XIX.
Es waren unangenehme Nachrichten eingegangen. Die Reederei befand sich in einer gefahrdrohenden Lage. Trotz der klugen Machenschaften von Alfred Smiders war eine Anzahl Papiere, die er in Akzeptaustausch nach Berlin gegeben hatte, auf der Reichsbank zusammengekommen. Ein Bankhaus, mit dem er noch nicht lange verkehrte, ersuchte plötzlich um genaue Auskunft über die hereingegebenen Wechsel und wollte sofort jeden weiteren Verkehr abbrechen, wenn kein genügender Ausweis vorhanden war. Was sollte er tun? Gestern abend kehrte er noch in der rosigsten Laune heim. Er fühlte etwas von einem verteufelten Kerl in sich, dem alles gelingen mußte. Und nun?
»Verdammt! Immer nur die Frauen!« zischte er zwischen den Zähnen hervor, als er den Brief von der Bank wütend auf den Schreibtisch warf. »Im Geschäft wird es täglich toller! Es darf aber nicht zusammenbrechen. Ich bin gezwungen, heute mit dem Hamburger fertig zu werden. Nur eine große Barsumme, mit der ich alles glatt machen kann, bringt mich wieder in das richtige Fahrwasser hinein.«
Er stützte sein Haupt schwer auf und sann einige Augenblicke nach.
»Es bleibt mir kein anderer Weg, ich muß zu dem Alten hinüberlaufen und ihm die Sache langsam beibringen.«
Trotz der frühen Stunde ging er sofort zu seinem Vater. Smiders senior bewohnte einen Teil des Parterres. Der alte, vollständig gelähmte Herr lag auf dem Krankenstuhl und ließ sich vom Diener das Frühstück reichen. Alfred Smiders trat mit lächelnder Miene an ihn heran.
»Guten Morgen, Papa! Schon auf? Es geht dir heute wohl gut?«
»Nicht besser und schlechter als jeden anderen Tag, mein Sohn. Nur die Untätigkeit, zu der ich verdammt bin, ist mir schrecklich.« Der Diener verließ inzwischen das Zimmer. »Ich sehe dich wenig, -- du bist mit Arbeit überhäuft. Könnte ich dir doch helfen!«
»Leider läßt sich daran nichts ändern, Papa. Ich komme wegen Herrn Kneis. Er war bei dir und hat mit dir gesprochen.«
»Ja, ja,« nickte der alte Smiders mit dem Kopfe. »Ein tüchtiger Mann! Du kannst keinen besseren Teilhaber erlangen, als diesen gewiegten Überseer. Er besitzt bedeutende geschäftliche Kenntnisse und großes Vermögen. Ich bin dafür, wir nehmen ihn als tätigen Kompagnon auf. Du wirst dann entlastet, und wir erhalten noch viele neue Verbindungen.«
»Das ist alles gut und schön, Papa! Ich bin der Sache auch nicht abgeneigt, obwohl es wenig angenehm ist, bei jeder größeren geschäftlichen Verfügung erst eine Rücksprache nehmen zu müssen. Das Ding hat aber noch einen Haken.«
»Wieso?« fragte der alte Herr.
»Na, -- du weißt doch, Papa! Die alten Kasten wollten nicht mehr ziehen. Wir sind immerhin ziemliche Verbindlichkeiten bei der Schiffswerft eingegangen, um unseren Dampferbestand zu erneuern. Die Rechnungen laufen noch ein, und die Ratenzahlungen folgen dicht aufeinander. Ich möchte nicht, daß Kneis darin Einblick bekommt. Er gewinnt dann sofort Oberwasser bei uns.«
Der alte Smiders sah mit den matten Augen erschrocken zu seinem Sohne auf.
»In dieser Form hast du es mir noch nie gesagt, Alfred. Bisher war deine Ansicht stets, mit unseren Mitteln alles glatt bestreiten zu können. Nun geht es auf einmal nicht mehr! -- Ich habe dir doch deswegen mein ganzes Barvermögen gegeben, das ich noch besaß. Wir stehen jetzt also vor neuem Bedarf, den du nicht decken kannst. Sage es nur gerade heraus! Wir müssen dann Kredit bei unserer Bank nehmen. Bei dem langen Verkehr mit uns wird sie ihn sicherlich einräumen.«
Alfred Smiders kam bei diesen Worten in eine höchst unangenehme Lage. Er überlegte schnell, wie weit er seinen Vater über den schlechten Geldstand der Firma einweihen sollte.
»Ich möchte es nicht, Papa! Sobald man erst bei den Banken Kredit braucht, ziehen sie gleich die Bedingungen an. Bei unseren großen Umsätzen kostet dies viel Zinsen und Provisionen. Offen gestanden, -- ich will nicht in diese Abhängigkeit geraten.«
»Es ist schon richtig,« fiel sein Vater ein. »Aber was dann? Der ›Friedrich Barbarossa‹ muß bald aus dem Dock heraus sein. Geh doch zu Jürgen Plüddekamp. Er wird dir gewiß helfen und eine größere Summe über das Konto vorweg geben.«
Alfred Smiders pfiff leise durch die Zähne.
»Ich stehe mit Jürgen nicht sehr gut, und Wolf ist auf längere Zeit verreist. Am besten wäre es, du sprächst selbst mit ihm, Papa. Dir schlägt er es sicherlich nicht ab, und zwar muß es noch heute geschehen. Wir nehmen dann Kneis sofort herein, und alles ist wieder in bester Ordnung.«
»Alfred! Wie soll ich zu Jürgen Plüddekamp hinkommen? Ich fühle mich viel zu schwach dazu.«
»Nein, nein, Papa! Es ist unbedingt notwendig, daß du es tust. Ich werde dich gleich telephonisch anmelden, und du läßt dich in deinem Wagen hinfahren.«
»Ja, wenn es sein muß!« stöhnte der alte Smiders leise auf. »Ich mache es deinetwegen, mein Sohn. Meine Lebenstage sind doch gezählt.«
Der junge Smiders reichte seinem Vater mit freundlichem Drucke die Hand.
»Gut, Papa! Wir sind jetzt vollkommen einig. Ich rufe dir deinen Diener und gehe gleich nach dem Kontor hinüber.«
Er befand sich wieder in bester Laune. Ein Stein war ihm vom Herzen gefallen. So mußte es gehen. Nun schwamm er wieder oben. --
Jürgen Plüddekamp erstaunte nicht wenig, als ihm telephonisch gemeldet wurde, daß der alte gelähmte Herr Smiders ihn aufsuchen würde. Eine Stunde darauf brachte der Diener diesen bereits angefahren. Mit einigen Umständen wurde der Wagen bis an das Privatkontor von Jürgen Plüddekamp gebracht. Der alte Mann kam schon in einem ziemlich erschöpften Zustande an, und Jürgen suchte ihm die Aussprache in jeder Weise zu erleichtern.
Er ließ sofort ein stärkendes Glas Wein für ihn holen und fragte dann teilnehmend, wie sein Befinden wäre. Da er ihn lange nicht gesehen habe, freue er sich, daß es ihm anscheinend gut ginge.
»-- und nun -- was führt Sie zu mir, Herr Smiders?«
»Lieber Herr Plüddekamp,« begann dieser. »Ich komme heute als alter Freund Ihrer Firma zu Ihnen, dem schon Ihr Herr Vater volles Vertrauen schenkte. Es handelt sich um einen Vorschlag. Die Erweiterung unserer Dampferlinien, um der wachsenden Konkurrenz zu begegnen, stellte große Anforderungen an die Reederei. Wir haben uns deshalb entschlossen, einen tätigen Teilhaber mit größerem Kapital hereinzunehmen. Es ist Herr Kneis aus Hamburg. Vorher aber möchte Alfred vollständig reinen Tisch haben. Wir wollen uns nicht der Bank in die Hand geben, und ich bitte Sie, uns dabei entgegenzukommen. Die Summe für den gecharterten ›Friedrich Barbarossa‹ ist allerdings erst später zu zahlen. Es wird Ihnen nichts ausmachen, uns diese -- natürlich mit Abzug eines Skontos -- schon jetzt zu überweisen. Sie werden uns zu gleichen Diensten stets bereit finden.«
Jürgen war dieses Ansinnen sehr peinlich. Der alte gebrechliche Herr tat ihm außerordentlich leid. Sollte er ihm die bittere Wahrheit ins Gesicht sagen?
Herr Smiders senior sah ihn fragend an. Warum erfolgte nicht gleich die Antwort? Es war doch nur eine kleine Gefälligkeit, um die er die reiche Firma anging.
»So leid es mir tut, Herr Smiders, und so gern ich Ihnen gefällig sein möchte, -- in diesem Falle geht es nicht,« brachte Jürgen leicht stockend hervor. »Die Fracht für den ›Friedrich Barbarossa‹ hängt vollständig in der Luft, und unser Vertrag ist hinfällig. Der Dampfer liegt noch im Dock, und es ist nicht abzusehen, wann er auslaufen kann. Ich hörte, die Werft hat die Arbeit eingestellt!«
»Die Werft hat die Arbeit eingestellt, Herr Plüddekamp! Großer Gott, davon weiß ich gar nichts!« erwiderte der alte Smiders zitternd. »Ich glaubte, der Dampfer sei zum Auslaufen bereit. Darauf begründete sich mein Plan. Nun tut es mir leid, daß ich Sie behelligt habe. -- Ich muß sofort mit Alfred sprechen. Ich verstehe alles nicht mehr -- ich bin -- ganz verstört darüber.«
Jürgen Plüddekamp sah ihn mit bedauernden Blicken an. Er hätte ihm wohl noch manches sagen können, wovon er nichts wußte. Aber dazu lag kein Grund vor, und er wollte dem alten Herrn nicht die letzten Lebenstage verbittern. --
Smiders senior fuhr unverrichteter Sache ab. Gleich darauf rief Jürgen den Prokuristen Armin herein und teilte ihm alles mit.
»Was sagen Sie dazu, Armin? Ich habe das Gefühl, daß Smiders & Sohn vor dem gänzlichen Zusammenbruch stehen. Ein wahres Glück, daß wir Wolf nach Spanien sandten. Hoffentlich erhalten wir recht bald gute Nachrichten von ihm. Unsere sonstigen Beziehungen zu der Reederei sind doch vollständig geregelt, so daß wir mit ihr in gar keiner Berührung mehr stehen.«
»Es liegen noch ein paar kleinere Frachten vor, Plüddekamp,« erwiderte Armin, »aber diese machen uns keine Umstände. Ich kann sie auch einer anderen Reederei überschreiben.«
»Tun Sie das, Armin! Es ist besser, wir brechen alle Verbindungen mit der Firma ab.« -- -- --
Alfred Smiders saß an seinem Schreibtisch. Er hatte einen weißen Bogen vor sich hingelegt und rechnete. Nach einer Weile nickte er befriedigt. So mußte es gehen! Ein Angestellter brachte ihm die Mittagspost herein. Bei flüchtigem Durchsehen erkannte er auf einem Kuvert die Handschrift von Kneis. Sofort riß er dies zuerst auf und überflog hastig die darin enthaltenen Zeilen. Ein wilder Ausruf entfuhr seinem Munde. Er schlug mit beiden Händen auf den Tisch und wurde dann fahlbleich.
»Es ist ja nicht möglich!« rief er laut aus. »Was ist in den Mann gefahren! So lasse ich mich nicht abspeisen! -- Bis zum Abgang des Schnellzuges nach Hamburg ist noch eine Stunde. -- Er darf nicht fahren!« Und schon hatte er seinen Hut ergriffen und eilte fort. --
Inzwischen kehrte der Wagen mit dem gelähmten alten Smiders zurück. Er ließ seinen Sohn sofort zu sich bitten und erhielt zur Antwort, daß dieser ausgegangen sei. Nach einer halben Stunde kam Alfred Smiders jedoch zurück. Sein sonst elastischer Gang war unsicher, seine Züge gefurcht, als ob er um Jahre gealtert sei. Er suchte sofort seinen Vater auf und war völlig niedergeschmettert, als er die Ablehnung von Jürgen Plüddekamp erfuhr.
»Was nun?« rief es in ihm.
»Sprich sofort mit Herrn Kneis!« sagte ihm der Vater. »Du mußt mit ihm einig werden! Es ist der einzige Ausweg! Geh, mein Sohn, versäume keine Zeit.«
Alfred Smiders wankte nach seinem Kontor hinaus. Er konnte seinem Vater nicht sagen, daß bei dem Hamburger alles verloren sei. Mit der gewohnten Ruhe hatte ihm der Überseer ins Gesicht gesagt, daß er dafür danke, mit der Firma Smiders & Sohn in irgendeine Verbindung zu treten. Als Alfred Smiders nach der Ursache seines plötzlichen Verhaltens forschte, erwiderte er kaltlächelnd:
»Fragen Sie die schwarze Karli in der ›Grünen Schanze‹, die Sie mir so warm empfohlen haben, warum ich mit Ihnen nichts mehr zu tun haben will.« Damit verbeugte er sich kurz, und Alfred Smiders war abgewiesen.
Die letzte Hoffnung hatte er noch auf die Unterredung seines Vaters mit Jürgen Plüddekamp gesetzt. Auch diese schlug fehl.
Wohin er auch blickte, kein Ausweg mehr. Alle Fäden, die er gehalten, waren abgeschnitten. Schon in den nächsten Tagen mußte die Firma zusammenbrechen. Einen Konkurs konnte er nicht machen. Seine Bücher waren nicht in Ordnung. Er hatte eine Anzahl Posten nicht buchen lassen. Der ganze Akzeptaustausch, durch den er sich Geld verschaffte, stand nur auf einem Blatt Papier verzeichnet. Er wußte genau, der Staatsanwalt würde sich mit ihm befassen. Das verzweifelte Spiel, das er aus wilder Sucht nach Reichtum begonnen, war verloren! Er wollte noch so viel als möglich zusammenraffen und damit fliehen. Weiter blieb ihm nichts übrig. -- Einen Augenblick dachte er an seinen alten Vater, er schüttelte aber den Gedanken mit aller Kraft wieder von sich ab. Mochten sich andere seiner annehmen, er wollte den Sturz nicht erleben. Es war nicht hohe -- nein, es war die höchste Zeit, daß er fortging. -- Es ergriff ihn eine Wut auf die schwarze Karli, die ihn an den Hamburger verriet. Warum vertraute er sich ihr auch an! Er suchte bei diesen Gedanken nach dem Grunde, und die Gestalt Ilse Hergenbachs trat plötzlich vor ihn hin. Durch diese Torheit entstand jetzt sein ganzes Unglück. Sie hatte ihm gefallen, wie ihm jedes andere Mädchen gefiel, nach dem er siegesgewiß seine Hand ausstreckte. Aber der Einsatz kam ihm teuer zu stehen. Nun galt es, keine Sekunde mehr zu zögern.
Er rief seinen vertrauten Buchhalter herein und ließ sich das Kontokorrentbuch vorlegen. Mit fiebernden Pulsen blätterte er darin herum, machte sich Notizen und bestellte dann einen Wagen. Die Leute konnten ihm nachreden, was sie wollten, er würde drüben in der Neuen Welt untertauchen. Gewaltsam zwang er sich zur Ruhe, und es gelang ihm, einen geeigneten Plan zu schmieden. Inzwischen fuhr der Wagen vor. Er war schon im Begriff, hinauszueilen, als einer der Kommis ihm meldete, daß ihn eine junge Dame zu sprechen wünsche.
»Ich habe keine Zeit!« schrie er diesen an, »sagen Sie ihr dies.«
Der Kommis kehrte aber nochmals zurück. »Sie läßt sich nicht abweisen, Herr Smiders, und hat ihren Namen genannt -- Fräulein Ilse Hergenbach!«
Smiders warf das Hauptbuch dröhnend auf die Schreibtischplatte.
»Es ist rein wie verhext! Gut,« rief er dem Kommis zu, »das Fräulein soll eintreten.«