Chapter 10 of 24 · 3981 words · ~20 min read

Part 10

Es war eine windstille Herbstnacht, als Gerd wieder einmal die Hamme hinunterfuhr. Sein Schiff war diesmal aber nicht mit Torf beladen, sondern trug zwanzig Viertel Kartoffeln, einige Weidenkörbe mit Winteräpfeln und in einer Kommode aus Tannenholz die Habe der Schwester, die vor kurzem vorn in der Koje sich schlafen gelegt hatte.

Gerd dämmerte in solchen Nächten meist gedankenlos zwischen Schlafen und Wachen vor sich hin. Es konnte aber auch geschehen, daß er auf einmal wunderlich wach wurde, wacher, als je am hellichten Tage. Meist war es irgendeine Geringfügigkeit, die ihn plötzlich in diesen merkwürdigen Zustand versetzte, eine Sternschnuppe, das Tinkeln eines Sterns, der Schrei eines Vogels oder dergleichen. Eine solche Stunde erlebte er auch in dieser Nacht. Er sah den Blechbeschlag von Leidchens Kommode und den Porzellangriff ihres an dieselbe gelehnten Regenschirms durch die Dunkelheit schimmern -- und auf einmal begann sein Geist Pfade der Erinnerung zu wandeln, und die Vergangenheit, um die er sonst, vom Tag und der Stunde genügend in Atem gehalten, sich nicht eben viel kümmerte, wurde ihm plötzlich wunderlich lebendig und gegenwärtig.

Tief aus einem rosafarbenen Steckkissen blinzelt ein rotes Gesichtchen. Das kleine Ding ist eben auf die Welt gekommen und hat dem Bruder eine große Tute voll Süßigkeiten mitgebracht.

Er trägt die Zweijährige auf dem Arm, gleitet über einer Kartoffelschale aus, schützt im Fall seine Pflegebefohlene, daß ihr nichts geschieht, und schlägt sich selbst an dem scharfen Rand des Blecheimers eine klaffende Wunde in den Kopf. Er fühlt mit der Hand nach der linken Schläfe, wo die Narbe heute noch sitzt, und freut sich ihrer.

Sie stehen beide vor dem Bett der todkranken Mutter, die Hände in ihrer abgezehrten, fieberheißen ... »Gerd, sie hat sonst keinen als dich.«

Sie kniet als Konfirmandin vor dem Altar der heimatlichen Kirche, und er schaut von der Empore in tiefer Bewegung auf sie herab. Frühlingsglanz flutet durch die Chorfenster herein und liegt warm auf dem lieben, feinen Gesichte.

Die Tage gemeinsamer Arbeit im Moor und auf den Wiesen werden lebendig, und die traulichen Winterabende, wo sie wegen fremder Schicksale, die ihnen aus Büchern auf einmal so nah und gegenwärtig wurden, miteinander bangten und hofften, sich betrübten und freuten.

Sie steht auf Behnkens Diele unter dem Christbaum und singt, daß die Menschen mit verwunderten Gesichtern atemlos lauschen. Und der Tanz um den Christbaum im Schulhause, der Kuß von ihren roten Lippen -- er ist der einzige geblieben in all den Jahren seit der frühesten Kinderzeit -- und der stillfrohe Heimweg Arm in Arm durch die Weihnachtsnacht. -- -- --

Merkwürdig, all diese Stunden, in denen ihr Bild mit schimmerte, waren für ihn zugleich Stunden des Aufatmens vom Druck des Werktags gewesen; Stunden, wo er das Leben als etwas Großes, Geheimnisvolles, Heiliges empfunden hatte. Er versuchte, die Schwester aus seinem Leben wegzudenken. Was da übrigblieb, das wollte ihm kaum wert erscheinen, gelebt zu werden. Sie hatte ihn durch ihr Wesen, das so ganz anders war als das seine, ja oft genug geärgert. Aber gerade dies ihr Wesen, ihre Ursprünglichkeit, ihre unmittelbare Lebendigkeit und Lebensglut, hatte ihn doch auch immer wieder geweckt und befeuert. Wenn er sich sagen durfte, daß sein Leben im ganzen doch wohl in aufsteigender Linie sich bewegte, daß es je länger desto mehr sich innerlich bereichert hatte, so hatte er das doch wohl in erster Linie der Schwester zu verdanken ... oder -- ein Stern funkelte über den Flußlauf und zog seine Gedanken aufwärts -- vielmehr dem, der Mensch zum Menschen gesellt und mit unsichtbaren Händen die zarten Fäden zwischen ihnen knüpft ...

So zog es leise, nicht in klarer Gedankenfolge, aber als lebendiges Gefühl durch seine zu nachtschlafender Zeit seltsam wache und sich auf ihre Tiefen besinnende Seele. Und daß alles dies, was bislang seines Lebens wertvollsten Inhalt ausgemacht hatte, nun ein Ende finden sollte, erfüllte ihn mit schmerzlicher Wehmut, indes das Schiff leise plätschernd durch die dunkle Nacht seine mattglänzende Bahn zog.

Im Torfhafen angelangt, gab er einem Gelegenheitsarbeiter den Auftrag, sich einen Handwagen zu leihen und die Kommode in die Stadt zu fahren. Er selbst ging mit seiner Schwester auf dem Bürgersteig nebenher. Es war gegen halb neun, als sie ihr Ziel erreichten.

Das Haus des Milchhändlers Marwede befand sich in einer Geschäftsstraße der »Neustadt«, wie der am linken Weserufer gelegene Stadtteil heißt, und machte schon von außen einen sauberen Eindruck. Drinnen aber blitzte alles von Sauberkeit, und die Frau mittleren Alters, die in dem Laden gleich links vom Eingang hantierte, war in dem frischgewaschenen rosafarbenen Hauskleid, der blütenweißen Schürze, und vor allem mit ihrer abgerundeten, strahlenden Körperlichkeit eine lebendige Reklame für fette Vollmilch und prima Molkereibutter, wie ein Milchgeschäft in der saubersten aller deutschen Städte sie sich nicht besser wünschen kann. Sie gab den Ankömmlingen ihre Hand, eine dicke, weiche, warme Patschhand, sah Leidchen prüfend ins Gesicht, nickte befriedigt und bat, näher zu treten.

Als sie die beiden im Zimmer allein ließ, um einen Imbiß zu besorgen, blickte Leidchen ihren Bruder froh an und sagte: »Die mag ich leiden; mit der will ich wohl fertig werden.« »Ja,« sagte Gerd, »sie hat ein gutes Gesicht. Wenn sie bloß nicht zu grausam auf die Reinlichkeit ist ...« »Das schadet nicht,« meinte Leidchen, »Trina ihre Schlurigkeit habe ich gründlich satt. Ich fühl' mich hier schon bannig wohl.«

Frau Marwede deckte den Tisch, und sie mußten die Butter dick streichen und den Flottkäse noch dicker drauflegen. »Wir haben das ja alles im Hause,« sagte die wohlwollend lächelnde Wirtin, die, beide Hände in die Seiten gestemmt, vor ihnen stand. Nach dem Frühstück besahen sie Leidchens Kammer und darauf den Kuhstall, den Stolz des Hauses. »Er entspricht allen Anforderungen der neuzeitlichen Hygiene,« erklärte die Frau mit Stolz, und Gerd freute sich der fünfzehn sauber aufgestallten glatten Tiere. »So viel so schöne Beester hab' ich noch nicht in einem Stall zusammen gesehen,« sagte er in ehrlicher Bewunderung. Den Hausherrn fand er nicht vor. Er war noch mit dem Wagen unterwegs, die Stadtkundschaft zu bedienen.

»Na, Frau Marwede,« sagte Gerd plötzlich und unvermittelt, »denn lernen Sie meine Schwester man gut an, und du, Leidchen, sei folgsam und ordentlich,« gab beiden die Hand und schritt zum Hause hinaus. Bis zur nächsten Straßenecke ging er mit einer gewissen Hast, dann setzte er in seinem gewöhnlichen, vom federnden Moorboden her etwas wiegenden Schritt seinen Weg fort.

Auf der großen Weserbrücke blieb er eine halbe Minute stehen, sah auf den breiten, glänzenden Strom hinab und dachte an das Dahinfließen des menschlichen Lebens.

Als er durch die innere Stadt ging, zog ein Bild im Schaufenster eines Buchladens seine Aufmerksamkeit an sich. Wogende Kornfelder prangten im Goldgelb der Reife, und er freute sich des vertrauten Anblicks im Gewühl der engen Straße.

Nach dem Bilde faßte er auch die Titel der Bücherauslagen ins Auge, und bald haftete sein Blick auf einem broschierten Bande, der den Aufdruck trug: »Lehrbuch der Moorkultur.«

Es lagen gerade allerhand Verbesserungen der Moorbewirtschaftung in der Luft, wenn der Knecht eines am alten Schlendrian festhaltenden Torfbauern, wie Jan Rosenbrock einer war, auch noch nicht viel davon merkte. Aber er hatte doch schon von moderner Hochmoorkultur und von dem Wert der künstlichen Dungmittel gerade für das Moor munkeln hören. Und plötzlich wandelte ihn die Lust an, sich aus dem Buche über alle diese Dinge zu unterrichten. Aber das war gewiß sehr teuer, kostete am Ende gar zwei Mark. Nein, das konnte er nicht anwenden. Schweren Herzens riß er sich von dem Schaufenster los.

Aber er war noch keine zwanzig Schritt gegangen, da kehrte er um, trat entschlossen in den Laden und fragte nach dem Preise des Buches, das es ihm angetan hatte.

»Broschiert vier, gebunden fünf Mark,« gab der Buchhändler zur Antwort.

Gerd wäre beinah vor Schreck erstarrt, blätterte aber doch in dem ihm vorgelegten broschierten Exemplar, dessen Kapitelüberschriften ihm das Buch nur noch begehrenswerter machten.

»Drei Mark will ich anwenden,« sagte er endlich mit starker Selbstüberwindung und zog seinen Geldbeutel.

Der Ladeninhaber lächelte: »Sie meinen wohl, das geht hier zu wie bei Ihrem Torf- und Schweinehandel? Ich verkaufe nur zu festen Preisen.«

Gerd steckte den Geldbeutel wieder ein und griff nach seiner Mütze, um zu gehen. Aber plötzlich fuhr er noch einmal in die Tasche, ließ einen Taler hart auf den Tisch klappen, legte zögernd eine Mark daneben, klemmte das Buch unter den linken Arm und schob eiligst ab.

Als sein Schiff vor günstigem Winde die Hamme hinauf segelte, lag er, die Pfeife im Mund, am Steuer, hatte seinen so teuer erworbenen Schatz auf den Knien und las und las. Er bereute seinen Kauf nicht. Was in dem Buch alles drinstand: von der Entstehung der Moore, von Geschichte, gegenwärtigem Stand und Zukunft der Moorkultur und so weiter, das war am Ende doch seine vier Mark wert.

Wenn er nur etwas Eigenes hätte, um die Lehren des Buches praktisch zu erproben! Noch niemals war die Sehnsucht nach eigenem Besitz so lebendig in ihm gewesen. Jetzt, wo Leidchen fort war, noch lange dem Halbbruder als Knecht zu dienen, spürte er wenig Lust.

Er fing an zu rechnen. Von der Mutter her besaß er einige hundert Taler, und mit seinem Lohn war er stets sparsam umgegangen. Aber es langte doch nicht, eine wenn auch bescheidene Anbauerstelle zu kaufen. Und nach einer Braut hatte er sich ja auch noch nicht umgesehen. Ja, vielleicht mußte er sogar noch Soldat spielen. Im nächsten Sommer hatte er sich zum letztenmal zu stellen.

Aber das nahm er sich fest vor: eine eigene Stelle wollte er einmal haben, und deshalb fortan noch sparsamer sein als bisher. Die ausgegebenen vier Mark taten ihm jetzt wieder weh, er tröstete sich aber mit der Hoffnung, sie später nach Anleitung seines Buches hundertfältig herauszuwirtschaften.

9.

Leidchen stand in ihrer Dachkammer und sah sich zwischen ihren vier Wänden um. Diese waren freundlich gestrichen und von der Vorgängerin mit bunten Bildchen geschmückt, aber eins fehlte ihnen. Sie hatten nämlich kein Fenster. Ein solches saß vielmehr einen Arm hoch über ihrem Kopf schräg in dem verschalten Dach, wo ein Eisenkreuz ein viereckiges Stück grauen Novemberhimmels vierteilte. Als sie auf ihren Stuhl stieg, den einzigen des Kämmerchens, erblickte sie die kahle Spitze eines Baumes, und indem sie sich auf den Zehen emporreckte, noch dazu eine Flucht von Dachfirsten und Schornsteinen. Die Aussicht wäre auf dem Lande eigentlich ebensogut, dachte sie.

Wo sie wohl das Myrtenbäumchen hinstellte, das ihre Patentante Beta Rotermund ihr vor Jahren geschenkt hatte? Auf der Kommode war es zu dunkel, auf dem Waschtisch auch. Es erschien ihr am besten, durch eine künstliche Hängevorrichtung es dicht unter dem Fenster anzubringen, wo es Licht und Sonnenwärme genug haben würde. Der in der Wand hochgehende Schornstein schützte es im Winter wohl vorm Erfrieren. Einstweilen aber machte sie sich ans Auspacken ihrer Kommode.

Während sie dabei war, kam Frau Marwede die knarrende Treppe herauf und brachte ihr ein Kind von zwei bis drei Jahren. »Dies ist unsere Olga,« sagte sie, »die kann dir ein bißchen zukucken.«

Das kleine Mädchen sah der neuen Hausgenossin mit Interesse zu, und als diese sich einmal auf den Stuhl setzte, kletterte es ihr auf den Schoß und küßte sie auf Mund und Wangen, unter der Versicherung: »Ogga mag Tante leiden.« Die Kinder in der Stadt, dachte Leidchen, sind nicht so blöde und fremd wie unsere zu Hause, und erwiderte die ihr dargebrachten Zärtlichkeiten.

Am Mittagstisch sah Leidchen zuerst die Familie Marwede vollzählig beieinander. Es waren noch drei Kinder da, Jungens im Alter von sieben bis vierzehn Jahren, alle wohlgenährt und mit einem gesunden Appetit begabt. Die Stimmung des Hausherrn schien anfangs nicht die beste, da eine vor zwei Tagen eingestellte Milchkuh nicht ganz das hergab, was man von ihr erwartete, und für zwei Stadtkunden, die zum heutigen Ersten des Monats gekündigt hatten, nur ein neuer eingetreten war. Doch heiterte die Feststellung, daß das Ladengeschäft des Vormittags nichts zu wünschen übriggelassen habe, ihn zusehends auf, und er erkundigte sich bei der neuen Hausgenossin teilnehmend, wie viel milchende Kühe ihr Bruder Jan augenblicklich im Stall hätte und ob das Kälbermästen gut ginge. Über die Sphäre von Milch, Butter und Käse verirrte das Tischgespräch sich keine Minute lang hinaus. Leidchen dachte, etwas gebildeter hätte sie sich Stadtleute doch vorgestellt.

Nach dem Mittagessen weihte Frau Rosalie Marwede ihr Fräulein in die Grundsätze des Hauses ein. Deren erster und alle anderen beherrschender lautete: »Reinlichkeit ist die Seele vons Milchgeschäft,« und er galt nicht nur in Stall, Keller und Laden, sondern ebensosehr in Küche und Kinderstube und den übrigen Wohnräumen, wo Leidchen ihr Reich hatte. Wenn Trinas Unordentlichkeit ihr öfters leise Seufzer abgelockt hatte, so wurden ihr solche in der Folgezeit nicht selten von Frau Marwedes Ordnungs- und Sauberkeitsfanatismus abgepreßt. Aber im ganzen fand sie sich ganz gut in diesen hinein, da ihr Wesen im Grunde doch auch auf die von ihrer Herrin übertriebenen häuslichen Tugenden gestellt war.

Den ersten freien Sonntagnachmittag benutzte sie, um Meta Stelljes, eine Cousine ihrer Schwägerin Trina, zu besuchen, die ein Jahr vor ihr konfirmiert war und am Osterdeich bei einem Großkaufmann in Zigarren diente. Sie mußte allen Mut zusammennehmen, indem sie durch einen peinlich gepflegten Garten mit Teppichbeeten und fremdartigem Buschwerk auf die schloßartige, mit unzähligen Erkern und Türmchen verzierte Villa zuschritt, und als sie die breite Treppe hinanstieg, klopfte ihr das Herz nicht schlecht. Als aber ein feiner, glattrasierter Herr in langem blauen Rock mit silbernen Knöpfen auf ihre bescheidene Frage nach Meta Stelljes sie strafend ansah und stirnrunzelnd ihr bedeutete, die Freitreppe wäre nur für Herrschaften, da wäre sie am liebsten in den Boden gesunken. Aber der feine Herr war dann doch ganz nett und brachte sie zu Meta Stelljes. Es traf sich gut, daß diese auch gerade Ausgehsonntag hatte und ihr fertig angezogen entgegentrat.

So spazierten die beiden Kinder des Moors denn bald auf dem Osterdeich dahin, plauderten von daheim, und kamen dann auch auf ihre gegenwärtigen Dienstverhältnisse. Meta fühlte eigentlich das Bedürfnis, mal ordentlich zu klagen und zu stöhnen. Als sie aber hörte, daß Leidchen eine Stellung als Stütze und Fräulein hatte, lobte sie den Reichtum ihrer Herrschaft, die Eleganz der Wohnung, die Güte des Essens bis ins Aschgraue und erhöhte ihren Lohn eigenmächtig um zwanzig, den Jahresdurchschnitt der Trinkgelder um hundert Prozent.

»Mit so was kann ich nicht prahlen,« sagte Leidchen kleinlaut, als Meta mit ihrer Aufschneiderei fertig war, »aber Marwedes sind sehr ordentliche, saubere Leute, und denn ist da auch 'ne kleine Deern, die heißt Olga ...«

»Was? Auch noch Kinder?«

»Warum denn nicht?«

»In ein Haus, wo kleine Kinder sind, würde ich überhaupt nicht gehn.«

»Warum nicht, Mädchen?«

»Da sieht man, wie grün du noch bist,« sagte Meta mitleidig lächelnd. »In ein Haus mit Kindern geht heutzutage nur Personal zweiter Klasse. Übrigens Leidchen, kuck mal her, du mußt dein Kleid ein bißchen aufraffen, so wie ich.«

»Warum?«

»Immer mit deinem Warum, du dumme Deern! Soll uns denn jeder anmerken, daß wir aus dem Torf sind?«

»Ach so,« sagte Leidchen und beeilte sich, ihrer Begleiterin den rechten Kleiderraffgriff abzusehen.

Als sie an einigen Soldaten vorüber waren, begann sie: »Aus unserm Dorf hat das letzte Jahr auch einer hier gedient, aber Anfang Oktober haben seine Obersten ihn nach Spandau geschickt.«

»Weiß schon Bescheid,« unterbrach Meta, »eurem Müller sein Jung, hab' mal mit ihm getanzt. Ein schneidiger Kerl! Und hat auch wohl Geld?«

»Geld? Wie Heu! Als seine Mutter Hochzeit machte, haben sie ihr die blanken Taler scheffelweise zugemessen. Sein Vater muß beinahe ebensoviel Steuern bezahlen, wie das ganze obere Dorf zusammen.«

So unterhielten sich die Mädchen, musterten die Toiletten ihrer Geschlechtsgenossinnen, schielten hin und wieder verstohlen nach einem schmucken Mannsbild und waren lustig und guter Dinge. Leidchen, die nun schon fünf Tage in der Häuserenge der Neustadt und auf ihrem Kämmerchen mit Oberlicht gesessen hatte, ließ froh den Blick über den blau glitzernden Strom und die grünen Weiden in die Ferne wandern und war glücklich, daß sie einmal von Milch, Butter und Käse nichts zu sehen, zu riechen und zu hören brauchte.

Als sie Abschied voneinander nahmen, sagte Meta: »Was meine beste Freundin war, die hat sich letzte Woche verlobt. Wenn du Lust hast, kannst du in ihren Platz eintreten.«

»O ja!« rief Leidchen hocherfreut, ergriff ihre Hand, und die Freundschaft war geschlossen.

Leidchen war überglücklich. Indem sie durch die von Menschen wimmelnden, hell erleuchteten Straßen ging, dachte sie an die einsamen, dunklen Moordämme daheim. Was war das dagegen hier für ein Glanz und Leben! Auf der Großen Weserbrücke, als sie auf den blinkenden, lichterspiegelnden, von hohen Lagerhäusern begleiteten Strom hinabblickte, kam ihr auf einmal ein Gefühl für die Größe der alten Hansestadt, sie fühlte sich mit Stolz als ein kleines Rädchen in dem großen, bunten Getriebe, und war von Herzen froh, der Stille und Enge ihres Dorfes entflohen zu sein.

Bald aber traten Milch, Butter und Käse wieder in ihre Rechte, und das Leben ging mit Kochen, Wischen, Fegen, Waschen und Plätten seinen alltäglichen Gang. Da kam ihr wohl abends in der Schummerzeit mal der Wunsch: wenn du jetzt dein Spinnrad in den Arm nehmen und ein bißchen auf die Nachbarschaft gehen könntest! Dann wollte es ihr fast scheinen, als lebe man in der großen Stadt mit den vielen tausend Menschen im Grund viel einsamer als zu Hause mit den paar hundert.

Als Anfang September ihr Bruder sie zum erstenmal besuchte, konnte sie sich nicht genug tun mit Versicherungen, wie gut es ihr in der Stadt gefiele. Die kleine Olga mußte er auf den Schoß nehmen und sich von ihr eien lassen. Meta Stelljes wurde ihm angepriesen als aller Mädchen Krone und für einen glücklichen Ehestand angelegentlichst empfohlen. Aber er sagte, er brauche noch lange keine Frau.

Am Sonntag darauf stäubte sie morgens Frau Marwedes Salonmöbeln ab, als auf einmal durch die geöffneten Fenster feierlicher Glockenklang an ihr Ohr schlug. Da fiel ihr ein, daß heute schon der erste Advent war, und sie sah im Geist, wie daheim an der schimmernden Birkenreihe des Kirchdammes entlang die schwarzgekleideten Menschen in Trupps auf Grünmoor zupilgerten. Sie blickte auf die Straße, sie bot das gewohnte alltägliche Bild. Ob denn hier niemand an die Kirche dachte? Halt, da kam ein altes Mütterchen angewankt, Gesangbuch und Taschentuch in der Hand. Leidchen bog sich zwischen den Blumenstöcken aus dem Salonfenster hinaus, um einen Blick in das verrunzelte Gesicht zu gewinnen, und da huschte es ganz leise sonntäglich und vorweihnachtlich durch ihr Gemüt.

Am nächsten Sonnabend fragte sie Frau Marwede, ob sie mal in die Kirche gehen dürfte. Die stemmte die Hände in die Seiten, machte ein maßlos erstauntes Gesicht und sagte: »Aber Kind, hast du denn soviel Sünden getan?« Da wurde sie rot und sagte nichts weiter. Am Sonntagnachmittag aber, als sie ohne Meta Stelljes, die nicht abkommen konnte, einen Gang durch die innere Stadt machte, hörte sie auf einmal die mächtigen Domglocken, und die hohen bunten Fenster schimmerten in die hereinbrechende Dämmerung. Da sie sich so nicht getraute, fragte sie einen vertrauenerweckenden älteren Herrn, ob sie da hinein gehen dürfte. Dem zuckte es schalkhaft um die Mundwinkel, indem er sagte: »Gern, wenn Fräuleinchen ein Billett hat.« Da ging sie betrübt ihrer Wege und dachte, auf dem Lande wär' das doch besser eingerichtet, wo man mit einem Pfennig für den Klingelbeutel frei käme und auch noch nicken könnte.

Bei nächster Gelegenheit sprach sie mit ihrer Freundin über das Kirchengehen. »Ja, Leidchen,« sagte Meta Stelljes, »anfangs paßt einem das nicht, aber man gewöhnt sich schneller daran, als man denkt, wo's hier einmal keine Mode mehr ist. Aber du hast recht, der Mensch will mal was anderes als das Alltägliche. Deshalb haben wir Hausangestellten in unserer Villa einen Leseklub gegründet, und wenn du jede Woche einen Groschen ausgibst, kannst du dir so viel schöne Geschichten von uns leihen, als du Lust hast zu lesen.«

»Och ja,« meinte Leidchen, »zu Hause haben wir uns auch immer vorgelesen. Gerd holte die Bücher immer vom Lehrer.«

»Ha,« rief Meta verächtlich, »du wirst sehen, unsere Geschichten sind viel interessanter. Wer damit erst einmal angefangen hat, kommt überhaupt nicht wieder davon los.«

Leidchen hinterlegte bei dem Mann im blauen Rock mit silbernen Knöpfen statutengemäß eine Sicherheit von fünfzig Pfennig, zahlte einen Groschen als Wochenbeitrag und trug einen Packen arg zerlesener bunter Hefte mit heim. Abends im Bett las sie darin, bis nach zwölf, und ein Schauer nach dem anderen lief ihr über den Leib.

So kam Weihnachten heran, aber recht weihnachtlich wollte es dem Landkind nicht werden. Am Christabend brannte in Frau Marwedes Salon ein prächtiger Tannenbaum, über und über mit dicken Glaskugeln behängt, eine Spieluhr spielte abwechselnd »O du fröhliche« und »Stille Nacht«, und Leidchen war reicher beschenkt worden als sie erwartet hatte. Aber ein rechter Weihnachtsabend war es doch nicht. Die Menschen kamen einander um keine Handbreit näher, Milch, Butter und Käse spukten auch um den Lichterbaum, eine kranke Kuh im Stall machte Sorge. Nachher im Bett las Leidchen noch lange mit glühenden Wangen in den bunten Heften, von denen sie sich längst eine zweite Serie geholt hatte. Sie tischten gerade mal wieder eine grausliche Mordgeschichte auf.

Am Abend des ersten Festtages hatte sie allein mit der kleinen Olga das Haus zu hüten. Das Kind auf dem Schoß, saß sie in der dunklen Bescherungsstube unter dem Baum, an dem einige Glaskugeln in dem Licht glänzten, das von der Straßenlaterne gegenüber in das Fenster fiel. Da bat die Kleine auf einmal um eine Geschichte. Leidchen dachte an das, was sie in der letzten Zeit gelesen hatte, aber davon war nichts zu gebrauchen. Sie mußte also in ihren Erinnerungen weiter zurückgreifen. Und bald fing sie an: »Es war einmal ein großer, großer Kaiser, der hieß Augustus,« und erzählte von einem Stall, in dem nicht fünfzehn Milchkühe gestanden hätten wie in Papa seinem, sondern nur ein Ochs und ein Esel, und in diesem kleinen Stall wäre ein kleines, ganz kleines Kindlein geboren, an dem hätten seine Eltern, und die beiden Tiere, und die frommen Hirten, und die heiligen Engel, und der liebe Gott und alle guten Menschen ihre Freude gehabt. Dann sang sie dem Kinde, das sich warm an ihren Busen schmiegte, auch einige Weihnachtslieder, und als sie aufstand, um es zu Bett zu bringen, sagte sie: »So, Olga, nun haben wir erst richtig Weihnachten gefeiert.« --

Mitte Februar konnte Meta Stelljes keine bunten Hefte mehr liefern, Leidchen hatte die Bibliothek des erst seit einem Jahre bestehenden Klubs durchgelesen. Das plötzliche Aufhören des gewohnten Reizes der Spannung empfand sie mit peinlichem Unbehagen, und sie war in dieser Zeit öfters mit sich selbst und der Welt höchst unzufrieden. Warum konnten andere Mädchen, die Heldinnen jener Geschichten, so große unerhörte Dinge erleben, mit Revolvern sich durch allerhand Abenteuer kämpfen, reiche Grafen mit marmornen Schlössern heiraten, indes ihr bei solchem Milchmann mit Fegen, Wischen und Kochen ein Tag so eintönig und zum Sterben langweilig wie der andere dahinkroch!

Eines Spätnachmittags, als sie ihr Kämmerchen betrat, hörte sie einen Vogel singen. Zu Hause, wo's die vielen Vögel gab, würde ihr das nicht weiter aufgefallen sein, aber hier in der Stadt war's was Besonderes. Sie stieg auf ihren Stuhl und sah zum Dachfenster hinaus. Da wurde der kahle Baumwipfel sichtbar, und in ihm saß ein Amselmännchen, den gelben Schnabel schräg aufwärts gerichtet, die Flügel gesenkt, unbeweglich, und sang und sang. Du liebe Zeit, wie konnte der kleine Kerl singen! Lust, Wehmut, Sehnsucht erfüllten die Brust der Lauscherin. Sie hob sich auf die Zehen. Da erschienen Giebel und Schornsteine, aber über sie hinweg zogen die Wolken der verheißungsvoll lockenden, dämmernden Ferne zu. Ach wer da mit könnte! Wie war doch die Welt so weit und die Dachkammer so eng!

* * * * *

Der Frühling, der seinen kleinen schwarzen Herold vorausgesandt hatte, brachte in Leidchens Leben ein paar große Veränderungen.

Meta Stelljes zeigte eines Nachmittags, als ihre Freundin sie abholte, ein merkwürdig aufgeregtes Wesen, und schon nach zwei Minuten hatte sie ihr gestanden, sie hätte seit zwei Tagen einen Bräutigam. Zwar einstweilen wär' es nur so'n lüttjer Handbräutigam, aber es würde wohl Ernst draus werden, denn ihr Stanislaus Kaminski wäre ein ordentlicher Mensch und Beamter, nämlich Hilfsbremser an der Königlichen Eisenbahn, und katholisch, und die Katholiken wären, wie bekannt, ja alle sehr fromm.