Part 12
Gerd schlug sich die Mütze, die er bislang zwischen den Händen gedreht hatte, über das rechte Knie und sagte ärgerlich: »Deern, du bist wohl nicht recht klug.«
Sie weidete sich an seiner Verlegenheit und lachte ihm lustig ins Gesicht.
Auf einmal richtete er sich auf und sagte, sie voll ansehend, mit ernsthaftem Gesicht: »Leidchen ... laß uns da vernünftig über sprechen. Wenn Timmermann dich nähme ...«
»Pah! Fragt sich, ob ich ihn will.«
»Aber Leidchen!«
»Aber Gerd, du hast ja eben noch gesagt, wir sollten nicht so früh ans Heiraten denken.«
»Oh ...« sagte er gedehnt, »mit euch Mädchen ist das was anderes. Ihr seid leicht alt genug, und es ist gut, wenn ihr einem erst anständig unter den Füßen weg seid.«
»Kuck' einer an! So'n alter Pharisäer!«
»Nein, Leidchen, wir wollen ernst bleiben. Was so'n Lehrer ist, der hat sein Festes. Ich glaub', unserer kriegt jetzt beinah' schon tausend Mark, und kommt wohl bis aufs doppelte. Bedenk' doch bloß, Leidchen: Was für'n Haufen Geld! Und das schöne neue Haus mit Garten, und fünfzehn Morgen Land, und ein Tagwerk Grünland. Da könnt ihr euch ordentlich ausarbeiten, und zwei Kühe halten, und ein halb Dutzend Schweine zum Verkauf fett machen.«
»Und wenn ich die Kühe gemolken und die Schweine gefüttert habe, kann ich in seinen dicken Büchern lesen ...«
»Ja ... das auch ...«
»Ujeh«
»Wa--as?«
»Gerd, ich will dir mal was sagen, zu solch einem Leben bin ich nicht gemacht. Von dem vielen Lesen und Studieren wird einer ganz dwatsch im Kopf.«
»Wer hat dir denn das vorgeschnackt?«
Über ihre Wangen flog eine leichte Röte: »Das hab' ich an mir selbst ausprobiert. Ich habe nämlich diesen Winter auch viel zu viel gelesen. Es waren ja alles ganz schöne Geschichten, aber auf die Dauer bekommt es doch nicht gut. Ich glaube, was die Bücherschreiber sind, die lügen alle zusammen.«
»Leidchen, Leidchen, wie schnackst du da nun wieder hin!« sagte er kopfschüttelnd. »Was ist bloß mit dir los? Du bist heute so wunderlich, so aufgeregt und übermütig ... Sag' mal, du hast in der Schule doch auch Schillers Glocke gelernt.«
Mit dem Pantoffel taktierend begann sie:
»Festgemauert in der Erden Steht die Form, aus Lehm gebrannt.«
»Halt!« rief er, »du sollst mir das ganze Ding nicht herunterbeten. Ich mein' die Worte: ›Das ist's ja, was den Menschen zieret‹.«
Sie fiel ein:
»Und dazu ward ihm der Verstand, Daß er im innern Herzen spüret, Was er erschafft mit seiner Hand.«
»Siehst du, Leidchen, das ist's. Es ist 'ne traurige Sache, wenn einer durch das Leben bloß so hindusselt und hindöst, wie bei uns auf dem Lande die meisten noch tun. Das Leben wird viel schöner, wenn einer anfängt, so'n bißchen nachzudenken, und wenn er dann seine Arbeit nicht einfach so tut, wie er's anderen Leuten abgekuckt hat, sondern mit eigenen Gedanken, und nicht bloß mit der Hand, sondern auch mit dem Kopf und dem Herzen. Soweit bin ich jetzt, und Timmermann hat mir ein bißchen mit dazu geholfen ... Also ich soll ihn herzlich von dir wieder grüßen. Und wenn er eines Tages kommt und bei dir anfragt -- ich weiß ja noch gar nichts Bestimmtes, hab' nur so meine Ahnung -- dann sagst du in Gottes Namen fröhlich ja. Nicht wahr?«
»Ich kann mir den Fall ja überlegen. ›Drum prüfe, wer sich ewig bindet,‹ sagt Schiller ja auch wohl, ›ob sich nicht noch was Bess'res findet.‹«
»Leidchen, Leidchen, du bist jetzt achtzehn Jahr und mußt bald wirklich ein bißchen ernster werden. Es heißt doch, ›ob sich das Herz zum Herzen findet‹. Und ich bin fest überzeugt, es gibt keine zwei Herzen, die so gut zueinander passen.«
»So--o? Na ja, die Hauptsache ist ja auch, daß du das erst mal weißt ...«
»Was ich noch fragen wollte: hast du schon eine Freundin wieder für Meta Stelljes?«
»Was brauch' ich 'ne Freundin, wenn ich auch ~so~ vergnügt bin?«
»Nein, Leidchen, es ist besser.«
»Na, denn sei man ruhig, hier auf der Nachbarschaft ist ein Fräulein von meinem Alter, ich kann ja mal sehen, ob ich mit der etwas in Gang komme.«
»Das tu bitte, das heißt natürlich, wenn es ein ordentliches Mädchen ist. Ich bin dann ruhiger.«
»Willst du nicht lieber selbst hier bleiben und aufpassen?«
»Dumme Deern, heut' ist überhaupt nicht vernünftig mit dir zu sprechen.«
Er war aufgestanden. Sie warf die letzte Kartoffel in den Wassereimer, daß die Tropfen hoch aufspritzten, und erhob sich ebenfalls. In voller Jugendblüte prangend, stand sie vor ihm, er mußte sie still verwundert ansehen.
»Was kuckst du, Junge?«
»Darf ich dich nicht ankucken?«
Ihre braunen Augen blitzten vor Übermut. »Weißt du, was ich möchte?«
»Na?«
»Dir mal'n Kuß geben.«
»Aber Deern!«
»Magst du keinen?« Sie spitzte das Mündchen ganz allerliebst.
»Oh ...«
Dreimal drückten sich ihre warmen roten Lippen auf die seinen.
»Deern, Deern, was kannst du küssen!« rief er lachend, indem er sich ihrer Umarmung entwand und mit dem Handrücken über den Mund wischte. »Schade, daß ich Timmermann keine Probe davon mitnehmen kann. Ich glaube, der käm' gleich morgen angereist und holte sich mehr von der Sorte.«
»Hohoho, der kann sich auf den Kopf stellen, er kriegt doch keinen.«
»Das wollen wir ruhig abwarten ... Na, Leidchen, ich freu' mich, daß du so fein auf dem Damm bist. Denn bleib' schön munter, adjüs!«
»Wart', ich geh ein paar Schritt mit dir.« Und schon hatte sie die Küchenschürze abgeworfen.
Als sie auf der Straße waren, fragte Leidchen: »Weißt du keinen guten Platz für mich zum Herbst? In unserm Dorf oder auf der Nachbarschaft, das ist einerlei.«
Er blieb stehen und fragte verwundert: »Was? Du willst hier wieder weg?«
»Ja,« sagte sie, »es gefällt mir auf dem Lande doch ebensogut.«
»Siehst du? Hab' ich dir das nicht gleich gesagt?« triumphierte er. »Aber zum Winter? ... Das wird schwer halten, hm. Halt, auf der Mühle suchen sie ein Mädchen in der Zeitung. Willst du da hin?«
Sie machte ein bestürztes Gesicht. »Nee,« sagte sie kurz.
»Das wollt' ich dir auch nicht raten. Kein Mädchen hält es da lange aus.«
»Ist die Frau wirklich so schlimm?«
»Allzusammen sind sie dem Teufel aus der Kiepe gesprungen. Im Herbst kommt auch Hermann wieder nach Haus, der jetzt Hauptmannsbursche ist, in Spandau.«
»Wir sind hier an der Ecke,« sagte Leidchen hastig, »ich muß machen, daß ich wieder in die Küche komme.«
Sie gab ihm eilig die Hand und wandte sich zum Gehen. Indem sie langsam dem Hause zuschritt, suchte sie eines unangenehmen Gefühles Herr zu werden. Als sie wieder in der Küche anlangte, war ihr das auch schon gelungen. Sie hielt die beiden Arme gestreckt vor sich, und in ihr jubelte es: An jeder Hand einen Freiersmann! Und was für welche! Den gebildetsten jungen Mann im Dorf, und den schmucksten und reichsten dazu. Wenn Meta Stelljes davon eine Ahnung hätte! Die mit ihrem Hilfsbremser! Und die Freundinnen zu Hause!
Den ganzen Tag war sie vor Freude rein närrisch. Erst gegen Abend kam eine ruhigere, besinnlichere Stimmung über sie. »Wer die Wahl hat,« dachte sie, »hat die Qual.«
Von jeher waren die Rosenbrocks gute Rechner gewesen, und auch Leidchen hatte davon ihr Teil bekommen, wenn auch nicht ein so großes, wie ihr Bruder. So fing sie denn, als die Tagesarbeit getan und es stiller in ihr geworden war, an zu rechnen.
Lehrerfrau zu werden ... der Gedanke hatte viel Verlockendes. Daheim in ihrem Dorf war sicher kein Mädchen, das da nicht mit beiden Händen zugegriffen hätte. Das Haus war neu und groß. Noch heute schalten die Bauern, so teuer zu bauen wär' gar nicht nötig gewesen, und stöhnten über die Höhe der Schulsteuer, die infolge des Neubaues auf 250 Prozent der Staatssteuern, einschließlich der fingierten, gestiegen war. In solchem Hause zu wohnen und als Frau zu schalten, das war gewiß nichts Geringes.
Aber die Mühle war auch nicht zu verachten. Sie hatte drei Mahlgänge und galt als eine der stärksten im ganzen Moor. Leidchen erinnerte sich, wenn sie als Kind mit der Karre einen Sack Mehl oder Gerstenschrot holen mußte, wie sie da verwundert und ein bißchen ängstlich zu den fauchend herumsausenden Flügeln aufgeschaut und drinnen sich die Ohren zugehalten hatte vor dem tollen Geklapper, das der weißbepuderte Mann gelassen regierte wie ein Kinderspielzeug. Und das Wohnhaus war wohl altmodisch, noch mit Strohdach, aber doch das stattlichste Gebäude im ganzen Dorf, und hatte gewiß wunderschöne, große Zimmer ...
Bei Gastereien wurde die Lehrersfrau stets ins Sofa genötigt. Und die Müllersfrau? Nun, die jetzige ließ sich selten sehen, weil sie den Geestbauernstolz gegenüber den Moorleuten nicht überwinden konnte. Wenn eine aber war, wie sich's gehörte, ehrte man sie gewiß nicht weniger als die Schulmeisterin ... Was würden die Leute für Augen machen, wenn eine aus ihrem Dorf als junge Frau auf der Mühle Einzug hielte! Das war nicht geschehen, solange Mühle und Dorf standen. Die Müller wollten immer mehr sein als andere Leute und holten sich die Frauen von anderen Mühlen oder aus den reichen Geest- und Wiesendörfern ...
Lehrer Timmermann war ein guter Mensch; schon seine sanften blauen Augen sagten, daß nichts Arges in ihm wohnte. Sie erinnerte sich jenes Weihnachtsabends im Schulhause, wo sie alle vier so kindlich vergnügt gewesen waren. Aber es fiel ihr auch von der Schulzeit her ein, daß er alles sehr genau nahm. Vielleicht entlief sie, wenn sie ihn nahm, nur dem einen Schulmeister, um dem anderen in die Hände zu fallen, oder mußte sich gar, da die beiden fest zusammenhielten, unter zwei ducken ... Wenn sie sich einen Kuß von ihm vorstellte ... da konnte sie ebensogut ihren Bruder küssen, das kam so ungefähr auf dasselbe heraus.
Dagegen Hermann? ... Das Herz klopfte ihr und das Blut schoß ihr in die Wangen, wenn sie nur daran dachte, daß er sie einmal in den Arm nehmen und küssen konnte ...
Plötzlich erschrak sie. Sie hatte eben so fest mit den beiden gerechnet, aber wollten die sie denn überhaupt?
Nach kurzem Nachdenken glaubte sie des Lehrers sicher zu sein. Wenn Gerd von der Sache angefangen hatte, so war anzunehmen, daß er sich irgend etwas hatte merken lassen. Und wenn er auch nur die geringste Andeutung gemacht hatte, dann war kein Zweifel, daß er sich mit ernsten Absichten trug.
Dagegen Hermann? ... Der war ein Luftikus und Windbeutel. Was er ihr gestern Schmeichelhaftes gesagt hatte, das hatten am Ende auch schon andere von ihm zu hören bekommen. Häuser durfte man auf dessen Wort nicht bauen. Überhaupt mußte man sich mit einem seiner Art in acht nehmen ... Aber es hatte doch wieder einen besonderen Reiz, gerade so einen sich zu gewinnen ...
Einen großen Vorzug hatte das Schulhaus. Dort hatte die junge Frau von vornherein freie Hand. In der Mühle dagegen bekam sie für die ersten Jahre gewiß ein böses Tun mit den beiden Alten. Aber was wollten die schließlich machen, wenn die jungen Leute treu zusammenhielten? Und war sie denn nicht noch immer mit allen Menschen gut fertig geworden? Das müßte doch wunderlich zugehen, wenn sie die alten Brummbären nicht schließlich zahm kriegte. Und ewig lebten die am Ende ja auch nicht ...
Leidchen war entschlossen, einen von den beiden auf jeden Fall sich zu erobern. Wen? das mußte die Zeit ausweisen.
Frau Marwede war ausgegangen. Sie schlich sich leise in ihren Salon und stellte sich vor den großen geschliffenen Spiegel. Ja, ihre Augen hatten einen schönen Glanz, und die Haare einen seidigen Schimmer. Die Grübchen saßen niedlich in den rosigen Backen, und mit dem kleinen Finger versuchte sie sie noch zu vertiefen. Sie dachte ihre schlanke Gestalt in das Himmelblaue hinein und beschloß, Frau Marwede um einen kleinen Vorschuß auf ihr Gehalt zu bitten, damit sie sich auch noch einen passenden neuen Hut dazu kaufen könnte.
Als sie sich vom Spiegel abwandte, sah sie auf dem Eckbort, wo die Nippsachen standen, ein Püppchen lehnen, mit dem die kleine Olga so oft gespielt hatte. Sie nahm das Ding in den Arm, ließ sich in einen roten Plüschsessel fallen und weinte blanke Tränen in ihren Schoß. Das war ihr in dem so plötzlich über sie gekommenen Glück auf einmal ein seelisches Bedürfnis.
11.
Auf dem Neustadtsbahnhof hielt ein Zug der Großherzoglich Oldenburgischen Eisenbahn. Alles, was den schönen Sonntagnachmittag im Wald- und Heidegebiet des Nachbarländchens verleben wollte, strömte herzu, vereins-, familien- oder paarweise, je nach Lebensumständen oder Neigungen.
Schon hatte der Mann mit der roten Tasche die Flöte am Munde, da kam noch ein Pärchen in langen Sätzen über den Bahnsteig dahergesprungen.
»Dritter?«
»Jawohl.«
»Alles besetzt, hier einsteigen!«
Sie warfen sich, einander gegenüber, in die grauen Polster eines unbesetzten Abteils zweiter Klasse und rangen mit allen Kräften ihrer Lungen nach Luft, die ihnen beim Dauerlauf knapp geworden war.
Bald war Leidchen so weit, daß sie ihr Spiegelbild im Fenster suchen und vor ihm ihren neuen Hut -- weißes Stroh mit Klatschmohn -- zurechtrücken konnte.
Dann wandte sie das glühende Gesicht ihrem Gegenüber zu und sagte: »Mal'n bißchen in der Eisenbahn zu fahren, macht doch wirklich Spaß.«
»Du hast wohl noch nicht ganz oft drin gesessen?« fragte Hermann.
»Es ist heute das erstemal in meinem Leben.«
»Ist ja wohl nicht möglich, Deern!«
»Ganz gewiß. Meta Stelljes wollte immer mal mit mir nach Vegesack, aber dann ist ihre Verlobung dazwischen gekommen. Oh, kuck mal, wie die Telegraphendrähte immer auf und ab wogen! Und wie 'r das durch geht! Wir fahren schneller, als die Krähe da fliegen kann.«
Hermann lächelte über ihre naive Freude und sah ihr verwundert in die großen braunen Kinderaugen. »Und dabei ist dies noch der gemütlichste Zug in ganz Deutschland,« sagte er, »er darf nicht schneller, sonst fährt er die Oldenburger Ochsen und Kühe tot. Weißt du, was die Buchstaben hier auf der Fensterstrippe zu bedeuten haben?«
»G. O. E.? Nee.«
»Gänzlich ohne Eile.«
»Ach so, dies ist also nur erst ein Bummelzug.«
Die Zielstation, der ein nahes Forsthaus den Namen gegeben hatte, war unter solcherlei Gesprächen bald erreicht. Zuletzt hatten sie sich über die Klassenunterschiede auf der Eisenbahn unterhalten, und als sie ausstiegen, sahen sie nach den Fahrgästen, die aus der dritten geklettert kamen, mit einiger Geringschätzung, und für die Reisenden vierter Güte hatten sie überhaupt kein Auge.
Um nicht in die Vereine und Familien hineinzugeraten, schlugen sie ein schlankes Tempo an. Arm in Arm und im Geschwindschritt ging's die sonnige Landstraße entlang, Hermann pfiff eine muntere Marschweise. Erst als ein Fußweg sie nach rechts in einen Buchenforst führte, wurden sie langsamer.
Das Kind aus dem Lande der Birken legte das Köpfchen in den Nacken und staunte zu den lichten grünen Hallen des Hochwaldes empor: »Junge, Junge, hier ist's so schön wie in der Kirche!« »Viel schöner, Deern, als in der Kirche!« rief er lachend. Als sie von ungefähr einmal zu Boden blickte, schlug das bewundernde Staunen plötzlich in helles Entzücken um. Sie bückte sich zu einer Kolonie lieblicher Maiglöckchen und pflückte ein Sträußchen, das sie dann in zwei Hälften teilte, um die eine ihrem Begleiter zu überreichen, der die schenkende Hand ein paar Sekunden mit zärtlichem Druck festhielt.
Der Wald wurde lichter, und an seinem Saum lud eine ländliche Wirtschaft zum Rasten ein. Das Pärchen setzte sich in eine Kletterrosenlaube, die über und über mit schwellenden und schon rot durchschimmernden Knospen bedeckt war, und bald stand eine Portionskanne Kaffee nebst einem Teller mit dreierlei Kuchen vor ihnen auf dem Tisch. Leidchen hatte zu Mittag vor freudiger Erwartung nicht viel essen können, aber jetzt langte sie wacker zu. Ihr Begleiter, der ihr die besten und zuckerigsten Stücke überließ, erzählte dazu eine lustige Geschichte nach der anderen, daß sie immer wieder mit Essen innehalten und sich erst mal auslachen mußte.
Bald wurde es in dem nahen Walde lebendig, und der Garten füllte sich schnell mit Ausflüglern, die großen Kaffeedurst und viel Spektakel mitbrachten. Die Rosenlaube erschien einer kinderreichen Familie begehrenswert, deren stattlich dicke Mutter den im Wege sitzenden jungen Leuten aus puterrot erhitztem Gesicht einen feindseligen Blick zuwarf, wie die Gluckhenne den jungen Hähnen und Hühnern, wenn sie für ihre Brut Platz schaffen will. Bald waren die beiden fest eingekeilt, und verschiedene Backfische und Bengels machten ein Gesicht, als ob sie sagen wollten: »Habt ihr unsere Mama nicht verstanden?«
»Ich glaube, die Herrschaften sind lieber unter sich,« sagte Hermann denn auch bald, zahlte und bot Leidchen den Arm.
Sie folgten einer Landstraße, die durch Korn- und Kartoffelfelder in der Richtung auf eine mit jungen forstlichen Anlagen bedeckte Höhe führte. Diese stiegen sie auf einem Fußpfad hinan, bis eine mächtige vorgeschichtliche Steinsetzung, von einer sturmzerzausten Eiche überragt, vor ihnen lag.
Mit gewandtem Sprung hob Hermann sich auf die riesige Deckplatte, um dann auch seiner Begleiterin hinauf zu helfen.
Vom Rand des Steines bot sich ein freier Blick weit ins Land hinaus. Im Vordergrunde leuchtete die Junipracht üppiger Felder, über denen die Lerchen sangen. Um sie legte sich ein Kranz heller Buchen- und dunkler Nadelwälder, hinter diesen verdämmerte die unbestimmte Ferne. Es war angenehm sommerlich warm.
»Oh,« rief Leidchen, der die Augen weit wurden, »wie lange hab' ich so was nicht mehr gesehen! Wir hatten zu Hause auf unserm Moor eine Föhre, von der konnte man auch so weit ins Land kucken.«
Eine Weile standen sie schweigend und freuten sich der schönen Aussicht. Dann legte er leise die Hand um ihre Hüfte. Bald zog er sie fester an sich und küßte sie.
Mit geschlossenen Augen lag sie ein Weilchen still an seiner Brust. Als ein leises Erbeben über ihren Körper lief, wurde er stürmischer, und sie schlug die Arme um ihn und erwiderte seine Küsse mit Leidenschaft.
Aber plötzlich riß sie sich gewaltsam los, wich zurück und sah ihn mit großen, starren Augen an.
Er wollte sie aufs neue umarmen. Da sprang sie von der Steinplatte zur Erde.
Er ihr nach. Aber sie hob abwehrend die Hände: »Bitte, nicht mehr!«
Da ließ er die Arme sinken.
Unten in den Anlagen wurden Stimmen laut, und sie schritten hintereinander die Anhöhe hinab.
Als sie wieder auf der Straße waren, bot er ihr seinen Arm, aber sie wollte ihn nicht nehmen. Es lag ihr noch immer lähmend in allen Gliedern. So war sie vorhin erschrocken, vor ihm und vor sich selbst.
Er erzählte von Spandau und Berlin. Sie hörte nur mit halbem Ohr hin.
Er pfiff: »Auf in den Kampf, Torero.« Sie ärgerte sich über die kecke Weise und faßte ihren Sonnenschirm fester.
Als der Fußweg in den Buchenwald abbog, sagte sie kurz und entschieden: »Ich bleibe auf der Chaussee.«
Auf dem Bahnhof standen schon viele Menschen mit abgerissenen Blätter- und Blütenzweigen, und die beiden schoben sich in die den Zug erwartende Menge hinein. Als sie ein paarmal auf und ab gegangen waren, nahm Leidchen auf einmal Hermanns Hand und sagte: »Ich danke dir auch schön, daß du mich mal mitgenommen hast.« »Das kannst du noch öfter haben, mein' Deern,« antwortete er, indem er ihre Hand festhielt und mit zärtlichem Blick ihr tief in die Augen sah. »Wenn's dir recht ist, bringen wir alle unsere freien Sonntage miteinander zu. Dann kriegst du wenigstens etwas von der Welt zu sehen. Wollen wir das nächste Mal mit dem Dampfschiff nach Fegebeutel?« »Bitte ja,« rief sie mit frohen Augen, sich an seine Schulter schmiegend und zu ihm aufblickend.
Als der Zug einlief, schielten sie nach den Abteilen zweiter Klasse, in deren Polster es ihnen ganz gut gefallen hatte, inzwischen wurde die dritte besetzt, und zuletzt, unmittelbar vorm Abfahren, schob ein bärbeißiger Schaffner sie in einen Wagen vierter Klasse, mitten in einen schwitzenden, schmökenden, schwadronierenden Vorstadtskegelklub hinein. Der halb ausrangierte und nur sommersonntags noch laufende Wagen schwankte und stieß wie eine alte Postkutsche und warf die auf engste Stehplätze Angewiesenen bald aneinander, bald gegen wohlbeleibte Kegelbrüder. --
Am Abend des folgenden Tages erhielt Leidchen eine Ansichtskarte mit dem Poststempel Worpswede. Weißstämmige Birken mit herbstlich gelbem Laub spiegelten sich in einem dunklen Moorgraben, und darunter stand, wie gestochen:
»Von einem von schönstem Wetter begünstigten Ausflug auf den Weiher Berg sendet beste Grüße
Otto Timmermann, Lehrer.«
Eine weniger federgeübte Hand hatte mit steilen und steifen Schriftzügen hinzugefügt:
»Schade, daß Du nicht auch hier bist.
Dein Bruder Gerd.«
Die Empfängerin dieses Kartengrußes fing wieder an zu wägen und zu rechnen. Aber das wollte nicht mehr recht gehen. Das Blut sprach jetzt mit. --
* * * * *
Es kam die Zeit der Roggenernte. Hermann hatte diese als Vorwand genommen, um vor dem Manöver noch schnell ein paar Tage Urlaub herauszuschlagen, der nachts um zwölf von Sonntag auf Montag ablief. Aber schon gegen acht war er zurückgekehrt und schritt dem Bürgerpark zu, wo er mit Leidchen ein Stelldichein verabredet hatte.
Sie trat ihm hastig mit der Frage entgegen: »Was haben deine Eltern gesagt?«
»Aber Kind,« rief er, »was ist denn das für ein Empfang? Erst gibst du mir mal die Hand, und dann einen Kuß ... So, und nun setzen wir uns hier auf die Bank und bereden ruhig das Weitere.«
»Was sagen deine Eltern?« wiederholte sie, als sie sich niedergelassen hatten.
Er räusperte verlegen und legte den Arm um sie: »Hm, Leidchen, ich hab's ihnen diesmal doch noch nicht sagen können.«
»Warum nicht?« rief sie im Tone bitterer Enttäuschung.
»Och ... mein Vater hatte gerade mal wieder seine schlimmen Tage, du weißt ja Bescheid. Dann darf man ihm mit so wichtigen Sachen nicht kommen.«
»Aber deine Mutter ...«
»Wenn der Vater das so kriegt, muß man sie auch schonen. Dann ist sie viel zu nervös und aufgeregt.«
»Was soll denn aber nun werden?«
»Ob sie's acht Tage früher oder später erfahren, das kommt doch wohl auf eins hinaus ... Ist Gerd bei dir gewesen?«
»Ja.«
»Und was sagt der?«
»Ich ... ich hab's ihm auch noch nicht sagen können.«
»Warum nicht?«
»Ach, er hatte keine rechte Zeit ... Und er ist auch ein so eigener Mensch, man weiß nie, wie man mit ihm dran ist ... Und er hat mir ja auch gar nichts zu sagen! Aber mit deinen Eltern ist das was anderes. Oh, wenn du doch bloß mit ihnen gesprochen hättest! Ich hatte mich so fest darauf verlassen.«
»Wirklich, bestes Kind, es ging nicht.«
»Mir ist manchmal so bange. Ich bin ja so über alle Maßen glücklich, daß ich dich habe, aber dann packt mich auf einmal wieder die Angst.«
»Ach Deern, das sind bloß so Stimmungen!«
»Diese Nacht habe ich auch erst wieder geträumt. Ich hatte mich verirrt, mitten im großen Tennstedter Moor, wo nichts zu sehen war als Porst und Heide und schwarze Wasserlöcher, und stickdüster war's auch noch. Da rief ich nach dir, laut und immer lauter, aber es kam keine Antwort. Nur ein Heister flog über mir weg, und es klang gerade so, als ob er mich auslachte. Davon wachte ich auf.«
»Uh, Deern, du könntest einen ja beinahe gruseln machen.«
»Wenn du doch bloß mit deinen Eltern gesprochen hättest! ... Hermann, sag mir mal ehrlich und aufrichtig: glaubst du wirklich, daß sie mich wollen, daß sie uns nichts in den Weg legen?«