Chapter 18 of 24 · 3991 words · ~20 min read

Part 18

Vom Widerhall der eigenen Schritte erschreckt, drückte sie sich schnell in eine der ersten Bänke und hielt Umschau. Die Kronleuchter strahlten helles Licht aus, in den Wölbungen und Winkeln und auf dem Altarchor herrschte trotzdem Dämmerung.

Die Orgel setzte voll ein, und sie warf ihre ermattete Seele in das brausende Meer der Töne. Dann sang sie wacker mit, aus dem Gesangbuch, das der Kirchendiener ihr überreicht hatte.

Als der Pastor auf der schön geschnitzten Kanzel erschien, wartete sie, wie sie es von den gottesdienstlichen Feiern in Grünmoor her gewöhnt war, auf den Bibeltext. Es wurde jedoch keiner verlesen, was sie nicht wenig befremdete. Dann wartete sie, daß der Herrgott oder der Herr Christus einmal mit Namen erwähnt werden möchte, aber vergeblich. Von dem, was der Prediger, unter reichlicher Anwendung von Goethesprüchen, über Persönlichkeit und Persönlichkeitsbildung vortrug, verstand sie nicht das mindeste, sodaß sie das Hinhören bald aufgab und die quälenden Gedanken in ihr wieder die Oberhand gewannen. Als sie aber die Kirche verließ, grüßte aus einem dämmerigen Winkel eine vertraute Gestalt, in Stein gebildet, herüber, und das Wort: »Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid« huschte wie ein erquickender Lichtstrahl durch ihre im Dunkeln zagende Seele.

Des Abends auf ihrer einsamen Dachkammer fühlte sie plötzlich den Zwang in sich, in ihrer Sache irgend etwas zu tun. Nach einigem Hinundherüberlegen erbrach sie den Brief, den sie vor anderthalb Wochen an ihren Bruder geschrieben hatte, und nachdem sie ihn gelesen, beschloß sie, einen neuen zu schreiben. Sie schob das Zierdeckchen auf ihrer Kommode zurück und begann:

Lieber Bruder!

Du hast mir mal wieder einen schönen Streich gespielt. Schreibst mir da einen Brief, aus dem kein Mensch klug werden kann, ich bin so dumm und geh hin, und Du schickst mir so mir nichts dir nichts den Lehrer über den Hals. Er ist dadurch in große Ungelegenheit gekommen, wofür er sich bei Dir bedanken kann. Hab' ich Dir nicht hundertmal gesagt, daß ich nichts von ihm wissen will? Warum glaubst Du mir denn nicht? Kannst Du Dich denn gar nicht daran gewöhnen, daß ich keinen Vormund mehr brauche?

Ich habe immer gedacht, Du kucktest mal bei mir vor; denn Du kommst in dieser Zeit doch gewiß oft mit Torf in die Stadt. Aber jetzt, wo Du 'ne Braut hast, bin ich natürlich Nebensache.

Als Du vor fünf Wochen hier warst, wollte ich Dir etwas sagen. Aber Du hattest keine Zeit und gingst zu früh weg. Weil Du nun gar nicht kommst, kann ich es Dir meinetwegen ja auch schreiben. Du mußt nämlich wissen, daß ich auch verlobt bin, und zwar mit Müllers Hermann. Weißt Du noch, auf dem Freimarkt? Damals habe ich ihn schon gern gehabt; ja, ich glaub' beinahe, sogar schon in der Schule. Diesen Sommer haben wir uns zufällig wieder getroffen und verlobt. Die Hochzeit soll noch vor Weihnachten sein, und ich will Dir auch ehrlich gestehen, daß wir nicht länger warten dürfen. Nun wirst Du natürlich wieder böse und fängst an zu schimpfen, und hast ja auch wohl ein bißchen Grund dazu, und mir ist es selbst nicht ganz recht, wie das alles gekommen ist. Aber die Liebe ist stark und das Fleisch schwach, und was geschehen ist, ist nun mal geschehen. Wir sind alle Menschen und fehlen mannigfaltig. Darum behalt Deine Strafrede man für Dich und sieh lieber zu, wie Du mir helfen kannst. Du mußt nämlich wissen, daß ich augenblicklich in ziemlicher Angst und Sorge bin. Hermann ist letzten Montag nach Hause gereist und wollte gleich am selbigen Abend mit seinen Eltern sprechen und mir dann sofort schreiben. Aber bis jetzt ist sein Brief nicht gekommen. Es kann ja sein, daß er irgendwo liegen geblieben ist, was ich beinah glaube; dann kommt er am Ende morgen früh, denn heute war nur einmal Bestellung, wegen der Sonntagsruhe. Es kann aber auch einen anderen Grund haben, nämlich den, daß die alten Müllers erst noch Sperenzien machen. Hermann sagt freilich, es hülfe ihnen alles nichts, sie müßten einfach. Aber er nimmt den Mund manchmal etwas voll. Er ist ein grundguter, treuherziger Mensch, aber wohl ein bißchen leicht, und nicht ganz so ehrenfest wie Du -- das darf ich ja ruhig schreiben, so lieb ich ihn auch habe. Heute nachmittag kam mir sogar mal der Gedanke, es wäre nicht unmöglich, daß nicht er die Eltern, sondern die Eltern ihn herumkriegten. Auf so dumme Ideen kann der Mensch kommen, wenn er sich allein überlassen ist, jetzt lache ich natürlich schon wieder darüber. Weißt Du, was ich mir da nun gedacht habe? Wenn Du mal hingingst und mit ihm sprächest und ihm den Rücken ein bißchen steif machtest -- ich glaube, das könnte er brauchen. Du darfst ihn aber ja und ja nicht merken lassen, daß ich Dich hierum gebeten habe. Daß ich überhaupt schon einmal daran gedacht habe, er könnte mich sitzen lassen, das darf er um Gottes willen nicht wissen. Lieber Gerd, nimm's mir nicht übel, daß ich dies alles ...

Der Bogen war voll, sie las ihn durch, nickte befriedigt, korrigierte einige Schreibfehler und nahm einen zweiten, auf dem sie fortfuhr:

Dir so schreibe. Aber ich hab' ja sonst keinen als Dich, und wenn der Mensch in guten Tagen seine besten Freunde auch manchmal gering achtet, in den bösen erkennt er, was er an ihnen hat. Du brauchst vor Hermann gar nicht bange zu sein, er trägt Dir nichts nach, er hat immer anständig von Dir gesprochen und hält große Stücke auf Deinen Charakter. Überhaupt ist er ein lieber Mensch, und ihr müßt noch mal dicke Freunde werden, eher laß ich Euch beiden keine Ruhe. Wenn Du mir den Gefallen tust, werd ich Dir in alle Ewigkeit dankbar sein. Wir sind hoffentlich bald Nachbarn, und dann wird sich wohl eine Gelegenheit finden, das wieder gut zu machen. Ich habe neulich schon einen Brief geschrieben, hab' ihn aber nicht abgeschickt. Denk' Dir, ich hatte auf einmal Angst vor Dir. Ist das nicht komisch, Angst zu haben vor einem so lieben Bruder, wie Du bist? Aber in der Einsamkeit kommt der Mensch leicht auf allerhand dumme Grappen. Du sollst den ersten Brief auch haben, ich lege ihn bei, wenn ich dann auch zwanzig Pfennig aufbacken muß. Heute nachmittag bin ich auch mal in der Kirche gewesen, es war da sonst sehr schön, aber sie predigen hier zu hochstudiert, und unsereins hat nicht ganz viel davon. Ich freue mich, wenn ich erst in Grünmoor wieder hin kann, denn es gehört doch so 'n bißchen mit dazu, wir werden wohl meistens fahren, und Du und Sine könnt dann mit aufsteigen. Grüße Hermann herzlich von mir und schilt ihn aus, daß er mir noch nicht geschrieben hat, aber mach's auch nicht zu schlimm. Und dann komm bald mal vor, daß wir mal vernünftig über alles sprechen können. Mit Dir kann man doch immer noch am meisten anfangen.

Es grüßt Dich

Deine Schwester Leidchen.

Als sie den Doppelbrief in den Postkasten fallen hörte, atmete sie erleichtert auf und sagte sich, nun wäre ihre Sache in den besten Händen.

17.

Am Dienstagvormittag stand Leidchen auf der Plättkammer, die neben ihrem Stübchen im Dachgeschoß des Hauses lag und ließ das heiße Eisen über die Leibwäsche der Marwedeschen Kinder gleiten. Sie hatte Tür und Fenster geöffnet, denn die giftigen Kohlengase verursachten ihr leicht Kopfweh.

Eben dachte sie daran, daß um diese Stunde der Postbote in Brunsode die Briefe bestellt, als unten auf der Treppe ein Männerschritt laut wurde. Sie mußte das schwere Plätteisen schnell auf den Untersatz stellen und beide Hände auf den Tisch stemmen, um nicht in die Knie zu sinken. Als aber die Schritte näher kamen, fuhr sie sich mit der Hand über das Gesicht, ergriff das Eisen wieder und stieß es hastig über das Hemd, das sie gerade in Arbeit hatte.

Gerds schmales Gesicht tauchte aus dem Treppenhause auf, seine stahlblauen Augen blickten hart und streng, die Lippen hatte er fest aufeinander gepreßt. Er trat ohne Gruß ein.

»Leidchen, was hast du vorgestern mit Timmermann gehabt?«

Obgleich der Schreck ihr in allen Gliedern saß, machte sie ein schnippisches Gesicht: »Was soll ich mit dem gehabt haben?«

»Gestern mittag war ich bei ihm, um mich zu erkundigen. Aus dem Zeug, was er redete, konnte ich nicht klug werden. Aber soviel hab' ich verstanden: Du hast ihn stehen lassen wie einen dummen Jungen und bist mit der Elektrischen weggefahren.«

»Ich möchte wissen, wer mir das verbieten will.«

»Men--schens--kind! Wie kommst du dazu?«

»Wie kommst ~du~ dazu, mir den Menschen auf den Hals zu hetzen?«

»Leidchen!«

»Hab' ich dir nicht oft und deutlich genug gesagt, daß ich nichts mit ihm zu tun haben will?«

»Aber du bist auf meinen Brief doch hingegangen.«

»Das war ein Mißverständnis.«

»Leidchen ... ich weiß nun bald wirklich nicht mehr, was ich von dir denken soll. Der beste und treuherzigste Mensch, der ganz andere Mädchen kriegen kann als dich, macht sich bei dem fürchterlichen Wetter auf die Beine und bietet dir seine Hand; ich sitze zu Hause und kann mir vor Freude nicht helfen, kucke nach der Uhr: jetzt ist's vier, jetzt haben sie sich, jetzt hat auch Leidchen ihr Glück, und ein so großes, wie wir's uns früher nicht haben träumen lassen, und derweilen machst du's so, stößt eine solche Hand zurück wie ein Stück Holz.«

Sie stand indessen über den Tisch gebeugt und plättete mit heftigen, klirrenden Stößen.

Als er schwieg, sagte sie stoßweise: »Ich hab' dir einen langen Brief geschrieben. Jetzt wirst du ihn wohl haben ... Da steht alles drin.«

»So? Ich denke doch, jetzt wo ich einmal hier bin, machen wir die Sache mündlich ab.« Er zog einen Stuhl heran und ließ sich nieder.

»Das läßt sich nicht mit zwei Worten sagen.«

»Dann nimm hundert, ich habe Zeit genug.«

Sie hatte die Lippen trotzig geschürzt und schwieg.

»Mit so einer fang' einer was an,« seufzte er und sah sie befremdet und ratlos an. »Leidchen, hast du denn alles Vertrauen zu mir verloren? Was hab' ich dir bloß getan? Du schüttelst den Kopf. Also nichts. Dann sei aber auch nicht so albern und komm heraus damit ... Du machst ja beinah ein Gesicht, als ob du ein böses Gewissen hättest.«

»Das Eisen ist kalt geworden,« sagte sie hastig, nachdem sie es mit angefeuchteten Fingerspitzen geprüft hatte. »Wart' einen Augenblick, ich bin gleich wieder da.«

Seinen Blick meidend, stolperte sie an ihm vorüber. Er sah ihr kopfschüttelnd nach und murmelte vor sich hin: »Das ist doch rein zu doll mit solchen Frauensleuten. Ob Sine auch so sein kann? Nee, ganz gewiß nicht. Sonst müßt' einer sich die Sache wahrhaftig noch mal überlegen.«

Leidchen erschien wieder, und nachdem sie die Tür hinter sich zugemacht und das Eisen auf den Untersatz gestellt hatte, nahm sie die Hand ihres Bruders. »Gerd,« sagte sie mit weicher, einschmeichelnder Stimme, »wir haben uns noch gar nicht mal guten Tag gesagt.«

»Süh, das ist auch wahr. Guten Tag, Leidchen.«

Er hielt ihre Hand mit der Rechten und streichelte sie mit der Linken. »Wie das kleine Pfötchen zittert und bebt!« sagte er zärtlich. »Was hast du denn bloß, lüttje Deern?«

»Bleib ruhig, ich will dir alles erzählen, du sollst alles wissen.«

Sie trat hinter den Tisch, prüfte das Eisen, das jetzt zischte, und begann wieder zu plätten.

»Weißt du noch, letztes Frühjahr, wie Meta Stelljes sich verlobte und die kleine Olga starb?«

»Ja, daran erinner' ich mich ganz gut.«

»Ein paar Wochen später war mal ein schöner Sonntag, und ich ging ein bißchen im Bürgerpark spazieren. Denn für unsereine, die tagelang nicht aus dem Hause kommt, ist so 'n bißchen frische Luft sehr gesund. Du kannst dir das gar nicht so denken, weil ihr auf dem Lande immer die gute Luft habt.«

»Aber Deern, nun werd' bloß nicht weitläufig.«

»Nun rat' mal, wen ich da im Bürgerpark traf.«

»Nach Rätselraten ist mir heute wirklich nicht zu Sinn.«

»Denk dir: Müllers Hermann!«

»Mül--lers Her--mann?« wiederholte er langsam und gedehnt.

»Du mußt's mir versprechen, daß du ganz ruhig bleiben willst,« bat sie mit einem schnellen, flimmernden Blick in seine Augen, »sonst kann ich dir nichts erzählen.«

»Aber Mädchen, ich höre dir ja ganz ruhig zu.«

»Hermann war gerade eben aus Spandau wiedergekommen. Er freute sich nicht wenig, als er mich zu sehen kriegte, und ich freute mich natürlich auch. Denn meine Freundschaft mit Meta Stelljes war aus und die kleine Olga tot, so hatte ich damals keinen Menschen.«

»Weiß ich, nun man weiter.«

»Und so ganz allein in der Welt, das hält nicht jeder aus, und auch meine Natur ist nicht danach ...«

»Aber nun vorwärts, Deern, du vertüterst dich ja ganz.«

»Also wir fuhren zusammen im Kahn spazieren und haben uns dann öfters getroffen und hatten uns bald so lieb, daß wir nicht mehr voneinander lassen konnten. Und zuletzt haben wir uns richtig verlobt.«

»Hmhm ... Und was soll nun werden?«

»Das ist mal 'ne dumme Frage. Wir halten nächstens Hochzeit. Hermann ist jetzt eben hin und spricht mit seinen Eltern.«

»Deern, kuck mich mal an! ... Nee, nicht so halb an mir vorbei, ordentlich frei ins Gesicht! Sag' mal, bist du wirklich so von allen guten Geistern verlassen, daß du dir einbilden kannst, die nehmen eine wie dich als Tochter ins Haus?«

»Warum nicht?«

»Dumme Deern, darum verlier' ich überhaupt keine Worte.«

»Hermann sagt ...«

»Ach was: Hermann sagt! Was Hermann sagt, ist für die Katz.«

»Gerd, überleg dir, was du sagst und von wem du sprichst!«

»Gut, Leidchen, wir wollen uns in der Sache gar nicht weiter aufregen. Wenn die alten Müllers dir ihren Segen geben, hast du meinen auch. Wir feiern dann eine große vergnügte Hochzeit, und du siehst zu, wie du mit den Leuten auskommst. Es mag ja sein, daß Hermann im Grunde gar nicht so übel ist, wie ich früher dachte. So ganz schlimm muß er ja wohl nicht sein, sonst hättest du ihn gewiß bald laufen lassen ... Bist du nun zufrieden?«

Sie kam um den Tisch herumgefahren, schlug die Arme stürmisch um seinen Hals und rief: »Lieber, bester Bruder, was bist du gut!«

Er wehrte sie etwas unsanft ab und fuhr fort: »Wir sind noch nicht ganz fertig, mein' Deern. Wenn die Müllersleute nun mal nicht wollen ... was dann?«

Leidchen, die an ihren Platz zurückgetreten war, sah ihn mit erschrockenen Augen an.

»Sie müssen!« sagte sie, die Zähne zusammenbeißend.

»Ha, als ob du sie zwingen könntest!«

»Hermann ...«

»Kann sie auch nicht zwingen ... Was dann?«

Sie sah ihn ratlos an.

»Ich will's dir sagen, Leidchen, dann ist noch gar nichts verloren, im Gegenteil! Dann nimmst du einfach den anderen.«

»Aber Gerd ...«

»Was machst du für'n Gesicht? Das passiert öfters, daß der Mensch mit seiner Liebe erst mal an den Verkehrten kommt, aber der wird vergessen, sobald der Richtige sich sehen läßt.«

»Gerd!«

»Sieh, er weiß von der Geschichte nichts und braucht auch nichts davon zu wissen. Du hast ihm vorgestern nichts gesagt, ich bin stumm wie das Grab, und Müllers werden auch wohl dicht halten, ich will Hermann noch eigens darum bitten. Wahrscheinlich hat er seinen Eltern auch gar nichts davon gesagt und läßt die kleine Soldatenliebschaft von selbst einschlafen, wie's die meisten tun, nach der Melodie: Aus den Augen, aus dem Sinn.«

»Gerd! Gerd!«

»Ja, ja, Leidchen, verliebte Leute machen sich gern selbst was vor. Da ist es gut für sie, daß andere klaren Kopf behalten und die Dinge sehen, wie sie in Wirklichkeit sind. Ich möchte diesen Timmermann ja gern zum Schwager haben, denn er ist ein prächtiger Mensch, und wir sind gute Freunde. Aber zwingen will ich dich nicht. Kannst du auf die Mühle kommen, in Gottes Namen man zu! Du bist eine, die am Ende auch da fertig wird. Wenn aber nicht, auch gut. Dann gehst du einfach ein paar Häuser weiter.«

Sie hatte sich auf einen hoch angefüllten Wäschekorb sinken lassen, barg das Gesicht in den Händen und stieß unter wildem Schluchzen heraus: »Es geht ... nicht mehr ... es ist ... zu spät ...«

»Was?« rief er zusammenzuckend.

»Was!?« schrie er und sprang in die Höhe.

Mit geballter Faust schritt er auf sie zu. Sie hob die Arme zur Abwehr.

Er ließ die Faust sinken und spreizte die fünf Finger von sich: »Dich prügeln? Fällt mir nicht im Traum ein. Das bist du mir gar nicht mehr wert, dafür bist du mir viel zu schlecht. Pfui!« Er spie vor ihr aus und rief noch einmal »Pfui!« Dann drehte er sich um, riß die Tür auf und stieg mit harten, polternden Schritten die Treppe hinunter. Es dröhnte durchs ganze Haus, wie er unten die Haustür ins Schloß warf.

Eine Weile saß Leidchen in sich zusammengesunken und schluchzte, daß es ihren ganzen Körper schüttelte.

Dann hob sie den Kopf und starrte eine Zeitlang mit den verweinten, entgeisteten Augen in die rote Kohlenglut des Plätteisens.

Auf einmal schoß sie steil in die Höhe, lief in ihre Kammer hinüber, zog das Jackett an, setzte den Hut auf, nahm den Schirm zur Hand und schlich leise die Treppe hinunter. An Frau Marwede, die gerade eine Kundin bediente, stürzte sie vorbei, ohne zur Seite zu sehen. Auf der Straße setzte sie sich in Laufschritt, und als sie ihre Herrin hinter sich rufen hörte, stürmte sie noch schneller voran. An der Ecke sprang sie auf einen Wagen der Elektrischen, der dort gerade hielt. Da sie in der Eile kein Geld beigesteckt hatte, mußte der Schaffner ihr den Groschen für die Fahrt leihen.

Als sie am Torfhafen ankam, fand sie Gerd in seinem Schiff, zur Abfahrt rüstend.

Sie trat an die Uferböschung und rief seinen Namen. Er sah und hörte nicht.

Er hob das Schieberuder, und das Boot glitt zum Hafen hinaus in den Kanal. Sie ging auf dem Leinpfad nebenher und bat einmal über das andere, er möchte sie doch nur einmal noch anhören.

Er lenkte das Schiff auf die andere Seite und fuhr hart am jenseitigen Ufer dahin. Sie sah sich um, und als sie sich überzeugt hatte, daß niemand in der Nähe war, rief sie ihm durch die hohlen Hände zu: »Gerd, wenn du so von mir weggehst, spring' ich in die Weser.«

Er stieß das Fahrzeug mit der ganzen Kraft seiner Arme vorwärts, so daß sie not hatte, mit ihm Schritt zu halten.

Verweiflungsvoll schrie sie hinüber: »Gerd, hast du ganz vergessen, was du unserer Mutter selig auf ihrem letzten Lager versprochen hast?«

Zum ersten Male warf er einen schnellen Blick zur Seite.

Nach einer Weile verlangsamte das Schiff seine Fahrt, und dann kam es schräg über den Kanal und legte sich ans Ufer. Nachdem er ausgestiegen war und es an der Vorderkette festgemacht hatte, trat er vor die Schwester hin. Die Hände nach unten gestreckt, sagte er, sie mit todtraurigen Augen ansehend: »Oh, Leidchen ... Leidchen!« Sie stand da, glutübergossen, den Blick auf den Boden geheftet, und stach mit der Spitze ihres Schirmes ein spätes Blümchen in den Grund.

»Denn komm,« sagte er tonlos und schritt an ihr vorüber auf einen Promenadenweg zu, der in den am Torfkanal sich entlang ziehenden Bürgerpark führte. Sie folgte ihm in einer Entfernung von zwei bis drei Schritten. Vor einer einsamen Bank machte er halt, ließ sich seufzend niederfallen und gab der Schwester stumm ein Zeichen, sich neben ihn zu setzen.

Lange verharrten sie in Schweigen. Er hatte die Arme auf die Knie gestemmt, den Kopf in die Hände gestützt, die Finger in die Augen gedrückt. Sie blickte von Zeit zu Zeit scheu zur Seite und wagte nicht, ihn anzureden. Denn auf seiner Schläfe war eine dickgeschwollene, wie ein Blitz gezackte Ader, durch die das Blut stoßweise dahinschoß.

Plötzlich verdeckte er die Augen mit ganzen Händen und fing bitterlich an zu weinen. Er wollte das Schluchzen gewaltsam unterdrücken, um so mehr erschütterte es seinen Körper. Endlich begann er mit gebrochener Stimme zu reden.

»Leidchen, Leidchen, wie gut hättest du es haben können ... so gut wie keine in unserm Dorf und im ganzen Moor ... Und nun machst du selbst dir alles durch deinen Leichtsinn zuschanden ... Hab' ich dich so angelernt und aufgezogen? ... Hab' ich dich nicht immer vermahnt und zum Rechten angehalten? Hab' ich nicht gesagt, du solltest bei uns auf dem Lande bleiben? Aber du mußtest natürlich mit aller Gewalt in die Stadt, bloß um dem, der's immer so gut mit dir gemeint hat, unter den Augen wegzukommen und in dein Unglück zu rennen ... Wie bin ich immer stolz auf dich gewesen ... du warst das feinste Mädchen im Dorf. Wenn du einen so fröhlich ankucktest, war's, als wenn einem die liebe Sonne so recht hell und warm ins Herz lachte ... Wenn du im Moor oder auf den Wiesen dich so munter regtest, wurde die schwerste Arbeit einem zur Lust ... Und nun machst du's so, nun mußt du dasitzen mit niedergeschlagenen Augen, wie ein Klumpen Unglück ... Es ist ein Jammer sondergleichen ...«

Sie saß auf ihren Schirm gestützt, starrte zur Erde und ließ alles ruhig über sich ergehen.

Sein Gesicht nahm auf einmal den Ausdruck großer Bitterkeit an: »Sieh bloß zu, daß du's gut bezahlt kriegst!«

Wie von einer Natter gestochen fuhr sie in die Höhe und sah ihn mit blitzenden Augen an: »Gerd, ich rat' dir, geh nicht zu weit! Alles laß ich mir auch von dir nicht gefallen.«

»Ja, nun bist du auf einmal stolz, nun, wo's zu spät ist ...«

Eine Weile herrschte wieder Schweigen. Dann fragte sie leise und zaghaft: »Gerd, darf ich nun auch mal ein Wort sagen?«

Er sagte nicht ja und nicht nein.

»Bitte, lieber Bruder, laß uns nicht immer über das reden, was nun einmal nicht mehr zu ändern ist ... Ich hab' dir einen langen Brief geschrieben, da steht alles in ... Ich hab' dir vorhin schon gesagt: Hermann ist ein grundguter Mensch, bloß ein bißchen leicht, nicht ganz so ehrenfest wie du; jeder hat ja seine Fehler, du auch. Daß er mich von Herzen lieb hat, das weiß ich ebenso gewiß wie das andere, daß du es gut mit mir meinst. Sein Vater und Mutter mögen erst ja wohl gegen mich sein, aber er hält fest und treu zu mir. Wenn ich das nicht ganz gewiß wüßte, was bliebe mir denn noch übrig! Aber, wie ich schon gesagt habe, er ist ein bißchen leicht ... Deshalb braucht er einen, der ihn mal an seine Pflicht erinnert und ihm den Rücken steif macht, damit er fest seinen Mann stehen kann. Und da möchte ich dich nun bitten, lieber Bruder, geh' doch mal hin und sprich mit ihm!«

»So, dafür bin ich gut genug ... Als ihr miteinander anfingt, du wurde ich nicht um Rat gefragt.«

»Ach, ich wollte es dir jedesmal sagen, wenn du hier warst, aber ...«

»Du hieltest deinen Mund, weil du von Anfang an kein gutes Gewissen bei der Sache hattest.«

»Bitte, Gerd, laß uns davon doch nicht immer wieder anfangen ... Nicht wahr? du tust deiner kleinen Schwester die Liebe an, daß du bald mal hingehst. Bitte, bitte.«

Sie berührte mit der Hand leise streichelnd seinen Arm und sah ihn flehend an.

Er saß lange Zeit vornübergebeugt, mit dem linken Hacken ein Loch in den Kies bohrend, schweigend und manchmal seufzend.

Endlich richtete er sich auf und sagte entschlossen: »Ja, ich will's tun. Und er soll was von mir zu hören kriegen, das wird er sich nicht hinter den Spiegel stecken!«

Sie hob erschreckt und wie beschwörend die Hand: »Um Gottes willen, Gerd, bloß das nicht! Damit machst du die Sache nur schlimmer. Die Schuld will ich gern auf mich nehmen. Nein, du mußt freundlich, ruhig und ernsthaft mit ihm sprechen, wie du das so schön kannst. Du mußt ihn daran erinnern, was er mir schuldig ist, und auch seiner eigenen Ehre.«

»Ha! Ein schöner Bräutigam, den ein anderer daran erst erinnern muß.«

»Ach Gerd ... Du mußt mich auch ein bißchen anpreisen und ihm sagen, daß er mit mir nicht betrogen wird. Das weiß er ja auch schon so, aber es kann doch nicht schaden, wenn's ihm auch ein anderer noch mal sagt, und auf deinen Charakter hält er große Stücke, das hat er mir öfters gesagt.«