Chapter 14 of 24 · 3937 words · ~20 min read

Part 14

»Och ja. Sie ist zwei Jahr vor mir aus der Schule gekommen und aus Webersdorf gebürtig. Sie hat eine Zwillingsschwester, Sine; wer die beiden nicht ganz genau kennt, kann sie überhaupt nicht unterscheiden.«

»So? Das wußte ich noch gar nicht mal. Na, was meinst du zu der Deern?«

»Och ... ich weiß nicht recht.«

»Ist sie kein nettes Mädchen? Weißt du was Schlechtes über sie?«

»Das nicht ... Ihr Vater macht Holzschuhe ...«

»Das will nichts schaden ... Deern, Deern, was hast du für Grappen! Wird höchste Zeit, daß du wieder aufs Land kommst, ehe sie dir hier in der Stadt den Kopf ganz verdrehen. Ich muß mich wirklich wundern.«

»... Gerd, hast du Becka schon was gesagt?«

»Nee. Es ist mir diese Nacht erst eingefallen, daß sie wohl die richtige sein könnte.«

»Denn will ich dir einen guten Rat geben, Gerd. Überleg' dir die Sache erst noch mal ganz gründlich! Manchmal meint man, man mag einen, und nachher mag man ihn doch nicht. Freierei ist kein Pferdehandel.«

»Das weiß ich selbst.«

»So was darf nicht übers Knie gebrochen werden.«

»Daran denk ich auch nicht. Wir brauchen ja nicht morgen Hochzeit zu halten.«

»Und dann vergiß nicht, daß unser Vater 'ne ganze Stelle gehabt hat, und daß wir von einem großen Geesthof stammen. Der Mensch ist seiner Familie auch was schuldig ... Gerd, wenn du dir bloß Zeit nehmen wolltest, ich glaube, du findest wohl noch was Besseres.«

»Du dumme Deern! Nun hör' aber auf mit deinem unklugen Schnack! In solche Sache laß ich mir von keinem hineinreden, und von dir am allerwenigsten. Ich dachte, du solltest dich mit mir freuen, und deshalb bin ich bloß gekommen. Und nun kommst du mir so und willst mich zweifelmütig machen. Aber warum halt' ich Schafskopf auch nicht meinen Mund? So was muß einer ganz mit sich allein abmachen.«

»Ganz meine Meinung!« rief Leidchen, in die Hände klatschend und lebhaft zustimmend. »Nimm, wen du willst; ich sag' keinen Ton mehr dagegen. Aber wenn ich mir nun mal einen aussuch', wie er mir nach der Mütze ist, dann sollst du mir auch nicht dazwischen kommen. Willst du mir das versprechen?«

»Hm ... der Fall liegt ein bißchen anders ...«

»Ganz und gar nicht! Was dem einen recht ist, das ist dem anderen billig.«

»Nee, Mannsleute und Frauensleute, das ist nicht ganz dasselbe ... Aber, na ja, du wirst ja wohl vernünftig und vorsichtig sein.«

Sie klopfte ihm die Schulter, streichelte seine Backen und sagte: »Kuck mal an! Endlich bist du zu der Einsicht gekommen, daß ich keinen Vormund mehr brauche. Es wurde aber auch höchste Zeit.«

»Na na, nun man sinnig,« brummte er, ihre Zärtlichkeiten, die ihn nicht gerade angenehm berührten, abwehrend.

»Wenn du erst am Achterdamm wohnst,« nahm sie wieder das Wort, »bist du ja auch Nachbar der Mühle ...«

»Das ist's, was mir am wenigsten bei der Sache gefällt,« entgegnete er stirnrunzelnd.

»Oh, ich denk', ihr werdet noch mal gute Nachbarn ..«

»Darauf leg' ich ganz und gar keinen Wert. Wir sind ja auch nur Landnachbarn, die Häuser liegen eine Viertelstunde auseinander, und ein gut Stück Hochmoor ist zwischen uns. Da kann man sich leicht aus dem Wege gehen ... Aber ich hör' draußen die Marwedesche, wie sie aufstampft. Das gilt mir. Adjüs, Leidchen, und halt' dich munter!«

Er gab ihr schnell die Hand und ging. »Nichts für ungut, wenn's ein paar Minuten länger gedauert hat,« rief er, am Laden vorüberschreitend, Frau Marwede zu, die gerade ein Pfund Käse abwog und an ihrem Kunden vorbei ihm einen strafenden Blick nachsandte.

Als er draußen war, biß er sich auf die Unterlippe. Es ärgerte ihn, daß er die Schwester ins Vertrauen gezogen hatte. Ihre Bedenken und Einwürfe hatten doch tieferen Eindruck auf ihn gemacht, als er vor sich selber wahr haben wollte, und es währte eine ganze Weile, bis er sie überwunden hatte. Erst auf dem Leinpfad neben dem Bürgerpark schreitend und das auf dem Torfkanal laufende Schiff vor sich her schiebend, war er endlich so weit, daß er die Zähne aufeinander beißen und zwischen ihnen hindurch murmeln konnte: »Es bleibt dabei!«

Als er mit seiner Sache im reinen war, fiel ihm auf einmal nachträglich auf, daß Leidchen doch heute ein ganz wunderlich Wesen an den Tag gelegt hatte. Sie hatte so keck und dreist hingeredet, wie es sonst eigentlich ihre Art nicht war. Aber wenn Mädchen vom Heiraten hören, dachte er, werden sie alle zappelig. Er machte sich Vorwürfe, daß er mit keinem Wort die Rede auf seine Gedanken und Hoffnungen für ihre Zukunft gebracht hatte. Heut' hatte er eben nur an sich selbst gedacht.

13.

Gerd schlief wie ein Bär, und als er am anderen Morgen im Bett, nachdem er ins Frührot geblinzelt, in sich selbst hineinsah, hatte die Sache ihr Gesicht ganz und gar nicht verändert.

Der Tag wurde ihm sehr lang. In Gedanken arbeitete er schon immer auf eigenem Grund und Boden und setzte sich mit Becka zu Tisch in Haus 1 +a+ am Achterdamm.

Endlich war Feierabend, und er machte sich auf den schicksalsschweren Weg, Holzschuhe an den Füßen, Pfeife im Munde, Hände in den Hosentaschen, mit schläfrigen, wiegenden Schritten -- alles, um keinen Verdacht zu erwecken. Die Tage wurden bereits merklich kürzer. Gegen acht war es auf dem an den Häusern hinlaufenden umwachsenen Fußpfad schon recht dämmerig, wo Tannen ihn säumten, fast dunkel. Zuweilen fragte ihn jemand: »Wo willst du hin?« oder: »Wo soll's denn so spät noch auf zu gehen?« Dann antwortete er leichthin: »Oh ... mal eben unten ins Dorf.« Auf Klöhnschnack, wie er sich nach Feierabend gern anspinnen will, ließ er sich nicht ein. Denn es war keine Viertelstunde zu verlieren, da um diese Jahreszeit auf Feierabend Bettgehen gar bald zu folgen pflegt.

Als er, auf schmaler Eichenbohle den Grenzgraben überschreitend, die Gerechtsame von Jan Wiechels betrat, klopfte ihm das Herz, er warf aber, obgleich der Pfad dicht unter den Fenstern des Hauses hin führte, keinen Blick zur Seite. Erst als er die hundert Meter der Gehöftsbreite fast abgeschritten hatte, wandte er sich langsam und wie zufällig herum, und als ein schneller Blick ihn überzeugt, daß kein Auge auf ihn gerichtet war, trat er hastig einige Schritte vom Fußpfad abseits in die Lücke eines geschorenen Tannendickichts, das quadratisch um den Komposthaufen angepflanzt war. Von hier aus, wo er sich vor unerwünschter Entdeckung sicher fühlte, faßte er die Ausgänge des Hauses ins Auge wie der Kater ein paar benachbarte Mauselöcher.

Wenn doch ein freundliches Geschick es fügen wollte, daß sie noch einige Küchenabfälle zum Komposthaufen tragen müßte! Er spähte durch die Dämmerung, als ob er sie hergucken könnte. Er sog an seiner Pfeife, wie wenn er Hoffnung haben dürfte, sie herzusaugen. Er gab einer Fledermaus, die zwischen Tannengebüsch und Dielentor immer hin und her flog, Botschaft mit, aber das graue Tierchen wollte nicht sein Liebesbote sein. Es half ihm alles nichts, er bekam diesen Abend niemand anders zu sehen als Wiechels Opa, der vorm Zubettgehen nach seiner Gewohnheit noch eben mal vor die Türe trat. Nach einer halben Stunde gab er das Warten als für heute zwecklos auf und trat ein wenig enttäuscht den Rückweg an. Er tröstete sich aber mit dem Gedanken, man könne unmöglich verlangen, daß eine so große Sache gleich auf Anhieb gelänge.

Am nächsten Abend machte er sicherheitshalber den Umweg über den Fahrdamm und gewann seinen Beobachtungsposten von Stelle Nr. 3 aus. Er hatte noch keine Viertelstunde gestanden, als die Erwartete vom Hause über den Hof in die Scheune huschte. Aber ehe er sich das Herz faßte, vorzutreten, um sie abzufangen, war sie schon wieder im Wohnhause verschwunden. »Eine vermuckt gralle Deern, mächtig flink auf den Patten,« stellte er bei sich fest, halb ärgerlich, aber auch nicht ohne Wohlgefallen. Gleich darauf wurde ein Kammerfenster zugezogen, und dabei ließ sich für zwei Sekunden ein kurzer runder Arm sehen. Sollte er hingehen und anklopfen? ... Nein, lieber nicht. Das konnte sie vor den Kopf stoßen und seine Absichten in ein falsches Licht rücken. Mit dem Ergebnis dieses zweiten Abends im Grunde nicht unzufrieden, schlenderte er mit frisch angesteckter Pfeife heimwärts.

Am dritten Abend fand seine Beharrlichkeit ihren Lohn. Er hatte noch keine fünf Minuten gestanden, da kam sie mit einem Korb am Arm aus dem Hause und schritt feierabendgemächlich dem Damm zu.

Schnell eilte er auf Stelle Nr. 5 hinüber, folgte dem Fußweg, der von hier zum Damm führte, und wußte sich so einzurichten, daß er gerade an der Hofbrücke mit ihr zusammentraf.

»Na, Becka, noch'n bißchen einkaufen?«

»Muß wohl ... Ach sieh, das bist du ja, Gerd.«

»Ich hab' zufällig denselben Weg wie du.«

»Das paßt schön. Denn komm man her.«

Er ging schweigend neben ihr und kaute auf dem Mundstück seiner Pfeife.

»Wo willst du denn heut' abend noch auf zu?« fragte sie nach einer Weile.

»Oh,« sagte er gedehnt, »mir geht diese Tage allerhand im Kopf rundum. Ich hab' so halberlei vor, mir eine Stelle zu kaufen ... Nr. 1 +a+, am Achterdamm.«

»Du kannst wohl lachen, wenn du das schon machen kannst.«

»Hm ... So ungefähr zweihundert Taler fehlen mir noch ...«

»Na, die wird die Sparkasse sacht hergeben.«

»Das wohl. Aber gleich mit zu schweren Lasten anzufangen, ist nicht recht nach meinem Sinn.«

»Dann mußt du am Ende noch ein paar Jahr warten.«

»Ja, das sagst du wohl. Aber dann ist die Stelle sicher weg; Nolte will schnell verkaufen, hab' ich gehört. Und wer weiß, ob sich so leicht was Passendes wieder findet ... Becka, du hast gewiß auch schon allerlei auf der hohen Kante?«

»Hm ja ...«

»So'n hundert Taler? ...«

»Ha, das wär schlimm! Ich krieg nächstes Jahr die zweihundert voll.«

»Mensch! Deern! Das ist ja wohl nicht möglich!«

»Warum nicht? Heutzutage bei den hohen Löhnen und wenn einer zur rechten Zeit mit Sparen anfängt?«

»Das hätt' ich nicht gedacht, daß es noch solche Mädchen gäbe ... Hm, Becka, was meinst du ... wenn wir unsere Groschens zusammenschmissen? ...«

»Hihi, dann hätten wir'n schönes Bißchen auf dem Klump.«

»Deern, woll'n wir? Hast du Lust?«

Er war stehengeblieben und griff nach ihrer Hand. Aber sie entzog ihm diese und sah ihn erschrocken an: »Ach so--o ... so meinst du's ...«

»Ja, schon drei Abende hab' ich bei den Tannen auf dich gelauert ...«

»Mensch ... ich kann nicht begreifen ... ich weiß nicht ... Wenn ich nun aber so halberlei schon einen hätte?«

»Was? 'n Bräutigam?«

»Ja.«

»Davon hat man doch nichts gehört!«

»Alles braucht man den Leuten auch nicht auf die Zähne zu hängen.«

»Becka, ich weiß nicht ... Du machst doch wohl nur Spaß ... Ist das wirklich wahr? Du nickst ... Das wär' doch rein zu doll ... Ist da denn gar nichts mehr an zu machen ... ich meine, kannst du dir das nicht noch anders überlegen?«

»Abers Menschenkind! Wir sind doch richtig versprochen und wollen nur mit der Hochzeit noch ein paar Jahr warten, bis wir mal was pachten oder kaufen können.«

»Wenn ich davon doch bloß eine Ahnung gehabt hätte! Adjüs, Becka, und nichts für ungut.«

Er wandte sich hastig zum Gehen. Aber noch keine zwanzig Schritt hatte er gemacht, als er seinen Namen rufen hörte.

»Was soll ich?« fragte er tonlos, sich halb herumwendend.

»Komm noch eben mal her.«

»Hat ja keinen Zweck.«

»Doch, doch, komm! Ich hab' mir was anderes überlegt.«

Langsam begab er sich wieder zu ihr. Sie empfing ihn mit lachenden Augen: »Gerd, daß mir das auch nicht gleich eingefallen ist! Du kannst ja meine Schwester Sine nehmen.«

»Deern, bist du nicht recht klug? Die kenn' ich ja gar nicht.«

Sie machte ein ernsthaftes Gesicht: »Wenn du mich leiden magst, gefällt Sine dir ganz gewiß auch. Wir sind nämlich Zwillingsschwestern und einander so ähnlich, daß unsere eigene Mutter Last hat, uns zu unterscheiden. Als wir zur Konfirmandenstunde gingen, hat der Pastor uns den ganzen Winter durcheinandergeschmissen und zuletzt noch mich als Sine und Sine als Becka eingesegnet, und nicht mal unser Vater hat das gemerkt. Was jetzt mein Bräutigam ist, der hat erst lange nicht gewußt, wen von uns beiden er nehmen sollte. Zuletzt bin ich's ja denn geworden, ich glaube mehr zufällig, und das tut mir wegen Sine leid. Und sie ist seit der Zeit noch immer ein bißchen böse auf mich, weil sie doch die älteste ist, weißt du, und sich immer was darauf zugute getan hat. Aber was kann ich armes Ding dafür? In solchen Dingen ist doch jeder sich selbst der Nächste. Wenn ich ihr nun einen guten Bräutigam anstellen könnte, wie zum Beispiel dich, dann wäre alles wieder gut. Junge, Gerd, das wär' fein! Was meinst du?«

Gerd, der wieder neben ihr ging, blieb stehen. »Becka,« sagte er, »die Sache kommt mir ganz putzwunderlich vor.«

»Das ist sie auch,« versetzte das Mädchen mit Eifer. »Unser Schullehrer hat mal gesagt, wir beiden könnten uns auf dem Freimarkt als Weltwunder sehen lassen.«

»...Sag' mal, bist du Sonntag vor acht Tagen zur Kirche gewesen?«

»Nee, das muß Sine gewesen sein.«

»Kuck an, dann hab' ich sie ja schon mal gesehen.«

»Nicht wahr? Auch 'ne lüttje glatte Deern.«

»Och ja ...«

»Gerd, für allzu starkes Zureden in solchen Dingen bin ich gar nicht ... der Mensch muß selber wissen, was er will. Aber du solltest Sine man nehmen.«

»Och, Menschenskind ... das kommt mir so unverhofft...«

»Aber du wolltest ~mich~ doch. Ob du mich kriegst oder Sine, das ist ja alles ein Pott und ein Löffel.«

»Das sagst du wohl ...«

»Mit der einen bist du so wenig angeführt als mit der anderen, hahaha.«

»... Sag' mal, ist Sine eben so 'ne lüttje vergnügte Deern wie du?«

»~Die?~ Ha, die steckt mich noch in den Sack, wenn's drauf ankommt!«

»Und auch nicht fürs Wilde und Weitläufige?«

»Hee wat! Immer vergnügt, und dabei doch sinnig und ernsthaft für sich weg.«

»Hm ... Die Sorte hab' ich eigentlich am liebsten.«

»'s ist auch die beste, Gerd.«

»Sie hat doch auch wohl etwas auf der Sparkasse?«

»Das wollt ich meinen.«

»Wieviel wohl ungefähr? ...«

»Pfui, danach gleich zu fragen! Willst du sie von wegen dem Geld heiraten?«

»Das nicht; aber es ist gut, wenn man auch in diesem Stück gleich klar sieht.«

»Wart ein bißchen, ich muß hier eben in den Laden und grüne Seife holen, wir wollen morgen waschen. Bin gleich wieder bei dir.«

Und schon war sie in dem Hause des Hökers, das unmittelbar am Damm lag, verschwunden.

Im Laden wurde eine Hängelampe angezündet, und Gerd spähte zwischen Stärkeschachteln, Seifenpyramiden und anderen Schaufensterauslagen hinein. Schönere rote Backen, als wie der Lampenschein sie dort beleuchtete, konnte es auf der Welt nicht geben, und lustigere Augen erst recht nicht. Als sie, mit der Hökerfrau scherzend, lachte, lachte ihm das Herz im Leibe mit.

Schade, daß er da zu spät gekommen war.

Aber wenn es noch eine genau so eine gab? Dann war die Sache am Ende doch nicht so schlimm. Und warum sollte das nicht möglich sein? Man hatte ja sogar von Zwillingen gehört, die zusammengewachsen waren. Dann konnte es auch wohl welche geben, die sich so gleich waren, daß man getrost die eine für die andere heiraten konnte.

»Na Junge, hast du dir's überlegt?« fragte Becka munter, als sie wieder draußen war.

»Hm, ankucken möchte ich mir Sine wohl mal.«

»Ist recht. Dann will ich sie einladen. Paßt es dir Sonntag über acht Tage?«

»Geht's nicht schon diesen Sonntag?«

Becka schüttelte den Kopf: »Diesen Sonntag muß ich erst hin und ihr Bescheid sagen.«

»Das kannst du doch schriftlich abmachen.«

»Nee, mit der Feder kann ich nicht recht mehr umgehen. Also anderen Sonntag, nachmittags drei Uhr, treffen wir uns auf Rodenburgs Damm. Dort im Großen Moor stört uns keiner, und ihr könnt euch in Tennstedt bei Uhrmacher Sauerhering gleich die Ringe kaufen.«

»Stopp, mein' Deern, so weit sind wir noch nicht ... Weißt du gewiß, daß es mir bei Sine nicht grad so geht als bei dir ... ich meine, daß sie nicht auch schon vergeben ist?«

»Vor drei Wochen hatte sie noch keinen Bräutigam. Aber so was kommt manchmal schnell.«

»Ja, das ist wahr. Vor einer Woche dachte ich auch noch nicht an solche Geschichten ... Wann kommst du Sonntagabend wieder?«

»So zwischen neun und zehn Uhr. Warum?«

»Oh ... ich werd' dir auf dem Kirchdamm aufpassen, damit ich bald zu wissen krieg', woran ich bin. Willst du mir nicht doch sagen, wieviel Sine auf der Sparkasse hat?«

»Nee, du Neugier! Das kann sie dir selbst sagen.«

Sie waren bei Wiechels' Hofbrücke angelangt. Becka gab ihm die Hand und sagte lustig: »Gute Nacht, Schwager.« Er griff schnell zu und kniff sie in die runde, pralle Backe: »Schade, daß ~du~ nicht mehr zu haben bist. Dann wär' die Sache viel einfacher ... Becka, könnt ihr beiden nicht tauschen?«

»Nicht um tausend Taler! Und wenn du mir'n großen Geesthof zubrächtest!«

»Aber Deern, wo ihr beide so ganz und gar auf denselben Leisten gearbeitet seid, ist das doch ganz egal.«

»Wenn du noch einmal so dumm hinschnackst, sag' ich zu Sine, daß du'n schlimmer Kerl bist. Dann nimmt sie dich auch nicht, ätsch! und du stehst da mit'm dicken Kopf. Nun mach, daß du nach Hause kommst, und träum von Sine!«

Mit munteren Schritten eilte sie dem Gehöft zu. Gerd, der ihr, an das Brückengeländer gelehnt, nachsah, schüttelte langsam den Kopf: »'ne schnaksche Sache ... ne wunderliche Geschichte ...« Dann aber nickte er eifrig, schlug mit der flachen Hand schallend auf seinen linken Schenkel und murmelte vor sich hin: »Die rechte Sorte ist's ... kernig und gesund wie das blühende Leben ... fleißig und sparsam ... vergnügt wie ein Katheker, und doch nicht weitläufig und wild, mehr so in sich selbst vergnügt ... justemente die richtige Sorte ...Schade, daß sie schon versagt ist, jammerschade ... Aber ein Glück, daß es zwei von dem Schlag gibt ... Wenn die ältere nur nicht gar zu sehr gegen die jüngere abfällt ... wie Lea gegen Rahel! ... Na, das muß mit Ruhe und Vertrauen abgewartet werden.«

Er hatte sich das Geländer hinaufgeschoben, umschlang mit dem linken Bein den Pfosten und ließ das rechte vergnüglich baumeln.

Es war ein warmer, stiller Sommerabend, so recht moje und alle Sinne umschmeichelnd. Die Birkenstämme blinkten im Vollmondglanz und spiegelten sich klar und schön in der dunklen Tiefe des Grabens. Zur Linken auf den lichtüberfluteten Wiesen mit dem schimmernden Wassergeäder lagen aus feinstem Nebel gewobene Silberschleier. Rechts barg sich in mondbeglänztem Busch- und Baumwerk die Dorfreihe, verraten nur durch die Reihe der Brücken, die vom Damm hinüberführten, und durch ein einziges Licht, dessen freundlicher Schein sich durch das Laub hindurchstahl. Am nahen Klappstau rieselte ein Wässerchen, funkelte wie flüssiges Gold und schwätzte lustig, weil es seinen Weg gefunden.

Der junge Freiersmann sah mit großen Träumeraugen um sich. Es wurde ihm so wohl, daß er bald beide Beine baumeln ließ, in tiefem, ruhevollem Behagen. --

Plötzlich hob er sich und sprang auf die Füße. Er war mit seinen schweifenden Gedanken am Achterdamm angekommen und hatte sich schnell entschlossen, sein künftiges Heim und Nest noch eben mal zu besuchen.

Weit ausgreifend schritt er den Damm hinunter, um hinter der Mühle im rechten Winkel nach links auf den Kirchdamm abzubiegen. Bald ragten die beiden hohen Tannen, das Wahrzeichen der Stelle 1 +a+, über den Birkenanflug des Hochmoors. Und es dauerte nicht lange, so stand er vor dem Häuschen. Aber da kam das Gefühl einer großen Enttäuschung über ihn. Das moosige Strohdach war von Ratten zerfressen, der Kitt in den Fensterfüllungen abgebröckelt, eine zerbrochene Scheibe durch eine Nummer der Hammezeitung ersetzt. Und, was ihm das unangenehmste war, die Legen, auf denen die Fachwerkmauern ruhten, erwiesen sich als stark angemorscht. Aber bald tröstete er sich mit dem Gedanken, er würde das Haus um so billiger erstehen, und einige hundert Mark könnten da gründlich Wandel schaffen.

Drinnen, in der ausgeräumten und leidlich besenrein verlassenen, von weichem Mondlicht angefüllten Stube gefiel es ihm gar nicht übel. Und als er, in Ermangelung sonstiger Sitzgelegenheit, sich in die Öffnung der künftigen Ehebutze setzte und den Raum mit Beckas, nein Sines Aussteuer ausmöblierte, wurde es sogar ganz gemütlich. Um das häusliche Behagen noch zu erhöhen, stopfte er sich eine frische Pfeife und blies große, graue Wolken vor sich hin, die im Strahl des Mondes einen silbernen Schimmer annahmen.

So saß er eine gute Weile und vergnügte sich damit, Zukunftsbilder zu malen, als er plötzlich aus dieser angenehmen Beschäftigung aufschreckte und etwas wie Gespenstergrauen über seinen Rücken kriechen fühlte, indem etwas Weiches vor seinen Schienbeinen hinstrich. Es war aber nur ein weißes Kätzchen, das sich auf Sammetpfötchen lautlos und unbemerkt in die Stube geschlichen hatte.

Gerd streichelte den gekrümmten Rücken des Tieres und sagte zärtlich: »Ist nett von dir, Musch, daß du hier einhütest. Halt das Unzeug man ordentlich kurz, Sine soll dich später dafür tüchtig herausfüttern.«

Musch machte kläglich Miau, als ob sie sagen wollte, das wär' noch lange hin.

Gerd suchte in seinen Taschen und war so glücklich, ein Rotwurstzipfelchen vom letzten Frühstück auf dem Felde zu finden, das er für den Hund beigesteckt hatte.

Die Verlassene machte sich gierig darüber her, und als sie den Leckerbissen weggeputzt hatte, fing sie behaglich an zu schnurren. Dann ging sie der Tür zu, sich öfters umsehend, als ob sie ihn einladen wollte, ihr zu folgen.

»Ach so, Musch, du willst mich führen,« sagte Gerd, indem er sich erhob. Und sie durchwanderten alle Räume des Hauses, in die Mondeshelle und Schatten der Nacht sich geteilt hatten, wobei die wackere Einhüterin sich treu zu ihrem künftigen Herrn hielt.

Auf der offenen Feuerstelle lag noch die Asche vom letzten Kaffeekochen des Vorbesitzers. Die ersten Jahre mußte Sine sich mit ihr behelfen, später sollte sie einen Sparherd haben, der in Bremen gewiß mal billig für alt zu kaufen war.

Die Stallungen fanden Gerds Beifall. Es war Platz für drei Kühe, zwei Kälber und ein halbes Dutzend Schweine. Für den Anfang genügte das, nach einigen Jahren mußte natürlich angebaut werden.

Er stieg die Bodenleiter hinauf. Das blausilberne Mondlicht, das durch die Eulenlöcher der beiden Giebel einfiel, zeigte ihm einen Raum, der einstweilen Vorrat an Heu und Stroh zur Genüge fassen konnte. Die morschen, unsicheren Dielen bedurften freilich dringend der Erneuerung.

Nachdem er sich alles gründlich angesehen hatte, verließ er das Haus auf demselben Wege, auf dem er es betreten hatte. Musch sprang hinter ihm drein.

Nun besichtigten sie miteinander den Grundbesitz der Stelle, mit dem Garten beginnend. Die Obstbäume erwiesen sich als alt und abgängig. Es mußten sofort neue gepflanzt werden, und zwar Sorten, die in der Stadt einen guten Marktwert hatten, wie Prinzenäpfel, Berliner Reinetten und dergleichen. Das Gemüseland war zwar bestellt, aber hier wie auch auf dem Felde zeigten sich überall die deutlichen Spuren der Lotterwirtschaft des früheren Besitzers: die Stücke schlecht in Düngung, Kartoffeln und Steckrüben nicht angehäufelt, das Unkraut überall in üppigster Blüte. Gerd erboste sich über den Menschen, der um des verfluchten Branntweins willen seiner Väter Erbe hatte verludern lassen, und konnte es sich nicht versagen, einige gar zu protzige Saudisteln und Nachtschatten auszureißen. Drei Jahre angestrengter Arbeit rechnete er wenigstens, bis er die Ländereien so in Schick haben würde, daß ein anständiger Mensch halbwegs seine Freude daran haben könnte.

Als er an das zur Stelle gehörige Moor- und Heideland kam, ballte seine Hand sich zur Faust. Wüst und planlos war hier nach Torf gestochen, so daß es aussah, als ob wilde Schweine den kostbaren Boden umgewühlt hätten. Nichts war eingeebnet, vom Urbarmachen der abgetorften Fläche gar nicht zu reden. Der gewissenlose Kerl, dachte Gerd, müßte über einen Torfkarren gelegt werden und mit jungen Birkenreisern fünfundzwanzig oder mehr hinten aufgezählt kriegen. Übrigens waren die Torfverhältnisse sonst nicht schlecht. Der »weiße« Torf, die lose, lockere Oberschicht unverwester Moose, war nur gering, dagegen der »schwarze«, die dunklere, feuchte, speckige Backtorfmasse, gut einen Meter stark und versprach ein Produkt erster Güte.