Chapter 5 of 24 · 3985 words · ~20 min read

Part 5

»Ja, und kostet dreißig Taler.«

»Das ist nicht wahr!«

»So gewiß, als ich hier stehe! Soll ich dir die Quittung zeigen?«

»Dreis--sig Ta--ler ...«

»Wenn du dir so'n Kleid kaufen wolltest, müßtest du ein Jahr dafür dienen, nicht wahr?«

»So eins möchte ich nicht geschenkt. So viel Geld für ein einziges Kleid? Das ist, glaub' ich, Sünde.«

»Du liebe Unschuld du,« sagte Fräulein Hermine Tietjen mitleidig lächelnd, indem sie ihren Kleiderschrank abschloß. »So, nun steig' man hinein. Du kriegst den Platz an der Wand.«

»Was ist das?« fragte Leidchen ein wenig erschrocken, als es unter ihrem Gewicht verdächtig krachte und knackte.

»Patentmatratze,« erklärte stolz die ihr nachsteigende Betteigentümerin, »auf Stroh schlafen wir längst nicht mehr. Aber du mußt dich nicht so breit machen, als ob du hier zu Hause wärest. Und nun hör' zu, was ich sonst noch alles habe oder einmal kriege.«

Sie begann mit ihrem Schatz an Leinenzeug. Dann kam die Leibwäsche an die Reihe. Zuletzt verriet sie, was sie an barem Gelde einmal mitbekommen würde. Das war eine Summe, über deren Höhe ihrer gespannt lauschenden Zuhörerin der Mund aufging und der Kopf schwindelte. Zwei Brunsoder Moorstellen hätte man bequem dafür kaufen können.

»Willst du denn noch heiraten?« fragte Leidchen unschuldig.

»Noch? Noch? Was ist das für'n dummer Schnack! Als ob ich nicht schon fünf Männer hätte haben können! Aber wir sind anders als ihr im Moor. Ihr kommt zusammen und wißt manchmal selber nicht wie, und wiegt schon Kinder, wenn ihr hinter den Ohren knapp trocken seid. Wir halten mehr auf uns und sind nicht so'n Prachervolk wie -- na, ich hätte beinah' was gesagt. Nun wollen wir schlafen. Gute Nacht, schlaf süß!«

Sie war schnell eingeschlafen, aber Leidchen, obgleich sie beim Eintreten zum Umfallen müde gewesen war, lag, an ihre Wand gedrückt, noch lange mit wachen Augen.

Zum erstenmal in ihrem jungen Leben war sie mit ihrem Lose unzufrieden.

In Schule und Konfirmandenunterricht, auf der Nachbarschaft und im Dorfe hatte sie immer etwas gegolten, ja, man hatte sie sogar etwas verwöhnt. Jetzt, wo sie zum erstenmal über die Grenzen ihres Kirchspiels hinauskam, bemerkte sie mit Schmerzen, daß sie nichts war als eine arme, kleine, dumme Deern aus dem Torf.

Sie dachte an den Inhalt ihrer Lade daheim. Das meiste davon stammte aus mütterlichem Erbe, allerlei Kleinigkeiten hatten die Brüder, Schwägerin und Patentante ihr im Lauf der Jahre geschenkt. Wie manches liebe Mal hatte sie an diesen Habseligkeiten, die sie in peinlicher Ordnung hielt, ihre Freude gehabt! Jetzt, nachdem sie einen Blick in Hermine Tietjens Kommode und Kleiderschrank geworfen hatte, erschienen sie ihr auf einmal so armselig und nichtig, daß sie überzeugt war, sie würde sich niemals wieder an ihnen freuen können.

Es war in der Welt doch verkehrt eingerichtet. Die einen wühlten ihr lebelang im Moor, die anderen in Gold und Seide, und kein Mensch konnte sagen, womit sie diese Bevorzugung eigentlich verdient hatten.

Aber war denn gar keine Möglichkeit, daß auch sie einmal zu diesen anderen gehörte? War nicht Nachbar Rotermunds jüngerer Bruder als Junge mit nichts nach drüben gegangen, und als er vor Jahren seine alte Heimat wieder besuchte, konnte er mit dem Geld nur so um sich werfen, und gegen seine dicken Ketten und Ringe aus purem Gold war Hermine Tietjens Goldgeschirr nichts als Klöterkram. Aber wenn ein anschlägiger Junge es in Amerika auch zu was Rechtem bringen konnte, was sollte ein armes Mädchen im Torf machen, mit einem Jahreslohn, der für andere kaum zu einem einzigen Kleide reichte?

Das einzige wäre am Ende -- eine reiche Heirat.

Aber wenn nur die reichen Jungens nicht immer gerade die reichen Deerns nähmen, nach dem Wort: Geld muß zu Geld kommen! Zum Beispiel, solange die Mühle in Brunsode stand, war noch keine Tochter des Dorfs als junge Frau auf ihr eingezogen. Hermann holte sich natürlich auch wieder eine mit viel Geld von auswärts, und die armen Mädchen mußten mit einem armen Knecht oder Häusling vorliebnehmen und quälten sich in ein paar Jahren zuschanden.

Todmüde, wie sie war, und doch nicht imstande, einzuschlafen, fühlte sie beinahe etwas wie Haß gegen die vom Glück so verzogene, sanft schnarchende Bettgenossin, bis endlich der Schlaf sich ihrer erbarmte und die junge Seele von allen bösen und bitteren Gedanken erlöste.

Als der Morgen graute, erwachte sie von einem leisen Klopfen gegen die Fensterscheiben. Es war Gerd, der sie für den neuen Arbeitstag weckte. Draußen riefen schon die Kiebitze, und die Hofenten machten ein Heidengeschnatter. Indes sie vorsichtig über die reiche Erbin hinwegstieg, riß sie auf einmal die Augen weit auf. Was? Saßen der die Haare nicht fest am Kopf? Mit spitzen Fingern langte sie zu und hielt den schönsten kastanienbraunen Zopf in der Hand. Sie war über ihren Fund so glücklich, daß sie, ihn um sich schwingend, auf bloßen Füßen und im Hemde ein Solotänzchen durch das dämmerige jungfräuliche Schlafgemach ausführte. Endlich wollte sie das Ding vorsichtig wieder an seinen Platz legen. Aber auf einmal sagte sie sich: Sie hat dich so geärgert, ärgere sie mal ein bißchen wieder, und indem tausend Teufelchen aus ihren Augen sprühten, brachte sie den Zopf hübsch gefällig über dem Spiegel an. Dabei konnte sie es nicht vermeiden, in diesen hineinzublicken, und ihr sagte er trotz Buckel und Bläschen nichts Unangenehmes. Sie wandte sich nach der holden Schläferin um, machte ihr eine allerliebste lange Nase zu und flüsterte: »Mit dir tausch' ich nicht, und wenn du zehn Kommoden voll Gold und hundert Schränke voll Seide hättest.« Dann flog sie hurtig in ihre Kleidung, und nach wenigen Minuten schritt sie mit Gerd, der draußen auf sie gewartet hatte, munter durch die tauglitzernden Wiesen der Sonne entgegen, die auch heute wacker grünes Gras in duftendes Heu zu verwandeln versprach.

Bald kam Jan auf seinem Rad angefahren. Auch Rotermunds begannen mit der Heuernte, und Wellbrocks von Nr. 24. Alle krochen für die Nacht bei Tietjens unter. Leidchen zog es vor, mit den Frauen und Mädchen ihres Dorfes sich in einen Rest vorjährigen Heus zu packen. Die Gastfreundschaft in Hermine Tietjens Anderthalbschläfer wurde ihr übrigens auch nicht wieder angeboten.

Die sengende Gluthitze der nächsten Tage förderte die Arbeit im Hammetal aufs beste, forderte aber auch ein Opfer. Nicht weit von Rosenbrocks Wiesen brach Cord Mehrtens aus Hasenwede beim Mähen lautlos zusammen. Man spannte das Torfsegel über ihn zum Schutz gegen die Sonnenstrahlen. Nach drei Stunden kam endlich der Arzt, der die Achseln zuckte und keine Hoffnung gab. Eine Stunde nach Sonnenuntergang trugen die beiden Söhne den Entseelten in sein Schiff, deckten ihn mit dem Segel zu und stakten durch die schöne warme Sommernacht heim zu Muttern.

In der Nacht von Sonnabend auf Sonntag arbeiteten die drei Rosenbrocks sich mit der ersten Ladung Heu den Graben vor Brunsode aufwärts. Das Schiff war so hoch bepackt, daß es, die Hofbrücken anstreifend, nur mit knapper Not passieren konnte. Wenn es ein Klappstau hinaufging, rief Jan, der mit dem Stangenruder schob, »Hei -- djup!« und Gerd und Leidchen, die in quer über die Brust gehenden breiten Seilen liegend das Schiff schleppten, legten sich mit doppelter Kraft ins Zeug, um den Höhenunterschied und den Widerstand des entgegenströmenden Stauwassers zu überwinden. Schwer fielen sie in die lang entbehrten Betten und verschliefen die Nacht und, mit kurzen Unterbrechungen für das Essen und die notwendigsten Arbeiten, den Sonntag und noch eine Nacht. Die Frühsonne des Montags fand sie schon wieder auf dem Wege zu den Hammewiesen.

Dem grünen Erntefeld drängte das goldig gelbe nach. Auf diesem zu arbeiten war dann aber wirklich eine Lust. Es lag so bequem nahe beim Hause, dehnte sich nicht gar zu weit aus, und die schlimmste Hitze des Jahres war vorüber. Als Trina das erste Brot von jungem Roggen herauszog, umstand die ganze Familie den Backofen. Man besah und beroch's, probierte, bedächtig kauend, nickte befriedigt und war fröhlich und guter Dinge.

Das Kartoffelauskriegen war auch mehr Spaß als Arbeit. Man half einander nachbarlich, lag in langen Reihen auf den Feldern, und der gemütliche Klöhnschnack riß den ganzen Tag kaum ab.

Zwischendurch mußten Gerd und Leidchen sich auch mal vor die Egge spannen und sie über das weiche, gepflügte Moorland ziehen, das in der herbstlichen Regenzeit für Pferde nicht recht gangbar war. Das war wohl ein saurer Tag, aber der tiefe, gesunde Schlaf der Jugend machte in einer Nacht alles wieder gut.

* * * * *

Ob irgendwo in deutschen Landen so schwer und anhaltend gearbeitet wird wie in dem Lande, wo dem schwarzbraunen Moor die weiße Birke entsteigt? In den Marschen und auf den Heiden der nordwestdeutschen Tiefebene jedenfalls nicht. Dort haben sie zwischen den Zeiten, wo die Arbeit auf den Nägeln brennt, Wochen oder wohl auch Monate, in denen sie es sachter angehen lassen können. Im Moor werden diese Atempausen durch Backen, Schneiden und Ringeln des Torfs ausgefüllt, und nicht einmal Spätherbst und Winter bringen wirkliche Ruhe. Denn dann muß das Landesprodukt in die Stadt geschafft und in Bargeld umgesetzt werden. Da knarren durch Sturm- und Regennächte die schweren geeichten Kumpwagen die Birkenchausseen entlang, und auf den Wasserwegen ziehen die torfbepackten Schiffe. Das kostet wieder saure Arbeit und bringt schlaflose Nächte ungezählt. Und wer kein Raubbauer auf Torf sein, sondern durch Urbarmachen der abgetorften Flächen das Kulturland ins Moor vorschieben will, muß sich auch in der stilleren Jahreszeit dranhalten. Nur wenn der Frost das Land wie in eiserne Bande geschlagen hat, hat's der Moorbauer kommodiger und kann die harten Arbeitshände mal in den Schoß legen.

Kein Wunder, daß in diesem Lande die schönen Mädchen nicht auf den Bäumen wachsen und jugendliche Frische früh verblüht. Kein Wunder, daß die Königliche Aushebungskommission unter den Söhnen des Moores nicht gar zu viele Rekruten für die Potsdamer Garde findet, ja, daß sie manchen sonst ganz gesunden Jungburschen kaum dem obskursten Regiment an der russischen Grenze zumuten mag. Laßt's nur gut sein! Ihre Urgroßväter, die ersten Ansiedler, erhielten Befreiung vom Militärdienst, um im Frieden, Spaten und Hacke in der Hand, für König und Vaterland eine neue Provinz zu erobern. Dieses Werk setzen die Enkel mit echt niederdeutscher Zähigkeit wacker und unverdrossen fort, und sie und ihre Kinder werden nicht ruhen, bis es zu Ende geführt ist. Der »Jan vom Moor«, den die von der Natur mehr gehätschelten Nachbarn nicht recht für voll nehmen wollen, und über den die Bremer dummen Jungs ihre Witze reißen, wird aussterben, und wo er einst mit schweren Holzstiefeln in der glucksenden, triefenden Torfkuhle stand, da werden seine Urenkel als niederdeutsche Kleinbauern auf freier, grüner Scholle sich eines bescheidenen, aber sicheren Wohlstandes erfreuen.

5.

In den hinterzu gelegenen Moordörfern sitzt manch' brave Ehefrau und Mutter, die das Jahr hindurch kaum je über die Grenzen des Kirchspiels und den engen Kreis ihrer Pflichten hinauskommt. Sie trägt auch gar kein Verlangen danach und überläßt die Strapazen des Reisens gern ihrem Jan. Aber um die Zeit, wenn die Kartoffeln heraus sind, wenn die Ratten das lustige Leben an den Grabenrändern aufgeben und sich auf die Gehöfte zurückziehen, wenn die silbernen Birken ihr herbstliches Gold streuen, packt auch die häuslichste aller Frauen eine merkwürdige Unruhe. Es ist die Zaubermacht des Bremer Freimarkts, die auch die seßhafteste und solideste einmal von Haus und Hof, Kindern und Vieh hinwegzieht.

Wenn drüben in der alten Hansestadt um Sankt Petri ehrwürdigen Dom über Nacht die leichte, luftige Zelt- und Budenstadt aus dem Pflaster geschossen ist und zu Füßen des starr verwundert blickenden Riesen Roland alle Spezialitäten, Raritäten, Abnormitäten des Kontinents sich ein Stelldichein geben, dann sagt Gesche zu ihrem Klaus, und Dele zu ihrem Peter, und Meta zu ihrem Jan: »Du, nach'm Freimarkt möcht' ich auch mal mit.« Und Jan, Peter, Klaus, einerlei, ob er das Recht des Holzpantoffels über sich anerkennt oder ob er die Hosen anbehalten hat, macht keine Sperenzien, »tiert« mit seiner Gesche, Dele, Meta zur Stadt, zeigt ihr die Herrlichkeiten und Wunder des Freimarkts, högt sich, wenn sie Augen macht wie Wagenräder, kauft ihr Honigkuchen, Spielsachen für die Kinder, Geschirr für den Haushalt und wonach sonst ihr Sinn steht, in verschwenderischer Laune, und ist den ganzen Tag der liebenswürdigste, zuvorkommendste Ehemann der Welt. Wenn die beiden dann nach endloser Wasser- oder Wagenfahrt durch die Annehmlichkeiten einer Herbstnacht endlich unter ihr Strohdach treten, sinkt sie auf den ersten besten Stuhl zusammen, läßt die Hände schlaff an den Seiten herunterhängen und verschwört sich stöhnend: »Ich hab'r genug von für mein Leben.« Ist aber ein Jahr herum und das Birkenlaub küselt aufs neue zur Erde, fängt sie doch wieder an: »Och, diesmal möchte ich wohl noch mal mit. Wer weiß, ob ich's nächstes Jahr noch erleb'.«

Wenn in hillster Zeit die Arbeit auf den Nägeln brennt und gar zu viel Überstunden gemacht werden müssen, so daß die Augen verdrossen blicken, und die Kräfte zu versagen drohen, bringt der kluge Bauer die Rede wohl so beiwegelang auf den Freimarkt und läßt durchblicken, daß es ihm auf ein anständiges Marktgeld für den fleißigen Knecht, die unermüdliche Magd nicht ankommen soll, und es müßte schon gar zu schlimm sein, wenn das nicht mehr verfinge.

Sechzig Drehorgeln dudelten und leierten wieder einmal auf den Straßen und Plätzen Bremens den lieben langen Tag ihr Repertoire herunter, von: »Ich bete an die Macht der Liebe« bis »Mutter, der Mann mit dem Koks ist da,« das eben seinen Siegeslauf durch die Welt antrat. Einige dreißig waren von der kunstverständigen Polizeikommission beim Probespielen mit Rücksicht auf die durch höherwertige musikalische Genüsse verwöhnten städtischen Ohren zurückgewiesen worden. Aber sie gingen der guten Sache deshalb nicht verloren. Mit ihrer verstimmten Töne Gewalt erfüllten sie die Umgebung der Stadt und trugen die fröhliche Botschaft vom Freimarkt auf die Dörfer.

Es war der bösartigste aller Leierkasten, der Brunsode beglückte. Als Herr Timmermann mitten in der Weltgeschichtsstunde seine Klänge vernahm, legte er das Gesicht in Leidensfalten; die Kinder aber reckten die Hälse, horchten mit leuchtenden Augen und hatten für die unerhörtesten Weltbegebenheiten kein Ohr. Tönnjes Miesner, der älteste Altenteiler des Dorfes, der vor seiner Haustür in der Herbstsonne saß, winkte den Orgelmann heran, hielt sich die großen zitterigen Hände als Schalltrichter vor die torfverstaubten Ohren und dachte voll Wehmut daran, wie er einst mit den Genossen seiner Jugend, die jetzt alle dahin waren, im Freimarktsübermut fünf solcher verwegenen Kerls gemietet und hinter der tollen Musik her, mit ein paar hundert Kindern im Gefolge, das Torfhafenviertel durchzogen hatte. Damals konnte einer, der schlau und flink war und Glück hatte, noch mal schnell mit Schmuggelei ein gutes Stück Geld verdienen und etwas draufgehen lassen. Dem Alten fielen ein paar große blanke Tränen wehmütiger Erinnerung aus den Augen, indem er in der Tiefe seiner Hosentasche nach dem Groschen Spielmannslohn grub. -- Die Schmuggelzeit ist das romantische Mittelalter in der Geschichte der Moorkolonien, und wenn winterabends um den Herd oder in der Stube um den warmen Ofen das Erzählen beginnt, fängt es bei den Alten gar oft an: »Damals, als die Schmuggelei noch im Gang war ...«

Leidchen Rosenbrock saß gerade, den Melkeimer zwischen den Knien, unter der Rotbunten, als es draußen auf dem Hof erklang: »Im Grunewald, im Grunewald ist Holzauktion.« Sie hielt, die weichen Euterstriche zwischen den Fingern, im Melken inne, lauschte, trällerte die Weise mit, rückte unruhig auf dem Schemel, und ließ dann hurtiger und lustiger als zuvor die weißen Quellen in den Eimer strullen. Noch drei Stunden, und es ging nach Bremen zum Freimarkt! Den ganzen Sommer hatte sie sich darauf gefreut, seit Wochen zählte sie die Tage, und seit gestern in jugendlicher Ungeduld sogar die Stunden.

Aber noch stand vor dem Vergnügen ein tüchtiges Stück Arbeit. Leidchen mußte hinten im Moor auf der Karre einen Korb Backtorf nach dem anderen an den Grabenrand schieben, und Gerd stand unten im Schiff, ihn kunstgerecht zu verpacken, bis er die volle Ladung, einen halben Hunt, d. i. sechs Kubikmeter, beieinander hatte. Ein Viertel des Erlöses war ihnen von Jan als Marktgroschen zugestanden.

Nachdem sie sich gründlich von der staubigen Arbeit gewaschen und die eingepackte Festkleidung verstaut hatten, brachen sie in später Nachmittagsstunde auf.

Als sie die Hamme erreichten und das Schiff, das sie bis dahin vom Leinpfad aus geschleppt und geschoben hatten, bestiegen, war die Sonne bereits hinter eine breite Wolkenbank gesunken, deren Ränder in allen Farbentönen, vom tiefsten Violett bis zum zartesten Rosa, spielten. Der Duft und Glanz eines schönen Herbstabends füllte das weite Wiesental. Der durch herbstlich raschelnde Schilfwälder sich hinschlängelnde Fluß schimmerte weithin wie Perlmutter. Wo sein Lauf sich dem Auge entzog, bezeichneten ihn bis zur Horizontlinie die schwarz gegen den Himmel stehenden Rechtecke der heraufkommenden Segel. Die ein gutes Dutzend Moorkolonien mit der Welt verbindende Wasserstraße war zur Zeit des Torfverschiffens und des Freimarktes sehr belebt. Die Schiffer kannten sich fast alle, wenn auch meist nur nach Gesicht und Vornamen, und die üblichen Zurufe flogen zwischen den einander Begegnenden hin und her: »Geht's 'nauf, Gerd?« »Ja, Jan.« -- »Geht's 'nunter, August?« »Ja, Gerd.« -- »Na, wie war's auf'm Freimarkt, Meta?« »Wunderschön, Gerd. Ist recht, daß du Leidchen auch mal mitnimmst. Deern was wirst du für Augen machen!«

Als sie an einer Reihe von Schiffen vorüber waren und die glänzende Bahn auf eine gute Strecke frei vor ihnen lag, hub Leidchen, die vorn auf der mit braunem Laken bedeckten Ladung saß, an zu singen. Gerd, der hinten im Schiff stand und die schwere eisenbewehrte Eichenstange gleichmäßig einstemmte und nachzog, fiel sogleich mit der zweiten Stimme ein, auf dem träge ziehenden Moorfluß deutsche Rheinromantik aufleben zu lassen: »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin,« klang es rein und getragen über die herbstabendstillen Wasser.

Als ein kälterer Hauch durch das Tal wehte, vor dem Leidchen fröstelnd die Schultern zusammenzog, stieg Gerd über die Torfladung nach vorn, hob den Deckel der Koje und sagte mit einladender Handbewegung: »So, lüttje Maus, nun wühl' dich hier warm ins frische Stroh und schlaf süß, daß du mir morgen früh hübsch munter bist.« Sie hob das rechte Füßchen, zog das linke nach, sank in die Knie und ließ sich in das knisternde Stroh sinken. Noch einen lächelnden Blick tauschten sie, dann schloß er behutsam über der Schwester das wellengewiegte Schlafkämmerchen.

Auch der Wind legte sich allgemach schlafen. Nur leichte Wellen kamen noch den Fluß herauf und schlugen leise an die Wände des kleinen Schiffes, auf dessen mattglänzende Bahn sich leichte Nebelschleier legten. Am Himmel zogen sterndurchfunkelte grauweiße Wolken.

Vom Ufer her warf ein ruhig brennendes Licht seinen zitternden Widerschein über das Wasser. Es kam aus Cord Rugens Hammehütte, die hart am Flusse auf einer Wurt lag, und in der während der Monate regeren Wasserverkehrs eine Wirtschaft für Schiffer gehalten wurde. Gerd, der eigentlich vorüberfahren wollte, entschloß sich im letzten Augenblick doch zum Einkehren. Wenn er ein Stündchen schlief, war er am nächsten Tage frischer.

Er legte sein Boot nicht in die Reihe der übrigen, da die vor ihm aufbrechenden Schiffer seinen Fahrgast dann leicht hätten stören und erschrecken können, sondern ließ es ein wenig flußabwärts sacht ins Uferschilf gleiten. Nachdem er, über die Koje gebeugt, durch die ruhigen und tiefen, aus dem Stroh heraufkommenden Atemzüge sich hatte sagen lassen, daß seine Schwester fest schlief, stieg er ans Land.

Die kümmerlich erleuchtete, aber gut durchwärmte Hütte füllte ein reichliches Dutzend Torfschiffer, die sich hier von den Anstrengungen der nächtlichen Fahrt erholten, die einen schlafend und schnarchend, die anderen trinkend und Solo spielend.

Gerd ließ sich einen Klaren geben, schob das Gläschen, nachdem er es bis zur Hälfte geleert, zurück, legte die Arme auf dem Tisch ineinander und barg den Kopf hinein. Eine halbe Minute lang hörte er noch das Gesäge eines Nachbarn und die auftrumpfenden Fäuste der Spieler, dann nichts mehr. Auf solche Weise sich ein wenig nächtlichen Schlafes zu stehlen, war er seit Jahren gewöhnt.

Zweimal hatte der große Zeiger der Wanduhr die sein Zifferblatt umrankenden grellbunten Blumen umwandelt, da hob der junge Schiffer den Kopf, trank seinen Klaren vollends aus, legte die Zeche von einem halben Groschen daneben und trat gähnend in die Nacht hinaus, die Fahrt fortzusetzen. --

Die Wiesen des Blocklandes deckt das graue Meer der Oktobernebel, aus dem hier und da der Kopf oder die Rückenlinie einer Kuh wunderlich gespenstig hervorragt. Auf dem schnurgeraden Kanal gleitet ein Torfschiff durch den feuchten Dunst, von dem auf den Leinpfad vornübergebeugt nebenhergehenden Schiffer mit dem eingestemmten Stangenruder geschoben. Plötzlich umfließt diesen silbernes Licht, er richtet sich auf und erblickt über die Nebelmassen weg den im letzten Herbst- und ersten Morgengold leuchtenden Bürgerpark, und dahinter die Stadt mit ihren Türmen, im Glanz des schönsten Herbstmorgens.

Da hebt er die Stange und stößt mit ihrer eisenbeschlagenen Spitze gegen die Koje vorn im Schiff.

Der Deckel hebt sich. Helles Haar schimmert im Silberlicht der Frühe, zwei junge Augen zwinkern verschlafen, ein rosiger kleiner Mund gähnt mit ansteckender Herzhaftigkeit, und aus dem engen dumpfen Kasten steigt das schönste Kind des Moores, sich schüttelnd und Strohteilchen mit der Hand von Haar und Kleidung streifend, schlägt den Deckel krachend zu, springt leichtfüßig hinauf, reckt die schlanken Glieder in der Sonne und schaut mit großen, glänzenden Augen verwundert und inbrünstig in den strahlenden jungen Tag. Zugleich schüttelt auch der junge Schiffersmann die letzte Dumpfheit der Nacht von sich und schreitet wacker aus, das Ziel zu erreichen.

Als das Schiff im Torfhafen sich in die Reihe der anderen legte, die in den Morgenstunden auf den verschiedenen Wasserwegen angelangt waren, fand sich schnell ein Händler herzu, der Gerds Ware auf Schwere und Trockenheit untersuchte und ein Gebot abgab. Gerd nannte gelassen, beide Hände tief in die Hosentaschen vergraben, seinen Preis, der den Mann veranlaßte, ein Schiff weiter zu gehen. Auch mit einem zweiten und dritten wurde er nicht handelseins. Leidchen, die auf dem groben Kaipflaster hin und her ging, wollte schon ungeduldig werden und drängte ihn, die Ladung loszuschlagen. Aber ohne auf sie zu hören, steckte er sich die Pfeife an und wartete ruhig, bis jemand ihm auf eine halbe Mark entgegen kam. Dem verkaufte er seinen Torf. Während dessen Kumpwagen vorfuhr und die herandrängenden Brockelweiber mit dem Umladen begannen, zählte er mit großer Sorgfalt sein Geld, um dann noch jedes einzelne Stück auf seine Echtheit zu prüfen. Dies hatte er sich zur Gewohnheit gemacht, seit er einmal mit einem österreichischen Gulden angeführt war.

Darauf rechnete er aus, was der Schwester und ihm als Marktgeld gehörte. Es ergaben sich sechs Mark und vierzig Pfennig, die er in die linke Hosentasche versenkte, während er die größere Summe in der rechten verstaute.

»Ich will mein Geld selbst tragen,« erklärte Leidchen und streckte die Hand aus.

»Bei mir ist es sicherer,« sagte er. »Auf dem Freimarkt gibt's viele Taschendiebe.«

»Schadet nichts. Gib her, drei Mark und zwanzig Pfennig.« Sie stieß mit dem Hacken des linken Fußes energisch auf das Straßenpflaster und ließ ein billiges Portemonnaie hungrig auf und zu schnappen.

»Du bist wohl albern?« rief Gerd verwundert. »Das Marktgeld richtet sich nach dem Lohn. Da! Hier hast du zwei Mark fufzig, damit kannst du dicke zufrieden sein.«

Sie zog das Mäulchen erst ein wenig schief, wusselte dann aber das geschwollene Geldtäschchen vergnügt in ihre Rocktasche.

Nachdem sie in einer nahen Gastwirtschaft ihren Morgenkaffee getrunken und sich festtäglich gekleidet hatten, machten sie sich auf den Weg in die Stadt.

An der nächsten Straßenecke begann gerade ein junger, tirolermäßig aufgeputzter Orgeldreher sein Tagewerk mit: »Freut euch des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht.« Leidchen blieb stehen und hatte ihren Spaß an der lustigen Weise, und an den lustigen Augen des flotten Kerls auch wohl ein wenig. Als er seinen Hahnenfederhut hinhielt, warf sie ihm einen ganzen Groschen hinein, worauf der Leiermann sich ritterlich verbeugte und sagte: »Küss' die Hand, schönes Fräulein.«

Freudig errötend schielte Leidchen nach ihrem Bruder hinüber, um zu sehen, welchen Eindruck diese Anrede auf ihn machte. Der aber lächelte spöttisch und brummte: »Darauf brauchst du dir gar nichts einzubilden. Das sagt so'n Lümmel zu jedem alten Schrubber ... Was ich aber noch sagen wollte, wenn du jedem solchen Tagedieb einen Groschen gibst, bist du blank, ehe wir zum Marktplatz kommen.«

Er begann jetzt, sie auf allerhand Dinge, die es in Brunsode nicht gab, erklärend aufmerksam zu machen, und hatte seine Freude an ihren verwunderten Augen und den Ausrufen des Staunens, die immer wieder über ihre Lippen kamen.