Chapter 2 of 24 · 1591 words · ~8 min read

II.

»Jochen, -- Jochen!« erscholl es aus der großen Toreinfahrt über den Hof hinweg. »Teufel, wo steckt der Jochen wieder!« setzte Wolf Plüddekamp halblaut hinzu.

Die große vierschrötige Gestalt des Aufsehers und Hausfaktotums stapfte jetzt über das Pflaster des Hofes heran. Der Mann mußte schon an sechzig Jahre zählen. Sein Rücken zeigte eine leichte Krümmung; das kam von der gehabten schweren Arbeit. Der mächtige Oberkörper des Riesen stak in einer dicken Flauschjacke, und an den Füßen trug er halbhohe Schaftstiefel, die einem Steindenkmal zur Ehre gereicht haben würden.

Er stand nun vor dem jungen Kaufherrn, der bei seinem Anblick ein schalkhaftes Lächeln nicht unterdrücken konnte. Jochen Hindorf war eine biedere, ehrliche Seele, die, seit mehr als einem Menschenalter im Hause Plüddekamp erprobt, deshalb eine Sonderstellung einnahm. --

»Jochen! Wo bleibst du denn? Du glaubst wohl, daß ich meine Lunge gestohlen habe?« fuhr Wolf ihn an.

Jochen Hindorf wußte, daß die Worte nicht ernst gemeint waren.

»Jäh -- Herr Wolf! Ich bin ja schon da!«

»Das sehe ich, Jochen! Du hast mich aber lange genug warten lassen. Ist das Transportauto von der Lastadie gekommen?«

»Jäh woll -- Herr Wolf!«

»Wird abgeladen?«

»Jäh woll -- Herr Wolf!«

»Jochen -- du riechst mörderlich nach Schnabes -- -- du hast dich wohl schon vorzeitig gestärkt!«

»Näh -- Herr Wolf! Nur 'nen kleinen Schnaps genommen.«

»Jochen, der wird drei Daumen breit an der Flasche zu messen gewesen sein -- --«

»Hö, hö, hö!« lachte Jochen Hindor wohlgefällig. »Meine Daumen sind eklig breit, damit kann ich nicht beim Schluck hantieren. Ich mach's nach Gutdünken.«

»Dann bist du jeder Verantwortung in bezug auf das Quantum ledig, Jochen! Weiß schon --«

»Jäh, Herr Wolf! So 'ne alte Haut -- hält keine Wärme mehr, -- da muß ich gründlich einheizen.«

Wolf Plüddekamp lachte hell auf.

»Hast recht, alter Knabe! Wer lang trinkt, der lebt lang! Ich glaube, du hast dies zur Richtschnur genommen. -- Muß ich noch auf den Speicher oder --?«

»Hat der Chef es gesagt?« warf Jochen bedächtig ein. Er sprach manchmal Platt, dann aber wieder etwas Hochdeutsch dazwischen, je nachdem seine Stimmung war und der Pegel des Alkohols stand.

Jürgen Plüddekamp galt den Leuten gegenüber immer als der Hauptchef der Firma, obwohl Wolf Plüddekamp ebenfalls an dieser beteiligt war.

Herta und Wolf besaßen nicht das gleiche Vermögen wie Jürgen. Das mütterliche Erbe des ältesten Bruders war sehr bedeutend gewesen, während die zweite Frau des Geheimen Kommerzienrat Plüddekamp nur große Schönheit besaß, -- um derentwillen der reiche Mann sie heiratete.

»Du kannst es dir doch denken, Jochen!« antwortete Wolf jetzt. »Aber hör mal, alte Schnapsseele! Wenn Jürgen fragt -- bin ich oben. Rauf steigt er ja nicht. -- Also verstanden! Ich habe etwas vor und da will ich -- --«

»Ist auch gar nicht nötig -- Herr Wolf! Ich besorge alles prompt, amüsieren Sie sich man gut. Und dann wollt ich nur man noch sagen -- die Flasche mit dem alten Dänen ist rein zu Ende, an der muß aber gründlich gemaust sein.«

»Oder deine Daumen haben nicht ausgereicht, Jochen! Ich werde dir den Stoff wieder mitbringen!«

»Bei der Winterzeit -- Herr Wolf! Kalte Füße.«

»In deine Elefantenstiefel und die dicken Wollnen von Muttern dringt doch die Kälte nicht hinein, Jochen.«

»Das sagen Sie so, Herr Wolf. Aber stundenlang beim Aufladen zu stehen -- nächstens --«

»Ich glaube dir alles, Jochen!«

»Jäh woll -- Herr Wolf.«

Der Alte machte etwas schwerfällig kehrt und verschwand über den von hohen elektrischen Bogenlampen erleuchteten Hof nach den Speichern zu, denen sich ein tiefer Garten bis zur nächsten Straße anschloß.

Das alte Haus mit seinem Hinterland war für neue Verhältnisse von sehr großer Ausdehnung und hatte darum einen hohen Wert. In der Bilanz standen Gebäude und Areal noch ebenso zu Buch wie vor hundert Jahren. Es war nie ein Wertzuwachs hinzugefügt worden. Diese stille Reserve des Familienvermögens betrug viele Hunderttausende.

Jürgen Plüddekamp konnte alljährlich mit wohlberechtigtem Stolz auf die Zahlen hinschauen, die er Wolf nur flüchtig zeigte, um das Bilanzbuch sofort wieder in einem Sonderfach des Geldschrankes zu verschließen.

Im großen Speicher begann das geräuschvolle Rollen und Schütteln des Korns in den Trieuren. Eine dichte graue Staubwolke umzog die Maschinen, durchhellt von dem Schein des elektrischen Lichtes.

Der Roggen wurde in breite Haufen aufgeschüttet. Die Ware stieg durch das Reinigen bedeutend im Werte und sollte exportiert werden.

Als das leere Transportauto durch die große Toreinfahrt wieder auf die Straße hinausrollte, sah Jürgen Plüddekamp im Kontor auf die Uhr. Er konnte nach der seit der Ankunft verflossenen Zeit genau kontrollieren, ob die Sackträger ihre Schuldigkeit getan hatten. Einen Augenblick schaute er auf den leeren Platz ihm gegenüber, den sonst sein Bruder Wolf einnahm, und nickte mit dem Kopfe, als ob er sich selbst eine Zustimmung gebe. -- Dann langte er nach einer blauen Kapitänsmütze, die zu seinem täglichen Gebrauch in Haus und Hof an der Wand hing, setzte sie auf und ging durch das anstoßende große Kontor zur Torflur hinaus.

Die Buchhalter standen vor den mächtigen, stark gebundenen Büchern und machten ihre Eintragungen. In der Korrespondenzabteilung klapperten die Schreibmaschinen, sie wurden von jungen Leuten bedient. Jürgen Plüddekamp liebte keine Maschinenschreiberinnen.

»Junge Mädchen lassen ihre Augen zuviel spazieren gehen, Herta! Es beeinträchtigt die Arbeit meiner Angestellten. Vor mir fallen die Augenklappen ernst herunter, hinter mir blitzt es gleich wieder los. Eine Schwerenöterin ist stets darunter, und der Ärger bleibt nicht aus. -- Danke dafür.« So lehnte er es seiner Schwester ab, einige ihrer Schützlinge unterzubringen.

Im Kontor des Hauses Plüddekamp mußte ohne Unterbrechung gearbeitet werden, dafür gab es eine pünktliche Arbeitseinteilung.

Jürgen war in der großen Toreinfahrt verschwunden, die jungen Leute im Kontor reckten ihre Köpfe in die Höhe. Die Schreibmaschinen standen einen Augenblick still und leises Gespräch wurde hörbar. Sowie es aber einen etwas lauteren Charakter annahm, ertönte die helle Stimme des Prokuristen Armin:

»Bitte, meine Herren, äußerste Ruhe! Sie wissen, der Chef liebt keine Unterhaltung.«

Einige hastig hingeworfene Worte ließen sich noch von den einzelnen Schreibtischen vernehmen, dann klapperten die Maschinen wieder mit dem raschen Aufschlag der Tasten.

»In einer halben Stunde muß sämtliche Korrespondenz von heute dem Chef vorgelegt werden!« Der Prokurist Armin sprach kurz und bündig, seine Anordnungen klangen darum wie militärische Befehle. Er hatte mit Jürgen zusammen bei einem Stettiner Regiment gedient. Von dort datierte bereits ihre Freundschaft, aus der ein gegenseitiges hohes geschäftliches Vertrauen entstanden war. Wolf selbst konnte es bei seinem Bruder in dem Maße nicht erreichen.

Jürgen tauchte aus der Dunkelheit auf und stand plötzlich vor dem alten Hindorf.

»Jochen, warum bringst du die Ladeliste nicht ins Kontor?«

Der Alte schrak zusammen und verbarg hastig etwas im Innern seiner dicken Flauschjacke. Jürgen hatte es aber bereits bemerkt.

»Du bist unverbesserlich, Jochen! Nächstens setze ich dich ganz zur Ruhe. Ich brauche Leute, die pünktlich auf die Minute ihren Dienst versehen. Gib mir jetzt die Liste.«

Der Alte holte diese aus einer vorderen Tasche der Jacke hervor und reichte sie Jürgen schweigend hin.

»Hat sich beim Abladen nichts herausgestellt?«

»Nä--h, Herr Plüddekamp!« Der Alte brachte es mit bitterer Betonung hervor.

»Desto besser! Ist mein Bruder auf dem Speicher -- beim Kornreinigen?«

»Nä--h, Herr Plüddekamp!«

Jochen Hindorf hatte diese Antwort ohne Absicht in einem Anflug von verschlucktem Ärger und Bitterkeit hervorgestoßen. Er besann sich jedoch sofort und begann zu stottern: »Jäh -- woll, Herr Plüddekamp! Er -- ist oben!«

»Du redest Unsinn, Jochen, und hast wieder zu tief in die Flasche gesehen! Es geht auf keinen Fall mit dir so weiter! Ich werde einmal selbst nachschauen!«

Ganz bestürzt, daß nun das Fehlen Wolfs herauskommen mußte, stellte sich Jochen Hindorf rasch in die Treppentür des Speichers. Sein mächtiger Körper füllte den großen Türrahmen beinahe aus, so daß niemand an ihm vorüber konnte.

»Es staubt ganz gewaltig, Herr Plüddekamp, und das ist der Lunge nicht gut!«

»Was fällt dir ein, Jochen! Mach sofort Platz! Ich will hinauf!« stieß Jürgen barsch hervor.

Jochen zögerte noch einen Augenblick, sein Liebling Wolf war in Gefahr. Lieber wollte er jetzt für den geschehenen Fehler alles auf sich nehmen.

»Ich will Herrn Wolf doch runter rufen, Herr Plüddekamp. Sie haben keinen Staubkittel an.«

»Es geht auch ohne diesen,« erwiderte Jürgen scharf, schob Jochen Hindorf trotz seiner Schwere schnell beiseite und sprang wuchtig die Stufen zu den Speicherräumen empor.

Als er einige Zeit darauf wieder herunterkam, schritt er an dem alten Aufseher vorüber, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.

»Dunnerlüchting!« fluchte dieser. »Wie haben die franzö'schen Gefangenen bei uns im Barackenlager immer gesagt: ›Grand malhör!‹ Hm -- -- -- das ist nun da! Mein Herr Wolf ist reingefallen und der alte Däne ist für mich futsch.«

Jürgen Plüddekamp hing in seinem Privatkontor die Mütze an die Wand und ging einige Male stark auf und ab. Die Dielen knarrten unter seinen schweren Schritten.

»Wolf hat es doch nicht nötig, mir etwas vorzuflausen! Warum tut er es?« dachte er. »Er besitzt die völlige Freiheit, zu kommen und zu gehen, wie es ihm gefällt. Ist sein jetziges Verhalten eines echten Kaufmanns würdig? -- Auf das einfache Wort eines Mannes soll man Häuser bauen können. Und Wolf! -- Um sich zwei Stunden Aufsicht zu ersparen, zieht er selbst den alten Hindorf mit in Unwahrheiten hinein. -- Ich habe es dir in die Hand gelobt, Vater, über ihn zu wachen. Je älter er aber wird, desto schwerer ist es für mich.«

Es klopfte. Ein Angestellter brachte die fertige Korrespondenz und sah sich erstaunt um, weil der Chef nicht den gewohnten Platz einnahm. -- Jürgen atmete schwer auf. Er machte sich an die Arbeit, die Briefe zu unterzeichnen. Aus der breiten Goldfeder, deren er sich dazu bediente, floß es in markigen Buchstaben: »Jürgen Plüddekamp.«