XVIII.
Die Verhältnisse bei Smiders & Sohn spitzten sich immer mehr zu. Trotzdem fand der junge Reeder noch Zeit, auf Ilse Obacht zu geben. Schon nach einigen Tagen sah er sie ausgehen. Sie wollte noch gegen Abend einige Besorgungen erledigen und war auf dem Wege nach der Breitenstraße, als Alfred Smiders aus einem Nebengäßchen auftauchte und ihr plötzlich entgegentrat. Er führte diese Begegnung mit Absicht herbei.
»Endlich habe ich das Glück, Sie zu treffen, Fräulein Hergenbach!« zog er den Hut.
Sie verneigte sich nur wenig.
»Ich wartete jeden Tag auf Sie,« sagte er dann.
»Warum, Herr Smiders? Es ist doch zwecklos --« entgegnete sie hastig.
Als er sie aber nach diesen Worten scharf ansah, begann sie stark zu erröten. Sie bemerkte es und war darüber auf sich selbst ärgerlich. Warum geschah es gerade unter seinen Blicken? Ihre Pulse klopften fühlbar, als er jetzt neben ihr herging, und doch vermochte sie seine Begleitung nicht abzulehnen.
»Sie wollten von Wolf hören, Fräulein Hergenbach! Es hat Sie aus dem alten Haus getrieben. Habe ich nicht recht?« fragte er überlegen. »Ich weiß es auch ohne Ihre Antwort. Wolf genügt Ihnen nicht. Er lebt in so törichter Abhängigkeit von seinen Geschwistern. Bei mir ist es anders. Einer solchen Partnerin wie Sie böte ich jeden Reiz des Lebens.«
Warum erzitterte nur Ilse Hergenbach unter diesen Worten? Das war es, was in ihr gärte. Eingeengt in den alten Brauch des Plüddekampschen Hauses, drängte alles in ihr gewaltsam nach Lebensgenuß. Alfred Smiders durchschaute sie sofort, und sie fühlte dies Erkennen vom ersten Augenblick an. Obwohl sie kein Interesse für ihn hatte, zwang er sie doch in seinen Bann hinein. Und nun dieses direkte Hindeuten auf Wolf! Was konnte er von ihm sagen! Wußte er um alles? Es quälte sie seit Tagen, und sie wollte es heute bestimmt ergründen.
»Ich habe in diesem Laden etwas zu besorgen, Herr Smiders,« blieb sie plötzlich stehen.
»Ich warte gern draußen, Fräulein Hergenbach,« erwiderte er zuvorkommend, »denn mit hineinnehmen wollen Sie mich wohl nicht.«
»Nein,« erwiderte sie mit eigentümlichem Lächeln, »man denkt hier zu kleinstädtisch!«
Sie trat in das Geschäft ein und kam nach kurzer Zeit mit den eingekauften Sachen wieder heraus. »Ich gehe jetzt heim, Herr Smiders,« sagte sie leichthin.
Er bemerkte sogleich, daß es ihr damit nicht ernst war, und faßte sie scharf ins Auge.
»Ich möchte gern mit Ihnen eine Stunde zusammen sein, so viel Zeit haben Sie, Fräulein Hergenbach.«
Sie suchte hastig nach Worten, durch die sie dies ablehnen konnte, aber die Neugierde, über Wolf etwas zu erfahren, hielt sie davon zurück.
»Sie müssen mir aber erzählen, was Sie von Wolf wissen, Herr Smiders,« gab sie nun zur Antwort.
Dieser, der sie dabei beobachtete, frohlockte. Der abgesandte Pfeil hatte getroffen. Ilse mußte an Wolf stark interessiert sein, wahrscheinlich noch mehr -- die beiden hatten ein Liebesverhältnis miteinander! Es war nach seiner Meinung leicht zu durchbrechen.
»Ich kann Ihnen viel von meinem Freunde Wolf erzählen. Wenn Sie mir auf ein halbes Stündchen folgen, -- sollen Sie sogar -- seine Liebesirrung kennen lernen --«
»Seine Liebesirrung, Herr Smiders? --« Ilses Herz zog sich krampfhaft zusammen.
»Na und ob,« meinte Smiders höhnisch. »Ist ein hübsches junges Mädchen. Natürlich nichts Besonderes! Aber Herr Jürgen und Fräulein Herta würden sich wundern, wenn sie wüßten, in wessen Armen Wölfchen seine freien Stunden verbringt.«
Ilse zitterte am ganzen Körper vor Wut. Wolf Plüddekamp hatte ein Verhältnis. Die Frau in ihr war tief beleidigt.
»Aha!« dachte Smiders, der den Seelenzustand in ihrem Gesicht las, »Wölfchen scheint recht weit mit ihr zu sein. Die Sache ist nicht so schwierig, wie sie aussah. -- Kommen Sie, Fräulein Ilse,« er nahm einfach ihren Arm, »das blonde Riekchen haust ganz in der Nähe. Wir trinken dort eine Flasche Wein zusammen.«
Ilse zog den Arm rasch zurück. Einen Augenblick wollte es in ihr über diese Zumutung zornig aufwallen. Noch stärker wirkte aber die angetane Kränkung. Jürgen Plüddekamp hatte ihre Liebe verschmäht. Wolf Plüddekamp, der sie zur Frau verlangte -- betrog sie mit einer andern! Der Ingrimm packte sie mit voller Gewalt.
»Nun?« fragte der Reeder, »ist die Kenntnis nicht wertvoll für Sie?« Er zog abermals ihren Arm unter den seinen, und jetzt ging sie mit.
Es waren nur wenige Schritte bis zur ›Grünen Schanze.‹ Es schauderte ihr kalt über den Rücken, als sie mit Alfred Smiders den dunklen Hausflur durchschritt und in den Hof kam. Wohin führte er sie? -- Eine innere Stimme rief: »Zurück! Zurück!« Ihr Fuß ging aber vorwärts. Smiders riß die Tür auf, und sie traten in das alte räucherige Zimmer ein. Von dem Sofa erhob sich gähnend eine weibliche Person.
»Ach -- Sie sind's, Herr Smiders!« sagte diese. Es war das blonde Riekchen. »Karli hat heute ihren Ausgehtag -- der Hamburger sitzt vorn. Ist der schöne Wolf noch nicht zurück?« Sie brachte alles in einem Atem vor.
Smiders ließ Ilse stehen und flüsterte Riekchen rasch einige Worte zu.
»Ah -- so,« meinte die dralle Person darauf, »wird bestens besorgt.« Sie sah dann neugierig auf die junge Dame, die unbeweglich inmitten des Raumes stand.
»Der Hamburger braucht nicht zu wissen, daß ich hier bin, Rieke!« Der Reeder wiederholte dies anscheinend laut.
»Schon gut, Herr Smiders.«
Riekchen drehte das Gas mehr auf, es wurde heller. Smiders schritt auf Ilse zu, nahm ihren Mantel ab und führte sie mit überlegenem Lächeln zum Sofa.
»Dort setze ich mich nicht, Herr Smiders,« ihre tiefe Stimme hatte einen unsicheren Klang, »ich werde diesen Stuhl nehmen.«
Die blonde Rieke ging hinaus, um Sekt zu holen.
»Also das ist das Mädchen, mit dem Wolf Plüddekamp ein Verhältnis hat?« brachte Ilse mühsam hervor.
»Ja, -- meine schöne Ilse, -- das ist das Mädchen! Eine nette Weinkellnerin, wie?«
Ilse war leichenblaß geworden.
»Was halten Sie nun von Wölfchen? Lockrer Zeisig -- he? Und Sie, schöne Ilse? Sie haben doch geglaubt, ihn ganz allein zu besitzen!«
»Herr Smiders,« rang es sich von ihren Lippen, »Sie sind brutal mit mir, -- Wolf ist mein Verlobter.«
»Na, -- so im geheimen, -- damit meint er's nicht so genau! Sie gehören doch zu den Modernen! Hab es gleich gewußt. Die kennen keine Engherzigkeit. Ärgern -- Unsinn, schöne Ilse! Wir trinken jetzt ein Glas Champagner zusammen.«
Die blonde Rieke trat ein und brachte Sekt. Smiders schenkte einige Gläser ein, dann reichte er Ilse und der Kellnerin davon hin.
»Auf Schönheit und Leidenschaft -- Prost!«
Ilse hielt krampfhaft das Glas in der Hand. Ihre Augen hatten einen wilden Ausdruck angenommen, -- die Wangen brannten ihr wie Feuer, -- seine Blicke ließen nicht von ihr ab. Zwar noch widerstrebend, dann aber von einem plötzlichen Entschluß erfaßt, stieß sie mit ihm an. Die blonde Rieke hob ebenfalls das Sektglas gegen Ilse. Sofort setzte diese das ihre nieder.
»Sie kennen Wolf Plüddekamp?« rief sie aus.
»Ja,« meinte Rieke ganz verwundert. »Natürlich kenne ich ihn. Ein bildschöner Herr! Er ist schon oft hier gewesen.«
»Und Sie, -- Sie lieben Wolf Plüddekamp?«
»Lieben?« meinte die blonde Rieke ironisch. »Bei unserem Handwerk muß man ein weites Herz haben. Freilich, -- ihn kann man schon lieben.«
Ilse Hergenbach war innerlich wütend. Sie goß das volle Glas Champagner auf einmal hinunter, und Smiders schenkte ihr rasch wieder ein. Es war rein zum Tollwerden! Wolf -- und diese Person, die für jeden Gast das gleiche Entgegenkommen übrig hatte. Alle Leidenschaft wallte auf einmal in ihr empor. Sie hätte rasen können vor Zorn. War sie so wenig wert, galt sie nur etwas für männliche Launen? Woran sollte sie noch glauben, sich anklammern? Der feste Boden schwand unter ihr. Die Liebe war in ihr niedergerungen, der Haß entstanden -- Manneswort -- leerer Schall. Ihre ganze Natur bäumte sich wild auf, -- dann lieber toll genießen, -- alles in die Schanze schlagen! Kein Heute -- kein Morgen! Mehr war das Leben nicht wert. Sie goß ein Glas Champagner nach dem anderen hinunter. Schon begannen sich ihre Sinne vollständig zu verwirren. Alfred Smiders schaute immer begehrlicher auf sie hin. Jetzt konnte sie ihm nicht mehr entrinnen.
Ilse sah den Kopf der blonden Rieke nur noch wie im Nebel, sie hörte nicht, wie Smiders dieser sagte, sie allein zu lassen.
»Halt Karli zurück, wenn sie kommen sollte,« flüsterte er. »Steck sie zu Kneis -- das ist notwendig. -- Diese da,« er deutete rückwärts auf Ilse, »spioniert bloß! Sie lernt bei Plüddekamps die Wirtschaft, -- will dir meinen Freund Wolf wegkapern. Ich leid's aber nicht -- deinetwegen, Riekchen!«
»Wolf laß ich mir nicht nehmen,« ereiferte sich diese. »Nach einem Reichen angeln sie alle, -- aber daraus wird nichts!«
Smiders gab ihr einen Wink, vorsichtig zu sein.
»Ich gehe schon --«
Er schenkte Ilse Hergenbach immer von neuem ein. Sie konnte schon keinen klaren Gedanken mehr fassen. Plötzlich fuhr sie aus ihrer wilden Träumerei auf. »Ich muß nach Hause, -- Tante Herta --«
»Sie haben Zeit,« beruhigte er sie, »es ist noch lange keine Stunde um.«
»Wolf! Wolf!« schrie sie plötzlich auf.
»Lassen Sie ihn laufen,« flüsterte Smiders, sich Ilse mehr und mehr nähernd. »Ich will Ihnen ein glänzendes Leben bieten. Ich liebe Sie verzehrend -- Ilse.«
»Nein, nein,« wehrte sie ihn mechanisch ab.
Die großen grauen Augen starrten wie geistesabwesend vor sich hin. Ihre Lippen zuckten, -- ihre Züge nahmen einen verzerrten Ausdruck an. Sie suchte nach Worten:
»Leben -- ist alles, was bleibt -- leben -- nicht tot sein --«
Die ungeheure seelische Erregung -- der hastig genossene Champagner ließen sie wie betäubt zurücksinken. --
Die Tür von der vorderen Weinstube wurde aufgerissen. Karli stand plötzlich mitten im Zimmer.
»Du bist hier!« schrie sie Smiders an, »wen hast du da mitgebracht! Das ist arg! Du willst mir vorreden, -- na warte, -- das sollst du mir büßen!« -- Sie warf die Verbindungstür schmetternd zu.
Ilse erhob sich taumelnd. Sie war leichenblaß. Wo war sie hingeraten? Der Gedankengang setzte wieder bei ihr ein.
»Ich will fort -- fort!« rief sie aus.
In diesem Augenblick stand sie schon an der Tür.
»Ilse!« Er wollte sie zurückhalten. Sie war aber hinausgeeilt. Die blonde Rieke kam jetzt, und Smiders bezahlte.
»Rede Karli ins Gewissen,« raunte er ihr hastig zu, »daß sie bei dem Hamburger keine Dummheiten macht. Warum hast du sie auch hereingelassen?«
»Ich konnte sie nicht zurückhalten, Herr Smiders. Sie hatte Wind bekommen, daß Sie da sind. Sie durften das Fräulein nicht hierher mitnehmen! Das war nicht schön von Ihnen.«
»Ach was, dummes Mädel! Kümmere dich nicht um meine Sachen! Ich setze keinen Schritt mehr in die Bude, wenn Karli nicht vernünftig ist. Sage ihr das!« Es drängte Smiders hinaus, um Ilse Hergenbach nachzueilen. -- -- --
Diese stürmte durch die Straßen vorwärts. In wilder Hast bog sie in Nebengassen ab, um den Weg nach dem Plüddekampschen Hause abzukürzen. Ein kalter Regen, der niederging, schlug ihr ins Gesicht, durchnäßte ihre Kleider und Haare und kühlte die brennende Stirn. Wenn ihr nur niemand im Hause begegnete, ehe sie das Zimmer erreichte! Es wäre ihr unmöglich gewesen, Worte zu wechseln oder einen forschenden Blick zu ertragen.
Sie flog die Stufen der großen Treppe hinauf und wollte sofort weiter zum zweiten Stockwerk, als Herta auf den Korridor trat.
Ilse erschrak heftig. Ihr Fuß zögerte, ihr Atem stockte.
»Ich wartete auf dich, Ilse! Du bist lange fortgeblieben.«
»Entschuldige, Tante Herta! Ich bin vollständig durchnäßt!«
Bei diesen Worten eilte sie bereits weiter. Trotz des Halbdunkels, das im Korridor herrschte, hatte Herta mit einem Blick die verstörten Züge Ilses gesehen.
»Sie ist doch ein merkwürdiges Geschöpf,« schoß es ihr durch den Sinn. »Von einem Regenschauer sieht man doch nicht so verstört aus.«
Ilse war inzwischen auf dem Zimmer angelangt. Sie riß den Hut vom Kopfe und warf sich schluchzend auf ihr Lager hin. Die Gedanken rasten noch in ihr. Unaufhaltsam erschienen wirre Bilder vor ihren Augen. Das ganze Nervensystem schien aufs äußerste erschüttert zu sein. Sie vermochte sich keine klare Rechenschaft über die letzten Stunden zu geben. Ein unbeschreibliches Angstgefühl trieb sie wieder empor und ließ sie das elektrische Licht aufdrehen.
Nur erst wieder einen einzigen vernünftigen Gedanken fassen, -- richtig überlegen können, was sie tun mußte, um aus den Irrungen herauszukommen.
Wolf hatte sie betrogen, -- ein neuer Tränenstrom brach aus ihren Augen hervor.
»Alles in der Welt ist Lüge, erbärmliche Lüge!« rief es verzweifelt in ihr. »Ich selbst -- bin die Lüge und Alfred Smiders verfallen. Ich kann hier nicht bleiben, bis Wolf zurückkehrt! Ich kann auch nicht nach Nordhausen zurück!« --
Die Kleidung wurde ihr über der Brust zu eng. Sie riß mit beiden Händen das Mieder auf, um leichter zu atmen.
Wenn nur diese entsetzlich quälenden Gedanken erst nachließen! Zum ersten Male sah sie in das Leben hinein. Wie hatte sie sich nach seinen Freuden gesehnt! Und nun empfand sie anstatt des erhofften Glücksgefühls -- eine gänzliche Vernichtung ihrer selbst.
Ein paarmal raste sie durch das Zimmer. Dann warf sie sich wieder hin und schluchzte wild auf.
Fort von hier, fort! Damit sie die prüfenden Blicke im Hause nicht zu ertragen brauchte! Ihr Kopf schmerzte entsetzlich. Ein Schwindel ergriff sie. --
Es klopfte an der Tür. Das Mädchen öffnete und fragte, ob Fräulein Hergenbach nicht zum Abendbrot kommen wolle. Sie antwortete hastig:
»Ich leide an starkem Kopfweh. Entschuldigen Sie mich bitte!«
Die Tür schloß sich wieder, und Ilse Hergenbach war mit sich und ihren wilden Gedanken allein.