Chapter 13 of 24 · 2367 words · ~12 min read

XIII.

Die Unruhe kehrte im Plüddekampschen Hause ein. Nach einer kurzen Nachtmahlzeit waren die Geschwister und Ilse auf ihre Zimmer gegangen. Wolf lief in dem seinen aufgeregt hin und her.

Er verstand Ilses Verhalten nicht. Es war kein leichter Flirt, den sie trieb, oder ein unbewußter Drang erwachender Leidenschaft. Einen Augenblick hindurch fühlte er Liebe und Hingebung bei ihr, blitzschnell ging es vorüber. Martens lächelte sie verheißungsvoll an, dem fatalen Smiders schenkte sie Aufmerksamkeit, und Jürgen -- sie sorgte sich um ihn, als ob er ihr nahestände. Sie fesselte jeden, der ihr in den Weg trat, und wehrte dann durch plötzliche Stummheit von sich ab. Was ging in ihr vor? Hatte sie überhaupt kein Herz -- die Hexe Ilse? Eine wirkliche Hexennatur will niemand beglücken, -- es gelüstet sie nach Vernichtung, wie Herta sagte.

Die Gedanken marterten ihn. Er versuchte zu schlafen und fand keinen Schlaf.

Sollte er sie zu seiner Frau machen? Wie kam es, daß er erst jetzt daran dachte! Jürgen und Herta würden sich dagegen stellen. Aber Ilse, -- bei einem solchen Entschluß mußte sie ihm Rede stehen. -- --

Ilses Zimmer lag im zweiten Stockwerk. Sie war langsam die Treppe hinaufgestiegen und hatte sich flüchtig umgesehen, da die zwei Brüder noch einen Augenblick auf dem Korridor stehen blieben. Jürgen, der große, kräftige Mann, -- daneben die schlanke, biegsame Gestalt des jüngeren Wolf, -- beide konnten wohl einem jungen Mädchen gefallen.

In ihrem Zimmer angekommen, entkleidete sie sich langsam, und ihr Blick streifte dabei ein paarmal den hohen Pfeilerspiegel. Ein bleiches Gesicht sah ihr entgegen, aus dem die Augen mit stark leidenschaftlichem Ausdruck hervortraten. -- War sie das selbst -- Ilse Hergenbach? Sie mußte es wohl sein! Und doch kam ihr das Spiegelbild vollständig fremd vor. Hatte sie sich so verändert? Das Blut rollte ihr heiß durch die Adern -- in ihrem ganzen Wesen ging eine seltsame Wandlung vor. -- Sie wollte die Arme ausbreiten, um ein Schemen an sich zu ziehen. Ihr ganzer Körper dehnte und streckte sich, und sie empfand ein Verlangen, über das sie sich selbst keine Rechenschaft geben mochte. Wolfs Neigung erwiderte sie nicht. Sie fühlte, daß die von Jürgen ausströmende Kraft ihr Fühlen immer stärker beherrschte. Wie lange hatte sie das Leidenschaftliche ihres Wesen schon zurückdämmen müssen! Würde es jetzt jede Schranke hinwegreißen?

»Jürgen! Jürgen!« stieß sie laut aus.

Was konnte sie ihm sein? Würde er sie verstehen? Ein Mann, der für die Liebe zur Frau keine Zeit fand, mußte doch beglückt sein, wenn sie sich ihm rückhaltslos darbot. Aber -- kannte sie sich selbst? Jener Augenblick in Swinemünde trat plötzlich mit erschreckender Deutlichkeit vor sie hin. Sie zuckte darunter wie unter einem Peitschenhiebe zusammen. Ein heißer Blick -- ein überlegenes Lächeln tauchte vor ihr auf. Wer war dieser Mann, der es wagte, ihr so zu begegnen? Das Blut floß ihr wild durch die Adern, es prickelte in allen Nerven ihres Körpers. Sie mußte daran denken, ob sie es auch von sich abschütteln wollte.

»Jürgen! Jürgen!« stöhnte sie leidenschaftlich auf.

Welche widerstreitenden Gefühle regen sich im Menschen! Was ist Liebe? Was ist Leidenschaft? Wie wirr geht beides durcheinander, und keins vermag die Oberhand zu erringen!

Es dauerte eine geraume Zeit, ehe das Licht in Ilses Zimmer erlosch. Über dem alten Kaufherrnhause ging in der klaren Winternacht der Mond mit hellem Schimmer auf. Sein milder Schein glitzerte auf den Fensterscheiben, er drang aber nicht durch die dichten Vorhänge, um ruhelose Seelen friedvoll zu stimmen. -- -- --

In den Straßen der Stadt war durch den starken Schneefall eine gute Schlittenbahn entstanden. Die in der Wintersonne aufleuchtende weiße Decke warf ihren Glanz in die Kontorstube, in der jetzt Jürgen und Wolf die Lagerbücher einer Prüfung unterzogen.

»Es fehlen noch eine Anzahl Lieferungen,« bemerkte der erstere, »sobald das Eis taut und die Schiffahrt beginnt, müssen wir für den Export gerüstet sein.«

»Wie steht es mit Oberamtmann Wichers?« fragte alsdann Wolf. »Er wollte doch über zehntausend Zentner mehr liefern.«

Jürgen nahm das Haustelephon zur Hand, drückte auf den Knopf und sprach zum Prokuristen Armin hinüber.

»Wieviel Zentner Roggen haben wir aus Wershagen herein? Hm, hm,« machte er gedehnt. »Es hat in der letzten Zeit gestockt,« wandte er sich an seinen Bruder. »Armin gibt an, daß erst die ungefähre Hälfte gesandt ist.« Er legte das Hörrohr wieder fort. »Du wirst nachhelfen müssen, Wolf, -- bist auch recht lange nicht in Wershagen gewesen.«

»Wie soll ich jetzt hinauskommen, Jürgen?« erwiderte dieser. »Zum Reiten ist es mir zu kalt. Auch liegt der Schnee sehr hoch.«

»Bist du auf einmal schwerfällig!« meinte Jürgen. »Es ist doch die schönste Schlittenbahn von der Welt! Du wirst warm eingepackt und landest in zwei bis zweieinhalb Stunden in Wershagen.«

Wolf zog ein gelangweiltes Gesicht. »Eine endlose Fahrt, Jürgen! In Gesellschaft lasse ich sie mir gefallen, aber stundenlang allein im Schlitten zu sitzen, kannst du mir wirklich nicht zumuten.«

»Du hast es doch früher getan!« entgegnete Jürgen erstaunt. »Ich wundere mich überhaupt, daß du nicht mehr nach Wershagen hinausfährst. Was soll Oberamtmann Wichers von uns denken? Dir fiel es immer zu, den gesellschaftlichen Verkehr aufrechtzuerhalten.«

»Fahr du doch hinaus, Jürgen!«

»Ich bin hier nicht abkömmlich! Dann machst du auch deine Sache in Wershagen besser als ich.«

»Ich will aber in Lieschen Wichers keine Hoffnung erwecken,« brummte der junge Mann, »was soll schließlich daraus werden?«

»Soooo,« dehnte Jürgen das Wort aus, »Mieze Thadden siegt also im Rennen --«

»Ich denke nicht daran, Jürgen!« sagte Wolf.

»Holla, mein Junge! Was ist auf einmal mit dir los? Du pendelst doch schon lange zwischen den beiden hin und her.«

»Ich höre damit auf, Jürgen!«

»Du bist heute recht ungemütlich, Wolf,« lachte Jürgen auf. »Das kommt von deinem Junggesellentum. Du darfst es mir nicht nachmachen. Es wird Zeit, daß du dich entscheidest. Haus Plüddekamp braucht einen Erben. Das ist doch klar!«

»Gewiß, Jürgen! Aber ich habe keine Lust, mir eine Frau zu nehmen, die nicht zu mir paßt. Vielleicht stellt sich über Nacht ein guter Gedanke ein, dann bin ich sofort dabei.«

»Vorsicht, Wölfchen! Doppelte Vorsicht! Ein kluger Geschäftsmann wägt erst und dann wagt er. Hast du es getan?«

»Ich denke noch nicht daran,« brachte Wolf unwillig hervor. »Warum fragst du mich so aus? Du willst mir meine Freiheit lassen und legst jetzt Daumenschrauben an.«

»Kalt Blut,« sagte Jürgen begütigend, »es ist nicht so einfach damit. Die Herrin für Haus Plüddekamp muß vollwertig sein, sonst gibt Herta das Zepter nicht ab. Schaffe uns keine schwierige Lage. Von vornherein soll volle Klarheit herrschen.«

»Du bist ein schrecklicher Mentor, Jürgen, und wirst es noch dahin bringen, daß ich aus dem alten Nest flügge werde.«

»Auf keinen Fall, Wolf!«

»Wieso, Jürgen? Du und Herta seid hier genug! Du versorgst vortrefflich das Geschäft, Herta ebenso das Haus. Außerdem hast du noch Armin zur Seite. Wenn ich die Zinsen von meinem Vermögen nehme, kann ich überall bequem auskommen. Ich halte es Herta gegenüber für ausgeschlossen, bei einer Verheiratung hier zu bleiben.«

»Junge! Wolf! Das geht ja über die Hutschnur und Pappelbäume! Du, mein Bruder, ein Plüddekamp, und aus dem Plüddekampschen Hause fort -- das leide ich einfach nicht! -- Deine Söhne brauchen mich doch! Ich muß sie zu tüchtigen Kaufleuten erziehen, die unserer Firma einst Ehre machen!«

»Du bist wirklich großartig, Jürgen! Deine Sorge um mich -- in allen Ehren. Daß du aber schon so weit gehst, meine Söhne, die noch gar nicht auf der Welt sind, unter deine Fuchtel nehmen zu wollen --«

»Na, ja,« unterbrach ihn Jürgen lachend, »hör nur auf! Ich will dir wirklich dein Recht nicht rauben, Wölfchen! -- Jetzt bestelle ich den Schlitten, damit du noch zur Tischzeit in Wershagen eintriffst.«

»Nein!« Wolf hatte es kurz ausgestoßen. »Ich kann heute nicht. Ich habe auch keine Laune dazu.«

»Ja, zum Teufel, was ist eigentlich mit dir los!« wurde Jürgen aufgebracht.

»Vorläufig noch gar nichts, aber es kann noch werden.«

»Du sprichst in Rätseln, Wolf.«

»Die Lösung sollst du bald erfahren!«

Jürgen ahnte bereits, wohin dies zielte. Er wollte aber nicht gewaltsam auf seinen Bruder einwirken und überlegte einen Augenblick, wie er die Angelegenheit mit Wershagen am besten regeln konnte.

Inzwischen ertönte auf der Straße helles Schellengeläut. Ein großer Jagdschlitten mit prächtigen Rappen, die von der schnellen Fahrt dampften, hielt vor dem Toreingang.

»Das klappt geradezu wunderbar!« rief Jürgen aus. »Sieh nur hinaus, Wölfchen! Die Wershagener sind da! Was für ein rosiges Gesicht dort aus der Pelzkappe hervorschaut und neugierig zu unseren Fenstern herüberlugt, ob nicht ein gewisser junger Herr zugegen ist! Erkennst du Lieschen Wichers nicht?«

»Ja, ich sehe wohl,« murrte Wolf, »nun haben wir sie auf dem Halse.«

»Das war kein schönes Wort von dir, Wolf! Wichers sind prächtige Menschen, und ich freue mich, wenn sie zu uns kommen. Ein Beweis, na -- ich schweige --«

Er griff hastig nach seiner blauen Mütze und eilte zum Toreingang, um den Oberamtmann und seine Tochter zu begrüßen. Ehe er an den Schlitten trat, drückte er auf den Kopf der elektrischen Leitung, die nach dem Stall führte. Die Pferde vor dem Wershagener Schlitten sollten ausgespannt werden.

Oberamtmann Wichers war ein untersetzter rundlicher Herr mit roten Backen und einem starken blonden Vollbart. Er stieg aus dem Schlitten und reichte seinem Kutscher die Zügel hin. Dann half er seinem Töchterchen, die dem großen Pelzfußsack entrinnen wollte. Er wurde dabei sofort von Jürgen unterstützt, nachdem sie sich mit biederem Handschlag begrüßt hatten.

»Muß doch selbst einmal hersehen, lieber Herr Plüddekamp,« meinte der Oberamtmann. »Wir haben Ihren Herrn Bruder fast täglich erwartet. Er ist hoffentlich nicht krank! Mein Lieschen verlangt nach ihrem Partner im Klavierspiel. Ich habe sie darum gleich mitgebracht.«

Lieschen Wichers, die in dem gesunden, frischen Aussehen ganz ihrem Vater glich, legte jetzt ihre kleine Hand in die mächtige Rechte Jürgens hinein.

»Guten Tag, Herr Plüddekamp! Ich will wirklich nicht stören und habe vieles in der Stadt zu besorgen. Der Schlitten soll mich weiterfahren. Vater hat ja mit Ihnen geschäftlich zu sprechen.«

»I wo,« sagte Wichers, »du wolltest doch --«

»Aber Papa! Das war nur so nebenbei --«

Jürgen lächelte verständnisvoll. Er sah dem kleinen Landfräulein ganz deutlich an, daß ihr Herz nach dem hübschen Wolf Sehnsucht empfand. Dieser war inzwischen langsam nachgekommen. Er schüttelte dem Oberamtmann kräftig die Hand und begrüßte dann Lieschen Wichers, die ihn mit ihren blauen Augen freundlich anlächelte.

»Wenn der Prophet nicht zum Berge kommt, muß der Berg wohl zum Propheten kommen,« meinte der Oberamtmann mit wohlgefälligem Lachen, »da sind wir nun! Immer eine kleine Weltreise nach Stettin herein, aber bei der prächtigen Schlittenfahrt ganz wunderbar. Sie hätten nur sehen sollen, wie meine Rappen auf der Landstraße dahinstoben! Solche glatte Bahn gab es lange nicht.«

»Wir wollen aber nicht in der Kälte stehen bleiben!« sagte Jürgen. »Wolf, du begleitest wohl Fräulein Wichers zu Herta. -- Lieber Oberamtmann,« wandte er sich an diesen, »wir haben das Geschäftliche mit zwei Worten abgemacht und setzen uns dann an den Frühstückstisch.«

»Ist mir nur angenehm,« erwiderte Wichers. »Ich habe zwar heute morgen tüchtig vorgelegt, aber nach der Fahrt bekomme ich immer einen Mordshunger.«

»Um so besser,« fiel Jürgen ein, »es geht nichts über eine gemütlich lange Frühstückssitzung, die liebt jeder gute Pommer.«

Die beiden Herren gingen in das Kontor, während Lieschen Wichers und Wolf die große Treppe emporstiegen. Als dieser ihr dann behilflich war, die äußeren warmen Hüllen abzunehmen, eilte Ilse sofort herbei. Wolf stellte kurz vor: »Fräulein Ilse Hergenbach, die Tochter einer Freundin Hertas -- Fräulein Lieschen Wichers aus Wershagen.«

Die schlanke Figur Ilses überragte das junge Mädchen bedeutend. Sie standen jetzt nebeneinander, und Wolfs Augen konnten über beide prüfend hinweggleiten. Ein Blick sagte ihm, daß das einfache Äußere von Lieschen Wichers niemals Ilse die Wage halten konnte. Was verkörperte sich alles in diesem seltsamen Geschöpf!

Herta, die jetzt gekommen war, drückte Lieschen freundlich die Hand und zog sie mit sich in den kleinen Damensalon hinein. Ilse und Wolf blieben einen Augenblick allein zurück.

»Ilse,« flüsterte er, und ein Zittern lief dabei durch seinen Körper, »seitdem ich dich im Arm gehalten, bin ich vollständig ruhelos. Ich habe mich die Nacht zu einem Entschluß durchgerungen und ich muß dich unbedingt sprechen.«

Sie gab ihm keine Antwort darauf.

»So rede doch!« wurde er aufgeregter. »In einem Augenblick sind wir wieder mit den anderen zusammen.«

Sie schwieg jedoch beharrlich, und als sein Auge leidenschaftlich das ihre suchte, sah sie über ihn hinweg in das Dunkel des langen Korridors hinein.

»Ilse, du bringst mich noch zur Verzweiflung! Sprich endlich! Du hast doch an meiner Brust gelegen! Dein Mund duldete meine Küsse, und nun --«

Sie trat schnell in das Speisezimmer. Wolf stampfte mit dem Fuße auf, und ihr hastig nacheilend, flüsterte er im Vorbeigehen: »Es muß anders werden, Ilse, sonst hast du mich auf dem Gewissen!«

Lieschen Wichers schaute sich schon ein paarmal um, wo Wolf blieb. Als er jetzt, kaum Herr seiner Erregung, in den Salon trat, sah sie erstaunt zu ihm auf. Das war Wolf Plüddekamp nicht mehr, er schien ein ganz anderer geworden zu sein. Seine Blicke irrten unruhig umher, als er sie fragte:

»Wie schaut es in Wershagen aus! Wohl alles verschneit?«

»Ach -- reizend!« erwiderte sie. »Sie sollten es nur sehen, Herr Plüddekamp! Auf den Dächern und Bäumen die großen Schneelasten, neben den Fahrwegen hohe weiße Mauern, und auf dem Futterplatz die lieben Tauben, Hühner und viele kleine, arme Wintervögel. Ich verschaffe ihnen reichliches Futter. Papa muß es schon herausrücken.«

Herta nickte ihr freundlich zu.

»So ist es recht, Fräulein Wichers! Nur für die armen Tierchen sorgen, wenn der Winter hart und kalt ist. Hier in der Stadt liest man immer in den Zeitungen: Sorgt für die Vögel! Sorgt für die Zughunde! und wie die schönen Aufrufe alle heißen. Ich bin im Tierschutzverein und suche namentlich die kleinen Hundewagen auf, die Milch, Gemüse und Kartoffeln von draußen hereinschaffen. Bauersleute und Händler haben nicht immer ein warmes Herz für die armen Tiere.«

Wolf nahm einen Platz, von dem aus er in das Speisezimmer sehen konnte. Lieschen Wichers plauderte in ihrer harmlosen Weise weiter. Er hörte es kaum. Seine Blicke bohrten sich förmlich in das andere Zimmer, ob sich Ilse nicht zeigen würde. Er bemerkte dann, wie sie mit den großen grauen Augen vorsichtig herüberlugte. Sie suchte ihn nicht, sie sah Lieschen Wichers an. War dies Neugierde, oder war es mehr? Zeigte sie Eifersucht -- dann stand ja alles gut für ihn.