Part 4
»Oh, das möchte ich wohl!«
Sie hob die Arme, als ob es Flügel wären.
»Ein Glück, daß du keine richtigen Flünke hast,« spottete er.
»Schade, schade! Wenn ich ein Vöglein wär! ... Aber in die Welt hinausfliegen kann einer auch ohne Flügel.«
»Nun schnack man bloß kein dummes Zeug und komm wieder 'runter!«
Noch einmal durchmaßen ihre Augen die lichte, lockende Ferne. Dann begann sie mit großer Vorsicht den Abstieg.
Gerd freute sich ihrer Schwierigkeiten und priesterte, er hätte ja gleich gesagt, sie sollte unten bleiben, aber sie hätte natürlich mal wieder nicht hören wollen.
Bis über die Mitte des Stammes war die Sache gut gegangen. Aber da glitt sie plötzlich aus und kam ins Fallen. Gerd, mit schneller Geistesgegenwart hinzuspringend, fing sie in seinen Armen auf, wurde aber von der Wucht des Falles mit zu Boden gerissen.
Keiner hatte sich Schaden getan, und als sie das festgestellt hatten, lachte Leidchen auch schon wieder, bis Gerd mit strengem Gesicht auf ihr Kleid hinzeigte: »Kuck mal da!«
Erschrocken hielt die die Ränder eines ansehnlichen rechteckigen Risses gegeneinander.
»Ja, so hat's gesessen,« spottete er, »du großes Mädchen solltest dich tüchtig was schämen.«
Ihre Augen füllten sich mit Tränen, während er noch eine Weile fort moralisierte. Aber bald, als er sah, wie ihr das Unglück zu Herzen ging, fing er an zu trösten. Sie hätte im Handarbeitsunterricht bei Fräulein Timmermann das Flicken und Stopfen ja gründlich gelernt und letzten Winter ihm den Riß in seiner Sonntagshose so fein zugemacht, daß man ihn überhaupt nicht wiederfinden könnte.
Aber ihre gute Laune war dahin. Den Blumenstrauß, den sie vor der verunglückten Kletterei zur Seite gelegt hatte, nahm sie nicht wieder auf, obgleich Gerd sie daran erinnerte. Die Hand an dem Riß, trat sie mit ärgerlichem Aufstampfen der kleinen Füße den Rückweg an.
Eine Strecke waren sie stumm nebeneinander geschritten, da sagte sie verdrossen: »Das ist viel zu wenig, was ihr mir als Lohn geben wollt.«
Gerd fand fünfundzwanzig Taler für das erste Jahr ganz anständig. Später müßte Jan natürlich auflegen und würde es gewiß auch tun.
»Später? Es soll nicht lange dauern, so geh' ich in die Stadt.«
»Wie kommst du mit einemmal auf solche Grappen?« fragte er verwundert.
»Von den Mädchen, die heute mit mir konfirmiert sind, gehen sechs schon zum ersten Mai hin.«
»So--o?«
»Gerkens Minna aus Moorwede fängt mit vierzig Talern an und braucht dafür bloß ein bißchen wischen und fegen. Und Meyerdierks Line aus unserem Dorf hat im dritten Jahr schon fünfundsechzig.«
»Und 'n lüttjen Vogel dazu, sagen die Jungens.«
»Pah, was fragt die nach euch Jungens!«
»Na, ich denk', freien will sie am Ende doch auch mal.«
»Das kann sie in der Stadt grad so gut haben als hier. Ja, noch viel besser! Rugens Beta hat 'n Schaffner an der Elektrischen gekriegt, und Lachmunds Minna ihr Mann ist sogar Angestellter an der Eisenbahn.«
»Dann ist er auch recht was. Mir ist ein Stellbesitzer, der seine sechzig Morgen eigenen Grund und Boden unter den Füßen hat, zehnmal so lieb wie einer, der den ganzen Tag auf der Elektrischen mit den Groschen klötern oder auf dem Bahnhof die Eisenbahnräder schmieren muß. Überhaupt, Deern, du kannst von der Stadt noch gar nicht mitschnacken, hast ja von ihr noch nichts gesehen als die Türme, von dem alten schiefen Fuhrenbaum aus. Ich bin wohl hundertmal in Bremen gewesen, und jedesmal, wenn ich meinen Torf verkauft habe und mein Schiff wieder aus dem Torfhafen hinausstaken kann, bin ich von Herzen froh. Das Stadtleben ist für unsereinen nichts.«
»Du könntest mich im Herbst wohl mal mitnehmen, zum Freimarkt.«
»Hm, das will ich mir überlegen ... Ja, wenn du schön artig und folgsam bist, und den Sommer über ordentlich fleißig, darfst du mal mit,« sagte er etwas gönnerhaft. »Du sollst sehen, wie schnell unsereinem die engen Straßen und die vielen Menschen über werden.«
»Das wollen wir erst mal abwarten,« meinte sie.
Zu Hause angelangt, fanden die Geschwister die Stube voller Nachbarsleute, die zum Gratulieren gekommen waren. Die Frauen benutzten zugleich die Gelegenheit, der Wöchnerin ihren pflichtmäßigen Besuch abzustatten. Die üblichen Wochengeschenke an Butter, Gebäck und Zucker hatten sie mitgebracht.
Leidchen setzte sich still und sittsam, wie es einer neukonfirmierten jungen Christin ziemt, auf einen Stuhl und gab sich Mühe, das Loch in ihrem Ehrenkleide zu verbergen. Aber Meta Frerks hatte zu gralle Augen, die entdeckten es bald, und es erhob sich ein großes Hallo. Zuletzt sorgte Beta Rotermund für eine Ablenkung, indem sie ihres Patenkindes Gedenkblatt herumreichte. Dieses zeigte in Schwarzdruck das Bild des guten Hirten und in roten Buchstaben den Spruch Phil. 4, 8: Was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was keusch, was lieblich, was wohl lautet, ist etwa eine Tugend, ist etwa ein Lob, dem denket nach.
Die Frauen fanden Bild und Spruch sehr schön, meinten, Leidchen sollte man recht danach tun, und Tischler Kortjohann in Worpswede würde das Gedenkblatt gut und billig einrahmen.
Als die Nachbarn fort waren, kleideten Bruder und Schwester sich schnell um, die Kühe zu melken. Ritterlich kroch Gerd unter die schwierigsten Tiere, und in dem warmen, dämmerigen Dunst des Stalles zischte die Milch unter gleichmäßigem Stripp-Strull in die Eimer.
4.
Grau und bleich dämmert der Morgen auf Rosenbrocks Herddiele, wo die junge Magd, verschlafen und herzhaft gähnend, im roten Schein des flackernden Feuers steht und einen in mächtiger schmiedeiserner Pfanne pretzelnden daumdicken Buchweizenpfannkuchen bewacht. Auf der fast noch in nächtlichem Dunkel liegenden Viehdiele, von der Kettengeklirr und der dumpfe Schall an die Stallbäume stoßender Hörner kommt, wirft jemand, auf Holzschuhen hin und her gehend, den Kühen vor. Das Hühnervolk ist auch schon wach. Zwei Hähne krähen in grobem Baß und frechem Diskant gegeneinander an.
Den langen Winter über hat diese Frühstunde Haus und Dorf in tiefstem Schlaf gefunden. Aber gestern war der zweite Ostertag, und heute soll die Torfernte beginnen. Da hat Feiern und Ruhen und langes Schlafen erst mal ein Ende.
Als die Sonne über die fernen Geesthöhen heraufkommt, sind Rosenbrocks schon hinten im Moor.
Leidchen, vom weißen Schleierhut umweht, in kurzärmeliger roter Flanelljacke und kurzem dunkelblauen Beiderwandrock, ist dabei, mit der Forke, deren Zinken im jungen Licht blitzen, eine abgetorfte Fläche nachzuebnen und als Platte für den schwarzbraunen Riesenkuchen, der hier gebacken werden soll, vollends herzurichten. Und schon kommt auf eisenbeschlagenen Holzschienen das erste Wägelchen, hoch bepackt mit dem klumpigen zähen Teig, den Jan drüben an der Hochmoorwand losgestochen hat, hurtig angerollt, Gerd hemdärmelig im Laufschritt hinter ihm her.
So hat jeder seine Arbeit und wird sie auf Wochen hinaus behalten. Jan, der Bauer, gräbt, Gerd, der Knecht, fährt und ladet die Torfmasse auf und ab, Leidchen, die Magd, breitet sie, die Stücke auseinanderschlagend, -zerrend, -tretend, in der Sonne aus.
Nach drei Stunden wird im Schutz der Hochmoorwand, über die der frische Frühlingswind hinstreicht, gefrühstückt: Brot, Butter, Sülze nebst Kaffee aus der umwickelten Blechflasche. Jans Zähne mahlen langsam und gründlich, und als sie ihre Arbeit getan haben, starren seine Augen ein paar Minuten regungslos ins Leere. Gerd und Leidchen sind inzwischen den Rand des Hochmoors hinaufgeklettert und halten, die Hände beschattend über der Stirn, Ausschau. Drüben, jenseits des Grenzgrabens, sind Rotermunds an der Arbeit, alle Mann hoch; nur Frau Beta hütet das Haus. Hinter ihnen Wöltjens, dann Frerks, weiterhin Böschens, und so weiter, wie sie in der Dorfreihe hintereinander wohnen. Den schwarzen Grund zwischen grünem Ackerland und braunem Heidemoor füllt ein buntes Gewimmel fleißig sich regender Menschen. Überall blinken Spaten in der Sonne, glänzen Hemdsärmel, schimmern bloße Mädchenarme, flattern Schleierhüte. In einer jungen Birke sitzt eine Krähe und krächzt: »Torf, Torf, Torf!« Die alte Gevatterin weiß Bescheid. »Torf, Torf, Torf« ist für ganz Brunsode bis gegen Pfingsten Losung und Feldgeschrei.
Schon wankt Jan wieder der Torfkuhle zu, und sein Jungvolk begibt sich ebenfalls an seine Posten.
Die Sonne ist dran, ihre Mittagshöhe zu erklimmen. Da sendet Leidchen, je länger desto häufiger, verstohlene Blicke über die grünen Saaten heimwärts, und zwar nach einer Stange, die hoch und kahl zwischen Scheune und Griesbirnenbaum aufragt. Wenn die aus einem abgängigen Mannshemd geschnittene weiße Flagge an ihr hochgeht, hat Trina, die gestern wieder aufgestanden ist, das Mittagbrot fertig.
Endlich erscheint das erwünschte Zeichen. »Mittag!« ruft Leidchen mit heller, klingender Stimme den Brüdern zu.
Jan stößt den Spaten in die Torfkuhle, Gerd läßt den Wagen auf den Gleisen stehen, beide ziehen die Jacken über. Mit munteren Schritten eilt Leidchen vorauf. Aber die Männer haben einmal ihren festen Tritt, aus dem so leicht nichts sie herausbringt.
Auch Knecht und Magd gebührt in der Zeit der Torfernte nach Mittag eine Stunde Bettruhe. Kaum hat Leidchen den Kopf in ihr Kissen gewuschelt, da ist sie auch schon weg; so hat die Frühjahrsluft die jungen Glieder müde gemacht. Aber auf die Minute pünktlich packt Frau Trina sie am Arm, schnell gibt's eine Tasse Kaffee, und wieder geht's ins Moor hinaus. Und wieder gluckst und ächzt unter dem Spaten der in tausendjähriger Ruhe gestörte feuchte Moosboden, wieder klappert der Wagen über die Schienen, und weiter dehnt sich die an der Sonne hingebreitete schwarzbraune Masse.
Nach dem Vesperbrot machen sechs breite Holzschuhe sich über sie her, trampelnd und tretend, peddend und knetend, kreuz und quer, von rechts nach links und von links nach rechts, bis endlich schmale Schabeisen den gut durchgearbeiteten Teig vollends eben und glatt machen.
Und endlich, endlich -- das Abendrot ist stark am Verglühen, Rotermunds haben schon vor einer Viertelstunde Feierabend gemacht -- schleppen drei zum Umfallen müde Menschen ihre bleischweren Glieder heimwärts. Den Augen, die den Tag über nichts gesehen haben als den triefenden braunen Brei, tut der grüne Glanz der Felder wohl, und die jüngeren senden über ihn hinweg auch wohl einmal einen Blick in die Ferne, in die letzten roten Gluten des Tages, der Abschied genommen hat.
Gagel, Weide und Rosmarienheide blühen und verblühen. Die weißen Schleier des Wollgrases wehen über den schwarzen Gründen und werden von den Winden zerzaust. Das Birkengrün bricht mit Macht hervor, leuchtet im schönsten Jugendschimmer über dem Braun des Hochmoors und nimmt allmählich seinen matteren Sommerglanz an. Die Kiefern stecken ihre Kerzen auf, und die Moorheide hängt die ersten Glöckchen aus. Und noch immer sind die Menschen vom dämmernden Morgen bis in die sinkende Nacht -- ach! und die Tage werden immer länger -- dabei, den schwarzbraunen Kuchen auszudehnen, den halbgaren mit armlangen, haarscharfen Messern zu zerschneiden, die Stücke auf- und umzusetzen, damit die große Torfbäckerin, die Sonne, mit ihren Gesellen, den Winden, von allen Seiten herankommen und sie durch und durch hart und trocken backen kann. Regenschauer und Sonnenbrand, Stürme und Gewitter lassen sie geduldig über sich ergehen, werden heiß und kalt, naß und wieder trocken, nur auf das eine bedacht, den Schatz, den die gütige Natur Jahrtausende hindurch in faulenden Sumpfmoosen angelegt und aufgespeichert hat, zu heben und in das liebe tägliche Brot zu verwandeln.
Wenn jemand zur Winterszeit hinter dem warmen Ofen vom Frischgeschlachteten ein bescheidenes Fettschichtchen angesetzt hat -- du liebe Güte! wo ist das geblieben? Die gebräunten Gesichter, in deren Furchen sich der Torfstaub eingenistet hat, erscheinen wie gemeißelt. Die Augen sind stumpfer und leerer geworden. Hier und da fühlt einer, der schon etwas in die Jahre gekommen ist, ein verdächtiges Reißen in den Gliedern und denkt mit heimlicher Furcht daran, ob die Zukunft ihn nicht auch wie den kaum fünfzig Jahre alten Jan Ebbers Nr. 14 gichtisch verkrümmt und arbeitsunfähig im Liegestuhl finden wird. Das Moor ist nicht so freundlich entgegenkommend wie die rindernährende Marsch oder auch nur wie die angrenzende Geest. Billig gibt es seinen Kindern das tägliche Brot nicht her.
Es ist ein stiller, warmer Sommerabend Anfang Juni. Der Mond, der voll und schön am wolkenlosen Himmel steht, läßt die Wiesennebel und, von ihnen umhüllt, zwei schlanke, weiße Mädchenleiber blausilbern aufleuchten, die in einem Graben spaddelnd und planschend, unter Lachen und Scherzen, den Staub und Schweiß der Torfbackezeit gründlich abspülen. Dem Wasser entstiegen, springen sie in der Wiese umher wie ein paar junge Füllen. Wie vom Dorf her eine Handharmonika erklingt, umfangen sich die beiden zu einem Tänzchen. Leicht und graziös hüpfen die Füßchen, die so lange in den schweren Brettholzschuhen gesteckt und Torf geknetet haben, über den glänzenden Plan. Von Kopf bis zu Fuß frisch und sauber gekleidet, das gebündelte Arbeitszeug in der Hand, schlendern die jungen Dinger dann endlich plaudernd, Arm in Arm, der Dorfreihe zu. Auf der Eichenbohle über Rosenbrocks und Rotermunds Grenzgraben bleiben sie, an die Leitstange gelehnt, stehen, der benachbarten Gehöfte junge Mägde, schauen in den Glanz des Nachtgestirnes und seines Spiegelbildes in dem ruhenden Gewässer und lauschen der Nachtigall, die wie alljährlich um diese Zeit drüben im Birkengebüsch um Wöltjens Backofen ihre süßen Lieder singt.
* * * * *
Es wird Zeit, das schwarze Erntefeld mit dem grünen zu vertauschen. Denn die liebe Sonne backt nicht nur Torf; gleichzeitig hat sie auf den Wiesen süße, saftige Gräser und Kräuter in reichlicher Fülle hervorgelockt.
Was die Brunsoder an Grünland dem Moor abgewonnen haben, gibt einstweilen nicht viel mehr her, als bei der sommerlichen Grünfütterung draufgeht. Der Heuvorrat für den Winter muß an der Hamme geerntet werden. Dieser westliche Grenzfluß des Moorgebiets, der die Schiffgräben der Dörfer aufnimmt und, durch Kanäle mit Bremen verbunden, die wichtigste Verkehrsader der Gegend darstellt, fließt durch ein breites Wiesental, das den Winterbedarf der Moordörfer weithin deckt. Jan Rosenbrock hat dort, drei Wegstunden von seinem Gehöft entfernt, fünf Tagwerk Wiesen gepachtet.
Als nach einer Regen- und Gewitterwoche das Wetterglas endlich wieder anfing zu steigen, machten Gerd und Leidchen sich eines Morgens vor Tau und Tag auf den Weg, um mit der Heuernte zu beginnen. Jan wollte am nächsten Tage nachkommen.
Auf dem schmalen Leinpfad gehend, schob Gerd hemdärmelig mit dem eingestemmten Stangenruder sein Schiff den Graben hinab vor sich her. Geräuschlos glitt es durch den Schatten der Hofbrücken, mit Gebrause schoß es über die beweglichen Stauklappen, die man alle paar hundert Meter angebracht hat, um den Graben schiffbar zu erhalten und das Land nicht gar zu stark zu entwässern. Leidchen schritt in Schleierhut und hellblauem langen Sommerkleid munter vor dem Bruder her und sah nach links zu den Gehöften hinüber, die teils noch schliefen, teils eben für den neuen Arbeitstag erwachten. Hier und da rüstete man gleichfalls zur Fahrt ins Heu.
Das letzte Gehöft in der Reihe war das des Müllers. In einem leidlich gepflegten Garten mit altem Baumbestand lag das stattliche, massive Wohnhaus. Ein größeres Rosenbeet stand gerade in voller Blüte. Die aufgehende Sonne, die eben ihre ersten Strahlen durch das sommerliche Grünen und Blühen sandte, ließ eine große Glaskugel farbig aufleuchten.
»Ein feiner Platz,« sagte Leidchen bewundernd.
»Wenn einer sich 'ne reiche Bauerndeern von der Geest freit,« meinte Gerd brummend, »ist es keine Kunst, seinen Kram in Schick zu haben. Aber die Leute sagen, das Geld wär' bald wieder alle. Na, bis dahin ist Hermann ja wohl so weit und kann wieder so 'ne fette Geestkuh einschlachten, oder eine noch fettere Marschkuh.«
»Pst!« machte Leidchen.
Im Garten, der bis hart an den Schiffgraben reichte, war ein Räuspern, Husten und Spucken laut geworden, und gleich darauf tauchte ein untersetzter Mann aus dem Gebüsch, dessen rotes Gesicht mit einiger Sicherheit auf eine Vorliebe für starke Getränke schließen ließ. Er schlarrte in großblumigen Filzpantoffeln über die mit weißgestrichenem Geländer versehene Hofbrücke der Mühle zu, die jenseits des Dammes ihre mächtigen Flügel im Morgenwind drehte.
Der Müller bemerkte die beiden Heufahrer wohl, schenkte ihnen aber so wenig Beachtung, daß diese es nicht für nötig hielten, ihm die Tageszeit zu bieten.
»Das ist ja 'ne ganz schlimme Gegend,« sagte Leidchen beinah ängstlich.
Kaum war er in der Mühle verschwunden, so unterbrach die Morgenstille ein polterndes Schelten. Was der Müllergesell zu seiner Verteidigung vorbrachte, machte die Aufregung seines revidierenden Herrn nur noch schlimmer. Indes Gerd und Leidchen nach dem Wortwechsel hinhorchten, kam von der Gartenseite her eine starke Tigerdogge an den Graben gesprungen, die heiser bellend und die Zähne fletschend das Schiff eine Strecke begleitete.
Gerd lachte kurz und trocken auf: »Ja, der Müller und sein Packan, die sind einer des andern wert.«
»Stolz, glaub' ich, ist der Mann auch. Er hat uns knapp angekuckt.«
Gerd machte ein Gesicht wie einer, der Welt und Menschen kennt, und sagte: »Die Geldsäcke sind alle so.«
Eine gute Stunde später traten die Geschwister in das Schiff, das jetzt aus dem schmalen Graben in den Hammefluß hinausglitt. Während Leidchen sich vorn auf dem Verdeck der Koje niederließ, legte Gerd, nachdem er den Mast gerichtet und das braune Segel freigemacht hatte, sich hinten an das eingehängte Steuerruder, froh, daß der Wind ihm verstattete, seine Kraft für die Arbeit des Tages zu sparen.
Leidchen hatte bislang während der Heuernte zu Hause Kinder hüten müssen. Zum erstenmal sah sie den glitzernden, flimmernden Wasserspiegel, das weite grüne Wiesental, die wogenden Schilfwälder des Ufers, die Flug- und Kampfspiele des Sumpfgevögels und blickte mit frohen, hellen Augen um sich. Die Fragen, deren sie eine über die andere stellte, beantwortete der Bruder, sein Pfeifchen rauchend, mit der gelassenen Ruhe des in der Welt sich auskennenden Mannes und mit seinem Element vertrauten Schiffers. Das Gefühl der Überlegenheit, das dem lebhaften und geistig regen Mädchen gegenüber zu behaupten ihm nicht immer leicht wurde, konnte er hier einmal nach Herzenslust auskosten, und das versetzte ihn in die allerbeste Laune, so daß er die Rede auch auf die größere Fahrt brachte, die er ihr für den Herbst versprochen hatte. Auf dem Bremer Freimarkt, ja, da würde sie erst Augen machen! Und sie stützte die Arme auf die Knie und das Kinn in die Hände und lauschte wie ein Kind, dem das schönste Märchen erzählt wird, wie er von Puppenspielern, Zirkusreitern, Meerjungfrauen, Riesenweibern, dressierten Flöhen und anderen Weltwundern berichtete, die er ihr dort zeigen würde.
»Nun wollen wir erst mal frühstücken,« sagte er dann, indem er die totgesogene Pfeife weglegte. Leidchen ließ sich neben ihm nieder, hielt den straff gepackten Lederholster, den sie der Koje entnommen hatte, auf dem Schoß und packte aus. Inzwischen hatte Gerd das Steuerruder herumgerissen, und das Schiff lief, während sie wacker schmausten, einen breiteren Wiesengraben aufwärts. Als sie wieder einpackten, waren sie am Ziele.
Und nun machten sie sich hurtig und munter an ihr Tagewerk. Auch Leidchen griff zur Sense, die sie, an das Kuhfuttermähen von früh an gewöhnt, nicht übel handhabte. Jedoch in dem Bestreben, mit dem Bruder Schritt zu halten, ermüdete sie schnell und nahm bald die ihrem Geschlecht und Alter mehr angemessene Harke zur Hand, um aber zwischendurch immer wieder ein paarmal auf und ab zu mähen. Nach dem wochenlangen Wühlen in feuchten, schwarzen Torfgründen machte ihr die Arbeit auf der sonnbeglänzten grünen Blumenwiese mit dem heute so gutgelaunten Bruder und ohne den meist einsilbig mürrischen Halbbruder und Dienstherrn Freude und Spaß.
Der Morgenwind ging bald zur Ruhe, und immer heißer brannte die Sonne auf den grünen Plan. Mehr als einmal wurde die im Uferschilf geborgene Blechkanne herausgezogen und der trockene Gaumen durch einen Schluck kalten Kaffees angefeuchtet. Als die Sonne ihre Mittagshöhe erreichte, stellten sie, da Bäume nicht in der Nähe waren, das braune Segel schräg gegen ihre Glutstrahlen, um im Schatten ihr Mittagbrot verzehren und eine Stunde ruhen zu können.
Am Abend, nachdem sie das welkende Gras in Haufen gemacht hatten, schlenderten sie wohlig müde der sinkenden Sonne nach einem Gehöft zu, das eine tüchtige Viertelstunde entfernt unter hohen Bäumen auf einer Wurt lag. Es gehörte dem Grasbauern Harm Tietjen, von dem die Rosenbrocks seit Jahrzehnten das Wiesenland in Pacht hatten, und bei dem sie während der Heuzeit auf dem Boden oder in der Scheune zu nächtigen pflegten.
Frau Tietjen, die noch auf den altmodischen und aussterbenden Namen Tibcke hörte, empfing die Ankömmlinge freundlicher, als Gerd von ihr gewohnt war. Von der vornehmen Zurückhaltung, die sie als reiche Wiesenbäuerin so kleinen Leuten aus dem Moor gegenüber sonst sich schuldig zu sein glaubte, war diesmal nicht viel zu bemerken. Man wurde in die Wohnstube genötigt und bewirtet, und auf Frau Tibckes breitem, glänzendem Gesicht malte sich immer mehr ein mütterliches Wohlgefallen an dem schönen Kinde, das höflich bescheiden und unbefangen frisch alle Fragen der großen Frau beantwortete. Als Bettgehenszeit wurde, hatte Leidchen deren Herz bereits so umstrickt, daß sie eingeladen wurde, für die Nacht im Anderthalbschläfer ihrer Tochter mit unterzukriechen, wozu diese, nachdem sie die ihr zudiktierte Bettgenossin von Kopf bis zu Fuß gemustert hatte, zögernd und ein wenig säuerlich ihre Einwilligung gab.
Das Dutzend Jahre, das Fräulein Hermine Tietjen vor dem Kind des Moores voraus hatte, war nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Einen oberen Vorderzahn hatte es genommen, die ersten Krähenfüßchen um die Augen ihr gebracht. Eine Schönheit war sie mit dem zu breiten Mund, den zu kleinen Augen und den zahllosen Sommersprossen wohl nie gewesen. Aber dem Spiegel an der Wand, wenn er einmal Anwandlungen von Ehrlichkeit hatte, glaubte sie nicht, weil er ein Buckelchen und ein Bläschen hatte. Um nun dem lebendigen Spiegel jungmädchenhafter Lieblichkeit und Frische, den sie bei sich in der Kammer hatte, nicht glauben zu müssen, suchte sie an ihm mit Luchsaugen nach einem Buckelchen oder Bläschen. Aber die jugendlich schlanke Gestalt, die sich vor ihr entkleidete, war leider von herrlichstem Ebenmaß; an Reinheit und Zartheit der rosig durchschimmernden Haut ließ sich mit dem besten Willen nichts tadeln; den Augen, Mund, Nase und Haar, den Ohren, ja sogar den Füßen, mußte auch der Neid lassen, sie konnten gar nicht wohlgebildeter sein, als sie waren. Und schon wollte sie das vergebliche Suchen aufgeben, als plötzlich ihre kleinen grünlichen Augen in der Freude des Findens schillerten.
»Ih! Was hast du denn da?« rief sie, mit spitzem Finger und ebenfalls gespitzter Nase zufahrend.
Leidchen legte harmlos ein Muttermal über dem Ansatz ihrer linken Brust frei, daß die andere es in Ruhe betrachten konnte. Die machte ein Gesicht, als ob ihr eine Kröte in den Schuh gekrochen wäre.
»Igittegitt, wie sieht das aus?«
»Och, das kriegt ja kein Mensch zu sehen.«
»Willst du dir das nicht wegoperieren lassen?«
»Warum? Das hat Zeit genug, da zu sitzen.«
»Aber Deern, schämst du dich denn gar nicht?«
»Weshalb?«
»Daß du da so'n Ding hast!«
Jetzt wurde es Leidchen zu viel. Gutmütig spottend sagte sie: »Meinst du, daß ich mit deinen Sommersprossen tausche?«
Hermine zuckte wie unter einem Nadelstich zusammen. Sie war schon auf mehr als eine Anpreisung in der Zeitung, die sie von diesem Schönheitsfehler zu befreien versprach, hineingefallen.
»Ach ja,« seufzte sie, »es ist ein Leiden, wenn man einen gar zu feinen Teint hat.« Sie sprach das Wort, wie man's schreibt; denn sie war ein Jahr in der Benehmigung gewesen und hielt es so für gebildeter.
Leidchen entgegnete darauf nichts, aber ihr harmloses Lachen klang etwas ungläubig und verwundete die andere noch mehr.
Rachedürstend trat sie an ihre messingbeschlagene Eichenholzkommode und zog die oberste Schublade auf, in der sie eine Anzahl Kästchen und Schächtelchen öffnete.
»Darf ich mich hinlegen?« fragte Leidchen bescheiden, zum Einsteigen bereit vor dem Bett stehend.
»Nein,« sagte Hermine, die gerade dabei war, ein Licht anzuzünden, kurz und schroff, »ich will dir erst noch mal was zeigen. Komm hierher!«
Ein bewunderndes Ah und Oh nach dem anderen sprang von den Lippen des Moorkindes vor all den im Kerzenglanz funkelnden Broschen, Ringen, Ketten und Armbändern.
Die große Bauerntochter nahm die einzelnen Stücke in die Hand, wandte sie im Licht hin und her, daß sie blitzten, hielt sie dorthin, wo sie ihren kargen Reizen zu Hilfe zu kommen pflegten, und nannte mit boshaftem Behagen die stark nach oben abgerundeten Preise. Die kleine Moordeern stand jetzt sprachlos mit gefalteten Händen neben ihr und konnte sich nicht satt sehen. Noch nie waren ihr die Herrlichkeiten der Welt so verlockend gezeigt worden.
Aber die andere war mit diesem Triumph noch nicht zufrieden. Sie schloß einen zweitürigen Schrank in Nußbaumimitation und Muschelstil auf und sagte: »Hier siehst du all meine Kleider. Dies weiße trag' ich auf dem Ball, in diesem schwarzen geh' ich zum Abendmahl, die beiden da sind für die gewöhnlichen Sonn- und Festtage. Und dies himmelblaue hab' ich zur Hochzeit meiner Schwester gekriegt, es ist ganz von prima Seide. Kuck doch bloß mal, wie's glänzt! Und wie es sich anfühlt! Du darfst dreist mal anfassen.«
Leidchen machte von dieser gnädigen Erlaubnis Gebrauch. Scheu liebkosend fuhr ihre Hand an dem schimmernden Stoff hinunter. »Ganz von Seide ...« wiederholte sie, andächtig versunken.