Chapter 12 of 24 · 2675 words · ~13 min read

XII.

Alfred Smiders verfolgte einen bestimmten Plan. Nachdem sich sein gelähmter Vater jeder Verfügung begeben hatte, ergriff ihn die Großmannssucht. Er wollte um jeden Preis rasch vorwärtskommen. Das der Firma Smiders & Sohn gehörende Kapital reichte jedoch nicht im entferntesten aus, die sofort in Angriff genommenen Dampferbauten auszugleichen. So blieb er eine große Summe schuldig. Um wieder freie Bewegung zu bekommen, suchte er nach einem Großkapitalisten, der sein Geld zu mäßigem Zinsfuß bei ihm anlegen sollte.

Durch seine Agenten war er auf den reichen Kaufmann Kneis in Hamburg aufmerksam geworden, dem er sich sofort vorstellte. Der Hamburger hatte sein überseeisches Geschäft günstig verkauft und befand sich im Besitz großer flüssiger Mittel, mit denen er sich wieder beteiligen wollte. Das also war sein Mann. Er bewog ihn, mit nach Stettin zu reisen.

Nach Vorlage der letzten Bilanzen verlangte dieser in erster Linie die Dampfer der Reederei Smiders & Sohn zu besichtigen. Die alten Kasten waren glücklicherweise unterwegs, er konnte dafür nur die Angaben, aus dem Schiffsregister erhalten. Dagegen lag einer der neuen Dampfer im Eis des Swinemünder Hafens fest. Die beiden Herren fuhren von Stettin mit dem Schnellzug dorthin und waren eben im Begriff, den ›Triton‹ in Augenschein zu nehmen.

Das starke Schneegestöber hatte aufgehört; die klare, helle Wintersonne schien leuchtend über Stadt und Hafen, sowie die vereisten Schiffe. Überall funkelte und glitzerte es in farbenprächtigem Schimmer.

»Sehen Sie, mir lacht stets die Sonne, Herr Kneis,« sagte Alfred Smiders, als sie über das Deck des Dampfers ›Triton‹ gingen. »Nun kann es Sie nicht gereuen, trotz des Schneefalles von heute morgen, die Fahrt nach Swinemünde angetreten zu haben.«

Der lange bedächtige Hamburger lächelte verbindlich.

»Ich bin sehr zufrieden, Herr Smiders! Wenn es weiterschneien würde, wäre ich auch zufrieden. Wir blieben dann in Swinemünde. Es gibt hier gute Hotels.«

»Gewiß, Herr Kneis! Aber Sie müssen heute abend wieder in Stettin sein« -- der Reeder machte eine bezeichnende Geste. »Sie haben doch fest versprochen --«

Der Überseer lachte gemütlich auf.

»Hm! Eine ganz lustige Bude. Wir gehen zusammen --«

»Aber natürlich, Herr Kneis! Ich möchte nur nicht im Wege sein.«

»Macht mir nichts aus, Herr Smiders. War jahrelang in Buenos Aires mit meinen Freunden stets einig, wenn's eine kleine Sache gab. Denke, es wird hier in Deutschland auch so sein.«

Hätte er den Blick gesehen, der in Smiders' dunklen Augen aufflammte, so würde er wohl eine andere Meinung gehabt haben. Es lag darin so viel Hohn und Gehässigkeit, wie sie nur das Innere des jungen Reeders erfüllte.

Nun ging es auf treppauf und treppab bis in die untersten Schiffsräume, und überall ließ der vorsichtige Hamburger seine Blicke hinschweifen. In aller Ruhe sah er sich um, nichts blieb seinem scharfen Auge verborgen.

»Sehr gutes Schiff, Herr Smiders, sehr gutes Schiff,« wiederholte er alsdann, »wenn die anderen ebenso sind, bin ich bereit, den Vertrag mit Ihnen einzugehen.«

Smiders streckte ihm sofort seine Hand entgegen:

»Topp! Sie schlagen also ein?«

»Noch nicht!« bewahrte der Hamburger eine gewisse Zurückhaltung, »es wäre verfrüht. Ich lasse mich nie vom Augenblick überrumpeln. Eine gute Portion Überlegung ist im Geschäftsleben alles. Dann handle ich aber rasch.«

Alfred Smiders zog seine Hand ärgerlich zurück, als er die gemessene Miene des Hamburgers sah, der in diesem Augenblick zu einem Weitergehen nicht geneigt schien. Sie stiegen jetzt die Schiffstreppe wieder hinauf und wollten ans Land gehen, um in dem nahegelegenen Hotel ›Drei Kronen‹ ein bestelltes Essen einzunehmen. Smiders hatte wohlweislich alles vorbereitet.

Plötzlich erscholl der dumpfe Ton einer Dampfpfeife über die weite Eisfläche des Haffes hinweg.

»Holla, Kapitän! Was gibt's?« rief der Reeder diesem zu.

»Die Eisbrecher kommen herein, Herr Smiders,« tönte es zurück. »Der ›Fritjof‹ ist voran und schleppt den ›Odin‹ an der Stahltrosse.«

»Dann muß dem ›Odin‹ etwas passiert sein,« meinte Smiders. »Er hat doch die stärksten Maschinen.«

Anstatt, daß sich die Herren direkt aufs Bollwerk begaben, stiegen sie zur Kommandobrücke hinauf und wollten warten, bis die Eisbrecher landen würden. Das Eis krachte und barst in langen Spalten vor der Gewalt, mit der der ›Fritjof‹ vorwärtsdrang. Es dauerte nicht lange, so waren die Dampfer mit dem ›Triton‹ in gleicher Höhe, doch ließen sich die Gestalten auf Deck nicht genau erkennen.

»Der ›Odin‹ schwankt wie eine lahme Ente! Er ist nicht unter Dampf, und der›Fritjof‹ bugsiert ihn zur Anlegestelle,« rief Smiders. »Wir sehen es besser vom Lande aus.«

Er schritt, gefolgt von dem Hamburger, zum Bollwerk hinüber und ging auf diesem entlang. Es dauerte noch einige Zeit, bis der ›Fritjof‹ den ›Odin‹ herangebracht hatte und die Stahltrosse löste. Allem Anschein nach wollte er sofort die Rückkehr nach Stettin antreten.

Zwei Herren und zwei Damen kamen über die Schiffsbrücke, die der ›Odin‹ auswarf, ans Land.

Alfred Smiders schaute genauer hin, aber die Sonne blendete ihn. Er hielt deshalb die Hand über die Augen und sagte halblaut:

»Den Teufel auch! Wenn ich recht sehe, ist es Konsul Martens, Wolf und Herta Plüddekamp und noch eine Dame, die ich nicht kenne. Eine vorzügliche Gelegenheit für mich, anzuschwirren!« Er entschuldigte sich rasch bei Kneis und eilte voran, um die Ankommenden zu begrüßen. »Direkt von Stettin, Herr Konsul?« rief er ihm schon von weitem zu. »Nette Spazierfahrt! Wie? Hat der ›Odin‹ Pech gehabt?« Als sie zusammentrafen, schüttelte er den beiden Herren die Hand und verbeugte sich, seinen Hut tief ziehend, vor den Damen. Er blickte erstaunt auf Ilse. Dann sagte er zu Herta: »Wollen Sie mich vorstellen, Fräulein Plüddekamp?«

»Herr Smiders, von Smiders & Sohn -- Fräulein Hergenbach aus Nordhausen,« erledigte diese den Wunsch des Reeders.

Abermals lüftete Smiders seinen Hut, und als sich Ilse leicht verneigte, begegneten sich ihre Blicke. Die dunklen Augen Smiders' ruhten mit einem prüfenden Ausdruck auf den Gesichtszügen des jungen Mädchens. Er warf dann einige nebensächliche Fragen hin, wie die Damen die Fahrt überstanden hätten, und hörte von Konsul Martens, welches Mißgeschick ihnen am verflossenen Tage mitten auf dem Haff begegnete.

»In Gesellschaft so reizender Damen, -- riesig nett,« meinte er mit einem vielsagenden Blick zu Wolf hinüber. »Da aber die Dampfheizung nicht in Ordnung war -- zum mindesten unangenehm kalt.«

»Es war noch ein Glück, daß der amerikanische Dampfer die Vorsicht brauchte, den ›Fritjof‹ vorauszuschicken. Rückte er selbst uns aufs Fell, so war die Durchfahrt versperrt und wir lägen noch im Eise,« flocht Konsul Martens ein.

»Wenn wir nur erst wüßten, was aus Jürgen geworden ist,« sagte Herta mit besorgter Miene. »Sie waren wohl schon im Hotel, Herr Smiders! Haben Sie vielleicht dort etwas gehört?«

»Keinen Ton, Fräulein Plüddekamp,« erwiderte dieser.

Wolf erzählte darauf, wie Jürgen am Morgen in dem tollsten Schneetreiben über Bord aufs Eis gesprungen sei, um nach dem Ufer vorzudringen.

»Na -- ein solcher Bär! -- Verzeihen Sie den Ausdruck, Fräulein Plüddekamp,« unterbrach sich Smiders. »Ihr Herr Bruder hat aber wirklich eine Bärennatur und sitzt jedenfalls in einem Dorfgasthause beim Glase Grog. Wir können ja von den ›Drei Kronen‹ aus -- Sie gehen doch gewiß mit dorthin -- nach allen Richtungen telephonieren.« --

Der Ofen in dem großen Speisezimmer der ›Drei Kronen‹ strahlte eine gemütliche Wärme aus. Man legte Pelze und Mäntel ab und freute sich, wieder in einem behaglichen Raume zu sein. Der Überseer, der vorausgegangen war, wurde von Smiders vorgestellt. Er befand sich alsbald in regem Gespräch mit Konsul Martens, der die Gelegenheit benutzte, den Großkapitalisten näher kennen zu lernen.

»Sie sind überzeugt, Herr Konsul, daß der ›Friedrich Barbarossa‹ zur Frühjahrszeit rechtzeitig ausläuft?«

Wolf, der etwas entfernter stand, horchte bei diesen Worten auf. Es war naheliegend, daß ihn das Gespräch interessierte.

»Ich werde den Dampfer besichtigen,« fuhr Herr Kneis fort, »es liegt mir außerdem viel daran, zu erfahren, ob sich die älteren Dampfer der Reederei in gleicher Weise umbauen lassen.«

»Selbstverständlich,« fiel Smiders jetzt ein. »Sie eignen sich ebenso gut dazu wie der ›Friedrich Barbarossa‹. Herr Konsul Martens kennt ja unsere Dampfer. Er wird es Ihnen sicher bestätigen.« Dabei sah er Martens scharf an.

Dieser war vor eine sehr peinliche Frage gestellt. Natürlich lag es in seinem Interesse, dem Geldmann gegenüber die Reederei Smiders & Sohn so hoch als möglich zu bewerten. Auf der anderen Seite kannte er das Alter der laufenden Schiffe und mußte daraus folgern, daß ein Umbau weggeworfenes Geld bedeuten würde. Er zögerte deshalb mit der Antwort, während ihn der Überseer anscheinend gleichgültig ansah.

Aus den kleinen, scharfen Augen des Herrn Kneis sprach bei aller Ruhe eine hohe Intelligenz, und er schloß aus dem Zögern des Konsuls sofort auf dessen zurückgehaltene Ansicht.

»Ich glaube wohl, Herr Kneis,« antwortete Martens jetzt, »aber bedenken Sie dabei, daß ich Bankier und nicht Schiffsbauer bin.«

Smiders war von der Antwort des Konsuls Martens wenig befriedigt; er hatte sie bestimmter erhofft und fiel darum ein:

»Wir werden morgen den ›Friedrich Barbarossa‹ anlaufen, Herr Kneis. Sie treffen dort seinen Kapitän an. Dieser hat bereits zwei meiner anderen Dampfer gefahren und ist ein anerkannter Fachmann.«

»Es scheint Smiders auf den Nägeln zu brennen,« dachte Wolf bei sich. »Ich werde den Weg nach der ›Grünen Schanze‹ bald wieder einschlagen müssen, um auf dem Laufenden zu bleiben.«

Der Oberkellner kam und forderte die beiden Herren auf, an dem bestellten Tisch Platz zu nehmen. Martens hatte für seine Gäste an der großen Tafel, die mitten im Speisezimmer stand, eine genügende Anzahl Gedecke auflegen lassen. Die Speisen wurden gebracht.

Ilse Hergenbach saß in schräger Richtung von Smiders und bemerkte sehr bald, wie sie von ihm anhaltend beobachtet wurde. Sie wollte nicht hinübersehen. Trotzdem trat aber das Verlangen in ihr auf, die siegreiche Kraft ihres Blickes zu erproben.

Sie hatte keine besondere Absicht dabei. Es war nur ein leichtes Spiel, das ihr Unterhaltung bieten sollte. Was aber alsdann vorging, wußte sie selbst kaum. Nicht ihr Blick siegte, sondern der, der sie jetzt traf. Sie erzitterte darunter, und rasch senkten sich ihre Lider. -- Dabei zwang sie eine unerklärliche Kraft, noch einmal hinüberzuschauen. Es wiederholte sich der gleiche Vorgang.

Smiders trat kurze Zeit darauf, ein volles Weinglas in der Hand haltend, an die große Tafel heran. Er trank auf das angenehme Zusammentreffen in Swinemünde. Sich zu Ilse wendend, sagte er leichthin:

»Ich muß Sie schon einmal gesehen haben. Helfen Sie meiner Erinnerung nach, Fräulein Hergenbach!«

Er wollte nur, daß sie die Augen zu ihm aufschlug. Sie tat es aber nicht und gab kurz zur Antwort:

»Ich wüßte nicht, Herr Smiders!«

»Doch, doch, mein Fräulein,« wiederholte er. »Hoffentlich habe ich bald Gelegenheit, mit Ihnen darüber weiter plaudern zu können.«

Wolf, der vor einiger Zeit ans Telephon gegangen war, kam jetzt zurück. Seine Züge verrieten großen Ernst.

»Jürgen ist noch nirgends aufgetaucht, weder in den Ortschaften an der linken Haffseite, noch zu Hause. Ich habe Armin beauftragt, unausgesetzt nachzuforschen.«

Herta legte sofort Messer und Gabel beiseite.

»Um Gottes willen, Wolf,« sagte sie, »wenn Jürgen ein Unglück zugestoßen wäre! Wie schrecklich! Ich mag es nicht ausdenken.«

»Aber verehrte Freundin,« fiel Martens ein, »unserem Riesen Jürgen geschieht so leicht nichts. Er wird sich in irgendeinem kleinen Dorf aufhalten und kein Telephon zur Verfügung haben. -- Mein Gott, wie bleich Sie plötzlich aussehen, Fräulein Hergenbach,« fuhr er, zu dieser gewandt, fort. »Ist Ihnen etwas?«

Ilse schüttelte mit dem Kopf, brachte aber kein Wort heraus. Es schnürte ihr förmlich die Kehle zu. Wenn Jürgen in eine Fischwake geraten und tot wäre! Sie malte sich in diesem Augenblick das Entsetzlichste aus. Eine fieberhafte Unruhe bemächtigte sich ihrer. Es drängte sie, überall selbst nachzufragen. Nur nicht die Ungewißheit länger ertragen, was mit ihm geschehen sein konnte. Sie kam zu einem Entschluß.

»Tante Herta, der Anruf von Stettin kann jeden Augenblick erfolgen! Dein Bruder hat noch nicht gegessen. Ich gehe ans Telephon!« Sie sprang auf und eilte hinaus, ohne eine Antwort von Fräulein Plüddekamp abzuwarten.

Konsul Martens sah ihr erstaunt nach, während Wolf eine hastige Bewegung machte, als ob er ihr folgen wollte.

»Es ist höchst unnötig, daß sich Fräulein Ilse in dem kalten Telephonraum aufhält,« stieß er dann ärgerlich aus. »Sowie der Anruf kommt, holt mich doch der Kellner.«

Konsul Martens lächelte fein.

»Fräulein Hergenbach tritt in letzter Zeit viel selbständiger auf,« sagte er zu dem Geschwisterpaar. »Es scheint, als ob ihr Charakter ein ganz anderer ist, als sie anfangs zeigte.«

»Sie hat bald mehr Interesse für Jürgen, als wir selbst,« murmelte Wolf vor sich hin. Der Braten, den er sich bestellt hatte, war durch seine Abwesenheit kalt geworden und schmeckte ihm nicht mehr. Er stand plötzlich auf, in der Absicht, Ilse Gesellschaft zu leisten.

»Bleib, Wölfchen,« sagte Herta, »es hat doch wirklich keinen Zweck, wenn ihr zu zweit dort draußen aufpaßt. Laß Ilse ihren Willen und unterhalte dich lieber mit uns.«

»Hast wohl noch keine Nachricht von deinem Bruder, Wolf?« rief Smiders auf einmal herüber.

»Nein!« klang es zurück. »Unser Prokurist telephoniert überallhin.«

»Ich will meinem Büro auch den Auftrag geben,« bemerkte Smiders darauf und erhob sich lässig. »Entschuldigen Sie, Herr Kneis, ich komme sofort wieder.«

Wolf trat ihm aber in den Weg und sagte: »Laß dies, bitte! Es hat wirklich keinen Zweck, wenn du deine Leute noch bemühst. Unser Prokurist traf bereits die umfassendsten Maßnahmen.«

»Aber es geht doch schneller, wenn von zwei Seiten angefragt wird,« wehrte Smiders ihn ruhig ab und schritt weiter der Tür zu.

In Wolfs Gesicht kämpfte jetzt Ärger und Unwille. Er kannte die Zudringlichkeit von Smiders und wollte nicht dulden, daß dieser mit Ilse allein war.

Konsul Martens sah der kleinen Szene interessiert zu.

»Merkwürdig,« sagte er, sich zu Herta wendend, »das Telephon muß heute eine besondere Anziehungskraft haben. Jetzt wollen sie sich schon zu dritt dort aufhalten. Unser braver Jürgen wird sich sicher bald melden, denn er steht gewiß mehr Sorge um uns aus, als wir seinetwegen zu haben brauchen.«

Diese Worte sollten sich bewahrheiten, noch ehe die beiden Herren das Speisezimmer verlassen hatten, öffnete sich die Tür, und Ilse kam mit freudestrahlender Miene herein. Sie rief schon von weitem:

»Welch ein Glück, Tante Herta! Dein Bruder ist wieder zu Hause! Ich habe soeben mit ihm selbst telephonisch gesprochen.« Ihr ganzes Wesen atmete eine Leidenschaftlichkeit aus, die allen auffallen mußte. Sie schien wie von einem Rausch erfaßt zu sein.

»Erzähle nur ruhig, Ilse, wie es ihm ergangen ist,« erwiderte Herta.

Diese nahm sich sofort zusammen. »Dein Bruder hat unterwegs ein paar Fischer angetroffen und sich nach Stepenitz bringen lassen. Von dort ist er mit dem nächsten Zuge direkt nach Stettin gefahren, weil er hörte, daß der Amerikadampfer nicht ausgelaufen wäre.«

Wolf und Smiders traten ebenfalls an den Tisch heran, als Ilse weiter fortfuhr:

»Herr Plüddekamp fragte mich sofort über alles aus, und ich habe kurz berichtet, daß uns der ›Fritjof‹ hierherschleppte. Wir werden mit dem Abendzug von ihm erwartet.«

»Ich bin recht froh,« sagte Herta in herzlichem Tone, »daß wir nun beruhigt sein können!«

»Du glaubst nicht, Tante Herta, wie mir zumute wurde, als ich deines Bruders Stimme durch das Telephon vernahm. Er war doch wieder da und ihm nichts zugestoßen.«

Sie brachte diese Worte mit einer solchen Wärme des Ausdrucks hervor, daß Konsul Martens leicht den Kopf schüttelte und vor sich hinsprach:

»Sonderbar, ich hätte doch gedacht --! Aber man lernt im Leben nie aus.« --

Während der gemeinsamen Fahrt nach Stettin sagte Smiders zu Wolf:

»Hätte nicht geglaubt, daß ich in Swinemünde so famose Stunden verleben würde. Gefällt mir riesig, mit euch zusammen zu sein. Du hast doch nichts dagegen, wenn ich euch in den nächsten Tagen meinen Besuch mache?«

Wolf hatte schon auf der Zunge, zu antworten: »Es ist mir viel angenehmer, wenn du wegbleibst,« war aber gezwungen, ihm gerade das Gegenteil auszudrücken.

Als der Zug in den Bahnhof einlief, stand die mächtige Gestalt Jürgens auf dem Perron. Er erwartete seine Geschwister. Herta stieg zuerst aus; er schloß sie in seine Arme und küßte sie auf die Stirn. Hierin lag der Ausdruck einer hohen Freude, sie wieder glücklich bei sich zu haben. Wolf und Martens schüttelte er derb die Hand. Dann stand plötzlich Ilse vor ihm, und er mußte ihr ebenfalls ein paar Worte sagen. Ihre Blicke strahlten ihm derartig entgegen, daß er davon peinlich berührt wurde.

»Ich sandte Ihnen einen Wunsch nach, als Sie den gefahrvollen Weg über das Eis antraten, Herr Plüddekamp,« sagte sie mit ihrer tiefen Altstimme, »und er ist mir in Erfüllung gegangen.«

Jürgen wurde seiner Antwort enthoben, da Martens, Smiders und der lange Hamburger dazwischen kamen.