Part 11
Als sie einige hundert Schritt miteinander gegangen waren, blieb Meta stehen, zeigte auf eine nach links abzweigende Straße und sagte hastig: »Ich muß hier abbiegen, mein Bräutigam wartet auf mich. Adjüs.«
»Wann sehen wir uns wieder?« fragte Leidchen, die Hand der Freundin festhaltend.
»Weiß ich noch nicht, wird wohl nicht oft mehr sein. Sieh auch man zu, daß du bald so was findest, das ist in diesem armen Leben immer noch das Beste. Adjüs, lebe wohl!«
Und hin ging sie, ohne sich noch einmal umzusehen. Die Verlassene blickte ihr traurig nach. --
Als Leidchen nach Hause kam, bat Frau Marwede sie, gleich mal zu der kleinen Olga zu gehen, die nicht recht wohl wäre. Sie fand das Kind mit Fieber im Bett.
Marwedes hatten einen starken Glauben an die Heilkraft gesunder Vollmilch, und man holte solche bei jedem Melken warm von der besten Kuh im Stall. Aber die Patientin weigerte sich, diese Medizin zu nehmen.
Am nächsten Tage rief man den Arzt, der ein bedenkliches Gesicht machte.
Als er das Krankenzimmer verlassen hatte, sagte die Mutter, an ihrer Unterlippe nagend: »Und dabei ist das Kind noch nicht mal getauft.«
Leidchen starrte sie entsetzt an, indes der Milchmann geringschätzig die Achseln zuckte.
Dieser ging bald zu seinen Kühen. Da sagte die Frau: »Was meinst du, Mädchen? Ob's nicht am Ende doch besser wäre ...?«
»O ja,« rief Leidchen, die helle Angst im Gesicht, »bitte, bitte! Denken Sie sich, sie stürbe uns weg, drei Jahre alt und ungetauft! Wir könnten ja keine ruhige Stunde wieder haben.«
»Na na, Marwede und ich sind ziemlich aufgeklärte Leute ... Aber wenn du hinlaufen und den Pastor holen willst, soll's mir recht sein. Er wohnt dicht bei der Kirche, sag' ihm aber, er möchte sich ein bißchen beeilen.«
Leidchen traf den Pastor nicht zu Hause, seine Frau sagte aber, sie würde ihn schicken, sobald er zurückgekehrt wäre.
Er kam eher, als man hiernach ihn glaubte erwarten zu können. Da Frau Marwede noch in ihrem Schlafzimmer beim Umkleiden war, traf er nur Leidchen bei dem Täufling, und als er ihr die Herzensangst und Traurigkeit aus dem Gesicht las, sagte er teilnehmend: »Es ist wohl Ihr erstes und einziges, liebe junge Frau?« Leidchen wurde purpurrot und stamerte, sie wäre hier nur das Fräulein. Während jener seinen Irrtum mit großer Kurzsichtigkeit entschuldigte und die Brille putzte, kam die wirkliche Mutter in ihrem Schwarzseidenen hereingerauscht und begrüßte den Geistlichen mit achtungsvoller Verbeugung. Leidchen wurde als Patin angeschrieben, und als das Köpfchen des Kindes mit Wasser besprengt wurde, hob sie es in den Kissen an.
»Was hat der Onkel eben gemacht?« fragte die kleine Olga, während ihre Mutter den Pastor hinausgeleitete.
»Oh,« sagte Leidchen, sich über sie neigend, »das war ein ganz lieber Onkel. Du bist nun dem lieben Gott sein Kind geworden, und er hat dich ganz furchtbar lieb, noch lieber als Tante Leidchen.«
Von Stund' an fühlte sie sich dem Kinde noch enger verbunden als bisher. Die alte Anschauung, daß Patenschaft eine Art Verwandtschaft begründet, wirkte dabei mit, noch mehr aber wohl die Erinnerung an das viele Gute, das sie selbst von ihrer Patentante Beta Rotermund empfangen hatte und nun weiterzugeben Gelegenheit fand. Sie wurde erfinderisch, ihrem Patenkinde Liebes zu erweisen, und dieses hatte sie lieber um sich als seine Mutter, die, was sie in Jahren als stark in Anspruch genommene Geschäftsfrau an Zärtlichkeit versäumt haben mochte, jetzt in wenigen Tagen nachholen wollte, wobei sie dann des Guten leicht etwas zu viel tat.
Einmal sollte Leidchen auch wieder erzählen. Als sie nachsann, fiel ihr Doktor Luthers Brief an seinen Sohn Hänsichen ein, den sie aus dem Schullesebuch kannte, und zugleich dachte sie an daheim, wie dort nun bald wieder Frühling und Sommer Einzug hielten. Und sie erzählte von einem wunderschönen Garten, da blühten die Äpfel- und Birnbäume über und über weiß wie Schnee, und die Früchte wurden dick und kriegten rote Backen, und bunte Vögel sangen süß in den Zweigen, und die herrlichsten Schmetterlinge gaukelten durch die blaue Luft, und silberweiße Birken ließen ihre lichtgrünen Schleier wehen, und unter ihnen auf grünem Rasen spielte das Christkind mit all den artigen und frommen Kindlein, die hier aus der ganzen Welt zusammen kamen.
So malte sie der Kranken ein leuchtendes Bild mit den Farben ihres Kinderparadieses, und das kleine Stadtkind, das solche holden Wunder nie mit eigenen Augen geschaut hatte, hörte mit offenem Munde und mit sehnsuchtsvollen Blicken an ihren Lippen hängend zu.
In der Nacht darauf übernahm sie gegen ein Uhr die Krankenwache. Sie mochte etwa eine Stunde am Bett gesessen haben, als das Kind anfing, sich in den Kissen zu werfen. Mit leisen, begütigenden Worten redete sie ihm zu und wischte die Schweißtropfen, die ihm auf die Stirn traten, sanft hinweg. Auf einmal streckte sich der kleine Leib lang, ganz lang. Da packte tödliche Angst die Wärterin, sie riß ihn an ihren jungen lebenswarmen Busen, sie hauchte ihren Odem auf den schon still stehenden Mund. Als sie aber die blicklos starren Augen sah, ließ sie den Körper in das Bett zurücksinken und preßte sich beide Hände auf das Herz; denn sie fühlte ein Schwert durch ihre Seele schneiden, zum erstenmal in ihrem jungen Leben.
Sie weckte die nebenan schlafenden Eltern. Die Mutter kam im Nachtgewand angestürzt und warf sich schreiend über die kleine Leiche. Der Vater folgte notdürftig bekleidet und stand stumm daneben. Nach einer Weile sagte er: »Aber Rosalie, nun faß dich. Wir haben unsere Pflicht getan. Denk' doch bloß an all die schöne Milch, die das Kind die Jahre getrunken hat ...«
Der kahle Baumgipfel unter Leidchens Dachfenster begrünte sich nach und nach, und spät nachmittags und abends saß die Amsel darin und sang und sang. Und die Gedanken der Einsamen eilten immer und immer wieder in das Land des schwarzen Moors und der weißen Birken, wo sie jetzt vom dämmernden Morgen bis in die sinkende Nacht im Torf standen und sich tüchtig ausarbeiteten. Wenn doch einmal in der Frühe jemand an ihr Bett getreten wäre und sie geweckt hätte zum Torfbacken im herbstfrischen Frühlingswind! Aber sie mußte Tag für Tag kochen, aufwaschen und fegen, im Dunstkreis von Milch, Butter und Käse, und obgleich die Arbeit nichts weniger als schwer war, fühlte sie sich oft todmüde und war manchmal des Lebens fast überdrüssig.
10.
Eines Nachmittags, als nach einer regenreichen, dunklen Aprilwoche die Sonne wieder schien, stand Leidchen auf, machte eine Bewegung, als ob sie etwas abschüttelte, und ließ sich ein neues Sommerkleid anmessen. »Für ein Fräulein von so schlankem, ebenmäßigen Wuchs zu arbeiten, ist mir ein Vergnügen,« sagte die Schneiderin.
Erst das letzte Drittel des Wonnemonds brachte einen lachenden, leuchtenden Sonntag, an dem das nach Urteil der Nadelkünstlerin »äußerst schick und tadellos« sitzende Himmelblaue den Menschen gezeigt werden konnte. Leidchen trug es natürlich in den Bürgerpark, in dem die Menschheit heute ein Stelldichein verabredet zu haben schien, und der auch selbst sein allerschönstes Kleid angezogen hatte, nämlich das aus lichtem, blütendurchwirktem Grün.
Das schmucke Kind freute sich des warmen Sonnenscheins und der jungen Frühlingspracht, sah nach den fröhlichen geputzten Menschen und dachte so in ihrem Sinn, ganz zu verachten wäre das Leben eigentlich doch nicht.
Als sie über eine der Brücken kam, die das ausgedehnte Grabennetz der Anlagen überspannen, blieb sie stehen und sah belustigt einem ungeschickten Ruderer zu, der sein Boot nicht in der Gewalt hatte, indes das hinten sitzende Mädchen durch gute Ratschläge, überflüssiges Gekreisch und verkehrtes Steuern die Sache noch schlimmer machte.
Da hörte sie nahe Schritte und wandte sich um.
»Guten Tag, Leidchen Rosenbrock,« rief eine froh verwunderte Stimme.
»Hermann!?«
»Ja, mein Deern, ich bin's selbst. Aber nun gib mir erst mal die Hand.«
Er nahm sie sich und drückte sie tüchtig, über das ganze Gesicht lachend.
»Mensch, wo kommst du denn bloß auf einmal her? Ich meinte, du wärst in Spandau.«
»Spandau ist abgemacht. Wir sind vorige Woche zum Regiment zurückkommandiert. Schön, daß ich dich treffe. Wollen wir uns mal die Affen bei der Meierei ansehen, und die Känguruhs? Oder soll ich dich lieber ein bißchen rudern?«
Leidchen hatte sich inzwischen von ihrer Überraschung erholt und fragte schelmisch, indem sie auf den hemdärmelig sich abrackernden Jüngling zeigte, dessen Boot noch immer von einem Ufer zum anderen schoß: »Kannst du's ebensogut, wie der da?«
Er warf sich in die Brust. »Ich? Wie der erste Sportsmann meistere ich mein Boot.«
»Na, na? Wenn ich an die Nacht auf der Hamme denk' ...«
»Ach so ... na ja, bei der Torfschipperei bin ich nicht groß geworden. Aber daß ich rudern kann, will ich dir bald zeigen, komm!«
Sie machte ein paar Schritte, blieb dann aber wieder stehen: »Ich weiß nicht recht ... Wenn uns einer sähe ...«
»Wir beide können uns überall sehen lassen,« rief er lachend. »Komm!«
»Aber ...«
»Ach was. Wir sind hier nicht in unserem Dorf, wo die alten Weiber gleich die Köpfe zusammenstecken, wenn zwei junge Leute mal auf dem Damm miteinander gehen. Hier kann jeder nach seiner Fasson selig werden, das ist ja gerade das Schöne an so 'ner Stadt. Komm!«
Er wollte ihren Arm nehmen, doch sie litt es nicht. Als er aber entschlossen die Richtung nach der nicht weit entfernten Bootvermietungsstelle einschlug, folgte sie langsam.
Der Hafen war bei dem herrlichen Wetter bereits ausvermietet. Hermann machte ein langes Gesicht, Leidchen sagte: »Es ist so ebensogut, ich muß doch bald nach Hause.«
Aber schon kam ein frischgestrichenes, schlankes Ruderboot um die Ecke, an dessen Bordwand der Name »Adelheid« zu lesen war. »Das schickt sich ja prächtig,« rief Hermann, und kaum waren die beiden Gymnasiasten, die ihre Fahrt beendet hatten, ausgestiegen, so war er auch schon hineingesprungen und reichte ihr zum Einsteigen die Hand. Dann legte er schnell Koppel nebst Seitengewehr ab, streifte die Handschuhe von den Händen, ergriff die Riemen, und das Boot glitt leicht und sicher zum Hafen hinaus.
»Nun erzähl' mal, wie es dir all die Zeit gegangen ist,« sagte Hermann, indem er quer über einen kleinen See auf einen von lichtem Buchengrün überwölbten Wasserlauf zuhielt.
Leidchen war froh, daß sie sich endlich einmal vor einem Bekannten über die Erlebnisse der letzten Zeit aussprechen konnte.
Sie begann mit der Geschichte ihrer Freundschaft und bedauerte, daß diese nun ein Ende gefunden hätte. Als er wissen wollte, wodurch sie auseinander gekommen wären, und sie, etwas verlegen, ihm den Grund angab, zwinkerte er verständnisvoll mit den Augen und sagte: »Ja so geht's in der Welt.«
Leidchen errötete flüchtig und fing schnell an, von der kleinen Olga zu erzählen, wie artig, klug und anhänglich sie gewesen wäre. Als sie von Krankheit und Hingang des Kindes berichtete, war ein Zittern in ihrer Stimme, und zuletzt liefen ihr die blanken Tränen über die Backen.
»Na nu!« sagte er verwundert, »so tief darfst du das bei einem fremden Kind nicht nehmen.«
Mit großen Augen, fast ein wenig empört, sah sie ihn an: »Aber wenn ich sie doch so lieb gehabt habe ...«
»Na ja, aber es ist Gottes Wille einmal so gewesen, was willst du dagegen machen? Den Weg müssen wir alle, der eine früh, der andere spät ... Aber nun laß uns lieber von was anderem sprechen. Wie geht's deinem Bruder?«
»Als ich nicht anders weiß, gut ... Du bist ihm doch nicht mehr böse?«
»Warum sollt' ich ihm böse sein?«
»Och, damals, als mein Geburtstag war ...«
»Du liebe Zeit, das hab' ich längst vergessen. Es war gut, daß die Jungens mir damals in den Arm fielen. Wegen solcher Kleinigkeiten dürfen wir Soldaten nämlich unsere Waffe nicht ziehen, das wird streng bestraft. Wenn damals was passiert wäre, wär' ich heut' nicht Gefreiter und hätte nicht die blanken Adlerknöpfe hier an meinem Kragen.«
»Gefreiter ... ist das mehr als Leutnant?«
»Mehr wohl gerade nicht, aber durchaus nicht zu verachten! Soweit ich denken kann, hat's aus unserem Dorf noch keiner so weit gebracht. Nur die strammsten und zuverlässigsten Leute werden zu Gefreiten befördert.«
»Ach so ...«
»Gerd muß diesen Sommer schon zur Generalmusterung. Schade, daß er nun wohl ganz ums Soldatspielen herumkommt.«
»Warum ist das schade?«
»Gerade ihm hätte ich's von Herzen gegönnt, daß der preußische Unteroffizier ihn mal zwischen die Finger gekriegt hätte.«
»Warum?«
»Weißt du, Leidchen, Gerd ist ein herzensguter Mensch, ich will gewiß nichts Böses über ihn sagen. Aber er hat etwas dickes Blut. Und er denkt zu viel.«
»Pah, das wird nichts schaden, wenn einer sich seine Gedanken macht.«
»Aber es kann zu viel des Guten werden. Zum Unglück ist er auch noch diesem langbeinigen Schulmeister in die Hände gefallen und liest seine ganzen Bücher durch, wie sie mir Weihnachten zu Hause erzählt haben.«
»Wenn's ihm Spaß macht, laß ihn doch! Er kommt euch allen weit vorbei.«
»Aber Leidchen, verstell dich doch nicht so. Ich weiß ja ganz gut, du hast unter seiner Wunderlichkeit am meisten leiden müssen.«
»Ich? Wer sagt das? Das war gar nicht schlimm, er hat es immer gut gemeint. Überhaupt ist er einer von denen, auf deren Wort man Häuser bauen kann. So sind lange nicht alle, die ein glattes Gesicht haben und glatt schnacken können.«
»Deern! ... Wenn du dich ein bißchen aufregst, bist du gleich noch mal so hübsch.«
»Och Hermann ...«
»Nun bist du rot angelaufen und noch viel hübscher geworden.«
»Hermann!«
»Ich hab' mich früher schon immer gewundert, wie es möglich war, daß bei uns im Moor eine so feine kleine Deern herumlief. Die Backen hat unser gnädiges Fräulein nicht zarter und rosiger. Was würde die gnädigste Frau ausgeben, wenn sie dein Seidenhaar hätte! Und die Augen, Kind, deine Augen ...«
»Wenn du nicht gleich aufhörst, steig' ich aus.«
»Das wär' schade, dann machst du dir die Strümpfe naß, und dein schönes blaues Kleid dazu. Hat Wippelmanns Lena das gemacht?«
»Och, Junge, das kannst du doch wohl sehen!«
»Ja, es sitzt gut.«
»Und kostet sechs Taler, und 'ne feine Stadtschneiderin hat's gemacht, nach der neuesten Mode.«
Sie schob die Füße ein wenig nach vorn, um dem Rock einen glatteren Fall zu geben.
»Die Hauptsache ist,« meinte er, sie ziemlich dreist musternd, »daß eine in so'n Kleid ordentlich was hineinzustecken hat. Du bist ganz gut durch den Winter gekommen.«
»Rat' mal, wieviel Pfund ich jetzt wiege!«
»Hundertundzwanzig?«
»Mußt noch'n Zehnpfundstück auf die Wage tun.«
»Ach ja, wenn eine bei so 'nem Milchmann mit süßer Vollmilch gebörnt wird.«
Das Boot, das eine Strecke lang prangende Parkwiesen zur Seite gehabt hatte, glitt in diesem Augenblick unter das herabhängende Gezweige einer Linde. Hier kam es zur Ruhe, indem Hermann die Riemen einzog und sich an einem Zweig festhielt. Unter dem Blätterdach, das von der Sonne durchleuchtet und vom stillen Wasser gespiegelt wurde, umfloß die beiden ein gedämpftes grünes Licht und angenehm schattige Kühle. »Hier ist's wunderschön,« sagte Leidchen und blickte mit frohen Augen um sich und zu dem hohen Gewölbe empor.
Plötzlich fing eine Nachtigall an zu singen. Das junge Mädchen reckte suchend den Kopf, und bald hatte sie das Vögelchen entdeckt. Es saß ganz nahe, sie konnte die gesträubten Federchen der liedgeschwellten Kehle unterscheiden. Andächtig lauschte sie dem süßen Sang, der in der grünen Halle, vom Wasser zurückgeworfen, seltsam voll und eindringlich klang.
Als die Sängerin nach einer Weile davonflog, sagte sie aufatmend: »Die kann's noch besser als unsere zu Hause, die immer bei Wöltjens Backofen nistet.«
»Das macht, die Konkurrenz ist hier größer,« erklärte Hermann. »Das kleine Ding muß bis über beide Ohren verliebt sein.«
»Och ...«
»Ja, die Liebe macht glücklich, macht selig.«
»Och du ...«
»Wart' man, du erfährst das auch noch mal.«
Sie zog kräftig an einem Lindenzweig, und das Boot glitt unter dem Baumschatten hinweg und ins Freie.
Hermann warf sich jetzt wieder mit aller Gewalt in die Riemen, daß sie knarrten und jankten. Rauschend flog das Boot dahin, durch Sonnenglanz und Baumschatten, vorbei an duftenden Blütensträuchern und hübschen Parkhäuschen, belebte Promenadenwege entlang und wieder durch grüne Einsamkeiten.
Leidchen nahm all die freundlichen, bunten Bilder in sich auf, und wenn der sich kraftvoll vor- und zurückschnellende schmucke junge Mann nicht gerade her sah, mußte sie öfters heimlich zu ihm hinüberblicken. Diese Fahrt war ein schöneres Vergnügen, als mit Meta Stelljes durch die Straßen zu bummeln, Schaufenster zu besehen und über die Herrschaften zu klatschen. Viel zu schnell erreichte das Boot seinen Hafen, am liebsten hätte sie die Rundfahrt noch einmal gemacht.
»So,« sagte Hermann, als sie an Land gestiegen waren, »nun setzen wir uns hier in den Kaffeegarten und essen gemütlich zu Abend.«
Ihre schwachen Einwendungen, daß es schon spät wäre und sie nach Hause müßte, fanden keine Beachtung, und bald saßen sie unter einer Rotbuche hart am Ufer des kleinen Sees, von dem das Kaffeehaus den Namen führte. Der Kellner brachte Butterbrote und zwei Glas Bier.
Sie plauderten über dies und das, und zuletzt kam Hermann auch auf seine Stellung im Hause seines Hauptmanns zu sprechen. Sein Herr hielte große Stücke auf ihn, die gnädige Frau nicht minder, und die Gören wären rein in ihn vernarrt. Aber den meisten Anfall hätte er von der Köchin, die ihn partout heiraten wollte. Und sie wär' ja auch eine blitzsaubere Person, das müsse ihr selbst der Neid lassen.
Leidchen spähte bestürzt durch die vorgeschrittene Dämmerung nach seinem Gesicht.
Merkwürdig wär's, fuhr er nach einer Weile fort, wie schlecht Mädchen, die anderswo geboren wären, sich als Frauen im Moor gewöhnten. Das könnte man zum Beispiel auch an seiner Mutter sehen. Die hätte bis auf den heutigen Tag nicht vergessen, daß sie von der Geest stammte, und schimpfte noch immer über das braune Moorwasser.
Drüben vor den Buchengruppen, denen der Abend ihr lichtes Grün gegen ein mattes Grau umgetauscht hatte, flammten Laternen auf und warfen lange, ruhige Lichtstreifen über den See, die nur im Wellenschlag eines heimkehrenden Bootes zuweilen eine Zeitlang tanzten und zitterten. Fledermäuse huschten jagend hin und her. Die reiche Vogelwelt des Parks war verstummt, bis auf die zahlreichen Nachtigallen, die um so lauter schlugen. Ein einzelner Schwan zog langsam und träumerisch seine Bahn. Die meisten Tische waren leer, nur selten klang ein Ton gedämpfter Unterhaltung herüber. Irgendwo in der Ferne spielte eine Militärkapelle.
Hermann nahm Leidchens Hand. Aber nach einigen Sekunden zog sie diese zurück und rückte mit dem Stuhl ein wenig zur Seite. »Ich muß nun aber wirklich bald nach Hause,« sagte sie.
»Ich auch,« sagte er, die Uhr ziehend, »ich habe nämlich keinen Urlaub. Aber hinbringen kann ich dich noch.«
Als sie aufgestanden waren, bot er ihr seinen Arm. Sie zögerte, den ihren hineinzulegen.
»Deern, du bist aber auch noch gar zu albern,« rief er etwas ärgerlich. »Wie sieht das aus, wenn wir so wie'n Paar Bauern nebeneinander her toffeln! Unsere Köchin brauchte ich gar nicht erst zu bitten.«
Da hakte sie scheu und zaghaft ein.
Sie schritten auf einem breiten, von Bäumen überdunkelten und von Laternen erhellten Parkweg.
Auf einer Bank, die etwas zurück in schattigem Dunkel stand, saß ein Soldat, der sein Mädchen im Arm hielt. Gerade als die beiden vorübergingen, unterbrach ein Ton die Stille, über dessen Entstehungsursache kein Zweifel bestehen konnte.
»Die verstehn's,« raunte Hermann seiner Begleiterin zu.
Sie erbebte leise. Wenn er nur sich so was nicht auch beikommen ließe!
Endlich langten sie vor ihrem Hause an. Hermann ergriff schnell ihre Hand, drückte sie, daß sie hätte aufkreischen mögen, und ging mit strammen Schritten davon.
Ein wenig enttäuscht blickte sie ihm nach. Ganz im stillen hatte sie sich den Abschied doch etwas anders gedacht.
Langsam stieg sie die Treppe hinauf.
Nein, es war doch besser, daß er sie zum Abschied nicht geküßt hatte. Daran konnte man sehen, daß er keiner von den Frechen war, gegen deren Zudringlichkeit ein anständiges Mädchen sich wehren muß. Mit einem so ruhigen, ordentlichen Menschen durfte sie getrost ausgehen. Dagegen würde selbst Gerd nichts haben. Und wenn er sie dann auch eines Tages mal küßte ... nun ja, ein Küßchen in Ehren soll niemand verwehren.
Unter solchen Gedanken hatte sie sich entkleidet und dabei öfters zu dem Stück Nachthimmel über ihrem Dachfenster aufgeblickt. Das war von tiefem Schwarzblau, und die Krone des hängenden Myrtenbäumchens, das in diesen Wochen auch frisch getrieben hatte, hob sich scharf dagegen ab.
Als sie sich hingelegt hatte, kam ihr des Hauptmanns Köchin in den Sinn. Ob er die nicht doch ganz gern hatte? Ach was! Die Köchinnen, die sie auf dem Wochenmarkt gesehen hatte, waren beinah alle alt, dick und häßlich ...
Mit diesem Trost schlief sie ein.
* * * * *
Am andern Morgen kam ganz unerwartet Gerd, der auf dem Schlachthof ein fettes Kalb abgeliefert hatte.
»Deern,« sagte er verwundert, »du siehst famos aus.«
»Es geht mir auch gar nicht schlecht,« gab sie mit lachenden Augen zur Antwort.
Sie bewirtete den Bruder in der Küche mit einem Frühstück und saß ihm, Kartoffeln schälend, gegenüber. Die Geschwister hatten sich längere Zeit nicht gesehen, und sie berichtete, was inzwischen geschehen.
Fast mit den gleichen Worten wie gestern nachmittag im Ruderboot erzählte sie von Krankheit und Tod des Kindes und schloß mit den Worten: »Wie schrecklich nahe mir das gegangen ist, kannst du dir gar nicht denken.«
Er blickte sie verwundert an, und als sie fertig war, sagte er trocken: »Das wird wohl nicht so schlimm gewesen sein, du siehst mir viel zu lustig dabei aus. Das Wischen an den Augen laß auch man sein, Tränen bringst du doch nicht heraus.«
Leidchen erschrak.
Ja, sie hatte das alles nur so mit dem Munde hingeschwatzt, ohne das geringste dabei zu fühlen. Sonst hatte sie jeden Morgen die kleine Olga neu vermißt, aber heute bis eben, wo sie Gerd von ihr erzählte, noch mit keinem Gedanken ihrer gedacht. Es war ihr auf einmal, als hätte sie die traurige Geschichte vor zehn Jahren erlebt, oder als wäre sie ihr nur als Kunde aus fremdem Mund zugekommen. So fern, so gleichgültig war ihr über Nacht geworden, was gestern nachmittag noch ihr Herz mit tiefem Schmerz und ihre Augen mit echten Tränen gefüllt hatte. Sie schämte sich ein wenig vor sich selbst.
Als sie ihm dann vom Ende ihrer Freundschaft mit Meta Stelljes erzählte, sprach er die Hoffnung aus, daß diese es mit einem ordentlichen, ernsthaften Menschen zu tun haben möchte, und nicht mit einem von den vielen, die so ein Mädchen nur zum besten hätten.
Leidchen stieß mit der Spitze ihres Pantoffels ärgerlich gegen seine Transtiefel und sagte: »Du bist gar nicht zu bessern. Immer mußt du von allen Menschen das Schlechteste denken.«
Er zuckte die Achseln: »Ich kenne die Welt.«
Nach einer Weile sah sie ihm neugierig und schalkhaft in die Augen. »Du! Sag' mal, denkst du denn eigentlich noch gar nicht ans Heiraten?«
Er machte mit der Hand eine wegwerfende Bewegung: »Erst will ich ordentlich was hinter mich bringen ... Bei uns im Moor wird durchschnittlich viel zu früh geheiratet.«
»Mensch, schnack doch nicht so gräßlich weise!« rief sie lachend.
»Neulich,« fuhr er fort, »wurde wieder mal so'n Paar aufgeboten. Er achtzehn Jahr, muß nächstes Jahr zum erstenmal zur Musterung. Der Vorsteher hat's erst nach dem Minister wegschreiben müssen. Sie fünfundzwanzig. Und was hatte er? Ein Rad. Und sie? Auch ein Rad. Und sie fuhren hin und verkloppten die Dinger. Da langte es eben, daß sie sich ein Bett kaufen konnten, alles andere mußten sie auf Borg nehmen. Wenn er dann später beim Kommiß schwitzen muß, sitzt sie da mit zwei oder drei Kindern, und zu etwas bringen kann's es niemals, so'n Prachervolk!«
»Ach Gerd, du darfst in solchen Dingen nicht so hart sein. Wenn die beiden sich wirklich liebhaben ...«
»Ich danke für solche Liebe. Nach der Tanzmusik, als er halb dun war, hat sie ihn mitgeschleppt. Bezahlen kann er nicht, so mußte er das Mensch heiraten.«
Eine Zeitlang schwiegen sie. Dann sagte Gerd, geheimnisvoll lächelnd: »Ich hab' auch noch einen Gruß für dich. Rat' mal, von wem?«
Nachdem sie einige Male vergeblich hin und her geraten hatte, kam er selbst damit heraus: »Von Lehrer Timmermann.«
»Ach so ... Danke.«
»Denkst du dir gar nichts dabei?« fragte er lächelnd.
»Was soll ich mir groß dabei denken?« fragte sie gleichgültig zurück.
»Och, ich meinte man ... Soll ich ihn wieder grüßen?«
»Das kann ich dir nicht verbieten.«
»So'n bißchen von Herzen? ...«
Sie hielt plötzlich im Kartoffelschälen inne, sah ihn groß an und rief lachend: »Junge, hat er dich wohl als Freiwerber geschickt?«