Part 16
»Haha,« lachte Gerd, »in der Familie darf man das so genau nicht nehmen. Er kann mein Sinchen dafür mal wieder küssen.«
»Ich wollt' ihm!« rief Becka. »Das hätt' ich bloß ahnen sollen, daß du so'n böser Bruder bist! Sine, willst du ihm seinen Ring nicht wiedergeben?«
»Werd' mich hüten!« kicherte sie und schmiegte sich zärtlich an ihn. »Es ist mir so lieber, als wenn er ein alter Drögbäcker wär'.« --
Sine wollte für die Nacht bei der Schwester mit unterkriechen und Gerd begleitete die beiden bis vor Beckas Haustür. Nach einer letzten Umarmung, bei der Becka jetzt aber leer ausging, schritt er eilig auf dem Fußpfad über die Gehöfte heimwärts, um zur Bremerfahrt zu rüsten. Nur vor dem weitgeöffneten Tor von Heini Pepers Tanzdiele blieb er einen Augenblick unter den halbwüchsigen Gaffern, die noch nicht hinein durften, stehen. Der Ernteball war in vollem Gange, die Musikanten strichen und bliesen für Gewalt, und die Mädchen des Dorfes und der Nachbarkolonien flogen schön geputzt und mit glühenden Wangen in den Armen ihrer Tänzer an ihm vorüber. Alles, was Lust zum Freien hat, dachte Gerd bei sich, ist hier versammelt. Ob nicht vielleicht eine drunter ist, die du am Ende doch lieber genommen hättest? Die Hände in den Hosentaschen vergraben, fragte er sich bei jeder, die vorüberwalzte, ob er sie gemocht hätte. Aber jedesmal hieß es in ihm Nee, das eine Mal leiser, das andere Mal lauter, und ein paarmal hätte er beinahe ausgespuckt. Seine Wahl bestand diese Probe auf das glänzendste, und sehr befriedigt wandte er Heinis Ernteball den Rücken. --
Drei Stunden später befand er sich auf der Hamme, die sich unter bewölktem Himmel mattgrau durch die Nacht wand. Wenn man aber genauer hinsah, zogen leichte Wellen über ihren Spiegel. So war es auch in der Seele des jungen Schiffers wie ein leises Wellenatmen, aber zuweilen gingen auch hohe Wogen, und dann faßte er die schwere Eichenstange fester, und stieß und schob, daß sein Schiff rauschend dahinflog. Und als endlich das schlafähnliche Dösen über ihn kam, blieb ganz in der Tiefe etwas wach. Das war die Freude. Sie war jetzt still geworden, ganz still, aber ganz einschlafen konnte sie nicht. --
* * * * *
Wie hätte Gerd es an diesem Montag aushalten können, der Schwester so nahe zu sein und sie nicht zu besuchen! Wenn Mutter Marwede auch brummte, da machte man eben ein dickes Fell.
Er hatte sich das so schön vorgestellt, Leidchen den gestrigen Nachmittag zu schildern und dabei alles noch einmal wieder zu durchleben. Als er aber in der Küche vor ihr saß, wollten ihm die rechten Worte nicht auf die Lippen, und mit Stocken und Drucksen kam nur ein ziemlich farbloser Bericht zustande.
Aber die Schwester kannte den Bruder.
»Lieber Junge, du bist wohl sehr glücklich ...« sagte sie bewegt.
Da blickte er auf, und all das, was in die Worte nicht hatte hinein wollen, strahlte und jubelte ihm aus den grauen Augen. Und er sprang auf die Füße, schloß sie in seine Arme und küßte sie.
»Nicht wahr, Leidchen, du freust dich mit mir?« rief er, indem er sie losließ. »Aber Deern, was ist das? Du weinst? Was ist dabei denn zu weinen? ... Gönnst du mir das nicht?«
»Oh, von Herzen,« schluchzte sie, das Gesicht in der Schürze bergend.
»Aber was heulst du denn? Aha, du denkst: wenn ich man auch erst so weit wär'! Aber Deern, du bist ja noch so jung ... Nun laß das Weinen aber und spar deine Tränen, bis du sie nötiger brauchst ... Ich denk', lang' wird er dich auch nicht mehr zappeln lassen. Bei Gelegenheit will ich ihm mal 'n kleinen Wink geben.«
Leidchen stampfte mit dem Fuße auf und rief leidenschaftlich: »Um Gottes Willen, Gerd, komm mir nicht immer mit der alten Geschichte! Ich werd' dir sonst wirklich böse.«
Er lachte über das ganze Gesicht.
»Ihr Frauensleute seid ein wunderlich Volk. Ihr stellt euch immer, als ob ihr uns Mannskerls nicht ausstehen könntet. Und doch tut ihr nichts als auskucken, ob wir noch nicht kommen. Laß ihn nur erst ernsthaft kommen! Ich seh' schon, wie meine lüttje widerhaarige Schwester sich ihm an den Hals wirft und ruft: ›O wie gern! O wie gern!‹«
»Gerd!« stieß sie gequält heraus.
»Du weißt, Leidchen,« fuhr er fort, »ich bin ein ruhiger Mensch, ein Drögepeter, wie du früher manchmal sagtest. Ich hätte niemals gedacht, daß es mich so packen und unterkriegen könnte. Ich weiß wirklich nicht: ist die Welt auf den Kopf gestellt, oder bin ich's, oder sind wir beide umgekrempelt? Wie es eigentlich ist, kann ich dir überhaupt nicht beschreiben. Na, du lernst das ja auch wohl noch mal kennen. Wenn's erst über dich kommt, Leidchen -- da mag ich überhaupt nicht an denken. Du hast viel mehr Lebenslust als ich und viel hitzigeres Blut. Wie es dir gleich in die Backen schießt! Aber wir wollen den Teufel lieber nicht an die Wand malen.«
Er hatte sich wieder gesetzt und erzählte, vor sich hinsehend, wie er sein künftiges Heim gefunden, was es kosten sollte, welche Aufwendungen er machen müßte, um es leidlich instand zu setzen, und was für Arbeiten die dringendsten wären. Nach Ostern sollte es dann eine Doppelhochzeit geben, nicht allzu groß, aber sehr gemütlich. Ein gewisser Jemand, der flott tanzen könne, würde natürlich auch eingeladen, fügte er, mit den Augen plinkernd, noch hinzu.
Als er sich darauf erhoben hatte, um zu gehen, hielt Leidchen ihn an der Jacke fest und bat, er möchte noch einen Augenblick bleiben.
»Wozu?« fragte er, sie verwundert ansehend.
Sie wich seinem Blick aus.
»Deern, du machst ein Gesicht, als ob du mir noch was sagen wolltest. Denn man heraus damit! Ich komm fürs erste doch wohl nicht wieder.«
»Och geh man. Es ist nichts Besonderes.«
»Na denn adjüs, Leidchen!« Er hatte ihre Hand genommen, die er kräftig drückte, und sagte, unter behaglich breitem, herzfrohem Lachen: »Leidchen, sonst warst du von uns beiden immer die vergnügteste. Es scheint, nun bin ich erst mal an der Reihe, und das ist ja auch nicht mehr als recht und billig. Aber darüber brauchst du dir keine graue Haare wachsen lassen. Das kommt auch noch mal wieder herum. Bleib hübsch munter.«
Als er, nach einem langen zärtlichen Blick, zur Tür hinaus war, lief ein Zittern über ihre Gestalt. Sie sank auf einen Stuhl und starrte ein paar Sekunden vor sich hin. Dann raffte sie sich auf, fuhr mit der Hand über das Gesicht und ging an ihre Arbeit.
* * * * *
Am nächsten Tage nach Feierabend ging Gerd in das Schulhaus, wo er die Geschwister in der Wohnstube fand und sich zu ihnen an den Tisch setzte.
Er begann mit dem Wetter, sprach dann vom Wasserstand der Hamme und von dem Unglück in einem Nachbardorf, wo ein Knecht die Hand in die Häckselmaschine gekriegt hatte, und sagte endlich auch so beiwegelang, er hätte sich vor zwei Tagen verlobt. Da wurden von beiden seine Hände gepackt und tüchtig gedrückt, und als er Sine Wischhusen nannte, ging's noch mal wieder los; denn Mariechen Timmermann kannte ihre Schwester Becka und schätzte sie sehr.
Als er endlich sein Teil empfangen hatte, sagte Herr Timmermann lächelnd: »Du kannst uns auch gratulieren.«
Gerd machte ein erschrockenes Gesicht und fragte: »Auch zur Verlobung?«
Der Lehrer nickte: »Ja, meine Schwester hat sich Sonntag mit dem Kollegen Brinkmeyer in Asendorf verlobt.«
»Ach so ... denn gratulier' ich auch viel-, vielmals,« sagte Gerd, die kleine Hand der glücklichen Braut zwischen beide Pranken nehmend.
Der andere hatte sich erhoben. »Solche Doppelverlobung muß würdig gefeiert werden,« rief er, »wir wollen unseren Weinkeller austrinken.«
»Weinkeller ... wie das großartig klingt!« lachte hinter dem Hinausgehenden die Schwester. »Der gute Junge hat mal als Seminarist in Bederkesa dem unbegabten Sohn eines Kaufmanns Rechenstunden gegeben, fünf Groschen die Stunde, und zum Abschied hat der dankbare Vater ihm drei Flaschen Mosel geschenkt. Davon ist noch eine übrig geblieben.«
Sie stand auf und holte drei dicke Wassergläser, die sie mit den Worten auf den Tisch stellte: »Richtige Weingläser muß die Aussteuer erst bringen.«
Bald klappten dieselben auf das Wohl der beiden Brautpaare hart und klanglos gegeneinander. Und alle drei schmeckten andächtig zu, machten Gesichter, als ob sie alte Weinkenner wären und nickten sich wohlgefällig an. »Ein guter Tropfen,« lobte der Spender.
Der Wein war stark sprithaltig, und es dauerte nicht lange, so hatten sie alle drei rote Köpfe.
Da bekam Gerd auf einmal Courage und fragte, zu Fräulein Mariechen gewandt: »Will Ihr Bruder denn nicht auch bald Anstalt machen?«
Sie lachte: »Nun, wo ich mich verlobt habe, soll er wohl müssen. Wissen Sie keine für ihn?«
Er wurde noch roter und stamerte: »Das ist nicht so leicht. Für 'ne Lehrerfrau paßt sich längst nicht jedes Mädchen.«
»Ich wüßte wohl eine,« sagte sie, und der Schelm lachte ihr aus den Augen.
»Daß du mir reinen Mund hältst!« rief ihr Bruder, mit aufgehobenem Finger drohend.
»Ach Otto, warum sollen wir Gerd nicht ins Vertrauen ziehen? Die Sache muß ja doch endlich mal in Fluß kommen.«
Da er sich drein zu ergeben schien, wandte sie sich wieder zu Gerd und sagte flüsternd, die Hand schräg gegen den Mund haltend: »Mein Bruder hat Ihre kleine Schwester gern, und ich kann mir auch keine nettere Frau für ihn denken. Was meinen Sie, könnte daraus wohl etwas werden?«
Gerd strahlte über das ganze Gesicht.
»Von Herzen gern.«
»Und Leidchen?«
»Oh, so ganz von gestern bin ich auch nicht. Ich hab' schon länger Mäuse gemerkt und sie sogar mit ihm aufgezogen.«
»Und sie?«
»Och, sie ist noch'n bißchen jung und hat für die Liebe noch keinen rechten Sinn. Aber wenn er Ernst macht, sagt sie gewiß nicht nein. Dazu ist sie viel zu vernünftig ... Soll ich sie mal 'n bißchen vorbereiten?«
»Um alles nicht!« rief Herr Timmermann entsetzt.
»Na ja, es ist am Ende auch am besten, ihr macht die Sache unter euch ab. Leidchen ist 'ne ganz komische Deern, wie ich noch keine getroffen habe. Wenn ich etwas von ihr will, tut sie meist just das Gegenteil. Sie wär' imstande und sagte nein, bloß um mir'n Tort anzutun.«
»Ja, ja, das kommt davon. Du hast sie zu lange unter der Fuchtel gehalten ... Kommt sie wohl bald mal nach Hause?«
»Was ich weiß, nein.«
»Nun, dann reise ich im Lauf der nächsten Wochen vielleicht mal hin.«
Gerd rieb sich vor Freude die Hände. »Wenn's kommt, kommt's auf den Haufen, und diesmal ist's das Glück. Ich glaube, jetzt stoßen wir auch noch auf das dritte Brautpaar an.«
»Halt, so weit sind wir noch nicht.«
»Vivat hoch!« rief Gerd, und die Gläser klappten zusammen. »Daß die Sache wird,« meinte er großartig, »dafür kann ich garantieren.« »... Glaub' ich wenigstens,« fügte er dann etwas bescheidener doch hinzu. »Die Deern müßte ja doll und dumm sein, wenn sie nicht mit beiden Händen zugriffe.«
15.
Die Fünfundsiebziger waren ins Holsteinische gefahren, zu den großen Herbstübungen.
Leidchen entführte abends die Zeitungen auf ihre Dachkammer und las die spaltenlangen Manöverberichte nebst strategischen Betrachtungen mit Sorgfalt und Gründlichkeit. Dann nahm sie auch wohl eine Photographie aus der Kommode, auf der ein schmuckes Pärchen zu sehen war. Sie hatten das Bild einmal von einem ländlichen Schützenfest mitgebracht. Auch zwei Postkarten betrachtete und las sie oft genug; denn sie sandten ihr »1000 Gr. u. K.« Die eine zeigte eine hübsche ostholsteinische See- und Waldlandschaft. Die andere gefiel ihr weniger gut. Da drückte ein Mädchen mit der linken Hand die Schürze vor die weinenden Augen, während sie mit der rechten einen Soldaten zu halten suchte, der sich mit lachenden Augen und, wie es schien, leichten Herzens losmachte, um den Kameraden nachzueilen, die schon die Straßen hinabzogen. Bei diesem Bilde fühlte sie bald etwas wie Eifersucht, bald auch wunderliches Mißbehagen, über das sich Rechenschaft zu geben sie vermied.
Hermann hatte ihr vor dem Ausrücken ins Manöver versprochen, wenigstens jeden zweiten Tag zu schreiben, so daß sie eigentlich vom Morgen bis zum Abend in Erwartung des Briefboten lebte, der dreimal des Tags die Runde machte. Aber nur zwei Karten waren in vierzehn Tagen eingetroffen. Wenn die Hoffnung auf ein Lebenszeichen sie wieder einmal getäuscht hatte, war sie auf den Wortbrüchigen beinah etwas böse. Aber sie entschuldigte ihn jedesmal schnell. Er hatte ihr ja erzählt, wie's in so einem Manöver herging, und die Zeitung berichtete von langen Märschen bei Tag und bei Nacht und von großer Ermüdung der Truppen.
Eines Abends nahm sie ihr Myrtenbäumchen vom Fenster und stellte es vor sich auf die Kommode. Als sie die Blätter genauer betrachtete, machte sie auf einmal große erschrockene Augen. Die glänzend grünen Blättchen waren zusammengeschrumpft und gekräuselt, das Bäumchen schien dem Tode verfallen. Mit schmerzlichem Gesicht begoß sie es reichlich, um es dann schnell wieder an seinen Platz zu stellen und sich von dem vorwurfsvollen Anblick ihres vernachlässigten Pfleglings zu befreien.
Dann setzte sie sich auf den Bettrand und blickte starr vor sich hin.
Auf einmal kam eine angstvolle Unruhe über sie. Sie faltete und rang die Hände, streckte sie von sich und preßte sie gegen die Brust, fuhr steil in die Höhe und wanderte das Zimmer auf und ab, öffnete das Dachfenster und stieg auf ihren Stuhl, um die hereindringende frische Herbstluft an der Quelle zu schöpfen.
Wenn sie doch nur seine Adresse wüßte! Dann hätte sie sich hinsetzen und in einem Brief ihm ihr Herz ausschütten können ...
Plötzlich trat ein Ausdruck von Entschlossenheit in ihre Züge, sie wollte an seine Eltern schreiben, und in blitzschneller Folge drängten sich ihr die Gedanken und Sätze auf. Sie nahm einen Briefbogen, den sie sorgfältig mit Ort, Straße, Hausnummer und Datum versah. Aber schon die Anrede ließ sie scheitern. Wie sollte sie schreiben? »Geehrter Herr Vogt und Frau«? Das klang so kalt. »Liebe Eltern«? das ging doch auch nicht gut, solange Hermann nicht mit ihnen gesprochen hatte. Nächsten Montag wurde er ja zur Reserve entlassen, und dann mußte er das sofort tun.
Sie stützte den Kopf in die Hände, Sorgen und quälende Gedanken umdüsterten ihre weiße Stirn. Auf einmal heiterte ihr Gesicht sich auf, sie griff schnell zur Feder und schrieb:
»Lieber Bruder!
Als Du das letztemal hier warst, habe ich mich sehr gewundert. Du warst knapp wiederzuerkennen, so hattest Du Dich verändert. Ja, mit der Liebe ist das ein wunderlich Ding.
Du denkst nun natürlich: Was weiß die dumme Deern davon? Lieber Bruder, ich weiß mehr davon als Du denkst. Denn auch meine Stunde hat geschlagen.
Du wirst dich sehr wundern, aber ich bitte Dich, behalte ruhig Blut und sei mir nicht böse. Vergiß nicht, was Du mir versprochen hast: in diesem Stück wollten wir uns beide ganz und gar zufrieden lassen. Ich freue mich mit Dir, freu Du Dich mit mir!
Du wirst nun gerne wissen wollen, wer es ist. Als ich im Sommer mal im Bürgerpark spazieren ging, traf ich unseren alten Schulkameraden Hermann wieder, und wir beide sind eins geworden, daß wir ein Paar werden wollen. Die Hochzeit soll noch vor Weihnachten sein, denn wir sind ja beide alt genug, er über dreiundzwanzig und ich bald neunzehn, und jung gefreit hat noch niemand gereut.
Du hast von Kindesbeinen an einen Pik auf Hermann gehabt, und das ist beinah das einzige, was ich nie an Dir leiden mochte. Du kannst doch nicht verlangen, daß alle Menschen genau so sind wie Du. Glaub mir, Gerd, ich kenne ihn besser als Du und weiß auch, daß er seine Fehler hat, gerade so wie ich und Du und alle Menschen. Aber im Grunde ist er nicht unrecht, und die Hauptsache ist, er hat mich schrecklich lieb, und ich ihn desgleichen. Wir beide haben uns gerade so lieb, wie Du und Sine euch habt, und darum darfst Du nun auch keine Widerworte machen. Lieber Bruder, Du hast mir viel Gutes getan und sozusagen Vater- und Mutterstelle an mir vertreten. Nun tu mir auch die Liebe an, daß Du mir hierzu Deinen Segen gibst. Ich kann nicht eher wieder ruhig werden, als bis Du mir geschrieben hast.
Ich freue mich so, daß Du Dir die Stelle am Achterdamm gekauft hast. Sie ist ja von unserer abgeteilt und hat vor vierzig Jahren noch dazu gehört, wie Hermann mir erzählt hat. Wie schön ist das, daß wir beide, die wir immer so treu zusammengehalten haben, wie man es bei Geschwistern nicht häufig findet, nun für das ganze Leben Nachbarn werden sollen! Und ich denke, wir wollen die beste Nachbarschaft halten. Dein Sinchen will ich tüchtig lieb haben, und wenn die beiden Alten mich mal ärgern, wutsche ich schnell zu Euch hinüber, und Ihr tröstet mich. Aber das wird wohl gar nicht nötig sein, ich gehöre nicht zu denen, die immer gleich den Kopf hängen lassen, ich will die alten Brummbären wohl zahm kriegen.
Hermann spricht immer sehr nett und lieb von Dir und trägt Dir gar nichts nach. Ihr müßt noch die besten Freunde werden, eher laß ich Euch keine Ruhe. Jetzt ist er im Manöver und hat mir schon zweimal geschrieben.
Schreibe bald wieder, oder noch besser ist's, Du kuckst mal vor, wo Du jetzt gewiß doch oft mit Torf in die Stadt kommst. Vor Frau Marwede brauchst Du keine Bange zu haben, die hat mich die längste Zeit geärgert. Die wird schöne Augen machen, wenn sie erst Bescheid weiß!
Es grüßt Dich in Liebe
Deine Schwester Leidchen.«
Beim Schreiben wurde ihr leicht und froh ums Herz, und als sie den Brief noch einmal durchflog, gefiel er ihr sehr gut. Wehmütig lächelnd dachte sie daran, wie einst in der Schule Lehrer Timmermann, wenn er allerlei erdachte Fälle in Briefen behandeln ließ, unter die ihren fast immer eine schöne rote 1 setzen mußte.
Sie beschloß, den Brief, nachdem sie ihn mit Umschlag und Adresse versehen hatte, noch in den nächsten Postkasten zu stecken, und machte sich auf den Weg.
Aber auf der Straße kamen ihr Bedenken. Gerd hatte ja seine besonderen Pläne mit ihr, und sein Widerwille gegen Hermann war tief eingewurzelt. Wenn er sich zwischen sie und ihn steckte, konnte er das größte Unheil anrichten.
Ach was, sagte sie sich dann wieder, er weiß jetzt ja selbst, wie's verliebten Leuten ums Herz ist, und muß endlich wissen, wie die Dinge liegen, und schob den Brief in den Schlitz des blauen Kastens.
Aber auf einmal zog sie ihn wieder heraus. Es war am Ende doch besser, mit dem Absenden bis morgen zu warten.
Der Brief wurde aber am nächsten Tage nicht abgeschickt und auch die folgenden nicht. Es erschien ihr nun auf einmal wieder leichter und vorteilhafter, die Angelegenheit mündlich mit dem Bruder abzumachen. Er konnte ja jeden Tag mal wieder bei ihr vorsprechen, und so wartete sie fortan auch auf ihn.
* * * * *
Der schöne, warme Herbstsonntag hatte Scharen von Menschen ins Freie gelockt. Wie eine Völkerwanderung wogte es die breite Allee dahin, Schüler, Liebespärchen, junge Eheleute, ihren Erstling zwischen sich oder im Wägelchen schiebend, behäbige Bürgerfamilien mit allerlei Anhang, alles in behaglichster Sonntagnachmittagstimmung.
Da, wo die Allee den Bürgerpark erreicht, stand ein junges Mädchen mit suchenden Augen und ließ den Strom an sich vorüberziehen.
Hinter einer breit watschelnden Madam blitzten Uniformknöpfe auf. Die Wartende trat hastig ein paar Schritte vor, blieb dann aber enttäuscht stehen. Es war ein Fremder, der mit seinem glücklich zu ihm aufschauenden Mädchen daherkam.
Die Uhren in der Stadt schlugen halb. Es war töricht, jetzt schon so angestrengt zu warten. Sie hatten vor dem Manöver ja verabredet, sich um vier am Holler See zu treffen. Vor der ausgemachten Zeit war er nie gekommen, aber stets militärisch pünktlich auf die Minute.
Leidchen setzte sich auf eine Bank, die eben frei wurde, von der aus sie den Menschenstrom im Auge behielt. So oft eine Uniform auftauchte, klopfte ihr das Herz.
Ein bejahrtes Ehepaar kam angewandelt und ließ sich freundlich nickend zu ihr auf der Bank nieder.
»Sie warten wohl auf jemand, liebes Fräulein?« fragte der alte Herr nach einer Weile.
Leidchen sah in ein vertrauenerweckendes, gütiges Großvatergesicht, das ein kurzgeschnittener silberner Backenbart umrahmte. »Ja,« sagte sie erleichtert aufatmend, »mein Bräutigam muß jeden Augenblick kommen.«
Der alte Mann lächelte fein, wie aus glücklicher Erinnerung heraus, legte seiner greisen Lebensgefährtin die Hand aufs Knie und trällerte leise: »Im Rosengarten will ich deiner warten, im grünen Klee, im weißen Schnee.« Und in den umschleierten, tief in Falten eingebetteten Augen der würdigen Matrone erschien das gleiche erinnerungsselige, stille Lächeln. Es war Leidchen, als müßte sie die beiden Leutchen sehr lieb haben.
Vier Uhr schlug's von den Türmen, und sie sandte einen langen Blick die Allee hinunter.
»Ihr Schatz scheint nicht recht pünktlich zu sein,« sagte der alte Herr, seine Uhr ziehend. »Als ich noch jung und schön war, hab' ich mein Lieb nicht so lange warten lassen. Nicht wahr, Oma?«
»Er ist Bursche bei einem Hauptmann,« sagte Leidchen, den Säumigen entschuldigend, »der hat ihn wohl nicht früh genug laufen lassen.«
»Ach so ... ja, ja ... und überhaupt die Herren Soldaten ...«
Sie unterbrach ihn schnell: »Wir beide sind aus einem Dorf und haben uns schon von der Schulbank her gern. Mein Bräutigam ist der Sohn von unserm Müller und erbt mal die Mühle, eine große, starke Windmühle, und eine Stelle von sechzig Morgen dazu.«
»Das ist was anderes,« sagte der Alte achtungsvoll.
»Und die Hochzeit,« fuhr Leidchen fort, »soll noch vor Weihnachten sein. Ich freu' mich mächtig, daß ich wieder in unser Moor komme, hier in der Stadt mag ich gar nicht sein.«
»Aber ich bitt' Sie, liebes Kind, unser Bremen! ...«
»Nee, nee, bei uns im Moor ist's viel schöner, zehnmal so schön!« Und sie berichtete vom Torfbacken daheim und vom Heuen an der Hamme und von der Spinnstube winternachmittags. Als sie mit klagender Stimme erzählte, daß beide Eltern ihr früh gestorben wären, sah die alte Dame sie mitleidig an, und da begann sie, ihrem Bruder Gerd ein Loblied zu singen. Er wäre so ganz anders als die anderen jungen Leute im Dorf, läse viel in Büchern, auch in sehr schweren; was er an ihr getan hätte, in kindlichen Jahren und auch später, das könnte sie niemals wieder gut machen. Jetzt wäre er auch verlobt und hätte sich vom Ersparten eine kleine Stelle von achtzehn Morgen gekauft. So plauderte sie drauflos, wie das Rieselwasser am Klappstau; denn wenn sie aufhörte, fürchtete sie, würden die beiden aufstehen und weitergehen, und ihr war doch lange nicht so wohl gewesen wie unter dem stillen Blick der gütigen alten Augen, und sie empfand es überaus wohltuend, daß sie sich nach den einsamen drei Wochen endlich einmal aussprechen konnte. Und die lieben alten Menschen lächelten, nickten, stellten Fragen, machten kleine Scherze und hatten viel Geduld, ihr zuzuhören.
Zuletzt war diese aber doch wohl zu Ende, sie erhoben sich, drückten ihr herzlich die Hand, wünschten vergnügte Hochzeit und glücklichen Ehestand und gingen. Leidchen sandte ihnen warme Blicke nach, bis sie um eine Rhododendrongruppe verschwanden, und dachte: wenn sie statt zu Marwedes zu solchen Leuten ins Haus gekommen wäre!
Da schlug's schon halb fünf! Warum in aller Welt mochte Hermann so lange auf sich warten lassen?
Sollte sie sich in Ort und Zeit geirrt haben? Unmöglich! Sie hatte sich beide ja fast stündlich wiederholt.
Und er konnte die Verabredung doch auch nicht falsch verstanden oder vergessen haben. Dann verdiente er ja ...
Vielleicht konnte er nicht abkommen, weil sein Hauptmann wieder mal Gesellschaft gab, wodurch früher einmal eine Verabredung hinfällig geworden war. Aber am Tag nach dem Manöver? Das war sehr unwahrscheinlich.
Oder? ...
Sie erschrak vor diesem Oder und taumelte davor zurück wie vor einem Abgrund.
Nein, und abermals nein, und tausendmal nein!
Lieber glauben, daß in einer Viertelstunde die Welt untergeht, als dies!
Warum hatte er aber sein Versprechen, jeden zweiten Tag einen Gruß zu schicken, so schlecht gehalten?
Und war er die letzten Wochen vorm Manöver nicht manchmal so ganz anders gegen sie gewesen wie im Anfang, gleichgültiger, kälter?
Ach nein, das schien ihr jetzt gewiß nur so, und er hatte ja damals auch alle Hände voll zu tun gehabt. Beim Abschied, wie hatte er sie da wieder geküßt und an sich gedrückt ...
Aber warum ließ er sie denn jetzt so warten, warum kam er nicht?