Part 8
Plötzlich erklang im anderen Zimmer ein Klavier, die Tür öffnete sich, und der Lichtglanz eines bunt geschmückten Christbaumes funkelte ihnen entgegen. Und schon hatte Mariechen ihre Gäste am Arm genommen und schob sie vor sich her in die Weihnachtsstube, wo man sich um das Tafelförmige stellte und zu seinem etwas blechernen Klang »O du fröhliche« anstimmte.
Nachdem der Lehrer und seine Schwester die gegenseitigen kleinen Geschenke besehen und bewundert hatten, machten sie sich voll freudiger Erwartung über das Paket aus dem Elternhause her. Da gab's erst lauten Jubel, und dann saßen die beiden eng aneinandergeschmiegt und lasen, sich umschlungen haltend, die Weihnachtsbriefe.
Gerd saß indessen stocksteif und regungslos vor dem Teller, den man für ihn mit Äpfeln und Nüssen gefüllt hatte, und sah ernst vor sich hin. Da nahm Leidchen auf einmal seine Hand, und als er aufblickte, verriet ihm ein feuchtes Schimmern in ihren Augen, daß ihre Gedanken denselben Weg genommen hatten wie die seinen. Darüber war er sehr froh, und drückte mit Wärme ihre Hand, ließ sie dann aber schnell los, um den anderen seine Gefühle nicht zu verraten.
Als diese mit dem Auspacken und Brieflesen fertig waren, wandten sie sich wieder an ihre Gäste, wobei sie eine Liebenswürdigkeit entwickelten, bei der dem jungen Moorbauernknecht schwül und bange wurde. Er wußte nicht, was er sagen und wohin er sehen sollte, während seine Schwester sich schnell in die Situation fand, ihr Silberlachen klingen ließ und durch ihre freudeverklärte, jugendfrische Lieblichkeit immer wieder die Augen auf sich zog. Die echte Herzlichkeit, die man ihnen entgegenbrachte, bewirkte jedoch, daß endlich auch Gerd anfing sich freier zu fühlen, und zuletzt lächelte er gar leise vor sich hin, wie er nur tat, wenn ihm so recht von innen her wohl war.
Mariechen Timmermann war groß in hübschen Einfällen, die ihr plötzlich zu kommen pflegten und dann sofort ausgeführt werden mußten. »Wollen mal einen Weihnachtsreigen machen,« rief sie auf einmal, gab Gerd und Leidchen die Hände, ihr Bruder schloß den Ring, und so umschritten die vier den Tannenbaum, indem sie dazu sangen: »O Tannebaum, o Tannebaum, wie grün sind deine Blätter!« Als das Lied aus war und der Reigen sich auflöste, nahm der Hausherr sein Schwesterchen in den Arm und gab ihm einen schallenden Kuß. Gerd erschrak und sah diskret zur Seite; denn solche Zärtlichkeit berührte sein Empfinden fremd und peinlich. Aber auf einmal drängte ein junges, warmes Ding sich an ihn, und ehe er etwas dagegen tun konnte, hatten ein paar frische rote Lippen sich auch auf seinen Mund gedrückt. »Aber Leidchen!« murmelte er entsetzt und suchte sie beiseite zu schieben, es half ihm alles nichts, sie schmiegte sich um so fester in seine Arme und lächelte übermütig das andere Pärchen an, und Mariechen rief: »Rosenbrock, Sie alter Bär, machen Sie doch nicht ein Gesicht, als ob der Ziegenbock Sie gestoßen hätte, seien Sie mal'n bißchen nett mit Ihrer kleinen Schwester!« Da überwand er sich, zu lächeln.
»Was meinen Sie, Gerd,« fragte Timmermann, »ob wir unsere süßen Deerns noch lange behalten? Oder ob schon bald so'n Schlingel kommt und sie uns aus den Armen wegholt?«
»Das hat wohl noch gute Weile,« meinte er.
»Nee, nee,« rief Mariechen, »er soll bald kommen, ich bin schon vierundzwanzig.«
»Hm, hm. Dann wird's freilich bei kleinem Zeit, ich hab' auch bloß an Leidchen gedacht; denn im Durchschnitt wird hier im Moor viel zu früh geheiratet.«
»Ach was, jung gefreit, hat noch niemand gereut.«
»Das hat schon manchen gereut,« versetzte Gerd ernsthaft und schickte sich an, Beispiele zu bringen.
Aber seine gralläugige Widersacherin lachte ihm ins Gesicht: »Rosenbrock, Sie reden ja genau wie'n Pastor,« und Leidchen klatschte in die Hände und jubelte: »Das ist recht, daß Sie's ihm heut' abend mal ordentlich sagen. Mir glaubt er ja doch nicht.«
»Na, Otto,« rief Mariechen, die sich nicht gern zu lange bei einer Sache aufhielt, »nun spiel' uns mal einen Walzer, ich will mal eben mit Leidchen herumtanzen.« Er setzte sich vor das Klavier und begann zu hämmern, und die beiden Mädchen schwebten zärtlich verschlungen mit lachenden Augen durch den etwas engen Raum, indes die Brüder mit freudigem Stolz ihren Bewegungen folgten und frohe Blicke wechselten. Dann trat Mariechen mit zierlicher Verbeugung vor Gerd hin, ihn zu einem Tänzchen auffordernd. Er schüttelte den Kopf, wurde rot, wollte böse werden, aber sie ließ nicht locker, und so mußte er schließlich mit, und sogar als Dame, wobei er einen Stuhl umriß, während Leidchen, die Hände in den Seiten, über den hölzernen Tänzer, der so verzweifelte Gesichter schnitt, sich totlachen wollte. Darauf drängelte Mariechen ihren Bruder vom Klavierbock, begann selbst auf die Tasten zu trommeln, und er mußte mit Leidchen antreten. Das gab ein schmuckeres Paar, und sie tanzten auch ein Weilchen länger als die vorigen.
Und dann saßen die beiden Geschwisterpaare wieder um den Tisch, knackten Nüsse, aßen Vielliebchen, rieten Scherzrätsel, spielten Dichterquartett, der Hausherr las ein hübsches Weihnachtsgeschichtchen vor, das er irgendwo gefunden hatte, und so enteilten die Stunden aufs angenehmste. Gerd, der nachgerade völlig aufgetaut war, wußte dem kleinen Racker, der es nicht lassen konnte, ihn aufzuziehen, jetzt ganz gut zu dienen und hatte öfters die Lacher auf seiner Seite.
Mitternacht war längst vorüber, als die beiden Gäste endlich losgelassen wurden und den Heimweg antraten. Leidchen hing sich in den Arm des Bruders und sagte, indem sie den Damm dahinschritten: »Junge, Junge, heut' haben wir mal Weihnachten gefeiert! So vergnügt hab' ich dich noch nie gesehen. Von den beiden kannst du lernen, wie Bruder und Schwester miteinander umgehen sollen.«
Gerd antwortete nichts darauf.
Nach einer Weile legte er den Arm fest um sie und sagte: »Leidchen, mit Worten und Zärtlichkeiten kann unsereins nicht so kramen wie solche Leute. Aber nicht wahr? Wir wissen auch so, was wir aneinander haben. Meinst du nicht auch?«
»Ach ja, das wohl ...«
»Und das ist die Hauptsache, Kind. Aber ich will dir gern zugeben, von den beiden kann einer auch in solchen Dingen allerlei lernen. Bloß nachmachen darf unsereins ihre Art nicht. Der Bauer muß Bauer bleiben, sonst ist er überhaupt nichts.«
»Fängst du schon wieder an zu predigen?« rief sie und kniff ihn leicht in den Arm.
Sie schwiegen jetzt beide und schritten, still gewordener Freude voll, Arm in Arm und einer der Nähe des andern in tiefster Seele froh, langsam durch die Stille, in die nur zuweilen das Rieseln des nimmer ruhenden Wassers um ein Klappstau leise hineingluckerte, durch die heilige Weihnacht, die den Atem anzuhalten schien, wie um aus seligen Fernen raunender Botschaft zu lauschen.
7.
Nachdem die Brunsoder wieder einmal Torf, Heu, Roggen und Kartoffeln geerntet, sieben Dorfgenossen zu Grabe und neun zur Taufe geleitet, vier grüne Hochzeiten nebst zwei silbernen und einer goldenen gefeiert hatten, war wieder ein Jahr herum.
Es war ein Abend zwischen Weihnachten und Neujahr, Rosenbrocks saßen in der Stube beieinander, Jan las die neueste Nummer der Hamme-Zeitung, die er soeben dem Kästchen an der Hofbrücke entnommen hatte, in die der Austräger sie zu stecken pflegte. Er begann regelmäßig mit den Ferkeln, Faselschweinen, Quenen, Starken und anderem Hausgetier, das auf den letzten Seiten sein Wesen trieb; auch ins Lokale warf er wohl mal einen Blick, zum Politischen und Allgemeinen drang er selten vor.
Plötzlich fing er an zu knurren und brummte vor sich hin: »Die vermuckten Jungens!«
Die anderen blickten neugierig auf, er aber schob die Zeitung zu Leidchen hinüber, indem er mit dem Finger in die untere Ecke der dritten Seite deutete.
Sie beugte sich hastig über das Blatt, und indem sie las, färbte eine lebhafte Röte ihr die Wangen, und der Atem ging schneller. Gerd, der auf der anderen Seite des Tisches saß und aus Zigarrenholz einen Kammkasten schnitzte, beobachtete sie verwundert, fragte aber in gleichgültigstem Tone: »Was hast du da?« »Rat' mal!«
»Da geb' ich meinen Kopf nicht zu her.«
»Ich steh' hier gedruckt!« rief sie mit glänzenden Augen.
»So? Lies mal vor!«
Sie schob die Ellbogen auf den Tisch, hielt das Blatt unter die Hängelampe und las, langsam, in geziertem, feierlichem Ton:
»Fräulein Leidchen Rosenbrock, der feinsten Deern im Dorf, zu ihrem am 29. Dezember stattfindenden siebzehnjährigen Wiegenfeste ein donnerndes Lebehoch, daß die Birken sich biegen und die ganze Dorfreihe wackelt. Wir stellen uns alle ein. Ob sie sich wohl was merken läßt? Die böbersten Brunsoder Jungs.«
»Die könnten ihr Geld auch besser anwenden als zu solchem Narrenkram!« brummte Gerd, und der Bauer und die Frau nickten zustimmend. Aber das durch das Inserat geehrte Geburtstagskind zog die schwellenden roten Lippen kraus und sagte schnippisch: »Für'n guten Spaß muß auch mal'n Groschen übrig sein. Morgen geh' ich hin und lad' mir die Spinners ein, bin ja doch an der Reihe. Und was ich für die Jungs brauche, bring' ich gleich mit. Jan, gib mir fünf Mark von meinem Lohn!«
»Aber Deern!« rief Gerd erschrocken.
Sie blickte ihn fest und entschlossen an. »Was sein muß, das muß sein. Die Jungs sollen bei mir ebensogut ihr Recht haben wie anderswo. Ich komm' übermorgen schon in mein achtzehntes und bin kein Kind mehr. Jan, her mit dem Geld!«
Jan zögerte noch.
»Wem gehört das Geld, das ich mir verdient habe?« fragte sie spitz, »mir oder dir?«
Endlich rückte er mit einem Taler heraus, und da auch die anderen erklärten, das wäre überleidig genug, gab sie sich zufrieden.
Das Glückwunschinserat schnitt sie aus und klebte es mit Mehlkleister fein säuberlich in ihr Poesiealbum.
* * * * *
Leidchen, die seit kurzem mit zum Spinnen ging und heute, an ihrem Geburtstag, das Koppel zum erstenmal bei sich haben sollte, hatte die Stube geschrubbt, zurecht gekramt und mit feinem weißen Sand gestreut. Nun saß sie am Fenster und erwartete die Mädchen. Vor ihr stand das Spinnrad, auf dem schon ihre Mutter als junges Mädchen gesponnen hatte. Es war kürzlich für sie aufrepariert und in frischem Rot gestrichen; das grüne Wockenblatt trug die Inschrift: »Schönes Mädchen mit dem Rädchen, spinn um mich das Liebesfädchen.«
Sie hatte das Reich heute allein. Jan und Trina waren nach Mittag, um dem jungen Volk aus dem Wege zu gehen, zum Besuch der Freundschaft nach Meinsdorf aufgebrochen, Gerd machte eine Schlittschuhfahrt über Land, und die Kinder spielten auf der Nachbarschaft.
Die Spinnerinnen ließen auf sich warten, und voll Ungeduld trat sie auf den Hof hinaus, um den Fußpfad, der sie herführen sollte, entlang zu spähen. Da hörte sie Stimmen, sah die hoch in den Armen getragenen Spinnräder über dem Buschwerk schwanken, und huschte wie ein Wiesel ins Haus zurück.
Die Mädchen reinigten ihre Füße auf dem ausgedienten Handmühlstein, der als Tritt vor der Seitentür lag, und traten dann auf das Flett, wo das Geburtstagskind sie empfing und ihre Gratulationen entgegennahm. Und bald saßen die Spinnerinnen, ihrer acht, im Halbkreis vor den roten, bunt gekrönten Rädern, die sofort ein lustiges Schnarren begannen, mit dem die Mundwerke, als sie erst einmal im Gang waren, erfolgreich wetteiferten.
Die meisten hatten am zweiten Weihnachtstag bei Heini Peper getanzt, und da war nicht viel los gewesen. Aber um so mehr wußten Anna Schnackenberg und Minna Siedenburg zu erzählen, die den Weihnachtsball im Kirchdorf mitgemacht hatten, wo's mal wieder hoch hergegangen war. Ein Besendorfer hatte einem Hasenweder auf den Fuß getreten, und da hatte es sofort eine tolle Schlägerei zwischen den Jungens der seit alters verfeindeten Dörfer gegeben, wobei die aus den anderen Ortschaften teils diesen, teils jenen beigesprungen waren. Die Mädchen hatten sich kreischend auf Tische und Stühle geflüchtet, dem Gendarm, der Frieden stiften wollte, war ein Bierseidel hart am Kopf vorbeigeflogen, er hatte aber eine ganze Menge aufgeschrieben, die nun gewiß nach Verden mußten, und der Doktor hatte in der Nacht drei flicken müssen.
Es war Minna Siedenburg, die als Augenzeugin hiervon berichtete und mit dem Seufzer schloß: »Die Jungens sind auch gar zu wild und hitzig.«
»Und dein Jakob ist der allerschlimmste,« sagte Anna Schnackenberg. Minna lächelte stolz verschämt und duldete es gern, daß Anna ihres Jakob Heldentaten ins helle Licht stellte, was selbst zu tun ihr die Bescheidenheit nicht erlaubt hatte.
Von diesem Weihnachtsvergnügen kam das Gespräch auf die Söhne des Dorfes, die zurzeit den bunten Rock trugen. Zwei standen bei den Fünfundsiebzigern in Bremen. Der eine, Jan Monsees, gehörte mit zum Koppel, und man erwartete ihn diesen Abend mit den anderen Jungens. Der andere, Müllers Hermann, war erst im Herbst eingetreten und jetzt zum erstenmal auf Urlaub. Er wäre der hübscheste und strammste Jungkerl im Dorf, wollte jemand behaupten, aber es wurde auch lebhafter Widerspruch dagegen laut, und man sprach von ihm als von einem, der eigentlich zum Jungvolk des Dorfes nicht recht mit dazu gehörte, da er eben der Sohn des reichen Müllers war und die Jahre seit der Schulentlassung in der Fremde zugebracht hatte. -- Drei Brunsoder verteidigten fern im Osten die Reichsgrenze gegen die Russen, die Ärmsten hatten diesmal keinen Urlaub bekommen. Man bedauerte sie und schalt auf die Heeresverwaltung. Thyra Kück, die Tochter des Schriftführers im Verein »Junghannover«, meinte, zu hannoverschen Zeiten hätten die Soldaten die Heimat näher gehabt, Deutschland wäre jetzt viel zu groß, woraufhin Dele Meyerdierks, deren Vater zum Kriegerverein gehörte und nationalliberal wählte, es für ihre Pflicht hielt, für des Vaterlandes Größe eine Lanze zu brechen. Als die Festung Thorn genannt wurde, kam Leben in Beta Mohlbrock, die sonst nicht viel sagte. Sie hatte dort einen Cousin, einen Luftikus und Aufschneider, dessen Windbeuteleien außer ihr kein Mensch ernst nahm. »In Thorn«, begann sie, sich wie vor Frost schüttelnd, »ist es beinah so kalt wie am Nordpol. Auf Wache ziehen sie immer drei Mäntel übereinander an, und doch finden sie am anderen Morgen oft genug welche totgefroren auf ihrem Posten. Zuweilen brechen auch Rudel ausgehungerter Wölfe über die russische Grenze, oder ein Bär kommt leise auf den einsamen Wachtposten zugeschlichen, und wehe dem Mann, der da nicht ruhig Blut behält und schlecht schießt. Aber Georg hat die Schützenschnur, und an seiner Uhrkette trägt er den blankpolierten Backenzahn von einer alten Bärenmutter, die er mitten in der Nacht, als sie ihn gerade in die Arme nehmen wollte, mitten durchs Herz getroffen hat« -- Minna Siedenburg machte huh -- »Es ist aber ganz gewiß wahr, Minna, Georg hat's mir selbst erzählt, und ich hab' den Zahn in der Hand gehabt. Ist man gut, daß seine Zeit bald herum ist. Das Essen ist auch man zeitlich in Thorn. Georg sagt, die Bauern in der Umgegend, wo auch viel Moorland ist, wie bei uns, nähren sich von Buttermilch, Torf und Talglichtern. Aber das kann ich mir nicht recht denken, das hat er sich wohl bloß vorschnacken lassen. Alles darf man auch nicht glauben.« Die andern sahen sich lachend an, und eine mitleidige Seele sagte: »Na, Beta, wenn Georg nächsten Herbst reinkommt, kannst du den armen Kerl man ordentlich herausfüttern und ihn recht fest in den Arm nehmen, daß er warm wird.« Beta steckte sich rot an und lächelte beglückt und hoffnungsselig vor sich hin.
Wie um diesem Thema einen würdigen Schluß zu geben, stimmte Meta Windeler, die eine scharfe, schneidende Stimme hatte, das Lied vom Soldatenabschied an: »Schatz, mein Schatz, reise nicht so weit von hier.« Der fernen Jungens gedachte man besonders noch mal bei dem Verse:
»Soldatenleben, das heißt nicht lustig sein. Wenn andere Leute schlafen, da muß man wachen, Muß Schildwach' stehn, Patrouille gehn.«
Und nun folgte Lied auf Lied: Ist alles dunkel, ist alles trübe -- Es wollt' ein Mädchen früh aufstehn, dreiviertel Stund vor Tag -- Leise tönt die Abendglocke -- In des Gartens dunkler Laube -- Es welken alle Blätter und fallen alle ab. Einmal schlug Leidchen vor: Am Brunnen vor dem Tore, aber da wurde sie ausgelacht: »Deern, das ist doch ein Schullied!« Und sie errötete, weil sie etwas sehr Dummes gesagt hatte.
Ob der Inhalt der Lieder derb, neckisch oder wehmütig, die Weise munter oder sentimental war, das machte für den Vortrag weiter keinen Unterschied: der behielt seine epische Ruhe und seinen Leierton gerade so, wie die Augen gleich ernst auf dem durch die Finger gleitenden Faden ruhten und die Räder gleichmäßig schnurrten.
Da machte es sich nun recht unliebsam bemerkbar, daß in dem Gesang der jüngsten Spinnerin sich hier und da etwas Lyrisches, der Ausdruck eigenen Empfindens, hervorwagen wollte. Nachdem Leidchen deswegen schon einige verwarnende Blicke bekommen hatte, sagte Meta Windeler, die wegen ihrer schrillen Stimme als Gesangsmeisterin anerkannt wurde, unwirsch und verweisend: »Leidchen, was hast du da für 'ne wunderliche Singerei vor?«
Die etwas boshafte Anna Schnackenberg nahm ihr die Antwort ab: »Du mußt wissen, Meta, das soll was extra Feines sein. Sie singt ja immer mit dem Schullehrer.«
Leidchen blitzte die Spötterin zornig an: »Du lügst, Anna. Du weißt ganz gut, ich hab' nur das eine Mal, voriges Jahr zu Weihnachten, mit ihm gesungen.«
»So--o? Aber neulich war er doch erst wieder bei euch.«
»Ja, um Gerd zu besuchen.«
»Haha, das kennt man ... Warum besucht er denn die andern Jungens nicht?«
»Bei denen wird er wohl nichts zu suchen haben.«
»Nun hör' mal einer die Deern an! Sie trägt den Kopf bald ebenso hoch wie ihr Bruder, der unsereins überhaupt nicht mehr ankuckt!«
Leidchen stoppte ihr Rad, stieß es mit dem Fuß ein wenig von sich und sagte: »Anna, wenn du noch länger so'n dummes Zeug schnackst, werd' ich dir ganz böse.«
»Aber Deern,« lenkte diese ein, »du gehst ja nun in dein achtzehntes und mußt es bald lernen, daß du Spaß vertragen kannst.«
»Ich will erst den Kaffee aufgießen,« sagte Leidchen und ging ärgerlich hinaus. Minna Siedenburg, als die älteste des Koppels teilte einen Verweis aus: »Anna, du mußt ein bißchen mehr zu deinen Worten sehen. Das von Gerd und dem Schullehrer gehörte hier gar nicht her.«
Bald sammelte die Geburtstagsgesellschaft sich friedlich um ein braunes Wachstuch, das mit der Schlacht bei Gravelotte bedruckt war, um sich den Kaffeefreuden hinzugeben. Leidchen schenkte ein, und Anna Schnackenberg bekam zur Strafe die letzte Tasse. In der Mitte des Tisches stand ein Teller, der hoch mit weihnachtlichem Butterkuchen bepackt war.
Als dann die Räder wieder liefen, wollte die Unterhaltung nicht recht wieder in Gang kommen. Es lag wie erwartungsvolle Spannung auf dem Kreise, alle Augenblick wandte sich ein Kopf herum und dem Fenster zu. Aber draußen war einstweilen nichts zu sehen, als die schmale silberne Mondsichel, die ein schwaches Licht auf kahle Baumgerippe und lückenhaften Altschnee warf.
»Da kommen schon welche!« rief Beta Wöltjen, und alle Köpfe wandten sich wie am Faden gezogen dem Fenster zu. Richtig, da kamen zwei angeschlendert, die Hände fast bis an die Ellbogen in den Hosentaschen vergraben. Sie lehnten sich faul gegen die Brunnenumfassung, man sah den Tabak, wenn sie ansogen, in ihren Pfeifenköpfen glühen und die Rauchwolken im Mondlicht schimmern.
»Soll ich sie hereinholen?« fragte Leidchen aufgeregt.
»Immer sinnig, das hat noch Zeit,« sagte Minna, die als älteste die Verpflichtung fühlte, über dem guten Ton zu wachen, und auch ihren Jakob noch vermißte.
Die Spinnräder machten jetzt beträchtlich weniger Umdrehungen in der Minute, immer häufiger spazierten die Augen zum Fenster hinaus.
Endlich wurden draußen drei weitere Gestalten sichtbar, die langsam dem Brunnen zu bummelten und sich zu den anderen stellten. Hin und wieder flog von dorten auch ein Blick zum Hause hinüber.
In der Stube fand es im stillen jede an der Zeit, die Jungens nicht länger am Brunnen frieren zu lassen, sondern in die Wärme zu holen. Aber keine wollte das als die erste vom Munde geben, und so währte es noch eine geraume Weile, bis Minna Siedenburg aufstand, Leidchen am Arm nahm und sagte: »Komm Deern, wir beide wollen sie holen. Von alleine kommen sie doch nicht.«
Die sechs im Gang bleibenden Räder spannen jetzt wie wild.
Nach kaum zwei Minuten erschien Minna wieder in der Tür, ihren im Bewußtsein seines Heldentums stolz lächelnden Jakob am Jackenknopf hinter sich herziehend. Leidchen hatte Klaus Rietbrock am Knopfloch, der, wie sie selbst, erst seit kurzem zum Koppel gehörte und seine Verlegenheit dadurch zu verbergen suchte, daß er die Beine trotzig verquer stellte und ein Gesicht machte, als ob er ein ganz schlimmer wäre. Die anderen drei folgten von selbst.
»Daß ihr erst mal warm werdet,« sagte Leidchen und kam mit einer Flasche, aus der sie jedem der Burschen das dicke Gläschen einmal füllte, die »Prost, Leidchen!« riefen und es auf einen Zug leerten. Dann setzten sie sich auf die Wandbänke, hinter die ein wenig mehr unter der Hängelampe zusammenrückenden Mädchen. Die Räder schnurrten und die Pfeifen qualmten.
»Au, er ist mir doch noch bannig steif,« stöhnte Jakob Kück, seinen Arm, wie es schien, mit Mühe ausstreckend.
»Wovon?« fragte Minna, die vor ihm saß und die Gelegenheit, sich schnell mal nach ihrem Liebsten umzusehen, wahrnahm.
Nun konnte Jakob erzählen. Seine Tat erschien nach seiner eigenen Darstellung noch erheblich heldenhafter und bewundernswürdiger, als nach dem Bericht der Augenzeuginnen, die doch auch kein Interesse daran gehabt hatten, sie zu verkleinern. Der Hauptspaß wäre, daß der Gendarm ihn nicht gefaßt hätte. Denn wenn einer nachher für solchen Spaß einige Monate Häcksel fressen müßte, das wäre nichts Genaues.
Jakob war noch im besten Gange, als auf dem Flett Schritte laut wurden, die offenbar nicht von Holzschuhen, sondern von Kommißstiefeln stammten, und Jan Monsees, der Weihnachtsurlauber, trat in die Stube. Aber nicht allein. Dem untersetzten, in schlotteriger Kommißkleidung steckenden Kriegsmann folgte auf dem Fuße ein Kamerad, dessen schlanke, ebenmäßige Gestalt eine gut sitzende funkelneue Extrauniform umgab.
Die Burschen, allen voran der in seinem Bericht unterbrochene Weihnachtsballheld, empfingen den zweiten der Ankömmlinge mit verwunderten und befremdeten Blicken. Aber Jan Monsees sagte: »Müllers Hermann, mein Kompagniekamerad, war gerade bei mir zum Besuch, da hab' ich ihn ein bißchen mitgebracht. Es wird wohl keiner was dagegen haben.« Inzwischen war dieser mit den knarrenden Extrastiefeln auf Leidchen zugeschritten, gab ihr, die Hacken zusammenschlagend, die Hand und sagte: »Ich hab' in der Zeitung gelesen, daß du heute Geburtstag hast, und wollte dir auch eben gern gratulieren. Darf ich 'ne halbe Stunde mit schnacken?«
»Von Herzen gern,« sagte Leidchen, durch den unerwarteten Besuch nicht wenig geschmeichelt, und sah sich nach einem Platz für ihn um. Da die Bänke ziemlich besetzt waren und die anderen keine Anstalt machten, zusammenzurücken, holte sie schnell einen Stuhl und bat, ihn halblinks hinter sich stellend, Hermann, damit vorlieb zu nehmen. Dann kredenzte sie ihm und seinem Kameraden den Bewillkommnungsschluck. Auch die übrigen bekamen der Reihe nach wieder ein Gläschen.
Jakob Kück fing noch einmal von seinem Weihnachtsball an, fand aber keine rechte Aufmerksamkeit mehr. Er ärgerte sich nicht wenig, daß er sein Pulver zu früh verschossen hatte. Um so leichter wurde es dem Eindringling, sich im Handumdrehen zum Helden der Situation zu machen. Er steckte von oben bis unten voll von Unteroffiziersanekdoten und Kasernenhofblüten, die er natürlich alle selbst erlebt haben wollte und geschickt vorzubringen wußte. Je lebhafter seine Zuhörerinnen Beifall spendeten, desto launiger und witziger wurde sein Erzählen. Den Stuhl noch ein wenig vorziehend, saß er bald an Leidchens Seite und im Kreise der Mädchen, die immer wieder von ihren Fädchen aufblickten und in das frische, lachende Gesicht des jungen Kriegers sahen, der nach jedem Geschichtchen selbstgefällig seinen unwiderstehlichen Schnurrbart drehte. Die Jungens auf den Bänken im Hintergrund fühlten sich sehr an die Wand gedrückt. Jakob Kück, der beim ersten Garderegiment gedient hatte und den Rekruten der Fünfundsiebziger von Grund seiner Seele verachtete, versuchte einige Male, ihm einen Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Aber der wußte ihn jedesmal so geschickt zu parieren und zurückzugeben, daß er selbst darüber stolperte und von den Mädchen ausgelacht wurde. Und sogar Minna Siedenburg lachte mit. Müllers Hermann war und blieb erster und einziger Hahn im Korbe. Krischan Wedderkopp ging bald heimlich hin und stibitzte die nach dem letzten Umtrunk wieder gefüllte Flasche, an der man sich schadlos hielt.
Endlich schien Hermanns Anekdotenschatz erschöpft zu sein, und Meta Windeler schlug vor, mal eins zu singen. Das geschah denn auch, und dabei konnten auch die an der Wand sich mal wieder hören lassen. Die meisten sangen »groff«, das heißt, eine Oktave tiefer als die Mädchen, einige versuchten aber auch etwas wie die zweite Stimme. Krischan Wedderkopp befand sich schon in dem Stadium, wo das Singen zum Gröhlen wird. --