Part 7
So saß Heini denn eines Abends mit seiner Frau Adeline, die ebensowenig Lust zur Arbeit hatte wie er, aber um so lieber sich putzte und mit den Gästen schön tat, wieder mal beratschlagend in der Gaststube, als er sich plötzlich aufs Knie schlug und rief: »Deern, wir versuchen's mal mit einem Gesangverein!« Sie redeten darüber hin und her, wurden gutes Muts dabei und tranken auf das Wohl des neuen Vereins: Frau Adeline einen Pfeffermünz, Heini zwei Klare und einen Magenbitter.
Zwei Tage später war das Bauernmal vom Gemeindevorsteher entboten, den Damm im unteren Dorf frisch zu besanden, wie es von Zeit zu Zeit nötig ist, wenn Pferdebeine und Wagenräder nicht in dem moorigen Dammkern versinken sollen. Ein Teil der Mannschaften grub den Sand oben auf Stelle Nr. 19, wo er ziemlich hoch unter der Moorschicht saß, andere schafften ihn in Torfbooten an den Damm, woselbst die übrigen ihn auf Karren auseinanderschoben und mit Schaufeln ausbreiteten. Dabei wurde mancher Mundvoll geschnackt, wie es bei Arbeiten für die Gemeinde üblich ist. Harm Mehrtens, der Vorsteher, saß auf dem Geländer einer Hofbrücke, schmökte seine Pfeife und führte die Aufsicht.
Gerd Rosenbrock hatte gerad' seine Karre wieder einmal umgekippt, als August Stelljes, der junge Bauer von Nr. 16, ihn ansprach:
»Gerd, sag' mal: hast du Begabung zum Singen?«
Der Gefragte stellte seine Karre hin: »Oh ... in der Schule hab' ich die zweite Stimme ganz gut halten können.«
»Was meinst du, wenn wir hier auch so 'nen Männergesangverein gründeten, wie sie ihn in Hasenwede und Grünmoor und Meinsdorf schon lange haben?«
»Das wär'!« rief Gerd überrascht und erfreut. »Ich tret' auf der Stelle bei.«
»Die Sache wird sich wohl machen, Pepers Heini hat gestern schon mit dem Schullehrer gesprochen, und der hat auch wohl Lust,« fuhr August fort. »Wer von euch im oberen Dorf mag wohl noch mittun?«
Gerd dachte nach und nannte einige Namen, versprach auch, mit diesem und jenem darüber zu reden. Dabei schnackten sie sich so fest, daß der Gemeindevorsteher zuletzt mit dem Mundstück seiner Pfeife auf ihre Karren deuten mußte, damit sie ihre Arbeitspflicht der Gemeinde gegenüber nicht ganz und gar vergäßen.
Niemand war über Heinis neuesten Plan glücklicher als Gerd Rosenbrock, und er beschloß, alles aufzubieten, daß aus der Sache etwas würde. Es kamen ja nun wieder die langen Winterabende. Für einen, der keine Lust hatte, sich herumzutreiben, waren sie über die Maßen langweilig. Da hockten sie in der Stube beieinander: Jan lag mit dem Kopf auf dem Tisch und schlief, Trina flickte Kinderzeug, Leidchen spann, und er selbst, Gerd, strickte Strümpfe oder schnitzte Wurststicken. Gegähnt wurde viel, gesagt wenig und meist nur solches, was ebensogut ungesagt hätte bleiben können. Jeder freute sich, wenn die Uhr endlich so weit war, daß man mit Anstand ins Bett steigen konnte. Wenn da nun jede Woche mal so einen Singeabend brächte ... Junge, Junge, das wäre fein! Und sofort begann er zu werben, und alle, die er haben wollte, gewann er auch für die Sache. Denn was er einmal betrieb, das betrieb er mit einem Nachdruck, dem der Erfolg nicht leicht fehlen konnte.
Drei Tage später wurden von Nr. 18 aus Laufzettel die Dorfreihe hinauf- und hinabgeschickt, die zur Gründungsversammlung eines Männergesangvereins einluden und unterzeichnet waren: »Der Einberufer.« Solche meist in köstlicher Orthographie abgefaßte Oktavblättchen, die der Nachbar zum Nachbarn weiterzubefördern gehalten ist, sind in Brunsode die ortsübliche Bekanntmachung.
Zu der auf dem Laufzettel angegebenen Stunde füllten an die dreißig Stellbesitzer, Haussöhne und Knechte -- trennende soziale Unterschiede kennt das Kleinbauerntum des Moores kaum -- Heini Pepers Gaststube bis auf den letzten Platz und qualmten, priemten, spuckten für Gewalt. Frau Adeline, hochbusig, von einem ölig glänzenden Haartempel überragt, ein kokettes Lächeln im Gesicht, bediente den kürzlich angeschafften Kohlensäureapparat, während ihr Heini, der sich so recht in seinem Elemente fühlte, mit den Biergläsern sprang.
Endlich erscheint auch Herr Timmermann, bei dessen Eintritt die ohnehin nicht sehr lebhafte Unterhaltung plötzlich wie abgeschnitten ist. Er hat nämlich mit den Brunsodern noch keinen Scheffel Salz gegessen. Nachdem man sich daran gewöhnt hat, daß er Urlaub nur in Notfällen gibt und auf ruhm- und trostreiche Leichenpredigten als nicht zu seinem Amt gehörig sich überhaupt nicht einläßt, gilt er der Mehrheit aber doch schon als ein »anständiger Junge«, und einige, denen es lieb ist, daß er die Jugend »schärfer lernt« als der selige Lenz, halten ihn bereits gar für einen »alten ehrlichen Burschen«. Und mehr kann einer wirklich nicht verlangen, der erst vor vier Jahren von der Wasserkante her als Fremdling ins Land kam.
Auf Heini Pepers Ersuchen nimmt Herr Timmermann bald das Wort. Indem er mit der langen, schmalen Hand die auf ihn zuwogenden braungelben Tabakswolken zur Seite lenkt, spricht er seine Freude darüber aus, daß der edle deutsche Volksgesang, diese wunderbare Blüte, aus der Tiefe der deutschen Volksseele emporgeblüht, nun auch in Brunsode eine Pflegstätte finden soll. Als ganz junger Lehrer würde er das noch viel schöner und poetischer gesagt haben; die vier Jahre unter den Bauern hatten ihn doch schon ein gut Teil sachlich schlichter gemacht und seine Ausdrucksweise dem höheren Aufsatzstil entfremdet. Er schloß seine Ausführungen damit, daß er sich bereit erklärte, die musikalische Leitung des zu gründenden Vereins zu übernehmen, allerdings unter der Voraussetzung und Bedingung, daß die regelmäßigen Übungen in der Schule stattfänden.
Heini, der vorhin mehrere Male Bravo gerufen hatte, machte ein langes Gesicht und sah seine Frau an, die ein dummes zur Schau trug. Dann zwinkerte er mit seinen Fuchsaugen Freund August Stelljes zu. Aber der war kein Redner und getraute sich nicht. Es blieb ihm also nichts übrig, als selbst das Wort zu ergreifen. Was so die echte, rechte deutsche Gemütlichkeit wäre, begann er, die käme in so einem Schulzimmer mit seinen peinlichen Erinnerungen nicht auf, womit er natürlich nichts gegen die Schule an sich oder den Herrn Lehrer gesagt haben wolle. Aber die alten Deutschen hätten immer noch eins getrunken, und die jungen Deutschen liebten einen guten Tropfen frisch vom Faß ebenfalls, und das brauche er wohl kaum zu erwähnen, wie leicht gerade beim Singen die Leber trocken würde.
August Stelljes und noch einige lachten, nickten und riefen Bravo, Herr Timmermann zuckte die Achseln.
Eine ganze Weile sagte niemand etwas, nur im Flüsterton wurde hier und da an den Tischen beraten, bis endlich Wilhelm Behnken Nr. 22, den das Vertrauen des Dorfes zum Schulvorsteher, Beigeordneten des Gemeindevorstehers und Kanalgeschworenen gemacht hatte, sich räusperte und trocken erklärte, er stimme auch für die Schulstube; denn in einem Gesangverein wäre nach seiner Ansicht das Singen die Hauptsache.
Jetzt war die Zeit gekommen, das Eisen zu schmieden, fiel es wie eine Erleuchtung über Herrn Timmermann, er schnellte in die Höhe und fragte: »Ist jemand gegen den Antrag des Herrn Schulvorstehers Behnken?« Es erhob sich wohl ein Brummen, aber kein Finger. »Also einstimmig angenommen. Wie wollen wir uns nennen? Ich schlage vor: Männergesangverein Feierabend. Das klingt bescheiden und traulich zugleich. Ich sehe, daß alle einverstanden sind. Wir schreiten nunmehr zur Vorstandswahl. Ich erlaube mir vorzuschlagen: Herrn Wilhelm Behnken als Präsidenten, Herrn Heini, pardon, Heinrich Peper als Vizepräsidenten, meine Wenigkeit zum Dirigenten und Schriftführer. Ferner Herrn Johann Segelken als Kassenwart, und endlich, damit auch die jüngere Generation vertreten ist, was ich für wünschenswert halte, Herrn Gerd Rosenbrock als Beigeordneten. Ist jemand gegen diese Liste? ... Ich stelle fest, daß dies nicht der Fall ist und frage die genannten Herren, ob sie die Wahl annehmen.«
»Zur Geschäftsordnung!« rief Heini Peper, mit ausgestrecktem Finger vorspringend.
»Bedaure sehr, Herr Peper, eine Geschäftsordnung besitzen wir noch nicht, können aber im Vorstand mal eine machen. Ich darf wohl die Erklärung abgeben, daß der gesamte Vorstand, für das ihm bewiesene Vertrauen dankend, die Wahl annimmt, und lasse jetzt die Mitgliederliste herumgehen, in die ich Namen und Hausnummer einzutragen bitte.«
Neunzehn der Anwesenden zeichneten sich sofort ein. Einige, denen als Leuten mit etwas langer Leitung die Sache gar zu fix gegangen war, wollten sich noch besinnen, andere hielten es für besser, erst ihre Frauen zu fragen.
Die Ansichten über Lehrer Timmermann gingen diesen Abend auseinander. Heini Peper meinte, er hätte die Leute wie Schulkinder behandelt, und man wäre dumm genug, daß man sich so was gefallen ließe. Karsten Brammer, der Dorfpolitikus, kratzte sich hinterm Ohr und sagte: »Donnerschlag! Wenn der Reichstag solchen Präsidenten hätte, könnte er was beschicken.« Gerd Rosenbrock war dem Lehrer für die ihm so unerwartet zugeschanzte Ehre dankbar und mußte sich die nächsten Tage öfter selbst warnen, daß er den Kopf nicht zu hoch trug. -- --
Einmal hatte Herr Timmermann den Vorstand zu einer Sitzung eingeladen, und während die übrigen auf sich warten ließen, war Gerd auf die Minute pünktlich erschienen. Da kamen die beiden ins Gespräch, und es machte sich so, daß der Lehrer seinen Gast fragte, wie er seine Abende zubrächte. Darauf konnte dieser nichts Rechtes sagen. Ob er nicht Lust hätte, mal ein gutes Buch zu lesen, fragte der andere weiter. Och ja, meinte Gerd, wenn er eins für ihn wüßte. Herr Timmermann langte nach seinem Bücherbord und nahm einen Band heraus, den er in ein Zeitungsblatt wickelte und, um freundliche Schonung bittend, für den jungen Sangesbruder bereit legte. Gerd wunderte sich wieder einmal über das Interesse, das der Lehrer seiner Person entgegenbrachte, zumal er sich nie um den Mann gekümmert hatte und ihm seit der Schulzeit eigentlich ganz aus der Kunde gewachsen war.
Das Buch, das er mit nach Hause trug und gleich nach Feierabend des nächsten Tages zu lesen begann, hieß »Uli der Knecht«. Es machte ihm anfangs einige Schwierigkeit, hineinzukommen. Aber bald schlug die Geschichte des jungen Bauernknechts, der aus dumpfem, liederlichem Leben sich langsam heraufgearbeitet, ihn in Bann. Und es dauerte nicht lange, so fing er von vorne an und las das Buch seiner Schwester vor. Auch Jan und Trina fanden bald am Zuhören Freude. Man hörte auf, nach dem Bett zu gähnen, und blieb manchmal bis gegen halb zehn beisammen. Und es waren schöne Abendstunden, wenn der Bauernfamilie des niederdeutschen Moores sich das Bild oberdeutschen Bauernlebens entrollte, wie der Pfarrer von Lützelflüh es in seinem Buche so wundervoll farbig und kraftvoll gemalt hat. Man las und hörte die Geschichte nicht bloß, man lebte sie mit, und jeder wählte sich einen Helden, für den er gegen die anderen Partei ergriff. Jan hielt es als Stellbesitzer mit seinem Namensvetter, dem Meister Johannes, während er über Joggeli, den Bauern der Glungge, oftmals den Kopf schüttelte. Trina trat für die gute Meisterin ein. Gerd stand natürlich auf seiten seines Mitknechts Uli, dessen Torheiten er schmerzlich empfand, indes sein langsames Aufsteigen ihn mit frohester Teilnahme erfüllte. Leidchen paßten alle die Trinis, Ürsis, Stinis, Käthis, Elisis gar nicht. Als aber das liebe Vreneli auf der Bildfläche erschien, fühlte sie sich mit ihrer Heldin der ganzen Tischrunde überlegen und lachte ihren Bruder aus oder machte Ätsch, wenn es sich wieder einmal zeigte, daß Vreneli seinem Uli über war.
Und als sie mit »Uli dem Knecht« fertig waren, lieh Herr Timmermann auch »Uli den Pächter« her.
* * * * *
Als der Verein im nächsten Herbst nach einer langen Sommerpause die Übungen wieder aufnahm, stellte Heini Peper den Dringlichkeitsantrag, schleunigst das erste Stiftungsfest zu feiern und die benachbarten Vereine dazu einzuladen. Aber Herr Timmermann sprach mit Entschiedenheit dagegen. Die Sänger könnten sich vor Fremden noch nicht hören lassen, und ehe er sich mit dem Verein blamiere, würde er lieber austreten. Man solle sich für dieses Jahr lieber mit einer bescheideneren Feier begnügen; eine Christfeier zum Beispiel würde im Dorf gewiß rechten Anklang finden. Die Abstimmung ergab Stimmengleichheit für beide Anträge, so daß satzungsgemäß das Votum des Präsidenten entscheiden mußte, das zugunsten des Lehrers fiel. Zugleich stellte jener seine Diele als die geräumigste am Ort zur Verfügung.
Es wurde nun wacker geübt, und der Eifer und die Begeisterung des Dirigenten riß auch die anfangs Widerwilligen mit fort. Da der Lehrer auch den Schulchor heranziehen wollte, um den Abend reicher zu gestalten, war kaum ein Haus im Dorf, das nicht den einen oder anderen Mitwirkenden stellte, und überall sah man der Feier mit freudiger Erwartung entgegen.
Am Nachmittag des zweiten Advent waren die Töchter und Schwestern der Sangesbrüder ins Schulhaus geladen, um unter Mariechen Timmermanns Leitung Rosen und Lilien für den Christbaum anzufertigen. Als Leidchen am Abend nach Hause kam, glühte sie selbst wie eine dunkelrote Christrose. »Gerd,« rief sie freudig erregt, »ich und der Lehrer wollen Weihnachtsabend ganz allein ein Lied zusammen singen, immer umschichtig, 'n Duett nennt er das,« und sie sang ihm den Anfang ihres Parts vor. »Deern, Deern,« sagte er ängstlich und doch auch erfreut, »das willst du auf dich nehmen?«
Gerd, der es übernommen hatte, den Christbaum zu besorgen, mußte mehrere Stellen, auf denen Sangesbrüder hausten, absuchen, bis er bei der Stütze des zweiten Basses einen fand, der ihm schön und schlank genug war. Wie er ihn die Dorfreihe entlang zu Wilhelm Behnken trug, hatte er bald zwei Dutzend Kinder hinter sich. Auf Bitten des Lehrers halfen er und Leidchen auch beim Schmücken des Baumes, und die beiden Geschwisterpaare waren sehr vergnügt dabei.
Endlich war der von alt und jung ersehnte 24. Dezember da, es schien aber, als hätten die Moorgründe sich gegen das Vorhaben der Brunsoder verschworen. Denn die graugelben Nebel, die sie den ganzen Tag heraufsandten, waren dick und zähe, und legten sich schwer auf das Land und die Lungen. Wer mit Husten zu tun hatte, tat heute ein übriges. Wer nachmittags um drei auf dem Brunsoder Damm ging, sah von der Dorfreihe nichts und entdeckte die ihn säumenden Birken erst, wenn er fast mit der Nase draufstieß. Aber um die Leute im Hause und der Feier fern zu halten, hätten die Moornebel noch dreimal so dick und schwer sein müssen.
Gegen halb vier fingen allerhand wunderliche Gestalten an, sich durch den feuchtkalten grauen Dunst zu arbeiten, mit viel Gestöhne und Gehuste, das zuweilen von einer kurzen Unterhaltung aus zahnlosem Munde unterbrochen wurde. Es waren die Ältesten des Dorfes, gebückte und verkrümmte Männlein und Weiblein, die ihren Torf seit Jahrzehnten heraus hatten und ihre Tage hinter dem Ofen verdämmerten. Viele von ihnen hatten noch nie einen brennenden Christbaum gesehen; denn in die Häuser fand er erst neuerdings Eingang, und eine kirchliche Christvesper, wie sie in den Geestdörfern üblich war, wurde in der über Quadratmeilen zerstreuten Moorgemeinde nicht abgehalten. Da wollten sie nun heute die gute Gelegenheit wahrnehmen, und bereits eine gute Stunde vor Beginn der Feier wankten sie an Stöcken und Krücken, zum Teil auch mit glimmenden Feuerkieken zur Erwärmung der Füße versehen, Behnkens Diele zu, um ihrer hart gewordenen Ohren und schwachen Augen wegen die vordersten Bankreihen zu besetzen.
Bald darauf koppelte sich die Schuljugend auf dem Damm. Die Eltern hatten das unruhige Völkchen gern vor der Zeit hinausgeschickt, um bei dem letzten Rüsten auf die Festtage die Füße frei zu haben. Fröhlich klangen die jungen Stimmen durch den Nebel. Ein paar übermütige Jungens machten sich einen Spaß daraus, plötzlich aus der Dunsthülle hervorzuspringen und die Mädchen zu erschrecken, die dann hell aufkreischten, lachten oder schimpften, je nach Gemütsart.
Was in den rüstigen Arbeitsjahren zwischen goldener Kinderlust und silbernem Greisenschmuck stand, stellte sich erst kurz vor fünf Uhr ein, als schon der Abend die Nebelmassen dunkelte. Väter und Mütter trugen ihre Jüngsten auf dem Arm oder ließen sie neben sich her puddeln. Die Sangesbrüder waren als die Helden des Tages leicht an dem festen, selbstbewußten Schritt zu erkennen.
Vor drei Jahren, als Behnkens Jan einheiratete und über hundert Haus zur Hochzeit geladen waren, hat die große Diele viel Gäste gesehen, aber heute sind's sicher noch weit mehr. Ein paar Bettlägerige und die Allerkleinsten mit ihren Wärtern abgerechnet, ist das ganze Moordorf beieinander und wartet der kommenden Dinge. Man sitzt auf Brettern, die über hochgekippte Torfgleise gelegt sind. Für die Bejahrtesten sind Stühle gestellt, damit sie die schwachen Rücken anlehnen können. Die halbwüchsige männliche Jugend hat die Hillen über den Kuhställen erstiegen und läßt zwischen den Hühnernestern die allzeit unruhigen Beine herunterbaumeln. Die Sänger nehmen das Flett ein: rechts der Verein »Feierabend«, links der Kinderchor. Zwischen ihnen, über der ehemaligen Herdstelle -- vor der letzten Hochzeit ist eine Küche mit Sparherd eingebaut worden -- ragt der Christbaum bis dicht unter die rußgeschwärzte sodglänzende Decke, noch von Dämmerdunkel umwoben, aber mit verheißungsvollem Funkeln im Gezweige. Die Nebelschwaden, die mit den Menschen eindringen, irren umher, ballen sich zusammen und umziehen drohend die paar Hängelampen, die hier und da kläglich durch den Dunst glimmen.
Aber mögen die Moornebel heut' noch so mächtig sein, hier drinnen sollen sie nicht zur Herrschaft gelangen. Ein Licht flammt auf, noch eins, und viele, und mit ihnen erglühen Rosen und Lilien ohne Zahl in den Zweigen des zu seiner vollen Pracht erblühenden Wunderbaumes. Da werden Hunderte von Augen weit und groß, alte und junge, helle und trübe, kalte und warme Augen; Augen, die von nichts wissen als von stumpf machender Mühe und Sorge, und Augen, die einem verborgenen Leben des inwendigen Menschen leise Zeugnis geben und heimlich in eine andere Welt zu schauen gelernt haben. Ein Paar solcher Augen hat die achtzigjährige Anntrin Gerken, vorn rechts im Lehnstuhl. Zum Sehen sind sie nicht mehr viel wert, aber schauen -- das können sie besser denn je, und wohl am besten von all den Augen, in denen sich heut' abend der Lichterbaum spiegelt.
»Tack, tack, tack.« Herr Timmermann, in schwarzem Gehrock und weißer Binde, schlägt mit seinem Stöckchen gegen eine Stuhllehne. Die Männer erheben sich wie ein Mann, mit Räuspern die Liederkehlen nachputzend und Atem auf Vorrat schöpfend. Das Stöckchen wippt, steigt, senkt sich, da bricht es los mit Donnergewalt: »Es ist ein Ros entsprungen, aus einer Wurzel zart.« Herr Timmermann hebt beschwörend die Hände, sendet drohende und flehende Blicke, zischt: +piano!+ -- es hilft alles nichts. Das Lampenfieber vor dem ersten öffentlichen Auftreten weicht nur der Gewalt, und so braust das zarteste aller Weihnachtslieder daher wie Donnerhall, wie Schwertgeklirr und Wogenprall. -- Das Fortissimo hat aber auch sein Gutes. Selbst die Taubsten in den vorderen Reihen, die ihre großen Handmuscheln als Schalltrichter hinter die Ohren gesteckt haben, bekommen etwas zu hören.
Herr Timmermann tritt vor dem Christbaum zu seiner jungen Schar hinüber, die ihn mit hellen, frohen Augen ansieht, und rein und süß erklingt es: »Ihr Kinderlein, kommet, o kommet doch all.« -- Der Pastor in Grünmoor kann morgen noch so schön predigen, die Brunsoder Frauen und Mütter wird er doch nicht so erbauen, wie's dieser Gesang ihrer Kinder tut.
So wechselt Lied um Lied aus Männerkehlen und Kindermund, bis Herr Timmermann mit dem Stöckchen klopft und verkündigt: »Keine Weihnachtsfeier ohne die liebe, alte Weihnachtsgeschichte. Hannchen, das jüngste Kind unseres Präsidenten und freundlichen Gastgebers, wird sie uns erzählen.«
Ein Alter auf der ersten Bank faltet die zitterigen Hände und erhebt sich, nach und nach folgt die ganze Versammlung seinem Beispiel. Inzwischen ist Hannchen, eine dralle Dickersche, mit kugelrunden braunroten Backen und geölt glänzendem Blondhaar, auf einen Binsenstuhl geklettert, setzt dem Dorf ein artiges Knickschen hin und beginnt, indes hinten in Vaters Stall eine Kuh brüllt, die Geschichte vom Stall zu Bethlehem. Sie macht ihre Sache sehr brav, und Mutter Behnken wischt sich Freudentränen aus den Augen. Vor zwölf Jahren, als Hannchen so gar spät hinter den Geschwistern ankam, und Jan, auf Weihnachtsurlaub zu Hause erscheinend, beim Anblick dieser unerwarteten Christbescherung sein Gesicht lang zog, hat sie sich ihrer ein wenig geschämt. Aber heute ist sie stolz auf ihr Nesthäkchen, und ihrem Ältesten, der selbst schon ein Kindchen auf dem Arm hat, sieht sie es an, daß er's auch ist.
Als Hannchen vom Stuhl zur Erde gesprungen ist, tritt Vater Behnken vor, einen tuchbedeckten länglichen Gegenstand im Arm, dem sich alle Hälse entgegenrecken. Die Hülle fällt, ein Regulator funkelt im Weihnachtslicht und wird dem verwundert dreinblickenden Lehrer auf die Arme gelegt. Der steht erst einen Augenblick starr, um dann seine Stimme zu erheben: »Meine lieben Sangesbrüder! Ich weiß nicht, was ich sagen soll. So haben Sie mich mit Ihrem prachtvollen Geschenk überrascht und erfreut. Wie soll ich das nur wieder gutmachen? ... Nun, ich verspreche Ihnen hier unter dem brennenden Christbaum, daß ich mit erneuter Freudigkeit meines Amtes als Ihr Dirigent walten werde, und gebe der Hoffnung Ausdruck, daß unser Männergesangverein ›Feierabend‹ je mehr und mehr sich als eine wirkliche Bereicherung unseres dörflichen Lebens erweisen wird und dem Dorf noch manche schöne Stunden, wie die heutigen, schenken möge. In diesem Sinne nehme ich die Gabe mit herzlichem Danke an. Aber nun fahren wir mit unserer Feier fort. Bitte, der Männerchor!«
Endlich kommt auch die Reihe an Leidchen Rosenbrock. Sie sitzt wohlgeborgen zwischen ihren Freundinnen, aber ums Herz herum ist ihr bänglich und beberig wie nie zuvor, nicht einmal vor der Konfirmandenprüfung vor bald zwei Jahren. Herr Timmermann gibt ihr ein Zeichen mit den Augen, und wie das nicht hilft, mit der Hand. Da rafft sie allen Mut zusammen und tritt vor, verwundert, daß die Beine, die sich wie Stöcker fühlen, sie tragen.
Nun steht sie unter dem Tannenbaum, spürt die würzige Wärme auf ihren glühenden Wangen, läßt ihre flimmernden Augen über das Köpfemeer vor sich irren, fühlt das Herzchen bis in den Hals hinauf klopfen. Wird sie überhaupt einen Ton über die Lippen bringen?
Ihr Partner blickt sie ermutigend an und singt ihr seine Frage zu. Und sie bleibt ihm die Antwort nicht schuldig. Zwar kommt sie ein wenig hastig und stoßweise, aber sie kommt. Das nächste Mal klingt's schon freier. Und im Wechselgesang geht's zwischen den beiden hin und her, immer froher, immer jubelnder, bis auf einmal Herr Timmermann sich herumwirft, beide Hände hoch erhoben, und nun die beiden Chöre mit einem »Ehre sei Gott in der Höhe« einfallen.
Leidchen hat ihren alten Platz wieder eingenommen. Die Nachbarin links krault ihr das Knie, die zur Rechten streichelt ihren Arm, eine Frau klopft ihr von hinten auf die Schulter. Wie sie aufblickt, sind die Augen fast aller Sangesbrüder auf sie gerichtet. Mariechen Timmermann nickt ihr zu. All diese Huldigung geht ihr ein wie feuriger, süßer Wein. Es kommt wie ein Freudenrausch über sie ...
Die letzten Lieder verklingen, indes die Lichter sacht niederbrennen und flackernd erlöschen, und die Türen öffnen sich in die stickdunkle Nebelnacht hinaus.
Leidchen wollte eben das Haus verlassen, als jemand sie am Arm festhielt. Es war Mariechen Timmermann, die ihr zuflüsterte, es wäre mit Gerd abgemacht, daß sie beide noch für eine Viertelstunde mit hinübergingen. Und schon hatte das zierliche Persönchen sich in ihren Arm gehängt und zog sie mit sich fort.
Als Gerd und der Lehrer ihnen nach einer Weile ins Schulhaus folgten, war der Tisch schon gedeckt, und bald saßen die vier beim Abendbrot, das aus mancherlei Wurst vom selbstgemästeten Schwein bestand, wozu eine Kaffeekanne süß duftende Schokolade spendete. Leidchens feine Nasenflügel flogen; denn sie liebte Schokolade sehr, hatte aber noch nie welche in flüssigem Zustande zu sich genommen.
»Genötigt wird bei uns nicht,« erklärte das Hausmütterchen nachdrücklich, aber die Gastgeber mußten sich doch bald zu des Landes Brauch bequemen. Denn wenn Leidchen auch ungebeten ganz wacker zulangte, so machte Gerd um so größere Schwierigkeiten und gab der Schwester mit den Augen heimlich Zeichen, daß sie nicht gar so frei und frech sein sollte. Er schämte sich ihrer fast ein wenig.
Als sie ihre Tasse hinhielt, um sie zum drittenmal füllen zu lassen, griff er kurz entschlossen über den Tisch, stülpte sie um und sagte: »Besten Dank, sie hat nun wohl genug.«
Mariechen sah ihn groß an.
»Kälber und Kinder Maß müssen alte Leute wissen,« erklärte er trocken.
»Hören Sie mal, Rosenbrock,« rief Mariechen verwundert, »Sie treiben Ihre Vormundschaft aber etwas weit.«
»Ja, ja,« stimmte Leidchen aus vollem Herzen zu, »ist gut, daß Sie ihm das auch mal sagen. Mir glaubt er's ja doch nicht.«
»Zur Strafe trinken Sie auch noch eine Tasse,« verfügte Mariechen, und es war schon zu spät, das Unglück noch zu wenden. Arg mußte er sich mit dem für seinen Geschmack viel zu süßen Zeug quälen.
Als die Lehrersleute dann auf einmal verschwunden waren, meinte Gerd, sie müßten nun wohl nach Hause gehen. Aber seine Schwester lachte ihn aus und sagte: »Mensch, es fängt doch erst an! Hör', wie die beiden da nebenan es wichtig haben!«
Er seufzte und wünschte sich lebhaft nach Hause. Das Ungewohnte bedrückte ihn.