Part 9
Gerd, den die unsicheren Eisverhältnisse der Hamme zu Umwegen gezwungen hatten, kehrte später zurück, als in seiner Absicht lag. Er fand eine ziemlich fortgeschrittene Stimmung vor. Er nickte den gerade wieder Singenden grüßend zu und schritt durch die Stube, um das einzige Fenster, das zum Öffnen eingerichtet war, aufzumachen. Denn die Luft war in dem niedrigen tabaksqualmerfüllten Raum so heiß und dick, daß es einem, der von draußen kam, schier den Atem versetzen wollte. Dann begab er sich in die Ecke hinter den Ofen.
Als das Lied aus war, kam Müllers Hermann zu ihm, begrüßte ihn durch Handschlag und erzählte, auf welche Weise er hier unter das Koppel verschlagen wäre. Nachdem er noch einige Worte mit ihm gewechselt hatte, begab er sich an seinen Platz zurück. Die andern nahmen weiter keine Notiz von dem Ankömmling. Er galt ihnen nun einmal als Sonderling und Drögepeter, den man am besten sich selbst überließ. Doch schien es, als ob seine Anwesenheit auf die ausgelassene Lustigkeit lähmend wirkte.
Aber Krischan Wedderkopp ließ sich das weiter nicht anfechten, er hatte mehr getrunken als die anderen und war nun einmal in der Fahrt. Nachdem er schon allerhand Unfug gemacht hatte, brach er durch die Reihe der Spinnerinnen und näherte ein angebranntes Streichholz der Hängelampe, wie um es über ihr neu zu entzünden. Doch plötzlich knipste er es fort, hielt die flache Hand schräg hinter das Glas und blies scharf dagegen. Die Lampe erlosch, die Gesellschaft befand sich im Dunkeln, und das Kreischen der Mädchen verriet, daß einige Burschen sich sofort kleine Freiheiten erlaubten. Es drohte ein tolles Durcheinander zu werden.
Da donnerte es aus der Ofenecke: »Steckt das Licht wieder an!« Aber niemand gehorchte.
Gerd fand Schwefelhölzer in seiner Westentasche und riß eins an der warmen Ofenplatte in Brand. Aber ehe die bläulich schwelende Flamme das Holz recht ergriff, wurde es ihm in der Hand ausgeblasen.
Ein zweites hatte das gleiche Schicksal.
»Nehmt euch in acht!« rief Gerd, ein drittes in den hohlen Händen schützend. Eben wollte er es zur Lampe emporheben, als es wieder erlosch.
Es fing an, in ihm zu kochen, und als auch das vierte Zündholz, das er, unter der Lampe stehend, am Hosenboden angerissen hatte, ausgeblasen wurde, schnellte er die rechte Hand scharf zur Seite und traf jemanden nicht eben sanft auf den Mund und Backe. Es gab einen dumpfen Klapp und gleich darauf ein wildes Gejohle.
Mit dem fünften Streichholz brachte er unter dem Schutz seiner geballten Faust die Lampe glücklich in Brand.
Die Mädchen strichen sich die verwirrten Haare glatt, banden die aufgelösten Schürzenbänder zu und setzten sich ehrbar wieder an ihre Spinnräder.
»Muß mir doch mal die Schnuten ankucken, wen's getroffen hat,« sagte Krischan Wedderkopp und sah mit seinem Faungesicht den einzelnen scharf auf den Mund, bis er vor dem Müller stehen blieb und mit schadenfrohem Lachen rief: »Hier hat's eingeschlagen!«
Hermann leugnete und stellte eine unbefangene Miene zur Schau. Aber die gerötete Backe verriet ihn.
Es erhob sich ein helles Gelächter, in das auch die Mädchen mit einstimmten. Hermann fühlte, daß er etwas tun mußte, um seine schwer gefährdete Soldaten- und Burschenehre zu retten.
Er trat vor Gerd hin, der sich in seinen Winkel zurückgezogen hatte und lässig gegen den Ofen lehnte.
»Gerd, du hast mich geschlagen!«
»Warum hältst du deinen Schnabel hin?« fragte der gelassen.
Die Burschen zogen eine Mauer um die beiden. Die Mädchen, sich im Hintergrund haltend, sahen ängstlich und neugierig zwischen ihnen durch; die kleineren waren auf Stühle gestiegen. Jan Monsees suchte den Kameraden mit gütlicher Zusprache zu beruhigen, während Krischan Wedderkopp hetzte: »Hiß, hiß! Wer sich aufs Maul schlagen läßt, ist kein Kerl.«
»Ich verlange, daß du auf der Stelle Abbitte tust,« stieß der Müller in heiserer Stimme heraus.
Gerd schwieg und verharrte in seiner lässigen Haltung.
Da langte der Kriegsmann, sich hoch aufrichtend, mit großer Gebärde nach dem Seitengewehr. Jedoch bevor er es ziehen konnte, war Gerd zugesprungen, hatte ihn mit Untergriff gepackt und streckte den langen Menschen der Länge nach in den Streusand des Fußbodens. Dann ließ er ihn aber sofort los, steckte beide Hände in die Hosentaschen und lehnte sich wieder gegen den Ofen.
Die helle Wut im Gesicht, sprang der andere auf die Füße, zog blitzschnell seine Waffe und wollte auf den Gegner eindringen. Aber Leidchen, die Kette der Burschen durchbrechend, warf sich ihm mit einem gellenden Schrei entgegen, und zugleich packten ein paar kräftige Arme den Rasenden. »Was? Der will uns mit seinem Käsemesser zu Fell?« »Was hat der großschnauzige Kerl überhaupt in unserem Koppel zu suchen?« »Raus mit ihm!« schrie es durcheinander, und obgleich Jan Monsees kameradschaftlich Einspruch erhob und Leidchen bat und flehte, beförderten die erhitzten, eifersüchtigen Burschen den ungebetenen Gast, so sehr er sich mit Händen und Füßen wehrte, erbarmungslos zur Stube und zum Hause hinaus.
Mit dem Spinnen war es jetzt natürlich vorbei, obgleich Leidchen dringend bat, wieder Platz zu nehmen. Eine Weile stand ihre Geburtstagsgesellschaft noch in der Stube durcheinander, das Vorgefallene leidenschaftlich besprechend, dann nahmen die Mädchen ihre Spinnräder in den Arm, und das Koppel zog aufgeregt zum Hause hinaus.
Gerd hatte schon vor den anderen die Stube verlassen und sich hinten auf der Diele bei dem Vieh zu schaffen gemacht.
Als er auf das Flett zurückkam, begegnete ihm Leidchen, die soeben ihre Gäste zur Seitentür hinausgeleitet hatte.
»Na, sind wir das rüde Volk endlich aus dem Hause los?« fragte er arglos.
Wie eine fauchende Katze, als ob sie ihm an den Kopf wollte, kam sie auf ihn zugefahren, ihre Augen schossen Blitze, der ganze Körper zitterte vor Erregung, und mit zornerstickter Stimme rief sie:
»Das vergess' ich dir mein Lebtag nicht, was du mir heut' abend angetan hast!«
»Ich? Dir?« fragte er verwundert.
»Nun stell' dich auch noch dumm! Du hast mir meinen ganzen Geburtstag ausgeschändet. Wir waren alle so vergnügt und lustig ... bis du kamst. Da war's mit einemmal vorbei. Du gönnst mir ja keinen Spaß, das weiß ich schon lange.«
»Leidchen!«
»Ich hatte mich so gefreut, daß Müllers Hermann sich auch mal bei uns sehen ließ. Denn das war eine große Ehre für mich; und er hat uns so spaßige Geschichten erzählt. Und nun muß er so aus dem Hause kommen! Schämen muß'n sich vor den Leuten wegen so 'nem Bruder!«
»Wenn du dich wegen sonst nichts zu schämen brauchst, dann sei froh. Ja, schämen solltet ihr euch wirklich, ihr großen Mädchen, so im Dunkeln mit den Jungens herumzutoben! Daß eine, wie Anna Rickers, dazu Lust hat, nimmt mich nicht wunder. Aber daß dir das Spaß macht, Leidchen, das tut mir in der Seele weh ... Pfui, sich von einem Kerl, wie Krischan Wedderkopp, anfassen zu lassen!«
»Mich hat kein Krischan angefaßt! Nur die Schleife vom Schürzenband hat mir einer aufgezogen, und was ist da groß bei? Aber so bist du schon immer gewesen: aus der Mücke machst du einen Elefanten und aus einem kleinen Spaß gleich 'ne große Sünde. Mit jedem Tag wirst du ducknackiger, das sagen die anderen auch. Ich glaube, das kommt davon, daß du so viel mit dem Schulmeister läufst, worüber alle Leute sich wundern. Von dem lernst du wohl das Schulmeistern und Aufpassen. Aber ich lasse mir das nicht länger gefallen, ich hab's jetzt gründlich satt ... Was du mir heut' abend angetan hast, das vergess' ich dir so leicht nicht. Warte, ich spiel' dir noch mal einen Streich, daß du auch dran denken sollst!«
Sie hatte die Hand zur Faust geballt und sie drohend gegen ihn erhoben.
»Man sachte, man sachte!« klang es begütigend von der Seitentür her, durch die Jan und Trina soeben eingetreten waren. »Deern, was hast du denn bloß?« fragte die letztere, »du bist ja wohl nicht recht klug.«
Leidchen war jäh verstummt und mit einem feindseligen Blick auf den Bruder ging sie in ihre Kammer.
»Was hat sie denn?« fragte Trina, ihr Kopftuch lösend und von dem langen Weg ermüdet auf einen Stuhl sinkend.
»Nichts Besonderes,« sagte Gerd, »die Deerns kriegen manchmal so ihren Rappel.«
Damit wandte er sich und suchte seine Schlafkammer auf, die an der Großen Diele lag.
8.
Als Gerd am nächsten Morgen erwachte, hoffte er, Leidchen würde ihn wegen ihrer häßlichen Ausfälle vom gestrigen Abend um Verzeihung bitten, oder doch auf irgendeine Weise merken lassen, daß sie ihr leid täten. Aber in dieser Erwartung täuschte er sich. Sie tat den ganzen Tag, als ob er nicht vorhanden wäre, und sah auch bei Tisch, wo sie sich gegenüber saßen, geflissentlich an ihm vorbei.
Beim Mittagessen machte die Schwägerin den Versuch, die Geschwister zu versöhnen, wurde aber von Leidchen schroff zurückgewiesen. Jan, der abends vorm Kuhstall dasselbe versuchte, erging es nicht besser.
Wenn sie ohne ihn fertig werden könnte, sagte sich Gerd, so könnte er es ohne sie erst recht. Allerlei Magdarbeiten, die er ihr bislang abgenommen hatte, weil sie größere Körperkraft verlangten, ließ er fortan sie selbst verrichten, und sie kam ihnen mit einer Art Trotz nach, aber doch so, daß die Ausführung zu Tadel keinen Anlaß bot. Überhaupt schien sie ihre Ehre darein zu setzen, ihm zu zeigen, daß sie auf eigenen Füßen stehen konnte und seiner Hilfe und Aufsicht nicht mehr bedurfte.
Gerd empfand diesen Zustand aber doch bald als drückend und fing an zu erwägen, ob er nicht seinerseits Schritte zum Frieden tun sollte. Aber er schob das immer wieder hinaus, in der Hoffnung, daß sie eines Tages ihr Unrecht einsehen und ihm wenigstens einen kleinen Schritt entgegen tun würde.
So liefen einige Wochen ins Land.
Die Gräben, die eine längere Frostzeit von Mitte Dezember an verschlossen gehalten hatte, wurden Ende Januar von Tauwind und Landregen schnellstens aufgeschlossen, und man rüstete eiligst die Schiffe, um nicht das in dem kalten Winter flott gehende Torfgeschäft ganz den Pferdebauern zu überlassen, die mit den braunen Kumpwagen bei jeder Witterung zur Stadt fahren konnten.
Als Gerd an einem Spätnachmittag von der ersten Bremerfahrt des neuen Jahres nach Hause kam, bemerkte er sofort, daß Leidchens böse Laune umgeschlagen war. Sie bot ihm die Tageszeit, trug ein reichliches und gutes Vesperbrot auf und setzte sich mit an den Tisch, um ihm Gesellschaft zu leisten. Er hatte aber das Gefühl, daß hinter dieser Freundlichkeit etwas weniger Erfreuliches lauerte und nahm sich vor, möglichst einsilbig zu sein, in der Erwartung, daß es dann am ehesten ans Licht kommen würde. So aß er denn und schwieg.
Nach einer Weile sagte sie: »Du bist ja so still heute, Gerd.«
Er zuckte die Achseln.
»Weißt du das Neueste?«
Er verriet nicht das geringste Interesse, es zu erfahren.
»Georg Marwede, der in der Bremer Neustadt das große Milchgeschäft hat, ist heute hier gewesen und hat auf unsere Rotbunte gehandelt.«
»Hm.«
»Aber Jan ist nicht eins mit ihm geworden.«
»Hm.«
»Aber ich bin mit ihm eins geworden.«
»Diese Sülze schmeckt gut.«
Sie sah verwundert zu ihm hinüber, der mit vollen Backen kaute.
»Du sollst dich wundern! ... Ich hab' mich ihm nämlich auf den Herbst als Fräulein für die Küche und die Kinder vermietet.«
»So ...«
»Nicht wahr, darüber freust du dich doch auch?«
»Mir ist das alles eins. Meinetwegen hättest du dich auch nach Hamburg oder Berlin vermieten können.«
Leidchen hatte das Gefühl einer großen Enttäuschung. Als am Vormittag der Bremer Milchmann, zuerst im Scherz, ihr die Stelle in seinem Hause angeboten hatte, war ihr erster Gedanke gewesen, das wäre eine gute Gelegenheit, Gerd einmal recht tüchtig zu ärgern. Den ganzen Tag hatte sie sich dann auf den Augenblick gefreut, wo sie ihn mit der unangenehmen Neuigkeit überraschen könnte. Und nun nahm der Mensch das so auf!
Sie glaubte noch immer, er heuchle nur Gleichgültigkeit und müsse gleich auf die Angelegenheit zurückkommen. Aber er nahm sich noch ein Stück Sülze, aß und schwieg.
Da erschrak sie vor der plötzlichen Erkenntnis, wie weit sie und ihr Bruder auseinander gekommen waren. Das hatte sie ja gar nicht gewollt. Sie hatte ihn für die Störung ihrer Geburtstagsfeier bestrafen und sich bei dieser Gelegenheit größere Freiheit erringen wollen, aber nie daran gedacht, ihn ernstlich von sich zu stoßen. Denn wenn er ihr auch manchmal unbequem war, eigentlich war sie dem so treu um sie besorgten Bruder doch stets in schwesterlicher Liebe zugetan gewesen. Im Grunde war es ihr auch recht, daß er anders war als die übrigen, daß er anderen Umgang und andere Erholung suchte als Jakob Kück und Krischan Wedderkopp.
Gerd war mit seinem Vesperbrot fertig und stemmte die Hände auf den Tisch, um sich zu erheben, als Leidchen auf einmal fragte: »Bist du noch immer böse auf mich?«
»Du gehst deinen Weg, ich geh' meinen,« sagte er trocken. »Schiedlich, friedlich, dabei stehen wir uns beide am besten.«
»Nein, Gerd, nein! Das halt' ich nicht länger aus. Bitte, sei wieder gut mit mir!«
Sie streckte ihm bittend die Hand über den Tisch entgegen. Einen Augenblick zögerte er, dann nahm er sie, indem er befreit aufatmete, sie mit frohen Augen ansah und freudig bewegt rief: »Leidchen, glaub' mir, mir ist es auch lieber so.«
»Was meinst du zu der Stelle, die ich angenommen habe?« fragte sie, vor Ungeduld brennend, die Rede auf das zu bringen, was sie den Tag über beschäftigt hatte.
»Hm. Wieviel Lohn gibt's?«
»Lohn nicht, aber etwas Gehalt.«
»Der Name tut nichts zur Sache. Wieviel?«
»Für den Anfang fünfundzwanzig Taler.«
»Deern, du bist wohl nicht recht bei Trost! Hier bist du bald nach fünfzig hin, und gehst in die Stadt für fünfundzwanzig?«
»Dafür bin ich aber auch Fräulein.«
Er zuckte verächtlich mit den Achseln.
»Ich esse mit der Herrschaft am Tisch ...«
»Das heißt, du kannst ihre Krabben füttern und ihnen die Schnäbel abwischen.«
»Und für die groben Arbeiten wird ein Dienstmädchen gehalten.«
»Ach so, du bist auf einmal zu fein, den Besen in die Hand zu nehmen.«
»Kuck', nun fängst du schon wieder an!«
»Was sagen denn Jan und Trina dazu?«
»Die wollen mich zum Herbst ganz gern ziehen lassen. Sie können es ja genug mit einem kleinen Mädchen für weniger Lohn tun.«
»Ach, Leidchen, hättest du mich doch vorher gefragt! Wir kennen die Leute ja gar nicht. Ich hätte mich mal in der Stadt nach ihnen umhören können ... Läßt sich die Sache nicht noch rückgängig machen?«
»Nein, ich habe den Mietstaler schon angenommen.«
Gerd sah bekümmert und ratlos vor sich hin. Aber plötzlich schlug er mit der Faust auf den Tisch und rief erfreut: »Daß ich daran nicht gleich gedacht habe! Deern, du bist noch nicht volljährig. Wenn dein Vormund nein sagt, gilt der Taler nicht. Sonntag nachmittag geh' ich hin und bringe die Sache in Ordnung.«
»Du kannst mich mitnehmen,« sagte Leidchen, »und dann überlegen wir drei uns das mal ganz vernünftig. Du magst recht haben, ich hab' die Sache etwas übers Knie gebrochen ... Ich will mich auch noch mal besinnen ...«
* * * * *
Kord Rosenbrock war der älteste Sohn des Rosenbrockschen Hauses gewesen, hatte aber das väterliche Erbe seinem Bruder Jan überlassen und mit einer kinderlosen Witwe eine achtzig Morgen große hypothekenfreie Stelle in Tunkendorf auf der Südseite des Kirchspiels erheiratet. Da die Ehe kinderlos geblieben war, hatte er sich bald gesagt, es würde eine Dummheit sein, sich für seiner Frau Schwesterkinder abzurackern. So schonte er denn das Torfmoor für kommende Geschlechter und ließ das Schiff im Graben verfaulen. Ein Paar glatter Dänen nebst Kutschwagen, sowie die Pachtung der Dorfjagd kostete allerhand Geld, aber das von seinen Vorwesern tüchtig heraufgearbeitete Besitztum konnte schon einige Hypotheken tragen. Ein stattlicher Vollbart und ein rundliches Bäuchlein unterschieden den Mann außerdem noch von den meist glatt rasierten und hager sehnigen Männern des Landes. Sein Stolz aber war die ausgedehnte Rechtskunde, die er sich aus Gesetzsammlungen und volkstümlichen Kommentaren zusammengelesen hatte. Um sie auch praktisch zu verwerten, hatte er meistens ein Prozeßchen in Gang, wozu die etwas verwickelten Stau- und Rieselrechtsverhältnisse von Tunkendorf bequeme Gelegenheit boten.
Gerd und Leidchen, die am Sonntag vormittag in Grünmoor die Kirche besucht hatten, kamen gerade zur rechten Zeit an. Sie fanden Onkel und Tante bei der angenehmen Beschäftigung, einen sauber gespickten und hübsch braun gebratenen Moorhasen zu verzehren, und wurden eingeladen, mitzuhalten.
Nach der Mahlzeit, während Tante Beta den Tisch abräumte, lehnte Onkel Cord sich im Sofa zurück, faltete die Hände über dem Magen und fragte: »Na, Kinder, was führt euch denn her?«
»Wir kommen in Vormundschaftssachen,« sagte Gerd. »Es handelt sich um Leidchen.«
Der Vormund betrachtete sein schmuckes Mündel mit Wohlgefallen: »Was ist denn mit dir, Kind? Du willst doch nicht schon heiraten? Ich könnte mir denken, daß sich bald einer fände, der dazu Lust hätte.«
Leidchen schüttelte lächelnd den Kopf. Gerd aber runzelte die Stirn und sagte: »Es handelt sich um eine ernste Sache. Das Mädchen hat sich leichtsinnig nach Bremen vermietet und mich vorher nicht einmal gefragt.«
»Dazu ist sie nach den Gesetzen auch nicht verpflichtet,« erklärte der Onkel.
»Aber Euch als Vormund hat sie auch nicht gefragt,« rief Gerd, ärgerlich über dessen Weise, die Angelegenheit zu behandeln.
»Ich denke, dazu ist sie jetzt eben gekommen,« versetzte Cord Rosenbrock, dem hitzige Menschen unangenehm waren, die Daumen umeinander drehend. »Na, Deern, warum möchtest du denn gern nach der Stadt?«
Leidchen war um Gründe nicht verlegen. Sie wollte sich gern mal verändern, bei der Schwägerin könne sie doch nichts mehr lernen. Sie möchte auch versuchen, wie ihr die feine Arbeit gefiele. Denn ob sie Lust hätte, das ganze Leben Torf zu backen, das stünde noch dahin.
Der Vormund nickte und meinte, das ließe sich hören. Die Rosenbrocks, die von dem großen Geesthof Trommsloh stammten, hätten von jeher in die Höhe gestrebt, weshalb er selbst zum Beispiel es auch zu einem Hof gebracht habe, der doppelt so viel wert sei, als seine väterliche Stelle in Brunsode. »Es freut mich,« schloß er, »daß dieser Trieb auch in dir ist. Und was hast du dagegen, Gerd?«
»Erstens mal,« begann dieser mit verhaltenem Zorn, »ist es eine Schande, wenn ein so großes, starkes Mädchen nicht mehr verdient als fünfundzwanzig Taler. Fürs Vorwärtskommen bin ich ganz gewiß auch. Aber dazu gehört nicht, daß unsereins den feinen Herrn spielt und so' ne dumme Deern sich Fräulein nennt. Was die richtigen Fräuleins sind, die machen sich ja doch bloß über so eine lustig. Was Leidchen fürs Leben braucht, das kann sie hier auf dem Lande genug lernen, wenn sie nur die Augen aufmacht. Wenn sie nach Bremen ginge, könnte ich keine ruhige Stunde mehr haben. Denn sie ist wohl von Herzen gut, aber ein bißchen leicht. Ihr lacht, Onkel? Da ist wirklich nichts zu lachen! Ihr habt Euch die Vormundschaft ziemlich leicht gemacht, und wir beide haben uns selbst geholfen. Aber in dieser Sache müßt Ihr mal zum Rechten sehen, und ich bitte Euch, sprecht ein strammes Nein!«
Cord Rosenbrock hatte sich aus der behaglichen Lässigkeit eines Mannes, dem es gut geschmeckt hat, aufgerafft und sah den mit großem Ernst und Nachdruck sprechenden Brudersohn aus weiten, runden Augen an. Als der fertig war, holte er Atem, um ihm geziemend zu antworten. Aber plötzlich fiel ihm ein, daß er gleich sein Mittagsschläfchen halten wollte, und daß Erregung des Gemüts diesem nicht zuträglich zu sein pflegte. So wandte er sich lieber an Leidchen und sagte: »Du arme Deern, was hast du wohl unter solch einem Obervormund zu leiden gehabt! Ich verlange jetzt, daß du die Stelle in Bremen annimmst, und spreche dich ein für allemal von Gerds angemaßter Vormundschaft frei.«
Gerd saß starr und steif und blickte unter gesträubten Augenbrauen weg den Onkel feindselig an. »Angemaßt,« sagte er mit dumpfer Stimme, »habe ich mir gar nichts. Was ich für Leidchen getan habe, das hab' ich ihrer Mutter auf dem Sterbebett geloben müssen.«
Onkel Cord hob die Beine auf das Sofa und sagte, er müßte nun schlafen. Wenn sie wollten, könnten sie sich noch etwas in Haus und Hof umsehen. Gerd aber drängte zum Aufbruch, und Leidchen erhob keinen Widerspruch.
Sie gingen auf dem Rückweg stumm nebeneinander her, indem er an seinem Ärger würgte und sie im stillen ihren Triumph auskostete.
Am nächsten Tag traf Gerd zufällig Herrn Timmermann, der nach der Schule mit seinem Hündchen auf dem Damm spazierte, um die Abendröte zu genießen, und sie gingen eine Strecke miteinander.
Nachdem sie eine Weile über dies und das gesprochen hatten, faßte er sich Mut und schüttete sein Herz aus.
Er hoffte natürlich, der Lehrer würde seine Partei ergreifen. Aber darin irrte er sich sehr. Der Mann schalt ihn einen Schwarzseher, sprach seine Freude über Leidchens Entschluß aus und meinte, ein bißchen Umlernen würde ihr sehr gut tun. Er hätte eigentlich schon immer dazu raten wollen.
»Aber sie hätte mich doch wenigstens fragen können,« versetzte Gerd enttäuscht.
»Vielleicht wäre dann nichts daraus geworden,« sagte der andere lächelnd.
»Ich finde das undankbar von ihr, eine so wichtige Sache hinter meinem Rücken abzumachen.«
»So recht dankbar,« meinte der Lehrer nachdenklich, »möcht' ich beinah' glauben, ist die liebe Jugend nie. Wenn ich meinen früheren Schülern, an denen ich jahrelang mein Bestes getan habe, mal wieder begegne, sehen sie mich meist fremd und mißtrauisch, ja nicht selten feindselig an. Soll ich deshalb mein Angesicht verhüllen und über die Undankbarkeit der Welt jammern? Ich meine, ein anständiger Mensch soll überhaupt nicht nach Lohn und Dank schielen, sondern seine Pflicht tun ... Aufrichtig gesagt, Gerd, im Grunde freue ich mich, daß Leidchen Ihnen aus der Schule laufen will. Denn -- nehmen Sie mir das nicht übel -- Sie haben reichlich viel vom Schulmeister Ihrer Schwester gegenüber.«
»Was?«
»Wenn ein Schulmeister Ihnen das sogar sagt, können Sie's ruhig glauben. Und gerade für Leidchen, glaub' ich, ist das nicht gut. Es gibt Kinder, die dumme Streiche nicht aus Schlechtigkeit machen, sondern um ihren Lehrer mal tüchtig zu ärgern. Und das sind meist nicht die schlechtesten!«
»Also Sie meinen, ich soll sie ruhig ziehen lassen?«
»Ja, was denn sonst?«
»Aber es hat doch gar keinen Zweck für eine, die ihr Leben durch Torf backen soll.«
»Können Sie wissen, wie das Leben Ihrer Schwester sich einmal gestalten wird?«
Als die beiden sich getrennt hatten und Gerd eine Strecke in Gedanken dahingeschritten war, blieb er auf einmal stehen und legte den Zeigefinger lang an die Nase.
Hm hm. Der Mann hatte ihn vorhin so wunderlich angesehen, und hatte schon länger raten wollen, Leidchen mal in die Stadt zu geben? Sollte er vielleicht seine Gründe dazu haben?
Zum Kuckuck! Das wäre eine feine Sache, wenn Leidchen mal im Schulhause unterkommen könnte, bei einem Mann, wie er ihn sich besser ja gar nicht zum Schwager wünschen konnte. Und warum sollte das nicht möglich sein? Eine Deern, wie Leidchen? Da hatten doch schon ganz andere ihr Glück mit einem Lehrer gemacht ...
Ja! Dann lag die Sache freilich anders! Dann war's ja ein Glück, daß Leidchen im Herbst erst mal nach Bremen ging. Denn direkt aus der Torfkuhle holte so'n Lehrer sich die Frau am Ende doch nicht gern ...
Als Gerd nach Hause kam, zeigte er seiner Schwester ein sehr vergnügtes Gesicht. Bei nächster Gelegenheit kaufte er ihr von einem Hausierer ein hübsches Schultertuch, und ohne sich aufzudrängen, pflegte er doch die Freundschaft mit dem Schulhause nach Möglichkeit.
* * * * *
Da Gerd seine Erzieherneigungen fortan möglichst im Zaum hielt und Leidchen ihm auch wenig Anlaß gab, sie zu betätigen, lebten und arbeiteten die Geschwister den Frühling und Sommer über in hübscher Eintracht.
Als der September ins Land kam, meinte sie einmal, es wäre schade, daß er nicht immer so nett mit ihr gewesen wie die letzte Zeit; sie hätte sonst ebensogut in Brunsode bleiben können. Aber er schüttelte bedeutungsvoll den Kopf und sagte: »Leidchen, ich glaube doch, es ist besser, daß du dich erst mal in anderen Verhältnissen umkuckst. Man kann ja auch gar nicht wissen, was der liebe Gott noch alles mit dir im Sinn hat.« Sie sah ihn fragend an. Aber er zuckte die Achseln und sagte noch einmal: »Man kann nie wissen.«
Anfangs Oktober traf er den kürzlich zur Reserve entlassenen Jan Monsees, der allerlei zu erzählen wußte, unter anderm auch, Müllers Hermann wäre Bursche bei einem nach Spandau kommandierten Hauptmann geworden. Da er gerade eine Zigarre in der Tasche hatte, schenkte er sie dem Überbringer dieser ihm sehr angenehmen Nachricht.
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