Chapter 10 of 24 · 2022 words · ~10 min read

X.

In der Kajüte wurde eine wohlvorbereitete Mahlzeit aufgetragen. Konsul Martens war ein Feinschmecker, es gab die ersten Delikatessen der Jahreszeit und edle, feurige Weine. Er brachte nach dem zweiten Gericht einen Trinkspruch auf die Geschwister Plüddekamp aus, der in der seltenen, sie verbindenden Liebe und Treue gipfelte. Als er das Glas zuerst gegen Herta erhob, zeigten ihre blauen Augen einen wärmeren Ausdruck. Jürgen schüttelte ihm derb die Hand und sagte:

»Meine Erwiderung, Charles, nimm als geschehen an -- ich bin kein Redner.«

»Ich trinke auf Ihr Wohl, Fräulein Ilse,« flüsterte Wolf.

Er saß an ihrer Seite und hob das Glas. Sie nickte nur leicht zum Dank, und die grauen leuchtenden Augen irrten über ihn hinweg, um einen flüchtigen Augenblick voll auf den markigen Zügen Jürgens haften zu bleiben. Dieser zuckte mit der Hand, als wolle er nach seinem Glas greifen. Martens kam ihm aber zuvor und stieß mit Ilse an.

Der Aufenthalt in dem stark geheizten Raum und die reichliche Mahlzeit brachten eine gewisse Müdigkeit hervor. Herta setzte sich in eine Diwanecke, um zu schlafen. Jürgen und der Konsul Martens hatten die gleiche Absicht, wollten aber vorher noch eine Flasche Pontak ausproben.

Der Dampfer stöhnte und keuchte, um die Eismassen zu bewältigen. Ilse eilte plötzlich die Treppe zum Deck hinauf, und Wolf folgte ihr sofort nach. Sie gingen ganz nach vorn ans Bugspriet. Dort hielt sich Ilse am Geländer an, weil der starke Anlauf des Dampfers gegen das Eis keinen festen Halt aufkommen ließ. Der Wind wehte schneidend aus Hoch-Nord. Nach der warmen Luft in der Kajüte traf er doppelt scharf das Gesicht und stach wie mit Nadeln in die Haut ein.

Die Sonne stand glutrot im Westen dicht über den fernen tiefverschneiten Forsten und war am Untergehen.

»Stellen Sie sich hinter mich, Fräulein Ilse,« bat Wolf, an sie herantretend. »Der eisige Wind trifft Sie alsdann nicht direkt.«

»Ich finde ihn manchmal wohltuend, Herr Wolf,« erwiderte sie kurz. »Die heiße Kajüte und der starke Wein, -- ich kann Alkohol nicht vertragen, -- das Blut jagt mir durch die Adern.«

Er sah sie an. Ihre Wangen zeigten rote Stellen, nicht eine gleichmäßige Röte. In den Augen, die sich einen flüchtigen Augenblick in die seinen tauchten, lag ein übernatürliches Glänzen.

»Sie dürfen hier nicht bleiben, Ilse,« sagte er mit aller Bestimmtheit. »Sie können sich den Tod in diesem Eiswind holen. Entweder Sie folgen mir nach dem Windfang, -- dort können wir die Pelzdecke des Konsuls benutzen -- oder wir gehen hinunter und setzen uns in eine weniger durchwärmte Kabine.«

»Nein ich will nicht!« rief sie aus. »Hier sehe ich unmittelbar, wie das Eis unter der Gewalt des Dampfers bricht.«

»Ilse!« stieß er heftig aus. »Warum verlangt Sie nach roher Kraftentfaltung? Ist das Ihrer würdig?«

»Ich kann mich nicht ändern! Lassen Sie mich, wie ich bin, Wolf!« entgegnete sie schroff.

»Warum fügen Sie sich stets bei Herta? Wenn ich Sie um etwas bitte, Sie warne, sind Sie gänzlich abwehrend! Sie zeigen zwei Gesichter, -- geben Sie mir eine Erklärung dafür.«

»Nein!« Von nun an schwieg sie beharrlich.

Die Sonne sank hinab. Die Kälte nahm zu. Trotz seines Pelzes begann Wolf nach einiger Zeit zu frieren, er konnte selbst seine Füße durch Hin- und Hertreten nicht warm erhalten. Ilse, die leichter gekleidet war, mußte sich eine schwere Erkrankung zuziehen. Sie gab auf seine wiederholten Fragen keine Antwort. -- Er faßte plötzlich einen raschen Entschluß, umschlang sie mit seinen Armen, fühlte, daß sie halb erstarrt war, und trug sie in eine Kabine hinunter. Dort legte er sie auf den Seitendiwan.

Er zog seinen Pelz aus und deckte sie damit zu. Sie ließ alles willenlos geschehen. Die Kälte hatte ihr die Kraft des Widerstandes geraubt. Als der Steward zufällig vorüberging, bestellte Wolf heißen Tee.

Schon nach einigen Minuten erholte sie sich wieder und wollte den schweren Reisepelz abstreifen.

»Noch nicht,« befahl er. »Sie müssen erst Tee trinken und tüchtig heiß werden, damit das Blut im Körper stärker kreist, sonst sind Sie morgen krank.«

Diesmal folgte sie. Er ließ ihren Gegenwillen nicht aufkommen.

Der Steward brachte den Tee, den er ihr erst löffelweise einflößte, dann mußte sie den Rest auf einmal austrinken.

»Mir ist wirklich ganz wohl, Herr Wolf!« bat sie, »nehmen Sie mir doch das Ungetüm von Pelz fort. Ich ersticke fast darunter.«

Er fühlte mit der Hand an ihre Stirn. Es perlten helle Tropfen darauf.

»So ist es gut! Nur noch zehn Minuten, dann haben Sie es überwunden, Ilse. Herta darf nichts erfahren, sonst wird sie bitterböse über Ihre Hartnäckigkeit.«

»Sie sind eigentlich ein guter Mensch, Herr Wolf, und geben einen vortrefflichen Ehemann ab,« sagte sie mit dem tiefen Wohllaut, den ihre Stimme zuweilen besaß.

»Finden Sie es wirklich, Ilse? Seien Sie endlich offen zu mir! Sie haben oft ein so seltsames Wesen. Nie weiß ich, woran ich bei Ihnen bin.« Er sah in ihre fieberhaft glänzenden Augen und war plötzlich wie verwandelt. Er neigte sich tief zu ihr herab.

»Nein -- nein, Wolf! Ich liege hier wehrlos,« hielt sie sein Gesicht mit beiden Händen zurück. »Erst pflegen Sie mich -- und nun -- ich dulde es nicht, -- wie Sie mich wieder behandeln.«

»Ilse!« brachte er schweratmend hervor. »Ich finde nicht den richtigen Weg zu Ihnen -- daran sind Sie aber schuld, nur Sie selbst. Wenn Ihre Augen mir so leidenschaftlich entgegenschauen, dann vergesse ich alles, -- ein blindes Verlangen kommt über mich, Sie wild an mich zu reißen. Ich leide qualvoll durch Sie, -- Ilse, und ich ertrage es nicht länger!«

Sie zog den rechten Arm unter dem Pelz hervor und reichte ihm die Hand.

»Sie sollen es auch nicht, Wolf! -- Wahrhaftig nicht! -- Nehmen Sie mir doch den schweren Pelz ab, wir wollen ruhig miteinander sprechen.«

Er warf diesen in eine Ecke, und sie richtete sich schnell auf.

»Endlich zeigen Sie ein wenig Herzensgüte, Ilse. Lassen Sie mich einen Einblick in Ihr Inneres tun.«

»Es schreckt Sie nur ab, Wolf. Fragen Sie meine Geschwister, sie nannten mich ›Ilse -- die Hexe‹!«

»Ohne Grund, Sie haben nur noch nicht Ihr eigenes Herz gefunden. Es irrt umher, schenken Sie es mir, ich werde es treu bewahren.«

Bei dem matten Licht der Deckenlampe sah sie ihn lange schmerzlich an.

»Jetzt liegt in Ihren Augen das Klagen des Rehes, wenn es schwer verwundet ist,« flüsterte er, »es gibt mir die Ruhe zurück, -- so liebe ich -- dich -- Ilse!«

»Nein, nein, es geht nicht!« fuhr sie plötzlich auf, als er sie innig an sich ziehen wollte. »Wissen Sie, Wolf, woher die Ilse stammt? Hoch am Brocken -- in der rauhen Schlucht des Schneelochs fangen sich die Wasser aus dem Hexenbrunnen auf -- dann stürzen sie gewaltsam über Rollsteine und Felsblöcke abwärts, bis sie tief unten branden und schäumen. -- Wollen Sie das durchkosten? -- Nein, -- es geht nicht! -- Ich weiß nicht -- wen ich liebe. Sie alle stehen vor mir und krallen mich mit Blicken an, als ob ich mein Blut hergeben sollte. Was habe ich nur an mir, daß man mich so verlangt?« -- Ihr Körper zitterte heftig, sie schluchzte krampfhaft auf. »Ich will nicht mehr mit Ihnen allein sein, Wolf, -- ich komme in Verdacht. Ihre Schwester sucht mich gewiß.« --

»Ilse, ich lasse dich noch nicht gehen, -- erst ein Wort, -- nur ein einziges liebes Wort --«

Sie sprang auf, drängte ihn zurück und hatte plötzlich ihre Ruhe wiedergefunden, -- der innere Sturm war vorübergebraust.

Er ließ sie aber nicht von der Stelle. Der Dampfer hob und senkte sich gewaltig. Die Maschine trieb ihn mit voller Dampfkraft gegen die mächtigen Blöcke. -- Ein Krachen und Bersten der Eiswand erfolgte -- dann kam ein erneuter starker Stoß -- Ilse sank, den Halt verlierend, in Wolfs Arme.

Sie lag an seiner Brust, er küßte sie heiß, verlangend. Ein wildes Stöhnen entrang sich ihr -- sie war widerstandslos, -- hingebend. --

Auf Deck ertönte lautes Gepolter, dazwischen drang ein starkes Zischen des Dampfers hervor, dem hastige Kommandorufe des Kapitäns folgten. Noch schlugen die Pleuelstangen, -- auf einmal ließen sie nach, -- der Dampfer stand still. Die Eisschollen rieben sich knirschend an den stählernen Seitenwänden. Unter dem Kiel gurgelte dumpf das Wasser des Haffes. --

Herta, die fest geschlafen, erwachte und sah Ilse ganz verstört vor sich stehen. Jürgen und Konsul Martens sprangen die Treppe hinauf an Deck. Der Kapitän kam sofort auf sie zu.

»Ein scheußliches Pech, Herr Konsul. Wir haben durch die starken Eiswände vor uns schweren Maschinendefekt und Rohrbrüche erlitten. Die Reparatur wird längere Zeit in Anspruch nehmen. Wir sind noch gut zwei Stunden von Swinemünde entfernt. In der Nähe ist kein Dorf oder Flecken. Das Eis hält wohl bis zum Ufer, aber in der Dunkelheit sind die eingehauenen Fischwaken nicht zu sehen. Am besten bleiben Sie mit Ihren Gästen an Bord, bis der Morgen anbricht. -- Vielleicht können Sie dann bis zu der allerdings entfernten Bahnstation gelangen.«

»Fatal, -- höchst fatal!« stieß Martens aus. »Ich muß morgen vormittag zu einer wichtigen Besprechung in meiner Bank sein.« --

»Ich kann unmöglich im Kontor fehlen,« setzte Jürgen nachdrücklich hinzu.

Nur Wolf, der ihnen gefolgt war, frohlockte, -- er hoffte auf ein Wiederaufflammen des kurzen Rausches, auf ein Glücksgefühl, das er in seiner Größe kaum erfaßte. -- Er sann über die Möglichkeit nach, wie er mit Ilse allein sein konnte, ohne daß es den anderen auffallen würde.

* * * * *

Eine Nacht an Bord. -- Die Maschine des Dampfers stand. Dieser lag still in der Fahrtrinne des Haffs und fror ein. Die Kälte drang durch alle Fugen. Das Eis hob und preßte die stählernen Platten, daß ein Stöhnen durch den ganzen Schiffsraum ging. Die sternenklare Nacht wurde bitterkalt. Der dichte Reif setzte sich überall fest und wob seine kristallnen Fäden um Maste, Schornstein, Planken und alle Gegenstände an Deck. Das Schlickwasser gefror, es bildeten sich lange Eiszapfen -- langsam entstand ein Märchenbild.

Gegen zehn Uhr kam die bleiche Sichel des zunehmenden Mondes hervor. Nun lag das Eis des Haffes in dem mildfunkelnden Licht hell aufglitzernd da.

Eine wunderbare Stimmung breitete sich über die weite, öde Fläche aus. Kein Laut wurde hörbar, als das Schieben und Pressen der Eisschollen an den Schiffswänden.

Die kleine Gesellschaft ging trotz der Kälte eine Zeitlang auf dem Deck umher, um die unendliche Schönheit der Natur zu genießen. Der Wind hatte sich gelegt, die Kälte war trotz der zehn bis zwölf Grad nicht empfindlich.

Ilse war an Hertas Seite, als sich aber Wolf zu ihnen gesellte, kam sie plötzlich bei einer Wendung neben Jürgen zu stehen und sprach ihn an, dann ging sie mit diesem und Konsul Martens weiter.

Wolf stampfte mit dem Fuße auf.

»Was ist dir, Wölfchen?« fragte Herta und schob ihren Arm unter den seinen.

»Nichts besonderes, Herta! Ich wünschte nur manchmal, daß man nicht so töricht wäre, ein Herz unter den Rippen zu besitzen. Wenn es sich fühlbar macht --«

»Du bist in deinen Gedanken bei Ilse, armer Kerl!« sagte diese tröstend. »Weise sie von dir --«

»Wenn ich es nur könnte, Herta! Es zerreißt mir bald Leib und Seele. -- Sie ist nicht zu verstehen, -- glaub es mir, Schwester. -- Ich bin schon einfach verrückt und sie -- sie wurde von ihren Geschwistern ›Ilse -- die Hexe‹ genannt!«

»Ilse -- die Hexe!« wiederholte Herta langsam. »Merkwürdig, -- Jürgen sagte mir das gleiche.«

»Und jetzt geht sie wieder neben ihm, -- wie sie ihn anschaut, -- ich kann es nicht ertragen, -- Herta, es reizt mich maßlos!«

»Wölfchen -- sei gut,« bat Herta. »Denk an mich und Martens, -- so viel Leidenschaft, wie bei dir, war wohl bei uns nicht dabei, -- aber es saß tief genug! -- Heute bin ich sehr froh, daß es so gekommen ist! -- Du wirst Ilse auch erst erkennen, wenn du deinen Rausch überwunden hast.«

»Ich kann mich nicht zur Ruhe zwingen, wie du es fertig brachtest, Herta! Willst du nicht einmal mit Ilse sprechen?«

»Nein!« Herta stieß es kurz aus. »Es würde nur zu deinem Elend gereichen. Denke daran, sie ist -- die Hexe Ilse! Dafür bist du mir zu lieb, Wölfchen! Du mußt uns Geschwistern erhalten bleiben. Ihr Charakter ist unergründlich, -- sie kann dich vernichten, -- vielleicht ohne daß sie es will.« --