Part 6
So erreichten sie die Budenstadt, die Marktplatz und Liebfrauenkirchhof, Domshof und Domshaide bedeckte, und durchstreiften ihre Gassen in die Kreuz und Quer. Aber der Freimarkt schlief noch. Die Kuchentanten gähnten und kramten hinter ihren Süßigkeiten, die Schaubuden zeigten nur ihre grellbunten Lockbilder, die Karussellgäule schienen wie im Trab oder Galopp erstarrt. Nur wenig Menschen, meist vom Lande, bewegten sich, dem Anschein nach ohne sonderliches Vergnügen, zwischen den Budenreihen.
Als sie sich die Beine müde gelaufen und die Augen satt gesehen, auch Honigkuchen, warme Würstchen, gefüllte Schokolade, Schmuddaal und andere gute Dinge genug gegessen hatten, stiegen sie, um endlich einmal von den Füßen zu kommen, in einen Keller hinab, in dem es nach Tabak, Bouillon und Harzkäse roch. Gerd bestellte für sich einen Bittern, für die Schwester einen Süßen. Auf dem rissigen Wachstuchsofa eines dämmerigen Winkels hockten sie vor ihren Gläsern, und Leidchen meinte, sie hätte sich den Freimarkt doch etwas anders vorgestellt. Aber Gerd vertröstete sie auf den Nachmittag, wo viel mehr los sein würde. Einstweilen lehnten sie sich in ihre Sofaecken und drusselten ein.
Nach anderthalb Stunden, die sie zwischen Wachen und Schlafen ziemlich unbehaglich zugebracht hatten, erklärte der Wirt, mit der geringen Zeche unzufrieden, sein Lokal wäre kein Asyl für Obdachlose, und sie stiegen wieder zur Oberwelt empor.
Sie waren noch keine hundert Schritt gegangen, als ein quer gehaltener Spazierstock ihnen den Weg versperrte und eine lustige Stimme rief: »Kinder und Leute, nun kuck mal einer an!«
Es war Müllers Hermann, der mit lachenden Augen die Dorfgenossen und Schulkameraden anhielt und begrüßte, und dann umdrehte und sich zwischen sie schob.
»Na, Leidchen, hast du denn schon ordentlich was gesehen?« wandte er sich an das Mädchen, ihr frisches, hübsches Gesicht verwundert betrachtend.
»Och nee,« antwortete sie gelangweilt, »es ist hier nicht ganz viel los. Oder Gerd weiß nicht recht Bescheid.«
»Na, denn muß ich wohl mal die Führung übernehmen,« sagte der Müller großartig.
Sie kamen in eine belebtere Straße, in der nicht drei auf dem Bürgersteig nebeneinander Platz fanden. Da weder Hermann noch Leidchen Anstalt machten, aus der Reihe zu treten, mußte Gerd es tun, und über die ungebetene Gesellschaft nichts weniger als erfreut, trottete er hinter den beiden her.
Auf dem Liebfrauenkirchhof wollte ein prächtiges Riesenkarussell sich soeben in Bewegung setzen. Der Motor arbeitete und das Läutewerk mahnte zu schleunigem Platznehmen. »Schnell, schnell,« rief Hermann, packte seine Begleiterin an der Hand und flog mit ihr die Rampe hinauf. Gerd beschleunigte seinen Schritt zwar auch, erreichte den Anschluß aber nicht mehr. Mit langem Gesicht sah er den unter rauschender Musik ihm Davonfahrenden nach.
Als sie wieder erschienen, galoppierten sie auf zwei Schimmeln nebeneinander vor ihm vorüber. Leidchen, die den Damensitz schnell einem vor ihr dahersprengenden Ladenfräulein abgeguckt hatte, strahlte über das ganze Gesicht und nickte dem Bruder freundlich zu, während Hermann in lässig vornehmer Haltung mit der Hand leichthin und, wie es Gerd wenigstens schien, ein wenig spöttisch grüßte.
Das nächste Mal waren die beiden Reiter so lebhaft miteinander im Gespräch, daß sie für den unten Stehenden kein Auge hatten. Gerd ärgerte sich wie ein Hund und trat einer Töchterschülerin auf die Zehen, die ihn anfauchte wie eine Katze.
Als das Karussell hielt, wandte Leidchen sich glückstrahlend um und rief: »Junge, Junge, das geht aber schön! Komm doch und reit auch'n bißchen mit.«
Er kletterte etwas ungelenk auf den Rappen, der hinter dem Schimmel seiner Schwester lief. Aber rechten Spaß machte ihm die Sache nicht. Die beiden beachteten ihn kaum, nur Leidchen drehte sich einmal um und lachte ihn an. Er kam sich als der Reitknecht des Pärchens vor, und als das Karussell stillstand, trat er zwei Schritt vor und sagte: »So, Leidchen, nun komm' man, jetzt ist's erst mal genug.«
»Genug?« fragte sie erstaunt. »Mensch, wir fangen ja erst an.«
»Du mußt dich noch ein bißchen gedulden,« erklärte ihr Ritter, »ich habe gleich ein Dutzendbillet genommen, daß wir erst mal in Stimmung kommen. Stimmung, weißt du, Gerd, ist auf dem Freimarkt alles. Steig auch man wieder 'rauf!«
»Dafür ist mir mein Geld zu schade,« sagte er, verließ das Karussell und stellte sich unter die Zuschauer an das Geländer der Rampe.
Als die beiden zum erstenmal wieder vorbeiritten, sahen sie ihm ins Gesicht und lachten in einer Weise, die ihm den Verdacht erweckte, der Müller hätte einen Witz über ihn gemacht. Da wandte er sich ab und tauchte in dem Gewühl einer Budengasse unter.
Wie hatte er sich darauf gefreut, Leidchen die Wunder des Freimarktes zu zeigen! Nun kam auf einmal dieser Windmüller und verdarb ihm den ganzen Spaß, ja drängte ihn einfach beiseite.
Er hatte nicht übel Lust, für den Rest des Tages den Gekränkten zu spielen, auf baldige Rückfahrt zu drängen und dem Freimarktsvergnügen ein schnelles Ende zu bereiten.
Aber nein, das durfte er der Schwester doch nicht antun. Sie hatte sich zu lange auf diesen Tag gefreut. Vielleicht war es ja auch möglich, den Müller auf irgendeine Weise loszuwerden.
»Echte Similibrillantringe, von fünfzig Pfennig an,« rief ein Budenfräulein, die Dinger glitzerten ihm in die Augen, und schnell entschlossen trat er heran, der Schwester ein Ringlein zu kaufen. Dann kehrte er langsam zum Karussell zurück.
Er entdeckte Leidchen auf der Rampe, wie sie mit ängstlichen Augen die hin und her wogende Menge absuchte. Als sie seiner ansichtig wurde, kam sie schnell und froh auf ihn zu und rief: »Oh, ich war schon bange, wir hätten uns verloren. Ein Glück, daß du wieder da bist.«
»Ist Hermann weggegangen?« fragte Gerd schnell.
»Er ist hin und sucht dich. Ich sollte hier auf euch warten.«
»Ach so ... Leidchen, ich will dir mal was sagen. Was sollen wir den ganzen Tag den fremden Menschen mit uns herumschleppen? Komm schnell, ich zeige dir alles, was du sehen willst!«
»Och nee, zu dreien macht es mehr Spaß.«
»Deern, ich schenk dir auch was. Guck mal, dies hab' ich für dich gekauft!«
Er ließ seinen Brillanten funkeln und schob ihr den Ring auf den Finger.
»Ei, ei!« rief sie bewundernd.
»Nun komm aber auch!«
»Gerd, ich hab' versprochen ...«
»Ich geb' dir auch noch fünf Groschen von meinem Marktgeld ab. Dann hast du beinah ebensoviel wie ich, und wenn du den Ring mitrechnest, sogar mehr. Komm!«
»Endlich hab' ich euch wieder!« rief der Müller, sich durch das Menschengewühl auf die Geschwister zuschiebend.
Gerd biß sich voll Grimm auf die Unterlippe. Leidchen hielt dem Ankömmling ihre geschmückte Hand vor das Gesicht: »Guck mal, was Gerd mir geschenkt hat!«
»Mädchen, hast du aber Glück!« sagte dieser lachend und wickelte aus einem Stückchen rosa Seidenpapiers ebenfalls einen Ring, den er ihr an den Ringfinger der anderen Hand steckte. Gerd sah zu seinem großen Verdruß, daß er drei Brillanten trug und auch feiner gearbeitet war als der seine.
Und dann wurde er von einer Schaubude zur anderen geschleppt. Ein Jammer war's, wie das schöne Geld in der linken Hosentasche zusammenschmolz. Bald mußte er schweren Herzens gar eine Anleihe in der rechten machen.
Endlich erklärte er, nun wär's aber wirklich genug, und sie müßten nach Hause. Doch die beiden nahmen ihn in die Mitte, Leidchen schmeichelte und streichelte, der Müller bot seine ganze Liebenswürdigkeit auf, und schließlich willigte er noch in einen Besuch des Zirkus auf dem Grünen Kamp. Hermann bezahlte auch für ihn die Eintrittskarte.
Als die Vorstellung aus war, sagte er: »Nun ist's aber allerhöchste Zeit; marsch zum Torfhafen!« Aber Leidchen erklärte, sie wäre sehr hungrig, und da Hermann zu einem Abendimbiß einlud, gab er wieder nach. Vor der anstrengenden nächtlichen Fahrt etwas Solides zu essen, konnte ja nicht schaden.
Sie kamen an mehreren Restaurationen vorüber, aber keine war dem Müller gut genug. Endlich, als sie wieder auf dem Markt angelangt waren, wies er auf eine nach unten führende Treppe, indem er sagte: »Nun man hinein ins Vergnügen!«
»Mensch, das ist ja der Ratskeller!« rief Gerd erschrocken und blieb stehen. »Das ist nichts für unserer Art Leute.«
Aber Leidchen sagte freudig erregt: »Vom Ratskeller hab' ich schon in der Schule gehört,« und stieg munter die Stufen hinab. Ihrem Bruder blieb wieder einmal nichts übrig, als hinterdrein zu trotten.
Sie schoben sich langsam durch das Menschengewühl der von Weindunst, Zigarrenqualm, Stimmengewirr und Konzertmusik erfüllten Säle, Gänge und Kellerräume und fanden endlich ein freies Tischchen, an dem sie sich niederließen. Der Kellner mußte eine Flasche Rüdesheimer bringen.
Als Hermann eingeschenkt hatte, erhob er seinen Römer und sagte: »Auf unsere alte Freundschaft!«
Leidchen ließ hell ihr Glas erklingen, Gerd dagegen kam mit seinem schräg von unten herauf, daß es hart klappte, und brummte: »Die ist nie dick gewesen.«
Hermann schob sein Glas vor und legte sich behaglich über den Tisch: »Na ja, wir haben uns auch wohl mal in den Haaren gelegen, wie sich das bei ein paar richtigen Jungens von selbst versteht, aber schön war's doch, vor allem, als der alte Krischan Lenz noch in seinem Armstuhl saß. Weißt du noch, unsere Schneeballschlachten? Und wenn wir auf dem Schiffgraben Schlittschuh liefen und über die Klappstaue sprangen ... oder durch die Hammewiesen und das St. Jürgensfeld sausten und Schmuggler und Kontrolleur spielten? Aber trinkt auch mal, der Tropfen ist nicht schlecht, prosit! ... Ach ja, die schöne Zeit kommt nicht wieder. Ihr mögt mir's glauben oder nicht, manchmal habe ich ordentlich Sehnsucht nach unserm Moor. Früher haben die Leute es ja verachtet, aber jetzt wird's auf einmal hoch geehrt. Neulich schrieben sie in den ›Nachrichten‹ viel von den Männekens, die seit ein paar Jahren auf dem Weiher Berg sitzen und pinseln. Wir sehen sie ja auch oft genug in unserm Dorf herumstehen und umschichtig zwischen der Natur und ihrem Stück Leinwand hin und her glotzen. Ihre Bilder waren hier in der Ausstellung zu sehen, und als ich zufällig vorbeikam, ging ich eben mal hinein. Da hingen unsere Torfgräben und Moorlöcher und Heuschiffe ganz natürlich abkonterfeit in goldenen Rahmen an der Wand, und die Leute machten ein Leben davon, als ob sie nicht recht klug wären. Auch Möschemeyers Anntrin ihre Erdhütte, die neulich eingefallen ist, war da zu sehen, und das alte Bettelweib guckte mit ihren roten Hexenaugen aus der Türluke, und 'ne feine Dame, ganz in blauer Seide, stand davor, hielt sich 'ne Brille mit'm Stiel über die Nase und schwögte in einem fort: ›Wie malerisch, wie entzückend, wie reizend!‹ Prost, Kinder, unser Düwelsmoor soll leben!«
Sie stießen an, und diesmal gaben alle drei Gläser guten Klang. Dann bestellte Hermann zu essen, und sie ließen es sich schmecken. Leidchen, die mit Freuden bemerkte, daß die Laune ihres Bruders sich verbesserte, erzählte lustige Geschichten aus den Kindertagen, in denen er eine Rolle spielte, und tat alles, was sie konnte, um die beiden alten Gegner voreinander in das beste Licht zu setzen, wobei der Ratskellerwein ihr nicht wenig half.
Als sie gesättigt waren, traten sie einen Rundgang durch die Kellerräume an. Dem Freimarkt zu Ehren waren sie alle geöffnet, auch die, welche sonst der Kellner mit dem Schlüsselbund nur gegen Entgelt zu zeigen pflegt. Leidchen in der Mitte, Arm in Arm, um in dem ausgelassenen weinfröhlichen Treiben einander nicht zu verlieren, schoben sie sich durch das Gedränge.
»Guck an, Jan vom Moor, da bist du ja auch!« rief ein junger Mensch und klopfte Gerd vertraulich auf die Schulter.
»Ich kenn' dich nicht,« brummte er mit finsterm Gesicht.
»Was? Du kennst mich nicht? Ich bin doch der Hinnerk aus der Lammer-Lammerstrat Nr. 13, drei Treppen hoch links um die Eck' herum, grade aus, dritte Tür rechts. Junge, Jan, was hast du da für 'ne hübsche Trina am Arm!«
Ehe Gerd dazu kam, etwas zu entgegnen, hatte das Gedränge ihn von dem Bruder Lustig getrennt. »Wenn Freimarkt ist, sind sie alle verrückt,« sagte Hermann lachend.
Nachdem die drei Bacchus, Frau Rose und den zwölf Aposteln, die auch alle ein sehr vergnügtes Gesicht machten, ihren Besuch abgestattet hatten, kehrten sie an ihren Tisch zurück und begannen mit der zweiten Flasche. »Leidchen, Leidchen,« sagte Gerd mit bösem Gewissen, »wir müssen nach Hause.«
»Wenn wir diesen Buddel leer haben,« antwortete der Müller, »könnt ihr meinetwegen reisen ... Ich beneide euch um die schöne Fahrt.«
»Du kannst ja ein bißchen mitfahren,« rief Leidchen.
»Deern, das ist'n Gedanke ...«
»Unsinn!« knurrte Gerd, »du mußt morgen früh auf deiner Mühle sein.«
»Das ist nicht so ängstlich, zur Freimarktszeit lassen die Leute sich was gefallen. Hab' meine Alten doch lange nicht gesehen. Zum Kuckuck, ich fahr' mit euch!«
»Du weißt ja gar nicht, ob wir dich mitnehmen.«
»Oh, das tut ihr doch wohl sacht. Nicht wahr, Leidchen?«
»Ja, gern.«
»Ha, die Deern kann wohl ja sagen, ich hab' die Quälerei davon. Es geht flußaufwärts.«
»Wenn anders nichts ist ... ich löse dich mal ab. Also abgemacht, ich fahr' mit euch.«
Gerd brummte noch etwas, aber man konnte es schon als Zustimmung nehmen.
»Das wird ein Spaß,« sagte Leidchen und trommelte mit den Fingern auf den Tisch. -- --
Die Nacht war still, kühl und voll funkelnder Sterne. Das Schiff zog unter leisem Wellengeplätscher seine nebelverschleierte, mattglänzende Bahn, Gerd stand und handhabte das Stangenruder.
Seine Fahrgäste saßen vor ihm auf der Segelbank. Was hatten die beiden in den drei Stunden, seit sie den Torfhafen verlassen, nicht alles zusammengeschwatzt! Es war rein zum Verwundern, wo sie noch immer wieder Stoff hernahmen, und was sie aus den nichtigsten Dingen zu machen wußten. Es hörte sich ganz nett an, und die Stunden waren ihm beim Zuhören kurzweilig hingestrichen. Endlich schien es aber doch, als ob den Plappermühlen der Wind ausgehen wollte. Und seit einigen Sekunden standen sie wirklich still.
Plötzlich richtete Gerd sich auf, um mit angehaltenem Ruder vor sich durch das Dunkel zu horchen und zu spähen. War das da drüben nicht ein Geflüster? Und wo war Hermanns Hand geblieben, die vor kurzem noch auf seinem Knie lag?
»Hermann!«
»Was ist los?«
»Hier hast du das Ruder. Komm und löse mich mal ab.«
»Ach Gerd, ich habe im Staken keine rechte Übung.«
»Was hast du mir versprochen? Oder willst du lieber hier in den Wiesen aussteigen?«
»Man nicht gleich so grob,« brummte der Müller, sich langsam und widerwillig erhebend.
Kaum hatte er den Platz des Schiffers eingenommen, als das Boot seine Richtung verlor, dem Ufer zuschoß und sich in den raschelnden Schilfwald bohrte. Bei den ungeschickten Versuchen, es loszubringen, verfuhr es sich nur noch mehr. Im Schlaf aufgeschrecktes Sumpfgevögel erhob sich mit schrillem Gekreisch und Flügelgeklapper, um klatschend irgendwo wieder einzufallen.
Gerd, der neben seiner Schwester saß, rieb sich voll ingrimmiger Schadenfreude die Hände zwischen den Knien und spottete: »Mich soll bloß wundern, wo dieser Windmüller mit uns hin will.«
Leidchen stieß ihn an und sagte: »Er sitzt fest, hilf ihm doch wieder heraus.«
»So war er schon in der Schule,« fuhr Gerd fort zu höhnen, »immer ein Wort wie'n Bein dick, aber wenn man genauer zusah, nichts als Wind vor der Hoftür.«
Endlich warf Hermann, der vergeblichen Anstrengungen müde, die schwere Eichenstange in das Schiff, daß es dumpf durch die Nacht klang, und setzte sich abgerackert und pustend auf den Bordrand.
»Wie so'n Mutterjunge gleich zusammenklappt!« spottete Gerd.
Leidchen gab ihm einen kräftigeren Stoß mit dem Ellbogen: »Zu! Stak' du doch wieder!«
Da er keine Anstalt machte, stand sie selbst auf, nahm ein kürzeres Handruder und sagte: »Komm, Hermann, ich helf' dir. Ich glaub', wir sitzen auf einem Pfahl. Stemm' die Stange tüchtig ein, so ist's recht. Eins -- zwei -- drei! Es hat sich schon bewegt. Noch einmal, feste. Eins -- zwei --«
Auf drei wurde das Schiff frei, fiel Leidchen auf ihren Bruder, stürzte der Müller über Bord. Es gab einen großen Plumps.
Gerd lachte schallend, dröhnend. »So ist's recht,« rief er, »ein bißchen Abkühlung tut dir gut nach dem Freimarktsdusel.«
Als er seinem prustenden, klatschnassen Fahrgast aus dem sumpfigen Schilfwasser ins Schiff zurückgeholfen hatte, fischte er auch das Stangenruder heraus und brachte das Fahrzeug mit ein paar Stößen wieder auf die Mitte des Flusses.
Leidchen kam mit dem Torflaken, das zum Schutz gegen Regen über die Ladung gebreitet wird, um den Durchnäßten abzutrocknen. Dieser ließ sich solche Fürsorge gern gefallen, gewann seine gute Laune schnell zurück, und bald saß er, von Kopf zu Fuß in das Laken gehüllt, wieder auf der Segelbank neben ihr und machte einen Witz über den anderen.
»Es wird kälter,« sagte Gerd, »leg' dich in die Koje, Leidchen, und schlaf!«
»Mich friert gar nicht.«
»Hast du mich verstanden?«
»Ich lege mir noch ein Tuch um.«
»Du sollst verschwinden, hast du mich verstanden?«
»Aber Gerd,« mischte sich der Dritte ein, »wenn sie lieber ...«
»Wer ist hier Herr im Schiff? Leidchen, wird's bald?«
Er hob drohend das Stangenruder.
Da stand sie auf und ging trotzig aufstampfend nach vorn. Hermann, der sich gleichfalls erhoben hatte, hielt ihr den Kojendeckel, bis sie sich im knisternden Stroh zurecht gelegt hatte, wünschte Gute Nacht und schloß behutsam über ihr. Dann legte er sich, in das Torflaken gehüllt, auf den Boden des Schiffes. Gerd riet ihm, das Segel ein wenig zu lösen und sich hineinzudrehen, was er sich nicht zweimal sagen ließ; denn die nassen Kleider und die Kühle der Herbstnacht machten sich unangenehm genug bemerkbar.
»Endlich Ruhe im Schiff,« murmelte Gerd und gab sich seinerseits dem gewohnten, halbschlafähnlichen Dösen hin, mit dem er die Nachtstunden auf der Hamme zu kürzen pflegte. -- --
»Guten Morgen, Gerd!«
»Guten Morgen. Schön geschlafen?«
»Prrr! Eine schändliche Kälte!«
»Das hast du dafür. Warum bleibst du nicht, wo du hingehörst?«
Nach einer Weile richtete der Fahrgast sich etwas auf und begann, gegen die Segelbank gelehnt, von neuem:
»Gerd, ich möchte wohl mal ein vernünftiges Wort mit dir reden.«
»Da bin ich begierig.«
»Ich kümmere mich nicht gern um anderer Leute Sachen.«
»Mag auch ebensogut sein. Jeder hat genug mit seinen eigenen zu tun.«
»Ja, aber wenn des Nachbars Haus brennt, kann einer das doch nicht ruhig mit ansehen.«
»Aber Mensch, nun sag', was du zu sagen hast!«
»Wenn ich meine ehrliche Meinung sagen soll, du fängst das mit Leidchen nicht richtig an.«
»Nun hör' mal einer an!«
»Wenn du mir nicht zuhören willst, kann ich ja auch den Mund halten.«
Nachdem Gerd eine Strecke schweigend sein Schiff gestakt hatte, sagte er zögernd: »Hermann, meinetwegen sprich dich mal rein aus.«
»Gerd,« begann der Müller, »ich hab' dich gestern immer wieder angucken müssen. Auf dem Freimarkt werden sonst alte Brummpeter sogar wieder lustig, aber du hast den ganzen Tag ein Gesicht gemacht, wie ein Pott Sauermilch ... als ob du Leidchen das bißchen Vergnügen nicht gönntest ... als ob sie dich jedesmal um Erlaubnis fragen müßte, wenn sie mal lachen will. Wenn sie mich nicht gehabt hätte, hätte sie ebensogut zu Hause bleiben können. Und vorhin hast du sie in die Koje geschickt, wie ich unsern Hund nicht in seine Hütte jage. So könnte man's vielleicht mit einer Schlafmütze von Deern machen, die knapp weiß, daß sie lebt. Aber, glaube mir, ein Mädchen wie deine Schwester läßt sich solche Behandlung auf die Dauer nicht gefallen. Wenn der Fuhrmann die Zügel gar zu scharf anzieht, schlägt ein edles Pferd, das Blut und Feuer in sich hat, über die Stränge.«
Gerd schwieg eine Weile, etwas betroffen. Dann sagte er: »Leidchen weiß ganz gut, wie ich's meine.«
»Gewiß meinst du es gut,« fuhr der andere fort, »aber es geht nirgends bunter her, als in der Welt, und die gute Meinung allein tut's da nicht. Sieh, Leidchen hat Temperament und Rasse, und du bist von Natur ruhig und solide. Da kannst du doch unmöglich verlangen, daß sie genau so sein soll wie du bist. Das ist nicht jedem gegeben, mir zum Beispiel auch nicht, aber darum kann unsereins doch ein ordentlicher und anständiger Mensch sein.«
»Wie kommst du dazu, dies alles herzukriegen?«
»Das will ich dir ganz genau sagen: Leidchen ist 'ne kleine nette Deern, die feinste in unserm ganzen Dorf. Es hat mir Spaß gemacht, ihr mal den Freimarkt zu zeigen. Da tut es mir nun weh, daß immer so'n Buhmann und Landgendarm hinter ihr her sitzt.«
»Hoho! Wenn sonst keiner hinter ihr her sitzt, soll's schon gehen.«
»Nichts für ungut, Gerd. Du wolltest ja, ich sollte mich rein aussprechen. Du kannst deshalb doch machen, was du willst. Aber ich wollte dies doch gesagt haben, weil ich es gut mit euch beiden meine.«
»Wir müssen jetzt aussteigen,« sagte Gerd, der inzwischen das Schiff in den Graben gelenkt hatte und vor dem ersten Klappstau anlegte, »du kannst Leidchen auch wecken.«
Hermann öffnete die Koje und rief sie beim Namen. Als sie langsam hochkam, sagte er: »Deern, Deern, du kannst dich freuen, daß du den warmen Unterschlupf gehabt hast. Mich hat jämmerlich gefroren.«
Sie sandte durch das dämmernde Grau der Frühe dem Bruder einen bösen Blick zu, aber der andere fuhr fort: »Ein Bruder, der so fürsorglich ist und an alles denkt, wie Gerd, ist gar nicht mit Geld zu bezahlen.« Dann legte er sich vorne ins Tau und half kräftig, das Schiff die vielen Staue hinaufzubringen.
Als sie bei der Mühle ankamen, legte er Leidchen das Seil über die Schultern, gab den Geschwistern die Hand, man bedankte sich gegenseitig, und er schritt seinem stattlichen Elternhause zu, indes die beiden ihre Fahrt fortsetzten, sie in der Leine und ziehend, er mit dem Ruder das Schiff vom Ufer haltend und schiebend.
Als sie eine Stunde später das Fahrzeug im Schauer geborgen hatten und dem Hause zu gingen, sagte Gerd, mit einiger Überwindung: »Ich glaube, ich bin ein bißchen unfreundlich und verdrießlich gewesen.«
»So? Wenn du das nur einsiehst!«
»Es wär' besser gewesen, wir wären unter uns geblieben.«
»Nun soll natürlich Hermann die Schuld haben!«
»Aber Mädchen, ich hab' ja kein Wort gegen ihn gesagt. Ich glaube jetzt sogar, daß er im Grunde besser ist, als ich früher meinte. Das heißt, so ganz traue ich ihm immer noch nicht ...«
Polli, der gelbe Fixköter, kam aus dem Hühnerloch neben der großen Tür gekrochen und begrüßte die heimkehrenden Freimarktsfahrer mit Gebell, Schwanzwedeln und Anspringen.
6.
An der Peperschen Stelle Nr. 18 haftete seit alten Zeiten die Schankgerechtigkeit.
Klaus Hinrich Peper hatte sich aus dieser all seine Lebtage nicht viel gemacht. Es war oft genug vorgekommen, daß er halbwüchsige Burschen nach dem zweiten Glas heimschickte, weil sie nun genug hätten, und daß die geistigen Getränke ihm gerade dann ausgingen, wenn die Gäste anfingen, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen. Die ungebührlich vorgehende Wanduhr führte die Polizeistunde stets viel zu früh herauf, und doch wurde sie aufs pünktlichste innegehalten.
Dieses Unikum von Wirt war vor zwei Jahren Todes verblichen, und sein Sohn und Erbe Heini hatte mit einem derart rückständigen und unzeitgemäßen Betriebe des Wirtsgewerbes sofort gründlich gebrochen. Es dauerte kein halbes Jahr, so war die große Lehmdiele mit glattem Holzfußboden versehen, und die Polizeibehörde wurde mit Gesuchen um Erlaubnis von Tanzbelustigungen bestürmt.
Aber der Herr Landrat machte neuerdings Schwierigkeiten, nachdem auf der letzten Synode nicht nur die Geistlichkeit über die zunehmende Vergnügungssucht im Bezirk geklagt, sondern auch ein alter Bauer mit mächtiger Hakennase seine derbe, plattdeutsche Rede in den Ruf hatte ausklingen lassen: »Landrat, werde hart!« Um sich an der Kirche zu rächen, beschloß Heini, nicht mehr zum Abendmahl zu gehen, und den Staat, der mit jener unter einer Decke spielte, wollte er sein Mißfallen durch einen roten Stimmzettel bei der nächsten Reichstagswahl fühlen lassen.
Was blieb einem strebsamen Wirt unter diesen Umständen anders übrig, als Vereine zu gründen?
Aber damit bewies Pepers Heini -- der Kindername war ihm bis in sein Mannesalter treugeblieben -- anfangs keine glückliche Hand. Die Mitglieder des Kegelklubs »Gut Holz« waren halbwüchsige Bengels, die viel Radau machten, aber leider sehr wenig verzehrten. Der Radfahrerverein »Pfeil« entführte seine Leute in die Umgegend zur Konkurrenz. Der Patriotismus wollte sich nicht auf Heinis Mühle leiten lassen, weil die Krieger von Brunsode und Umgegend um seiner schönen Augen willen das Miteigentumsrecht an dem Vermögen des Kriegervereins im Kirchdorf nicht aufgeben wollten.