Chapter 24 of 24 · 2270 words · ~11 min read

Part 24

Um zwei Uhr fand auf der Großen Diele die Trauung statt. Die Leute, die dicht gedrängt bis über das Einfahrtstor hinaus standen, sangen tapfer zu den schmetternden Klängen einer zwölfköpfigen Musikkapelle: »Wer nur den lieben Gott läßt walten.« Der alte Pastor machte seine Sache ziemlich kurz und so wenig rührend, daß die etwas angejahrten Brautjungfern nicht einmal mit Schick die bereitgehaltenen Tränen los wurden. Der beleibte Brautvater meinte nachher, etwas mehr könnte man von einem studierten Mann für sein gutes Geld wohl verlangen.

»Sing, bet und geh auf Gottes Wegen« sang die Hochzeitsgesellschaft, und die Feier war beendet. Während das junge Paar die Glückwünsche entgegennahm, trat der alte Müller mit unterwürfiger Miene auf den Pastor zu und sagte: »Nicht wahr, Herr Pastor, Sie tun uns doch die Ehre an und essen einen Teller Suppe mit uns?«

»Ich danke,« sagte der Geistliche kurz, »es paßt mir heute nicht.«

»Aber Sie können uns doch nicht die Unehre antun, daß Sie gleich wieder wegfahren!«

»Ehre und Schande, Herr Vogt, tut ein jeder sich selbst an, mein' ich,« sagte der alte Mann ernst.

Damit packte er seinen Chorrock in die Tasche und schritt durch die sich bildende Gasse auf die Große Tür zu, vor der sein Wagen wartete.

Als er am Achterdamm vorüberfuhr, stand Gerd Rosenbrock in schwarzer Kleidung und mit traurig-ernstem Gesicht am Wege und bat ihn, in sein Haus zu kommen und der Schwester Kind zu taufen.

Während sie dem Hause zuschritten, fragte er: »Herr Pastor, Sie haben wohl nicht zufällig Ihre Abendmahlssachen bei sich?«

Der alte Herr nickte: »Die führe ich auf solchen Fahrten immer mit mir, für alle Fälle.«

»Das ist gut,« sagte Gerd erfreut, »meine Schwester wollte nämlich auch gern das Heilige Abendmahl feiern. Aber sie ist sehr schwach ...«

»Dann werden wir es ganz kurz machen,« versetzte der Pastor.

»Darum wollte ich eben gebeten haben,« sagte Gerd.

In dem sauber gekehrten und mit weißem Sand gestreuten Krankenzimmer hielt Gerd das Kindchen über das weiße Schälchen mit braunem Moorwasser. Außer ihm walteten als Paten Beta Rotermund und die junge Hebamme. Der Täufling erhielt den Namen »Gerd«.

Darauf wandte der Pastor sich der Mutter des Kindes zu. Mit leiser Stimme richtete er an sie ein paar herzliche Worte, stellte eine Frage, auf die sie ein Ja hauchte, sprach ein Vaterunser und die Einsetzungsworte, reichte ihr Brot und Wein und hob die Hände über sie zum Segen.

Bald nachdem er das Zimmer verlassen hatte, fiel die Kranke in einen Schlaf, der bis gegen Abend anhielt.

Als sie erwachte, verlangte sie nach dem Kinde.

»Wir dürfen es dir nicht geben, der Arzt hat es verboten.«

»Aber sehen darf ich es doch ...«

Da holten sie es aus der andern Stube, zeigten es ihr, und die Hebamme erklärte mit Kennermiene, es wäre ein fixer und kerngesunder Junge.

Als die Frauen ihn wieder wegbrachten, sagte die Kranke: »Bitte, lieber Bruder, laßt das arme Kind nicht für seine Mutter büßen.«

»Aber Leidchen, wie kannst du so was bloß denken ... Dein Kind ist mein Kind ...«

»O Gerd, was bist du gut, was bist du gut ... Ich habe aber noch etwas auf dem Herzen.«

»Was denn, Kind?«

»Daß du kein Geld nimmst ...«

»Och Leidchen ... ich weiß nicht recht ...«

»Wenn du ~einen~ Groschen nimmst, muß ich mich im Grabe umdrehen.«

»Aber Kind, doch nicht so hitzig!«

»Sein Geld ist verflucht! Ich hab' ja noch dreihundert Taler, dafür kriegst du das Kind wohl beinahe schon groß ... Gerd, du hast so viel Gutes an mir getan. Nun erweise mir noch die eine große Liebe: gib mir die Hand darauf, daß du keinen Pfennig annimmst.«

Ein paar Sekunden zögerte er noch und sah ihr in die brennenden Augen. Endlich reichte er ihr stumm die Hand.

Die junge Frau ging nach Hause, Beta Rotermund wollte die Nacht über wachen helfen.

In den späten Abendstunden stellte sich Fieber ein.

»Es ist hier so heiß wie in der Hölle,« stöhnte die Kranke. »Macht doch mal ein Fenster auf.«

»Es wird wohl nicht ziehen,« sagte Beta Rotermund. Da stand Gerd auf, ihren Wunsch zu erfüllen.

»Mir ist immer, ich höre Musik,« sagte Leidchen nach einer Weile, »Gerd, spielst du da auf deiner Harmonika?«

»Ach, Leidchen, wie kannst du so was denken ...«

»Aber es ist ganz gewiß wahr, ich höre Musik.«

»Deern, Deern, das bildest du dir wohl bloß ein,« sagte Beta Rotermund beschwichtigend. »Das kommt einem manchmal so vor, und ist bloß ein Sausen in den Ohren.«

»Wenn ich es nicht ganz deutlich hörte! Seid ihr denn alle beide taub? Da ist irgendwo Musik, ganz lustige Musik ... tralala hopsasa ... Man könnte fein danach tanzen ... Gerd, tanz' doch mal ein bißchen, mit Sine. Ich hab' heut' keine Lust. Und mit mir will auch keiner tanzen ... kein einziger ...«

Die Kranke streckte die nackten Arme in die Höhe und warf sich dann zur Wand herum.

»'s ist alles dunkel, ist alles trübe, Dieweil mein Schatz eine andre liebt. Ich hab' gedacht, er liebet mich. Aber nein, aber nein, Aber nein, aber nein, Er liebt mich nicht ...«

»Das machen die Fieber,« flüsterte Beta Rotermund, Gerd starrte entsetzt ins Leere.

Die Kranke wälzte sich auf die andere Seite und ihre Augen suchten den Bruder: »Ach, da bist du ja, Gerd. Das ist man gut ... Ich weiß jetzt wohl, was das für Musik ist ... schweigt man stille ... jaja, ja, ja ... 's ist 'ne wunderliche Welt.«

Nach einiger Zeit begann sie wieder: »Gerd, du hast mir immer so schön was vorgespielt. Bitte, nimm deine Harmonika und spiel mir noch ein einziges Mal ein bißchen vor, so schön wie du kannst ...«

»Ach Leidchen ...«

»Ich bitt' dich darum, den kleinen Gefallen kannst du mir wohl tun. Setz' dich man draußen an den Herd, dann klingt es nicht so laut ... Wie Christabend, als du mich zum Weihnachtsbaum holtest ...«

»Ach Leidchen ...«

»Ich möcht' gern ein bißchen Ruhe haben, und ich glaub', dabei kann ich schön einschlafen.«

Beta Rotermund bedeutete ihm mit den Augen, ihr zu Willen zu sein. Da stand er auf und ging.

Das Flett lag im Dunkel, und er zündete auch kein Licht an. Auf dem Herd glühten noch ein paar Kohlen, in deren Schein die Metallteile seines Instruments schimmerten.

Und er spielte mit langgezogenen, weichen Akkorden: Stille Nacht, heilige Nacht ... Nun sich der Tag geendet ... Wenn ich einmal soll scheiden ... Und legte, wie nie zuvor, seine ganze Seele in das einfache Spiel.

* * * * *

Die Stubentür ging auf, Beta Rotermund trat, mit der Lampe in der Hand, auf die Diele. Sie sah so tiefernst aus, daß er jäh im Spielen innehielt. Die Frage, die er über die Lippen zu bringen sich scheute, legte er in seine Augen. Und sie nickte stumm.

Er sprang in die Höhe. Aber sie sagte leise: »Laß uns lieber noch etwas warten und ihr die Ruhe gönnen.«

Da setzte er sich wieder hin, und die Frau zog sich einen Stuhl an den Herd. So saßen sie und schauten regungslos in die verglühenden Kohlen, wohl eine Viertelstunde lang.

Endlich rührte sich Beta Rotermund, und Gerd fragte: »Was meint Ihr, Mutter, soll ich hin und Euch jemand zur Hilfe holen?«

Sie schüttelte den Kopf. »Laß nur, Gerd. Wen wolltest du holen? Sie sind alle auf der Hochzeit. Und dann gibt es hier so'n Gekakel und Geschnacke, das kann ich diese Nacht nicht gut haben. Ich bin allein wohl Manns genug, mein Patenkind anzukleiden.«

Die gute Frau machte sich an die Vorbereitungen, Gerd ging, nach einem kurzen Besuch im Sterbezimmer, in die Wohnstube.

Eine Weile starrte er mit den trockenen, rotumränderten Augen, die tief in ihren Höhlen lagen, vor sich hin ... bis es sich in ihnen löste und ein heißer Strom von Tränen sich über seine Wangen ergoß.

Aus der Ferne klang das Gejohle und Gekreische angezechter Hochzeitsgäste.

Als der kleine Gerd in seinem Steckkissen anfing zu wimmern, stand der große Gerd auf, machte ihm die Milchflasche zurecht, probierte und steckte sie ihm ins Mündchen. --

Lehrer Timmermann, der gleich bei seinem Amtsantritt mit der Gepflogenheit seines Vorgängers, bei den Begräbnisfeierlichkeiten rührselige Reden zu halten, gebrochen hatte, ließ einen Choral singen und las den neunzigsten Psalm. Warum seine Stimme heute so bedeckt und rauh klang, das wußte in der großen Trauergemeinde nur ein einziger.

Ein guter Teil von denen, die vor vier Tagen auf der Nachbarschaft die seit Menschengedenken großartigste und lustigste Hochzeit gefeiert hatten, weinten jetzt reichliche Tränen in die Sacktücher hinein.

Unter dem herrlichsten Frühjahrshimmel wurde Leidchen Rosenbrock zu Füßen des dunkelgrünen Wacholders, an der Seite des schon eingesunkenen Grabhügels ihrer Mutter, zur Ruhe gebettet. Den Gesang der Kinder und die Worte des Geistlichen übertönten fast die Jubellieder der Lerchen hoch oben in der lichten Bläue.

Gerd, Sine, Becka und ihr Bräutigam verließen zusammen den Friedhof. Vor dem Tore blieben sie stehen, und Gerd sagte: »Wollen wir die Hochzeit nicht lieber um ein paar Wochen hinausschieben?«

»Das wird wohl nicht gehen, es ist schon zu viel vorgerichtet,« sagte Becka.

Und ihr Ebenbild, zu Gerd gewendet: »Wir beide können ja gleich nach der Mahlzeit aufbrechen.«

Da nickte er langsam und sagte nichts weiter dagegen.

Es war nur eine Kaffeehochzeit mit knapp sechzig Gästen. Vor die lange, aus Wagenbrettern gebildete, mit Hausmacherlinnen gedeckte Festtafel hatte man quer einen Tisch gestellt, an dem die beiden jungen Ehepaare nebeneinander saßen. Vor jedem brannte ein Paar Lichter und stand ein Teller mit einem Zweipfundstück Butter, die aber nicht angeschnitten wurde; denn es gab ja kein Butterbrot, sondern Butterkuchen, ganze Berge.

Sine hatte den würdigen Pfarrherrn zum Tischnachbarn. Der war heute sehr aufgeräumt, trank erst drei Tassen Kaffee, dann ein Glas St. Julien Fasson und brachte mit diesem sogar ein Hoch aus. Auch seine Traurede hatte allgemein befriedigt. Es waren Tränen mehr als genug vergossen, und die glücklichen Bräute hatten tüchtig geholfen. Alle Frauen von Herz und Gemüt fanden es auch gar zu rührend, daß die guten Kinder, die jedermann gern hatte, an einem Tag die Myrtenkrone trugen.

Als die Tafel aufgehoben wurde, rüstete das eine Paar zum Aufbruch.

»Bleibt noch eine Stunde,« bat der Brautvater.

Aber Sine, mit einem Blick nach den Augen ihres Eheherrn, sagte: »Laßt uns man reisen. Es ist meinem Mann so lieber.«

Von der ganzen Hochzeitsgesellschaft begleitet, gingen sie zum Nachbarhof hinüber, wo ein Einspännerwägelchen bereit stand. Als sie aufgestiegen waren, drängte sich alles heran, ihnen noch die Hände zu drücken. Indem das Jungvolk ein halbgedämpftes Juhuhu hören ließ, ermunterte der Fuhrmann seinen Gaul zu einem Zuckeltrab, der sich jedoch schnell zu einem sehr gemächlichen Schlenderschritt beruhigte.

Als der Wagen nach zweistündiger Fahrt hielt, saß hoch oben in der höchsten der beiden das Haus schirmenden Tannen eine Amsel und begrüßte das Einzug haltende Pärchen mit dem süßesten Willkommenssang. Ihr Besitztum, das sie sich durch Fleiß und Sparsamkeit erworben hatten, lag im Glanz des schönsten Frühlingsabends vor ihnen. Ehe sie durch die Große Tür eintraten, legte Gerd den Arm um sein Weib und las, wie bei dem ersten Einzug, aber mit einem anderen Klang der Stimme: »Unsern Eingang segne Gott.«

* * * * *

Damit die jungen Eheleute mit der Arbeit erst mal tüchtig in Gang kämen, hatte Beta Rotermund den kleinen Gerd für den Sommer zu sich genommen. Sie sagte, es machte ihr Freude, nach so langer Pause sich mal wieder mit solch lüttjem Wurm abzuplagen. So 'ne alte Frau würde dabei wieder ein bißchen jung mit.

Auf keiner Stelle in Brunsode wurde diesen Frühling und Sommer über so tüchtig, ernst und froh gearbeitet, wie auf der kleinen am Achterdamm. Als die Jahreszeit fortschritt, erschienen viele Leute, um Gerds Kulturerfolge zu bewundern. Auch Barrenbrocks Opa kam eines Tages angetöffelt. Wie Gerd ihm das üppige, blaugrüne Kleefeld auf seinem Hochmoor zeigte, brüllte er: »Du willst mir vorschnacken, der Klewer kommt von dem Dreckzeug, das du um Lichtmessen in deinem Schiff hattest? Dazu mußt du dir 'n Dümmeren suchen, hä hä.« Gerd lachte und gab sich weiter keine Mühe, den alten Bock herumzukriegen.

Nach der ersten Heuernte kamen zwei wackere Kühe in den Stall. Im Laufe der Jahre ist der Viehbestand stetig gewachsen, zurzeit bis auf sechs Kopf.

Eine große Freude bereitete es Gerd, als er, kaum siebenundzwanzig Jahre alt, zum Gemeindevorsteher von Brunsode gewählt wurde. Heini Peper hatte stark gegen ihn agitiert, der junge Müller aber, worüber viele sich wunderten, für ihn gestimmt. Seine Wahl war um so bemerkenswerter, als er nicht in der Hauptreihe saß.

Er hat es in seiner neuen Würde nicht nötig, sich wie sein Vorgänger die Schriftstücke und Steuerberechnungen im Schulhause anfertigen zu lassen. Aber mit dem Lehrer Timmermann, der eine Küstertochter aus einem benachbarten Kirchspiel geheiratet hat und nicht daran denkt, sich versetzen zu lassen, verbindet ihn nach wie vor treue Freundschaft. Die Leute sagen: »Der Schulmeister und Vorsteher regieren zusammen das Dorf.« Aber sie wissen auch, daß sie sich dabei nicht schlecht stehen. Es wird auf Zucht und Ordnung gehalten, Dämme und Wasserstraßen sind in bestem Stand, und wenn eine hohe Staatsregierung mal etwas für die armen Moorgemeinden tun will und Gelder flüssig macht, wissen die beiden so darum zu schreiben, daß für Brunsode jedesmal ein erklecklicher »Bischuß« zu den Lasten abfällt.

Vor dem Hause am Achterdamm, das längst durch Anbau vergrößert ist und ein neues Strohdach, statt des von Ratten zernagten und geflickten, bekommen hat, und hellblauen Fachwerkanstrich dazu, spielen sorglos heiter ein stämmiger kleiner Gerd, ein süßes braunäugiges Leidchen, ein dicker pummeliger Jan, ohne den eine Moorfamilie ja nicht vollständig wäre, und noch ein paar blau- und braunäugige Flachsköpfe ... Bis das Leben auch sie an die Arbeit ruft und in den Kampf reißt. Möchten sie dann sich wacker tummeln und glücklich zurechtkommen!