Part 23
Sie sprang auf und ging mit leichtem, schwebendem Schritt in die Stubenecke, wo Pfeife und Tabaksbeutel hingen. Mit frohen, lächelnden Augen sah er ihr zu, wie sie den Pfeifenkopf reinigte und füllte.
Als sie ihm den fertigen Brösel brachte und ein schwelendes Zündholz dazu, sagte er: »Das pust' man wieder aus. Dies ist 'ne Friedenspfeife, 'ne Freudenpfeife, die steck' ich mir an unserem Weihnachtsbaum an.«
Bald mischte sich mit dem Tannen- und Kerzenduft der seines Knasters, das Pfund zu fünf Groschen. Der Torf im Ofen glühte, die Lichter strahlten Wärme, dem Munde des Schmökers entquollen braungelbe Wolken. Das alles ergab eine Temperatur und Atmosphäre in dem niedrigen Raum, die nicht ganz einwandfrei waren. Aber niemand dachte daran, Tür oder Fenster zu öffnen. Grad' so war es sehr weihnachtlich und über die Maßen gemütlich.
Sie hatten längere Zeit geschwiegen, als Leidchen mit schmerzlicher Wehmut sagte: »Gerd, wieviel hast du doch mein ganzes Leben durch an mir getan ... Und von mir hast du nichts gehabt als Sorge und Mühe und Verdruß ...«
Er sog nachdenklich an seiner Pfeife. Seine Augen schauten zwar in den Lichterglanz, schienen aber noch mehr nach innen geöffnet zu sein.
»Das kannst du doch wohl nicht sagen,« begann er nach einer Weile. »Was Menschen einander geben und voneinander nehmen, das kann man doch wohl nicht so glatt ausrechnen wie ein Rechenexempel ... Das Beste, was einer von dem anderen hat, glaub' ich, kennt er am Ende selbst am wenigsten ...«
Er stützte den Kopf über dem Tisch in die Hand und fuhr aus tiefem Sinnen heraus fort: »Wenn ich so über mein Leben nachdenke ... es war doch nicht bloß Torfbacken und Solospielen ... es war ein Zug in die Höhe darin, glaub' ich ... Und ich möchte sagen: der Faden, der mich führte und zog, der ging durch deine Hand ...«
Sie sah ihn verwundert und ungläubig an. Er nahm ihre Hand und zog sie sanft auf seine Knie herüber.
Nach längerem Schweigen fuhr er mit seinem Lächeln fort: »Ja ja, ihr Frauensleute! Was meine Sine ist, die hat mich sozusagen erst richtig zu einem Menschen gemacht ... Aber als ich sie noch nicht kannte, da hatte ich dich ... Wenn ich dich nicht gehabt hätte, ich glaube, dann wäre nichts Rechtes aus mir geworden ... Für mich mußtest du wohl auch gerade so sein, wie du warst und bist, und nicht anders ... Ich glaube wirklich, ich habe viel mehr von dir gehabt als du von mir ...«
Sie schüttelte lächelnd den Kopf und wollte etwas erwidern. Aber er sagte, ihr tief in die Augen sehend: »Leidchen, darüber wollen wir uns nicht weiter streiten. So was läßt sich wirklich nicht auf der Wage abwiegen. Und es bleibt ja auch in der Familie.«
Die Lichter brannten allmählich nieder, die größere Hälfte war schon erloschen.
Als wieder einmal eins sterben wollte, sagte Leidchen wie im Traum: »Übers Jahr ... wie es dann hier wohl aussieht?«
Gerd malte sich das Bild mit frohen, bunten Farben aus. Dann saß Sine hier mit ihm unter dem Christbaum. Wenn die Lichter sich in ihren grallen Augen spiegelten, das mußte eine Lust sein. Was er ihr wohl schenken würde? Und sie ihm? ... Vielleicht um Weihnachten herum schon so was ganz Liebes, das ein Jahr später dann mit süßen Äugelein in den Lichterglanz blinzelte und mit runden Patschhändchen nach den Kringeln langte, die Sine ihm in die Zweige gehängt hatte ...
Plötzlich dachte er an seine Schwester und erschrak.
Er sah zu ihr hinüber.
Sie saß, die Hände im Schoß gefaltet, und ihre großen braunen Augen schauten in das zuckende Licht. Aber sie schienen weit, weit darüber hinaus zu irren.
Er legte seine Hand zart und leicht auf die ihren. Sie schien es nicht zu merken.
Da zog er ihre Linke auf sein Knie und drückte sie, erst sanft, dann etwas stärker.
»Leidchen ...« sagte er mit großer Wärme und Innigkeit.
Da wandte sie sich ihm zu und sah ihn groß an.
»Lieber Bruder,« kam es wie ein Hauch von fernher über ihre Lippen.
»Wo warst du eben?«
»Ich? ... Ich weiß nicht ... Ich glaube, weit, weit weg ...«
22.
Die Wintermonate gingen ihren stillen Gang.
Das Wetter war, kürzere Frostperioden abgerechnet, Gerds Arbeiten günstig, und er nützte die Zeit denn auch nach Kräften aus. Mit leichtem, frohem Herzen stand er jetzt meistens bei seinem Tagewerk. Denn wenn ihn auch manchmal eine tiefe, schmerzliche Trauer aus Leidchens Augen anblickte, die dumpfe Starrheit war von ihrer Seele gewichen, und Ausbrüche wilder Verzweiflung kehrten nicht wieder. Nie kam ein Wort der Klage oder Bitterkeit über ihre Lippen. Still und unverdrossen tat sie ihre Arbeit und wurde geradezu erfinderisch, ihn durch kleine Überraschungen zu erfreuen. Seine Lieblingsgerichte erschienen so oft auf dem Tisch, daß er, um nicht mit ihnen überfüttert zu werden, bald andere Speisen dazu erklären mußte. Er hatte es jetzt gänzlich aufgegeben, sie zu schulmeistern und zu bevormunden. Die Art, wie sie ihr Schicksal trug, machte sie ihm fast verehrungswürdig, und vor ihrer Mutterschaft empfand er etwas wie heilige Scheu. Mit keinem Wort, ja kaum mit Gedanken, wagte er daran zu rühren. Die Verantwortung, die er für die Schwester fühlte, erstreckte sich auch schon auf das kleine Menschenwesen, das unter ihrem Herzen wurde.
Des Abends lasen sie sich meist abwechselnd vor.
Auch das dicke Buch in gepreßtem Schweinsleder mit Messingbeschlag, das die ersten Ansiedler von der Geest in die neue Heimat begleitet hatte, nahmen sie nicht selten vom Wandbrett. »Erst wenn man etwas durchgemacht hat,« sagte Gerd eines Abends, als er es schloß, »fängt man an, dieses Buch zu verstehen und lieb zu haben.« Und Leidchen nickte zustimmend.
* * * * *
Gerd brannte darauf, was er von der Wirkung künstlicher Düngemittel in seinem Lehrbuch gelesen hatte, gleich im ersten Jahre als selbständiger Landwirt zu erproben. So fuhr er denn Mitte Februar, als die Wasserläufe eben wieder frei geworden waren, zur Stadt, um sich eine Ladung zu holen, wie es für Moorland empfohlen wurde. Er war stolz darauf, daß er, der jüngste Besitzer des Dorfs, hiermit den Anfang machte. Im ganzen Kirchspiel war er der zweite; ein vorwärtsstrebender Landwirt auf der Südseite hatte schon im letzten Jahre mit Versuchen begonnen. Es hieß, daß die Moorversuchsstation in Bremen demnächst in der Sache vorgehen und die Königliche Regierung Beihilfen geben würde, um den vorsichtigen und mißtrauischen Bauern Mut zu machen. Jenen zuvorzukommen, freute ihn noch ganz besonders.
Als er seine Last den Schiffgraben hinaufschob, gesellte sich ein alter Torfbauer zu ihm, Jan Barrenbrock mit Namen, den Gerd aber nur als Barrenbrocks Opa kannte. Dieser pflegte sich zu rühmen, in seinem Leben mehr Torf gemacht zu haben, als die Brunsoder alle. Wenn man ihn ansah, konnte man das auch wohl glauben. Seine mittelgroße Gestalt schien stark der Torfkuhle zugekrümmt, und an der linken Hand saßen ihm taubeneigroße Gichtknoten. Daß er der weißen Rasse angehörte, konnte fast zweifelhaft erscheinen, da die Farbe seines Gesichts stark in die des wichtigsten Landesprodukts hinüberspielte. Spötter meinten, der Torfstaub säße ihm in der Haut wie dem Neger die schwarze Farbe; andere wollten wissen, der alte Wühler wüsche sich nur an den großen Festtagen, und auch dann mit viel Schonung, weil er dafür halte, die Schicht Torf um das Fell herum erspare ihn im Ofen. Ein Worpsweder Maler, der einmal einen rechten, echten Jan vom Moor aus der guten alten Zeit malen wollte, war glücklich, als er Barrenbrocks Opa entdeckte, und der Alte pflegte mit seinem pfiffigsten Lächeln zu erzählen, so leicht wie bei dem dummen Kerl hätte er in seinem Leben kein Geld verdient: drei Groschen die Stunde, und Tabak, soviel als er nur hatte schmöken können.
Da Torfstaub die Menge, Wasser aber wohl nie den Weg in seine Ohren gefunden hatte, war er recht schwerhörig und brüllte Gerd an, als ob er einen Stocktauben vor sich hätte:
»Was hast du da im Schiff?«
»Künstlichen Dünger!« brüllte Gerd zurück. »Kainit und Thomasschlacke!«
»Kainit? Kenn' ich nicht. Was noch?«
»Thomasschlacke!«
»Und damit willst du düngen?«
»Ja, Opa!«
»Ha! Da bin ich aber ein ungläubiger Thomas.«
»Kann sein, daß Ihr noch mal ein gläubiger werdet!«
»Ich? Na, da lauer' auf, mein Junge! Als du die ersten Windeln naß machtest, hatt' ich bald meine tausend Hunt Torf herausgemacht.«
»Das kann stimmen!«
»Als ich so'n Bursch war, wie du nun bist, mußten wir ihn noch mit bloßen Füßen pedden. Euch jungen Gästen heutzutage wird's schon in den warmen Hollschen zu viel.«
»Ja, Opa, die Welt ändert sich. Und hier bei uns im Moor wird sich noch vieles ändern. Wir wollen nicht ewig Torfbauern bleiben, können's auch gar nicht, denn der Torf wird bei kleinem alle. Wir wollen rejalige Landwirte werden und das Hochmoor kultivieren und zusehen, daß wir genug Grünland bei Hause kriegen und nicht die Tage und Nächte auf der Hamme zu liegen brauchen. Das läßt sich jetzt alles machen, denn mit dem künstlichen Dünger können wir größere Flächen in Kultur nehmen als mit dem bißchen Kuh- und Schweinemist. Ihr sollt sehen, Opa, wenn Ihr noch ein halb Stieg' Jahre kregel bleibt, es bricht eine ganz neue Zeit für unsere Gegend an!«
»Wo hast du die Weisheit her?«
»Aus Büchern.«
»Aus Büchern!« wiederholte der Alte in ehrlichster Verachtung und spuckte in schönstem Bogen, wie ihn nur die ältere Generation noch fertig bringt, in den Schiffgraben.
»Besucht mich mal im Julimond, dann sollt Ihr was zu sehen kriegen!«
»Hä, dazu tu' ich keinen Schritt aus dem Hause. Mit so 'nem neumodischen Kram will ich nix nich zu tun haben, hähä.«
Der Torfbauer alten Schlages ging höhnisch lachend und überlegen kopfschüttelnd seiner Wege, indes der junge Moorbauer arbeits- und hoffnungsfroh seinen Schatz, von dem er sich so große Dinge versprach, seinem Besitztum zuschob.
Die nächsten Tage fiel bei der Windstille ein weicher, warmer Regen. Da schritt er, einen Sack vor sich, die zubereitete Hochmoorfläche auf und ab, säte aus einem alten Fausthandschuh Kainit und Thomasschlacke gemischt und sah im Geist die Zeit kommen, wo seine achtzehn Morgen, von denen jetzt kaum der dritte Teil kultiviert war, in frischem Grün prangten und reichen Ertrag brachten. Er selbst würde diesen Tag wohl nicht mehr erleben, aber ihm für Kinder und Kindeskinder ein gut Stück entgegenzuarbeiten, dafür wollte er alle Kraft einsetzen.
* * * * *
So rückte die Osterzeit heran.
Am Sonnabend vor der stillen Woche trafen Gerd und Sine sich mit Becka und ihrem Bräutigam in Grünmoor, um zusammen in das Pfarrhaus zu gehen und das Aufgebot zu bestellen. Am Freitag der vollen Woche nach dem Fest sollte die Doppelhochzeit gefeiert werden.
Als der Pastor sich die nötigen Aufzeichnungen gemacht hatte, sagte er lächelnd: »Hoffentlich mache ich bei der Trauung nicht wieder solchen Kohl wie bei eurer Konfirmation.«
»Das Unglück wäre so groß nicht,« meinte Gerd. »Wo die eine mit gewaschen ist, da ist die andere mit abgetrocknet.«
Sine gab ihm einen Stoß in die Rippen, weil er so was in der Studierstube vom Herrn Pastor zu sagen wagte. Denn ihr hatte beim Eintreten das Herz stark gepuckert.
Der würdige Herr meinte gutgelaunt: »Na, wir wollen sehen, daß jeder zu dem Seinen kommt. Es ist am Ende doch besser.«
Als die vier gehen wollten, bat er Gerd, noch einen Augenblick zu bleiben.
»Wie geht es Ihrer Schwester?« fragte er, als sie allein waren.
»Danke, Herr Pastor ... jetzt geht es ... Ich habe allerhand mit ihr durchgemacht, aber jetzt hat sie mit Gottes Hilfe wohl das Schwerste überstanden.«
Der alte Mann sah ihm aufmerksam in die Augen. Er schien sich über den jungen Menschen, den er lange nicht mehr aus der Nähe gesehen hatte, zu wundern.
Mit leisem Aufseufzen fuhr er fort: »In einer so großen Gemeinde von fast fünftausend Seelen erlebt man ja allerlei. Aber selten ist mir etwas so nahegegangen ... Das liebe, schöne, hochbegabte Mädchen ...«
Gerd blickte stumm zu Boden.
»Was meinen Sie, wenn ich mal bei Ihnen vorspräche ...«
»Nichts für ungut, Herr Pastor, aber wenn's Ihnen einerlei ist, möcht' ich lieber, Sie besuchten mich mal, wenn ich erst verheiratet bin.«
»Hm ... ich meinte nur wegen Leidchen ...«
»Ich glaube, die hat ein anderer in Pflege genommen, und wir tun am besten, wenn wir den still gewähren lassen.«
Der alte Herr sah den jungen Bauern mit seinen großen dunklen Augen aufs höchste verwundert an. Und seine weißen, weichen Hände hielten die braune harte Arbeitshand ein Weilchen mit warmem Druck fest, indem er sagte: »Grüßen Sie Ihre Schwester herzlich von mir.«
»Danke, Herr Pastor,« antwortete Gerd froh überrascht, »das will ich gern tun, und Leidchen wird sich sehr darüber freuen.«
* * * * *
Am Nachmittag des zweiten Ostertages sprach Bruder Jan am Achterdamm vor.
»Gerd,« sagte er, »Bäcker Michaelis, unser bester Kunde, schreibt mir eine Karte, daß er morgen notwendig einen halben Hunt Torf haben muß. Ich hab' nicht mehr ganz so viel, aber Nachbar Rotermund will mir zuleihen. Du bringst das Schiff diese Nacht wohl eben hin ...«
Gerd brummte: »Mensch, heute ist doch noch Ostern.«
Jan zuckte die Achseln: »Deine Dienstzeit bei mir geht erst Donnerstag zu Ende. Ich bin dir doch auch oft zu Willen gewesen.«
Der andere sagte zögernd: »Eigentlich geh' ich heute überhaupt nicht gern aus dem Hause. Leidchen fühlt sich nicht ganz wohl.«
»Meinetwegen kannst du gern fahren,« mischte sich die Schwester ein. »Es ist bloß ein bißchen Kopfweh. Das hab' ich schon öfters gehabt.«
»Du hast auch einen heißen Kopf.«
Sie griff sich an die Backe: »Das kommt wohl davon, weil ich ein bißchen stark eingeheizt habe.«
»Deern,« sagte Jan, »Du kriegst doch nicht die Infallenzia? Die spukt jetzt wieder im Dorf herum.«
»Das wollen wir nicht hoffen,« rief Gerd erschrocken, die Schwester besorgt ansehend.
»Ach was,« sagte sie leichthin, den Kopf schüttelnd. »Heut abend vorm Zubettgehen koch' ich mir eine Tasse Fliedertee, und morgen bin ich fein wieder auf dem Damm.«
»Na,« meinte Jan, »wir wollen das Schiff wohl laden; denn kommst du also nachher.«
Sie aßen noch zusammen Abendbrot. Gerd mußte die Schwester immer wieder ansehen. Ihre zarten Wangen waren ein wenig gerötet, die großen braunen Augen glänzten, und er dachte: Was hat sie doch einmal für ein liebliches Gesicht!
Sie stand vom Tisch auf und holte zwei dicke Äpfel. »Es sind die letzten,« sagte sie, »ich habe sie für dich gespart, du kannst sie unterwegs aufessen.«
Er steckte den einen in die Tasche und nahm ihre Hand. Es war ihm auf einmal so weich ums Herz, und er sagte zärtlich, sie warm anblickend: »Leidchen ... es war eigentlich doch eine schöne Zeit, die wir beiden hier allein miteinander gewirtschaftet haben. Es tut mir beinahe leid, daß sie zu Ende geht.«
»Na, na?« sagte sie lächelnd. »Wenn das man wahr ist ...«
»Aber du sollst sehen, zu dreien wird es auch ganz gemütlich ... Weißt du noch? Früher war das zwischen uns beiden immer wie zwischen Hund und Katze.«
»Ach ja.«
»Das ist nun ganz anders ...«
»Ja, wenn die Katze so zahm gemacht wird ...«
»Ach nein, Leidchen, davon kommt das nicht allein. Wir haben beide etwas zugelernt. Wir haben uns jetzt erst recht miteinander eingelebt und verstehen einer den andern nun besser. Lieb gehabt haben wir uns im Grunde ja immer, auch früher, als es manchmal nicht so wollte. Nicht wahr?«
»Ja natürlich.«
»So können wir sagen: das Böse hat doch auch ein klein bißchen Gutes im Gefolge gehabt ... Und das ist wohl meist so ... Diesen anderen Apfel mußt du essen. Ich hab' an dem einen genug.«
Als er aufbrechen wollte, sagte er: »Soll ich nicht lieber Trina bitten, daß sie morgen früh mal nach dir sieht?«
Sie schüttelte lebhaft den Kopf: »Ach nein, die möchte ich hier nicht gern haben.«
»Oder Tante Rotermund?«
»Nein, nein, Gerd. Die ist so nicht die stärkste, und sie soll für nichts und wieder nichts zweimal den weiten Weg laufen? Sei nicht so albern, mir fehlt ja gar nichts. Mein Kopfweh ist schon weg, ich brauch' mir gar keinen Fliedertee mehr zu kochen.«
»Kind, noch immer der alte Leichtsinn? Das mußt du mir wenigstens versprechen, daß du dir tüchtig Fliedertee machen willst. Mutter selig half sich auch immer damit.«
»Na denn man zu, ich koch' mir einen großen Topf voll, bloß dir zu Gefallen.«
Er hatte die Türklinke schon in der Hand. Aber noch einmal begann er: »Nun geh auch gleich zu Bett und decke dich ordentlich zu. Du kannst morgen alles liegen lassen und tüchtig ausschlafen. Ja, meinetwegen kannst du den ganzen Tag im Bett bleiben, wenn du nur zwischendurch eben die Tiere versorgen willst. Schlaf schön, und gute Besserung! Auf fröhliches Wiedersehen übermorgen früh. Ein bißchen zu essen kannst du mir hinstellen, es wird wohl Mitternacht werden, bis ich heimkomme.«
Er nahm ihre Hand.
»Du, deine Hand ist ja ganz heiß.«
»Aber Gerd, du machst es ja genau so wie die alten Weiber, die auch immer und immer noch wieder stehenbleiben.«
»Na, denn gute Nacht! Aber vergiß mir den Fliedertee nicht! Du mußt ihn so heiß trinken, wie du ihn nur eben herunter bringen kannst.«
»Kuck an! Du bist doch noch immer der gute alte Schulmeister und strenge Vormund. Was einmal im Menschen drin steckt, das kommt auch nicht heraus.«
Er drohte ihr lächelnd mit dem Finger und ging nun wirklich.
* * * * *
Um sich die langen Stunden der nächtlichen Fahrt zu kürzen, stellte Gerd allerhand Betrachtungen an. Er rechnete aus, daß er in seinen Dienstjahren an die dreihundert Bremerfahrten für Jan gemacht hatte. Die zurückgelegten Strecken reichten aneinandergefügt gewiß bis nach Amerika.
Wenn er nun wieder die Hamme hinabfuhr, ging es auf eigene Rechnung, mit dem Torf, den er und Sine in den Honigwochen herausgemacht hatten ... Alle Wetter, das sollte ein lustiges Torfbacken werden!
Leidchen paßte auf das Haus und bestellte das Gemüseland. Dann konnten sie beide die Tage ordentlich ausnützen und es wohl auf fünfzehn bis zwanzig Hunt bringen. Das brachte ein schönes Stück Geld, das dann wieder in die Verbesserung der Ländereien hineingesteckt werden konnte.
Später mußte die Huntzahl natürlich kleiner werden. Nur sich nicht von dem alten Schlendrian des Raubbaus auf Torf unterkriegen lassen! Nur ja keinen Betrieb wie der, auf den Barrenbrocks Opa stolz war! Aber erst galt es einmal, in Gang zu kommen. Aller Anfang ist schwer.
Im Bremer Torfhafen angelangt, wickelte er sein Geschäft so schnell ab, als es möglich war. Nachdem er sich darauf eine Stunde Ruhe beim Kaffee gegönnt hatte, trat er die Rückfahrt an.
Sie war recht mühsam, denn Wind und Strom arbeiteten entgegen. Als er den Giebel seines Häuschens gegen den blauen Himmel ragen sah, war Mitternacht längst vorüber.
Mit frohem Aufatmen trat er über die Schwelle.
Da kam Lustig angelaufen und sprang winselnd an ihm empor. Und alsbald meckerte die Ziege im Stall, und die Ferkel, die er vor kurzem gekauft hatte, stießen grunzend und quieksend gegen ihre Tröge.
Herr du mein Gott, die Tiere haben Hunger!
Mit zitternden Knien wankt er über die Diele und öffnet die Tür zu Leidchens Stube. Stehenbleibend horcht er mit angehaltenem Atem in die Finsternis hinein.
Von der Schlafbutze her kommt Stöhnen und wirres Reden.
Er greift sich an die Taschen und sucht Schwefelhölzer, findet aber keine.
Er greift sich an den Kopf, um sich zu besinnen, wo er welche finden kann. Mit bebenden Händen tastet er die Herdwand ab.
Endlich kann er eine Lampe anzünden.
Wie er sich der Butze nähert, gellt es ihm entgegen: »Weg, weg mit dir, du schlechter Mensch!«
Von Grausen gepackt, tritt er noch zwei Schritte vor.
Ein Anblick bietet sich ihm, der ihn zurückprallen und das Blut in seinen Adern erstarren läßt. Er muß mit beiden Händen zugreifen, um die Lampe nicht fallen zu lassen. Zwei Sekunden steht er regungslos starr.
Dann wendet er sich, läuft über die Diele, reißt das Rad aus dem Kuhstall, zündet die Laterne an.
Eine halbe Minute später saust er schon den Kirchdamm entlang durch die Nacht.
Vor der Häuslingskate von Nr. 10 springt er ab und pocht stürmisch an das Fenster. Gleich darauf wird dieses von einer jungen Frau in Nachtkleidung geöffnet.
»Ich bin ... nach der Stadt gewesen ... Leidchen hat ... ihre schwere Stunde gehabt ... Komm so schnell ... du kannst.«
»Ich komme auf der Stelle,« sagt die Frau und verschwindet.
Zehn Minuten später hämmert er gegen Beta Rotermunds Kammerfenster.
Die Frau kreischt hell durch die Nacht. Auch sie will sich sofort auf den Weg machen.
»Soll ich den Doktor holen?«
»Wart' damit noch. Wir wollen erst sehen, ob es nötig ist.«
»Aber Leidchen redet irre. Ich glaube, sie ist schwer krank.«
»Dann ist es doch wohl besser ...«
Die Birkenstämme des Dammes blitzen im Lichtschein der Laterne, die an ihnen entlang rast. Der Fahrer liegt keuchend auf der Lenkstange.
Der Arzt ist über Land geholt.
Eine ganze Stunde muß Gerd warten. Erst sitzt er in dem Vorzimmer, in das ein Dienstmädchen ihn gewiesen. Dann geht er hinaus und schreitet die Straße vor dem Hause auf und ab. Im kühlen Hauch der Vorfrühlingsnacht ist es erträglicher.
Endlich Wagengerassel in der nächtlichen Stille.
Das Gefährt hält. Gerd tritt an den Schlag und spricht mit dem Arzt. Der murmelt einen Fluch und befiehlt dem Kutscher, die Pferde zu wechseln.
Gerd schwang sich wieder auf sein Rad. Er war jetzt ruhiger geworden und fuhr ein mäßigeres Tempo.
Als er zu Hause ankam, graute der Morgen.
Auf dem Flett traf er Beta Rotermund.
»Wie steht's?« fragte er mit Herzklopfen.
»Oh ... ziemlich gut. Leidchen ist aber sehr schwach. Geh nur hinein und sag' ihr Guten Morgen. Aber viel sprechen darfst du nicht.«
»Redet sie auch nicht mehr irre?«
»Nein, sie ist jetzt ganz vernünftig.«
Er trat auf Zehenspitzen in die Stube. In einem Steckkissen zwischen zwei Stühlen lag das Kind, das er mit einem schnellen Blick streifte.
Sie lag mit geschlossenen Augen, das schmale, bleiche, schöne Gesicht tief in den Kissen.
»Liebe, liebe Schwester ...«
Sie öffnete die Augen, sah zu ihm auf und hauchte: »Gerd ... Bruder ...«
Wie er ihr die Hand reichte, hielt sie diese einige Augenblicke mit leisem, warmem Druck fest.
Dann trat er von ihrem Lager zurück und verließ die Stube, um das Vieh zu versorgen. Den ersten Heißhunger der Tiere hatte Beta Rotermund schon gestillt.
Bald erschien auch der Arzt. Als er aus dem Zimmer der Kranken kam, fing Gerd ihn auf der Diele ab. Er war ein Mann von wenig Worten und murmelte, wie für sich, etwas von hochgradiger Herzschwäche, Influenza, wobei er die Schultern anzog und fallen ließ. Das Kind wäre gut einen Monat zu früh geboren, würde bei sorgfältiger Pflege aber wohl durchkommen.
Gerd wunderte sich über sich selbst, wie ruhig er die schlimme Nachricht aufnahm. Nach der furchtbaren Erschütterung der letzten Nacht konnte er einiges vertragen.
Er stieg noch einmal auf sein Rad, um die Arznei von der Apotheke zu holen.
* * * * *
Gegen Mittag war ganz Brunsode und Umgegend auf den Beinen. Eine solche Riesenhochzeit, wie Müllers Hermann sie heute mit der reichen Bauerntochter aus dem Hammetal feiern wollte, hatte Brunsode noch nicht gesehen. Ein brautväterlicher Ochse und drei fette Schweine bester Mühlenmast hatten ihr Leben lassen müssen. An die fünfzig Butterkuchen waren gebacken, sechs Hektoliter Bier angefahren. Drei Hochzeitsbitter hatten zu Rad die Gegend abgestreift und das ganze Dorf und in den benachbarten Kolonien alles, was zur Kundschaft der Mühle gehörte, zum Feste gebeten. Die beiderseitige Verwandtschaft bis ins dritte und vierte Glied, die Müller des Moores, die Kaufleute und Lieferanten, der Getreidehändler in Bremen, Pastor und Küster waren durch gedruckte Karten mit Goldrand geladen. Man erwartete an vierhundert Gäste. Über die Hofbrücke spannte sich eine Tannengirlande mit einer Papptafel, die mit weißen Buchstaben auf rotem Grunde »Willkommen zum frohen Feste« bot. Tür und Fenster der Mühle waren frisch und hell gestrichen, die würdige Matrone sah munter drein, als wollte sie den Festgästen zurufen: »Nun halte ich's erst mal wieder eine gute Weile aus.«