III.
Am nächsten Morgen hatten die Brüder eine längere Aussprache. Wolf hielt auf die Anschuldigungen Jürgens diesem sofort entgegen:
»Du zwingst mich durch dein fortgesetztes Überwachen zu törichten Ausreden, die mir selbst zuwider sind. Zieh aber keine krause Miene, wenn ich zuweilen den Tagesdienst für ein paar Stunden satt habe.«
»Wolf! Es ist doch unser Geschäft! Das deine -- wie das meine. -- Haben wir nicht die verdammte Pflicht, jeder unser Bestes dafür einzusetzen? Sollen deine Nachkommen einst sagen: ›Die Firma Plüddekamp hat früher besser dagestanden!‹ Wird der Konkurrenzkampf nicht täglich, ja sogar stündlich gewaltiger? Können doch bereits in Stunden Gewinne verloren gehen, sogar Verluste entstehen. Die Nichtbeachtung eines späten Telegramms kostet unter Umständen Tausende. Man muß daher in einem derartigen Geschäftsbetriebe fortgesetzt auf dem Posten sein! Nur durch energische Arbeit, gepaart mit scharfem kaufmännischem Verstande, ist heute noch ein Vorwärtskommen möglich -- und vorwärts wollen wir!«
Wolf hatte die Worte des Bruders ruhig über sich ergehen lassen. Seine lebhaften blauen Augen irrten ein paar Sekunden an der gegenüberliegenden Wand ziellos umher.
»Du hast mir dies schon häufiger gesagt und bist in deinem Recht, Jürgen!« erwiderte er dann, und der Ton seiner Stimme vibrierte leise. »Ich besitze aber auch das meine, und es lautet etwas anders: das Leben ist nicht nur -- Arbeit, nicht nur -- Drang nach Kapitalbesitz! Das Leben verlangt auch gebieterisch, einer inneren Stimme zu genügen. Der eine Mensch drückt seinen Wert nur in Zahlen als Guthaben auf dem Bankkonto aus, er ist nach amerikanischem Muster bei seinen Mitmenschen -- fein-fein. Den andern aber, dem nicht nach weiterem Vermögen verlangt, treibt es -- das Schöne auf der Erde zu suchen und es an sich zu reißen, wo er es auch finden mag. Er ist ein Mensch, der sich noch ein Stück Idealismus bewahrt hat und Zahlen nicht schätzt, er ist in euren Augen ein -- Abtrünniger --«
»Wolf -- kein Wort weiter!« Jürgen hatte es heftig ausgerufen. Auf seiner Stirn schwoll die Zornesader der Plüddekamp dunkelblau an. »Unser Vater hat es gewünscht, daß ich dich ins Geschäft aufnehmen sollte. Er kannte meine Abneigung, eine Ehe einzugehen! Meine Familie waret ihr, -- Herta und du! Habe ich je etwas in der Sorge für euer Wohl verabsäumt? Nun wuchern deine Vorwürfe wie schwarzes Mutterkorn in vollreifen Ähren. Das darf nicht sein, Wolf. Sonst --«
»Nun, sonst?« fragte Wolf gereizt.
Jürgen Plüddekamp richtete seine strengblickenden Augen fest auf den jungen Mann, aber sein Mund blieb geschlossen. Er sprach ein hartes Wort, das er gedacht hatte, nicht aus. Erst nach einer geraumen Weile, als die Frühpost hereingebracht wurde und Prokurist Armin die Anordnungen entgegennehmen wollte, sagte er plötzlich:
»Es ist heute ein schöner Herbsttag. Graf Thadden-Bützenbrück verlangt einige tausend Zentner bestgereinigten Roggen zur Aussaat! Willst du mit ihm verhandeln, Wolf? Er ist einer unserer guten Kunden. Bleibe nur zu Tisch dort, du erhältst sicher eine Einladung.«
Wolf schaute zur Straße hinaus. Die goldenen Sonnenstrahlen tummelten sich dort auf den Pflastersteinen umher, blitzten auch zuweilen auf den starken Stahlbändern des Lastautos auf, das soeben nach den Speichern auf der Lastadie abfahren sollte. Es zog ihn mächtig hinaus, -- nur fort aus der dumpfen, ihn bedrückenden Kontorstube! --
»Gut! Ich werde hinausreiten!« erwiderte er dann, und auf seinem Gesicht begann ein freundliches Lächeln zu entstehen. »Ich habe also Urlaub für den ganzen Tag -- sollte jedoch Graf Thadden nicht anwesend sein oder mich nicht einladen --«
»Ausgeschlossen, Wolf! Übrigens reite dann weiter zum Oberamtmann Wichers. Sage ihm einen Gruß von mir und -- horche einmal, wie hoch die Lieferung ausfallen wird. Von seinem Boden kommt immer das vollste Korn. Wichers ist einer unserer besten Landwirte. -- Wir können ihm ruhig etwas mehr zahlen. Wichers Roggen -- schüttet Gold.«
»Ja, Jürgen! Zu Wichers reite ich noch auf alle Fälle. Wenn ich auch erst in der Nacht zurückkehren kann. Die Landstraße hat einen guten Sommerweg. -- Herr Armin,« wandte er sich an den Prokuristen, »ich möchte die Proben für Graf Thadden mit der heutigen Preisnotierung haben.«
Der Prokurist verließ sofort das Privatkontor, um das Gewünschte zu holen.
»Jürgen -- du bist doch ein guter Kerl,« fuhr Wolf fort, »und meine Worte von vorhin tun mir eigentlich leid. Du hast mich mit edler Waffe geschlagen. Ich bringe heute todsicher ein gutes Geschäft zustande. Am Abend spiele ich mit Lieschen Wichers vierhändig Klavier. -- Du sagst es Herta bei Tisch, damit sie nicht mit dem Abendbrot auf mich wartet. Und dann -- laß meine Flunkerei Jochen nicht entgelten. Ich hatte ihn gestempelt, -- der brave Alte konnte nicht anders.«
Jürgen lachte aus vollem Halse.
»So will ich dich haben, mein Wölfchen! Nun gefällst du mir wieder, und ich werde von heute ab den bösen Mentor einengen, wo und wie ich es nur kann.« --
Eine halbe Stunde darauf schwang sich Wolf Plüddekamp in elegantem Reitanzug aufs Pferd. Man sah ihm dabei sofort den flotten Reiter an.
Jürgen ging zu Wolf hinaus und klopfte den schlanken Hals des prächtigen Fuchses mit seiner kräftigen Hand. Das Blutpferd wurde unruhig und trat hin und her.
»Verliere die Proben nicht, Wölfchen! Du hast sie nur lose in die Seitentasche gesteckt.« Der Fuchs wollte anspringen und kaute heftig auf dem Gebiß. -- »Warte noch einen Augenblick, -- ich knöpfe dir die Tasche zu,« und als dies geschehen, fuhr er fort: »Nun bist du sicher -- und kannst so stark traben, wie du willst! Vergiß nicht, Wichers zu grüßen.«
Der feurige Fuchs ließ sich nicht länger zurückhalten und machte einige kräftige Sprünge. Wolf saß fest im Sattel und hatte ihn sofort wieder am Zügel. Er grüßte mit der Reitpeitsche und trabte die Straße hinunter, um bald auf dem weichen Reitweg der nahen Anlagen zu verschwinden.
Jürgen schaute ihm eine Zeitlang nach.
»Allzu scharf macht schartig! Ich will ihm die Zügel etwas länger lassen. Er kommt schon allein wieder auf das Richtige zurück,« dachte er bei sich, als er in das Kontor ging, um noch einige Anordnungen zu erteilen.
* * * * *
Wolf ließ den Fuchs dahintraben. Das Gefühl von Jugend und Kraft, das ihn beseelte, brachte die glücklichste Stimmung in ihm hervor. Lieschen Wichers war ein liebes Mädchen, ein echtes zukünftiges Hausmütterchen, -- gut erzogen, ein wenig musikalisch, und hatte oft lustige, schalkhafte Einfälle. Sobald sie vierhändig Klavier spielten, schaute sie ihn neckisch an. Der Oberamtmann konnte sich natürlich keinen besseren Schwiegersohn wünschen, seine Tochter keinen hübscheren Mann. Wolf Plüddekamp entflammte die Herzen aller jungen Mädchen in der Umgegend, mit deren Vätern seine Firma geschäftliche Beziehungen pflegen mußte.
Sein Bruder sandte ihn deshalb gern zu neuen Abschlüssen. Jeder töchterreiche Vater hoffte im stillen auf Absichten dabei, und Kauf wie Verkauf wickelte sich schneller ab als sonst. Lieschen Wichers war Wolf bisher ganz sympathisch gewesen, er hatte sogar manchmal weiter gedacht und sich geprüft, ob sein Puls in ihrer Nähe schneller schlage. -- Leider geschah es nicht, trotz der frischen Farben auf ihren Wangen. Wie dies nur zuging? Es fehlte etwas, das er sofort in den Augen auf Ilse Hergenbachs Bild erkannte. Ein unbewußt Anziehendes -- ein tolles Aufjauchzen vor Lust, und doch dabei ein tiefes Insichgekehrtsein und Zurückbeben -- miteinander streitende Gefühle, die jede Fiber des Körpers erregten. Wie kam dies alles nur in die Augen hinein? Es mußte sich ihm bald zeigen. Er wollte es ergründen, es kennen lernen. Würden Körper und Seele bei ihr schon soweit entwickelt sein, um alle Fragen beantworten zu können? -- Er erwartete den Tag der Ankunft Ilse Hergenbachs mit größter Spannung -- alles andere war ihm gleichgültig geworden. Klavierspiel, -- wie alltäglich! Jetzt kam etwas Aufrüttelndes, er sehnte die Stunde herbei, in der er endlich anfangen würde, es zu erleben. -- --
Jürgen und Herta saßen noch bei einer Partie Schach, als er spät in der Nacht heimkehrte.
»Tee und Sandwiches stehen für dich bereit, Wölfchen,« sagte Herta freundlich. »Du wirst sicher noch einen verborgenen Hunger haben, trotz der kräftigen Hausmannskost bei Oberamtmann Wichers. Hat nicht Fräulein Lieschen ihre Gänsesülze besonders gelobt?«
»Erraten, Herta! Aufs Tüpfelchen erraten! -- Spielt nur eure Partie zu Ende, -- ich stärke mich einstweilen. Nach dem zweistundenlangen Trabe revoltiert der Magen wirklich noch einmal!«
»Nun -- Wölfchen?« schaute Jürgen ihn fragend an, »Gutes erreicht?«
»Du wirst mit mir zufrieden sein, Jürgen. Ich bin genau deinem Rate gefolgt. Graf Thadden hat Sorte B gekauft, -- längeres Ziel als sonst. Hm, darüber müssen wir noch reden. Sein Sohn hat etwas zu kräftig verbraucht. Komtesse Marie verriet es mir.«
Jürgen lächelte.
»Ein längeres Ziel macht nichts aus. Bützenbrück hat vortrefflichen Boden, der eine Scharte rasch wieder auswetzt. Der junge Graf schlägt über die Stränge. In Berlin verpulvert sich ein brauner Schein sehr schnell, wenn man Graf ist und den alten Namen glänzend vorstellen will.
Manchmal reicht kein Vermögen hin. Der alte Graf legte als vorsichtiger Mann die Mitgift für Komtesse Marie auf der Reichsbank fest; -- der junge Graf sorgte dafür, daß sie wieder abgehoben wurde.«
»Bei Wichers war es gemütlich wie immer,« erzählte Wolf mit Unterbrechung, indem er einige Sandwiches verzehrte. »Er kann zehntausend Zentner mehr liefern, als er gedacht hat. Die Proben habe ich mit. Als die Preisfrage besprochen wurde, kam Lieschen Wichers dreimal ins Zimmer hinein, und dabei gelang es mir richtig, einige Prozent Skonto abzuhandeln. Es ist über tausend Mark, und der Oberamtmann zog ein Gesicht, als wir die Abschlußnotizen in unseren Büchern vornahmen. -- -- ›Sie sind schlimmer als Ihr Bruder,‹ meinte er. Beim Abendessen fuhr er aber ein paar alte Flaschen Rheinwein auf und lud mich ein, bald wieder herauszukommen.«
»Wirst du es tun, Wölfchen?« fragte Herta, vom Spiel aufsehend. Sie hatte soeben einen Springer günstig aufgestellt und hoffte Jürgen mit ein paar weiteren Zügen matt zu setzen.
»Vielleicht!« antwortete Wolf gleichgültig. »Wie's Wetter wird. Es ist immer ein starker Ritt für den Fuchs nach Wershagen. Der Gaul spürt es ein paar Tage in den Knochen.« -- Der junge Mann ließ sich den Nachtimbiß weiter munden.
Herta und Jürgen vertieften sich in ihre Partie, die anscheinend dem Ende zuging. Der Sieg schien sich, auf Hertas Seite zu neigen.
»Wölfchen -- komm her! Jetzt kann Jürgens König nicht mehr entweichen -- seit langer Zeit gewinne ich einmal --«
»Noch -- nicht,« warf Jürgen gedehnt ein.
Er sann einige Minuten nach. Man sah förmlich, wie die Pläne in seinem Kopfe entstanden, so ausdrucksvoll gestalteten sich seine Züge. Dann ging das Spiel fort. Herta wurde in kurzem vollständig matt gesetzt.
»Bravo Jürgen! Es waren Meisterzüge! Der blinde Neid muß dir dies lassen!« rief Wolf ihm zu.
»Gräm dich nicht darum, liebe Herta,« lächelte Jürgen freundlich. »Wir sind nun einmal das stärkere Geschlecht.« --