XI.
Nach Mitternacht, als alle in tiefem Schlafe lagen, Herta hatte Ilse mit in ihre Kabine genommen, überwölkte sich der Himmel, und mächtige Schneeflocken fielen langsam rieselnd nieder. Gegen Morgen wurde das Schneetreiben so dicht, daß man vom Dampfer aus keine zehn Schritt weit sehen konnte.
Jürgen kam sehr früh an Deck. Als er die Lage überschaute und mit dem Kapitän in dessen Kajüte Rücksprache genommen hatte, grollte es gewaltig in ihm. Nirgends zeigte sich ein Ausweg aus der mißlichen Lage. Der Maschinendefekt ließ sich im besten Falle erst bis gegen Abend einigermaßen beheben. Ein weiteres Durchbrechen des Eises war unmöglich, der Dampfer mußte nach Stettin zurück. Die Rückfahrt würde schon schwierig genug sein und nur langsam vonstatten gehen.
Bei dem dichten Schneetreiben konnte es niemand wagen, über das Eis ans Land zu gelangen. Also ausharren! Während Jürgen und der Kapitän noch sprachen, kam Konsul Martens hinzu, dem die Unruhe den Schlaf verkürzt hatte. Anstatt des Morgenkaffees wurde gleich ein heißer Tee mit Arrak gebraut. Die Schiffsräume waren stark durchkältet, denn die Dampfheizung war nicht in Ordnung. -- Als die Schiffsmaschine bei dem gewaltigen Anlauf gegen die starken Eiswände versagte, strömte der Dampf zurück. Durch die entstandene hohe Spannung wurden die Rohre undicht und erlitten mehrere Brüche. Die Feuerung mußte aufhören, weil der Dampf an vielen Stellen der Leitung gefahrdrohend herauszischte. Die Maschinisten hatten die ganze Nacht durchgearbeitet, um die Schäden auszubessern, und ermüdeten sichtlich.
»Wann können wir bestimmt darauf rechnen, Fahrt zu haben?« fragte Martens den Kapitän.
»Es kommt darauf an, wie lange die Kraft der Leute aushält, Herr Konsul.«
»Gehen wir in den Maschinenraum hinunter, Charles,« warf Jürgen ein. »Vielleicht lassen sich die Leute durch eine Prämie anfeuern.«
»Die Maschinisten geben ihr Bestes von selbst her,« erwiderte der Kapitän, »es bedarf keiner besonderen Belohnung. Sie können sich davon überzeugen, meine Herren!«
In den unteren Schiffsräumen brannten Lampen, weil die elektrische Leitung durch den Stillstand der Dynamos versagte. Eine Anzahl Männer arbeiteten mit größtem Eifer bei spärlichem Lichte in der kleinen Werkstätte. Es wurde Eisen auf offenem Kohlenfeuer geglüht, das ein Blasebalg anfachte, und dann mit Hämmern bearbeitet. Andere waren dabei, auf einer Drehbank Gewinde zu ziehen und auf Schraubstöcken Eisenstangen passend zu feilen.
Der Schiffsingenieur und der Obermaschinist griffen zu und besserten die Schäden an den Rohren aus. Die gesamte Leitung mußte untersucht werden. Die Männer im unteren Schiffsraum erstarrten fast vor Kälte und mußten fortgesetzt heiße Getränke erhalten.
Die Tatsache lag klar -- unter weiteren zehn bis zwölf Stunden konnte an ein neues Arbeiten der Maschinen nicht gedacht werden, vorausgesetzt, daß die Mannschaften diese Überanstrengung aushielten. --
»Unser Mißgeschick ist mir höchst unangenehm, lieber Jürgen,« sagte Konsul Martens zu dem Freunde. »Namentlich der Damen wegen. Auf dem ›Odin‹, unserem stärksten Eisbrecher, kam noch nie etwas derartiges vor und lag außer der Berechnung. Nun heißt es aushalten.«
An Deck begann jetzt die Schiffsglocke unausgesetzt zu läuten. Der Steuermann trat zum Kapitän und sagte: »Ich habe drei Mann ausgesucht, die sich halbstündlich ablösen!«
»Es können Dampfer ausgelaufen sein. In den Zeitungen stand, daß der ›Odin‹ nach Swinemünde ging. Die Fahrtrinne wird für offen gehalten. Die Dampfsignale gehen nicht, daher muß die Glocke in Bewegung bleiben,« erklärte der Kapitän den Herren die erhaltene Meldung.
Jürgen sah darauf seinen Freund fragend an:
»Ist das Aufrennen eines anderen Dampfers möglich?« fragte er langsam, jedes Wort abwägend.
Martens wechselte mit dem Kapitän einen Blick.
»Ausgeschlossen ist es nicht,« erwiderte dieser zögernd.
Mit einem Ruck straffte sich Jürgens Gestalt.
»Es muß ausgeschlossen sein, Charles! Meine Geschwister sind an Bord.«
»Wir wollen überlegen, was zu tun ist, Jürgen.« Konsul Martens wurde jetzt die große Verantwortung fühlbar, die ihn traf.
Sie kehrten in die obere Kajüte zurück. Herta, Wolf und Ilse hatten sich ebenfalls dort eingefunden. Das junge Mädchen sah bleich und übernächtig aus, sie mußte wenig geschlafen haben. Die gestrige gute Stimmung war verschwunden. Es fröstelte alle trotz der Pelzkleidung.
Konsul Martens versuchte, den Damen die Lage im besten Lichte zu schildern, und machte Aussicht auf ein recht langes Frühstück und bald darauffolgendes Mittagessen.
»Essen und Trinken erhält uns warm, und darin tritt in den nächsten vierundzwanzig Stunden kein Mangel ein,« schloß er.
»Aber die Langeweile, lieber Freund,« sagte Herta, leicht gähnend. »Die Kälte macht uns müde und ungemütlich.«
»Ich weiß eine Abwechslung, Ilse,« flüsterte Wolf dieser zu, als sie in der Kajüte auf und ab ging. »Der einzig warme Raum im Schiff ist die kleine Kambüse. Wir beide wollen uns dorthin flüchten und helfen dem Küchenchef bei der Zubereitung der Speisen, -- für die anderen gehen wir auf Deck.«
Sie gab ihm kein Zeichen des Einverständnisses, sondern stellte sofort ihre Wanderung ein und blieb in Hertas Nähe stehen. Wolf trat heftig mit dem Fuße auf. Was war nun wieder in sie gefahren? Sie wollte anscheinend nichts von ihm wissen, und Herta unterstützte sie dabei.
Konsul Martens ließ seine Pelzdecke holen und hüllte die Damen darin ein, obwohl sich Ilse anfangs gegen das Stillsitzen sträuben wollte. Auf Hertas Wunsch folgte sie jedoch sofort. --
Draußen wurde es etwas heller, nur das Schneegestöber ließ nicht nach. Jürgen, Martens und der Kapitän standen an dem einen Kajütenfenster und beratschlagten.
»In zwei bis drei Stunden kann der Amerikadampfer hier sein,« hörten die anderen des Kapitäns Stimme, »er ist sicher zur festgesetzten Zeit ausgelaufen. Bei langsamer Fahrt wird er unsere Glocke hoffentlich hören. Er versperrt aber die Fahrtrinne -- die Schwierigkeit, fortzukommen, wird bedeutend größer.«
Wolf und Herta sahen sich bei diesen Worten an. Es gab also Gefahren; davon war ihnen bisher noch nichts bewußt gewesen.
Jürgen Plüddekamp zog seine Uhr hervor.
»Ich gehe ans Land, Charles,« sagte er dann kurz.
»Du -- Jürgen?« stieß Martens erschrocken aus.
»Die Gegend kenne ich, und mein Taschenkompaß gibt mir die Richtung an,« antwortete er.
»Bedenke die offenen oder mit Schnee bedeckten Waken. Die Gefahr ist zu groß, Jürgen,« versuchte der Konsul ihm sein Vorhaben auszureden.
»Ich nehme eine Stange mit, Charles! Weiteres Reden hat keinen Zweck -- ich gehe!« Man sah es der mächtigen Mannesgestalt an, daß sie von dem einmal gefaßten Entschluß nicht mehr abwich.
»So laß wenigstens einen Matrosen folgen und dich anseilen, Jürgen,« bat der Konsul.
»Warum? Dadurch kann höchstens Gefahr entstehen, die ich allein vermeide!« erwiderte dieser. »Steward!« rief er diesem zu, der soeben einen neuen Aufguß heißen Tees brachte. »Füllen Sie mir sofort eine Feldflasche mit Rum und Ingwer!«
»Mir auch, Steward!« ertönte es aus Wolfs Munde. »Ich begleite dich, Jürgen!«
»Auf keinen Fall -- mein Junge! Ausgeschlossen. -- Du mußt mit Charles bei Herta und Fräulein Hergenbach bleiben.« Das Gebot Jürgens klang fast schroff, er duldete in solcher Lage keinen Widerspruch.
Kurz darauf verabschiedete er sich und reichte den Geschwistern, sowie Martens die Hand. Herta bat ihn noch: »Jürgen -- denk an uns -- sei vorsichtig!«
»Ich bin es immer, liebe Herta! Soweit es allerdings möglich ist,« setzte er scherzend hinzu.
Er zögerte einen Augenblick, ehe er Ilse die Hand gab. Sie mußte darauf gewartet haben; nun schlossen sich ihre schlanken Finger mit festem Druck um die seinen, als wollten sie ihn nicht fortlassen.
Es war eine heftige Bewegung, mit der sich Jürgen alsdann abwandte und auf Deck eilte, wohin ihm Konsul Martens und Wolf folgten. Nach weiteren zwei Minuten hatte er sich eine kräftige Stange mit Eisenspitze ausgesucht und schwang sich über Bord.
»Achtung!« rief Martens ihm nach. »Es ist noch junges Eis in der Fahrtrinne!«
Die starken Schollen hatten sich aber am Dampfer dicht übereinandergeschoben und waren während der Nacht zusammengefroren, so daß Jürgen auf festem Eisboden dahinschritt. Er sah sich noch einmal um, winkte Bruder und Freund zu und verschwand dann in dem dichten Schneegestöber. Es kam ihm dabei im letzten Augenblick noch so vor, als wenn eine schlanke Frauengestalt auf Deck erschiene. Es mußte wohl Herta sein, die ihm besorgt nachschaute.
Als jedoch Wolf und Konsul Martens in die Kajüte zurückkehrten, saß Herta auf ihrem alten Platz. Ilse war fortgegangen und kam erst nach einer geraumen Zeit wieder.
»War es nicht angenehm in der Kambüse, Ilse?«
»Nein, Tante Herta! Ich habe mich genug erwärmt.«
Dabei strömte ihre Kleidung die frische Kälte vom Deck aus. -- -- --
Jürgen schritt trotz seines schweren Pelzes rasch vorwärts. Er hatte seine Pelzkappe tief über die Ohren herabgezogen, so daß nur sein Gesicht hervorsah. An seinem Bart bildeten sich durch den ausgestoßenen Atem Eiszapfen, doch achtete er nicht darauf. Von Zeit zu Zeit holte er den kleinen Kompaß hervor, um die Richtung zu kontrollieren, in der er ging.
Vom Dampfer mußte er schon ein ganzes Stück fort sein. Das Läuten der Schiffsglocke tönte nur noch schwach zu ihm herüber. In der zurückgelegten Strecke waren keine Waken zu erwarten gewesen. Jetzt aber näherte er sich mehr und mehr dem Ufer, und die Gefahr, in ein Loch zu geraten, das zum Fischen ins Eis geschlagen wurde, trat unmittelbar auf.
Er schob seinen Stock vor sich hin; stieß dieser an eine kranzartige Erhöhung, so blieb er stehen und untersuchte den Umkreis. Mehrmals entdeckte er noch im letzten Augenblick eine Wake. Die Zeit verrann, er strengte sich stärker an. Der Amerikadampfer mußte auf jeden Fall aufgehalten werden, bevor er das Papenwasser verließ und durch Signale schwer erreichbar wurde. Mit Mühe zog er seine Uhr hervor. Über eine halbe Stunde befand er sich unterwegs, und noch spürte er nichts von den Eisschollen, die sich gegen das Ufer zu auftürmten.
Er wollte immer schneller vorwärts kommen, aber der tiefe Schnee, der unaufhörlich weiter fiel, hemmte den Fuß. Schweißperlen traten auf seine Stirn; es war eine außerordentliche Leistung, selbst für den besten Fußgänger.
Wo blieb nur das Ufer? Er mußte es der Zeit nach schon lange erreicht haben. Er stand jetzt still und versuchte, um sich zu schauen. Nichts war zu sehen.
Jürgen lief es kalt über den Rücken. -- Wo befand er sich? War er irre gegangen? Er hatte doch genau auf seinen Kompaß geachtet. Wenn er an anderer Stelle in die Nähe der Fahrtrinne zurückkam und einbrach? Bei dem starken Schneetreiben konnte alles möglich sein.
Warum setzte er sich diesen Gefahren aus? Es gab nur eine Richtschnur in seinem Leben -- Sorge für seine Familie, die aus den Geschwistern bestand. Von dem Tode seines Vaters an hatte er diese Pflicht übernommen und treu erfüllt. Wenn er sich die Abrechnung vorlegte, befand sich kein Fehler darin. Er handelte stets nach Ehre und Gewissen. Einmal ließ er in der Härte seiner Bestimmungen nach, als Ilse Hergenbach vor Monaten aufgenommen wurde.
Ihre Gegenwart wirkte störend auf die Harmonie im alten Plüddekampschen Hause ein. Wolf war gänzlich verändert -- er selbst mußte dagegen ankämpfen, um ihr nicht ein größeres Interesse zu zeigen. Er sah deutlich, wie sie ihm entgegenkam, sich ihm immer mehr nähern wollte. So kalt war seine Natur nicht, aber seine Rauheit half ihm, und seine Charakterstärke schüttelte jede aufflammende Regung ab.
Einige Augenblicke hatte er auf den Kompaß gestarrt, dabei flogen ihm diese Gedanken rasch durch den Kopf. Nun trieb es ihn wieder vorwärts, der Amerikadampfer mußte um jeden Preis ein Signal erhalten. Plötzlich hörte er zur Linken Laute; waren es menschliche Stimmen oder lag dort ein Schwarm Taucherenten? Er horchte aufmerksam hin. Jetzt klang es wie der dumpfe Hufschlag eines Pferdes. Es mußten also Leute aus einem naheliegenden Dorf sein, bei denen er sich Auskunft holen konnte.
Eilig schritt er auf sie zu, und schon nach wenigen Minuten tauchte dicht vor ihm ein Kufenschlitten mit zwei Männern auf.
»Holla!« rief er ihnen entgegen. »Wo seid ihr her? Ich komme von der Swinemünder Fahrt und will rasch ans Ufer.«
Die Leute hielten das Pferd an. Auf dem Schlitten lag ein mächtiges Schleppnetz, wie es unter dem Eis von einer Wake zur anderen gezogen wird. Ein großer mit Fischen angefüllter Kasten stand daneben.
»Wir sind aus Swantewitz,« sagte der eine, »und fahren nach Haus!«
»Aus Swantewitz!« rief Jürgen erstaunt. »Das liegt ja am östlichen Ufer! So weit seid ihr fort.«
»Nein, Herr! Das liegt ja dicht dabei. Wir sind gleich da!«
»Es ist rein unmöglich! Ich habe vor etwa einer Stunde den Eisbrecher ›Odin‹ verlassen und ging in der Richtung auf Neuwarp zu.«
Die Fischer sahen sich verdutzt an.
»Neuwarp? Das liegt ja zwei Meilen von hier, Herr!«
Jürgen faßte sich an die Stirn.
»Sollte ich -- rein unerklärlich! Alle Teufel -- ich werde doch in der Eile nicht steuerbords anstatt Backbord abgesprungen sein! -- Aber der Kompaß?«
Er hatte doch Norden rechts und nicht an der linken Seite gehabt. Freilich war es nur ein kleiner Taschenkompaß, der sonst an seiner Uhrkette hing. Er schaute schnell noch einmal darauf -- die Nadel spielte richtig ein.
»Das ist ja, um verrückt zu werden,« fluchte er ingrimmig. »Der Kompaß lügt nicht -- die Leute lügen nicht! Wer hat nun recht?«
Er hielt den Kompaß mit dem linken Arm vor sich. Plötzlich fiel sein Auge auf das Magnetarmband, das er noch zufällig um das Handgelenk trug. Es diente zur Prüfung von Grassamen, der mit Eisenfeile beschwert schien.
Nun wurde ihm der Vorgang sofort klar. Die Nadel spielte auf den starken Magnet ein und zeigte darum entgegengesetzt. Aus der Richtung des Papenwassers heulte jetzt dumpf ein Signal herüber. Jürgen erschrak.
»Der Dampfer!« rief er aus. »Es ist zu spät, ihn aufzuhalten! Was wird daraus entstehen?«
Die Sorge um die Seinen erfaßte ihn. --