksofa warf. Der Kellner, bei dem sie eine Tasse Kaffee bestellt hatte, stellte auch den Aufsatz mit allerlei Gebäck vor sie auf das Marmortischchen.
Die Hände im Schoß, grübelte sie dumpf vor sich hin. Nach einer Weile fing sie auch an zu essen, fast ohne sich dessen bewußt zu werden. Der Magen, der am Mittag nicht zu seinem Recht gekommen war, ließ sich jetzt einfach durch die Hände zuführen, was er bedurfte.
Der Regen hatte ein wenig nachgelassen, das Café füllte sich schnell mit lustigen Leuten, Männlein und Weiblein, die sich die gute Laune nicht hatten verregnen lassen. Auf dem Podium in der Mitte fand sich eine Kapelle zusammen, der sehr jugendliche Direktor trug lange schwarze Künstlerlocken und nahm sich ungeheuer wichtig.
Als die Musikanten ein ausgelassenes Operettenpotpourri spielten, kam auf einmal das Gefühl grenzenloser Verlassenheit und Einsamkeit über sie. Sie hielt es in diesem Getriebe nicht länger aus, klingelte mit dem Löffelchen den Kellner herbei, zahlte und ging.
Es hatte aufgehört zu regnen. Die Laternen brannten schon, ihr Licht spiegelte sich in dem feuchten Glanz der Straßen. Die Luft war voll Regendunst, die tief ziehenden Wolken schienen sich wie unförmige Säcke dicht über den Häusern hinzuwälzen.
Als sie eine Strecke gegangen war, trafen Glockenklänge ihr Ohr. Sie ging dem Schall nach und stand bald vor einer hohen alten Kirche mit bunten erleuchteten Fenstern. Nach kurzem Schwanken trat sie ein.