Chapter 2 of 24 · 3929 words · ~20 min read

Part 2

Was Geschmargret Rosenbrock die letzte Ehre erweisen wollte, war schon vollzählig versammelt. Das obere Dorf, bis zur Schule, war Haus für Haus vertreten, aber auch das untere hatte eine stattliche Anzahl zum Gefolge geschickt. Die Frauen saßen in den Stuben und tranken Kaffee. Die Männer, die meist auf der Herddiele umherstanden, ließen ein paar Flaschen kreisen. Diese mußten öfter als gewöhnlich aus dem irdenen Kruge von neuem gefüllt werden; denn die Kälte hatte noch nicht im geringsten nachgelassen und nur wenige waren im Besitz eines wärmenden Überziehers.

Herr Lenz nahm in der Wohnstube ein Glas Grog an, »wegen der schneidenden Luft,« wie er halb entschuldigend bemerkte. Als er es geleert hatte, wechselte er einen Blick mit Beta Rotermund, die heute im Haus das Sagen hatte, strich sich den Bart und trat voll Würde auf die große Diele hinaus, wo er am Kopfende des über Stühlen aufgestellten Sarges Aufstellung nahm. Die Singjungens sammelten sich ihm zur Linken, den Platz an seiner Rechten wies er durch eine Handbewegung den Hinterbliebenen an. Aber nur die beiden Kinder kamen, Jan zog es vor, als weniger beteiligt, sich etwas im Hintergrunde zu halten. Eine Kuh, die brüllend den Kopf vorstreckte, bekam einen mißbilligenden Blick, woraufhin einer der umstehenden Männer ihr einen Stoß gegen den Hals gab.

Und dann feierte Herr Lenz, nachdem er ein Sterbelied hatte singen lassen, die stille Frau zwischen den mit Sago beklebten schwarzlackierten Brettern als treue Gattin, liebevolle Mutter, fleißige Arbeiterin und geduldige Kreuzträgerin. Darauf wandte er sich halbrechts zu ihren Kindern, malte mit grellen Farben das Elend verlassener Waisen und tröstete, die Hand wie segnend erhoben, Gott, der Witwen und Waisen Vater, werde sie nicht verlassen noch versäumen.

Herr Lenz liebte das große Wort und die feierliche Gebärde, und die Brunsoder waren stolz darauf, daß sie bei solchen Gelegenheiten keinem der fünfzehn Lehrer des Kirchspiels so zu Gebote standen, wie ihrem guten Lenz. Ja, nicht einmal der alte Pastor in Grünmoor konnte es so rührend machen und die Tränen so locken wie er. Diese flossen denn auch jetzt gar reichlich. In diesem Lande, wo das Wasser überall rinnt und sickert, sitzt es auch über den Augen recht lose.

Gerd aber stand mit trockenen Augen, den Kopf auf die Brust gesenkt und die Hände über der Mütze gefaltet. Er hatte sich in der Stille der letzten Tage ausgeweint, und daß er vom Lehrer, den er im Grunde nicht liebte, zum Gegenstand des allgemeinen Mitleids gemacht wurde, berührte ihn peinlich.

Das kleine Mädchen verstand von all den schallenden Worten so gut wie nichts. Das feierliche Gepränge an der Stätte, wo sie zu Füßen der Mutter mit Polli, Musch und Poppedeidei gespielt hatte, bedrückte und verwirrte ihren kindlichen Geist. Im roten Sonntagskleidchen stand sie an des Bruders Seite und sah aus der dunkelblauen Wollkapuze, die ihr feines Gesichtchen umrahmte, mit den großen, unschuldigen, lichtbraunen Augen verwundert zu den schwarzen Menschen auf, die so todernste Mienen zeigten oder sich im Gesicht herumwischten. Eine Zeitlang lenkte ein schmaler Lichtstreif, der hell und warm auf dem Kinde lag, manchen still verwunderten Blick nach ihm hin. Denn solche Lieblichkeit und Frische erblüht nur selten unter dem hart arbeitenden Geschlecht des schwarzbraunen Moorlandes.

Als der Wagen in den zerfahrenen und gefrorenen Gleisen des Dammes knarrte, saß Leidchen eng und warm verpackt zwischen zwei Frauen, und ihre Blicke wanderten über den Sarg vor ihren Knien in die Welt hinaus, die mit Hochmooren, Ackerbreiten, Wiesen und Reihendörfern im schönsten Wintersonnenglanze sich vor ihr dehnte. Es war ihre erste Fahrt, von der allerersten im Steckkissen, zur Taufe, abgesehen. Gerd schritt indessen, die frierenden Hände in den Jackentaschen vergraben, als einziger unmittelbar hinter dem Wagen; denn das Gefolge hatte sich schnell in Gruppen aufgelöst, die nach und nach zurückblieben und den anderthalbstündigen Weg durch Unterhaltung zu kürzen suchten.

Das ausgedehnte Kirchspiel Grünmoor hatte nur eine einzige sandige Bodenerhebung, die es gestattet, den Toten aus den achtzehn Kolonien trockene Ruhestätten zu geben. Hier ist darum auch um das schlichte, den ersten Ansiedlern vom Landesherrn geschenkte Gotteshaus der geräumige Friedhof angelegt worden. In seiner Anlage und Aufteilung zeigt er ein ziemlich getreues Bild der Gemeinde im kleinen. Den langen Reihendörfern entsprechen hier die Reihen der Erbbegräbnisse. Die im Leben Nachbarn waren, werden es im Tode wieder. Die Rosenbrocks, Rotermunds, Frerks, Wöltjens und Böschens wohnen auch hier freundnachbarlich beieinander.

Die zunehmende Wohlhabenheit einzelner Moordörfer zeigt sich hier und da in unschönen protzigen Denkmälern aus Zementguß. Die Kolonisten der ärmeren Dörfer, zu denen auch Brunsode gehört, setzen wohl einmal ein Kreuz aus Tannenholz, das in wenig Jahren zerfällt; im übrigen begnügen sie sich mit dem grünen Schmuck, den die Natur ihren Ruhestätten verliehen hat.

Das Rosenbrocksche Erbbegräbnis bezeichnet ein hochragender dunkelgrüner Wacholder. Der erste Brunsoder Rosenbrock hatte den Baum, der heute als einer der stattlichsten des Friedhofs in winterlichem Prachtgeschmeide funkelte, vor mehr als hundert Jahren von den Heiden seiner Geestheimat ins Moor herabgeholt, um ihn seiner jung verstorbenen Frau zum Gedächtnis zu pflanzen. Zu seinen Füßen hatte des Totengräbers Hacke, Axt und Spaten in mehrstündiger Arbeit das hart und tief gefrorene Erdreich geöffnet.

Nachbar Wöltjen, der tappige Mensch, stach beim Schließen des Grabes nicht wie die andern nach dem losen Sande, sondern ließ die gefrorenen Erdklumpen auf den Sargdeckel poltern. Da schmiegte sich die Schwester unwillkürlich enger an den Bruder, und der legte wie schützend den Arm um sie.

So fand Geschmargret Rosenbrock ihre Ruhe, im Schatten des ehrwürdigen Wacholderbaumes, dem Staube der andern gesellt, die vor ihr in Brunsode auf Stelle Nr. 40 sich müde gearbeitet und schlafen gelegt hatten. Die Kinder aber, denen sie das Leben geschenkt, sollten sich nun allein ihren Weg suchen. Den Weg durch das bunte und schöne, wilde und wirre, ernste und große Leben.

2.

Vor der Brunsoder Schuljugend stand ein neuer Mann. Er war an der Weserkante zu Hause, kam frisch vom Seminar in Bederkesa, und die Kinder mußten ihn Herr Timmermann nennen.

Der junge Schulmann, noch in der ersten Begeisterung für seinen Beruf glühend, strengte die Stimme mehr als nötig an, war darauf bedacht, seine lang aufgeschossene Gestalt straff zu halten und gab sich redliche Mühe, aus den sanft blauen Augen energische Blicke zu schießen. Der rote Binsenarmstuhl, den sein wegen Kränklichkeit pensionierter Vorgänger schwarz und blank gesessen hatte, war für ihn nicht vorhanden, und dessen Schaubühne auf dem Fahrdamm hatte er noch nicht einmal entdeckt.

Aber heute ließ Herr Otto Timmermann doch des öfteren den Blick halbrechts über die Kinderköpfe zum Fenster hinausschweifen, jedoch weniger neugierig als träumerisch froh. Denn dort draußen war etwas sehr Hübsches zu sehen. Wo tagelang ein ödes, schweres Nebelgrau gedrückt hatte, da war heute auf einmal ein weißes, weiches, molliges Schweben. Der erste Schnee kam sachte zur Erde nieder, in so großen Flocken, wie der junge Mann sich nicht erinnerte, sie je gesehen zu haben, und so wunderbar weiß, daß die schönen glatten Birkenstämme drüben auf einmal schmutziggrau dagegen erschienen.

Herr Timmermann rieb sich voll Behagen die Hände. Nach den Jahren des kasernenartigen Seminarlebens zum erstenmal im eigenen Heim einzuschneien, so recht tief einzuschneien, mit dem Lieblingsschwesterchen, das ihm Haus hielt, und mit seinen Kindern, an denen er die mit redlichem Fleiß erworbenen pädagogischen Künste erproben sollte -- er war der Mann danach, um so etwas zu schätzen.

Es traf sich gut, daß er sein Völkchen gerade nicht in allerhand Fernen und Höhen zu entführen brauchte. Der Stundenplan, der, säuberlich geschrieben, unter Glas und Rahmen an der Wand hing, schrieb nämlich Heimatkunde vor, und der junge Lehrer hatte am Abend vorher die Moorkolonie Brunsode, nachdem er ihre Belegenheit auf nachmittäglichen Spaziergängen erkundet, mit ihren Gehöften, Dämmen und Gräben fein rechtwinkelig und geradlinig, wie der Königliche Moorkommissarius Jürgen Christian Findorf sie vor vier Menschenaltern angelegt hatte, auf die Wandtafel gezeichnet. Dabei hatte er eigentlich nur an die jüngeren Jahrgänge gedacht, aber auch die Großen zeigten für das Kunstwerk seines Kreidestifts solches Interesse, daß er sie gern teilnehmen ließ und die Gelegenheit benutzte, ihnen den Unterschied zwischen den uralten, aus sagenhaftem Dunkel herüberkommenden Siedelungen der Geest und den jungen, künstlich und planmäßig angelegten Moorkolonien klarzumachen. Während der vier Wochen, die Herr Timmermann seines Schulamts waltete, waren seine Kinder noch niemals so Auge und Ohr gewesen, wie eben jetzt, und noch nie hatte ihm das Unterrichten solche Freude gemacht. Zuletzt stimmte er gar eine Art Hymnus auf das Moor an, das ihm nach den Lern- und Wanderjahren, wie es schien, schnell zur zweiten Heimat werden wollte. »Das Moor, liebe Kinder,« rief er begeistert aus, »hat noch eine schöne Zukunft. Wenn eure Urgroßväter, die als jüngere Bauernsöhne oder arme Häuslinge es wagten, in das wilde Sumpfland hinabzusteigen, einmal ihre Ruhekammern auf dem Kirchhof in Grünmoor verlassen könnten und die Dorfreihe mit den schmucken Häusern und den grünen Feldern dahinter entlang wanderten, was würden sie für Augen machen! Und wenn ihr Jungen die Hände nicht in den Schoß legt, sondern tüchtig weiter arbeitet, wird die Zeit kommen, wo das ganze einst so schaurige und verrufene Teufelsmoor in einen weiten, grünen, blühenden Gottesgarten umgewandelt ist. Ihr, Knaben und Mädchen, habt die schöne Lebensaufgabe, eure Heimat diesem Ziele näher zu bringen.«

»Das ist uns mal nett gelungen,« belobigte Herr Timmermann sich selbst und blickte, sich eine Pause gönnend, träumerisch in das Geschwebe der Schneeflocken, die sich weiß und weich auf das so zukunftsreiche, hoffnungsvolle Land legten.

»Nun wollen wir mal sehen, was ihr behalten habt,« begann Herr Timmermann, wieder zu den Kindern gewendet, und fing an, Wiederholungsfragen zu stellen. Aber da kam in die bislang so glatt und angenehm verlaufene Unterrichtsstunde plötzlich eine Störung.

»Adelheid, komm und zeig mir auf der Wandtafel mal unsere Schule!« hatte Herr Timmermann, seiner Zeichnung zugekehrt, gutgelaunt gerufen.

Aber es erschien keine Adelheid.

Sich herumwerfend, schoß er den schärfsten Pädagogenblick, den seine Augen zu versenden hatten, nach der dritten Mädchenbank hinüber: »Adelheid Rosenbrock! Schläfst du?«

Jetzt erhob sich, offenbar widerwillig, ein elfjähriges Mädchen und kam, das Mäulchen schief ziehend und die neuen Holzschuhe aus rotem Ellernholz über den Boden schleifend, langsam den Mittelgang daher.

»Zurück, marsch marsch, an deinen Platz! Ich will dir Beine machen.«

Trapp trapp -- trapp trapp, machte das Ellernholz auf den Tannendielen.

»Wisch mir die ganze Schule nicht weg, du dumme Deern!« rief Herr Timmermann ärgerlich und fuhr sogleich mit der Kreide hinterdrein, um den Schaden, den die tappigen Finger angerichtet hatten, wieder gut zu machen. Dann sah er mit gestrenger Miene auf das vor ihm stehende Mädchen herab und sagte: »Was, Adelheid? Du willst dich hier auf den kleinen Trotzkopf hinaus spielen? Damit kommst du bei mir aber an den Verkehrten. Jetzt sagst du mir auf der Stelle, warum du nicht gleich kamst, als ich dich rief!«

»Weil ich überhaupt nicht Adelheid heiße!« stieß das Mädchen heraus.

Herr Timmermann hob die Hand mit dem Kreidestück ein wenig, um sie sogleich seufzend wieder sinken zu lassen.

»Ach, Mädchen, noch immer die alte Geschichte? Hast du denn ganz vergessen, wie ich dir das schon vor drei Wochen ausführlich erklärt habe? Leidchen ist überhaupt kein Name, sondern nichts als eine sinnlose Verstümmelung von Adelheid. ›Leidchen, Leid--chen‹, hör' doch nur, wie das klingt! Dagegen ›A--del--heid‹ ... was für ein Klang und Tonfall sitzt in diesem Wort! Und ist ein edler, altdeutscher Name, den schon die Gemahlin Kaiser Ottos des Großen führte, in der Geschichte bekannt als ›die schöne Adelheid‹.«

»Ich will aber doch Leidchen heißen,« erklärte das Mädchen verstockt und hartnäckig.

Der junge Schulmann zuckte ratlos die Achseln und wandte sich zu dem zweitobersten Jungen, der schon während seiner schönen Belehrung aufgezeigt hatte und auch jetzt noch mit ruhig aufgehobenem Finger sich zum Wort meldete.

»Was willst denn ~du~, Gerd?«

»Als unsere Eltern noch lebten,« begann der Gefragte, der in Haltung und Auftreten etwas auffallend Bestimmtes hatte, »haben sie meine Schwester immer Leidchen gerufen. Auch der alte Lehrer hat sie nie anders genannt. Und gestern nach der Konfirmandenstunde hab' ich den Herrn Pastor gebeten, mal im Kirchenbuch nachzusehen, da steht's auch so in.«

Er blieb, eine Gegenäußerung erwartend, aufgerichtet stehen.

Bruder und Schwester, mit der gleich zu Beginn des Winterhalbjahrs vorgenommenen Namensveredelung durchaus nicht einverstanden, waren eins geworden, heute die Sache zum Austrag zu bringen, und schienen, nach dem Ausdruck ihrer Gesichter zu urteilen, zum äußersten entschlossen. Die ganze Schuljugend befand sich in gespanntester Erwartung, wie dies Ding ablaufen würde.

Herr Timmermann trat von einem Fuß auf den andern, drehte die Kreide zwischen den Fingern, zupfte an seiner Oberlippe, sah wie hilfesuchend hinaus in den Schneeflockentanz. Endlich machte er hmhm, errötete ein wenig und sagte mit gezwungenem Lächeln: »Na, Leidchen, denn lauf' hin und bleib' meinetwegen, was du bist!«

Triumphierend klappten die Ellernholzschuhe bankwärts. Der wackere Bundesgenosse bekam einen froh dankbaren Blick. Die Nachbarinnen machten der siegreich Zurückkehrenden achtungsvoll Platz, und eine flüsterte ihr ins Ohr: »Leidchen, du bist 'n ganzen Lork.«

Von diesem Augenblick an waren die Geschwister wie ausgewechselt. Sie meldeten sich zu den Antworten mit einem Eifer, daß der Lehrer sich zusammennehmen mußte, um sie auf Kosten der anderen nicht gar zu häufig zu fragen. Hei, wie konnten die braunen Augen der Deern blitzen! Und wenn bei einer Frage, die tieferes Nachdenken erforderte, die anderen Gesichter starr wurden, fing es in den ruhigen Zügen ihres Bruders an zu arbeiten, und wenn er dann in seiner sicheren Weise aufzeigte, traf er fast stets den Nagel auf den Kopf.

Neben Gerd Rosenbrock saß, als Erster der Schule, Hermann Vogt, der einzige Sohn des Müllers auf Nr. 1 unten im Dorf. Es war ein großer, wohlgenährter Junge mit breitem, frischem Gesicht, das zu dem scharfgeschnittenen, schmalen und farblosen seines hageren Banknachbarn einen starken Gegensatz bildete. Er trug eine graugrüne Joppe mit Hornknöpfen, und statt der landesüblichen Holzschuhe Lederstiefel. Auch besaß er schon eine Taschenuhr.

Als er heimlich nach dieser sah, fuhr der Lehrer auf ihn zu: »Ich hab dich jetzt oft genug gewarnt, die Uhr ist mir für drei Tage verfallen, her damit!«

Nach einigem Sträuben trennte der Junge sich von seinem Stundenglas, und ein Blick auf dieses sagte dem Lehrer zu seinem Schrecken, daß er wieder einmal eine Stunde um zehn Minuten zu lang ausgedehnt hatte. Er stellte noch schnell ein paar Schlußfragen, um darauf die Kinder schnell zur Frühstückspause zu entlassen.

Die schöne, weiche Schneedecke des Schulhofs wurde von hundert Holzschuhen zerwühlt, indem die Kinder, in Gruppen umherstehend und von einem Fuß auf den andern tretend, hastig die Butterbrote hinunterstopften, um möglichst schnell die Hände für den ersten Schneeballkampf des Winters frei zu bekommen.

Da näherte Leidchen Rosenbrock sich heimlich ihrem Bruder, einen dicken rotbackigen Apfel in der Hand.

»Schenk ~mir~ den Apfel, schöne Adelheid!« rief Hermann Vogt lachend, indem er ihr breitbeinig den Weg vertrat.

Die Umstehenden lachten. Das Mädchen stieß, halb ärgerlich, halb belustigt, mit dem Ellbogen die ausgestreckte Hand zurück. Gerd aber blickte grimmig von unten auf und knurrte im Kauen: »Paß auf, Windmüller, gleich auf dem Damm will ich dir die ›schöne Adelheid‹ einreiben.«

Der also Bedrohte erhob ein Gelächter, während Gerd den letzten Bissen wegdrückte, den ihm geschenkten Apfel in die Tasche steckte und sich bückte, um zwischen den Knien den ersten Ball zu kneten.

Eine Minute später standen die Kämpfer der beiden Dorfhälften sich auf dem Birkendamm gegenüber, und die Geschosse sausten scharf durch das ruhige Flockengeschwebe, klatschten gegen die Birkenstämme, verfingen sich im hängenden Gezweige, fehlten oder trafen ihr Ziel. Unten kommandierte Hermann Vogt in seiner lauten prahlerischen Weise, die vom oberen Dorf führte Gerd Rosenbrock, der mit jedem Wurf auf jenen zielte. Der aber wußte geschickt auszuweichen und quittierte für jeden an ihm vorbeisausenden Ball mit höhnendem Zuruf.

»Laßt uns den großschnauzigen Müller mal waschen,« raunte Gerd, des ergebnisarmen Fernkampfes müde, seinen Getreuen zu, die dazu sogleich bereit waren. Man sammelte in der Stille Munition, vorwärts marsch! ertönte das Kommando, und im Sturmlauf ging's mit wildem Kriegsgeschrei auf den Feind. Eine Salve aus nächster Nähe brachte diesen zum Weichen, nur der Führer hielt stand. Aber schon hatten feste Fäuste ihn gepackt, die verzweifeltste Gegenwehr half nichts, er mußte längelangs an den Boden, reichlicher Schnee wurde ihm unsanft in Mund, Nase und Ohren gerieben, in Nacken, Ärmellöcher und Hosenbeine gestopft, und derbe Püffe gab's ungezählt überher. Es war keiner im oberen Dorf, der den Müller leiden mochte. Den ganzen Übermut der unteren wohlhabenderen Dorfhälfte, die im Bauernmal ihre Väter oft genug überstimmte, sahen sie in ihm verkörpert, und mit wahrer Wollust besorgten sie es ihm bei dieser Gelegenheit einmal gründlich.

Als Herr Timmermann Freund und Feind wieder friedfertig durcheinander vor sich auf den Bänken hatte, wandte er sich, nicht ohne ein wenig boshaft zu lächeln, an seinen Schulobersten, der prustend und triefend, mit krebsrotem Gesicht und zerzaustem Haar auf seinem Platz saß:

»Na, Hermann, sie haben dich wohl ordentlich gehabt? Ich glaube aber, es bekommt dir mal ganz gut.«

Gerd, der sich gerade unter dem Pult mit dem Hochgefühl des Siegers die Hände an den Hosen trocken rieb, warf einen dankbaren Blick nach dem Lehrer und einen triumphierenden auf seinen Widersacher, mit dem er nicht erst seit heute auf gespanntem Fuße lebte. Dieser hatte unter dem alten Lenz, der es mehr mit den Reichen hielt, gute Tage gesehen, aber der Neue benutzte zu Gerds Freude jede Gelegenheit, den übermütigen Bengel zu ducken, und hatte sogar schon einmal gesagt: »Eigentlich müßtet ihr beiden die Plätze tauschen; aber wir wollen es das letzte halbe Jahr lieber beim alten lassen.«

Es war Mittag. Die Kinder bummelten heim, ein schneedurchpflügendes Holzschuhpaar nach dem anderen schwenkte nach rechts über die Hofbrücken ab. Zuletzt befanden sich nur die Geschwister noch auf dem Damm. Leidchen, die mit einer Freundin hinterher getrödelt war, holte laufend den Bruder ein, hing sich zärtlich an seinen Arm, und so stapften die beiden durch unbetretenen Schnee ihrem Hause zu, das unter der tief herabgezogenen weißen Kappe weg heute besonders lustig und freundlich aus den blanken Fensteraugen in die Welt guckte. --

Die Familie Rosenbrock hatte sich in den vier Jahren mehr als ergänzt, indem Jan bald nach dem Tode der Stiefmutter Trina Grotheer aus Meinsdorf als Frau ins Haus geholt und sich bereits zwei Kinder von ihr hatte schenken lassen. So sammelten sich denn jetzt ihrer sechs um den Mittagstisch. Jan, der Stammhalter, langte mit seinem Zinnlöffel schon wacker in die steife Bohnensuppe, während sein Schwesterchen Minna noch in der Wiege lag und an der Milchflasche sog.

Beta Rotermund war mit Jans Wahl zufrieden. Gerd und ihr Patenkind Leidchen wurden zwar bei der Arbeit tüchtig mit herangenommen, aber so war's im Moor überall, und das ging auch nicht anders. Wer im Torf jung geworden ist, muß sich so ungefähr vom achten Jahre an des Lebens Nahrung und Notdurft selber verdienen. Jedenfalls wurden die Kinder nicht unfreundlich behandelt, bekamen satt zu essen und behielten Zeit für die Schularbeiten. Mehr konnte man billigerweise nicht verlangen.

Es war schulfreier Mittwoch-Nachmittag, und nach dem Essen erhielten die beiden den Auftrag, mit dem Schiff einen Haufen Heidestreu vom Hochmoor ans Haus zu schaffen, ehe er gar zu tief einschneite.

Das flache, braungeteerte Fahrzeug, das hauptsächlich zur Verschiffung des wichtigsten Landesproduktes, des Backtorfs, nach der Freien Reichs- und Hansestadt Bremen diente, lag dreißig Schritt vom Hause in einem kleinen Hafen, den ein auf Eichenpfählen ruhendes Strohdach, das Schiffsschauer, gegen Regen und Sonnenbrand schützte. Es hatte vorn eine Art Verdeck, Koje genannt, die dem Schiffer zum Übernachten dienen kann, und weiterhin eine feste, zur Aufnahme des Segelbaums durchbohrte Bank. Meist lag jener jedoch, mit dem torffarbigen Segeltuch umwickelt, samt dem Steuer unten im Schiff, und dieses wurde mit dem langen, schwertförmigen, eisenbewehrten Schieberuder gestakt oder vom Leinpfad aus geschoben.

Gerd lud Segel und Steuer, die von Jans letzter Bremerfahrt her noch im Schiff lagen, aus und stieg mit der Schwester hinein. Während sie unter einem ausgedienten Regenschirm, dem der Griff fehlte und zwei Rippen durch den altersgrünen Bezug starrten, auf der Segelbank Platz nahm, handhabte er mit Kraft und Sicherheit das Schieberuder, und das Schiff glitt mit ziemlicher Schnelligkeit im Graben hinauf, der die Grenze zwischen den Stellen 40 und 39 bildete und sich schnurgerade zum Hochmoor hinzog.

Den schwarzen Wasserlauf zwischen den weißen Ufern, der die jetzt vor dem Winde lustig tanzenden Schneeflocken unbarmherzig verschluckte, begleiteten anfangs die beschneiten Felder der benachbarten Stellen, um nach einer Weile tiefer liegenden, von schmalen Gräben durchschnittenen Wiesen Platz zu machen. Diesen folgten, wieder zu beiden Seiten, wüste abgetorfte Flächen, aus denen schwarze Lachen gähnten und regelrecht gesetzte Torfhaufen, an der Schlagseite mit Strohschirmen geschützt, ebenfalls schwarz gegen die weiße Umgebung sich erhoben. Dahinter stand in anderthalb Mannshöhe die senkrecht abgestochene Wand des Hochmoors, auf dem der Schnee in niedrigem Birkenanflug, üppigem Heidekraut und sperrigem Gagelgesträuch hing. Eine Gruppe älterer Föhren schloß endlich die hintere Schmalseite des Rechtecks, das Jan Rosenbrocks Stelle bildete, gegen die nächste Kolonie hin ab. Sonst prangten sie in sattem Dunkelgrün, aber heut' erschienen sie tiefschwarz, wie denn der Schnee alles, was er nicht weiß machen konnte, schwarz gefärbt hatte. Die winterliche Öde war wie ausgestorben. Nur eine Elster schunkelte, hungrig schackernd, von einer Föhre zu einer Birke. Auch sie, wie alles, weiß und schwarz.

Die Streuheide, die Jan Rosenbrock im Spätsommer mit der Lee gehauen hatte, lagerte am Saum des Föhrengehölzes. Auf Forken trugen die Kinder sie, oftmals hin und her gehend, an den zwanzig Schritt entfernten Graben, um ihre Last die steile Moorwand hinab ins Schiff zu werfen.

Als dieses beladen war, kletterten sie hinunter und hockten zu kurzem Ausruhen unter Leidchens Regenschirm aneinandergeschmiegt auf der Segelbank.

Gerd war durstig geworden und nahm sich vom Bordrand eine Prise Schnee.

»Hast du den Apfel, den ich dir geschenkt habe, schon aufgegessen?« fragte Leidchen, indem sie in seine Tasche langte. »Nein, hier ist er noch!« rief sie erfreut und brachte ihn zum Vorschein.

Gerd holte sein Dreigroschenmesser aus der Hosentasche, teilte die Frucht und reichte der Schwester die größere Hälfte. Sie aßen auch das Kerngehäuse mit, denn Äpfel gab's in diesem Jahr nicht viele, und es war der letzte Prinzenapfel.

Als er verschwunden war, griff Leidchen in ihre Rocktasche, machte ein verheißungsvolles Gesicht und sagte: »Ich hab' auch noch was Feines.«

Ein Weilchen ließ sie seine Neugierde zappeln, dann zog sie eine Tafel Schokolade heraus.

-- »Feine Gewürzschokolade, mit Zusatz von feinstem Weizenmehl,« las sie lüstern, ihren Schatz sich unter das Näschen haltend. Dann durfte auch der Bruder dran riechen.

»Wo hast du das her?« fragte dieser mit strenger Miene.

»Wird nicht verraten,« antwortete sie, geheimnisvoll lächelnd.

»Von Tante Beta?«

»Nicht so neugierig, mein Junge! Da, nimm!«

»Erst will ich wissen, wo das herkommt.«

»Denn nicht,« sagte sie und führte das Stück, das sie ihm angeboten hatte, zum eigenen Munde. Aber er griff schnell zu und packte ihre Hand.

»Laß mich los!« rief sie und suchte sich frei zu machen.

Aber seine Hand hielt die ihre wie ein Schraubstock umklammert.

»Wenn du nicht auf der Stelle losläßt, beiß' ich,« schrie sie und zeigte ihre Zähne.

Er lachte kurz und spöttisch auf. Aber im nächsten Augenblick sprang er mit einem Schrei in die Höhe, das Schirmdach mit sich emporreißend. Sie hatte die kleinen Beißer recht herzhaft in seinen Daumenballen geschlagen.

»Du bist ja 'n ganzer Satan!« knirschte er und hob die Hand zur vergeltenden Backpfeife. Da sie sich aber schnell unter den Schirm duckte, stapfte er mit großen Schritten über die Ladung weg auf die andere Seite des Bootes und setzte es mit dem Schieberuder in Bewegung. Er hatte sein bitterbösestes Gesicht aufgesteckt und sah mit Ausdauer an der Schwester vorbei.

Diese saß schmausend auf der Segelbank, lugte unter ihrem graugrünen Dach hervor und liebäugelte nach dem Bruder hinüber. Sie hätte jetzt gern wieder Frieden gemacht.

Das Schiff glitt seine Bahn dahin. Das Planschen des Moorwassers gegen den Bug und die engen Ufer war mit dem Reiben des Stangenruders an der Bordwand das einzige Geräusch in der Stille der winterlichen Welt.